Wiener Staatsoper streamt: La Traviata

März 9, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Influencerin Violetta verliert all ihre Follower

Violetta Valéry ist bei Simon Stone nicht länger Kurtisane, sondern Internet-Influencerin: Pretty Yende und Juan Diego Flórez als Alfredo Germont. Bild: © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Ein Glück. Die in der per Video angebotenen „Einführungsmatinee“ mehrmals beschworene, nie konkret ausgesprochene Frage der Hautfarbe spielt denn doch keine Rolle. Die südafrikanische Sopranistin Pretty Yende muss also nicht als die schwarze, sondern kann als eine gesanglich wie darstellerisch ausgezeichnete Violetta und ganz ohne Meghan-und-Harry-Vergleich in die Annalen der Wiener Staatsoper eingehen.

Von dort zeigte Regisseur Simon Stone via ORF III und Stream seine Inszenierung von Verdis „La Traviata“ – noch fünf Tage zu sehen in der tvthek.orf.at und am 12.März erneut auf play.wiener-staatsoper.at -, und was das Handvoll Rezensentinnen und Rezensenten vor Ort hie und da als Bilderflut, SMS-Wut, mit einem Wort: too much Emojis bemängelte, kann vorm Bildschirm nicht nachvollzogen werden. Die Kamera bleibt die meiste Zeit dicht an den Protagonistinnen und Protagonisten, man ist an deren Spiel gänsehautnah dran – und erlebt einen Opernabend erster Klasse.

Hausdebütant Stone, in Wien bisher bekannt vom Burgtheater, beispielsweise mit seiner „Medea“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31048) oder „Hotel Strindberg“ (Rezension: http://www.mottingers-meinung.at/?p=28131), versteht sich als Beauftragter in Sachen Neu- und Überschreibungen. Eine Kunst, die er zur Meisterschaft gebracht hat, derart gab’s natürlich auch kein Halten vor der Kameliendame: Violetta Valéry, die gewesene Kurtisane, ist nun eine Internet-Influencerin.

Schon zur Ouvertüre dreht sich auf der Bühne von Bob Cousins der Social-Media-Kubus, Violetta hat alle Kanäle offen für die Community, Kurznachrichten, Instagram, ein Mail von Mama: Bist du müde, trinke Selleriesaft!, wird sofort zur Werbebotschaft – und ist zugleich ein erster Hinweis auf Erkrankung. Per Messenger ersucht Doktor Grenvil, Violetta möge sich bitte dringend melden.

Doch vorm Club „Martina’s“, ja, mit Wermutstropfen-Schriftzug, steht die Jeunesse dorée in der Warteschlange, und Violetta mittendrin im Goldkleidchen, eine mondäne „Bitch“, wer’s Musikvideo kennt, Pretty Yende eine Beyoncé der Oper. Von den gutsituierten Spezis mitgeschleift, erscheint Alfredo auf der Bildfläche, und Juan Diego Flórez gestaltet ihn als an den Schläfen angegrauten Endvierziger, er wirkt wie ein Oberbuchhalter auf Sexurlaub, Typ hauptberuflicher Erbe, den der herrische Vater nicht mal in die Nähe eines Vorstandsposten lässt.

Man flirtet sich Richtung Liebe auf den ersten Blick, kaum im Home Office, und Alfredo hat einen Laptop! mit Birnenlogo!, wird gechattet, überhaupt haben hier alle ständig ihr Smartphone in der Hand. Violetta findet derweil ihren Weg durchs morgendliche Paris, vorbei am riesigen Leuchtplakat für ihr Parfüm „Villain“, an der Jeanne d’Arc auf der Place des Pyramides bis zum „Paristanul“-Kebabstand.

Violettas Salon ist nun ein hipper Club: Ensemble. Bild: © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Beim Landleben ist Digital Detox angesagt: Pretty Yende. Bild: © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Pretty Yende und Igor Golovatenko als Giorgio Germont. Bild: © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

La Traviata – die Parfümwerbung: Pretty Yende im Plakatformat. Bild: © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Ein Hinweis auf Banlieue-Herkunft, und auf Stones und Cousins‘ Schauplatzwechsel zwischen lärmend und leise, Überfrachtung und Weißtünchung, die Welt lebt nicht von Facebook allein – im zweiten Akt auf dem Lande genügen ein Traktor und eine Scheibtruhe zur Illustration. Digital Detox ist angesagt. Violetta in Gummistiefeln stemmt Heuballen, Alfredo im Holzfällerhemd hat den Bürohengst hinter sich gelassen, und Flórez singt so anrührend von der neuen Freiheit, die Freude darüber in jedem Ton, dass einem angesichts des Ausgangs der Geschichte klamm ums Herz wird.

Juan Diego Flórez, mit dieser gottgegebenen Stimme, ist wie für den Alfredo dieser Aufführung geboren. Feinnervig erspürt er dessen sympathisch schüchternen Charme, singt den Alfredo geschmeidig und mit Gefühl und stemmt das hohe C am Ende seiner Cabaletta mit einer Leichtigkeit, die ihn als herausragenden Verdi-Interpreten ausweist. Flórez ist in Höchstform. Liebe wie Leid vermittelt er ehrlich und tiefempfunden, dies nicht zuletzt auch dem hohen Niveau von Simon Stones Personenführung gedankt – und der Chemie, die zwischen Flórez und Pretty Yende knistert.

