Angelo

November 8, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der schwarze Mann als Spielzeug des Souveräns

Angelo erzählt dem Kaiserhof eine fantastische Geschichte über Afrikas Fabeltiere und seine mutigen Krieger: Makita Samba. Bild: © Novotny Film

In prächtigen Gewändern steht er gleich einer Puppe auf einem Podest, und eine adelige Gesellschaft lauscht wohlig erschauert seiner Geschichte. Angelo, der Hofmohr, erzählt von einem fantastischen Afrika, von Fabeltieren, mutigen Kriegern und einem Feuer speienden Berg, als wär’s ein Traum von seiner Heimat. Doch aus der ist er schon als Kind verschleppt worden, dem Sklavenschicksal durch eine hochwohlgeborene Dame entronnen, die am Knaben das Exempel der Menschwerdung eines Wilden statuieren ließ.

Verkauft, später auch verschenkt, bringt er es über diverse Fürstenhäuser bis zum Gesellschafter des Kaisers. Und doch bleibt der schwarze Mann nur ein Spielzeug – auch für den Souverän. Dies die Schlüsselszene. Markus Schleinzer erzählt in seinem meisterhaften Film „Angelo“, ab Freitag in den heimischen Kinos, vom Schicksal des Angelo Soliman, der im 18. Jahrhundert in Wien Berühmtheit erlangte. Nur einzelne, fragmentarische Episoden sind von dessen Existenz bekannt, und so lässt sie auch Schleinzer ausschließlich in Momentaufnahmen aufblitzen – verschiedene Schauspieler in allen Altersstufen, von Kenny Nzogang über Makita Samba vom Pariser Theater Odéon bis Jean‐Baptiste Tiémélé, gestalten die Figur vom Feinsten, diese Projektionsfigur, die die stetig steigende Lust am Exotischen zu bedienen hat, und der es zeitlebens nicht gelingen wird, ihren Fesseln zu entkommen. Angelo ist von klein auf der lebende Beweis für den unaufhaltsamen Siegeszug von Aufklärung und Vernunft, wenn man diese denn jemandem angedeihen lässt. Er ist eine Trophäe.

Er wird zum Schauspieler seiner selbst, in einer berührenden Szene übt der erwachsene Angelo die ausladenden, „afrikanischen“ Gesten, mit denen er später sein Publikum beeindrucken wird, in einer weiteren lässt das Kind Vögel aus einer Voliere frei, wohl schon wissend, dass ihm Freiheit nie wieder gegönnt sein wird. Schleinzer liebt die Arbeit mit derlei poetischer Symbolik, und nie geht es ihm dabei um das Eins-zu-Eins-Abbild einer Epoche. Immer richtet er sich an ein Darüberhinaus, stellt kulturelle Deutungshoheiten, Schemata und Sichtweisen und Zuschreibungen, bloß, die bis heute nachwirken, erzählt von der vollkommenen Vereinnahmung eines einzelnen durch die herrschende Masse, und vom europäischen Erbe der Kolonialzeit. Ein Neonlicht weist als bewusster Anachronismus ins Heute.

Das wilde Kind wird mittels Flötenspiel zum menschlichen Wesen erzogen: Kenny Nzogang. Bild: © Novotny Film

Angelo und seine Tochter besichtigen seinen späteren Ausstellungsort: Nancy Mensah-Offei und Jean‐Baptiste Tiémélé. Bild: © Novotny Film

Dass es ihm ums Beispielhafte geht, wird auch dadurch verdeutlicht, dass Schleinzers Figuren historisch nicht näher bestimmt sind. Es gibt „die Comtesse“ von Alba Rohrwacher, „den Fürst“ von Michael Rotschopf oder „den Kaiser“ von Lukas Miko, letztere tatsächlich Josef Wenzel von Liechtenstein und Joseph II., Gerti Drassl spielt eine Kindermagd, Christian Friedel einen Museumsdirekor, Larisa Faber Angelos Ehefrau Magdalena, Nancy Mensah‐Offei die gemeinsame Tochter Josephine.

Denn Angelo wird heiraten, im Geheimen, eine Weiße, eine Liebesgeschichte ohne Leichtigkeit, wird Freimaurer werden, aber niemals „ihresgleichen“. Als was er sich sehe, fragt einmal einer seiner Herren, als Sohn Afrikas und als Mann Europas, antwortet er. Schleinzers Film zeigt immer auch das Ringen um Sprache, heißt: um Ausdruck, nicht um Sprechvermögen, denn daran mangelt es Angelo nicht, sondern das Ringen mit einer Sprach- ob einer Wurzellosigkeit.

