Schauspielhaus Wien: Noch ein Lied vom Tod

Januar 11, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Poesie und Brutalität im Plattenbau

Steffen Höld, Florian von Manteuffel, Simon Zagermann Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Steffen Höld, Florian von Manteuffel, Simon Zagermann
Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Das Personal ist da: der Barkeeper, der Gambler, die Saloonschönheit, der (in dem Fall die) Leichenbestatter(in), der Sheriff mit dem dunklen Geheimnis, das erst knapp vor Ende enthüllt wird, Tumbleweed, dazu immer wieder das musikalische Motiv von „Cheyenne“ Jason Robards. Und verwahrloste Kinder. „Noch ein Lied vom Tod“ heißt das Stück von Juliane Stadelmann, das nun in der Regie von Daniela Kranz am Schauspielhaus Wien uraufgeführt wurde. Zum Glück eine Western-Farce (weil’s sonst nicht zum Aushalten wäre), für die Sergio Leone der Pate war. Und doch viel mehr. Eine wahre Geschichte. 1999 entschied in Frankfurt an der Oder eine junge Mutter 14 Tage lang mit ihrem neuen Lover um die Häuser zu ziehen. Ihre zwei- und dreijährigen Söhne ließ sie zu Hause zurück. Im Plattenbau. Sie haben geweint, sie haben geschrien, die haben mit Löffeln auf Türlinken getrommelt. Im Plattenbau ist es laut, da hören die Nachbarn weg. Als man sie fand waren – so Frau Tod – ihre Knie das Dickste am Körper, ihre Leichenflecken durch das Sofa gesickert. Die Geschichte ist topaktuell, egal, ob einen die Mutter im Stich lässt oder Vater einen „versehentlich“ mit kochend heißem Duschwasser tötet.

Die Grausamkeit treibt es mit dem Schicksal wie eine wilde Hure und bringt sich dabei selbst um den Verstand.

Hans-Gratzer-Stipendiatin  Stadelmann hat einen großartigen Text verfasst, der zwischen Poesie und Brutalität changiert. Und durchaus – so paradox es klingen mag – sehr zum Lachen ist. Zum Schluß folgt noch ein Cut, in dem das mutmaßliche Sterben der Kinder veranschaulicht wird, dass einem übel wird. Eine interessante, intelligente, in Summe gewaltige Leistung. Daniela Kranz fackelt dazu ein Ideenfeuerwerk wie funkensprühende Sporen ab. Kranz‘ Bühnenbild ist ein schiefgelegter Plattenbau. Balkone wie Erdlöcher, aus denen die Protagonisten auftauchen. Gleichzeitig der Ex-DDR-Kiosk, an dem an sich mit Hochprozentigem abfüllt. Alles und alle sind hier sehr cool. Eine Überlebensstrategie.

Im Mittelpunkt der Handlung steht Sheriff/Kommissar Udo in Person von Florian von Manteuffel, der inmitten von „nur Kindern und Mördern“ versucht, das Unbegreifliche zu verstehen. Hans, der Kioskbetreiber oder Barkeeper, dargestellt von Steffen Höld, sieht das alles lakonisch. Leben geht und Leben kommt. So wie seines, das einem Riesenkaktus zum Opfer fällt. Das Personal ist wie einer Realitysoap à la „Frauentausch“ entliehen. Wenn man glaubt, tiefer geht’s nicht mehr, kommt von irgendwo ein Treppchen nach unten her … Barbara Horvath ist eine wunderbar naive Nachbarin Nadine, die gaaar nichts weiß, außer, dass man „Draußen“ mit Pavillon und Büschen irgendwas tun sollte, damit was auch immer neu wird. Und die ganz nebenbei den Kommissar verführt. Johanna Tomek ist als Clara die daueralkoholisierte Bestatterin, die whiskytrunken zu jeder Tages- und Nachtzeit die Anektdote parat hat, wie sie eine Ratte mit dem Fahrrad überrollt hat. Once Upon a Time in the East. Sie wird die Buben schließlich in ihrem großen Wagen abholen – und weil sie am Baumarkt vorbei kommt, den Pavillon gleich dazu – ihnen den Mund zunähen, die Haare neu kämmen und etwas Rouge auflegen. Tote müssen schön sein. Johanna Tomek ist Dreh- und Angelpunkt des Abends. Simon Zagermann will als kleiner Tom – mit Melone und Ass in der Hutkrempe – nur erwachsen werden, um dem Plattenbau-Schicksal zu entgehen.

