Christian Dolezal im Gespräch

Oktober 30, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Wählt von mir aus FPÖ, aber helft den Flüchtlingen“

Christian Dolezal Bild; Céline Nieszawer

Christian Dolezal
Bild: Céline Nieszawer

Am 30. Oktober spielt er im Rabenhof Theater die Wiederaufnahme von „Das bin doch ich“. Die Figur „Thomas Glavinic“ aus dem autobiographisch inspirierten Erfolgsroman von Thomas Glavinic muss sich mit allerhand Neurosen und Alltagssorgen herumschlagen und versucht dabei alle großen und kleinen Probleme des Lebens so gut es geht zu meistern. Ein Dasein zwischen Paranoia, Hypochondrie und lähmenden Gesprächen, das Christian Dolezal im Alleingang als Tour de Force performt (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=7539). Es gibt noch Karten für diese sehenswerte Produktion! Der Schauspieler steht diesen Herbst außerdem im Volkstheater in „Fasching“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=14584) und an der Volksoper in „Der Mann von La Mancha“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=15433) auf der Bühne. Christian Dolezal im Gespräch über die flauschige Seele der Adele Neuhauser, die Anbetung der Smashing Pumpkins und das Leisten von Erster Hilfe auf dem Westbahnhof:

MM: Man hat das Gefühl, egal in welches Wiener Theater man derzeit geht, man stolpert über Sie. Sie sind ein großer Ensemblespieler, aber offenbar kein Ensembletier.

Christian Dolezal: Na, hoffentlich ist der Sturz nicht schmerzhaft, wenn man über mich stolpert. Ich war in einem Ensemble mit Ende 20, Anfang 30, in Innsbruck. Das möchte ich jetzt nicht mehr machen, weil ich Verschiedenes ausprobieren will, mitunter auch Dinge, die ich mir selbst überlege, so wie ich es in den vergangenen Jahren am Rabenhof durfte. Immer nur an einem Theater sein, ist bei weitem nicht so reizvoll als wenn man frei ist. Da kann man auch wählen, das gefällt mir schon besser. Ich kenne außerdem viele Leute, die viele Jahre in einem Ensemble waren – und mit Intendantenwechsel war dann Ende der Fahnenstange, dem beuge ich vor.

MM: Wenn man aber so von Haus zu Haus tingelt, falls ich das so sagen darf, …

Dolezal: Das ist ein treffendes Wort, tingeln …

MM: … wie ist es dann mit dem Aufsteigen zum Publikumsliebling? Bleibt man so nicht der ewige Geheimtipp?

Dolezal: Es fühlt sich ein bisschen so an, ja. Aber, wenn man es aufwiegt … es ist ja nicht mein innigstes Ziel Publikumsliebling zu werden, sondern Projekte zu machen, die mich interessieren. Das ist das Allerwichtigste. Ja, da ist was wahres dran, „der ewige Geheimtipp“, vielleicht bin ich das. Es ist eine ein bissel schlechte Position, man muss sich abrackern, man rackert sich ab. Ich komme mir vor, wie ein Schauspielarbeiter. Ich plane gerade ein Projekt für den Rabenhof für nächstes Jahr, das ist anstrengende Arbeit, selber was auf die Beine zu stellen, die anderen von der Idee zu überzeugen, die Leute an einen Tisch zu bekommen. Fix in einem Ensemble werden einem die Rollen angedient, das ist schon einfacher, aber es ist halt so, dass mich das Einfache nicht interessiert. Wenn ich es mir recht überlege, ich kann mich auch nicht erinnern, wann mir das letzte Mal jemand angeboten hat, fest in ein Ensemble zu kommen, andererseits habe ich auch immer gehofft, dass mich nie wer fragt. Ich will ja niemanden durch eine Absage beleidigen.

MM: Sind Sie prinzipiell unbequem, so dass Theaterdirektoren sagen: Den hol‘ ich mir, dann ist er in einem Jahr Ensemblesprecher, dann geht er mir nur noch auf den Sack. Oder …

Dolezal (er lacht): Also erstens würde ich nie Ensemblesprecher, zweitens müssen Sie das die Intendanten fragen. Ich finde, ich bin ein ganz Lieber. Sehr verträglich. Ich habe den Verdacht, dass ich ein guter Mensch bin. Ich agiere sehr oft nicht zu meinen Gunsten und gegen meinen Vorteil. Es kommen auch selten Kollegen zu mir, um sich unangenehm über andere auszulassen. Vielleicht spricht das für mich: Wenn’s irgendwelche Querelen oder Intrigen gibt, bin ich der letzte, der das mitkriegt. Eigentlich müsste ich sehr beliebt sein, denn ich habe über mich noch nie etwas Schlechtes gehört. Aber das kann wohl nicht stimmen, also überreiß‘ ich es vermutlich nicht.

MM: Reden wir über die Rollen, in denen man Sie zurzeit sehen kann. Vom „Thomas Glavinic“ in „Das bin doch ich“ bis zum  Lujo Warhejtl in „Fasching“, vom Staatsanwalt Hofmeister in den ORF-„CopStories“ bis zum Dr. Carrasco in „Der Mann von La Mancha“, Sie spielen in der Regel die kontroversiellen Charaktere, also: die Ungustln. Lieber ein guter Böser als ein schlechter Guter?

Dolezal: Welche gute Figur in der Weltliteratur ist schon interessant? Da müsst‘ ich lange nachdenken. Ist der Hamlet eine symphatische Figur? Dieser unentschlossene Zauderer, der so grob mit der Ophelia umgeht? Würde ich nicht sagen. Oder eine meiner Traumrollen, die ich bisher noch nicht spielen durfte, der Anatol von Schnitzler: Den hat zwar irgendwie jeder gern, er ist auch sehr unterhaltsam, aber wenn ich den Anatol spielen würde, würde ich zeigen, dass das ein einsamer, verzweifelter Sehnsüchtler ist, der sehr auf sich zurückgeworfen nicht viel mit sich anfangen kann. Eine tragische Figur. Aber Sie haben von Ungustln gesprochen, das ist der Anatol sicher nicht. Und auch nicht die Figur Glavinic. Ich kann den nachvollziehen. Er berührt mich auch. Und er ist sehr lustig. Er nimmt Situationen, in denen wir alle genervt reagieren würden, halt intensiver wahr als ein Durchschnittsmensch, und reagiert daher heftiger. Er ist nicht unsympathisch, sondern hyperneurotisch. Naja. Warum spiele ich so viele Ungustln? Vielleicht schaue ich so aus? Ich kann mich erinnern, mit Mitte 20 war ich ein wirklich fescher, sympathischer Kerl. Mein engster Freund sagt, er glaubt, ich spiele im Fernsehen nicht die sympathischen Leute, weil ich eine zu große Nase habe.

