Das brut geht online: Die Stadt der Rabtaldirndln: Wien. Artist-Talk & Filmscreening

November 17, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Nur mal kurz ganz Wien retten

Die Rabtaldirndln: Vier steirische Actionheldinnen retten in der Bundeshauptstadt, was an der noch zu retten ist. Screenshot: Trailer „Die Stadt der Rabtaldirndln: Wien“

James wer? Ethan wie? Die einzigen, die Wien vor den Machenschaften von vier Bösewichtinnen retten können, sind doch eindeutig die Rabtaldirndln! Das hat die performative Viererformation schon erfolgreich mit Graz getan, wo’s darum ging, das Herz der Grünen Mark vorm Dasein als Disney-Waterpark samt ganzjährigem Aufsteirern zu bewahren. Nun setzen sie ihre Superheldinnenkräfte für die Bundeshauptstadt ein.

Deren erster Bezirk erst warm abgetragen, dann geflutet werden soll, auf dass ein „Dubai an der Donau“ entstünde, eine Oligarchinnen-Insel der Seligen mit dem Burgtheater als Indoorsportpalast und Albertina-Ambiente für die Luxusappartements … Noch Anfang Oktober haben Barbara Carli, Rosa Degen-Faschinger, Bea Dermond und Gudrun Maier ihre Koproduktion mit brut Wien live am Schwendermarkt gezeigt, das nervenzerfetzende Action-Movie-Spektakel getarnt als Filmdreh in und um die VHS Rudolfsheim-Fünfhaus mit dem Publikum als Komparsinnen und Komparsen. Doch die seit „Live and please die“ Spionagefall-erfahren Frauen erlebten mit „#Corona never dies“ sozusagen ihr „Octoberpussy“ – weshalb sie nun zum Online-Artist-Talk & Filmscreening von „Die Stadt der Rabtaldirndln: Wien“ luden, der Film nach wie vor zu sehen auf brut-wien.at.

Mit famosem Humor arbeitet sich das Frauenkollektiv am Bond-Mythos samt dessen Klischees von Männlichkeit ab. Die muss nicht unbedingt gleich „toxisch“ sein, wie eine Diskussionsteilnehmerin im „Wie konntet ihr nur?“-Tonfall nicht aufhört zu fragen. Nein, sagen die Rabtaldirndln, this is a Women’s World, und Frauen treten im Gegensatz zum Loner Spy als Kollektiv an, aber: Die Rabtaldirndln seien als Kunstfiguren ebenso gewaltbereite, die ethisch außerhalb jeder Grenze agieren – und in diesem speziellen Setting neben ihren Superheldinnenrollen außerdem als Schurkinnen eingesetzt.

Helene hält die Cue Cards hoch. Bild: © Franzi Kreis

War Room. Screenshot: „Die Stadt der Rabtaldirndln: Wien“

Control Room. Screenshot: „Die Stadt der Rabtaldirndln: Wien“

Action Room. Bild: © Franzi Kreis

Und so landet man via Video ebendort, beim Making-of, für das kein Geringerer als toxic-dreams-Mastermind Yosi Wanunu als Regisseur fungiert, und Gerda Saiko als Outside Eye, der Parcours voll aberwitziger Ideen gestaltet von Ausstatter Georg Klüver-Pfandtner. „Wir tun jetzt so, als würdet ihr glauben, dass wir einen Film drehen“, empfiehlt Gudrun Maier dem Publikum, und dieser Selbstbetrug wird nun hundert Minuten lang durchgezogen. Die Handlung, teilweise durchspickt mit Original-Floskeln, ist eine soziale Dystopie über Turbokapitalismus und Demokratieversagen, Kagran eine Sondermülldeponie, auf der Flüchtlingskinder nach Seltenen Erden graben, die Lobau Malaria-verseucht, der Fluss gefährdet von suizidalen Reichsbrücken-Befahrern.