Auch die versteht, die Tonleiter der Emotionen zu erklimmen, brennend vor Leidenschaft präsentiert sie diese Figur, die ihr sozusagen auf den Leib geschneidert wurde. Ihre Violetta ist elegant wie expressiv, stark wie zerbrechlich, Yende findet immer die rechte Balance zwischen It-Girl und Lyrik. Ihr Sopran ist glockenhell, bei den Koloraturen brilliert sie, sie hat eine Einfachheit im Singen, dies als Kompliment gemeint, heißt: ohne Schnörkel und Chichi, die ergreift, und kommt’s ein, zwei Mal zum Distonieren, so sei dies als Aufflackern von Violettas Seelenqualen angenommen. Alles in allem: Welch ein Rollendebüt!

Nun kann der Verliebteste nicht in Frieden leben, wenn es der Bank – im Hintergrund der pastoralen Idylle laufen Kontoauszüge und Mahnschreiben – und dem bösen Papa nicht gefällt. Auftritt Igor Golovatenko, als Giorgio Germont, als dritter im Bunde der Solistinnen und Solisten zu nennen. Der Vater, der sich als gesellschaftlich installierte moralische Instanz geriert, und doch nur nach seinen eigenen Geschäftsinteressen schielt, Golovatenko, der seinen kräftigen, mehr bodenständigen als noblen Bariton dröhnen lässt.

Großartig gespielt ist des alten Germonts ekelhaft bedrückter Großmut, so klein sein Gewissen, wie die Kapelle, vor der sich das alles ereignet. Gelungen auch die szenische Umsetzung mittels Newsticker, über den, während Germont fürs Töchterchen bittet, Nachrichten von einem Firmenskandal – Verstrickungen in Saudi-Arabien, der Prinz zieht die Verlobung zurück, katastrophale Konsequenzen – laufen. Schade, dass in dieser Schlüsselszene die Bildregie bei ihrer Großaufnahmen-Taktik bleibt, hier hätte die Totale mehr Aufklärung gebracht.

Und apropos, kurze Kritik: Nicht erschließt sich das Kostüm, das Alice Babidge Igor Golovatenko angetan hat, und das so gar nicht den Machtmenschen verkörpert. Die knittrige Hose, das dazu weder in Farb- noch Stoffwahl passende Sakko und die Umhängetasche sehen eher nach abgehalftertem Aufdeckerjournalist denn nach Unternehmer aus. Mit Giacomo Sagripanti hat der Abend einen Dirigenten, der alles richtig macht, einen verlässlichen, einfühlsamen Begleiter der Sängerinnen und Sänger, der um deren große Momente weiß, präzise musizieren und kraftvoll Akzente setzen, bis er zur traurigsten aller traurigen Romanzen, „Addio, del passato“, die Geigen zartschmelzen lässt.

Igor Golovatenko als Giorgio Germont. Bild: © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Attila Mokus als Baron Douphol (re.). Bild: © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Der Kameliendame Krebstod. Bild: © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Nach einem Bruce-Nauman-Moment mit Margaret Plummer als Flora Bervoix und Attila Mokus als Baron Douphol, Motto: per SMS in die SM-Spaßgesellschaft, ist man nämlich im Sterbeakt, und da digitale Schwindsucht als tödliche Krankheit nicht durchgeht, hat Simon Stone seiner Online-Celebrity unheilbaren Krebs verschrieben. Chemotherapie-Raum, Krankenhausnachthemd, das Orchester, filigran, verzweifelt, folgt Violetta noch einmal durch Paris. Es ist jener Traum, von dem man sagt, mit ihm ziehe das ganze Leben an einem vorbei.

Dazu Selfies aus glücklichen Tagen, Violetta und Alfredo, Pretty Yende herzzerreißend, aber pathosbefreit, selten hat man sich am Ende von „La Traviata“ so sehr das unmögliche Happy End gewünscht. Donna Ellen als Annina fällt am Spitalsbett noch positiv auf, sie ist die letzte Vertraute, alle anderen Follower hat Violetta verloren …

Instagrammerin Josi Maria berichtete von ihrer Magersucht – bis zum Tod, Bloggerin Emily Mitchell über ihre Schwangerschaft – bis zum Tod, Influencerin Kasia Lenhardt über ihre Beziehung zu Fußballstar Jerome Boateng – bis zum Tod. Das moderne Gewand, in das Simon Stone seine „Traviata“ gehüllt hat, ist absolut stimmig. Verdi erschuf ein Geschöpf im Rausch der Geschwindigkeit und des Champagners, das die eigene Privatheit, sogar Intimität zu Markte trägt, um im Luxus schwelgen zu können. Auch die Standesdünkel des Kapitals gegen die Aufmerksamkeitsökonomin passen, bis heute heiraten Geld- wie Altadel bevorzugt untereinander. Was die Neuinterpretation der „Traviata“ angeht, kann man nur sagen: Mission completed.