MM: Wenn Sie nicht wegen der Nase besetzt werden, nach welchen Kriterien suchen Sie Projekte und Rollen aus?

Dolezal: Das hat sich geändert. Früher waren die Kriterien „was und wo“, jetzt ist das Kriterium „mit wem“. Wer sind die Menschen, mit denen ich arbeiten werde, interessieren mich diese Menschen, möchte ich mit ihnen Lebenszeit verbringen? Es gibt ein paar, da weiß ich, dass ich mit ihnen nicht mehr arbeite, weil es nicht freudvoll war. Aber es gibt sehr viele sehr beglückende Begegnungen. Im Volkstheater, bei „Fasching“, war das Aufregende einmal etwas mit Adele Neuhauser zu machen, weil mich diese flauschige Seele berührt. Ich kannte sie vorher nicht, und mich hat interessiert, wie sie auf mich und ich auf sie reagiere. Es wurde genau so, wie ich es erwartet habe: Sie rührt mich auf der Bühne und sie rührt mich privat. Ein ganz hinreißender Mensch. Die Volksoper ist für mich alle paar Jahre wieder einmal ein Glücksbringer. Ich habe dort schon „Anatevka“ gemacht, jetzt den „Mann von La Mancha“, das sind zauberhafte Aufführungen. Ich schaue dem Robert Meyer zu und freue mich jedesmal. Er ist ein Könner alter Schule, er hat so einen Old-School-Stil beim Spielen, und das auf höchstem Niveau. Ich schaue ihm einfach gerne zu.

MM: Das Rabenhof Theater nimmt „Das bin doch ich“ nach längerer Pause wieder auf, da hat sich zwischenzeitlich mit Ihnen doch auch etwas getan, werden Sie die Rolle anders spielen, als man es schon gesehen hat?

Dolezal: Ich will vorgefertigte Betonungen, das „Eingeübte“, nicht wieder so machen, wie ich es schon gemacht habe. Ich will diese Sätze und Gedanken neu denken und neu begreifen, und tatsächlich fällt mir auf, dass ich, je älter ich werde, vieles beiläufiger sage und weniger betont spreche. Was für mich ein Zeichen ist, dass ich die Sätze jetzt in Wirklichkeit noch besser begreife. Je mehr man etwas begreift, desto weniger betont man es. Je mehr man etwas tatsächlich empfindet, umso weniger betont man es. Ich zumindest …

MM: Man weiß einiges über den Gitarristen Dolezal und die Rolling-Stones-Kassette vom Vater und die Gründung der Sofa Surfers, was ist mit dem Schauspieler sein? Sie haben an der Schauspielschule des Volkstheaters, als das Haus noch eine hatte, gelernt, was war Ihre Initialzündung für diesen Beruf?

Dolezal: Am Anfang wird man Schauspieler aus einer narzisstischen Störung heraus und, weil man attraktiv für Frauen sein will. Ich kann jemanden, der sagt, er will Schauspieler sein, weil er Schiller und Kleist liebt, gar nicht ernst nehmen. Man hat eine narzisstische Störung!

MM: Die haben Gitarristen aber auch.

Dolezal: Nein. Eitelkeit, ja. Eitelkeit ist ein künstlerischer Ausdruck. Aber, wenn man als Sechsjähriger zum ersten Mal die Rolling Stones hört, so eine Greatest-Hits-Raubkopie von einem Standl in San Marino, und einen das in der Sekunde komplett verändert und man weiß, man muss etwas machen mit dem, was man nicht erklären kann, weil es so geil ist, dann ist das Liebe fürs Leben. Ich habe als Sechsjähriger gesagt, ich werde einmal ein Mick Jagger und wurde eine Bonsai-Ausführung davon.

MM: Und was wollten Sie als Schauspieler werden? Oskar Werner?

Dolezal: Meine Vorbilder waren Louis de Funès, Adriano Celentano, weil ich mir gedacht habe, so eine elegante Machosau muss ich sein, Romy Schneider und Marlon Brando. Ich hatte bis zu dem Zeitpunkt, da ich beschloss Schauspieler zu werden, so viele Jahre mit Bands in Proberäumen verbracht, dass ich ohne umgehängte Gitarre, nur mit meinen Gliedmaßen in einem leeren Raum stehen wollte. Deshalb gefallen mir auch diese Monologe, wie „Spiel im Morgengrauen“ oder „Das bin doch ich“, deshalb achte ich auch darauf, möglichst keine Requisiten zu haben: nur der Schauspieler und das Publikum – diese Situation gefällt mir am allerbesten.

MM: Eine Eigendefinition?

Dolezal: Keine Ahnung. Je älter ich werde, umso weniger weiß ich, wer ich bin. Ich bin alles. So wie jeder Mensch alles ist, außer die dummen. Lustig und traurig und manchmal kompliziert und, wie meine Freunde sagen, der mit dem guten Schmäh.