Die Helden des Abends sind aber Martin Vischer und Gideon Maoz als Tackenförster und Ottenzwerg. Zwei Buben, die im Fall „recherchieren“, voller Angst, der Sandmann also das Einschlafen in der metallicaartigen Auslegung „Enter Sandman“, könnte ihnen auf den Fersen sein. Rotztrotz- und dreckverschmiert soll ihnen das Schutzhüllenwort „Arschloch“ gegen jedes und jeden Sicherheit bieten. Doch die Wohnungstür fällt zu. Sind es die gleichen Buben? Oder andere? Noch mehr Tote.

Namenlose. Mundharmonikathema. Ende. Krass, wie die Buben sagen würden.

Theater, das in mehr als einer Beziehung unglaublich ist.

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Wien, 11. 1. 2014

Schauspielhaus Wien: Johnny Breitwieser

November 29, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Verbrecher-Ballade aus Wien

Martin Vischer, Thiemo Strutzenberger Bild: © Robert Polster / Schauspielhaus

Martin Vischer, Thiemo Strutzenberger
Bild: © Robert Polster / Schauspielhaus

Es ist der Text des Jahres. Dramatiker Thomas Arzt hat mit „Johnny Breitwieser. Eine Verbrecher-Ballade aus Wien“ schon einen spannenden Lesestoff erdacht. Wiewohl das Ganze auf einer wahren Geschichte beruht. Ein Glück für das Publikum im Schauspielhaus Wien, das das Stück zur Uraufführung brachte, dass noch niemand an eine Verfilmung dieser Unglaublichkeit dachte. Nun wäre die Zeit dafür. Nachdem Komponist Jherek Bischoff und Regisseur Alexander Charim Arzts Vorlage noch spannender gemacht haben.

Johann Breitwieser wurde in die stad schauende Welt vor dem Ersten Weltkrieg geboren. 1891, als sechstes von 16 Kindern. Der vorstädtischen Elendsbevölkerung diente der „Eisenschlitzer“, heißt: Tresorknacker, bald für Mythen und Legenden. Einer der ihren war zum König von Wien aufgestiegen, nahm’s den Reichen (deren Frauen er’s auch besorgte) und gab’s den Armen. Filzschuhe hat er gestohlen und Brot. Aber nicht nur. Er, der sich um den Frontdienst drückte, lieber als einer mit nervösem Tick nach Steinhof ging – und natürlich ausbrach (16 Mal soll ihm das insgesamt gelungen sein), nahm sich auch der Nobelvillen und Ringstraßenwohnungen an. Nach einem Coup in der Hirtenberger Waffen- und Munitionsfabrik, bei dem er eine halbe Million Goldkronen erbeutete, zog er sich samt Familie ins Landleben zurück. Gemüsebeete in St. Andrä-Wördern. Er wurde verraten und 1919 erschossen. Je nach Quelle sollen 8000 bis 40.000 Menschen seinem Leichenzug durch Wien gefolgt sein.

Arzt und Charim verbieten sich nun jede Sozialromantik. Der eine hat einen Kunstdialekt aufgeschrieben, auch ohne Meidlinger Llll eine desaströse Sprache. Hat zwei allegorische Figuren eingeführt, die verkrüppelte Luise (Nicola Kirsch) als Johnnys „Volk“, Greta (Katja Jung) als wohlhabende In-regelmäßigen-Abständen-Witwe, als deren Tröster sich Breitwieser immer wieder gerne einfindet. Selbst bei ihrer späteren Erwürgung kann sie noch ganz Zicke sein. Als könne dem Kapital keiner die Luft abschnüren. Charim ließ von Ivan Bazak dazu kein Bühnenbild bauen, sondern eine bewegliche Schnürlvorhangwand, ein „Shimmering Beast“ wie von Nicolas Field, die Töne spuckt. Für die aber tatsächlich das Streichquarett Ensemble Lux und Schlagzeuger Mathias Koch unter der Leitung von Belush Korenyi zuständig sind. Moderne Moritaten und Protestgesänge, Weill es so schön zum Thema passt, lässt Bischoff die Schauspieler anstimmen. Aber auch lateinamerikanische Rhythmen und ein von Gideon Maoz vorgetragenes sehr wienerisches Lied vom Leichenzug. Und einen Ersten-Welt-Krieg-Song à la ancestors of The Andrews Sisters. Und bei wem sich bei Franziska Hackls (als Johnnys große Liebe Hure Anne) flehendlichem „Gib‘ mir dein Herz“  innerlich kein Taschentuchalarm auslöst, der hat eins aus Erz. Das Schauspielhausensemble spielt und singt – Martin Vischer als Johnny hat diesbezüglich die schönste Stimme – mit einer Intensität, dass es weh tut.

