TAG online: Medea – Ich, ich, ich, ich!

Dezember 8, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Ausländerin einfach abschieben

Michaela Kaspar als vor Zorn rasende Andrea/Medea: Bild: © Anna Stöcher

Um die Zeit bis zum Lockdownende zu versüßen, schenkt das TAG seinem Publikum die Aufzeichnung der umjubelten „MEDEA Ich, ich, ich, ich!“. Die Inszenierung ist auf der neuen Plattform Stage+ unter stage-plus.art/medea kostenlos zu sehen, sie ist ein virtueller Vorgeschmack auf die letzte Live-Spielserie dieser Produktion: „MEDEA Ich, ich, ich, ich!“ wird im Februar und März 2022 letztmalig live auf der Bühne präsentiert. Hier noch einmal die Rezension vom Dezember 2019:

Da die Darsteller bei ihrem ersten Auftreten als attischer Chor Masken tragen, verweist dies bereits darauf, dass das Drama zur Groteske werden wird. Der Mythos der mordlüsternen Medea als spöttische Auseinandersetzung mit den Bürgern der Polis – so originalgetreu überschrieben hat Gernot Plass Euripides, und dem Namen der Barbarenprinzessin vier Ichs angefügt. Kennzeichnung einer Ego-Gesellschaft, in der jeder für sich und gegen alle anderen ist.

„Medea – Ich, ich, ich, ich!“, uraufgeführt im TAG, ist die komplett unterschiedliche, sich total gleichende Geschichte mit Ursprung Argonautensage, Andrea und Walter aka Medea und Jason als Yuppie-Paar, das die geschmackvoll-weiße Couch allerdings nicht zur Ehetherapie nutzt. Nein, zwischen Michaela Kaspar und Julian Loidl geht’s handfest zur Sache, ein Streit wegen des Gatten Seitensprung eskaliert, dieweil der Chor eben noch vor hochgespieltem Individualismus warnte, schlimmer ist es als die Frau befürchtet hat: Das Pantscherl basiert auf politischem Kalkül. Walter gesteht freimütig, ihm sei das höhere Töchterl Elisa lieber als die angetraute Lebensabschnittspartnerin.

Deren Vater Peter, früher König Kreon von Korinth, ist immerhin Bürgermeister, und Elisa/Kreusa beileibe nicht untätig, träufelt sie’s doch wie Gift in Daddys Ohr, er solle die Ausländerin per Dekret abschieben, die Fremde ein für alle Mal aus der Stadt entfernen lassen. Für Andreas Kinderchen hingegen hat Elisa durchaus Verwendung, wie schön, auf Mutti machen zu können, ohne die Unbill des Gebärens. Über so viel Chuzpe seiner Lendenfrucht steht sogar Jens Claßens Peter der Mund offen, er wird dennoch den Wunsch Elisas zu erfüllen trachten.

Walter/Jason will Lebensabschnittsgattin Andrea abschieben: Julian Loidl und Michaela Kaspar. Bild: © Anna Stöcher

Bürgermeister Peter und Tochter Elisa aka Kreon und Kreusa: Jens Claßen und Lisa Schrammel. Bild: © Anna Stöcher

Messerattentäterin Andrea tötet Ehekonkurrentin Elisa: Michaela Kaspar und Lisa Schrammel. Bild: © Anna Stöcher

Der weinende Walter, die triumphierend blutverschmierte Andrea: Julia Loidl mit Michaela Kaspar. Bild: © Anna Stöcher

Lisa Schrammel schlüpft in diese Rolle, der Charakter der Kreusa von Gernot Plass, wiewohl er die griechische Tragödie insgesamt auf ihre immer noch Gültigkeit abklopft und für gut befindet, der am meisten ins Heute gehievte, denn Elisa ist ein manipulatives, machthaberisches Upper-Class-Miststück fernab jeder Jungmädchen- haftigkeit, geschweige denn Mitmenschlichkeit. Es macht einen frösteln, wie Plass die Figuren zwischen TAG-typischem Geplänkel und aggressivster Kontroverse wechseln lässt. Seine „Medea“ ist ein entsetzliches Vergnügen, der irrwitzige Plot um Beziehungskisten angereichert um den Wahnsinn der Themen Rassismus und Xenophobie – ein Fazit zum Umgang der selbsternannten Ersten mit der sogenannten Dritten Welt.

