Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein: Regisseur Rupert Henning über seine André-Heller-Verfilmung

Februar 18, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Werde nicht wie alle, die du nicht sein willst!“

Paul Silberstein, abenteuerhungriger Spross einer Wiener Zuckerbäckerdynastie, gestaltet sich eigene Wirklichkeiten: Valentin Hagg. Bild: © Dor Film

„Du bist ein seltsames Kind“, ist der Satz, den Paul Silberstein von den zu seiner Erziehung Berechtigten regelmäßig zu hören bekommt. Doch er, der sich selber den „funkelnden Hundling“ nennt, hat längst beschlossen, weder Familie noch den Internatspriestern zu folgen – im Sinne auch von: zu gehorchen. Eingesperrt ins strenge System einer Wiener Zuckerbäckerdynastie, macht sich deren abenteuerhungriger Spross auf, seine eigenen Wirklichkeiten zu entdecken.

Wozu ihm die Kraft der Fantasie und die Macht des Humors – und das von ihm festgeschriebene elfte Gebot „Du sollst dich selbst ehren“ verhelfen werden. Im Jahr 2008 erschien André Hellers entlang der persönlichen Biografie erdachte Erzählung „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“, die nun von Rupert Henning, der gemeinsam mit Uli Brée auch das Drehbuch verfasste, verfilmt wurde. Neben dem fabelhaften Filmdebütanten Valentin Hagg als Paul Silberstein spielen Karl Markovics, Sabine Timoteo, Udo Samel, Marianne Nentwich, Gerti Drassl, Marie-Christine Friedrich, Christoph F. Krutzler, Petra Morzé und Sigrid Hauser. Kinostart ist am 1. März. Rupert Henning im Gespräch:

MM: Sie haben sich sehr lange mit diesem Projekt befasst, beinahe zehn Jahre. Worin lag die nicht enden wollende Faszination in André Hellers Erzählung „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“?

Rupert Henning: Das Buch kam 2008 heraus und ich habe es bald danach gelesen. Aber für ein Filmprojekt braucht man immer einen langen Atem; so ein Film ist sozusagen ein nur langsam zu manövrierender Hochseetanker – noch dazu, wenn das Projekt für österreichische Verhältnisse ein so großes ist. Was heißt: Wir haben es majoritär österreichisch finanziert. Der Text von André Heller hat zwar einen klaren regionalen Bezug, ist aber gleichzeitig universell verständlich – und extrem ungewöhnlich. Ein Stoff, wie ich finde, der von der Machart her nicht alltäglich ist. Man findet im Rückblick auf die vergangenen dreißig Jahre österreichischer Literaturgeschichte nicht viele Bücher wie dieses. Daher hoffe und glaube ich auch, dass es nicht viele Filme wie den unseren gibt.

 MM: Machart bedeutet, dass das Buch gut zu verfilmen ist?

Henning: Ja, den Eindruck hatte ich sofort. Es hat einen klaren erzählerischen Kern – und mit dem Protagonisten Paul Silberstein eine Hauptfigur, die man sich merkt. Eine Figur, die auch unabhängig von André Heller funktioniert. Wenn man dessen Lebensgeschichte kennt, findet man natürlich Parallelen. Er selber schreibt ja in der Präambel, manche der geschilderten Begebenheiten hielt seine Kindheit für ihn bereit, aber die Oberhand beim Schreiben hatte die Fantasie. Darüber hinaus ist das Ganze überaus unterhaltsam, es ist wie etwa Torbergs „Tante Jolesch“ sehr kulinarisch. Aber wie Torberg schrieb, es ist ein Buch der Wehmut – und Wehmut kann lächeln, Trauer kann das nicht. Ebenso sehe ich das Heller-Buch.

 MM: Sie haben mit André Heller schon zwei Projekte gemacht. Wie hat er auf das Filmprojekt reagiert?

Henning: Positiv. Er hat gesagt: „Macht‘s!“ Außerdem hat er Uli Brée und mir beim Schreiben des Drehbuchs völlig freie Hand gelassen. Es gab von ihm zuvor auch schon ein Naheverhältnis zu den Produzenten Danny Krausz und Kurt Stocker, mit denen er selber Filme realisiert hat.

MM: Ihr Film hat etwas Kammerspielartiges. Würden Sie mir in dieser Beurteilung folgen?

Henning: Ja. Jedenfalls in gewisser Hinsicht. Der Film erzählt unter anderem von Enge – und Kammern sind nun einmal eng. Die Geschichte von Paul ist zunächst eine Geschichte der Einengung. Ein Bub, der witzig und fantasiebegabt und weltoffen ist, lebt in einer Familie, die das absolut nicht teilt, sondern ihm ständig sagt, was er nicht tun soll. Das klingt nach schwerem Drama, nach „Zögling Törleß“; meinem Co-Drehbuchautor Uli Brée und mir ging es aber vorrangig nicht darum, die Studie eines Knaben zu zeigen, der sich mit den Dämonen der eigenen Familie herumschlagen muss, sondern darum, eine Geschichte zu erzählen, die einen fesselt und packt und unterhält. Die hochemotionale und humorvolle Geschichte einer Befreiung.

MM: Der Film hat auch optisch eine ganz klare Dramaturgie …

Henning: … und zwar in der Art, wie die Farben erzählt werden. Bis zum Tod des Vaters ist alles ein wenig grau und duster – und dann geht halt die Sonne auf, wenn der Vater stirbt. Das klingt absurd, wenn man es so sagt, aber erst, als der dominante, sich selbst und die ganze Welt verachtende Patriarch nicht mehr ist, gehen plötzlich die Fenster auf und das Licht kann herein. „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“ ist ein Ermutigungsfilm, ein Befreiungsfilm.

Der tyrannische Vater Roman Silberstein leidet an seinem Zweiter-Weltkriegs-Trauma: Karl Markovics. Bild: © Dor Film

Skurrile Szene: „Nonne“ Gerti Drassl glaubt, der Papierflieger-Liebesbrief sei an sie abgeschickt worden. Bild: © Dor Film

MM: Wofür Sie den perfekten Hauptdarsteller gefunden haben. Welch ein Glück, Valentin Hagg gehabt zu haben!