Doch Johnny entsagt sich jeder Sentimentalität. Wie soll man Einbrecher sein, in einer Welt, die einbricht? Wie ein Räuber, wenn die viel größeren Verbrecher an viel höherer Stelle sitzen? Mancher aufgeschweißte Tresor ist leer, das immerwährende Geld anderswo in Sicherheit. Charim arbeitet aus dem Arzt’schen Konvolut einige Konflikte großartig heraus. Da ist der der Brüder im Moor-ast. „Carl“ Thiemo Stutzenberger, Engelmacher, um den Frauen Selbstentscheidung über ihre Körper zu geben, und Marxist verübt die Taten unter dem Überbau einer politischen Theorie. Johnny-Vischer will „im Moment“ leben. Denn mehr gibt es in dieser unsicheren Zeit nicht. Stark ist das, der eine Bruder Gauner mit Herz, der andere Bruder nur Herz. Blutendes Herz. Carl wird im Krieg ein Bein verlieren. Johnny stilisiert sich zum Rächer, der das Leid ins Gute wendet. Er arbeitet hart an seinem Dandy-Image (im Original gibt es ein Polizeifoto, auf dem er sich im edlen Mantel mit aufgestelltem Pelzkragen ablichten lässt). Er will Bobo, Bourgeoisbohemian, sein, lange bevor der Begriff erfunden wurde. Anne flüchtet sich ob aller höchsten Versprechungen längst in Sarkasmus. Höhepunkt ist ein Ball bei Greta, der von Exstase zum Überfall führt. Ein wunderbarer Moment als Polizeioberkommissar Schödl den als Dame der Gesellschaft verkleideten Carl nicht als Mann erkennt und angetrunkene Avancen macht.

Womit man beim Psychoduell der Angelegenheit wäre. Breitwieser hat Schödl (von Arzt genannt „sein Mörder“) einst die Hand zerschossen. Florian von Manteuffel gibt ergo einen Fanatiker auf der Suche nach dem Täter – und den Polizeihund gleich mit. Eine fabelhafte Leistung eines Zerrissenen, der brutal sein will, aber es in der Seele nicht kann. Der im Gefängnis die Nähe, fast die Absolution seines Häftlings sucht. Eine schauspielerische Glanzvorstellung. Wie stets bei Manteuffel mit viel Ironie für die eigene Figur. Er, der nicht zu den „Gründervätern“ des Schauspielhauses gehört, ist so ein Gewinn für die Truppe. Und wird, nachdem ihm Wenzl-Maoz das Versteck verraten hat, Johnnys Kleinbürgerglück – laut Greta reaktionäre Idiotie – mit einer Kugel zerschießen. Der Knall bleibt ungehört. Breitwieser stirbt als Video-Leich‘. Auch das ein kluger Einfall, die Systemgegner nicht auf offener Bühne abknallen zu lassen. Bravo!

Und eine unbedingte Empfehlung. Viel zu wenig hat die Wiener Kultur in all ihren Sparten aus der Perspektive der Armut erzählt. Im Vergleich zu Émile  Zola oder Toulouse-Lautrec oder Jack London oder Horatio Alger. Schnell, es ist Zeit, dass die Funken wieder fliegen. Bevor das Proletariat endgültig tot ist – und nur noch die Proleten übrig sind!

www.mottingers-meinung.at/thomas-arzt-im-gespraech

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Wien, 29. 11. 2014

Schauspielhaus Wien: Hunde Gottes

Oktober 12, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Who killed Bambi?