Gedreht im 4:3-Format, was den vom Theater geprägten Guckkastencharakter des Films, seine Bühnenbildhaftigkeit und die Objekthaftigkeit der Figuren noch unterstreicht, lässt Schleinzer anstatt seiner nüchternen Ästhetik und seiner Tableaux vivants am Schluss den Schock auffahren.

Angelo Soliman wird nach seinem Tod im Hof-Naturalien-Cabinet ausgestellt, wieder Spielzeug für Kaiserkinder, wieder halbnackter Wilder mit Federschmuck und Muschelkette. Schaurig, wie seine Haut wie Leder auf ein Holzmodell genagelt wird. Als er davor als alter Mann seinen Ausstellungsort im Museum besichtigt, fragt ihn die Tochter über die absurde Afrika-Darstellung „C’est comme ça, Papa?“ – „Ist es so?“ Angelos Hülle, hier endet der Film, verbrannte – längst in eine schäbige Dachkammer verbannt – 1848 während des Oktoberaufstands.

www.facebook.com/AngeloDerFilm/

  1. 11. 2018

Baumschlager

September 18, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Thomas Stipsits als schürzenjägerischer UNO-Soldat

Drei Engel für Baumschlager: Meyrav Feldman, Moran Rosenblatt, Thomas Stipsits und Sólveig Arnarsdóttir. Bild: © Dor Film

Der Name ist Baumschlager, Werner Baumschlager, und der hat in 100 Minuten Film mutmaßlich mehr Sex als James Bond in 55 Jahren Kinogeschichte. Er hat’s beruflich aber auch einfacher, ist er doch kein Superspion, der beständig gegen Welteroberer oder -zerstörer kämpfen muss, sondern führt das beschauliche Leben eines österreichischen UN-Soldaten an der blauen Linie, der Grenze zwischen Israel und dem Libanon.

Dass er dort so viel Chaos anrichtet, dass sich die Blauhelme schließlich aus der Pufferzone auf dem Golan zurückziehen (tatsächlich verließ das Austrian Battalion, seit 1974 ununterbrochen mit dem größten Truppenkontingent vor Ort im Einsatz, im Wahljahr 2013 überstürzt die Waffenstillstandszone), ist aber ein böswilliges Gerücht … Harald Sicheritz‘ hinterlistige Satire „Baumschlager“ ist ab Freitag in den heimischen Kinos zu sehen. In der Titelrolle, seiner ersten Kinohauptrolle: Kabarettist und Schauspieler Thomas Stipsits.

Der gerät als patscherter Bundesheer-Hauptmann im Nahen Osten in die Bredouille, teils in eine selbstverschuldete, teils wird er zum Spielball der sich gegenüberstehenden Generalstäbe und ihrer friedensfeindlichen Pläne. Denn mit der Waffenruhe hat hier niemand so richtig Freude, weder die UN-Kräfte (Baumschlagers Untergebene müssen mit dem Abzug ihre lukrative Hanfplantage aufgeben), noch das israelische oder das libanesische Militär. Mit „Baumschlager“ ist Sicheritz ein schwarzhumoriges Lustspiel gelungen, das gewieft die tagtäglichen Verhältnisse in einer der langlebigsten Krisenregionen dieser Erde darstellt; die dortigen komischen Verhältnisse hatten eine solch komödiantische Darstellung längst verdient.

Das Drehbuch dieser österreichisch-israelischen Koproduktion stammt von der jungen israelischen Autorin Maayan Oz, die die von ihr beschriebenen absurden Situationen vermutlich aus dem Effeff kennt, und daher den Figuren auch noch im größten Aberwitz zutiefst menschliche Züge verleihen konnte. Gleichzeitig zeigt Oz eine klare, wenn für den Film auch zugespitzte, Haltung zu Militär, der UNO – und Kriegsprofiteuren aller Seiten. Seien sie Gauner oder Geschäftsleute oder die Schnittmenge aus beidem. Der Film ist vielsprachig und als solcher zu empfehlen, mit sehr geglückten Untertiteln – aus „Shut up“ beispielsweise wird ein sehr einheimisches „Gusch, jetzt“ -, es gibt aber auch eine rein deutschsprachige Fassung. „Baumschlager“, das hat auch etwas verweht Nostalgisches, weiß auch nicht wie, aber irgendwie muss man an Heinz Conrads denken, der in seiner 1970er-Jahre-Sonntagmorgensendung im Radio immer auch „unsere Burschen auf den Golan-Höhen“ grüßte …

Ranias zukünftiger Ehemann liebt Kriegsspielchen …: Shadi Mar’i und Thomas Stipsits. Bild: © Dor Film

… genauso wie die israelische Soldatin Sigal: Thomas Stipsits und Meyrav Feldman. Bild © Dor Film