Henning: Absolut. Wir haben uns hunderte Buben angeschaut, und Valentin stand am Ende als Wunschbesetzung fest, weil er so speziell ist, an dieser Schwelle vom Kind zum Jugendlichen. Er hat nie zuvor in einem Film mitgespielt, und er ist dennoch einer der besten Schauspieler, mit denen ich je zu tun hatte.

MM: Er spielt entfesselt. An die Sprache, daran, dass ein Kind sich so elaboriert ausdrückt, muss man sich allerdings gewöhnen.

Henning: Klar, alles an dieser Familie ist zunächst einmal eher ungewöhnlich, ist eine Maske – oder vielmehr eine Rüstung, eine Festung. Die Mutter stets perfekt, wie aus einem edlen Modekatalog, Bruder und Vater immer in maßgeschneiderten Anzügen, die Familienvilla wie ein Museum. Deshalb haben wir in der Hermesvilla gedreht, damit alles wie eine Inszenierung und unwirklich wirkt, solange Paul sich nicht befreien kann. Und so ist zunächst auch die Sprache – künstlich und unecht. Aber Paul findet am Ende seinen eigenen Ton, seine eigene Ausdrucksweise.

MM: Diese Festung schießen Uli Brée und Sie mit Szenen skurrilen Humors ein. Etwa, wenn Gerti Drassl als Nonne einen Papierflieger fängt, der ein Liebesbrief ist, den sie auf sich bezieht. Oder wenn Dominik Warta als Polizist seine Furcht erst verliert, als er erfährt, dass es den dämonischen alten Patriarchen nicht mehr gibt.

Henning: Solche Auflockerungen sind von André Heller schon so angelegt. Manche Szenen sind wie ein Mini-Horváth. Ödön von Horváth, Joseph Roth oder Helmut Qualtinger, mit dem er ja auch gearbeitet hat, sind, wie ich glaube, Leuchttürme, an denen Heller sich unter anderem orientiert. Er sagt über sich selbst, er ist in Wahrheit kein Mensch, sondern ein Wesen, das menschliche Erfahrungen macht und auf dem Planeten Erde ein Gastspiel in der Rolle André Heller gibt. Ich finde, er ist gewissermaßen eine multiple Persönlichkeit. Er spaltet sich in verschiedene Stellvertreter auf, die allesamt André Heller heißen und die er losschickt, damit sie für ihn in der Welt Eindrücke sammeln. In „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“ gibt er einen sehr tiefen Einblick in die Seele eines Kindes, das wie ein Schwamm Erlebnisse aufsaugt. Und zwar nicht nur das reine Quellwasser, sondern halt auch das Drecksgschloder, das aus der eigenen Familiengeschichte rinnt. Heller entwirft das elfte Gebot, das da lautet: „Du sollst dich selbst ehren.“ Und das Motto seines Helden heißt: „Werde nicht wie alle, die du nicht sein willst!“

MM: Eine starke Figur ist nicht nur Paul, sondern auch sein Vater Roman Silberstein, der sich mit einer unglaublichen Szene einführt. Karl Markovics spielt ihn zwischen tragischem Helden und Psychopathen.

Henning: Ich wollte schon sehr lange mit Karl Markovics arbeiten – und bei diesem Projekt war mir sofort klar, er gehört dazu. Karl hat zunächst gezögert – nicht, weil ihm die Rolle nicht interessant schien, sondern weil er erst einmal nicht auf den Gedanken gekommen ist, sie zu verkörpern. Es ist nun eine sehr eigenwillige Interpretation der Figur geworden; eine böse Figur, aber eben auch eine tragikomische – insofern, als dass Karl immer erspüren lässt, wie das Leben dieses Menschen auch hätte sein können. Roman Silberstein ist durch ihn nicht nur ein pathologischer Irrer, sondern er hat auch immer wieder Momente des Innehaltens. In der ersten Szene gleich, wenn er als Erklärung für die eigene Grausamkeit sagt: „Die Kriege machen das. Wenn du in ihnen bist, sind sie bald auch in dir. Und wenn sie außen endlich erlöschen, brennen’s in dir weiter.“ Karl zeigt, wie geistreich, wie schillernd diese Person hätte sein können, hätte ihr nicht der Zweite Weltkrieg und sein Schicksal als Flüchtling allen Glanz geraubt.

MM: Prägnant drückt das seine Verwandte Silbersteins aus, wenn sie sagt, er hätte es nicht geschafft, mit sich befreundet zu sein.

Henning: Das fällt ja auch vielen schwer – vor allem, wenn sie Traumatisches erlebt haben. Dazu eine Geschichte, an die ich oft denken muss: Ich habe einmal zwei Brüder kennengelernt, die beide in Auschwitz gewesen waren. Aus dem Älteren wurde nach der Befreiung 1945 ein lebensfroher, humorvoller, wenn auch nichts verdrängender Mensch. Der Jüngere blieb für den Rest seines Lebens ein schwarzes Loch der Traurigkeit. Ihre Erfahrungen waren nahezu identisch, aber als Menschen waren sie grundverschieden. Der ältere Bruder sagte mir irgendwann: „Ich kann es nicht erklären. Wir waren beide in Auschwitz. Aber in Wahrheit habe ich Auschwitz nie betreten. Und mein Bruder hat es nie verlassen.“ Menschen gehen unterschiedlich mit dem um, was man gemeinhin „Schicksal“ nennt. Umso wichtiger – und das erzählt der Film auch – ist es, dass jeder versucht, rauszufinden, was seine Wünsche sind, seine Bedürfnisse, seine Freiheiten. Der Film regt hoffentlich zu einem Selbstbewusstsein an, das kein polternder Ego-Trip ist, sondern eine Bewusstmachung der Dinge, die einen ausmachen.

MM: Heißt also, nicht wie Mutter Silberstein zu sein, die sagt, sie hätte alle Möglichkeiten, aber keinen einzigen Wunsch.

