Volksoper: Gasparone

Juni 3, 2018 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Inszeniert mit ironischem Augenzwinkern

Sebastian Geyer als „Der Fremde“. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Sehr schwungvoll und sehr Wienerisch geriet der „Gasparone“ an der Volksoper. Da darf die Garde des Bürgermeisters angetan als heimische Polizisten Strafzettel ans Publikum verteilen, ebendieser Nasoni den Spritzwein ordern und ordentlich Dialekt gesprochen werden. Regisseur Olivier Tambosi hat sich für die 1931-Fassung des Millöcker-Werks entschieden, mit allen Hits von „Denk ich an dich, schwarze Ninetta“ über „Er soll dein Herr sein! Wie stolz das klingt!“  bis „Nur Gold will ich haben und Edelgestein“, inklusive des größten Schlagers „Dunkelrote Rosen, bring’ ich, schöne Frau“, der ja ursprünglich aus der „Diana“ stammt.

Tambosi setzt damit auf eine Zeit in der das Singspiel in der Bearbeitung von Ernst Steffan und Paul Knepler schon zur Revueoperette mutiert war. Dem Rechnung tragend zeigt sich das Ensemble tanzfreudig, weder Solisten noch Chor stehen kaum eine Minute still, und das Volksopernorchester unter der musikalischen Leitung von Andreas Schüller, der für ein Lied des Bürgermeisters sogar die Bühne erklimmt, um dort Klavier zu spielen, zeigt dazu, was es kann – von Walzer über Tarantella bis Tango.

Die Inszenierung mit ironischem Augenzwinkern ist ein über weite Strecken würdiger Abschluss einer gelungenen Saison. Der Inhalt: Im beschaulichen Städtchen Trapani hat sich’s jeder gerichtet. Der korrupte Nasoni versucht eine profitable Ehe zwischen der reichen Witwe Carlotta und seinem Nichtsnutzsohn Sindulfo zu stiften. Wirt Benozzo ist gleichzeitig Chef einer Schmugglerbande und nur in Bedrängnis, wenn seine Frau Sora Liebesdienste von ihm erwartet. Benozzo war es auch, der die Legende vom Räuberhauptmann Gasparone in Umlauf gebracht hat, so ein Superschurke kommt ihm gerade recht, um die eigenen Vergehen zu vertuschen. Da steht eines Tages ein Fremder auf dem Hauptplatz. Ist er der böse Geist, den man einmal zu oft beschworen hat? Unruhe macht sich breit. Vor allem, als sich herausstellt, dass der Unbekannte nicht nur die Umtriebe durchschaut, sondern sich auch in Carlotta verliebt hat …

Christian Graf als Luigi, Marco Di Sapia als Benozzo, Gerhard Ernst als Baboleno Nasoni. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Gerhard Ernst mit Mara Mastalir als Carlotta und Johanna Arrouas als Sora. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Bühnenbildner Andreas Wilkens hat dafür eine Hügellandschaft erdacht, die mal mit Teppichen, mal mit Zeitungsschlagzeilen ausgelegt ist. Das erste Bild ist eine Bettenburg, in der die Bewohner Trapanis unsanft aus dem Schlaf gerissen werden, später gibt’s Strand, Mond und ein Motorboot, das in den Himmel entschwebt. In dieser Kulisse begeistert vor allen anderen Gerhard Ernst als Nasoni. Ernst stellt einen Politikerschlingel erster Güte auf die Bühne, weiß im richtigen Moment zu rühren, dann wieder das Publikum zum Lachen zu bringen. Herrlich die Verhörszene mit Carlotta und Sora, in der er – ganz Klischee des hiesigen Beamten – erst einmal die Brotzeit auspackt, bevor’s ans Eingemachte geht.

Ihm in nichts nach stehen Marco Di Sapia als Benozzo und Johanna Arrouas als Sora. Die beiden geben ein temperamentvolles Buffopaar, das nicht nur darstellerisch, sondern auch stimmlich überzeugt. Christian Graf als Luigi ist auf dem besten Wege, ein neuer Publikumsliebling am Haus zu werden. Dass gegen dieses Quartett, das auch den meisten Applaus bekam, schwer anzukommen ist, musste das erste Paar, Mara Mastalir als Carlotta und Volksopern-Debütant Sebastian Geyer als Fremder, erfahren.