Bleibt, allen Beteiligten an dieser Produktion den gebührenden Applaus zu spenden. Gespenstisch war er schon, dieser Abend ohne einmal Klatschen. Vielleicht, auf bald, live. Bis dahin ist die Aufführung, eine Koproduktion mit der Opéra national de Paris, noch fünf Tage in der ORF-TVthek zu sehen: tvthek.orf.at/profile/Erlebnis-Buehne/13869433/Erlebnis-Buehne-Wir-spielen-fuer-Oesterreich-La-Traviata-aus-der-Wiener-Staatsoper/14084437

Eine Wiederholung des „La traviata“-Streams gibt es am 12. März ab 19 Uhr auf play.wiener-staatsoper.at, kostenlos und für 24 Stunden abzurufen. Einführung zur Inszenierung von Simon Stone: www.youtube.com/watch?v=qC5nWgHjQPA          www.wiener-staatsoper.at

  1. 3. 2021

Nonna Mia! – Liebe ohne Abzüge

Juli 31, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Oma in der Tiefkühltruhe

Landet bald bei den Tortelloni in der Tiefkühltruhe: Sixties-Bond-Girl Barbara Bouchet füllt die Rolle der Nonna Birgit mit – naja – Leben. Bild: Polyfilm Verleih

Italienisches Temperament, spritzige Dialoge und ein sympathisches Schauspielerpaar, bei dem die Chemie augenscheinlich stimmt, das sind die Zutaten, die die Komödie „Nonna Mia! – Liebe ohne Abzüge“ der Regisseure Giancarlo Fontana und Guiseppe Stasi zum Gourmetstück der diesjährigen Sommerkinokost machen. Ab Freitag läuft der ungewöhnliche Mix aus Romantic Comedy, „eiskaltem“ Slapstick und Kritik am korrupten staatlichen System – immerhin erlangten Fontana und Stasi mit einem

satirischen Youtube-Video über Silvio Berlusconi erste Bekanntheit – auch über die heimischen Leinwände. In den ersten drei Szenen werden die Protagonisten in einem Tempo präsentiert, dass einem die Luft wegbleibt. Erst die Kamerafahrt durch die Tiefkühltruhe, bei der’s von unten nach oben durch Omas Gefrierbrandberge geht, das kennt man so auch von der eigenen Großmutter, während diese unverdrossen die nächsten Beutel hausgemachter Tortelloni aufs Frostkristallszenario häuft. Dann die späteren Liebesleute, der diensteifrige Finanzpolizist Simone und die hoch verschuldete Kunstrestauratorin Claudia, er verkleidet als Pfarrer und wie er kurz vor knapp aus der Soutane springt, um die Vermählung einer Greisin mit einem Ganoven zwecks Vermögenstransfers zu verhindern, sie im Museum, mit Spraydose vor einem Caravaggio-Gemälde, dessen Zerstörung sie androht.

Claudia und ihre Mitarbeiterinnen müssen sich Großmutters Rente sichern: Marina Rocco, Miriam Leone und Lucia Ocone. Bild: Polyfilm Verleih

Der strenge Finanzpolizist Simone hat mehr als genug Arbeit für sein Team: Fabio De Luigi mit Francesco Di Leva, Carlo Luca De Ruggieri und Susy Laude. Bild: Polyfilm Verleih

Das Museum nämlich schuldet Claudia nicht weniger als 160.000 Euro, die Gehälter ihrer Mitarbeiterinnen Rossana und Margie kann sie nur dank der Rente ihrer Nonna Birgit bezahlen – und als sich die mit dem Pathos einer Heiligen zum Sterben hinlegt und tatsächlich in eine bessere Welt wechselt, fassen die drei den Entschluss, die Großmutter zwischen die Tiefkühlware zu betten, auf dass der monatliche Pensionsscheck die Pleite weiterhin abwende. „Metti la nonna in freezer“ lautet auch frech der Originaltitel des Klamauks, in dem in weiterer Folge nicht nur Simone, seine Jagd auf einen steuerhinterziehenden Mafiosi, sein trotteliger Konkurrent und Generalssöhnchen Rambaudo, sondern auch ein alter Verehrer der Nonna für Chaos sorgen.

Nun ist der filmische Versuch, eine Leiche einerseits zu verstecken, sie andererseits aber aus Notwendigkeiten ab und an lebendig erscheinen zu lassen, nicht neu. Im Gegensatz zum Brachialhumor in beispielsweise Ted Kotcheffs „Immer Ärger mit Bernie“ halten Fontana und Stasi ihren Einfrier-Auftau-Spaß aber in der Waage zwischen makaber-frostig und herzerwärmend. Dazu kommt die Spielfreude, mit der Miriam Leone und Fabio De Luigi an ihre Rollen der Claudia und des Simone herangehen. Kennenlernen sich die beiden bei einer von Simones „Aktionen“. Gerade als der Museumsbeamte Claudia ein unsauberes Angebot wegen der ausstehenden Zahlungen macht, enttarnt sich Simone als Ritter in der Rüstung – und nimmt den bestechlichen Staatsdiener fest. In Simones Kopf läuft das gute alte „Tu“ von Umberto Tozzi. Es ist Liebe auf den ersten Blick.