Apropos, Lust-Spiel: Werner Baumschlager ist der Typ Mann, der nach dem Sex höflich fragt, ob’s eh gefallen hat. Als Soldat mit hohem Pflichtbewusstsein und einem gerüttelt Maß an Akkuratesse ausgestattet, will er privat nur eines: alle um sich glücklich machen – und natürlich auch sich selbst. So kam’s wohl, dass er in eine Doppelliebesaffäre gestolpert ist, eine bilaterale noch dazu, ist doch die eine Geliebte die israelische Soldatin Sigal (Meyrav Feldman als „die Harte“) und die andere die libanesische Generalstochter Rania (Moran Rosenblatt als „die Zarte“).

Damit nicht genug, wartet im österreichischen Middle of Nowhere Gerti Drassl als brave Ehefrau Martha. Es kommt der Weihnachtsurlaub und, während sich Martha noch freut, dass Werner plötzlich ein paar neue Handgriffe im Bett beherrscht, ohne zu ahnen, dass er sich für die um Kopf und Kragen schnackselt, ein Erpresserbrief: „Go back to Israel and wait for instructions“, steht da zu einigen scharfen Sexfotos von Baumschlager und Sigal. Also zurück an die Front.

Wo sich die turbulenten Ereignisse überschlagen: Die Erpresser entpuppen sich als georgisch-israelisches Vater-Sohn-Gespann (Eyal Rozales und  Kobi Farag), die Baumschlager zwingen, mit Kokain präparierte Orangen aus dem Libanon nach Israel zu schmuggeln, denn er als UN-Soldat werde gewiss nicht kontrolliert. Martha, misstrauisch geworden, beschwert sich in Wien bei Werners Vorgesetzter – die nur bestätigen kann, dass die Erlaubnis für den Heimaturlaub aufrecht ist. Also fliegt Martha in den Nahen Osten, um selber nach dem Rechten zu sehen. Mittlerweile entpuppt sich der „Orangenhändler“, Baumeister Ali, als Ranias zukünftiger Schwiegervater und sein Sohn, der „arrangierte“ Verlobte, als schießwütiger Vollpfosten.

Die UNO ihrerseits, durch Marthas Auftritt aufgeschreckt, setzt zwei Agenten (Sólveig Arnarsdóttir und Bond-Bösewicht Anatole Taubman) auf Baumschlager an. Dessen drei Frauen treffen auf und geraten handgreiflich aneinander. Und während die Militärs auf beiden Seiten (herrlich: der israelisch-arabische Superstar Norman Issa als libanesischer General, ergo Berufszyniker, und Ranias Vater Mussa) überlegen, wie man den Schürzenjäger Baumschlager zum Spion hochstilisieren könnte, damit endlich wieder geschossen werden kann, fressen Ziegen die rauschgiftigen Orangen – oder doch nicht? …

Das Weihnachtsfest in Österreich ist kurz, Baumschlager muss zurück an die Liebesfront: Thomas Stipsits und Gerti Drassl. © Dor Film / Bild: Hubert Mican

Immer wieder überraschende, skurrile, aber durchaus nicht ganz unrealistische Irrungen und Wirrungen nehmen als „Mission Baumschlager“ ihren Lauf. Neben der österreichischen Besetzung Thomas Stipsits und Gerti Drassl, und Gastauftritten von Martina Spitzer als Marthas Mutter und Proschat Madani als Ranias Mutter, bestechen sowohl Meyrav Feldman als auch Moran Rosenblatt.

Stipsits stattet seinen Baumschlager mit dem ihm eigenen tollpatschig-charmanten Schmäh aus, und macht ihn zu einem so grundguten, liebenswerten Menschen, dass er einem fast leid tut in dem Schlamassel, den er mitangerichtet hat. Warum sich die Frauen reihenweise in seinen Werner verlieben, macht Stipsits mit seiner sympathischen Darstellung klar. Dass sich die Militärs angesichts seiner panischen Handlungen fragen, ob „Boomschlager“ ein Idiot ist, ist begreiflich, aber nicht gerecht. Stipsits spielt das herrlich, mit einer beinah stoischen Ruhe und immer alle beschwichtigend, als hätte sein Baumschlager inmitten dieser Riesenintrige gar nicht mehr die Kraft, sich groß aufzuregen.