Henning: Genau. Für mich war es sehr beglückend, Elisabeth Heller persönlich kennenzulernen. Ich hatte eine wunderbare Begegnung mit ihr in Hellers Garten in Gardone. Im Vergleich zur Figur im Film war sie viele Schritte im Leben weitergekommen; sie war wirklich, wie André Heller sagt, ein Jahrhundertmensch. Was hat dieses Leben nicht alles umspannt! Elisabeth Heller hat alles erlebt – vom goldenen Käfig, über den Bankrott und die darauffolgende Selbstrettung bis hin zu einer vielleicht daraus resultierenden gewissen Milde und Abgeklärtheit im Alter.

MM: Was haben Sie durch solche Begegnungen gelernt?

Henning: Es geht uns so gut wie nie zuvor. Das ist der Grund, warum Entwicklungen durch Menschen wie Trump und Orbán so erschreckend sind. Demokratie ist nichts Selbstverständliches, man muss täglich darum ringen. Ich glaube nicht, dass morgen wieder braune Horden durch die Straßen ziehen, aber dass Freiheiten eingeschränkt werden, dass eine neue Angst die Leute leitet, das ist sehr wohl eine Tatsache. Und auch das behandelt dieser Film, weil er eigentlich sagt: „Lass dich nicht von falschen Sicherheiten kaufen!“ Das Denken, demzufolge man, solange man nichts macht, auch nichts falsch machen kann, ist verheerend. Der Paul Silberstein in uns sagt: „Sei nicht untätig! Überprüfe deine Träume!“ Der Heller würde das jetzt vermutlich so formulieren: „Überprüfe deine Träume in der Wirklichkeit auf ihre Statik – auch auf die Gefahr hin, dass ein paar von deinen Traumkartenhäusern in sich zusammenbrechen und du scheiterst. Aber wir lernen aus unserem Scheitern!

Als wär‘ es schon Flic Flac: Valentin Hagg veranstaltet als Paul Silberstein für sein geliebtes Mädchen ein Kopf-Varieté. Bild: © Dor Film

MM: Apropos, Traum: Die Schlusssequenz des Films ist einer, eine Flic-Flac-artige Szene, ein Zirkus. Warum?

Henning: Ganz einfach: Paul Silberstein verehrt ein Mädchen, das schwer krank ist. Er fragt sich: „Was ist zu tun?“ Und dann entscheidet er sich, dass er ihr Anwesenheit und Zeit schenken kann. Und seine Fantasie. Und so brennt er ein Feuerwerk aus fellini-esken Attraktionen ab. Ob sie’s gesehen hat oder nicht – man weiß es nicht.

Es ist ein Don-Quijote-Moment, dessen Entschlüsselung beim Publikum liegt. Noch eine Geschichte: Als mein Bruder klein war – er vielleicht vier, ich vierzehn Jahre alt – saßen wir oft zusammen in meinem Zimmer. Es war Herbst, tagelang herrschte dieser typische Klagenfurter Nebel, der einem bis in die Seele suppt. Es war ein trüber Tag und mein kleiner Bruder merkte wohl, dass ich nicht gut drauf bin. Da hat er mit einer Schere aus einem gelben Blatt Buntpapier eine kleine runde Scheibe ausgeschnitten. Eine Sonne. Die hat er dann an mein Fenster geklebt. Für mich ist das genau das, was Menschen mitunter können: Eine Buntpapiersonne aufkleben, wenn der Nebel ins Gehirn suppt. Man kann das eskapistisch nennen. Was André Heller schon sein Leben lang macht, ist vielen möglicherweise zu schwül, zu eklektizistisch, zu … was auch immer. Ich glaube an die Wirkung solcher Buntpapiersonnen. Manchmal helfen sie, manchmal nicht. Heller ist neben einer polarisierenden, vielschichtigen Figur auch ein fortwährendes öffentliches Scheitern, aber oft auch ein Gelingen – und von solchen Figuren gibt’s nicht viele. Schon allein deshalb finde ich ihn toll.

 MM: Man darf die Realität nicht ausblenden, man muss aber auch die Fantasie leben?

Henning: Das ist das, was dieser Film unter anderem erzählen soll. Aber nicht als verzopfter Fantasie-Poesie-Quatsch, sondern in einer klaren, identifizierbaren Form.

 MM: Sie haben im Sommer mit der Produzentin Isabelle Welter die WHee-Film gegründet. Was erwartet uns da? Werden Sie dort Ihr nächstes Projekt realisieren?

Henning: Nächste Projekte, wie ich hoffe. Ich finde den Plural in dem Zusammenhang schöner. Die WHee-Film ist entstanden, weil Isabelle und ich befunden haben, dass wir allmählich erwachsen genug sind, um selbst Verantwortung zu übernehmen – auch in produzentischer Hinsicht. Und weil wir sehr viele Projekte im Kopf haben, die wir gerne entwickeln würden. Zusammen mit verschiedenen Partnerinnen und Partnern – Hand in Hand sozusagen. Es gibt mehrere Ideen, Stoffe, die noch in der Entwicklung beziehungsweise in der Finanzierungsphase sind. Ein ganz konkretes Projekt, das wir gemeinsam mit der „Metafilm“ und mit „Gebhardt Productions“ machen wollen, ist „Mein Ungeheuer“ von Felix Mitterer. Das begleitet mich schon sehr lange. 2005 habe ich Felix in Irland besucht und er hat uns die Rechte gegeben. Es ist ein famoser, sehr packender, fast schon archaischer Stoff über die Ungeheuer in uns selbst, über Gut und Böse und über die Kraft der Liebe, die vielleicht die einzige Brücke über die Abgründe ist, die sich manchmal zwischen uns Menschen auftun.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=D5BU4pqjf-E          wieichlernte.at          www.wheefilm.com

18. 2. 2019

Angelo

November 8, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der schwarze Mann als Spielzeug des Souveräns

Angelo erzählt dem Kaiserhof eine fantastische Geschichte über Afrikas Fabeltiere und seine mutigen Krieger: Makita Samba. Bild: © Novotny Film

In prächtigen Gewändern steht er gleich einer Puppe auf einem Podest, und eine adelige Gesellschaft lauscht wohlig erschauert seiner Geschichte. Angelo, der Hofmohr, erzählt von einem fantastischen Afrika, von Fabeltieren, mutigen Kriegern und einem Feuer speienden Berg, als wär’s ein Traum von seiner Heimat. Doch aus der ist er schon als Kind verschleppt worden, dem Sklavenschicksal durch eine hochwohlgeborene Dame entronnen, die am Knaben das Exempel der Menschwerdung eines Wilden statuieren ließ.