Einzig der erste Bezirk ist eine Schutzzone, vor der bewaffnete Sicherheitskräfte Ausweise und Bankomatkarten kontrollieren. Welch ein Uschi-Stenzel-Traum! 184 Minikameras, versteckt in – no na – Armbanduhren, Blumenkästen und einem Dirndl-Schneidezahn drohnen durch die totale Paranoia, jene dunkelwindige Atmosphäre, in der Assistent Director Helene die Cue Cards für die Komparserie im doppelten Wortsinn hochhält. Derart versteckt sich im spaßigen Spiel die Dirndl-typische Gesellschaftskritik, nach Landflucht und Pflegenotstand ist’s nun die über Gentrifizierung und Kommerzialisierung; die Frage, die sie diesmal stellen, so die Performerinnen im Talk, ist: Wem gehört die Innere Stadt und ihre Kultur?

Welch ein Theater-Film-Experiment im, darauf wird wert gelegt, Olivier-Assayas-Stil. In einer geheimen Mission stürmt das #Corona-Masken-vermummte Komparserie-Publikum die als Headquarter auserkorene VHS, um dort vom War Room in den Control Room in den Action Room geleitet zu werden. In ersterem wird man top secret darüber informiert, wie sich die Bürgermeisterin in die Hände eines kriminellen Konsortiums begab, in zweiterem hat man als Geheimdiensthacker endlich die ebenfalls mit besonderen Begabungen ausgestattete Kanaille auf dem Schirm, eine Feuerteufelin, eine Cyborg, eine Banshee und eine niederträchtige Wassernixe.

In Bond-Pose: Barbara Carli, Rosa Degen-Faschinger, Gudrun Maier und Bea Dermond. Screenshot: „Die Stadt der Rabtaldirndln: Wien“

Im dritten folgen spektakuläre Verfolgungsjagden auf dem Snowboard vor hochalpiner Kulisse auf solche mittels Paraglider auf Motoryacht und Edelkarosse, augenzwinkernde Zitate aus Pappendeckel und Faschingsseide. Und während das Publikum mit Windmachen und Knöpfe-Drücken beschäftigt ist, wird Agentin X der berüchtigte, von den anderen als antifeministisch, von ihr aber als weibliche Selbstermächtigung gelesene „Buchtel-Satz“ aus dem Skript gestrichen, verschwimmt Fakt mit Fiktion, wenn Agentin Y Dreh mit Diskurs

verbindet und mit den Zuschauerinnen und Zuschauern in einen Dialog ums Wiener Wohnen, hohe Mieten und das Klima in der Stadt tritt. Die schönsten Sequenzen, leider, fanden bereits im Verborgenen statt. Das Bad in einem Martiniglas vor vierzig Bond-Boys, die Sexszene … Dafür darf die Komparserie aus roter Wolle ein Lasernetz spannen, durch das eifrig gerobbt wird, gilt es doch die Bombe zu entschärfen. Welchen Draht durchschneiden – rot oder grün? Die Frage hat sich in Wien erledigt. Doch auf die, was man als Statistin, als Statist in dieser Stadt tun kann, ist die Antwort ein eindeutiges: „Und: Action!“ der Rabtaldirndln.

„Die Stadt der Rabtaldirndln: Wien“ ist höchst amüsanter Nonsens mit ganz viel Hintersinn, bei dem nicht nur ein Kinogenre, sondern selbstverständlich eine Geisteshaltung in ihre Bestandteile gesprengt wird. Die Lockdown-Pause will das Performancekollektiv für ein „Die Stadt der …“-Comicheft nutzen, das im Frühjahr 2021 erscheinen soll, danach warten aufs Format Einladungen in andere europäische Städte. Schlusssatz Yosi Wanunu beim Online-Artist-Talk: Er hoffe, dass die #Corona-Lehre eine „Culture-Diet“ sei, „und die Kulturverantwortlichen nicht länger die Big Events und die Festivals abfeiern, sondern endlich die vorhandenen, das ganze Jahr über arbeitenden Künstlerinnen und Künstler entsprechend fördern“.

brut-wien.at           dierabtaldirndln.wordpress.com

Trailer: vimeo.com/452533536           Film: vimeo.com/479300245

  1. 11. 2020

Theater zum Fürchten: Loveplay

September 29, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Frauen haben ihn in der Hand

Die etwas andere Aufklärung: Eszter Hollósi als Wissenschaftlerin und Philipp Stix als ihr Studienobjekt. Bild: Bettina Frenzel

Beim Schlussapplaus herrscht Staunen: Sechs Schauspieler sind es tatsächlich nur, die davor nicht ganz zwei Stunden lang die mehr als 30 Rollen stemmen, zehn Liebesgeschichten aus 2000 Jahren Menschheitsgeschichte spielen, und dies mit verblüffender Wandlungsfähigkeit mal berührend, mal burlesk, mal brutal. Das Theater zum Fürchten zeigt in seiner Wiener Dependance, der Scala, Moira Buffinis „Loveplay“.