MM: Und gesellschaftspolitisch engagiert. Sie haben für die Flüchtlinge in der Votivkirche ein Benefizkonzert gegeben, man trifft Sie regelmäßig auf dem Westbahnhof …

Dolezal: Das Konzert war super. Ich habe mit dem Schlagzeuger der Sofa Surfers, Michael Holzgruber, und einem Bassisten The Smashing Pumpkins gecovert. The Smashing Pumpkins sind eine Band, die ich anbete. Ich bin kein Fan, ich bete sie an, diese Worte sind bewusst gewählt. Und da einmal auf einer Bühne zu stehen und deren Songs zu spielen, das war eine große Sache. Da waren 20-, 25-Jährige drinnen, die The Smashing Pumpkins gar nicht mehr kennen. Die sagten zu mir: Woh, du kannst super Songs schreiben. Und ich dachte: Leider nicht, sonst würde ich nicht im Volkstheater und im Rabenhof spielen. Ich schreibe schon, aber ohne echtes Genie, also keine „einfachen“ Riffs, wie die Stones, sondern verzichtbare … Was den Westbahnhof betrifft: Da leiste ich Erste Hilfe. Wenn jemand neben mir im Wasser ersäuft, rette ich ihn auch und diskutiere nicht herum über Religion oder Politik. Es kann jeder, wenn er glaubt, dass das gescheit ist, die FPÖ wählen, aber auf seinem fetten Arsch zu Hause sitzen und nicht zu helfen, das ist obszön. Wählt von mir aus FPÖ, aber helft den Flüchtlingen.

MM: Ist das Ihre politische Botschaft?

Dolezal: Über Politik diskutiere ich nicht, darüber mache ich mir alleine Gedanken. Aber das Jahr 2015 wird uns lange in Erinnerung bleiben, und ich möchte mich einmal, wenn ich älter bin, nicht genieren für dieses Jahr. Jetzt wird’s prekär, jetzt kommt der Winter. Den Menschen ist saukalt und sie sind erschöpft. Die haben gesehen, solche habe ich selber kennen gelernt, wie ihren kleinen Kindern ins Gesicht geschossen wurde, wie eine Bombe ihren Kindern die Beine weggerissen hat, da gibt es diese Diskussionssituation mehr, diese Menschen rennen um ihre Existenz. Dass die EU derart keine Lösungen findet, ist blamabel.

MM: Hätten Sie eine Lösung oder zumindest einen Plan?

Dolezal: Ich bin kein Politiker, ich habe keinen Plan. Die Politiker, die viel Geld verdienen, haben sich Pläne zu überlegen und diese sofort umzusetzen. Ich leiste Erste Hilfe, das ist meine Pflicht als Mensch und Staatsbürger. Ich bin am Westbahnhof und reiche den Flüchtlingen etwas Warmes zum Essen und warme Kleidung, damit sie nicht sterben vor meinen Augen. Ich habe auch gespendet, ich verdiene nicht so viel, und das Geld, das ich dafür hergebe, spür‘ ich schon. Die Staaten sollten auch endlich ihrer Pflicht nachkommen und die Menschen aufnehmen. Mir würde das gefallen, wenn mehr Syrer in Österreich blieben, das wäre eine unbedingt nötige Auffrischung unserer Kultur. Ob diese vielen, neuen Menschen, die in unsere Länder strömen Fluch oder Segen sind, das hängt nur von uns ab, wie wir mit der Situation umgehen. In den letzten Jahren ist mit dem Thema Integration nicht besonders gut umgegangen worden, denn es gibt Parallelgesellschaften, es gibt Leute, die schon seit Jahrzehnten hier wohnen und keinen deutschsprachigen Satz herausbringen, da müsste die Politik schon ein bisschen fixer werden.

MM: Eine abschließende Frage über: Zukunftsaussichten?

Dolezal: Jetzt einmal abends spielen und die Tage im Museum verbringen. Ich schaue mir gern Bilder an. Ich bin so froh, gerade einmal nichts anderes machen zu müssen. Ich gehe in die Albertina, ich habe eine Jahreskarte, da könnte ich die ganze Woche drin verbringen. Also, wer herausfinden möchte, wie ich bin, weil Sie vorher gefragt haben, wie ich bin, dem kann ich zumindest sagen, wo ich bin: vorm „Schrei“ von Munch. Dort kann man mich gerne treffen und ansprechen.

MM (lacht).

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Wien, 30. 10. 2015

Rabenhof: Das bin doch ich

März 13, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Christian Dolezal parforcejagt

Thomas Glavinic durch sein eigenes Leben

Bild: Rabenhof

Bild: Rabenhof

Jetzt ist „Das bin doch ich“ endlich dort angekommen, wo es hingehört. Im Rabenhof. Wo das Publikum die entzückenden Eigenarten von Hausherr Thomas Gratzer, dieses wichtigsten Theatermachers der Welt, kennt, oder die jovial-liebevollen Umschlingungen seines Chefdramaturgen und Regisseurs Roman Freigaßner. Wo man weiß, dass ein Literatursalon naturgemäß im Neu Wien in G’spritzten ertrinkt. Zu denen der große Kasuar Gulasch bestellt, weil man will ja den ausländischen Gästen außer Fiaker noch was Wienerisches bieten. Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny saß im Publikum und amüsierte sich prächtig über seine Parodie. Wo man weiß, dass Klaus Nüchterns unvergleichliche Kulturbeiträge Woche für Woche ins Haus faltern. Und warum man nur beim Inder am Naschmarkt essen kann. Täglich. Der Rabenhof ist quasi Heimstatt von Lokalmatador Thomas Glavinic und die Zuschauer haben sich zerkugelt. Bei der ausgezeichneten Uraufführung (Glavinic in Graz: Antiheld auf Höllenfahrt  www.mottingers-meinung.at/?s=glavinic) wurde manches Wienerische nicht verstanden. Ergo weggelassen.

Christian Dolezal, der den Text mit Fabian Pfleger für die Bühne eingerichtet hat, Regie führte Thomas Gratzer, gestaltet eine Soloperformance für zwei. Sich und den Autor. Er parforcejagt Glavinic durch die Satire seines eigenen Lebens. Lapidar, lakonisch, dann wieder unleidlich legt er ein postalkoholisches Armageddon hin, hält Gericht über seine Agentin, die Verlagsfreunderlwirtschaft, Hanser nimmt ihn dann zum Glück, die Ignoranz steirischer Landeskulturreferentinnen – und Daniel Kehlmann. Ja, da liegen Freund und Neid nah beieinander. Schon wieder so ein verfluchtes SMS: eine Million verkaufte Bücher, Übersetzungen in zwanzig Sprachen, der hoffnungsvollste junge deutschsprachige … Das bin doch ich! Sagt sich Dolezal/Glavinic. Und die Mutter nörgelt am Telefon: Warum schreibst du so was nicht? Ang’soffen ein Mail an Literaturkritiker Denis Scheck zu schicken, ist da auch keine gute Idee.