Wo die Liebe hinfällt, nehmen die Verdächtigungen zu: Fabio De Luigi und Miriam Leone. Bild: Polyfilm Verleih

Nun sind, was für Claudia Lucia Ocones „Rossana“ und Marina Roccos „Margie“ ist, für Simone seine Untergebenen, und die wollen ihren in Liebesdingen zu Katastrophen und Fettnäpfchen neigenden Chef unbedingt verkuppeln. Nicht zuletzt aus Eigennutz, um dem Workaholic endlich wieder einmal ein arbeitsfreies Wochenende abzutrotzen. Francesco Di Leva, Susy Laude und Carlo Luca De Ruggieri sind großartig als Kupplertrio, nur begehen sie, unwissentlich der Wahrheit auf der Spur, den Fehler über die Rente der Nonna und, warum diese wohl Claudias Firma über Wasser hält, zu sprechen.

Mit dem Resultat, dass sich die alarmierte Claudia in so waghalsigen wie abstrusen Täuschungs- und Verstellungsmanövern verstrickt, Irrungen und Wirrungen, durch die Simone stolpern muss, hält sie ihn doch für abgefeimter als er ist, wenn er in seiner Tollpatschigkeit eher bedrohlich als charmant klingt … Die wunderbare Barbara Bouchet füllt die Figur der Nonna Birgit, na, nicht direkt mit Leben, aber es ist großartig, was das Sixities-Bond-Girl aus dieser stummen Rolle herausholt.

Egal, ob Simone ihr in einer rührenden Sequenz sein Herz ausschüttet, sie sich auf einer rasanten Rollstuhlfahrt wiederfindet, oder auch nur leise vor sich hin tröpfelt: Die Bouchet beherrscht das Geschehen. Zum Ende gibt’s noch zwei, drei Kniffs, und dann kommt es doch unerwartet, wie der Film angesichts der Allgegenwart von Korruption, Betrug und Misswirtschaft die Frage aufwirft, wie viel Korrektheit man sich als Staatsbürger eines zutiefst unkorrekten Staats eigentlich leisten kann. Das gibt dem komödiantischen Treiben eine gewisse Tiefe – in erster Linie aber ist „Nonna Mia! – Liebe ohne Abzüge“ ein Wohlfühlfilm zum Einkuscheln und Lachen.

Video:

 

www.filmhaus.at/film/nonna-mia

  1. 7. 2019

Sommerspiele Melk: Bartholomäusnacht

Juli 16, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Pariser Hochzeit als Schlachtfest an den Hugenotten

Das großartige Ensemble in der prächtigen Kulisse: Giuseppe Rizzo als Admiral Coligny, Christian Kainradl als Karl IX., Otto Beckmann als Heinrich von Navarra, Dagmar Bernhard als Frau von Sauve, Thomas Dapoz als Herzog Guise, Kajetan Dick als Kardinal von Notre Dame, Sigrid Brandstetter als Herzogin von Nevers, Sophie Pruza als Margot von Valois und Katharina Stemberger als Katharina von Medici. Bild: Daniela Matejschek

„Meinen Hass bekommt ihr nicht.“ Dies letzte Wort, der letzte Satz gehört Heinrich IV. von Navarra, da ist er längst auch König von Frankreich und hat mit dem Edikt von Nantes den Hugenotten in seinem Reich religiöse Toleranz und volle Bürgerrechte gewährt. „Meinen Hass bekommt ihr nicht“ ist ein historisch belegtes Zitat. Besser gesagt ein Buchtitel. Er stammt vom französischen Journalisten Antoine Leiris, dessen Ehefrau 2015 in der Pariser Konzerthalle Bataclan im Maschinengewehrfeuer von IS-Terroristen starb.

Als Heinrich ihn spricht, ist es 1610 und der religiöse Fanatiker François Ravaillac hält ihm eine Pistole an den Kopf (tatsächlich fuhr er ihm mit einem Messer in die Rippen). Es ist diese Art von Brückenschlag in die Gegenwart mit der Autor Stephan Lack, Intendant und Regisseur Alexander Hauer und ihr Schauspiel „Bartholomäusnacht“ in der Wachauarena Melk reüssieren. Hauer hat seinen Stil, monströse Stoffe auf die Bühne zu heben, mit den Jahren zur Meisterschaft gebracht, und Lack ihm zum 500-jährigen Reformationsjubiläum ein opulentes Historiendrama mit aktuellem Zeitbezug verfasst. Lack hat die Fakten klug mit Fiktion unterfüttert, hat die Figuren fein psychologisiert, so dass ein saftiges Bühnenstück entstanden ist.

Es braucht keinen erhobenen Zeigefinger, um zu begreifen, dass er über die Ereignisse der Nacht vom 23. zum 24. August 1572 hinaus auf Irlands „Bloody Sunday“, auf den Genozid in Ruanda, die derzeitige Lage in Syrien … verweist. Für Connaisseurs gibt’s dazu Sentenzen vom berühmten „Paris ist eine Messe wert“ Heinrichs, das hier aber Königin Margot spricht, über Stalins „Den Feind aufspüren, schlagen und vernichten, und dann schlafen gehen. Was gibt es Schöneres?“, hier von Herzog Guise gesagt, bis zu „Die katholische Kirche ist ein Geniestreich des Satans“ – kein Calvin’sches Wort, sondern eines von Baptistenpastor Robert Jeffress im Jahr 2010. Reverend Jeffress leitete die religiöse Zeremonie in der St.-John’s-Kirche, die der Vereidigung von US-Präsident Donald Trump vorausging.