Verkauft, später auch verschenkt, bringt er es über diverse Fürstenhäuser bis zum Gesellschafter des Kaisers. Und doch bleibt der schwarze Mann nur ein Spielzeug – auch für den Souverän. Dies die Schlüsselszene. Markus Schleinzer erzählt in seinem meisterhaften Film „Angelo“, ab Freitag in den heimischen Kinos, vom Schicksal des Angelo Soliman, der im 18. Jahrhundert in Wien Berühmtheit erlangte. Nur einzelne, fragmentarische Episoden sind von dessen Existenz bekannt, und so lässt sie auch Schleinzer ausschließlich in Momentaufnahmen aufblitzen – verschiedene Schauspieler in allen Altersstufen, von Kenny Nzogang über Makita Samba vom Pariser Theater Odéon bis Jean‐Baptiste Tiémélé, gestalten die Figur vom Feinsten, diese Projektionsfigur, die die stetig steigende Lust am Exotischen zu bedienen hat, und der es zeitlebens nicht gelingen wird, ihren Fesseln zu entkommen. Angelo ist von klein auf der lebende Beweis für den unaufhaltsamen Siegeszug von Aufklärung und Vernunft, wenn man diese denn jemandem angedeihen lässt. Er ist eine Trophäe.

Er wird zum Schauspieler seiner selbst, in einer berührenden Szene übt der erwachsene Angelo die ausladenden, „afrikanischen“ Gesten, mit denen er später sein Publikum beeindrucken wird, in einer weiteren lässt das Kind Vögel aus einer Voliere frei, wohl schon wissend, dass ihm Freiheit nie wieder gegönnt sein wird. Schleinzer liebt die Arbeit mit derlei poetischer Symbolik, und nie geht es ihm dabei um das Eins-zu-Eins-Abbild einer Epoche. Immer richtet er sich an ein Darüberhinaus, stellt kulturelle Deutungshoheiten, Schemata und Sichtweisen und Zuschreibungen, bloß, die bis heute nachwirken, erzählt von der vollkommenen Vereinnahmung eines einzelnen durch die herrschende Masse, und vom europäischen Erbe der Kolonialzeit. Ein Neonlicht weist als bewusster Anachronismus ins Heute.

Das wilde Kind wird mittels Flötenspiel zum menschlichen Wesen erzogen: Kenny Nzogang. Bild: © Novotny Film

Angelo und seine Tochter besichtigen seinen späteren Ausstellungsort: Nancy Mensah-Offei und Jean‐Baptiste Tiémélé. Bild: © Novotny Film

Dass es ihm ums Beispielhafte geht, wird auch dadurch verdeutlicht, dass Schleinzers Figuren historisch nicht näher bestimmt sind. Es gibt „die Comtesse“ von Alba Rohrwacher, „den Fürst“ von Michael Rotschopf oder „den Kaiser“ von Lukas Miko, letztere tatsächlich Josef Wenzel von Liechtenstein und Joseph II., Gerti Drassl spielt eine Kindermagd, Christian Friedel einen Museumsdirekor, Larisa Faber Angelos Ehefrau Magdalena, Nancy Mensah‐Offei die gemeinsame Tochter Josephine.

Denn Angelo wird heiraten, im Geheimen, eine Weiße, eine Liebesgeschichte ohne Leichtigkeit, wird Freimaurer werden, aber niemals „ihresgleichen“. Als was er sich sehe, fragt einmal einer seiner Herren, als Sohn Afrikas und als Mann Europas, antwortet er. Schleinzers Film zeigt immer auch das Ringen um Sprache, heißt: um Ausdruck, nicht um Sprechvermögen, denn daran mangelt es Angelo nicht, sondern das Ringen mit einer Sprach- ob einer Wurzellosigkeit.

Gedreht im 4:3-Format, was den vom Theater geprägten Guckkastencharakter des Films, seine Bühnenbildhaftigkeit und die Objekthaftigkeit der Figuren noch unterstreicht, lässt Schleinzer anstatt seiner nüchternen Ästhetik und seiner Tableaux vivants am Schluss den Schock auffahren.

Angelo Soliman wird nach seinem Tod im Hof-Naturalien-Cabinet ausgestellt, wieder Spielzeug für Kaiserkinder, wieder halbnackter Wilder mit Federschmuck und Muschelkette. Schaurig, wie seine Haut wie Leder auf ein Holzmodell genagelt wird. Als er davor als alter Mann seinen Ausstellungsort im Museum besichtigt, fragt ihn die Tochter über die absurde Afrika-Darstellung „C’est comme ça, Papa?“ – „Ist es so?“ Angelos Hülle, hier endet der Film, verbrannte – längst in eine schäbige Dachkammer verbannt – 1848 während des Oktoberaufstands.

www.facebook.com/AngeloDerFilm/

  1. 11. 2018

Baumschlager

September 18, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Thomas Stipsits als schürzenjägerischer UNO-Soldat

Drei Engel für Baumschlager: Meyrav Feldman, Moran Rosenblatt, Thomas Stipsits und Sólveig Arnarsdóttir. Bild: © Dor Film

Der Name ist Baumschlager, Werner Baumschlager, und der hat in 100 Minuten Film mutmaßlich mehr Sex als James Bond in 55 Jahren Kinogeschichte. Er hat’s beruflich aber auch einfacher, ist er doch kein Superspion, der beständig gegen Welteroberer oder -zerstörer kämpfen muss, sondern führt das beschauliche Leben eines österreichischen UN-Soldaten an der blauen Linie, der Grenze zwischen Israel und dem Libanon.

