Burgtheater: Schöne Bescherungen

Dezember 26, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Früher war mehr Lametta

Die Familie beäugt den unbekannten Gast: Falk Rockstroh, Maria Happel, Marie-Luise Stockinger, Michael Maertens, Tino Hillebrand, Nicholas Ofczarek, Fabian Krüger und Katharina Lorenz. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Kaum ist das eigene Weihnachtsdesaster überstanden, kann man sich getrost anderer Leute Katastrophen zuwenden. Am Christtag gab’s am Burgtheater wieder „Schöne Bescherungen“, und das eben noch von Baum, Punsch und Päckchen bedrängte Publikum amüsierte sich prächtig. Alan Ayckbourns Komödie ist ja für die Heilige Nacht das, was „Dinner For One“ für Silvester ist, jeder hat es schon einmal gesehen, dieses Stück, in dem eine Familienfeier vollständig außer Kontrolle gerät.

In dem von Saufen, Streiten, Schreien, von schäbig gewordenen Ehen über den schießwütigen Onkel bis zum Sex unter der Nordmanntanne nichts fehlt, was das Fest der Liebe in eines der Hiebe verwandeln kann. Und weil Schadenfreude die schönste ist, und jeder, wenn auch wohl weniger drastisch, Situationen, wie die vorgeführten kennt, ist „Schöne Bescherungen“ bereits seit fast vierzig Jahren der Hit der Dezemberspielpläne – an der Burg nun von Barbara Frey und einer Top-Besetzung umgesetzt. Die hauptberufliche Intendantin des Schauspielhauses Zürich, das weiß man von ihren Oscar-Wilde- oder Eugène-Labiche-Arbeiten am Haus, bringt ihre Komödieninszenierungen auf eine ihr typische Betriebstemperatur.

Diesmal liegt diese, so es einen Vergleich zu wählen gilt, im Bereich der Hoppenstedts, heißt: Frey setzt auf den absurden Humor von Alltagsmomenten, und bis auf ein, zwei Szenen mehr auf Sprachwitz, denn auf Slapstick. Was nicht bedeutet, dass auf aufgeladene Atmosphäre, Outrage und Eskalation verzichtet wird. Aber Frey fühlt mit den Figuren und deren Festtagsstress, und das Ensemble versteht es, aus den Rollen tragikomische, dennoch wahrhaftige Gestalten zu formen. Nicht die Art von gehässigen Karikaturen, die man in bissigeren Aufführungen schon gesehen hat. Beispiel: Selbst als Onkel Harvey auf den vermeintlichen Geschenkedieb Clive geschossen hat, drückt ihm die angeheiratete Nichte Belinda noch liebevoll tröstend ein Küsschen auf die Stirn.

Bereit zum Puppenspiel: Katharina Lorenz als Belinda, Nicholas Ofczarek als Neville und Michael Maertens als Bernard. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Als Köchin am Ende ihrer Kraft: Maria Happel spielt Phyllis. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Der Weihnachtsmann spricht über seine Gefühle zu Rachel: Marie-Luise Stockinger als Pattie, Dörte Lyssewski als Rachel und Fabian Krüger als Clive. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Alles atmet hier Mittelstand, und dafür hat Bettina Meyer ein Bühnenbild entworfen, ein Kleinbürgerhaus, mit unten Wohn-, Esszimmer, Küche, oben eine angedeutete Galerie, die zu den Schlafzimmern führt, in dem vom leergefutterten Adventskalender bis zum Leuchtstern im Fenster auf kein Detail vergessen wurde, der Christbaum natürlich zu hoch und ergo schief und mit abgeknickter Spitze. Ins Bild passen die Kostüme von Esther Geremus, von großgemusterter Herrenstrickweste bis spießigem Faltenrock, von Pullover mit Weihnachtsmotiv bis zum herzallerliebsten Erwachsenenstrampler, in dem Hausherr Neville zu Bett zu gehen pflegt.