Gerti Drassl glänzt mit ihrem reduzierten Spiel als so eifersüchtige wie besorgte Martha, die auf der Reise ihren Mann erst spät, vor allem und zuerst aber sich selbst findet. Und obendrein den Beduinen Saud (Zohar Liba) und seine fremd-gefährliche und exotische Welt. Wunderbar etwa die Szene, in der Martha in Sauds stinkertem Auto einen Wunder-Baum aufhängt. Meyrav Feldman und Moran Rosenblatt als Sigal und Rania wiederum benutzen Baumschlager als Türöffner zu ihren jeweiligen Lebensträumen, will erstere doch über ihn bei der UN-Friedenstruppe eingestellt werden, und zweitere mit ihm ihrem verrückten Verlobten Richtung Österreich entfliehen. Anatole Taubman wiederum gibt alles in einer besonders fordernden Rolle: Sein UNO‐Agent Max Lang muss als Geisel im Irak Schlimmes erlebt haben, denn immer wenn orientalische Musik erklingt, muss er sich nackt ausziehen und eine Ziege … naja … beglücken.

Harald Sicheritz braucht für seinen Film weder Klamauk noch Slapstick, die Plots sind auch so bizarr genug. Wie er und Drehbuchautorin Maayan Oz eine komplexe politische Situation in die Schwierigkeiten eines einzelnen übersetzen, ist meisterlich. Der Vereinte-Nationen-Mann Werner Baumschlager hat seine eigene Idee davon, wie man die Nationen vereinen kann. Make love, not war. Was den Film „Baumschlager“ betrifft, so kann man sich nur der Meinung von Gerti Drassl anschließen: „Ich finde, es ist eine sehr feine, mannigfaltige Komödie geworden, die auch sehr überrascht!“

Trailer: www.youtube.com/watch?v=YnKEMwxCCv8

www.baumschlager.derfilm.at

BUCHTIPP:

Heute erscheint bei Ueberreuter Thomas Stipsits erstes Buch „Das Glück hat einen Vogel“. Darin beleuchtet er in 26 Geschichten humorvoll und hintersinnig die Suche nach dem Glück im Leben. Die Geschichten über Menschen von A wie Andreas bis Z wie Zita werden raffiniert miteinander verknüpft und beleuchten als Momentaufnahmen großes und kleines Glück. Denn: Ein Sonnenuntergang am Meer, ein gutes Glas Rotwein oder ein Lotto-Dreier – was Glück für den Einzelnen bedeutet, kann unterschiedlicher nicht sein … (Buchrezension folgt).

Am 19. September gibt Thomas Stipsits ab 18 Uhr in der Buchhandlung Thalia W3 eine Signierstunde. Der Eintritt ist frei.

www.ueberreuter-sachbuch.at

www.thalia.at/shop/home/filialen/showDetails/6411/

18. 9. 2017

Theater in der Josefstadt: Die Wildente

Mai 5, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Schön in aller Schlichtheit

Familiendrama im Stiegenhaus: Raphael von Bargen, Gerti Drassl, Roman Schmelzer, Maresi Riegner und Siegfried Walther. Bild: Astrid Knie

An der Josefstadt hatte Ibsens „Die Wildente“ Premiere, dieser Dauerbrenner an heimischen Bühnen, man hat den einen und die andere diesmal Mitwirkende/n schon in früheren Inszenierungen in jüngeren Rollen gesehen, doch der Donnerstagabend war etwas sehr Besonderes. Regisseurin Mateja Koležnik, eine der wesentlichen Spielmacherinnen des slowenischen Theaters und ausgewiesene Ibsen-Expertin (ihre Vorjahresinterpretation der „Nora“ am Stadttheater Klagenfurt begeisterte derart, dass Martin Kušej die Aufführung ans Resi holte), gab ihr Wien-Debüt – und überzeugte auf ganzer Linie.

Sie hat Ibsen schlank und schlicht gemacht, und birgt in dieser Schlichtheit große Schönheit. Sie stemmt sich „einfach“ gegen Bedeutungsschwere und Pathos. Die nunmehr wie dahingesprochenen Sätze, die geflüsterten Geheimnisse, erzählen von einer unerträglichen, weil unechten Leichtigkeit des Seins, und die großartige Beiläufigkeit, mit der agiert wird, weist aus: Hier wird mehr aneinander vorbei gesprochen als tatsächlich miteinander geredet. Viel Falschheit wird mit nicht einem falschen Ton gesagt, die Lebenslügen, der Selbstbetrug, schneiden so erst recht ins Fleisch. Koležniks Arbeit tut weh.

Man spürt die unterschwelligen Aggressionen, die gutbürgerlichen Unzufriedenheiten – und brechen diese abrupt auf und aus, ist man durch das Hochbrausen der Emotionen an diesem stillen Abend umso mehr erschüttert. Für all das hat Koležnik mit Bühnenbildner Raimund Orfeo Voigt und Kostümbildner Alan Hranitelj eine Art Farbleitsystem erdacht, eine spezielle Farbästhetik von zinkgrau-zinskasernenen Kittelschürzen bis blauen Arbeits/Mänteln. Die Herren im Ensemble laborieren außerdem allesamt an einem Bad-Hair-Day, heißt: gatschbraunem Topfhaarschnitt.