Die Bartholomäusnacht, also. Eines der schrecklichen und unverständlichen Massaker der Geschichte. Im seit Mitte des 16. Jahrhunderts in Frankreich tobenden Religionskrieg Katholiken gegen Hugenotten, strebte Katharina von Medici anscheinend eine Art Frieden an, indem sie ihre Tochter Margot mit König Heinrich von Navarra vermählte. Sämtliche militärischen und politischen Führer der Hugenotten folgten der Einladung nach Paris. Und liefen dort ahnungslos in die Falle. Denn der Mob war von der Kette gelassen und meuchelte „die Ketzer“ auf grausamste Weise. Frankreichweit sollen an die 30.000 Menschen getötet worden sein. Die Tatkräftigsten unter den Mordenden kommen aus dem Herzogsgeschlecht der Guisen; das prominenteste Opfer ist Admiral Gaspard de Coligny. Katharinas Sohn, König Karl IX., sieht in ihm eine Vaterfigur – und ist doch seelisch zu labil, um das Blutbad zu verhindern …

Ein Wort unter Männern: Giuseppe Rizzo, Christian Kainradl, Thomas Dapoz. Bild: Daniela Matejschek

Und eine Frau, die alle Fäden in der Hand hält: Katharina Stemberger als Katharina von Medici. Bild: Daniela Matejschek

In Melk fließt kein Blut. Auf derlei Effekte kann Hauer verzichten. Ein Aufstampfen des Chors „Bühne frei“, Hauer arbeitet erstmals mit diesem Kulturvermittlungsprogramm, in dem – wie er sagt – nach Melk aus dem Salzkammergut bis aus Syrien Zugezogene agieren, genügt, schon ist der Gegner gefällt. Was Hauer interessiert, ist die Frage nach der Auseinandersetzung mit und der Möglichkeit zur Aussöhnung nach einer solchen Wahnsinnstat. Neun Schauspieler verkörpern die Protagonisten beider Glaubensrichtungen und zeigen mit ihren Seitenwechseln den Riss, der durch die Gesellschaft geht.

Zu unterscheiden sind die Lager leicht: die Kostüme von Julia Klug und Nina Holzapfel haben Glanz und Glitter, wenn’s um die Katholiken geht, oder sind schlicht und freudlos puritanisch bei den Hugenotten. Daniel Sommergruber hat eines der legendären Melk-Bühnenbilder erdacht, eine Louvre-Skulptur aus 9000 Plastikflaschen. Ein Zeichen für die Dekadenz des Hofes, und, so Hauer, weniger als ein Mensch heute pro Jahr verbraucht. Die wuchtige Musik von Gerald Huber-Weiderbauer deutet die kommende Gewalt an.

Königin in diesem Reich voller Intrigen und Intoleranz ist Katharina Stemberger als Katharina von Medici. Wie ein lauerndes Reptil singsangt sie sich im Falsettton durch ihre Manipulationsspielchen, lässt hie und da ihre blindwütige Grausamkeit aufblitzen, und ist nur einmal wirklich erschüttert: als ihr nach der Bartholomäusnacht die anderen gekrönten Häupter Europas die Hochachtung verweigern. Ein wenig wirkt sie wie die böse Hexe aus einem Märchen, und ist, weil eine Medici, natürlich Giftmischerin. Christian Kainradl überzeugt als ihr Sohn Karl IX., ein Muttersöhnchen, zögerlich und zaudernd, das letztlich daran zerbricht, dass es seine Ideale verraten hat. Kainradl lässt gekonnt den Irrsinn nach seinem Karl greifen. In diesen Zuständen stellt sich Sophie Prusa, als Margot erst ein leichtlebiges Flittchen, politisch mehr und mehr auf die Seite ihres Mannes.

Als dieser brilliert Otto Beckmann mit draufgängerischem Errol-Flynn-Appeal. Er hat den Schalk im Lächeln, und wenn er die Glaubensrichtung öfter wechselt, als manch anderer Mann die Wäsche, weiß man, wer tut es letztlich für die gerechte Sache. Unter den Damen des Hofes wickelt er vor allem Frau von Sauve (Dagmar Bernhard agiert in der Rolle mit großer Leidenschaft) um den Finger, bis seine eigentliche Aufpasserin für ihn sogar in den Tod durch toxischen Lipgloss geht. Hauer lässt Szenen parallel ablaufen, setzt auf schnelle Szenenwechsel, um all dieser Dramatik Tempo zu verleihen.