Selbstverständlich wird auch diesmal das Schlachtfeld der sexuellen Untreue mit Blut begossen, im ewig währenden Kampf der Geschlechter schont die Inszenierung niemanden. Vor allem Kaspar und Schrammel gehen mit brutaler Gewalt in den Infight, die europäische Bildungsbürgerin und die zu entsorgende Ehefrau aus einer, wieder und wieder wird’s gesagt, rückständigeren „Kultur“. Kaspar kann grandios toben, im Wortsinn archaisch – und wie!, Schrammel so groß- wie unartig skrupellos sein, letztlich aber, eine so schlimme, wie die andere, überlappen die beiden Plass-Charaktere. Schauderhaft die Szene, in der Elisa endlich die Beherrschung verliert und kaltschnäuzig zugibt, sie hätte sich die Bastardsöhne zwecks „für uns die Drecksarbeit erledigen“ ins Haus geholt, grauenvoll die Reaktion Andreas, die zur Vermeidung der Ausweisung erst Peter anbaggert, bis –

Der Chor der attischen Tragödie: Julian Loidl, Jens Claßen, Lisa Schrammel und Michaela Kaspar. Bild: © Anna Stöcher

sie beginnt, die Leichen zu Bergen zu stapeln. Auf diese Bestialität hat sich die Aufführung hundert atemlose Minuten lang zugespitzt, der Abend ist von der ersten bis zur letzten von fiebrig vibrierender Spannung, alle beständig am Rande des Nervenzusammenbruchs, weil der Existenzbedrohung, auch Claßens gern mal laut werdender Lokalpolitiker, auch Loidls begriffsstutziger, Schwanz einziehender Anti-Held, der ja zumindest seit Grillparzer zum rückgratlosen Schwächling deklariert ist. Derart changiert „Medea – Ich, ich, ich, ich!“ im TAG von literarischen Bezügen zu deren Brüchen.

Die Sprache des Plass’schen Textes ist stark, seine Umsetzung auf der Bühne intensiv, zwischen Gut und Böse sind die Figuren hier jenseits von … und das Publikum mal bitter lachend, mal betreten Innenschau haltend. Medea/Andrea schießt sich ins Aus durch einen martialischen Spruch, den sie in ihrer Wut ausstößt. Bekannt kommt einem dieser Satz vor. „Was? ‚Ich bring sie um?‘ Mein Gott! Das wird man doch noch sagen dürfen!!!“ Erstveröffentlichung: www.mottingers-meinung.at/?p=36752

 

dastag.at           stage-plus.art/medea

8. 12. 2021

Volksoper: Roxy und ihr Wunderteam

September 12, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

So sexy kann Fußball sein

„Roxy“ Katharina Gorgi und ihr Wunderteam. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Schon zur Ouvertüre muss das Runde ins Eckige. England gegen Ungarn, das ist Brutalität! Am Ende steht’s 3:2 für die Gäste vom Kontinent, die Nationalelf feiert im Nobelhotel, da stürmt ins Zimmer des Teamkapitäns Gjurka Karoly eine Braut, die sich nicht traut, Roxy auf der Flucht vorm unterbelichteten Verlobten – und die frohgemute Mannschaft beschließt, das britische Fräulein ins Trainingslager an den Plattensee zu retten.

Womit an der Volksoper zur Saisoneröffnung ein schwungvoller Gute-Laune-Abend beginnt, der das Premieren-Publikum zu begeistertem Jubel und Applaus veranlasste. Andreas Gergen hat Paul Abrahams Revueoperette „Roxy und ihr Wunderteam“ inszeniert, und Dirigent Kai Tietje lässt das Volksopernorchester zwischen Attack Speed im Big Band Sound und magyarisch-melancholischen Klängen taktieren – Abraham hat sozusagen von Charleston bis Csárdás komponiert -, dass es eine Freude ist. Eine Freude sind auch der nicht nur gesanglich, sondern auch tänzerisch talentierte Jugendchor des Hauses als Schülerinnen eines Mädchenpensionats und eine Handvoll durchtrainierter Herren als anfangs leichtgeschürzte Fußballer, diese später auch heiß als Feuerwehrmänner, Stichwort: The Full Monty.