Doch während Mastalir ihre Partie noch ordentlich erledigte, blieb Geyer, obwohl in mephistophelisches Rot gewandet, in jeder Hinsicht blass. Und ziemlich schwer verständlich. Auch David Sitka als Sindulfo schaffte es nicht wirklich, aus seiner prinzipiell dankbaren Rolle etwas zu machen. Alles in allem aber ist dieser „Gasparone“ ein Gute-Laune-Abend, bei dem man sich zum letzten Mal in dieser Spielzeit gepflegt unterhalten kann. Jetzt heißt es abwarten, was die nächste bringt.

www.volksoper.at

  1. 6. 2018

10 Jahre Theater a.d. Wien: José Carreras singt „El Juez“

September 22, 2015 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

„Dreigroschenoper“ mit Angelika Kirchschlager und Tobias Moretti, Nikolaus Harnoncourt dirigiert „Fidelio“

Bild: Theater an der Wien

Bild: Theater an der Wien

Im Jänner 2016 feiert das Theater an der Wien mit drei hochkarätig besetzten Opernaufführungen sein zehnjähriges Bestehen als Opernhaus. Intendant Roland Geyer präsentierte am Dienstag das Programm: Den Auftakt macht die Premiere von Bert Brechts und Kurt Weills „Die Dreigroschenoper“ am 13. Jänner in einer Inszenierung von Keith Warner mit Tobias Moretti als Mackie Messer, Angelika Kirchschlager und Florian Boesch als Ehepaar Peachum und Anne Sofie von Otter als Spelunkenjenny. Es folgen zwei Festkonzerte: Am 17. Jänner steht Beethovens „Fidelio“ unter der musikalischen Leitung von Nikolaus Harnoncourt mit seinem Concentus Musicus Wien und den Solisten Michael Schade, Juliane Banse und Anna Prohaska auf dem Jubiläumsspielplan. Mozarts Oper „Idomeneo“ gelangt am 22. Jänner unter der musikalischen Leitung von René Jacobs mit dem Freiburger Barockorchester zur Aufführung.

Mit einem außergewöhnlichen szenischen Sonderprojekt, der Oper „El Juez“ von Christian Kolonovits mit Opernsuperstar José Carreras in der Titelpartie, wird der Jubiläumsspielplan des Theater an der Wien am 2. und 5. Juli 2016 erweitert. Kolonovits behandelt in seiner Oper ein dunkles Kapitel spanischer Geschichte: Zur Zeit der Franco-Diktatur wurden nicht regimetreuen Eltern ihre Kinder weggenommen, um sie in Klöstern und anderen Einrichtungen umzuerziehen. Die Kirche, die federführend an der Entführung der Kinder beteiligt war, weigert sich bis heute, Aufzeichnungen und Informationen über die wahre Identität der „verlorenen Kinder“ preiszugeben – ein Konflikt, der die spanische Gesellschaft immer noch spaltet. Zwei Jahre war Kolonovits mit der Komposition seiner Oper beschäftigt, in der er mit der Librettistin Angelika Messner der Frage nach Recht und Unrecht und nach persönlicher Entscheidungsfreiheit nachgeht. Die bejubelte Uraufführung von „El Juez“ fand im April 2014 in Bilbao statt.

Die Rolle des Richters Federico Ribas wurde José Carreras, der mit ihr nach achtjähriger Absenz auf die Opernbühne zurückkehrte, auf den Leib geschrieben: „Meine Familie war stets gegen General Franco. Sie waren Republikaner und alles andere als rechts gerichtet. Zu Hause hörte ich meinen Vater und meinen Großvater über den Krieg sprechen und wie es in der Zeit vor Franco war. Deshalb ist dieses Thema so wichtig für mich“, sagt Carreras im Pressegespräch und erklärt über seine Rolle: „,El Juez‘ ist zwar eine zeitgenössische Oper, sie ist aber alles andere als atonal – es gibt wundervolle Melodien zu singen, Soli und Duette, und tolle Szenen zu spielen. Ich bin überglücklich, dass ich in ‚meinem‘ Wien in dieser Oper auf der Bühne stehen kann!“