Künstlerleid und Autorenelend. Wenn einem schon keine Kränze gewunden werden, dürfen doch wirklich die Neurosen in voller Blüte stehen. Dolezal fährt mit dem Auditorium Achterbahn. Von geistigen Höhenflügen geht’s tiaf owe. Dieser Protagonist ist ein Herzerl, bei dem einem nicht warm um ebenselbes wird. Ein Soziopath, der die Idiosynkrasie zum Prinzip erhoben hat. Aber dennoch von Eitelkeit umflort ist. Wer ihn und sein Werk nicht kennt, ist, also wirklich … Ein Glück für ihn, das Christian Dolezal so supersympathisch ist. Gut, er hat’s auch nicht leicht. Zu den Schwierigkeiten mit dem Literaturbetrieb kommen die mit dem Schwiegervater. Eine Episode auf einem steckengebliebenen Schilift gestaltet Dolezal zum Kabarettstück. Warum er weder Salzburger noch Bregenzer Festspiele mag? Na, weil er lieber Foyer des Arts „Kaiserschnitt“ www.youtube.com/watch?v=Y3MHGnbPwcI hört. Versteht der Schwiepa nicht. Auch beim Mittagessen im Gasthaus Wurm bekommt das Wort Familien-Bande eine neue, terroristische Bedeutung.

Wie Christian Dolezal all diese Figuren darstellt, ihnen Stimme, Körper, Seele verleiht, ist große Kunst. Dafür darf er sich am Schluß auch noch die Goggerln anschauen. Weil: Glavinic ist Hypochonder. Und der Hodenkrebs lauert ja praktisch überall.

www.rabenhoftheater.com

Trailer: www.youtube.com/watch?v=tpz_Ej4UsCQ&feature=youtu.be

Wien, 13. 3. 2014

Saison-Auftakt im Rabenhof

August 29, 2013 in Tipps

VON RUDOLF MOTTINGER

Zehn Jahre Rock’n’Roll im Gemeindebau

Bild: Kabarett Niedermair

Bild: Kabarett Niedermair

PREMIERE: Ernst Molden HAFEN WIEN (25.9.)

Geister und Gespenster, der Friedhof der Namenlosen, ein exzentrischer Totengräber und das Donauweibchen als SM-Domina sind die Ingredienzien für Ernst Moldens Horror-Singspiel aus der diffusen Halbwelt zwischen Leben und Tod.
Mit „Häuserl am Oasch“ wurden von Ernst Molden die längst totgeglaubten Genres des Wiener Singspiels und der Zauberposse erfolgreich wiederbelebt. Nun das neueste Singspiel aus der Feder des „Leonard Cohen von Wien“, als Horror-Musical aus der Wiener Vorstadt. Halloween heißt im Gemeindebautheater immer noch Allerseelen und beginnt in Erdberg bereits am 25. September.mit: Michou Friesz, Eva Maria Marold, Markus Kofler, Heribert Sasse, Gerald Votava, Ernst Molden & Band
Buch und Musik: Ernst Molden
Regie: Thomas Gratzer

PREMIERE: Andreas Vitasek SEKUNDENSCHLAF  (8.10.)

Das brandneue Programm des Topkabarettisten live und in Farbe – Wien-exklusiv am Boulevard Erdberg: Vitasek tingelt auf seiner Never Ending Tour durch die seelische Provinz, als ein Anruf die liebgewordene Routine durchbricht. Es beginnt eine Reise ins Innere, dorthin, wo es wehtut, ins Herz der Finsternis. Kalt wie Gletschereis, heiß wie ein Grillfest. Heimfahren sieht anders aus.

LITERATURSALON im GEMEINDEBAU (September/Oktober)

DAVID SCHALKO: KNOI
26. September, 20.00 Uhr

Seine TV-Serie „Braunschlag“ gehört bereits zu den Highlights österreichischer Fernsehgeschichte, im Gemeindebautheater hat er nicht nur an der Bar, sondern mit der schrägen Soap-Opera „Böheimkirchen Euphorie“ auch auf der Bühne für fulminantes Entertainment gesorgt, nun präsentiert er mit „KNOI“ bereits seinen dritten Roman am Boulevard Erdberg! 

THOMAS GLAVINIC: Das größere Wunder
3. Oktober, 20.00 Uhr

Der Erfolgsautor und Rabenhof-Afficonado hat ein großes Buch über die Liebe geschrieben und stellt seinen soeben erschienenen Roman „Das größere Wunder“ abermals im Gemeindebautheater seines Vertrauens.

DIRK STERMANN: Zweier
6. Oktober, 20.00 Uhr

Frisöre, Feinstaub, Osterhasen, Zahnärzte und Albträume… Das neueste Buch unseres Lieblings-„Piefkes“! „Zweier“ ist nach „Eier“ und vor „Dreier“ der Mittelteil einer Trilogie, die sich das Ziel gesteckt hat, alle relevanten Themen unserer Zeit abzudecken. Sodass man als Leser wird sagen können: Kenn ich, kann ich, hab ich alles schon gelesen.

WIGALD BONING: Butter, Brot und Läusespray. Was Einkaufszettel über uns verraten
11. Oktober, 20.00 Uhr

Der Grimme-Preisträger, Moderator und Entertainer ist erstmals zu Gast im Rabenhof mit einem Diavortrag zu seinem Erfolgsbuch über die geheimen Botschaften auf Einkaufszettel.