Im tausend Stückeln spielenden, ohne Rot-Weiß-Grün-Folklore funktionierenden Bühnenbild von Sam Madwar, unter anderem ein senkrechtes Fussballfeld, stimmigen Videos von Andreas Ivancsics und ebensolchen Kostümen von Aleksandra Kica, geht’s leichtfüßig durch zweidreiviertel höchst unterhaltsame Stunden. Das Ensemble dribbelt flink durch tumultuöse Geschehen, in dem ganz klar Peter Lesiak als Tormann Jani Hatschek II der Spielmacher ist. Wie er in den ausgetüfelten Choreografien des früheren John-Neumeier-Studenten Francesc Abós mit „Roxy“ Katharina Gorgi singt, swingt, steppt, ein Highlight ist der „Black Walk“, das muss man gesehen haben, Violinsolistin Gorgi, die nicht nur mit neckischem Charme, sondern wie ein Prímás auf der Geige spielt.

„Das Wunderteam“, dieser Begriff hat hierzulande beinah mythischen Charakter. 1931 besiegte die österreichische Nationalmannschaft in Berlin den im Wortsinn großen Bruder Deutschland mit einem sensationellen 6:0. Auf dem Platz Mittelstürmer „der Papierene“ Matthias Sindelar, Tormann-Beau Jani Hatschek und „der Blade“ Karl Sesta. Es dräute das Jahr 1933 und die Machtergreifung durch die Nationalsozialisten, der Wiener Fußball verabschiedete sich aus der Weltgeschichte im legendären „Anschluss-Spiel“ 1938, in dem Sesta einen widerständigen 2:0-Treffer schoss.

Katharina Gorgi und Jörn-Felix Alt. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Robert Meyer, Marco Di Sapia und Michael Havlicek. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Jakob Semotan und der Jugendchor. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Juliette Khalil, Christoph Wagner-Trenkwitz und der Jugendchor. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Sport ist Politik, das macht die Figur des Baron Szatmary, Marco Di Sapia als Präsident der Fußballmannschaft deutlich, der stets bestrebt ist, seine Verbindungen nach Berlin zu verbessern, und den Gjurka bescheidet, er werde sich noch umschauen, wo er landet, wenn er nicht bald zur Parteilinie passe. Als dieser Gjurka ist Jörn-Felix Alt dem Sindelar nachgezeichnet, ein introvertiertes Elegiebürscherl, das vom Temperamentsbündel Roxy zum Dumdududum des James-Bond-Themas überrannt wird.

„Gibt es denn niemanden, der mir beim Ausziehen helfen will?“, bleibt, als Roxy aus ihrem Hochzeitskleid schlüpfen will, beileibe nicht die einzige schlüpfrige Bemerkung und frivole Doppeldeutigkeit im Text von Alfred Grünwald und Hans Weigel. Gorgis und Alts Musical-Stimmen kommen nicht aus der größten Tiefe des Resonanzraums, haben aber den Zug zum Tor. Anfangs lampenfiebrig ein wenig schwächelnd, legt sich das, sobald die beiden merken, wie sehr sie mit ihrem sympathischen Auftritt beim Publikum punkten.

Spielentscheidend ist sowieso der Mannschaftsgeist. Das Volksopern-Team ist für die musikalische Kurzpass-Komödie in guter Kondition, Jakob Semotan als Arpad Balindt, Oliver Liebl als Géza Alpassy, Martin Enenkel als Laczi Molnar, Kevin Perry als Aladar Kövess und Maximilian Klakow als Jenö Körmendy. Verfolgt werden die Fußballer von Roxys schottischem Onkel Sam Cheswick, Robert Meyer grandios komisch als geiziger Mixed-Pickles-Produzent, der sich mit dem abservierten, ergo weinerlichen Bräutigam Bobby Wilkins, Matthias Havlicek mit warmtimbriertem, elegant geführtem Bariton die schönste Stimme der Aufführung, nach Ungarland aufmacht.