Die Königin und ihre Hofdamen: Sigrid Brandstetter, Katharina Stemberger, Sophie Prusa und der Chor „Bühne frei“. Bild: Daniela Matejschek

Heinrich bekennt sich zur Abwechslung wieder einmal zum Katholizismus, Selbstgeiselung inklusive: Katharina Stemberger, Sophie Prusa, Christian Kainradl, Otto Beckmann, Kajetan Dick und Dagmar Bernhard. Bild: Daniela Matejschek

Drei, die deshalb mitunter auf der Bühne von einem Wams ins andere schlüpfen müssen, sind Giuseppe Rizzo, Kajetan Dick und Thomas Dapoz, alle drei in Melk bereits feste Größen. Rizzo gibt als Admiral Coligny gleichsam auch den Erzähler, und als George La Mole den Hauptmann der königlichen Garde – zwei Ehrenmänner, rechtschaffen und fest im Glauben und bemüht über diesen hinweg das Beste zu tun. Dapoz wechselt zwischen La Moles protestantischem Bruder Bernhard – er der einzige, der eine echte Liebesgeschichte mit Hofdame Herzogin von Nevers (aufrichtig leidend: Sigrid Brandstetter), freilich ohne Happy End hat -, und dem machthungrigen Herzog von Guise. Als solcher hat er nicht nur den Thron, sondern auch Margot im Auge; auf der Frosthochzeit sind die beiden die einzigen, die füreinander glühen. Sehr schön sein Kostüm: ein Nietenkreuz auf einer Lederjacke.

Kajetan Dick schließlich gibt mit sieben Rollen alles; er spielt Geistliche, Arzt, Wirt und Auftragsmörder, doch mit Karls jüngerem Bruder Heinrich III. gelingt ihm ein Kabinettstück. Wie er als Liebhaber von Badestuben und in ihnen anzutreffenden jungen Burschen Mutter Katharina in Rage versetzt, ist sehenswert. Klar, dass auch er gewaltsam abtreten muss, womit der Weg endlich frei ist für Navarra. Lack und Hauer ist es gelungen, aus dem, was eine Geschichtslektion hätte werden können, spannendes Theater zu machen. Sie beleuchten mit Verve die offenbar ewig gültigen Themen von der Nutzbarmachung von Religion und „Fremden“-Hass zur Aufwiegelung von Völkern.

Sie zeigen auf, wie diese Mechanismen der Macht funktionieren. Und wie Liebe und Mitmenschlichkeit dabei auf der Strecke bleiben. Kurz vor seinem Ende bricht Admiral Coligny die vierte Wand und befragt das Publikum: „Wann war das erste Mal, dass sie wahrgenommen haben, wozu der Mensch fähig ist?“ Ja, wann?

www.wachaukulturmelk.at/de/sommerspielemelk

  1. 7. 2017

Sommerspiele Melk: Odyssee

Juni 17, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Antiheld mit posttraumatischem Stress-Syndrom

Während Odysseus (Nicki von Tempelhoff, gefesselt) erzählt, wie er den Sirenen entkam, wird Penelope (Doris Schretzmayer, hinten) von den Freiern bedrängt - die Odyssee als Spiel auf mehreren Ebenen. Bild: DanielaMatejschek

Während Odysseus (Nicki von Tempelhoff, gefesselt) erzählt, wie er den Sirenen entkam, wird Penelope (Doris Schretzmayer, hinten) von den Freiern bedrängt – die Odyssee als Spiel auf mehreren Ebenen. Bild: Daniela Matejschek

Inmitten oranger Rettungswesten schwemmt es einen letzten Überlebenden an. Er sei dem Krieg entronnen, sagt er, aber war es nicht „nur“ der Hunger, der den schmutzigen Bettler an die Küste trieb? Die Bewohner derselben wollen den Parasiten, der sich ins Land schleicht, um ihre Luft zu atmen, jedenfalls nicht haben – und das machen sie ihm unter Schlägen und Fußtritten klar.

Was so beginnt, ist Alexander Hauers Inszenierung der „Odyssee“ bei den Sommerspielen Melk. Mit Autor Stephan Lack hat der für seine innovativen Arbeiten bekannte Intendant Homers Epos in ein Schauspiel verwandelt – und es ist sein bisheriges Meisterstück geworden. Der Theatermacher, den bekanntlich Vorlagen unter 1500 Seiten oder in diesem Fall 12.000 Hexameterversen gar nicht erst reizen, folgt der vom antiken Dichter vorgegebenen Vielschichtigkeit in vielerlei Hinsicht. Wie er haben Lack und Hauer eine komplexen Erzählweise mit ineinander verflochtenen Parallelhandlungen, Rückblenden, Einschüben und Perspektivwechseln für ihre Geschichte entwickelt. Das Ganze wird nicht chronologisch geschildert, sondern setzt mit der Rückkehr des Odysseus in Ithaka ein. Wo er seinem ihn erkennenden Vater Laertes und seinem ihn verkennenden Sohn Telemach von seinen Irrfahrten berichtet.