AUSTROFRED: Hard On!
18. Oktober und 12. November, 20.00 Uhr

Österreichs Spitzen-Entertainer, der Freddie-Mercury-Impersonator Austrofred, der trotz Weltkarriere immer wieder Zwischenstopps im „First Vienna Prolo-Theater“, wie er das Rabenhof Theater liebevoll nennt, einlegt, hat es geschafft: Er fungiert als Hauptfigur in einem hochdynamischen Abenteuerroman.

FRANK SPILKER:
Das interessiert mich nicht, aber das kann ich nicht beweisen

27. Oktober, 20.00 Uhr
Frank Spilker, Kopf der legendären Hamburger Band Die Sterne erzählt eine Geschichte vom Niedergang, und das so lässig und lakonisch, dass man seinem Helden liebend gern folgt.

www.rabenhof.at

Wien, 29. 8. 2013

Wiener Festwochen: Programmvorschau

April 25, 2013 in Bühne

Martin Kusej, Bruno Ganz, Edith Clever, Johan Simons

Nicolas Stemann und Robert Lepage sind zu Gast

Ein Tränlein hatte er schon im Blick, als Wiener-Festwochen-Intendant Luc Bondy am 25. April im MuseumsQuartier das letzte von ihm verantwortete Festival (10. Mai bis 16. Juni) in Österreichs Hauptstadt ansagte. „Ich bin kein wehmütiger Mensch, vor allem keiner, der das Geschehen in seiner Vergangenheit preist“, so Bondy, der seiner Mitstreiter Klaus Michael Grüber, Peter Zadek, Frank Castorf, Christoph Marthaler, Patrice Chéreau, Luca Ronconi, Alvis Hermanis, Johan Simons, Peter Stein, Peter Sellars, Simon McBurney, Krystian Lupa, Deborah Warner, William Kentridge …. gedachte. Und Marie Zimmermann als Schauspielchefin. „Wir vermissen sie. Es war mitten in der Festwochen-Zeit, als ich Lear an der Burg probte, als sie sich das Leben nahm. Es war ein riesiger Schock.“

Le Retour / Die Heimkehr Bruno Ganz Bild: Ruth Walz

Le Retour / Die Heimkehr
Bruno Ganz
Bild: Ruth Walz

Mehr oder weniger Tränlein wischten sich auf dem Podium des Achitekturzentrums auch ihre Nachfolgerin als Schauspieldirektorin, Stefanie Carp, aus den Augenwinkeln. Welch ein Verlust für Wien! Eine Garantin für „Aufwind“ und Innovationswillen, die Überschreitung von Grenzen zwischen Genres und in viele weitere Länder und Kontinente, hin zu neuen Formaten und Ästhetiken. Und der (meist durch Abwesenheit) glänzende Musikdirektor Stephane Lissner. Die Wiener Festwochen 2013 bieten 41 Produktionen – darunter zehn Uraufführungen und vier Neuinszenierungen aus 36 Ländern.

Die Eröffnung findet am 10. Mai auf dem Wiener Rathausplatz unter dem Motto „Wien, Wien, nur du allein?“ statt  und ist -no na – dem Wienerlied gewidmet. Als Moderator wird Nicholas Ofczarek durch die Nacht führen. Mitwirkende: Die Strottern, Angelika Kirchschlager, Ernst Molden, Philharmonia Schrammeln Wien, Willi Resetarits & Stubnblues, Michael Schade, Walther Soyka, Fatima Spar und Ursula Strauss.

Das Musikprogramm dominiert der 200. Geburtstag von Wagner und Verdi. So wird die Verdi-Trilogie der Festwochen mit einer Neuinszenierung von „Il Trovatore“ abgeschlossen. Film- und Opernregisseur Philipp Stölzl wird zum ersten Mal in Wien inszenieren; es dirigierit der Israeli Omer Meir Wellber. Mit der Sensation der diesjährigen Opernsaison, dem im Sommer beim Festival d’Aix-en-Provence uraufgeführten „Written on Skin“ von George Benjamin mit einem Text von Martin Crimp, kommt eine Oper nach Wien, der das schier Unmögliche gelungen ist, die Erwartungen der unterschiedlichsten Publikumskreise zu erfüllen – von den vom hohen Können des Komponisten begeisterten Liebhabern der klassisch-romantischen Oper bis zu den Fans des zeitgenössischen Theaters, die der „poetische Realismus“ des Librettos und seine eindrucksvolle dramatische Umsetzung in der Inszenierung von Katie Mitchell faszinierten. Die Uraufführungen der Musiktheaterprojekte JOIN! (Oper von Franz Koglmann nach einem Libretto von Alfred Zellinger) und „Die Ballade von El Muerto“ (Musiktheater von Diego Collatti mit einem Text von Juan Tafur im Rahmen der Programmschiene Into the City), koproduziert mit den Ensembles netzzeit und progetto semiserio, demonstrieren den Willen der Wiener Festwochen, der innovativen zeitgenössischen Wiener Szene jene Bühne zu bieten, auf der diese im Blickfeld der Welt den Blick auf die Welt richten kann.
Die Reihe Into the City widmet sich dem Thema music and politics und stellt in unterschiedlichen Formaten und Zusammenhängen die gesellschaftliche Bedeutung von Musik in unserer Zeit heraus. Workshops und Konzerte in verschiedenen Einrichtungen und Örtlichkeiten verbinden das diesjährige Into the City Festivalzentrum im Wien Museum Karlsplatz mit der Stadt.

Im Schauspielprogramm finden acht Uraufführungen statt: „Todo el cielo sobre la tierra. El sindrome de Wendy“ von Angelica Lidell und Swamp Clup von Philippe Quesne erkunden im Grenzbereich von Performance, Tanz und Schauspiel die Beziehungen zwischen privatem Erlebtem und politschem Raum. Eine Auftragsarbeit ist Christoph Marthalers neues Projekt „Letzte Tage. Ein Vorabend“. Im Mittelpunkt der Aufführung im historischen Sitzungssaal des Parlaments stehen Kompositionen aus Wien vertriebener Komponisten und Texte, die sich mit der nationalen Aufrüstung vor dem Ersten Weltkrieg und rassistischen wie nationalsozialistischen Tendenzen in Europa auseinandersetzen. In „Kommune der Wahrheit. Wirklichkeitsmaschine“ versuchen Regisseur Nicolas Stemann und eine Gruppe von Künstlern aktuelle Geschehnisse in einen Theaterabend umzuwandeln. Jeden Abend ist so etwas Neues zu sehen.