Den spielt Nicholas Ofczarek mit Schnauzbart und Mut zum Bauch als bedächtigen Tüftler an diversem kaputten Kinderspielzeug, dem der stets umgeschnallte Werkzeuggürtel näher ist, als die Ehefrau. Ofcareks Neville ist immer um Beruhigung der Lage bemüht, doch als er dann schließlich in die Luft geht … ist das eine schöne Charakterstudie des ganz normalen Familienvaterwahnsinns. Eine solche gelingt auch Katharina Lorenz als seiner besseren Hälfte Belinda, die changierend zwischen Ärger, Ungeduld und Leidensmiene die Verwandtschaft erträgt.

Feinkost bieten ebenso die anderen Darsteller: Maria Happel gestaltet mit Nevilles Schwester Phyllis die Alkoholikerin, deren beständige Küchenunfälle zwar für Lacher sorgen, von der aber auch klar wird, wie sehr der seidene Faden, der ihre Lebensunfähigkeit hält, an ihrem Mann Bernard hängt. Den spielt Michael Maertens mit so sympathischer Subordination, dass ihm die volle Anteilnahme der Zuschauer gilt. Maertens gibt den Kauz, wie man’s von ihm kennt und liebt, immer beflissen, dennoch indigniert, weil keiner seine Bemühungen zu schätzen weiß, und aufbrausend, wenn es nicht nach seinem Kopf geht.

Und selbstverständlich gehört ihm mit seinem nervtötenden Marionettenspiel samt fiepsenden Klorollenschweinchen der Höhepunkt des Abends. Tino Hillebrand und Marie-Luise Stockinger sind als Eddie und hochschwangere Ehefrau Pattie zu sehen, er ein Loser und Durchlavierer, sie deswegen im permanenten Ausrastmodus. Falk Rockstroh spielt den reizbaren Onkel Harvey, Dörte Lyssewski Belindas Schwester Rachel als überreifen Hippie mit Hang zur Theatralik. Sie ist es, die den Schriftsteller Clive, Fabian Krüger, eingeladen hat, der von den Ereignissen im Weiteren überrollt wird.

Onkel Harvey begutachtet die Geschenke, Neville tüfelt am Teddybären: Falk Rockstroh, Nicholas Ofczarek, Katharina Lorenz als Belinda und Tino Hillebrand als Eddie. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Frey hat fein gearbeitet. Wunderbar etwa, wenn Lorenz‘ Belinda Krügers Clive zwar ein leidenschaftliches „Ich will dich“ zuwirft, sich dann zum Sex aber hausmütterchenmäßig stocksteif auf den Boden legt. Oder die Szene, in der der für die Kinder als Weihnachtsmann verkleidete Clive versucht, Rachel seine Gefühle zu offenbaren, wobei ihm nicht nur der weiße Bart, sondern auch beider Verklemmtheit im Weg ist. Oder, wenn Eddie seine Pattie nach einem neuerlichen Wortgefecht als „Zuckermäuschen“ in die Arme schließt. Das ist Leben, wie es so spielt. Manchmal zum Schenkelklopfen, viel öfter aber zum leis‘-verzweifelt Schmunzeln.

www.burgtheater.at

  1. 12. 2018

Burgtheater: jedermann (stirbt)

Februar 24, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Finanzphilosophisches von Ferdinand Schmalz

Der Homo oeconomicus als ein Hedgefondshamster im Rad: Markus Hering als jedermann. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Zum Ende hin das Bild. jedermann in der schwarz sich drehenden Röhre, die in die goldfleckige Wand eingelassen ist. Er diese zur Menschwerdung abschreitend, doch schneller und schneller dreht sich die Trommel, er muss nun laufen, der Hedgefondshamster im Rad, und strauchelt und stürzt und sagt, der Homo oeconomicus im Burnout-Modus: „Ich kann nicht mehr.“ Am Ende der Satz vom „schema sündenbock“.