Dass er dort so viel Chaos anrichtet, dass sich die Blauhelme schließlich aus der Pufferzone auf dem Golan zurückziehen (tatsächlich verließ das Austrian Battalion, seit 1974 ununterbrochen mit dem größten Truppenkontingent vor Ort im Einsatz, im Wahljahr 2013 überstürzt die Waffenstillstandszone), ist aber ein böswilliges Gerücht … Harald Sicheritz‘ hinterlistige Satire „Baumschlager“ ist ab Freitag in den heimischen Kinos zu sehen. In der Titelrolle, seiner ersten Kinohauptrolle: Kabarettist und Schauspieler Thomas Stipsits.

Der gerät als patscherter Bundesheer-Hauptmann im Nahen Osten in die Bredouille, teils in eine selbstverschuldete, teils wird er zum Spielball der sich gegenüberstehenden Generalstäbe und ihrer friedensfeindlichen Pläne. Denn mit der Waffenruhe hat hier niemand so richtig Freude, weder die UN-Kräfte (Baumschlagers Untergebene müssen mit dem Abzug ihre lukrative Hanfplantage aufgeben), noch das israelische oder das libanesische Militär. Mit „Baumschlager“ ist Sicheritz ein schwarzhumoriges Lustspiel gelungen, das gewieft die tagtäglichen Verhältnisse in einer der langlebigsten Krisenregionen dieser Erde darstellt; die dortigen komischen Verhältnisse hatten eine solch komödiantische Darstellung längst verdient.

Das Drehbuch dieser österreichisch-israelischen Koproduktion stammt von der jungen israelischen Autorin Maayan Oz, die die von ihr beschriebenen absurden Situationen vermutlich aus dem Effeff kennt, und daher den Figuren auch noch im größten Aberwitz zutiefst menschliche Züge verleihen konnte. Gleichzeitig zeigt Oz eine klare, wenn für den Film auch zugespitzte, Haltung zu Militär, der UNO – und Kriegsprofiteuren aller Seiten. Seien sie Gauner oder Geschäftsleute oder die Schnittmenge aus beidem. Der Film ist vielsprachig und als solcher zu empfehlen, mit sehr geglückten Untertiteln – aus „Shut up“ beispielsweise wird ein sehr einheimisches „Gusch, jetzt“ -, es gibt aber auch eine rein deutschsprachige Fassung. „Baumschlager“, das hat auch etwas verweht Nostalgisches, weiß auch nicht wie, aber irgendwie muss man an Heinz Conrads denken, der in seiner 1970er-Jahre-Sonntagmorgensendung im Radio immer auch „unsere Burschen auf den Golan-Höhen“ grüßte …

Ranias zukünftiger Ehemann liebt Kriegsspielchen …: Shadi Mar’i und Thomas Stipsits. Bild: © Dor Film

… genauso wie die israelische Soldatin Sigal: Thomas Stipsits und Meyrav Feldman. Bild © Dor Film

Apropos, Lust-Spiel: Werner Baumschlager ist der Typ Mann, der nach dem Sex höflich fragt, ob’s eh gefallen hat. Als Soldat mit hohem Pflichtbewusstsein und einem gerüttelt Maß an Akkuratesse ausgestattet, will er privat nur eines: alle um sich glücklich machen – und natürlich auch sich selbst. So kam’s wohl, dass er in eine Doppelliebesaffäre gestolpert ist, eine bilaterale noch dazu, ist doch die eine Geliebte die israelische Soldatin Sigal (Meyrav Feldman als „die Harte“) und die andere die libanesische Generalstochter Rania (Moran Rosenblatt als „die Zarte“).

Damit nicht genug, wartet im österreichischen Middle of Nowhere Gerti Drassl als brave Ehefrau Martha. Es kommt der Weihnachtsurlaub und, während sich Martha noch freut, dass Werner plötzlich ein paar neue Handgriffe im Bett beherrscht, ohne zu ahnen, dass er sich für die um Kopf und Kragen schnackselt, ein Erpresserbrief: „Go back to Israel and wait for instructions“, steht da zu einigen scharfen Sexfotos von Baumschlager und Sigal. Also zurück an die Front.

Wo sich die turbulenten Ereignisse überschlagen: Die Erpresser entpuppen sich als georgisch-israelisches Vater-Sohn-Gespann (Eyal Rozales und  Kobi Farag), die Baumschlager zwingen, mit Kokain präparierte Orangen aus dem Libanon nach Israel zu schmuggeln, denn er als UN-Soldat werde gewiss nicht kontrolliert. Martha, misstrauisch geworden, beschwert sich in Wien bei Werners Vorgesetzter – die nur bestätigen kann, dass die Erlaubnis für den Heimaturlaub aufrecht ist. Also fliegt Martha in den Nahen Osten, um selber nach dem Rechten zu sehen. Mittlerweile entpuppt sich der „Orangenhändler“, Baumeister Ali, als Ranias zukünftiger Schwiegervater und sein Sohn, der „arrangierte“ Verlobte, als schießwütiger Vollpfosten.

Die UNO ihrerseits, durch Marthas Auftritt aufgeschreckt, setzt zwei Agenten (Sólveig Arnarsdóttir und Bond-Bösewicht Anatole Taubman) auf Baumschlager an. Dessen drei Frauen treffen auf und geraten handgreiflich aneinander. Und während die Militärs auf beiden Seiten (herrlich: der israelisch-arabische Superstar Norman Issa als libanesischer General, ergo Berufszyniker, und Ranias Vater Mussa) überlegen, wie man den Schürzenjäger Baumschlager zum Spion hochstilisieren könnte, damit endlich wieder geschossen werden kann, fressen Ziegen die rauschgiftigen Orangen – oder doch nicht? …

Das Weihnachtsfest in Österreich ist kurz, Baumschlager muss zurück an die Liebesfront: Thomas Stipsits und Gerti Drassl. © Dor Film / Bild: Hubert Mican

Immer wieder überraschende, skurrile, aber durchaus nicht ganz unrealistische Irrungen und Wirrungen nehmen als „Mission Baumschlager“ ihren Lauf. Neben der österreichischen Besetzung Thomas Stipsits und Gerti Drassl, und Gastauftritten von Martina Spitzer als Marthas Mutter und Proschat Madani als Ranias Mutter, bestechen sowohl Meyrav Feldman als auch Moran Rosenblatt.