Die Frage, wer tatsächlich Hedvigs Vater ist …: Maresi Riegner und Gerti Drassl. Bild: Astrid Knie

… treibt Hjalmar und Gina auseinander: Roman Schmelzer und Gerti Drassl. Bild: Astrid Knie

Gespielt wird in einem Stiegenhaus, diesem nachbarschaftlichen Begegnungsort, an dem sich’s trotzdem so trefflich anonym und unangetastet bleiben lässt. Die steilen, atemlos machenden Stufen, diese „Lebensleiter“, verbinden mutmaßlich die Ekdal’sche Wohnung mit dem Fotoatelier, im ständigen Treppauf-Treppab wird Geschäftigkeit, wird Bewegung simuliert, wo seit Langem seelischer Stillstand herrscht. Eine alle Heimlichkeiten wahrende Tür führt auf den mysteriösen Dachboden, der nicht nur den Wasservogel, sondern auch einige Tanzpaare beherbergt. Ibsens Hang zum Symbolismus, der mitunter unvermittelt seiner naturalistischen Beschreibung von Realität gegenübersteht, ist ja bekannt – und Koležnik trägt ihm mit ihrer aufs Kondensat eingedampften Arbeit und dem klaustrophobischen Bühnenraum Rechnung.

All diese wunderbar konzeptiven Ideen wären wenig wert, hätte man nicht Schauspieler, die diese auch in den Zuschauerraum zu übertragen wissen. Und Koležnik versteht sie exzellent zu führen und zu stärkster Wirkung zu bringen. Maresi Riegner, diese blutjunge Film- und Theaterentdeckung, ist eine formidable Hedvig, sehr naiv, sehr Mädchen, ein von den unerwarteten Umständen erschrecktes Kind, das sich zum Wohle der Eltern opfert. Gerti Drassl und Roman Schmelzer brillieren als Hjalmar und Gina Ekdal, die hantige Mutter und der gutmütige Vater, deren Existenz ein Mensch gewordener Jagdhund vernichtet, nur weil er seinem Wahrheitswahn und seinem übersteigerten Ehrbegriff folgen zu müssen glaubt.

Die Werles tragen ihren Vater-Sohn-Konflikt in der Familie Ekdal aus: Maresi Riegner, Michael König und Raphael von Bargen. Bild: Astrid Knie

Als dieser Gregers Werle ist Raphael von Bargen eine Idealbesetzung, herrisch bis zum Herrenmenschentum, von sich selbst und seinen Idealen überzeugt. Er will sein Gewissen heilen, indem er andere krank macht, er holt zum Rundumschlag aus, und will doch nur seinen Vater treffen. Selten war in einer Inszenierung so klar zu erkennen, dass Gregers über die Ekdals Vergeltung an Håkon übt. Wie Schmelzers Hjalmar mit dem Grad der Verzweiflung menschlich wächst, schrumpft von Bargens Gregers mit seinem Tun zusammen.

Großartig sein Aufeinanderprallen mit „Vater“ Michael König, er ein Paradebeispiel für Ibsens misstrauischen, schweigsamen und hartleibigen Menschenschlag, und Peter Scholz als abgeklärt-zynischem Dr. Relling. Siegfried Walther ist ein wunderbarer alter Ekdal, mittelschwer senil und mit einem Dachbodenparadies auf Erden. Susa Meyer hat einen prägnanten Kurzauftritt als Frau Sørby, ebenso Alexander Absenger als Molvik. „Die Wildente“ an der Josefstadt ist eine hochkonzentrierte, atmosphärisch dichte und beklemmende Aufführung. Am Ende wird Gina vom Tod ihres Kindes in einem gewaltigen, bleischweren Schlussbild überwältigt, ein letzter Schrei, bevor der Eiserne fällt – nicht nur Gerti Drassl brauchte beim wohlverdienten Applaus sichtlich, um aus dieser Situation wieder ins Hier und Jetzt zu finden – auch das Publikum hatte eine Schrecksekunde, eine Schweigeminute nötig, bevor der Jubel losging.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=WuF68lYg7T8

www.josefstadt.org

Wien, 5. 5. 2017

Theater in der Josefstadt: Ödön von Horváths „Niemand“

September 2, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

List und Tücke einer Uraufführung

Geri Drassl und Florian Teichtmeister überzeugen mit ihrem intensiven Spiel. Bild: Sepp Gallauer

Gerti Drassl und allen voran Florian Teichtmeister überzeugen mit ihrem intensiven Spiel. Bild: Sepp Gallauer