Die Zeiten- und Seitenwechsel funktionieren am Beispiel der Kalypso-Episode erklärt so: Während Odysseus Vater und Sohn aus seiner Sicht die Geschehnisse beschreibt, unterhält die Magd Melantho die Freier Penelopes mit der ihren, der weit weniger heroischen, dafür umso erotischeren. Derweil trauert die treue Ehefrau hoch oben im Gemach um den Gemahl und klagt im Bühnenvordergrund die Nymphe den Liebhaber an, was er durch die Flucht von ihrer Insel denn gewonnen hätte. Odysseus steigt zu ihr aufs Felsenpodest, umarmt sie in der Vergangenheit wie im Jetzt, aber Telemach sieht sich gegenwärtig schon mit einer anderen seiner Geliebten, der Zauberin Kirke, konfrontiert … Dass sich das alles ausgeht, dass man dem allen zu folgen vermag, dass so eine aberwitzige Spannung aufgebaut und aufrechterhalten wird, ohne durch Video- oder andere Künste den Polyphem oder Skylla und Charybdis oder die Sirenen-Vogelfrauen zu generieren, dass statt dessen der ganze Abend aus einer Beschwörung der gemeinschaftlichen Fantasie entsteht, ist ein großartiges Geschenk an das Publikum. Und wurde zum Schluss mit entsprechend tosendem Applaus bedankt.

Der Empfang in Ithaka ist alles andere als herzlich: Nicki von Tempelhoff mit "Iro" Thomas Dapoz, "Telemach" Matti Melchinger und "Laertes" Christian Preuß. Bild: Daniela Matejschek

Der Empfang in Ithaka ist alles andere als herzlich: Nicki von Tempelhoff mit „Iro“ Thomas Dapoz, „Telemach“ Matti Melchinger und „Laertes“ Christian Preuß. Bild: Daniela Matejschek

Am Hof der Phaiaken zeigt Königstochter Nausikaa (Valerie Anna Gruber), wie Odysseus' Gefährte Eurylochos (Eleftherios Chladt) der Kirke entkam. Bild: Daniela Matejschek

Am Hof der Phaiaken zeigt Nausikaa (Valerie Anna Gruber), wie Odysseus‘ Gefährte Eurylochos (Eleftherios Chladt) der Kirke entkam. Bild: Daniela Matejschek

Viel Verdienst an dieser Umsetzung hat das Bühnenbild von Daniel Sommergruber, das mit Sockeln, Rampen, einem kippbaren Tunnel und einer Kemenate dieses Spiel auf mehreren Ebenen erst möglich macht. Die Kostüme von Julia Klug dazu sind angedacht antik-orientalisch mit Ausflug in eine opulente Zeitlosigkeit. Der Text holt das Homer’sche Pathos ins Heute. „Du mich auch, Antinoos“, darf etwa Telemach auf den Gruß eines Penelope-Belagerers erwidern.

Und Lack und Hauer tun mehr. Sie reichern die Odyssee mit Feuerbach, der Aufklärung und einem Schuss Feminismus an. Penelope ist die Starke; die ständigen Seitensprung-Storys, denn der Zauberinnen, Nymphen und Prinzessinnen waren ja nicht wenige, längst leid, dieses sich immer wiederholende „Halb zogen sie ihn, halb sank er ihn“, fällt ihr Empfang schließlich entsprechend kühl aus. Doris Schretzmayer gestaltet die Königin mit einer angewiderten Würde.

Nicki von Tempelhoff ist Odysseus. Ein Antiheld mit posttraumatischem Stress-Syndrom, ein zerrütteter, wütender, um sein Leben betrogener Mann. Wie er die Gräuel von Troja schildert, weist er die Griechen nicht nur als grausame Kriegsherren aus, sondern verweist auch auf die Sinnlosigkeit dieses, wie jedes blutig ausgetragenen Konflikts.

Doch der Listenreiche wird von den Theaterautoren jeglichen Opfermythos‘ entkleidet, nicht die Götter haben, seine Hybris hat sein Schicksal verschuldet. Bei Lack und Hauer ist Odysseus nicht weniger ein Schwein als seine verwandelten Kameraden, und gejagt von den Geistern seiner Vergangenheit dem Wahn näher als dem Sinn. Tempelhoff ist ein Kraftfeld, das die Aufführung an sich zieht, ein Naturschauspiel, das für sich Aufmerksamkeit einfordert. Wie gebannt folgt man seiner expressiven Darstellung, wie es ihn innerlich schindet und schilt und zerreißt ob der begangenen Taten, wie er sein tatsächliches Ich verbergen und auf seinen Moment der Rache warten muss. Für ihn haben Schlacht und Schlachten noch kein Ende, wird man noch erfahren, für War Pigs gibt es keinen Frieden, das war 1200 vor Christus so wahr, wie es das 2016 nach ist.

Eine ganz bemerkenswerte Erscheinung ist Matti Melchinger, der einen trotzigen, mutigen, jugendlich ungestümen Telemach spielt, dessen Lebensziel es ist, möglichst nicht so zu werden wie der Heldenvater. Er ist in dieser Inszenierung die Lichtgestalt einer hoffentlich aus der patriarchalen Alleinherrschaft aufbrechenden Generation. Melchinger, einerseits „erst“ seit zwei Jahren Schauspielstudent, andererseits mit dem Jungen Theater Wien bereits Compagnie-Chef (mehr: jungestheaterwien.wix.com/junges-theater-wien) gibt eine beachtliche Probe seines Könnens ab. Christian Preuß und Beatrice Fago gestalten Laertes und die Amme Eurykleia mit der ihnen eigenen Prägnanz und Brillanz. Unter den Freiern sticht Giuseppe Rizzo als Eurymachos ebenso hervor, wie Kajetan Dick als Seher Teiresias; Dagmar Bernhard ist eine bösartig-bissige Magd Melantho.