Julia Koci und Robert Meyer. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Michael Havlicek und Katharina Gorgi. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Juliette Khalil und Peter Lesiak. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Dort hat der Wirrwarr gewaltige Dimensionen angenommen. Baron Szatmarys Gutsverwalter, Thomas Sigwald mit seiner bald von allen persiflierten Klage „Das muss Kovacs passieren!“, hat das Herrenhaus, in dem die Elf sich fürs Rückspiel fit machen soll, ohne Wissen seines Herrn einem Mädchenpensionat als Urlaubsquartier vermietet. Klar, dass die Damen einziehen wollen, Julia Koci als züchtige und züchtigende Direktorin Aranka von Tötössy in Breeches und mit Reitgerte und Wirbelwind Juliette Khalil als deren rotzfreche Problemschülerin Ilka Pirnitzer.

Bald ist die Stimmung „Party! Party!“ – „Lass Dir einen Cocktail mixen von den kleinen Donaunixen“ wird enthusiastisch intoniert, Lesiak und Khalil finden sich als hinreißendes, elanvolles Buffo-Paar, die „Paprikablume“ und der Goalkeeper-Beau, doch nicht nur „Vintage-Box“ (Semotan für „alte Schachtel“) Aranka, sondern auch Spielverderber Gjurka wollen das tolle Treiben per Schlusspfiff abblasen. Um ihn zu ärgern gibt sich Roxy als Szatmarys Verlobte aus, der sich an der Augenweide ohnedies nicht sattsehen kann, was Gjurkas Herz brechen und ihn zur Schnapsflasche greifen lässt.

Die zweite Halbzeit nach der Pause befördert das Ganze in den Turnsaal des Mädchenpensionats, herrlich hier Gernot Kranner als alkoholisierter, konjunktivischer Pedell Miksa, der die ihre Liebsten aufsuchenden Sportler einen nach dem anderen als Handwerker verkleidet vorlässt – dies eine der vergnüglichsten Szenen in Hausdebütant Gergens Regie. Die höheren Töchter kriegen Hausarrest und können nur der Übertragung von Radioreporter Christoph Wagner Trenkwitz lauschen, ein Kabinettstück, doch als die Budapester Helden nach der ersten Spielhälfte im Rückstand sind, beschließen die Schülerinnen Richtung Stadion auszubüchsen.

Katharina Gorgi und die Mannschaft auf dem Platz. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Maximilian Klakow, Oliver Liebl, Jakob Semotan, Peter Lesiak, Jörn-Felix Alt, Georg Prohazka, Oliver Floris und Kevin Perry. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Michael Havlicek, Josef Luftensteiner und Robert Meyer. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Gernot Kranner, Julia Koci, Robert Meyer, Thomas Sigwald und der Jugendchor. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

In der moderaten Modernisierung von Gergen und Wagner-Trenkwitz werden auch der Entstehungszeit des Werks anhängende Songs wie „Handarbeit“, der das Hitler-Ideal Heimchen am Herd ohnedies parodistisch preist, der Stricklieseln „Handarbeit“ für den Gatten – zwinkerzwinker! – per Chair Dance zur Burlesque-Nummer. Tatsächlich stricken die Schülerinnen jenen langen Schal, mit dem sie sich später abseilen werden. Und nennt sich Roxy einen „kleinen, hübschen Fußball“, so ist das einfach als Versuch zu deuten, zu Gjurka unter Verwendung einer ihm vertrauten Sprache endlich durchzudringen.