Fast ist man versucht zu formulieren, „Niemand“ hat Schuld. In Anlehnung an diese Schlüsselszene, in der Fürchtegott Lehmann Ihn anklagt. Hat er doch Sein Lachen gehört, und wer so lacht, der kann nicht weinen über das Schicksal der Menschen. Bleibt – ein sardonisches Grinsen, ein Verzerren der Mundwinkel, ein Zähneblecken wie nach einer Strychninvergiftung, um auszudrücken, was Leben heißt. Und genau dieses fehlt in Herbert Föttingers Uraufführungsinszenierung von Ödön von Horváths „Niemand“ am Theater in der Josefstadt. Eine Inszenierung, die sich auch mit einem „Aber ach!“ zusammenfassen ließe.

Bemüht sich der Hausherr als Horváth-Regisseur doch mit derart beflissener Sorgfalt und spürbarer Liebe zum Text, diesem gerecht zu werden, dass alles, was einem beim Lesen noch wie ein Raubtier angesprungen hat, auf dem Weg zur Bühne allzu handzahm wurde. Föttinger hat den Autor, wie es sich für eine Uraufführung gehört, beim Wort genommen. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Das ist List und Tücke in einem. Es ist, als hätten sich alle Beteiligten so sehr ins demütige Gebet geduckt, Heiliger Horváth, bitt‘ für uns!, dass ihnen die Gotteslästerung nicht mehr gelingen konnte.

Mit im Wesentlichen einer Ausnahme. Namens Florian Teichtmeister. Er schraubt sich als Darsteller des Fürchtegott Lehmann in lichte Höhen. Mit seiner scharfkantigen Schauspielkunst, die einmal mehr tief in die dunklen Winkel einer Seele blicken lässt.

„Niemand“ ist ein Stück aus einer Zeit, bevor Horváth die vielsagende Pause als wichtigsten Dialogteil erfand, entstanden 1924, da war er 23, offenbar niemals aufgeführt, lange verschwunden, von Föttinger in der FAZ als Auktionsgegenstand wiederentdeckt, von der Wienbibliothek ersteigert und nun vom Thomas Sessler-Verlag vertreten (dessen Geschäftsführerin Maria Teuchmann im Gespräch über „Niemand“: www.mottingers-meinung.at/?p=21624). Im Zentrum der Handlung steht ein Zinshaus, hier von Walter Vogelweider als eine sich um ihre eigene Achse drehende Welt aufgebaut, in das Horváth bereits sein typisches Milieu und dessen Motive einziehen lässt.

Das Gebäude gehört dem jungen, verkrüppelten Wucherer Lehmann, und in seinem Stiegenhaus versammeln sich Huren samt ihren Zuhältern und Freiern, durstige Handwerker, Kellnerinnen und ihr Wirt, eine diebische Hausmeisterin und ein so arbeits- wie ergo mittelloser Musikant. 24 Rollen sind’s, die man an der Josefstadt natürlich bis in die kleinsten vorzüglich besetzen kann, etwa mit André Pohl als Konditor, Heribert Sasse als Uraltem Stutzer oder Martin Zauner als einem von vier „schwarz gekleideten Männern“. Die, und man fragt sich, ob Horváth tatsächlich so prophetisch sein konnte, kommen im schwarzen Wagen, um die Leichname abzuholen. Auch die zukünftigen. Föttinger ließ diesen Figuren zusätzlich weiße Brecht-Gesichter aufmalen.

Horváths Zinshausgesellschaft: Martina Stilp, Swintha Gersthofer, Roman Schmelzer, Alexander Strobele, Peter Scholz und Thomas Kamper. Bild: Sepp Gallauer

Horváths Zinshausgesellschaft: Martina Stilp, Swintha Gersthofer, Roman Schmelzer, Alexander Strobele, Peter Scholz und Thomas Kamper. Bild: Sepp Gallauer

Wie Kain und Abel: Teichtmeister mit Raphael von Bargen. Bild: Sepp Gallauer

Zwei Brüder wie Kain und Abel: Florian Teichtmeister mit Raphael von Bargen. Bild: Sepp Gallauer

Wie er überhaupt bei seiner Arbeit an diesem expressionistischen Werk auf diese Art von „Verfremdung“ setzt. Als wäre Distanz und Dezenz ein Löschpapier auf den jugendlich überhitzen, überladenen, teilweise überspannten Zeilen, lässt Föttinger seine Darsteller lediglich am Rande ihrer Rollen entlangbalancieren. Auf Aktion wird über weite Strecken verzichtet.