Gideon Maoz, Florian von Manteuffel, Nicola Kirsch, Katja Jung, Steffen Höld, Simon Zagermann Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Gideon Maoz, Florian von Manteuffel, Nicola Kirsch, Katja Jung, Steffen Höld, Simon Zagermann
Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Um die Persistẹnz österreichischer Dramatik muss man sich keine Gedanken machen. Thiemo Strutzenberger etwa, der das Schauspielhaus Wien schon mit einem Emily-Dickinson-Stück beschenkte www.mottingers-meinung.at/schauspielhaus-wien-queen-recluse/, lud nun zur Uraufführung seines neuen: „Hunde Gottes“. Hollywood und sein Meisterregisseur der 1950er-Jahre, Douglas Sirk, stehen diesmal im Mittelpunkt seines Interesses. Der gebürtige Hamburger, der Rock Hudson groß und Jane Wyman noch größer machte, war DER Magier des Melodrams. Alles larger than life. Mit Taschentuchalarm. Gefühlvoll geschilderte Frauenschicksale. An der Kinokasse wie bei den Kritikern geliebt. Rock Hudson als Gärtner, der die reiche Witwe vergöttert, oder „Solange es Menschen gibt“, eine zurückhaltende Studie über Rassenvorurteile und die Unfähigkeit, Gefühle und Karriere zu vereinen, „Zeit zu leben und Zeit zu sterben“, das war’s, was die Leute sehen wollten.

Stutzenberger wäre aber nicht Thiemo, würden seine Figuren einfach Dick, Tom und Harry heißen. So begibt er sich namenstechnisch ins italienische Frühmittelalter und nennt die Rollen:

Dante Alighieri (Dichter und Philosoph, Verfasser der „Göttlichen Komödie“ /angestellter Architekt, der, weil er im Krieg Himmel und Hölle durchwanderte, einen Kameraden, mit dem ihn eine besondere Art Liebe verband, in Fetzen gerissen sah, die Kleider einer italienischen Witwe – eigentlich gehört die schwarze Abendgarderobe seiner Frau – trägt). Betty Alighieri (Beatrice / Schauspielstar, liebte in Abwesenheit des Gatten den Gärtner). Leonardo (da Vinci / Sohn des Hauses, der sich neben seinem Collegestudium im Rotlichtmilieu halbnackt um Stangen schlängelt. Er wird im Laufe des Stücks erfahren, dass er der Sohn des Gärtners ist.). Francesco Petrarca (Dichter und Mitbegründer des Humanismus / Architekt und Dantes Vorgesetzter. Er will Laura, sein Pygmalion-Projekt, heiraten.) Laura (verheiratete Liebe Petrarcas, Quelle seiner Inspiration, starb an der Pest / Tochter des Gärtners, Prostituierte, will bei Petrarca an Bildung abgreifen, was geht.) Mr. Deagan (Gärtner, von Dante im Wahn für seinen doch noch heimgekehrten Kameraden gehalten / der einzige historisch greifbare war ein William Francis, Army-Major und Architekt, Demokrat in New York unterm korrupten Bürgermeister „Beau“ Jimmy Walker, für den er Stadtumgestaltungen vornahm / weiterführende sachdienliche Hinweise erbeten.)  Auf diese erquickende Verqickung von „U“ und „E“ sei er gekommen, sagt Strutzenberger im Interview, weil in Florenz auf jedem Bierdeckel Dante stehe.

Womit auch schon viel von der Handlung erklärt ist. Es geht um Sodomie. Jenes christliche Konstrukt für sündiges, angeblich widernatürliches Sexualverhalten, das nicht der Fortpflanzung dient, nicht zu verwechseln mit Zoophilie, sondern einfach verbotene, weil von der Gesellschaft nicht akzeptierte Liebe, die in manchen Ländern bis in die Neuzeit mit dem Tode bestraft wurde. Es geht um die Suche nach dem Selbst und das Nicht-mehr-bei-sich-Sein, wenn man es nicht findet. Oder doch findet. Es geht um die wie Leonardo gefallene kosmische Ordnung und – haha, der vitruvianische Mensch – um die Architektur des Leibes und der Seele, wenn Eros alle Grenzen wegwischt. Es geht darum, dass die große Tragödie nicht für die Mittelklasse erfunden wurde, sondern für sie das Melodram. Mit all seiner Aufrichtigkeit und all seinem Sentiment; nur die Ernsthaftigkeit zum letzten Schritt bleibt ihm unter Geigengewimmere versagt. Am Ende und am Ende, es gibt nämlich einen Schluss und einen Filmschluss, liegt ein Ermordeter auf der Bühne. Und weil das jetzt nun mal wirklich nicht sein muss, verkleidet er sich schnell als Reh – eine Re­mi­nis­zenz an Sirks „Was der Himmel erlaubt“.