Der Kartenverkauf für „El Juez“ startet am 22. September um 12 Uhr an der Tageskasse des Theater an der Wien, zeitgleich mit dem Onlineverkauf auf der Website

www.theater-wien.at

„El Juez“ zum Reinhören: Premiere im Mariinsky: www.youtube.com/watch?v=GWQ8Osqcmbs

Wien, 22. 9. 2015

Theater an der Wien: Hans Heiling

August 18, 2015 in Klassik, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Saisonstart mit Anne Frank und einem Erdgeist

Bild: Theater an der Wien

Bild: Theater an der Wien

Das Theater an der Wien startet mit der romantischen Oper „Hans Heiling“ von Heinrich Marschner in die neue, seine zehnte, Opernsaison. Premiere ist am 13. September. Intendant Roland Geyer selbst inszeniert, Constantin Trinks dirigiert. Michael Nagy singt den Hans Heiling, Katerina Tretyakova seine Braut Anna, Angela Denoke ist die Königin. Mit dem ORF Radio Symphonieorchester Wien und dem Arnold Schoenberg Chor.

Hans Heiling möchte der vereinnahmenden Liebe seiner Mutter entkommen und zieht in ein Dorf, wo er sich in Anna verliebt. Für sie ist er bereit, sein Leben völlig zu ändern. Annas Mutter ist von Heilings teuren Geschenken angetan und ermutigt ihre Tochter, den Fremden zu heiraten. Allerdings fühlt sich die junge Frau in Gegenwart des geheimnisvollen und besitzergreifenden Mannes nicht wohl. Sie hat noch einen anderen Verehrer: den feschen Konrad. Heiling beansprucht seine Braut stets für sich. Er scheut die Gesellschaft der Dorfgemeinschaft und will nicht, dass Anna auf einem Fest tanzt. Heilings Mutter sucht Anna auf, enthüllt das wahre Wesen ihres Verlobten – er ist ein Erdgeist aus der Unterwelt – und bedroht sie, damit sie von der geplanten Heirat lasse. Anna löst die Verlobung und wendet sich Konrad zu. Heiling entbrennt voll Eifersucht, stellt Konrad und sticht ihn im Streit nieder. Danach lassen ihn seine inneren Stimmen über seine Tat zweifeln. Er wird darüber fast wahnsinnig …

Im Juli 1831 erhielt Heinrich Marschner ein anonymes Libretto zugesandt. Diesen „Hans Heiling“ betitelten Text, der auf einer böhmischen Sage basiert, fand Marschner sofort inspirierend und forschte nach dem Autor: es war Eduard Devrient, Bariton an der Berliner Oper. Binnen eines Jahres war die Komposition fertig, im Mai 1833 kam sie mit grossem Erfolg zur Uraufführung in Berlin – Devrient verkörperte die Titelfigur. Marschner war bereits durch seine Opern „Der Vampyr“ (1828) und „Der Templer und die Jüdin“ (1829) bekannt, „Hans Heiling“ vertiefte sein Ansehen als Nachfolger von Carl Maria von Weber. Das romantische Sagenthema gab Marschner Gelegenheit zu strukturellen Experimenten, er verwendete konventionelle und völlig neue Formen nebeneinander. Einem durchkomponierten Vorspiel folgt die Ouvertüre, in der eigentlichen Oper sind die Nummern teils durch Dialoge, teils durch Rezitative miteinander verbunden. Die musikalische Ausleuchtung von Heilings komplizierter Psyche zwischen Sehnsucht nach Liebe, Eifersucht, Wut und Traurigkeit ist richtungsweisend: Wagner verfolgt diese Ideen mit seinem „Der fliegende Holländer“ weiter.

Saisoneröffnung an der Wien ist am 10. September mit dem Konzert „Das Tagebuch der Anne Frank“. Grigori Frids Monooper wird Strawinskis Suite „L’Histoire du Soldat“ vorangestellt. Es spielen die Wiener Virtuosen unter der Leitung von Leo Hussain.

www.theater-wien.at

Wien, 18. 8. 2015