Regisseurin Helena Scheuba hat TzF-Prinzipal Bruno Max die Satire zur Inszenierung vorgeschlagen, und der war vom Stück so begeistert, dass er es sich sofort unter den Nagel riss, selbst die Übersetzung anfertigte und die deutschsprachige Erstaufführung übernahm (Scheuba wird stattdessen Harold Pinters „Betrogen“ auf die Bühne heben).

Es nimmt einen Wunder, dass die in ihrer Heimat England höchst erfolgreiche Dramatikerin und Drehbuchautorin Buffini, dieses etwa für die „Jane Eyre“-Verfilmung mit Judi Dench und Michael Fassbender, hierzulande so gut wie unbekannt ist, sind ihre mit leichter Feder verfassten Arbeiten doch so ironisch wie intelligent, feinster Boulevard, bei dem sich prächtig zu amüsieren ist.

In „Loveplay“ geht es – no na – ums Spiel mit der Liebe. In zehn Szenen von der Antike bis herauf in die Gegenwart erzählt Buffini, was es damit auf sich hat. Der Schauplatz ist stets London, das sich in der Scala-Aufführung via Animationsfilm vom Römerlager Londinium zur Hauptstadt des britischen Weltreichs zur Brexit-Kapitale ausdehnt.

Punkto Vielfalt an Figuren wird den Darstellern dabei einiges abverlangt, wenn es gilt, sich die Freier und Vergewaltiger, die Verschüchterten und Verklemmten, die Widerlinge und die Widersacher zu eigen zu machen, ihre durch im Wortsinn Leiden/schaften über Jahrhunderte geschundenen Seelen, deren Irrungen und Wirrungen, die Anbahnung von wie die Abrechnung mit Beziehungen. „Love Is Just A Four-Letter Word“ könnte Joan Baez da singen, doch Bruno Max hat sich für die „Love, love, love“-Beatles entschieden, sind doch Herzensregungen, und nicht die anderer Körperteile, der Höhepunkt der Episoden. Buffinis Text behandelt Sex nicht als Selbstzweck, sondern beschäftigt sich mit den „50 Shades“ auf dem Weg dorthin.

„Romantik“ zwischen der Gouvernante und ihrem Dienstherrn: Johanna Rehm und Matthias Tuzar. Bild: Bettina Frenzel

Shakespeare, schau oba: Johanna Rehm, Leopold Selinger und Matthias Tuzar. Bild: Bettina Frenzel

Und so erlebt man mit, wie die britannische Prostituierte Dorcas (Johanna Rehm) das flavische Währungssystem anzweifelt, indem sie des Legionärs Marcus (Philipp Stix) Münze nicht annimmt, bekommt sie doch sonst in Ausübung des ältesten Gewerbes der Welt ein lebendes Huhn als Lohn. Hat Freude an einer shakespeare’schen Persiflage um den sexuellen Versager, Dichter Llevelyn (Matthias Tuzar, der noch dazu als Kabinettstück im eigenen Drama den Bösewicht gibt), den selbstverliebten Komödianten Trevelyn (Leopold Selinger) und des ersten Ehe-, des zweiten Bühnenpartnerin Helen (Johanna Rehm), die sich um Dramaturgie, Figurenpsychologie und einen vom Autor zwar vorgesehenen, bei der Probe aber ausufernden Kuss zwischen den Protagonisten streiten. Oder beobachtet Gouvernante Miss Tilly (Johanna Rehm), wie sie, statt der Romantik zu huldigen, zum wilden Ritt auf Dienstherr Mr. Quilly (Matthias Tuzar) diesem ihren jüngsten SM-Schauerroman vorträgt.