Der jedermann, er stirbt, weil er zum Opfer wird, exemplarisch vorgeführt für eine ganze verkommene Schicht, die Gott nicht abträgt. Nur den einen … So ist das. Wenn Ferdinand Schmalz Hugo von Hofmannsthals Spiel vom Sterben des reichen Mannes über- und ergo fortschreibt. Und derart ein Zeitgeistzerrspiegel entsteht, der das Original weder zur Seite schiebt noch unkenntlich macht. Vielmehr aktuelle Verhältnisse zur Kenntlichkeit entstellt. Freitagabend war Uraufführung des Auftragswerks am Burgtheater, ein Abend, der mit großem Applaus und viel Bravo bedacht wurde. Inszeniert hat, Experte für Schwieriges, Stefan Bachmann (die reduzierte Bühne vom kongenialen Olaf Altmann, die mal goldenen, mal schwarzen Trachten-Kostüme von Esther Geremus wohl eine Reverenz an Salzburg).

Bachmann hat verstanden, dass Schmalz das barocküppige Moral-und-Anstand-Stück in eine moderne Moritat verwandelt hat. „jedermann (stirbt)“ befasst sich wie das Vorbild mit den weltwichtigen Fragen zu den allerletzten Dingen. Und gibt es keinen Glauben mehr, so immer noch die Hochmoral vom rechten Leben. Und den Allmächtigen – der hofft, so das Burgmotto für diese Saison, „es kommt ein augenblick, in dem die perspektive dreht“ – und eine Sensenfrau und den Teufel sowieso.

Katharina Lorenz als jedermanns frau, Markus Hering als jedermann, Oliver Stokowski als armer nachbar gott. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Barbara Petritsch als buhlschaft tod, Markus Hering als jedermann, Katharina Lorenz als jedermanns frau. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Letzterer tritt als gehörnte Masse auf. Schmalz hat Figuren neu gruppiert. Der Unterweltfürst ist nun eine (teuflisch) gute gesellschaft, die buhlschaft tod, der arme nachbar gott und die guten werke charity. Diese ganz erschöpft von den vielen -veranstaltungen: die füße wund vom walzertanzen / die hände krumm vom vielen schütteln / die nase rau vom vielen pudern / die stimme heiser vom palavern … Ort und Tat verlegt Schmalz jenseits einer Festungsmauer, dahinter will sein jedermann ein Fest geben, er ein nicht näher definierter, es mit der Wirtschaft Treibender, ein Mann, der sich die Erde als Investment Untertan gemacht hat, ausgelaugt vom Schrauben an den Rädchen dieser Welt.

Doch vor den Toren brodelt es. Ein Finanzdebakel bahnt sich an, und Schmalz hat dazu viel Finanzphilosophisches zu sagen. Wie überhaupt seine Arbeit sehr sprachmächtig daherkommt, die überwältigend poetische Prosa und dazwischen die Reimlieder, die das Ensemble gemeinsam singt. Die allegorischen Figuren sind solche geblieben, ihre Handlungen wirken wie ritualisiert. Ein Totentanz und immer wieder eingefrorene Tableaux. Bachmanns Regie schmiegt sich stimmig um die Schmalz’schen Wortkaskaden, löst deren Komplexität zwar nicht auf, aber konkretisiert durch Mehrstimmigkeit gekonnt dort, wo einem das Konstrukt sonst zu entgleiten drohen könnte. Und wie stets bei Bachmann ist das Ganze nicht ohne Humor.