Die Stars: Als Koproduktion mit dem Münchner Residenztheater führt der dortige Intendant Martin Kusej bei der Schauspieltrilogie „In Agonie“. Eine Neuinszenierung für Wien. Autor Miroslav Krležas beschreibt den Zerfall des Habsburgerreichs von Kroatien aus. Es spielen Manfred Zapatka, Sophie von Kessel und  Johannes Zirner. Luc Bondy selbst inszeniert Molieres „Tartuffe“ am Burgtheater mit Edith Clever, Johanna Wokalek, Joachim Meyerhoff und Gert Voss. Aus seiner neuen Wirkungsstätte in Paris, dem Odéon-Théâtre de l’Europe, bringt er seine Harold-Pinter-Arbeit „Le Retour“ (Die Heimkehr) mit Bruno Ganz und Emmanuelle Seigner mit.

Die junge brasilianische Regisseurin Christiane Jatahy erzählt in der teils theatralischen, teils filmischen Arbeit „Julia“ (nach Strindbergs „Fräulein Julie“, dass überkommene patriarchale Machtstrukturen in einer segregierten Gesellschaft stärker sind als die Gefühle. Der junge australische und gerade zu entdeckende Regisseur Simon Stone verhandelt in einer heutigen Ibsen-Wildente „The Wild Duck“ die private und soziale Krise der abstürzenden Middle Class.

Neu im Programm ist Johan Simons Regiearbeit von Lot Vekemans Stück „Gift. Eine Ehegeschichte“, die Story eines Ehepaares, das sich nach dem Tod ihres einzigen Kindes getrennt hat. Sechs Jahre nach der Scheidung treffen sie einander wieder am Grab des Kindes und sprechen über ihren Schmerz. Simons inszeniert dieses ergreifend. Mit Elsie de Brauw, Steven van Watermeulen und dem Countertenor Steve Dugardin. Robert Lepage kehrt mit seiner neuen Idee „Playing Cards 1: Spades“ ebenso zurück nach Wien wie Romeo Castelluci mit seinem berühmten „Sul concetto di volto nel Figlio di Dio / Über das Konzept des Angesichts von Gottes Sohn“, bei dem sich ein Mann um seinen greisen Vater kümmert.

Neuentdeckung: Die Wiener Regisseurin, Salon-5-Prinzipalin und Reinhardt-Seminar-Professorin wird Robert Neumanns Roman „Die Kinder von Wien oder oder HOWEVERSTILLALIVE“ für die Bühne adaptieren. In seinem satirischen Roman führt uns Neumann, nach London emigrierter jüdischer Romancier aus Wien, in einen Keller im Nachkriegsjahr 1946. Fünf Kinder hausen hier in einer Wohngemeinschaft des Schreckens, aber auch der anarchischen Freiheit. Eine Geschichte über die „Trotzdemimmernochlebendigen“, die den Krieg, jeden Krieg überstehen …

Gesamtprogramm und Termine: www.festwochen.at

Interviews zu den wichtigsten Produktionen und Rezensionen: www.mottingers-meinung.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 25. 4. 2013

Thomas Glavinic und Daniel Kehlmann

Februar 9, 2013 in Bühne

05.12.2011, von Michaela Mottinger, http://kurier.at/autor/mag-michaela-mottinger/8.527/11

Glavinic‘ „Das bin doch ich“ am Theater

Vor dem Glavinic-Kinofilm kommt die Glavinic-Theaterpremiere: Am 2. Oktober ist Uraufführung von „Das bin doch ich“ am Schauspielhaus Graz.

Die besten Anekdoten nötigt einem das Leben auf. Weiß der steirische Autor nicht erst, seit 2007 das Buch „Das bin doch ich“ zum Bestseller und dann für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde.

Zuletzt etwa war er unterwegs im fast 400.000 Euro teuren Lamborghini. Im Namen der Zeitschrift Autorevue . Den parkte Thomas Glavinic an einem Telefonmast. Der Testwagen mit 700 PS: ein Totalschaden …

Die Sammlung früherer Anekdoten, „Das bin doch ich“, wurde nun zum Stück. Geschickt angesetzt von Intendantin Anna Badora: Als dramatischer Kontrapunkt zur Kehlmann-Uraufführung „Geister in Princeton“ vergangenen Samstag.
Glavinic erschuf für seinen Roman ein Buch-Ich, das sich am erfolgreichen Freund Daniel reibt. Der via SMS die explodierenden Verkaufszahlen der „Vermessung der Welt“ kolportiert, während man selbst auf das Interesse eines Verlags wartet.
Ein Held auf Höllenfahrt durch den Literaturbetrieb. Eine Nabelschau unter Kopfschmerzen.

Mit voyeuristischem Vergnügen führt Glavinic selbstverliebte Kunstgurus, omnipräsente Kulturpolitiker und „den wichtigsten Autor der westlichen Welt“ vor. Das alles ironisch, schlitzohrig, mit Augenzwinkern. Der Versuch, „Das bin doch ich“ auf die Bühne zu heben, ist waghalsig. Regisseurin Christine Eder wagt ihn. Thomas Frank gibt den Glavinic. Mit Haaren.

05.12.2011, von Michaela Mottinger, http://kurier.at/autor/mag-michaela-mottinger/8.527/11

Glavinic in Graz: Antiheld auf Höllenfahrt

Das Schauspielhaus Graz hob Thomas Glavinic‘ Roman „Das bin doch ich“ auf die Bühne. Als temporeiche Trashrevue.