Von Epoche zu Epoche großartig gelungen sind die Kostüme von Alexandra Fitzinger und die Maske von Gerda Fischer, Zoe Marvie und Pia Urbanek. Und fabelhaft ist, dass letztlich stets diese hochgebildeten, auch berechnenden, mitunter sogar boshaften Frauen siegreich sind, sie sozusagen „ihn“ in der Hand haben – bis auf einen zart-poetischen Auftritt von Leopold Selinger und Philipp Stix, die sich als Geistlicher Buttermere und Malerfürst und sanfter Verführer De Vere endlich ihrer homoerotischen Zuneigung stellen. Schön, wie Selingers Vikar beim Ablegen des Kollars und damit der Ketten der Konvention gesteht, soeben seinen „ersten freien Gedanken“ gehabt zu haben. Die lesbische Seite des Liebesspektrums, gleichgeschlechliche Liebe hat bei Buffini ihren selbstverständlichen Platz, verkörpern als Ordensschwestern Johanna Rehm, Samantha Steppan und die ziemlich notgeile Klosterfrau von Eszter Hollósi.

Bevor’s zur Free Love der Roaring Sixties geht, wo Johanna Rehm als verklemmt-verschüchtertes Hippiegirl einem – von den wie von Wolfi Bauer erfundenen „revolutionären Sex-Aktivisten“ Eszter Hollósi, Leopold Selinger und Matthias Tuzar organisierten – Love-in nichts abgewinnen kann, oder zu einer neuzeitlichen Mit-Gefühl-mach‘s-Geschäft-Partneragentur, auf deren Bäumchen-wechsle-dich-Party Leopold Selinger grandios einen protzigen Urologen und Samantha Steppan die durch ihn ins Emo-Chaos gestürzte Lebensgefährtin der Agenturchefin mimt – hier die persönliche Lieblingsszene mit Eszter Hollósi und Philipp Stix.

Anno 1898 – der Künstler liebt den Geistlichen: Philipp Stix und Leopold Selinger. Bild: Bettina Frenzel

Schüchtern in den Roaring Sixties: Johanna Rehm mit Eszter Hollósi und Leopold Selinger. Bild: Bettina Frenzel

Sie eine großbürgerliche Privatgelehrte, er ein einfacher Handwerker, er ihr Studienobjekt, will die mehr als wissenschaftlich interessierte Roxanne doch endlich wissen, was es mit der Aufklärung auf sich hat. Wie sie seinen nackten Körper erforscht, und bei dieser „empirischen Untersuchung der Natur des Mannes“ für sich zum ersten Mal das Geheimnis um „das Abbild Gottes“ lüftet, wie sie sagt „Ich will Ihn anfassen!“, worauf er lapidar „Ist recht!“ antwortet, wie er glaubt, es sei nun von ihm mehr gewünscht, und er den akademischen Akt zum leibhaftigen machen will, worauf er mit Schimpf und Schande aus dem Herrenhaus gejagt wird – das sagt eine Menge über der modernen Menschen Verhältnis zu Verstand und Gefühl, zum Verhältnis Bildung zu Body.

Die TzF-Produktion „Loveplay“ in der Scala ist ein supersympathischer Abend mit formidablem Ensemble, das die Emotionsskala, von Spaß an der Sache bis Todesangst davor, von tiefsinnig bis untief, nur so rauf und runter spielt. Bruno Max‘ Fazit: Liebe, Lust und Leidenschaft bleiben auch nach zwei Jahrtausenden ein Mysterium. Aber schauen Sie sich das selber an …

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 9. 2019

Theater zum Fürchten: Die Fleischbank

Oktober 8, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der kleine Mann hat’s Hackl im Kreuz

Ein Fleischhauer am Rande des Nervenzusammenbruchs: Georg Kusztrich. Bild: Bettina Frenzel

Das Theater zum Fürchten zeigt in seiner Wiener Spielstätte, der Scala, Alfred Paul Schmidts Groteske „Die Fleischbank“. Als Ballade bezeichnet der Autor selbst seinen Text, Moritat könnte man auch sagen, schildert Schmidt doch Aufstieg und Untergang eines, dem das Leben nichts geschenkt hat: Der Favoritner Fleischhauer Arnulf ist Schmidts Anti-Held. Dem Kleingewerbetreibenden, braver Steuerzahler und gehorsames Innungsmitglied, ist die Welt abhanden gekommen. Als ehrliche Haut erniedrigt, als immer nur Durchschnittlicher zum Dulden verdammt, beginnt er sich selbst zu ermächtigen. Mittels Mord.