Für diesen sorgen vor allem Markus Meyer und Sebastian Wendelin als dicker und dünner vetter, zwei Politiker, die Schulden für eine Parlamentskampagne angehäuft haben, erst schmeicheln und dann die Kurve kratzen, als es ans Sterben geht. Nicht ohne anzukündigen, dass sie nun wohl jedermanns Konzerne übernehmen werden. Den jedermann gibt Markus Hering als Pragmatiker, ein Kapitalismussieger, der gar nicht anders kann, weil er nichts anderes kann, als Geld anzuhäufen. Katharina Lorenz und Elisabeth Augustin brillieren als dessen frau und mutter. Viel Zeit lässt sich Schmalz, um über Todesverdrängung zu berichten. Da passt es, dass Barbara Petritsch eine intensive buhlschaft tod ist, eine, die sich selbst Gauklerin nennt, wohl weil sie zum letzten Vorhang lädt.

Die (teuflisch) gute gesellschaft: Sebastian Wendelin als dünner vetter, Markus Meyer als dicker vetter, Elisabeth Augustin als jedermanns mutter, Markus Hering als jedermann, Oliver Stokowski als armer nachbar gott, Mavie Hörbiger als mammon/werke. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Oliver Stokowski spielt den armen nachbar gott als zum Fest gebetenen, erschöpften Bettler, Mavie Hörbiger hat ihre starken Momente als mammon, der über die Fortpflanzung des Geldes und über Rendite und Kredite referiert, und als gute werke aka exaltierte charity. Dass die Situation eskaliert ist klar, „den gläubigern fehlt es an glauben“. Schließlich der Aufruf, mit Geborgtem, sei’s Leben, Welt oder Geld, achtsam umzugehen.

Und, ach ja, der jedermann-Rufer ist diesmal seine frau. Absolution gibt es anno 2018 keine. Der Rest freut sich, während jedermann nun nackt aufgebahrt ist, aufs Erben: „der tod kann auch etwas nützliches sein – wenn er nicht einen selber trifft.“ Begeisterung im Publikum für diesen exzeptionell gelungenen Theaterabend!

www.burgtheater.at

  1. 2. 2018

Landestheater Niederösterreich: Ungeduld des Herzens

November 28, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Stefan Zweigs Sittengemälde als intimes Familientableau

Swintha Gersthofer und Moritz Vierboom Bild: Nurith Wagner-Strauss

Swintha Gersthofer und Moritz Vierboom
Bild: Nurith Wagner-Strauss

Mitleid ist die zentrale Botschaft des Glaubens. Nicht die Hoffnung auf eine allumfassende Liebe, sondern die Fähigkeit mit dem anderen dessen Last zu tragen. Mitleid bedeutet nicht, sich diese Last aufbürden zu lassen. Dieses in Mitleidenschaft gezogen zu werden passiert aber Anton Hofmiller.

1938 hat Stefan Zweig seinen Roman „Ungeduld des Herzens“ geschrieben. Schon im Exil. Auf einer k.u.k.-Folie, der „guten alten“ für einen Weltkrieg verantwortlichen Zeit, entwirft der Schriftsteller ein Sittengemälde seiner Tage. Er, der so gern als der unpolitische unter Österreichs Autoren gesehen wird, stellt darin eine treffsichere Diagnose über eine an den Rand der Menschlichkeit taumelnde Gesellschaft. Hellsichtig scheint der Pazifist gesehen zu haben, welches Unheil da noch kommen wird. Und so formuliert er an gegen die Hetzredner, schilt die Politik, dass sie kein besseres Mittel gegen die Kluft zwischen Arm und Reich weiß, als diese krakeelen zu lassen. Zeigt ein wie in absolutistischer Erstarrung manövrierunfähig gebliebenes Österreich, in dem viele sich zurück in ein Weltreich, heim ins Reich, sehnen. Beschreibt skrupellosen Wirtschaftsliberalismus und eine Figur, deren Vorbild unverkennbar Alfred Adler ist, der Begründer der Individualpsychologie und Benenner des Minderwertigkeitskomplexes. Hofmiller erzählt im Roman rückblickend von seiner alles andere denn als Kavalier absolvierten Jugend, es ist eben 1938, und der ehemalige Kavallerieleutnant macht sich kurz nach dem „Anschluss“ bereit, sich gegen die öffentliche Meinung zu stellen. Diesmal nicht feig sein. Diesmal aktiver Widerstand.