Stipsits stattet seinen Baumschlager mit dem ihm eigenen tollpatschig-charmanten Schmäh aus, und macht ihn zu einem so grundguten, liebenswerten Menschen, dass er einem fast leid tut in dem Schlamassel, den er mitangerichtet hat. Warum sich die Frauen reihenweise in seinen Werner verlieben, macht Stipsits mit seiner sympathischen Darstellung klar. Dass sich die Militärs angesichts seiner panischen Handlungen fragen, ob „Boomschlager“ ein Idiot ist, ist begreiflich, aber nicht gerecht. Stipsits spielt das herrlich, mit einer beinah stoischen Ruhe und immer alle beschwichtigend, als hätte sein Baumschlager inmitten dieser Riesenintrige gar nicht mehr die Kraft, sich groß aufzuregen.

Gerti Drassl glänzt mit ihrem reduzierten Spiel als so eifersüchtige wie besorgte Martha, die auf der Reise ihren Mann erst spät, vor allem und zuerst aber sich selbst findet. Und obendrein den Beduinen Saud (Zohar Liba) und seine fremd-gefährliche und exotische Welt. Wunderbar etwa die Szene, in der Martha in Sauds stinkertem Auto einen Wunder-Baum aufhängt. Meyrav Feldman und Moran Rosenblatt als Sigal und Rania wiederum benutzen Baumschlager als Türöffner zu ihren jeweiligen Lebensträumen, will erstere doch über ihn bei der UN-Friedenstruppe eingestellt werden, und zweitere mit ihm ihrem verrückten Verlobten Richtung Österreich entfliehen. Anatole Taubman wiederum gibt alles in einer besonders fordernden Rolle: Sein UNO‐Agent Max Lang muss als Geisel im Irak Schlimmes erlebt haben, denn immer wenn orientalische Musik erklingt, muss er sich nackt ausziehen und eine Ziege … naja … beglücken.

Harald Sicheritz braucht für seinen Film weder Klamauk noch Slapstick, die Plots sind auch so bizarr genug. Wie er und Drehbuchautorin Maayan Oz eine komplexe politische Situation in die Schwierigkeiten eines einzelnen übersetzen, ist meisterlich. Der Vereinte-Nationen-Mann Werner Baumschlager hat seine eigene Idee davon, wie man die Nationen vereinen kann. Make love, not war. Was den Film „Baumschlager“ betrifft, so kann man sich nur der Meinung von Gerti Drassl anschließen: „Ich finde, es ist eine sehr feine, mannigfaltige Komödie geworden, die auch sehr überrascht!“

Trailer: www.youtube.com/watch?v=YnKEMwxCCv8

www.baumschlager.derfilm.at

BUCHTIPP:

Heute erscheint bei Ueberreuter Thomas Stipsits erstes Buch „Das Glück hat einen Vogel“. Darin beleuchtet er in 26 Geschichten humorvoll und hintersinnig die Suche nach dem Glück im Leben. Die Geschichten über Menschen von A wie Andreas bis Z wie Zita werden raffiniert miteinander verknüpft und beleuchten als Momentaufnahmen großes und kleines Glück. Denn: Ein Sonnenuntergang am Meer, ein gutes Glas Rotwein oder ein Lotto-Dreier – was Glück für den Einzelnen bedeutet, kann unterschiedlicher nicht sein … (Buchrezension folgt).

Am 19. September gibt Thomas Stipsits ab 18 Uhr in der Buchhandlung Thalia W3 eine Signierstunde. Der Eintritt ist frei.

www.ueberreuter-sachbuch.at

www.thalia.at/shop/home/filialen/showDetails/6411/

18. 9. 2017

Theater in der Josefstadt: Die Wildente

Mai 5, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Schön in aller Schlichtheit

Familiendrama im Stiegenhaus: Raphael von Bargen, Gerti Drassl, Roman Schmelzer, Maresi Riegner und Siegfried Walther. Bild: Astrid Knie

An der Josefstadt hatte Ibsens „Die Wildente“ Premiere, dieser Dauerbrenner an heimischen Bühnen, man hat den einen und die andere diesmal Mitwirkende/n schon in früheren Inszenierungen in jüngeren Rollen gesehen, doch der Donnerstagabend war etwas sehr Besonderes. Regisseurin Mateja Koležnik, eine der wesentlichen Spielmacherinnen des slowenischen Theaters und ausgewiesene Ibsen-Expertin (ihre Vorjahresinterpretation der „Nora“ am Stadttheater Klagenfurt begeisterte derart, dass Martin Kušej die Aufführung ans Resi holte), gab ihr Wien-Debüt – und überzeugte auf ganzer Linie.

Sie hat Ibsen schlank und schlicht gemacht, und birgt in dieser Schlichtheit große Schönheit. Sie stemmt sich „einfach“ gegen Bedeutungsschwere und Pathos. Die nunmehr wie dahingesprochenen Sätze, die geflüsterten Geheimnisse, erzählen von einer unerträglichen, weil unechten Leichtigkeit des Seins, und die großartige Beiläufigkeit, mit der agiert wird, weist aus: Hier wird mehr aneinander vorbei gesprochen als tatsächlich miteinander geredet. Viel Falschheit wird mit nicht einem falschen Ton gesagt, die Lebenslügen, der Selbstbetrug, schneiden so erst recht ins Fleisch. Koležniks Arbeit tut weh.