Punkto Tagesaktualität wird der Ball zumeist flach gehalten. Umso mehr auffällt Robert Meyers Couplet des Cheswick, in dessen letzter Strophe er nestroyanisch nörgelt, wie übel ihm von Operette würde, denn „wahre Kunst sieht anders aus!“ Welch einen Beer, den er dem Publikum da aufbindet. Im Schlussbild der vereinten Paare, Roxy und Gjurka, der sich als zivilberuflicher Chemielaborant entpuppt und dessen Konservenlack ex machina für den Schotten-Onkel patent/Patent genug ist, Ilka und Hatschek II, Cheswick und Aranka, auf deren Sparsamkeit der Fabrikant hofft, und schließlich, weil jeder T(r)opf einen Deckel findet, Bobby und Pensionat-Schülerin Ilonka aka Stefanie Mayer, weht statt der ungarischen als OrbánKritik die Regenbogenfahne.

„Roxy und ihr Wunderteam“ an der Volksoper ist die Steilvorlage für einen unterhaltsamen Musiktheaterabend. Eine Empfehlung an alle Operettenfans und Freundinnen und Freunde des klassischen Musicals. Lasst uns diese letzte von Robert Meyer verantwortete Saison bis zum letzten Spieltag auskosten!

Kurzeinführung: www.youtube.com/watch?v=iu6TVZ1TBvk          Regisseur Andreas Gergen, Diriget Kai Tietje, „Roxy“ Katharina Gorgi und Tormann „Hatschek II“ Peter Lesiak im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=cuBOtYXU-j4          Roxys Wunderteam und Rapid-Legenden im Match gegen den Wiener Sport-Club: www.youtube.com/watch?v=LGa9txFPapI           www.volksoper.at

  1. 9. 2021

Home-Stage – Das Online-Musical

Mai 20, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Gernot Kranners Antwort auf die #Corona-Krise

Bild: Home-Stage – Das Online-Musical

In Zeiten von #Corona suchte Sänger, Schauspieler und Regisseur Gernot Kranner Mitstreiter zur musikalischen Einfassung der Quarantäne-Isolation. Gesagt, getan – schon entstand „Home-Stage – Das Online-Musical“, dessen erste Episode nun zu sehen ist. Die Story: Sechs Darstellerinnen und Darsteller sollten einander bei den Finals einer Audition zu einem neuem Musical treffen.

Einer Uraufführung, über die bereits einiges spekuliert wurde, aber noch nichts Genaues bekannt ist. Doch dann kommt Corona und nichts ist mehr so wie vorher. Ab sofort gilt Kontaktverbot und Ausgangsbeschränkung. Der Regisseur bekommt gegen seinen Willen von den Produzenten die Vorgabe, einen Online-Workshop, der einmal wöchentlich stattfindet, abzuhalten, um die Produktion zu retten. Voraussetzung für die sechs, irgendwann einmal auch in dem Stück auf einer Bühne zu stehen, ist also, dass man einander alle zwei Wochen via Video-Konferenz trifft und gemeinsam einen neuen Song einstudiert und einander besser kennen lernt.

Also lassen sich alle sechs darauf ein. Was ist schon dabei, sich einmal via Skype zu sehen und gemeinsam zu proben und ein wenig besser kennen zu lernen? Marie, Debbie, Joe, Cake, Sam und Timmy sind nach kurzer anfänglicher Unsicherheit aufgrund der vollkommen neuen Situation relativ schnell bereit, bei dem Experiment mitzumachen. Und dann ist da noch Joes kleiner Bruder Tonio, der sich nichts sehnlicher wünscht, als ebenfalls einmal Musicaldarsteller zu werden, und der sich ziemlich selbstbewusst in das Geschehen einmischt.

Die Regisseure Reinwald und Gernot Kranner. Bild: Home-Stage – Das Online-Musical

In jeder Folge wird vom Regisseur zu Beginn das Material für einen neuen Song verteilt, der Teil der Show werden soll. Ab Folge zwei ist auch immer ein Special Guest, ein Musicalstar aus dem deutschsprachigen Raum, mit dabei. Man darf also gespannt sein … Regie führt Gernot Kranner, Musik und Buch sind von Katrin Schweiger und Thomas Neuwerth, die Choreografie von Barbara Castka. Den „Home-Stage“-Regisseur singt und spielt Gernot-Bruder Reinwald Kranner, mit ihm im Cast: André Haedicke, Nick Körber, Chris Green, Sarife Afonso, Nicole Rushing, Philipp Fichtner und Jonas Tonnhofer. Die Sets sind die Privatwohnungen der Darstellenden, ihr Gärten und andere Locations in Freien, soweit das die jeweiligen Corona-Maßnahmen erlauben.