Nach Ende des Einführungsunterrichts kann nun gesagt werden: „Hunde Gottes“ ist ein Abend zum Lachen. Von einer zeitgereisten Ironie, die sich Sirk stets verbeten hat. Ganz großes Kino. Gefühlsecht. Im Bühnenbild von Johannes Weckl – ein Garten mit diesen unbequemen 50er-Jahre-Gartenstühlen, durch deren kunterbunte Schnürungen meist früher als später der Popo rutschte, mit halbem Davidshaupt, mit angedeutetem Innenraum, dessen Vorhang als Leinwand dient – inszeniert Barbara Weber temporeich, mit Sinn für Slapstick in dem Sinne, dass ihr die Situationskomik immer in den tragischsten Momenten auskommt. Wie’s einem eben so geht, wenn man die alten Schinken wiedersieht. Da leidet der Held, während man schon vom Sofa fällt, weil so heute niemand mehr … Strutzenberger legt seinen Geschöpfen Halbsätze in den Mund. Die ganze Wahrheit wäre wahrscheinlich zu schwer auszusprechen. So mäandern sie von Handrücken-an-die-Stirn-haltend zu trivial-lakonisch. Größte Peinlichkeiten werden zu Allgemeinplätzchen verkleinert. Ein großartiger Text, der aber erst durchs Spiel des wie immer hervorragenden Schauspielhaus-Ensembles seine volle Kraft entfaltet.

Katja Jung ist als Betty ganz Hollywood-Diva. Visconti will mit ihr drehen, da kann rundherum die Welt aus den Fugen geraten. Die Jung „schmiert“ und outriert, dass es eine Freude ist. Gibt einerseits die Egomanin, andererseits die mit dem größten Besen zum Unter-den-Teppich-Kehren. Nur kein Skandal, der dem Image schadet. Und doch wird sie sich später als die beste Mutter erweisen, als wär’s die Rolle ihres Lebens. An Überkandideltheit kann ihr nur Steffen Höld als Dante das Wasser reichen. Noch „normal“, als er seinen Vorgesetzten zum Dinner lädt, obwohl ihm vor dessen Architekturausführungen graut, steigert er sich in einen Furor, der seinesgleichen sucht. Und ist als vedova ernsthafte Konkurrenz für Silvana Mangano in Camerinis „Ulisse“. Gideon Maoz als missratener Sohn ist ein eiskalter Todesengel. Es gilt Leonardos Gesetz. Die Reibungskraft ist unabhängig von der Grösse der Auflage. Der Gärtner muss weg. Florian von Manteuffel spielt einen jovialen Petrarca, der nicht versteht, warum rund um ihn alle so … aber wirklich interessiert es ihn nicht, so lange er darüber philosophschwafeln kann, BevHills in ein Neo-Florenz umzugestalten; dabei ist er optisch vom Stetson über die protzige Gürtelschnalle bis zu den Stiefeln der Parade-Ami. Nicola Kirschs „Laura“ hält alles und jeden auf Distanz. Das Misstrauen in Person. Um nichts gefühlswärmer als Leonardo. Ihr Vater Deagan (Simon Zagermann) hingegen ist die gutmütige Seele, ja Ma’am, danke Ma’am, wie es sich für einen Bediensteten anno anno gehört.

Am Abend von Bettys Filmpremiere sind die Pulverfässer längst an ihren Plätzen, die Lunte gezündet. Alle sind jetzt noch künstlicher, künstlerisch wertvoller. Die Geschichte läuft noch einmal ab. In Technicolor, Großleinwandformat. Wer dachte, mehr geht nicht, weiß nun: Mehr ist mehr. Und das wollen wir auch: Mehr Schauspielhaus, mehr Strutzenberger, mehr … Drama des Exzess‘. Ach ja, der Titel. „Hunde Gottes“ führt wieder ins Florenz des 15. Jahrhunderts zurück, ist wörtlich übernommen von den Dominikanern, die die Inquisition ein- und durchführten, weil sie sicher wussten, was falsch und was richtig ist, gottgefällig, und deshalb ihren heftigsten Bußprediger, Savonarola, auf den Scheiterhaufen schickten.