Die Schauspieler, sie sprechen auch die Regieanweisungen als wären sie Gesetzestexte, haben sich, so scheint’s, in kritischer Entfernung zu ihren Charakteren aufgestellt, mitunter sogar als Textaufsager an der Rampe, aber gelangen von dort aus freilich kaum zum Spielen. Dabei, man merkt es an Dominic Oley als Musiker Klein, Martina Stilp als Prostituierter Gilda oder Roman Schmelzer als ihrem Zuhälter Wladimir, wären sie mehr als heiß darauf. Aber ach …

Im Zentrum des Ganzen – Teichtmeister, der mit atemberaubender Ambivalenz den von der Liebe empor gehobenen und schließlich zerschmetterten Lehmann gibt. Er endlich erzählt von der Lächerlichkeit des Lebens, er kann einen Menschen in all seinen existenziellen Nöten schillern lassen, der Hartleibige wird weichherzig, was ihn logischerweise zerstören muss.

Dieser Lehmann ist so bedrohlich wie bemitleidenswert, und Teichtmeister spielt die Gottessuche und den Gottesfluch und letztlich die Frage, wer wem die Krücken wegschlägt, als wär’s eine nietzscheanische. Horváth hat viel gewollt und viel verrätselt in diesem Frühwerk, und Teichtmeister folgt ihm auf seinem Weg ins Jenseits von Gut und Böse. Raphael von Bargen ist ein ebenbürtiger Kain zu diesem Abel, der Fremde, der sich als Bruder entpuppen, und nach dem skrupellosen Recht des Stärkeren überleben wird. Gerti Drassl, ein versiertes Horváth-Fräulein, steht als Ursula zwischen den beiden. Sie ist in ihrem Leid von schmerzhafter Intensität, sie spielt alle Farben grau. Nur die eine lässt sie aus, die nämlich, mit der man sich ausmalen könnte, ob ihre erbarmungswürdige Ursula nicht auch aus Berechnung handelt. Doch zu Recht gilt diesem Trio am Ende der größte Applaus.

Föttingers Horváth-Hochamt an der Josefstadt ist wie eine Sehenswürdigkeit. Man muss sie gesehen haben. Schließlich gilt’s nicht alle Tage ein neues Werk des Meisters zu entdecken. Und schließlich: Niemand weiß, ob wie auch immer „bessere“ Aufführungen dieses schwierigen Stücks überhaupt gelingen können …

Trailer: www.youtube.com/watch?v=zVJJXgfnnVU

www.josefstadt.org

Wien, 2. 9. 2016

Kammerspiele: Vater

Februar 12, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Erwin Steinhauer berührt als Alzheimer-Patient

Erwin Steinhauer mit Therese Lohner und Martin Niedermair Bild: Moritz Schell

Erwin Steinhauer mit Therese Lohner und Martin Niedermair
Bild: Moritz Schell

Ein Bub geht vorbei an Museumsschaukästen, darin die Uhr, die stets vermisste, ein Fotoalbum, ein Kinderanzug. Später wird der Bub ein alter Mann geworden sein und sich selbst in die Vitrine setzen. Da ist er nicht einmal mehr seine eigene Erinnerung und seine Welt so klein geworden wie dieser Glasschrank.

Alexandra Liedtke inszenierte an den Kammerspielen Florian Zellers Alzheimer-Stück „Vater“. Die Tragikomödie war in Frankreich ein Sensationserfolg und wurde 2014 mit dem Prix Molière ausgezeichnet und erweist sich auch in Wien, in Liedtkes Händen, als toller Text. Zeller beschreibt die Erkrankung aus der Sicht des Betroffenen. Der Zuschauer nimmt wahr, was der „Vater“ wahrnimmt, erkennt, wen er erkennt, muss glauben, was er glaubt. Das sorgt nicht nur für situationskomische Momente, sondern entwickelt sich wie ein Psychothriller, wie ein hitchcockiges Suspencespiel, in dem ein sinistrer Geheimdienst den Helden um den Verstand bringen will. Ist alles nur eine perfide Intrige der Tochter, um den Vater aus der schönen Altbauwohnung ins Pflegeheim zu treiben? Man weiß es, natürlich – aber …

„Vater“ ist der Abend des Erwin Steinhauer. Er ist als André von berührender Intensität, ist genau die Art liebenswertes Scheusal, die einem ein verständnisvolles Lächeln entlockt. Steinhauer lässt noch den früheren Patriarchen durchblitzen, das Familienoberhaupt, das gewohnt war über alle zu bestimmen; er ist herrisch und ungeduldig mit anderen, womit er anfangs seine Unsicherheiten geschickt überspielt. Steinhauer gibt auch den Charmeur alter Schule, wenn er die neue Pflegehilfe umgarnt. Wie er steppt, wie er fast einen Kopfstand probt, um sich als toller Hecht zu zeigen. Er produziert sich wie ein Kind, das sich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit weiß. Doch der Feind im Kopf ist da und er breitet sich unerbittlich aus. Wenn Steinhauer den Schalk macht, kann man gut mit ihm schmunzeln, wenn er weint, verzweifelt ist, Angst hat, dann ist es kaum zu ertragen; sein Spiel wechselt von reizend zu reizbar und retour. Eine preisverdächtige Darbietung.