Man spürt die unterschwelligen Aggressionen, die gutbürgerlichen Unzufriedenheiten – und brechen diese abrupt auf und aus, ist man durch das Hochbrausen der Emotionen an diesem stillen Abend umso mehr erschüttert. Für all das hat Koležnik mit Bühnenbildner Raimund Orfeo Voigt und Kostümbildner Alan Hranitelj eine Art Farbleitsystem erdacht, eine spezielle Farbästhetik von zinkgrau-zinskasernenen Kittelschürzen bis blauen Arbeits/Mänteln. Die Herren im Ensemble laborieren außerdem allesamt an einem Bad-Hair-Day, heißt: gatschbraunem Topfhaarschnitt.

Die Frage, wer tatsächlich Hedvigs Vater ist …: Maresi Riegner und Gerti Drassl. Bild: Astrid Knie

… treibt Hjalmar und Gina auseinander: Roman Schmelzer und Gerti Drassl. Bild: Astrid Knie

Gespielt wird in einem Stiegenhaus, diesem nachbarschaftlichen Begegnungsort, an dem sich’s trotzdem so trefflich anonym und unangetastet bleiben lässt. Die steilen, atemlos machenden Stufen, diese „Lebensleiter“, verbinden mutmaßlich die Ekdal’sche Wohnung mit dem Fotoatelier, im ständigen Treppauf-Treppab wird Geschäftigkeit, wird Bewegung simuliert, wo seit Langem seelischer Stillstand herrscht. Eine alle Heimlichkeiten wahrende Tür führt auf den mysteriösen Dachboden, der nicht nur den Wasservogel, sondern auch einige Tanzpaare beherbergt. Ibsens Hang zum Symbolismus, der mitunter unvermittelt seiner naturalistischen Beschreibung von Realität gegenübersteht, ist ja bekannt – und Koležnik trägt ihm mit ihrer aufs Kondensat eingedampften Arbeit und dem klaustrophobischen Bühnenraum Rechnung.

All diese wunderbar konzeptiven Ideen wären wenig wert, hätte man nicht Schauspieler, die diese auch in den Zuschauerraum zu übertragen wissen. Und Koležnik versteht sie exzellent zu führen und zu stärkster Wirkung zu bringen. Maresi Riegner, diese blutjunge Film- und Theaterentdeckung, ist eine formidable Hedvig, sehr naiv, sehr Mädchen, ein von den unerwarteten Umständen erschrecktes Kind, das sich zum Wohle der Eltern opfert. Gerti Drassl und Roman Schmelzer brillieren als Hjalmar und Gina Ekdal, die hantige Mutter und der gutmütige Vater, deren Existenz ein Mensch gewordener Jagdhund vernichtet, nur weil er seinem Wahrheitswahn und seinem übersteigerten Ehrbegriff folgen zu müssen glaubt.

Die Werles tragen ihren Vater-Sohn-Konflikt in der Familie Ekdal aus: Maresi Riegner, Michael König und Raphael von Bargen. Bild: Astrid Knie

Als dieser Gregers Werle ist Raphael von Bargen eine Idealbesetzung, herrisch bis zum Herrenmenschentum, von sich selbst und seinen Idealen überzeugt. Er will sein Gewissen heilen, indem er andere krank macht, er holt zum Rundumschlag aus, und will doch nur seinen Vater treffen. Selten war in einer Inszenierung so klar zu erkennen, dass Gregers über die Ekdals Vergeltung an Håkon übt. Wie Schmelzers Hjalmar mit dem Grad der Verzweiflung menschlich wächst, schrumpft von Bargens Gregers mit seinem Tun zusammen.

Großartig sein Aufeinanderprallen mit „Vater“ Michael König, er ein Paradebeispiel für Ibsens misstrauischen, schweigsamen und hartleibigen Menschenschlag, und Peter Scholz als abgeklärt-zynischem Dr. Relling. Siegfried Walther ist ein wunderbarer alter Ekdal, mittelschwer senil und mit einem Dachbodenparadies auf Erden. Susa Meyer hat einen prägnanten Kurzauftritt als Frau Sørby, ebenso Alexander Absenger als Molvik. „Die Wildente“ an der Josefstadt ist eine hochkonzentrierte, atmosphärisch dichte und beklemmende Aufführung. Am Ende wird Gina vom Tod ihres Kindes in einem gewaltigen, bleischweren Schlussbild überwältigt, ein letzter Schrei, bevor der Eiserne fällt – nicht nur Gerti Drassl brauchte beim wohlverdienten Applaus sichtlich, um aus dieser Situation wieder ins Hier und Jetzt zu finden – auch das Publikum hatte eine Schrecksekunde, eine Schweigeminute nötig, bevor der Jubel losging.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=WuF68lYg7T8

www.josefstadt.org

Wien, 5. 5. 2017

Theater in der Josefstadt: Ödön von Horváths „Niemand“

September 2, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

List und Tücke einer Uraufführung

Geri Drassl und Florian Teichtmeister überzeugen mit ihrem intensiven Spiel. Bild: Sepp Gallauer

Gerti Drassl und allen voran Florian Teichtmeister überzeugen mit ihrem intensiven Spiel. Bild: Sepp Gallauer

Fast ist man versucht zu formulieren, „Niemand“ hat Schuld. In Anlehnung an diese Schlüsselszene, in der Fürchtegott Lehmann Ihn anklagt. Hat er doch Sein Lachen gehört, und wer so lacht, der kann nicht weinen über das Schicksal der Menschen. Bleibt – ein sardonisches Grinsen, ein Verzerren der Mundwinkel, ein Zähneblecken wie nach einer Strychninvergiftung, um auszudrücken, was Leben heißt. Und genau dieses fehlt in Herbert Föttingers Uraufführungsinszenierung von Ödön von Horváths „Niemand“ am Theater in der Josefstadt. Eine Inszenierung, die sich auch mit einem „Aber ach!“ zusammenfassen ließe.