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Wien, 12. 10. 2014

Theater in der Josefstadt: Die Schüsse von Sarajevo

April 4, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Erwin Steinhauer und Julia Stemberger brillieren

als verzweifelt Liebende in Zeiten des Krieges

Erwin Steinhauer (Leo Pfeffer), Josef Ellers (Gavrilo Princip, in Handschellen), uniformierte Statisten Bild: © Sepp Gallauer

Erwin Steinhauer (Leo Pfeffer), Josef Ellers (Gavrilo Princip, in Handschellen), uniformierte Statisten
Bild: © Sepp Gallauer

Regisseur Herbert Föttinger lässt seinen Abend mit den Jugoslawienkriegen Ende des 20. Jahrhunderts beginnen. Zerfall, Tod, der Mensch lernt nicht aus der Geschichte. Mitten drin, aus der Zeit gefallen, Erwin Steinhauer als Leo Pfeffer, der einen Feldpostbrief an seine Geliebte Marija Begovic‘, Julia Stemberger, schreibt. Die Donaumonarchie hat sich am Untersuchungsrichter bitter gerächt, weil er nicht die gewünschten Geständnisse brachte. Das Ende ist der Anfang. Die Front.

Föttinger inszeniert (im Gefängnisbühnenbild von Walter Vogelweider, das gleichzeitig Wohnung und Büro ist) nüchtern, kühl, sachlich. Es geht auch nur um eine Sache: der serbischen Regierung die Täterschaft am Attentat auf das österreichische Thronfolgerpaar nachzuweisen. Das kann Pfeffer im juristischen Sinne aber nicht. Atemlos rasch werden ihm die Verdächtigen vorgeführt: Gavrilo Princip (Josef Ellers), Nedeljko Cabrinovic‘ (Alexander Absenger), Danilo Ilic‘ (Matthias Franz Stein), Kaffeehausrevoluzzer, Provokateure, drei „dumme Buben“, die man für die Kriegshetzerei verheizt hat. Ilic‘, der einzige Volljährige, der Lehrer, wird Glück gehabt haben, er wird durch Erhängen am Würgegalgen hingerichtet. Cabrinovic‘ und Princip, die minderjährigen Studenten, lässt man bei 20 Jahren schwerem Kerker bei lebendigem Leib verfaulen. Bei Princip stimmt das tatsächlich: ein abgetrennter, toter Unterarm wird ihm einfach mit Draht am Ellenbogen befestigt.

All das zeigt die Uraufführung „Die Schüsse von Sarajevo“ von Milan Dor und Stephan Lack nach Motiven des Romans „Der letzte Sonntag“ von Milo Dor nicht. Es sollte nur einmal festgehalten werden. Die Autoren zeigen die Überheblichkeit eines Systems, das sein eigenes Sterben noch nicht erkannt hat, Dilettantismus gepaart mit Brutalität. Iwasiuk, Polizeichef von Sarajevo, Toni Slama, lässt gern foltern. Mit ihm wiehern die Amtsschimmel Gerichtspräsident Chmielewski, Heribert Sasse, Franz Graf von Harrach, Adjutant des Thronfolgers, Alexander Strobele, und Außenministeriumsbeamter Wieser, Michael Schönborn. Ein Quartett des Grauens. Wie immer erweist sich die Josefstadt (mit dabei: Eva Mayer als Kellnerin, Peter Scholz als Chauffeur, David Jakob als Gerichtsschreiber) als ausgezeichnetes Ensembletheater. Auf der Seite der Guten eigentlich nur Siegfried Walther als Arzt Dr. Sattler, der als Figur mittelprächtig naiv eine fabelhafte Leistung abliefert.