2015 hat Regisseur Thomas Jonigk für das Landestheater Niederösterreich eine Bühnenfassung des Romans erstellt. „Ungeduld des Herzens“ als Kammerspiel mit wenig Herz und zuviel Hirn. Er macht aus Stefan Zweigs Sittengemälde ein morbides Familientableau. Beinah ein Stillleben, denn seine Figuren agieren so spröde leblos, so ohne Sentiment, als wäre das Leben still stehen geblieben. Im Hintergrund (Bühnenbild: Lisa Dässler, Kostüme: Esther Geremus) steht ergo, läuft nicht, ein Bild wie Eadweard Muybridges Serienfotografie „Horse in Motion“ aus dem Jahr 1872. Die vielen Einzelbilder, die es ganz machen, verwehrt er. Das Bild bleibt brüchig. Die Arbeit des Regisseurs auch. Der Abend ist so beklemmend, dass das Publikum immer wieder in befreiendes Lachen ausbrechen muss. Jonigk hat das Personal bis auf die Wesentlichen schlank gemacht, es gibt sechs Spieler, die Staffage wie etwa die Kasernenkameraden ist gestrichen. Europas untergehendes Judentum ist kein Thema mehr. Auf den ersten Blick ist diese Inszenierung eine interessante, hochintelligente Themenverfehlung.

Doch so ein einfaches Urteil erlaubt Jonigk sich und den Zuschauern nicht. Sie ist schon da, die Schwingung, im Infraschallbereich, schleicht sich in den Körper als unangenehmes Gefühl einer Parallelität zur Gegenwart, ein kollektives 21.-Jahrhundert-Atemanhalten in Erwartung der größtmöglichen globalen Katastrophe. Stefan Zweig, leider zeitlos. Jonigk führt dafür einen Charakter quasi neu ein, der im Roman wohl existiert, aber nicht mit dieser Gewalt regiert. Während Moritz Vierboom als Anton Hofmiller weiterhin gleichsam als Ich-Erzähler fungiert, wurde ihm eine Erklärerin zur Seite gestellt. Babett Arens als Frau Engelmayer ist die Sensation des Abends. Sie ist allwissende Besserwisserin und überzeitliche Zeittafel. Sie ist eine Mephista, wie sie da am Pianino sitzt, höflich desinteressiert am Schicksal der anderen, aber es dennoch dirigierend. Mit lapidarem Lächeln kommentiert sie: „Jetzt kommt wieder was Furchtbares.“ Oder weiß auf den Satz „Ich sterbe vor Hunger“ schon die zukunftsweisende Antwort: „Nein, Sie sterben an was anderem.“ Auch Ediths Sturz in die Tiefe sagt sie bereits zur Halbzeit der knapp zweistündigen Inszenierung voraus. Babett Arens, ganz groß. „Gott ist eine Erfindung des Menschen“, sagt die Engelmayer oft. In diesem Fall wohl eher eine des Teufels.

Moritz Vierboom steht als Hofmiller zum Glück jenseits der dieser Rolle oft verordneten strafbaren Naivität. Er ist natürlich immer noch Feschak, immer noch k.u.k.-Offizier – Standesdünkel und Ehrenkodex -, denn diese höhen Rösser braucht es, um ihn fallen zu lassen. Hofmiller scheitert an zu viel Höflichkeit, gemixt mit schlechtem Gewissen. Wegen seines Mitleids mit Edith wird er in Mitleidenschaft gezogen. Seine „Ungeduld des Herzens“ ist, sich möglichst schnell freimachen zu wollen von der peinlichen Ergriffenheit über dieses fremde Unglück, seine Haltung und Handlungen sind die instinktive Abwehr dieses fremden Leids von der eigenen Existenz. Vierboom spielt den Mann als Maus in der Falle. Nur kurz blitzt auf, dass der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Soldat sehr wohl nach Ediths Millionen schielt. Dass die Figuren eine Vorgeschichte haben, am wegweisendsten die des Grafen von Kekesfalva alias Lämmel Kanitz, was geschieht auf dieser Welt nicht alles par dépit, hat Jonigk nicht wirklich gefesselt. Aber wie sich Vierboom quält und windet ist schon sehenswert.