Natürlich werden auf der Bühne Spaghetti gegessen. Da hat sich Daniel Kehlmann mit seiner Salzburger Festspielrede vor zwei Jahren, in der er dem Regietheater eine Obsession für Hartweizennudeln unterstellte, einen Running Gag geschaffen, der ihm noch lang nachlaufen wird.
Natürlich kommt die Rede auf den 400.000 Euro teuren Lamborghini, den Thomas Glavinic kürzlich in einem italienischen Telefonmast parkte. Bei einer Testfahrt für die Zeitschrift Autorevue.
Berühmt sein ist ein Hund.
Da wächst sich jedes Ungeschick zur Anekdote aus.

Das Schauspielhaus Graz brachte eine dramatisierte Fassung von Thomas Glavinic‘ Roman „Das bin doch ich“ zur Uraufführung. 2007 erschien das Buch. Eine Replik auf den Erfolg, den Glavinic-Freund Kehlmann mit „Die Vermessung der Welt“ hatte. Intendantin Anna Badora will die Glavinic-Premiere nun als Kontrapunkt zu Kehlmanns Theater-Sieg „Geister in Princeton“ aus der Vorwoche verstanden wissen.

Remis

Das Leben ist ein Wettstreit. Doch das Ergebnis kann als Remis gewertet werden. Regisseurin Christine Eder inszeniert die von ihr erstellte Textfassung als temporeiche, kabaretthafte Trashrevue. So schlitzohrig und (selbst-)ironisch, so politisch unkorrekt und augenzwinkernd wie’s die Vorlage hergibt, hangelt sie sich von Episode zu Episode.
Von Vargas Llosa bis Viennale. Vom Am-Sessellift-Hängen mit dem Schwiegervater bis zum Finger-Kapperl-Abrasieren mit dem neuen Küchengerät. Kenner des Buches werden über vieles wieder lachen, vieles vermissen. Glavinic-Anfängern kann der Abend immerhin als Einstiegsdroge dienen.
Wie Glavinic‘ Roman-Ich ist Thomas Frank als dessen Bühnen-Ich ein Antiheld auf Höllenfahrt durch den Literaturbetrieb. Sein Antrieb: Über den „besten Autor seiner
Generation“ sagen zu können: Das bin doch ich!
Mit Mutterwitz schlägt er sich durch den Aberwitz seiner Existenz. Und muss sich im Gegensatz zum zweidimensionalen Alter Ego auch noch mit halsbrecherischen Requisiten herumschlagen.
Schön auch, wie er „Hanser“ – er hofft auf einen Vertrag mit dem Verlag – auf AC/DCs „Thunderstruck“ singt. Bei seiner Nabelschau unter Kopfschmerzen (diese vom Kampftrinken) begleitet ihn Christoph Rothenbuchner als allzeit properer, kontrollierter Kehlmann, der mit mild-überheblichem Buddhismus so nervt wie mit steigenden Verkaufszahlen.

Sau

Dass Wien, wo die Handlung großteils stattfindet, ein Dorf ist, man in Graz aber nicht jede Sau kennt, die man durchs Dorf treibt, lässt Gags über „Starjournalisten“, brachial-joviale Theatermänner und die üblichen Fotofinish-Sieger an Buffetts verpuffen. Das Publikum applaudierte dennoch höflich.
Lieber Thomas Gratzer, lad‘ die Grazer doch zum Gastspiel ein. Im Rabenhof hauen sich die Leute garantiert vor Freude um die Erd‘.

Fazit: Ein Vergnügen für den Kulturvoyeur

Das Buch
Zerlegt mit voyeuristischem Vergnügen die heimischen Kulturbetreiber. Schaffte es auf die Shortliste des Deutschen Buchpreises.

Inszenierung
Entsprechend der Vorlage ein surreal-sarkastisches Täuschungsmanöver. Die Grenzen zwischen unwirklich und unwahr sind fließend.

Darsteller
Ausgezeichnet. Allen voran Thomas Frank, der schwarzes Schaf und Sündenbock in einem gibt. Birgit Stöger und Sebastian Reiß überzeugen in mehreren Rollen.

05.12.2011, von Michaela Mottinger, http://kurier.at/autor/mag-michaela-mottinger/8.527/11

Premiere des ersten Kehlmann-Stücks

Daniel Kehlmanns erstes Stück „Geister in Princeton“ hat am 24. 9. in Graz Premiere. Hauptfigur ist der Mathematiker Gödel.

Es begann vor zwei Jahren. Mit harscher Kritik am Spaghettiessen auf deutschsprachigen Bühnen, heißt: einer Ab-Rede ans Regietheater, mit der Daniel Kehlmann die Salzburger Festspiele eröffnete. Die nahmen die Schelte zum Anlass, beim Erfolgsautor ein Stück in Auftrag zu geben. Sein erstes. Heuer, weil nicht rechtzeitig fertig, in Salzburg zwar nicht uraufgeführt, aber in einer fulminanten szenischen Lesung dargeboten.

Der Zuschlag fürs Inszenieren von „Geister in Priceton“ ging ans Schauspielhaus Graz. Intendantin Anna Badora wird damit in eigener Regie ihre sechste Spielzeit am Haus eröffnen. Sie traf Kehlmann, er traf ihre Leidenschaft für Naturwissenschaften. In den Ferien gab’s von Badoras Mann, einem Biophysiker, einen Crashkurs. Samt Lektüre. „Stephen Hawkings ,Die kürzeste Geschichte der Zeit‘ sozusagen als ,Hausaufgabe'“, lacht sie.
Kehlmann, der für seinen Bestseller „Die Vermessung der Welt“ Gauß und Humboldt als Protagonisten wählte, macht den großen österreichischen Wissenschaftler Kurt Gödel zum Mittelpunkt seines Stücks. Mehr noch: Er hat es nach dessen mathematischen Thesen gebaut.

Reisen durch die Zeit

Schauspielhaus Graz: Gödel (Johannes Silberschneider), der verstorbene Gödel (Rudi Widerhofer, li.) und Gödel als Kind (David Rauchenberger, re.) rechnen.
Schauspielhaus Graz: Gödel (Johannes Silberschneider), der verstorbene Gödel (Rudi Widerhofer, li.) und Gödel als Kind (David Rauchenberger, re.) rechnen.