www.facebook.com/homestagedasonlinemusical           Trailer: youtu.be/jjzqZQeXabk

www.youtube.com/channel/UC7lBktcTnxm9DfM5yT3LX2g

20. 5. 2020

TAG online: „Das Wachzimmer“ als Hörspiel

Mai 5, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein kafkaesker Franz hat einen Mord zu melden

Bild: Screenshot

Das TAG meldet sich aus der #Corona-Isolation mit der Uraufführung des Hörspiels „Das Wachzimmer“. Als Sprechtheater habe man sich bewusst dagegen entschieden, die lange Zeit der kulturellen Entbehrungen mit einem Wechsel zu „Theater aus der Konserve“ zu füllen, so das TAG-Team: „Das Wesen des Theaters ist unserer Meinung nach das Unmittelbare des Zusammenseins in einem Raum – gemeinsam mit

lebendigen, atmenden und ja, auch manchmal hustenden Menschen. Theater lebt von der immer wieder neuen Entstehung im Augenblick und von der direkten Wechselwirkung zwischen Publikum und Spielern.“ Nach Überlegungen, was man dennoch tun könnte, um ebendieses zu unterhalten und zu halten, entstand die Idee, ein Hörspiel zu produzieren. Für welches das Ensemble allein im jeweiligen Home Office vor den Computern saß. Die einzelnen Tonaufnahmen wurden parallel mit dem eigenen Handy aufgenommen und zusammengefügt. So entstand eine außergewöhnliche TAG-Produktion, die die Zeit des Wartens auf lebendiges Theater verkürzen soll.

Ein Dreiteiler, dessen erster ab heute auf dastag.at/hoerspiel kostenlos zu streamen ist, ein dramatischer Text vom künstlerischen Leiter Gernot Plass, der darin der Frage nach Wahrheit und deren Alternativen nachgeht, und der nach Deutungshoheit vor dem immer virulenter werdenden Hintergrund verschiedenster Krisensagas. Als Inspiration diente ihm Akira Kurosawas weltberühmter Film „Rashomon“. Eine Geschichte – vier Perspektiven. Ein Vorfall – vier unterschiedliche Wahrnehmungen desselben.

Mitten rein in eine Atmosphäre flackernden Neonlichts führt einen Erzähler Georg Schubert, in „Das Wachzimmer“ eben, wo Franz aka Raphael Nicholas verzweifelt darauf hofft, dass der Herr Wachtmeister endlich Interesse an seinem Anliegen bekundet. Ein psychotisches Bürscherl gestaltet Nicholas da, einen kafkaesken Protagonisten, was Wunder bei dem Vornamen, der nichts weniger als ein „entsetzliches Verbrechen“ mitzuteilen hat.

Text und Regie: Gernot Pass. Bild: Screenshot

Musik: Dr. Plass. Bild: Screenshot

Polizistin Lisa Schrammel. Bild: Felix Rank, Montage: Julia Mayer

„Frau Elisabeth“ Michaela Kaspar. Bild: Screenshot

Polizist Jens Claßen. Bild: Screenshot

Der Verdächtige Georg Schubert. Bild: Screenshot

Doch während er noch nervös auf seinem Stuhl hin- und herwetzt, man kann seine Anspannung förmlich fühlen, wird er von der Seite angequatscht. Von Daueranzeigerin Frau Elisabeth, der Michaela Kaspar eine gruselige Grandezza verleiht, eine Aura lesende, Gesichter sehende Kassandra, die zur Kulisse eines nun aufziehenden Gewitters, Donner, Blitz & Unheil, Franz‘ ganze mörderische Story hören will.