Eine wahre Begebenheit aus dem Jahr 1974 liegt Schmidts Stück zugrunde. Da verschwanden in Graz zwei – damals gab’s das noch – Geldbriefträger und mit ihnen beinah 400.000 Schilling. Als Täter wird der Fleischer Karl H. ausgeforscht und zu lebenslanger Haft verurteilt … Es ist fein, dass das Theater zum Fürchten an der Wiederentdeckung Alfred Paul Schmidts arbeitet. 1941 in Wien geboren, kam er über die Umwege diverser Studien und Gelegenheitsjobs zum Schreiben. Seit 1975 lebt er in Graz, und gilt als das widersprüchlichste Mitglied der von Alfred Kolleritsch so genannten Grazer Gruppe.

Das Schweinchen weist den Weg in den Wahnsinn: Lara Buchsteiner. Bild: Bettina Frenzel

Arnulf mordet und seine Schweinchen schauen zu: Georg Kusztrich. Bild: Bettina Frenzel

Seinen Werken eigen sind der weitgehende Verzicht auf eine herkömmliche Handlung, dafür der exzessive Einsatz burlesker, possenhafter Mittel, um vorgeblich fiktives Geschehen zur Wirklichkeit zu entstellen. Das alles kommt dem Theater zum Fürchten sehr entgegen, das mit der Inszenierung von Peter M. Preissler seinem Namen mehr als gerecht wird. Preissler, der auch bei der Uraufführung 1984 am Akademietheater Regie geführt hatte, setzt in der Scala auf Grauen, Gruseln, Gänsehaut. In halluziniert albtraumhaften, in gespenstisches Grün getauchten Szenen geht Arnulf seinem tödlichen Geschäft nach. Auf dem Dreirad umschwirrt, auf dem Akkordeon begleitet von einem Schweinchen im rosa Tutu (Lara Buchsteiner), mit deren mehrerer vom Wahnsinn umzingelt.

Preisslers exemplarische Aufführung lässt das Stück in seiner Zeit. Marcus Ganser und Prinzipal Bruno Max haben für Schmidts schwarzhumorigen Volksstück-Psychothriller ein steril-tristes Bühnenbild erdacht. Eine weiß gekachelte Fleischerei, die von der Theke über die Eskimo-Kühltruhe bis zum Wandtelefon 1970er-Jahre atmet; auf einer Angebot-des-Tages-Tafel wird das „Leberkässemerl“ um 6,50 Schilling angepriesen. Doch die Parabel auf den „kleinen Mann“, der das Hackl, das das Leben ihm permanent ins Kreuz haut, endlich zwischen anderer Leute Schulterblätter versenkt, ist zeitlos. Weil’s, siehe jüngst Las Vegas, mit jedem jederzeit passieren kann. Arnulf ist aus dem Stoff, aus dem die Amokläufer sind, und „Ana hat immer des Bummerl“, Horst Chmelars Gassenhauer, die Begleitmusik durch seine patscherte Existenz. Georg Kusztrich ist als Arnulf fulminant. Im Infight mit sekkanten Kunden, einer liederlichen Lebensgefährtin und einem „besten Freund“, der das Vorhandensein von Feinden überflüssig macht, ist er der ewige Verlierer.

Einmal ein Glück im Leben haben: Georg Kusztrich und Leopold Selinger als Vokuhila-Haberer Heinz. Bild: Bettina Frenzel

Das Selbstbewusstsein steigt, das Opfer kommt in Klarsichtfolie: Kusztrich und Michael Reiter. Bild: Bettina Frenzel