„Gödel hat unseren linearen Zeitbegriff infrage gestellt“, erklärt Badora. „Da sich nach seiner Vorstellung das Universum in sich selber krümmt, ist jeder Moment für immer und alle Ereignisse, auch das menschliche Leben, laufen gleichzeitig ab. Konsequent weitergedacht wären so Zeitreisen theoretisch möglich.“ Deshalb gibt es bei Kehlmann zum Beispiel eine Szene, in der ein schon verstorbener Gödel und Princeton-Gödel dem unwilligen Kind-Gödel bei den Matheaufgaben helfen. Er werde dieses Rätsellösen bald zu schätzen wissen, lockt der Princeton-Gödel sein junges Alter Ego. Bloß nicht, warnt der Tote, werd‘ lieber ein Ingenieur!

Hinreißend auch der Satz, mit der das Genie auf der Flucht vor den Nazis im tiefsten Nirgendwo seiner darob grummeligen Gattin erklärt: „Du überschätzt die Bedeutung von Zeit und Raum.“ So brillant, so uninszierbar? Ist die Frage, die man beim Lesen von Kehlmanns Parallelitäten-Drama denkt. Auch Anna Badora ging sie im Kopf herum. Gödel ist mehr, als der Hausverstand fassen kann. Eine ungeheure Herausforderung. An deren Lösung die Regisseurin mit einem Spezialglas arbeiten will, das per Knopfdruck durchsichtig oder undurchsichtig geschaltet wird.

Gleichzeitigkeiten, Geistererscheinungen ( Gödel glaubte sich etwa von seinem ermordeten Mentor, dem Philosophen Moritz Schlick, beschirmt) sollen, weil hinter Glas „unpeinlich“ sein. „Tanz der Galaxien“ nennt Badora diese poetische Dimension, die sie ihrer Arbeit beifügt, „um auf die metaphysische Ebene des Textes hinzuweisen“.

Genauso wichtig ist ihr die politische, zeithistorische, von der „braunen Pest“ bis zur die Atombombe bauenden USA. „Dafür“, sagt sie, „hat man die fähigsten Köpfe rekrutiert. Der damalige Rektor von Princeton hat sich ja ironisch bei Hitler ,bedankt‘, dass er ihm all diese Wissenschaftler geschickt hat.“

Johannes Silberschneider wird Kurt Gödel darstellen. Das passt nicht nur optisch. „Denn“, so Badora, „der eine ist grüblerisch und selbstzweifelnd wie der andere.“

Gödel-Darsteller Johannes Silberschneider im Gespräch:

KURIER: Die Gretchenfrage lautet hier wohl: Wie halten Sie’s mit der Mathematik?
Johannes Silberschneider: Ich war ein schlechter Mathematikschüler. Mein Gymnasiumsdirektor, der mich in dem Fach unterrichtete, war allerdings ein großer Gödel-Verehrer. Der Name ist mir seit damals vertraut.

Wie geht’s Ihnen mit dem Theatercharakter Gödel?
Er nimmt sehr schnell von einem Besitz, zuerst sehr nett, liebenswürdig, aber zum Schluss wird’s mit ihm immer komplizierter. Eine eigenartige Persönlichkeit. Ein höflicher, unauffälliger Mensch, aber im Stillen bastelt er an einer geistigen Bombe, die er dann der Welt serviert. Er war seiner Zeit Jahrzehnte voraus. Er ist unbemerkt in die mathematische Festung eingedrungen und hat sie um den Mythos der Uneinnehmbarkeit gebracht.

Da dies eine Uraufführung ist, sind Sie der Erste, der dieser Figur Profil gibt.
Ich habe davor ein wenig Scheu. Ich fühle mich sehr in der Verantwortung Menschen gegenüber, die tatsächlich gelebt haben. Und das ist noch dazu der erste Auftritt eines österreichischen Genies in der dramatischen Szene, da habe ich schon Schiss. Aber der Erste bin ich ja nicht; der Erste war Peter Jordan bei den Salzburger Festspielen.

Waren Sie bei dessen szenischer Lesung?
Natürlich. Und mir hat da schon gefallen, dass das Stück trotz zeitgeschichtlicher und menschlicher Abgründe, trotz des naturwissenschaftlichen Überbaus Humor hat. Es ist eigentlich die Gegenthese zu Kehlmanns Salzburgrede. Es ist, was die Briten „witty“ nennen – geistreich und witzig.

Gödel führte bei aller Genialität ein tragisches Leben. War er zu klug zum Leben?
Glaube ich nicht, er war vielleicht nur zu einseitig neugierig. Princeton war für ihn der falsche Boden. Im Vorkriegs-Wien hatte er ein gesellschaftliches Leben, Damenbekanntschaften, genoss diesen Schmelztiegel der Kulturen. In Princeton entwickelte er seine psychische Labilität, hatte keine Ablenkung vom Denken mehr in diesem einerseits kleinkarierten und spießigen, andererseits überdimensionalen Geistesgetto. In dieser Druckkochtopf-Atmosphäre konnte ja nur so etwas entstehen, wie die Atombombe und der Computer. Also die beiden vernichtenden Erfindungen des 20. Jahrhunderts.

Andererseits aber…
… darf man nicht vergessen, warum Gödel aus Österreich weg ist, frei nach dem Lueger-Ausspruch: Wer Jude ist, bestimme immer noch ich. Dazu fällt mir ein, dass Gödel einen ontologischen Gottesbeweis nach den Thesen eines mittelalterlichen Scholastikers errechnete und dann zu seinem Assistenten Hao Wang meinte: Dass Gott existiert, bedeutet nicht, dass er gut ist. Gödel hat sich da auf was eingelassen. Aber vielleicht will Gott, dass sich der Mensch mit ihm rauft, wie Jakob im alten Testament.

Verstehen Sie Gödel?
Er ist mir sehr nahe und vor allem sehr sympathisch. Ich verstehe vieles an ihm, aber will es nicht bis ins letzte Detail nachvollziehen können, sonst drehe ich auch noch durch. Die Mathematik aber – verstehe ich immer noch nicht.