Schon befindet man sich, um bei Kurosawa zu bleiben im Dickicht zwischen einer Art übersinnlicher Gerichtverhandlung und dem „Wald der Dämonen“, er habe der Polizei längst nicht alles berichtet, und „Du lügst!“, sagt Frau Elisabeth dem Franz auf den Kopf zu. Der’s zunehmend mit der Angst kriegt, weil sie Dinge weiß, von denen sie nichts ahnen dürfte. Das Wach- könnte genauso gut das Wartezimmer einer Irrenanstalt sein, befindet nicht nur Franz, sondern bald auch der Zuhörer.

Da bringen die Polizisten Lisa Schrammel und Jens Claßen einen Verhafteten in den Raum, auch er gesprochen von Georg Schubert – und Franz glaubt im blutverschmiert und in Handschellen vorgeführten Muskelprotz seinen Verbrecher zu erkennen. Alldieweil die Alte immer kryptischer brabbelt – „unheimlich“, so Franz, „unheimlich wertvoll“, so der Polizist. „Der schwarze Koffer …“, ist so ziemlich das Letzte, das Frau Elisabeth in Episode eins stöhnt. Da wird Franz klar, dass man ihn zu einer Séance verschleppt hat und sein Zusammentreffen mit dem Verhafteten kein Zufall ist, soll Frau Elisabeth doch ihren Verdächtigen wählen …

„Das Wachzimmer“ ist ein witziges Whodunit, mit auch in der Quarantäne in bewährter Spieltriebighaftigkeit agierenden TAGern, dessen Hintersinn hinsichtlich Frau Elisabeths sechstem Sinn sich noch zeigen wird. Fürs Erste merke man sich den Codenamen Tiefenbach. Fortsetzung folgt in zwei Tagen.

„Das Wachzimmer“: Teil zwei ab 7. Mai, Teil drei ab 9. Mai, jeweils 15 Uhr.

Trailer: vimeo.com/413170918                     dastag.at/hoerspiel

  1. 5. 2020

TAG: Medea – Ich, ich, ich, ich!

Dezember 10, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Ausländerin einfach abschieben

Michaela Kaspar als vor Zorn rasende Andrea/Medea: Bild: Anna Stöcher

Da die Darsteller bei ihrem ersten Auftreten als attischer Chor Masken tragen, verweist dies bereits darauf, dass das Drama zur Groteske werden wird. Der Mythos der mord- lüsternen Medea als spöttische Auseinander- setzung mit den Bürgern der Polis – so originalgetreu überschrieben hat Gernot Plass Euripides, und dem Namen der Barbarenprinzes- sin vier Ichs angefügt. Kenn- zeichnung einer Ego-Gesell- schaft, in der jeder für sich und gegen alle anderen ist.

„Medea – Ich, ich, ich, ich!“, uraufgeführt am Wochenende im TAG, ist die komplett unterschiedliche, sich total gleichende Geschichte mit Ursprung Argonautensage, Andrea und Walter aka Medea und Jason als Yuppie-Paar, das die geschmackvoll-weiße Couch allerdings nicht zur Ehetherapie nutzt. Nein, zwischen Michaela Kaspar und Julian Loidl geht’s handfest zur Sache, ein Streit wegen des Gatten Seitensprung eskaliert, dieweil der Chor eben noch vor hochgespieltem Individualismus warnte, schlimmer ist es als die Frau befürchtet hat: Das Pantscherl basiert auf politischem Kalkül. Walter gesteht freimütig, ihm sei das höhere Töchterl Elisa lieber als die angetraute Lebensabschnittspartnerin.

Deren Vater Peter, früher König Kreon von Korinth, ist immerhin Bürgermeister, und Elisa/Kreusa beileibe nicht untätig, träufelt sie’s doch wie Gift in Daddys Ohr, er solle die Ausländerin per Dekret abschieben, die Fremde ein für alle Mal aus der Stadt entfernen lassen. Für Andreas Kinderchen hingegen hat Elisa durchaus Verwendung, wie schön, auf Mutti machen zu können, ohne die Unbill des Gebärens. Über so viel Chuzpe seiner Lendenfrucht steht sogar Jens Claßens Peter der Mund offen, er wird dennoch den Wunsch Elisas zu erfüllen trachten.