Ebenso wie Swintha Gersthofer als Edith. Bei Jonigk sitzt die Gelähmte nicht im Rollstuhl, ihre Behinderung wird somit zur Behauptung: Sie sich selbst sowie alle anderen behindern und lähmen sie. Ein gelungener Kunstgriff. Gersthofer gestaltet eine verzweifelte Feindseligkeit; ihr verbitterter Zynismus macht sie zur geistig alten Frau. Diese Kranke ist keine Dulderin, sondern eine hysterische Haustryannin, Hofmiller schon Ehekrüppel, bevor er noch ans heiraten denkt. In Blassrosé und mit zerzaustem Goldhaar wirkt Gersthofer wie eine gruselige Porzellanpuppe. In einer gespenstischen, imaginierten Tanz- und Stampfszene präsentiert sich ihre lebenserhaltende Egomanie. Sie kann auch in ihren Mitmenschen das Schlechteste zum Vorschein bringen. Als ihre Sexualität sich Bahn bricht, erweist sich Hofmiller endlich als Schwein. Vierboom und Gersthofer sind ein fabelhaftes Albtraumpaar. Ein Fest für … Swintha Gersthofer.

Michael Scherff changiert als Lajos von Kekesfalva zwischen Optimismus und Leidensmann. Dass er ein Manipulator ist, der durch diese Gabe schon zu seinem Geld kam und nun auf den Schwiegersohn hofft, ist nicht einmal mehr eine vollständige Fußnote. Genauso wenig wie die erzählerische Klammer, dass Hofmiller in den Krieg geradezu flüchtet, weil er sich die Schuld an Ediths Tod gibt beziehungsweise je nach Interpretation auch hat. Jonigk interpretiert nicht, er lässt aus. Er will Scherff als guten Menschen zeigen. Den braucht er wohl als Gegenpendel ebenso wie Magdalena Helmigs Ilona und deren Lebenslust und Leichtigkeit, nicht aber ihre Verlustbereitschaft. Der einzig wahrhaft gute Mensch, wahrhaft bis zur Schmerzhaftigkeit, wobei so wirklich gut und wirklich sympathisch ist hier keiner, ist aber Doktor Condor, sehr straight, sehr präzise dargestellt von Tobias Voigt, der wie sein reales Vorbild der Psychosomatik auf der Spur ist.

Alfred Adlers literarische Hauptwerke heißen „Der Sinn des Lebens“ und „Über den nervösen Charakter“. Was könnte als Überschrift besser für diesen Abend am Landestheater dienen? Am Ende sagt die Arens noch: „Und im Dritten Weltkrieg …“ sie hüstelt … So weit wollte es Jonigk nicht kommen lassen, sich eine Hellsichtigkeit wie Stefan Zweig zu verpassen. Sie wäre zu grauenhaft. Da ist Sarkasmus die bessere Wahl. Karthago führte drei Kriege. Es war noch mächtig nach dem ersten, noch bewohnbar nach dem zweiten. Es war nicht mehr auffindbar nach dem dritten. Sagte Brecht. Ein eigenwilliger, eigensinniger Theaterabend!

Termine:

„Ungeduld des Herzens“ ist am Landestheater Niederösterreich bis 31. Jänner und am 26. und 27. Jänner als Gastspiel in der Bühne Baden zu sehen.

www.landestheater.net

www.buehnebaden.at

Wien, 28. 11. 2015