Steinhauer gibt sich am Anfang noch süffisant, selbstgefällig, aufmüpfig. Meine Herren, so kann Gerechtigkeit doch nicht funktionieren. Gerechtigkeit? Den Verdächtigen gegenüber ist er streng, aber korrekt, verbietet sich blutige Köpfe und zerschlagene Rippen. Er ist ein moderner Profiler, der sich Gedanken notiert und überprüft, die Sätze der Aufwiegler über ein neues Jugoslawien, ihre politischen Ideen, mit Kreide an die Wand schreibt, bevor er sie als Jubeldepesche nach Wien schickt. Doch: Cherchez la femme! Seine Marija und vor allem ihr Sohn Miloš sind so unschuldig vielleicht nicht, heißt: so weit weg von den serbisch-nationalistischen Ideen. Stemberger lässt in grandiosen Szenen die Rebellin durchblitzen, die Österreich-Hasserin, eine geheimnisvolle Frau, motiviert durch die Verhaftung ihres Kindes. Ist sie anfangs noch neckisch-verliebt, überredet Pfeffer zum Liebesspiel, wofür er den Thronfolgerempfang sausen lässt, wird sie zunehmend verbittert und hart.

Das bringt Pfeffer/Steinhauer in Zugzwang. Und zu einer außerordentlichen schauspielerischen Leistung. Die Emotionen brechen durch. Der Pokerspieler sucht die Asse in seinen Ärmeln. In dieser neuen Welt muss man zu seinem eigenen Vorteil handeln. Und Pfeffer glaubt eine Möglichkeit zu finden. Man will ihn erpressen, einen abschließenden Bericht an den Kaiserhof zu unterzeichnen. Da wird er selbst zum Erpresser. Zu der Art Schurke, die er niemals werden wollte. Miloš wird freigelassen – und sofort eingezogen.

Die vorletzten Worte hat Gideon Singer als Rabbi: Es gibt keine ganze Wahrheit außer der des Todes. Die letzten Worte sind ein Brief von Marija: „Lieber Leo, komm‘ gesund aus dem Krieg zurück …“

www.josefstadt.org

Trailer: www.youtube.com/watch?v=c8uAR101ulA&feature=youtu.behttp://youtu.be/c8uAR101ulA

www.mottingers-meinung.at/erwin-steinhauer-im-gespraech

www.mottingers-meinung.at/herbert-foettinger-im-gespraech

Wien, 4. 4. 2014

Schauspielhaus Wien: Allerwelt

März 26, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Jeder flüchtet in seine Wirklichkeit

Steffen Höld Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Steffen Höld
Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Phillipp Weiss, in dieser Spielzeit Hausautor am Schauspielhaus Wien, ist kein Dramatiker für den Elfenbeinturm. Er ging hinaus in die Simmeringer Pampa, Macondo, eine Flüchtlingssiedlung, die 1956 auf dem Grundstück eines Kasernenbaus aus dem Ersten Weltkrieg errichtet wurde und in der derzeit fast 3000 Flüchtlinge aus 22 Nationen leben. Viele, die diesen Ort nur als Zwischenstation sahen, sind bis heute dort geblieben. Flüchtlinge von aktuellen Kriegsschauplätzen treffen hier auf Menschen, die in Macondo seit den 1950er Jahren leben. Phillipp Weiss hat sich dorthin auf Recherche begeben.

Und nannte das Stück, das daraus entstand „Allerwelt“. Eine Collage an Geschichten, an Weltentwürfen, an Gedankenkosmen. Jede Figur lebt hier in ihrem eigenen. Die Schicksale hat er zeitlich verortet. Ungarn 1956. Prag 1968. Chile 1969. Somalia 1974. Kabul 1984. Ein Vater von sechs Töchtern wollte ein besseres Leben für sie. Bagdad 2003. Durch die Siedlung geht die Figur Mila Katz (Nicola Kirsch), eine Art Alice in Allerwelt, begleitet von einer Katze. Inmitten der Menschen, die ihre Identität auf dem Weg liegen gelassen haben, sucht sie die ihre. Sucht ihre Wurzeln, Heldenhaftes und Tragisches ihrer Ahnen – und wird natürlich nicht fündig werden. Logisch, den die Bewohner unterscheiden sich durch Schicksal, Sprache, Herkunft, Kultur, Ideologie. Sie teilen nichts, außer der Erfahrung Flüchtling zu sein, am äußersten Stadtrand des elften Hiebs, umschlossen von Wellblechmauern, vergleichbar einem Gefängnis. Oder einer Nervenheilanstalt (Bühnenbild: Janina Audick – ein Drehwürfel mit Einblicken und Livekamera). Denn es gibt einen Gerichtspsychiater – zu ihm später …