Walter/Jason will Lebensabschnittsgattin Andrea abschieben: Julian Loidl und Michaela Kaspar. Bild: Anna Stöcher

Bürgermeister Peter und Tochter Elisa aka Kreon und Kreusa: Jens Claßen und Lisa Schrammel. Bild: Anna Stöcher

Messerattentäterin Andrea tötet Ehekonkurrentin Elisa: Michaela Kaspar und Lisa Schrammel. Bild: Anna Stöcher

Der weinende Walter, die triumphierend blutverschmierte Andrea: Julia Loidl mit Michaela Kaspar. Bild: Anna Stöcher

Lisa Schrammel schlüpft in diese Rolle, der Charakter der Kreusa von Gernot Plass, wiewohl er die griechische Tragödie insgesamt auf ihre immer noch Gültigkeit abklopft und für gut befindet, der am meisten ins Heute gehievte, denn Elisa ist ein manipulatives, machthaberisches Upper-Class-Miststück fernab jeder Jungmädchen- haftigkeit, geschweige denn Mitmenschlichkeit. Es macht einen frösteln, wie Plass die Figuren zwischen TAG-typischem Geplänkel und aggressivster Kontroverse wechseln lässt. Seine „Medea“ ist ein entsetzliches Vergnügen, der irrwitzige Plot um Beziehungskisten angereichert um den Wahnsinn der Themen Rassismus und Xenophobie – ein Fazit zum Umgang der selbsternannten Ersten mit der sogenannten Dritten Welt.

Selbstverständlich wird auch diesmal das Schlachtfeld der sexuellen Untreue mit Blut begossen, im ewig währenden Kampf der Geschlechter schont die Inszenierung niemanden. Vor allem Kaspar und Schrammel gehen mit brutaler Gewalt in den Infight, die europäische Bildungsbürgerin und die zu entsorgende Ehefrau aus einer, wieder und wieder wird’s gesagt, rückständigeren „Kultur“. Kaspar kann grandios toben, im Wortsinn archaisch – und wie!, Schrammel so groß- wie unartig skrupellos sein, letztlich aber, eine so schlimme, wie die andere, überlappen die beiden Plass-Charaktere. Schauderhaft die Szene, in der Elisa endlich die Beherrschung verliert und kaltschnäuzig zugibt, sie hätte sich die Bastardsöhne zwecks „für uns die Drecksarbeit erledigen“ ins Haus geholt, grauenvoll die Reaktion Andreas, die zur Vermeidung der Ausweisung erst Peter anbaggert, bis –

Der Chor der attischen Tragödie: Julian Loidl, Jens Claßen, Lisa Schrammel und Michaela Kaspar. Bild: Anna Stöcher

sie beginnt, die Leichen zu Bergen zu stapeln. Auf diese Bestialität hat sich die Aufführung hundert atemlose Minuten lang zugespitzt, der Abend ist von der ersten bis zur letzten von fiebrig vibrierender Spannung, alle beständig am Rande des Nervenzusammenbruchs, weil der Existenzbedrohung, auch Claßens gern mal laut werdender Lokalpolitiker, auch Loidls begriffsstutziger, Schwanz einziehender Anti-Held, der ja zumindest seit Grillparzer zum rückgratlosen Schwächling deklariert ist. Derart changiert „Medea – Ich, ich, ich, ich!“ im TAG von literarischen Bezügen zu deren Brüchen.

Die Sprache des Plass’schen Textes ist stark, seine Umsetzung auf der Bühne intensiv, zwischen Gut und Böse sind die Figuren hier jenseits von … und das Publikum mal bitter lachend, mal betreten Innenschau haltend. Medea/Andrea schießt sich ins Aus durch einen martialischen Spruch, den sie in ihrer Wut ausstößt. Bekannt kommt einem dieser Satz vor. „Was? ‚Ich bring sie um?‘ Mein Gott! Das wird man doch noch sagen dürfen!!!“

 

dastag.at

  1. 12. 2019