Salzburger Festspiele: The Forbidden Zone

August 11, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Bei Katie Mitchell dürfen Frauen ein Schicksal haben

Giorgio Spiegelfeld (French Soldier) Bild: © Salzburger Festspiele / Stephen Cummiskey

Giorgio Spiegelfeld (French Soldier)
Bild: © Salzburger Festspiele / Stephen Cummiskey

Sehr gescholten hat einmal ein selbsternannter Wiener Literaturpapst, als man sagte, es gebe so etwas wie „Frauenliteratur“. Und damit nicht Rosamunde Pilcher meinte. Aber das hat Seine Männlichkeit, ein wahrer Frauenversteher, nicht verstanden. Oder einem schon nicht mehr seine Aufmerksamkeit geschenkt. Nun der nächste Satz: Katie Mitchell macht „Frauentheater“. Nicht als erste und nicht als letzte hört sie auf Frauen und macht, dass diese gehört werden. Das ist bei der Regisseurin genauso Programm, wie die Tatsache, dass etliche Kameramenschen ihre Darsteller quer über die Bühne verfolgen und das tatsächliche Geschehen sich auf der Leinwand abspielt. Video killed the Stage Star. Wer das nicht mag, braucht bei Mitchell gar nicht reinzugehen.

Nun inszenierte die Britin auf der Perner Insel „The Forbidden Zone“. Thema: natürlich Erster Weltkrieg. Als Textcollage von Virginia Woolf, Emma Goldman, Simone de Beauvoir, Hannah Arendt und Mary Borden. Inhalt: Wie männliches Verhalten und das Außenvorlassen von Frauen die Gesellschaft und ihre Schrecken dominiert(e). Das Projekt wurde im Zuge der Vor- und Probearbeiten immer größer. Bis ein Schnitt gesetzt werden musste. Deshalb: Inhalt: Protagonistin Claire ist die Enkelin von Clara Immerwahr und Fritz Haber. Der deutsch-jüdische Chemienobelpreisträger, sowohl Erfinder von Düngemitteln als auch eines Giftgases, das im Ersten Weltkrieg zum Einsatz kam, hat das Bewusstsein seiner Enkelin geprägt. Sie forscht vor dem Zweiten Weltkrieg in Chicago an einem Gegenmittel zu chemischen Waffen und hat gerade erfahren, dass ihre Forschung eingestellt wird, weil das Militär ABC-Waffen unterstützen will. Parallel wird das Schicksal von Großmutter Clara Immerwahr erzählt. Sie versuchte vergeblich, ihren Mann von seinen tödlichen Forschungen abzuhalten. Doch der war davon überzeugt, dass mit seiner Waffe der Krieg schneller zu beenden sei und es weniger Opfer geben werde. Da Clara, selbst Chemikerin, ihn nicht von seinen Forschungen abhalten kann, erschießt sie sich. Zeitgleich steigt in Amerika Claire aus dem Zug, holt sich Gift aus ihrem Labor und begeht ebenfalls Selbstmord.

Mitchell nutzt zwei Zugabteile als Spielräume beziehungsweise Filmsets. In den auseinander ziehbaren Räumen bringt sie ihre Figuren, Fakten und Fiktion, Handlungen und Haltungen, erfundene Situationen und historische Wahrheit unter. Sehr gelungen sind ihre Montagen, die sich über Zeit und Raum hinwegsetzen. Gräueltaten an der Menschenheit werden „nüchtern“ dargelegt, persönliche Krisen emotional ausgeschlachtet. Ein Widerspruch, der jedem Sinn macht, der Weltnachtrichten liest oder schaut. Besonders kommt das im „Doppelselbstmord“ vor Augen, wenn zwei Frauen aus Protest, aus Vernunft, wegen der ihnen eigenen Moralvorstellungen in den Tod gehen. Nicht schmerzfrei, sondern wie die Giftgasopfer sich in Todeskrämpfen windend.

Das Schlussbild ist ein Soldat, der sich, mit Chlorgas vollgesogen, mit dem Rest seines Lebens abquält. Er wird aus diesem scheiden. Sein Leiden als Großbild lässt wohl niemanden kalt. Wie seine Kollegen entfaltet er im Sterben eine sensible, ausdrucksstarke, seltsame Kraft. Mitchells Abend ist so sinnhaft wie sinnlich. Auf dem Weg allen Fleisches begleiten einen poetische Bilder. Ein kleiner Trost. Aber ein großes Aufrütteln zu einem Niemals Wieder.

Wien, 1. 8. 2014

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