Regisseur Pedro Martins Beja hat für Weiss‘ Fantasie viele Sprachen gefunden. Für diese biblischen Biografien, für diese alttestamentarischen Ahnenreihen. Da ist zunächst Gaspar (Steffen Höld wie immer fantastisch), der Grenzer, der mit bärbeißigem Akzent erzählt, wie er nach einem Saufgelage in Österreich nicht mehr nach Hause konnte. Er kennt Allerwelt noch als malerische Auenlandschaft, grub Brunnen, pflanzte Gemüse und Bäume. Heute ist er arbeitslos, die Brauerei hat ihm immerhin noch ein paar Kisten Bier spendiert. Die wunderbare Katja Jung sitzt als Tereza wie eine tschechische Carmen im knisternden Abendkleid an der Holzhüttenwand. Sie war mal Gaspars Geliebte. Der Iraker Naseer (Gideon Maoz) hat den Jugendslang darauf und verachtet den aus Istanbul verprügelten transsexuellen Yasar (Simon Zagermann). Fatima (Veronika Glatzner) ist mit ihren Zwillingen aus Somalia geflohen und steht nun in Allerwelt wieder auf der Straße: „Wenn heute genauso Probleme sind, wenn alles erinnert, wenn wir einen Fluchtvirus haben. Wie soll einer weiterleben?“ Der chilenische Revolutionär Guillermo (Florian von Manteuffel) reagiert auf diese Erfahrung, indem er die alte, längst nicht mehr existierende Wirklichkeit glorifiziert. Er geht ins zweite, ins innere Exil. Ebenso wie die geheimnisvolle Malalai (Barbara Horvath), die ein Schild um den Hals trägt: Ich habe Angst vor Uniformen. Und deren Glieder im Maschinentakt der Band Portishead zucken. Tatatata. Tatatata. Eine tadellose Ensembleleistung.

Einen roten Schmetterling wählte Beja als Symbol für Freiheit. Fürs Fliegen. Doch Schmetterlinge haben ein kurzes Leben. So ist Allerwelt träge Realität, eine Kommune mit allem Für und Wider. Organisierte Anarchie. Weiss/Beja zeigen, wie unter Flüchtlingen Feindbilder entstehen, wie Arbeitslosigkeit, Not zu Illegalität führt. Und rechten Parolen (das zeigen sie nicht, das ist nicht ihr Auftrag). Die Langeweile wird mit Überlebensspielen totgeschlagen. Und damit, dass man sich wieder und wieder die gleiche, eigene Story erzählt. Und Würde. Die gilt es zu bewahren. Denn der Psychiater will’s ganz genau wissen: Wie oft wurden Sie missbraucht? Können Sie die Wunden zeigen? (Zu Yasar:) Wann haben Sie entdeckt, dass Sie abnormal sind? Geht da nicht die Fantasie mit Ihnen durch? Wo man den Fuß hinsetzt, tritt man auf ein Stück Geschichte. Doch der Gutachter ist ein Abschieber. Der Blick von außen ist Gewalt.

Philipp Weiss: „Unter Innenministerin Maria Fekter wurde das frühere, zu diesem Zeitpunkt aber bereits leerstehende „Integrationshaus“ im Inneren der Siedlung Macondo umfunktioniert. Aus dem „Integrationshaus“ wurde ein „Abschiebezentrum“. Eine zynische Wendung. „Flüchtlinge“, so die brachiale Logik, sollten zu „Flüchtlingen“ kommen, dann habe alles seine Ordnung. An diesem isolierten Ort muss niemand die unbeliebten Abschiebungen mit ansehen. Besser gesagt. Allein diejenigen, die selbst oftmals durch ihre Flucht traumatisiert sind und nun tagtäglich vor Augen  haben, wie es ihnen ergehen könnte. Die Nähe zum Flughafen spricht klar für den Standort.“

In „Allerwelt“ wölbt sich der Himmel noch über alle. Man hätte es niemals vergessen sollen, manche haben’s getan. Philipp Weiss weißt wieder daraufhin: Ein Mensch ist ein Mensch ist ein Mensch …

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Wien, 26. 3. 2014