Bemüht sich der Hausherr als Horváth-Regisseur doch mit derart beflissener Sorgfalt und spürbarer Liebe zum Text, diesem gerecht zu werden, dass alles, was einem beim Lesen noch wie ein Raubtier angesprungen hat, auf dem Weg zur Bühne allzu handzahm wurde. Föttinger hat den Autor, wie es sich für eine Uraufführung gehört, beim Wort genommen. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Das ist List und Tücke in einem. Es ist, als hätten sich alle Beteiligten so sehr ins demütige Gebet geduckt, Heiliger Horváth, bitt‘ für uns!, dass ihnen die Gotteslästerung nicht mehr gelingen konnte.

Mit im Wesentlichen einer Ausnahme. Namens Florian Teichtmeister. Er schraubt sich als Darsteller des Fürchtegott Lehmann in lichte Höhen. Mit seiner scharfkantigen Schauspielkunst, die einmal mehr tief in die dunklen Winkel einer Seele blicken lässt.

„Niemand“ ist ein Stück aus einer Zeit, bevor Horváth die vielsagende Pause als wichtigsten Dialogteil erfand, entstanden 1924, da war er 23, offenbar niemals aufgeführt, lange verschwunden, von Föttinger in der FAZ als Auktionsgegenstand wiederentdeckt, von der Wienbibliothek ersteigert und nun vom Thomas Sessler-Verlag vertreten (dessen Geschäftsführerin Maria Teuchmann im Gespräch über „Niemand“: www.mottingers-meinung.at/?p=21624). Im Zentrum der Handlung steht ein Zinshaus, hier von Walter Vogelweider als eine sich um ihre eigene Achse drehende Welt aufgebaut, in das Horváth bereits sein typisches Milieu und dessen Motive einziehen lässt.

Das Gebäude gehört dem jungen, verkrüppelten Wucherer Lehmann, und in seinem Stiegenhaus versammeln sich Huren samt ihren Zuhältern und Freiern, durstige Handwerker, Kellnerinnen und ihr Wirt, eine diebische Hausmeisterin und ein so arbeits- wie ergo mittelloser Musikant. 24 Rollen sind’s, die man an der Josefstadt natürlich bis in die kleinsten vorzüglich besetzen kann, etwa mit André Pohl als Konditor, Heribert Sasse als Uraltem Stutzer oder Martin Zauner als einem von vier „schwarz gekleideten Männern“. Die, und man fragt sich, ob Horváth tatsächlich so prophetisch sein konnte, kommen im schwarzen Wagen, um die Leichname abzuholen. Auch die zukünftigen. Föttinger ließ diesen Figuren zusätzlich weiße Brecht-Gesichter aufmalen.

Horváths Zinshausgesellschaft: Martina Stilp, Swintha Gersthofer, Roman Schmelzer, Alexander Strobele, Peter Scholz und Thomas Kamper. Bild: Sepp Gallauer

Horváths Zinshausgesellschaft: Martina Stilp, Swintha Gersthofer, Roman Schmelzer, Alexander Strobele, Peter Scholz und Thomas Kamper. Bild: Sepp Gallauer

Wie Kain und Abel: Teichtmeister mit Raphael von Bargen. Bild: Sepp Gallauer

Zwei Brüder wie Kain und Abel: Florian Teichtmeister mit Raphael von Bargen. Bild: Sepp Gallauer

Wie er überhaupt bei seiner Arbeit an diesem expressionistischen Werk auf diese Art von „Verfremdung“ setzt. Als wäre Distanz und Dezenz ein Löschpapier auf den jugendlich überhitzen, überladenen, teilweise überspannten Zeilen, lässt Föttinger seine Darsteller lediglich am Rande ihrer Rollen entlangbalancieren. Auf Aktion wird über weite Strecken verzichtet.

Die Schauspieler, sie sprechen auch die Regieanweisungen als wären sie Gesetzestexte, haben sich, so scheint’s, in kritischer Entfernung zu ihren Charakteren aufgestellt, mitunter sogar als Textaufsager an der Rampe, aber gelangen von dort aus freilich kaum zum Spielen. Dabei, man merkt es an Dominic Oley als Musiker Klein, Martina Stilp als Prostituierter Gilda oder Roman Schmelzer als ihrem Zuhälter Wladimir, wären sie mehr als heiß darauf. Aber ach …

Im Zentrum des Ganzen – Teichtmeister, der mit atemberaubender Ambivalenz den von der Liebe empor gehobenen und schließlich zerschmetterten Lehmann gibt. Er endlich erzählt von der Lächerlichkeit des Lebens, er kann einen Menschen in all seinen existenziellen Nöten schillern lassen, der Hartleibige wird weichherzig, was ihn logischerweise zerstören muss.

Dieser Lehmann ist so bedrohlich wie bemitleidenswert, und Teichtmeister spielt die Gottessuche und den Gottesfluch und letztlich die Frage, wer wem die Krücken wegschlägt, als wär’s eine nietzscheanische. Horváth hat viel gewollt und viel verrätselt in diesem Frühwerk, und Teichtmeister folgt ihm auf seinem Weg ins Jenseits von Gut und Böse. Raphael von Bargen ist ein ebenbürtiger Kain zu diesem Abel, der Fremde, der sich als Bruder entpuppen, und nach dem skrupellosen Recht des Stärkeren überleben wird. Gerti Drassl, ein versiertes Horváth-Fräulein, steht als Ursula zwischen den beiden. Sie ist in ihrem Leid von schmerzhafter Intensität, sie spielt alle Farben grau. Nur die eine lässt sie aus, die nämlich, mit der man sich ausmalen könnte, ob ihre erbarmungswürdige Ursula nicht auch aus Berechnung handelt. Doch zu Recht gilt diesem Trio am Ende der größte Applaus.

Föttingers Horváth-Hochamt an der Josefstadt ist wie eine Sehenswürdigkeit. Man muss sie gesehen haben. Schließlich gilt’s nicht alle Tage ein neues Werk des Meisters zu entdecken. Und schließlich: Niemand weiß, ob wie auch immer „bessere“ Aufführungen dieses schwierigen Stücks überhaupt gelingen können …

Trailer: www.youtube.com/watch?v=zVJJXgfnnVU

www.josefstadt.org

Wien, 2. 9. 2016