Regisseurin Liedtke hat diesen geistigen Verfall behutsam in Szene gesetzt. Ganz zart und sachte nähert sie sich Zellers Figuren und führt die Schauspieler durch deren Geschichte. Ihre Arbeit legt sich wie ein Seidenschal über das menschliche Drama, und der Vergleich changierend durchscheinend passt, hat doch Raimund Orfeo Voigt eine ähnliche Bühne erdacht: Milchige Wände, die alles und zugleich nichts erkennen lassen; Silhouetten tauchen im Hintergrund auf, Schatten huschen vorbei, für André werden die Mitmenschen zu Schemen. Und je mehr sich sein Kopf leert, umso mehr auch die Bühne. Tische und Sessel verschwinden. Wie die Person auf einem Video. Gerade da, dann fort, es ist er selbst. Eindrückliche Bilder

André hat Familie. Tochter Anne, Schwiegersohn Pierre und Pflegehilfe Laura. Zeller hat für diese drei Rollen fünf Schauspieler vorgesehen. Als die für den Vater verschwimmenden Gesichter. Er sieht Fremde in der Wohnung. In seiner und in der der Tochter – auch der Ort löst sich auf und wird eins. Gerti Drassl spielt Anne, Therese Lohner „eine Frau“. Was freilich Verwirrung stiftet. „Machst du das mit Absicht?“, sagt Steinhauer-André einmal, als Anne-Drassl abgeht und Anne-Lohner auftritt. Drassl ist wie immer von großer Wahrhaftigkeit. Ihr Schmerz und ihre grüblerische Sorge scheinen, nein: sind echt. Nervös sprudeln die Worte aus ihr hervor, als Laura kommt. Deren Vorgängerin wurde nämlich mit der Vorhangstange verjagt. Doch Eva Mayer geht mit einer Gemütsruhe an die Sache heran, als hätte sie das Lied von Bernadette inhaliert. Therese Lohner ist außer Anne auch Laura und am Ende eine Krankenschwester, die Pragmatische im Damentrio, sozusagen berufsbedingt freundlich, aber bestimmt. Ihr Wechselspiel, diese mehreren Facetten eines Menschen, schildern die Schauspielerinnen mit großer Prägnanz.

Szenen driften auseinander und finden wieder zusammen, Sätze, Dialoge wiederholen sich. Immer wieder. Die „gestohlene“, heißt: verlegte Uhr, das fertige Huhn und der Rotwein, und die Diskussion, ob der Vater in eine Einrichtung muss. Zeller zeigt, wie eine Familie um Zusammenhalt ringt, und auch die Position des Partners. Als der sind Martin Niedermair und Oliver Huether zu sehen. Für André gleichsam Jekyll und Hyde. Und weil er nie weiß, ob er den derzeitigen oder den geschiedenen Mann der Tochter oder einen Lover vor sich hat, gibt es wunderbare Augenblicke wie den, wenn er Pierre – dem vermeintlich verflossenen – mit einem „Nur Mut!“ männlich auf die Schulter klopft. Huether verkörpert die genervte, verständlich unfreundliche Seite des Charakters, Martin Niedermair den, der noch Galgenhumor aufbringt. Pierre ist um Anne besorgt, die sich bis zur Selbstaufgabe aufopfert. Vor allem Niedermair zeigt mit dieser Rolle eine weitere Variante seines Könnens.

Lösungen werden in „Vater“ keine angeboten. Weder von Zeller noch von Liedtke. Das Ende ist so offen wie klar, und die Diskussion entfacht. Was würde man tun, wenn … 2050 wird es in Österreich etwa 230.000 Alzheimer-Patienten geben, das ist jeder Zehnte, der dann älter als 60 Jahre sein wird. Die Relevanz des Themas liegt auf der Hand. Es ist mutig und wichtig, dass sich die Kammerspiele der Sache auf diese verständnisvolle Weise angenommen zu haben. In einer großartigen Inszenierung mit einem überragenden Erwin Steinhauer.

Alexandra Liedtke im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=17401

Trailer: www.youtube.com/watch?v=bCzG6G8ny5I

www.josefstadt.org

Wien, 12. 2. 2016