Nicki von Tempelhoff als Odysseus. Bild: © Daniela Matejscheck

Odysseus, umringt von zuviel Weiblichkeit. Bild: Daniela Matejscheck

Im zweiten Teil des knapp dreistündigen Abends entwickelt sich die tiefenpsychologische Betrachtung der antiken Abenteuer zur schnellen Action. Nachdem Odysseus mehrmals aus seiner Bettler-/Rolle fällt, als ihn die Zuhörer auf Ungereimtheiten in seinen fantastischen Ausführungen hinweisen, auch das eine schöne, weil Ungeheuer befreite Idee von Lack und Hauer, steht der ultimative Kampf mit den Freiern an. Doch kaum wieder die Oberhand gewonnen, ist Odysseus ein Despot, wie er früher einer war. Nicht anders als Achill dem Hektor verweigert er den von ihm Geschlagenen ein ehrenvolles Begräbnis, muss, um deren Familien zu entgehen, erneut in die Ferne aufbrechen. Aber ein ihm unbekannter Knabe steht da, sein mit Kirke gezeugter Sohn Telegonos, dessen mütterlicher Arbeitsauftrag in der Telegonie des Eugamon von Kyrene nachzulesen ist …

Der Mensch kann aus der Geschichte nicht lernen, weil sich Geschichte nicht wiederholt, sondern immer wieder von vorne beginnt. „Soll Griechenland zum Lager der verlorenen Seelen werden?“, fragt der alte Laertes. In diesem Sinne ist die „Odyssee“ in Melk über eine gelungene Theaterproduktion hinaus die Beschreibung eines europäischen Krisenzustands und ein Beispiel dafür, wie einer die Kyklopen, die er rief, nicht mehr los werden kann. Bravo.

www.sommerspielemelk.at

Wien, 17. 6. 2016

Plácido Domingo im Theater an der Wien

Januar 7, 2014 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Als Doge in „I due Foscari“

Bild: Theater an der Wien

Bild: Theater an der Wien

Am 15. Jänner hat am Theater an der Wien „I due Foscari“ von Giuseppe Verdi, Libretto von Francesco Maria Piave nach der historical tragedy „The two foscari“ (1822) von Lord Byron, Premiere. Weltstar Plácido Domingo singt den venezianischen Dogen Francesco Foscari. 1844 sollte Giuseppe Verdi das erste Mal eine Oper für das Teatro La Fenice in Venedig schreiben, er bot als Vorlage dafür das Drama The Two Foscari von Lord Byron an, worin nicht das karnevaleske Venedig voll romantischer Liebesabenteuer gezeigt wird, sondern die strengen politischen Gesetze und Strukturen der Serenissima im Mittelpunkt stehen. Allerdings werden darin der berühmte Rat der Zehn als leicht zu täuschen und Adlige als rachsüchtig und intrigant vorgeführt, deshalb lehnte die Zensur den Vorschlag ab. Verdi komponierte stattdessen für Venedig die Oper Ernani; I due Foscari konnte er dann am 4. November 1844 in Rom im Teatro Argentino präsentieren. Die Handlung: Der venezianische Doge Francesco Foscari muss seinen Sohn Jacopo wegen eines angeblich von diesem ausgeübten Mordes in die Verbannung schicken – es handelt sich aber um eine Intrige seines Gegners Loredano. Foscari ist innerlich zerrissen zwischen der Liebe zu seinem Sohn und seiner Pflicht als Doge. Lucrezia, die Frau Jacopos, glaubt fest an die Unschuld ihres Gatten. Sie will ihn in die Verbannung begleiten, es wird ihr nicht erlaubt. Als Jacopo schon auf der Galeere ist, die ihn nach Kreta bringen soll, erreicht Francesco ein Brief, der die Unschuld von Jacopo beweist. Aber es ist zu spät: Jacopo ist auf der Galeere gestorben. Francesco muss als Doge abdanken, diese Schmach und der Verlust seines Sohnes brechen ihm das Herz, er stirbt.

Byrons Drama ist ein Kammerspiel, wenig geeignet als Stoff für eine große Oper. Verdi wies daher seinen Librettisten Francesco Maria Piave an, zusätzlich mitreißende Momente einzubauen: „Strapaziere deinen Geist und erfinde etwas, das ein wenig Furore macht.“ Trotz großer Chorszenen und leidenschaftlicher Gefühlsausbrüche hat das Werk seinen intimen Charakter behalten. Es gelang Verdi gerade deshalb mit I due Foscari eine Erneuerung seines Stils, seine Figurenschilderung verfeinerte und verdichtete sich. Verdi verwendete hier mit den Figuren verbundene Themen, die dem Werk bei transparenter Orchestrierung eine kunstvolle Struktur verleihen – er bietet damit, von der Musikgeschichte meist unbemerkt, einen Gegenentwurf zu Richard Wagners gleichzeitig entwickelter Leitmotivtechnik.

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Wien, 7. 1. 2014