Kusztrich changiert in der Rolle zwischen tief depressiv, dann wieder aufmüpfig-aggressiv, verletzt und verzweifelt. Er erschreckt mit der Vehemenz seines Spiels. Er gestaltet auf höchstem darstellerischen Niveau das Psychogramm eines „armen Würschtls“, das zum Psychopathen wird. Kaum zum Killer avanciert, fühlt sich Arnulf wie ein allmächtiger Erlösergott. Das Selbstgewusstsein wächst, der Mord mutiert für ihn zur Machtdemonstration, wird letztlich zur guten Tat. Dieser Briefträger mit seiner hirndepperten Frau hatte doch ohnedies keinen leidensfreien Tag! In einer Allmachtsfantasie sprudelt es aus Arnulf: „Endlich hob i wos gmocht wos nua i vasteh … Durch dein Tod bin i auf die Wöd kumman. I bin aus mia söba ausikrochen – du woast die Hebamm“. Und während er moralisch-menschlich ungerührt sein Opfer in Klarsichtfolie verpackt, singt er das Schubertlied. „Du bist die Ruh, der Friede mild …“

Mit Kusztrich agiert das bestens aufgelegte TzF-Ensemble. Christina Saginth spielt Arnulfs Freundin Hedwig in Ledermini und waffenscheinpflichtiger Bluse hart am Flitscherl. Die gefährliche Liebschaft ist im Betrieb für die Buchhaltung zuständig, eine Gefälligkeit, für die sie tief ins Fleischergeldbörsel greift. Ihr schließt sich Leopold Seliger als hinterlistiger Haberer Heinz (mit großartiger Vokuhila-Frisur und riesigem Proleten-Schnauzbart) an, der für einen beim Karate-Training einkassierten Gipsarm von Arnulf Schmerzensgeld haben will. Als der neue Arnulf ihn entlarvt, erkennt er ihn als einen „dea zittat nach innan wia a Lampelschwaf, oba noch außen tuat a wia da Tegetthoff am Proterstern“. Doch die Halbseidene und der Kleinkriminelle sind nur zwei aus der Menge der Peiniger – allesamt sind sie Menschen, die selber auf der Schattenseite stehen.

Hedwig träumt von der Heirat: Christina Saginth und Georg Kusztrich. Bild: Bettina Frenzel

Doch der Kommissar hat die Spur aufgenommen: Georg Kusztrich und Karl Maria Kinsky. Bild: Bettina Frenzel

Das macht vor allem Birgit Wolf als verteufelt redselige Kundin Frau Dalma deutlich. Von ihrem Mann offenbar gepiesackt, brodelt es unter ihrer in Loden gewandeten Biederfrau-Fassade nicht weniger als unter der Arnulfs, nur ist sie zum Ausbruch noch nicht bereit … Bernie Feit brilliert als penetrant seine Obrigkeit verströmender Innungsfunktionär Bunderit und als Behinderter, der Zeter und Mordio schreit, als ihm Arnulf unbedarft die Frage stellt: „Wie is‘n des, wann ma waaß, dass ma bleed is?“ In ihrer Art scheinen viele der Schmidt’schen Charaktere – dies freilich auch dank der Kostüme von Alexandra Fitzinger und der Maske von Gerda Fischer und Monika Krestan – einem der „Tatorte“ rund um Oberinspektor Marek und Bezirksinspektor Wirz entsprungen, und tatsächlich hat Schmidt für die erfolgreiche TV-Krimireihe geschrieben.

Direkt aus dem „Kommissariat 24“ kommt offenbar Karl Maria Kinsky als urig-gemütlicher Kommissar in die Buchengasse. Kinsky macht seine beiden Auftritte zum Kabinettstück, wunderbar die skurrile Szene, als er den Täter entlarvt habend, nun aber völlig überfordert und hyperventilierend nach seinen Kripo-Kollegen ruft. „Geh, na! Na!“, entschlüpft es ihm. Der Mörder gefasst? Soviel Action hat er echt nicht gewollt … Michael Reiter und Florian-Raphael Schwarz sind als Briefträger von ihrem Amt gezeichnet, der junge Studienabbrecher um nichts weniger, als der Dienstältere, dem die schwere schwarze Tasche bereits den Rücken krumm und die Füße platt gemacht hat. Der Pletterscheck und seine Weinerlichkeit – sie waren Grund genug, zuzuschlagen. Mehr braucht es oft nicht zur Brutalität. Die private Malaise verlangt nach einer Bluttat, in Revolverblättern täglich nachzulesen. „Die Fleischbank“ erzählt von einem Menschen, der sich nicht holen kann, was ihm zusteht … obwohl er immer getan hat, was richtig ist … Großer Applaus fürs ganze Team.

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 10. 2017