sirene Operntheater online: Die Verwechslung

Januar 5, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Pauken und Trompeten über die Berliner Mauer

Kaffee-und-Kuchen-Tristesse bei Dauters: Johannes Czernin als Gustav, Ingrid Haselberger als Oma, Günther Strahlegger als Vater, Katrin Targo als Tante Ilse. Bild: © Kristine Tornquist

Mit keiner geringeren Idee als „Die Verbesserung der Welt“ waren Kristine Tornquist und Jury Everhartz im Herbst angetreten, um das interessierte Publikum mit ihrem Neuen Musiktheater zu erfreuen. Da jedoch das siebenteilige Kammeropern- festival entlang der christlichen Werke der Barmherzigkeit #Corona-bedingt nicht auf der Bühne beendet werden konnte, hat sich das sirene Operntheater entschlossen,

dessen letzten Teil zu verfilmen und ab sofort als kostenlosen Stream anzubieten. Nach unter anderem Zusammenarbeiten von Antonio Fian und Matthias Kranebitters „Black Page“, Thomas Arzt und Dieter Kaufmann oder Martin Horváth und PHACE, widmen sich Autorin Helga Utz und Komponist Thomas Cornelius Desi nun Kirchenvater Lactanius‘ Punkt sieben nach der Endzeitrede Jesu, Gefangene vom Feind loskaufen. „Die zunehmende verbale und ethische Verwahrlosung des Diskurses, die Verhärtung gegen jene, denen es schlechter geht, und das Gefühl, mit Europa und der Welt gehe es unaufhörlich bergab, hat uns dazu inspiriert, ja fast gedrängt, dem etwas Positives entgegenzusetzen“, so Everhartz und Tornquist.

Die auch die Verfilmung der Wien-Modern-Kooperation übernommen hat. „Die Verwechslung“ heißt das Werk, das die Zuschauerin, den Zuschauer in die DDR des Jahres 1981 versetzt, 1981 das Datum, zu dem der 24-jährige Bürgerrechtler Matthias Domaschk in der Stasi-Untersuchungshaftanstalt Gera unter bis heute ungeklärten Umständen stirbt, und zu dem an Stasi-Hauptmann Werner Teske wegen Vorbereitung seiner Flucht in den Westen das letzte Todesurteil der DDR-Justiz vollstreckt wird.

„please release me ostseefisch“: Johannes Czernin als Gustav. Bild: © Kristine Tornquist

Gustav hat sich die Freiheit auf die Fahnen geheftet: Johannes Czernin. Bild: © Kristine Tornquist

Das Geheimnis um Hedwig hat Vater alles gekostet: Günther Strahlegger. Bild: © Kristine Tornquist

Das belauschte Gebet: Günther Strahlegger und Katrin Targo. Bild: © Kristine Tornquist

All das mag Helga Utz beim Schreiben im Hinterkopf gehabt haben. Kristine Tornquist zeigt in Raum und Requisiten von Markus und Michael Liszt, Kostüm und Maske: Katharina Kappert und Isabella Gajcic, die Kaffee-und-Kuchen-Tristesse der Familie Dauter. Dauter, das klingt nach doubter, und solche hat’s hier zwei: den Vater und seinen Sohn Gustav, Günther Strahlegger und Johannes Czernin. Ingrid Haselberger ist dessen verwirrt-verängstigte Oma und Katrin Targo die kadertreue Tante Ilse.

Schon heben sie an, die Streitgesänge um Staats(zuge)hörigkeit, Revolutionär Gustavs Haare nach der jüngsten „Außenseiter“-Mode so Puhdys-lang, dass er die Parteiparolen nicht hören kann, bis der Vater ein (Ohn-)machtwort spricht. Hedwig, wird man später erfahren, ist das Geheimnis, das Vater alles gekostet hat, die Ehefrau, die „rübermachte“. Die Streicher des œnm . œsterreichisches ensemble fuer neue musik unter der Leitung von François-Pierre Descamps unterstreichen das düstere Szenario, und werden auch Omas Konfusion wie ein Bienenschwarm umschwirren.

Chaos, Kakophonie, das Libretto ein Familienzwist in gesungen-gestammelten, sich wiederholenden Halbsätzen, wortdeutlich!, denn der vorgeführte SED-Stimmraub ist ein stimmgewaltiger – und ein „please release me ostseefisch“ aus Gustavs Kassettenrekorder im Kinderzimmer. Wo er sich eine „Freiheit“ auf die Fahnen heftet, für die er verhaftet und unter Schreibmaschintippen und Handschellenklirren verhört wird. Gefängnis, Folter, drei Tage nackt im winterkalten Haftanstaltshof, das hat das Regime perfekt von der Vorgängerdiktatur gelernt. Sie habe Faschisten, Rote Armee, Flucht im Schnee überlebt, singt die Oma und macht sich, während Ilse fürchet, „Gustav wird uns alle mit in die Tiefe ziehen“, auf die Suche nach dem im System verschollenen Enkel.

Indoktrinationstelefonat: Haselberger und Targo. Bild: © Kristine Tornquist

Czernin, Haselberger und Strahlegger. Bild: © Kristine Tornquist

Köfferchen gepackt: Strahlegger und Haselberger. Bild: © Kristine Tornquist

„Die Verwechslung“ beweist sich als Parabel über gleichgeschaltete Gesellschaften, über Message Control und Meinungsmainstream. Filmisch ist das vom Feinsten umgesetzt, mittels welchen Mediums sonst könnten Solistinnen und Solisten in Gedanken singen? Tornquist besorgt mit Überblendungen Rückblicke und Schauplatzwechsel im Stakkato, die verliebt-verträumte Jung-Ilse im roten Kleid, nun Arm in Arm mit NVA-Mann Knut, ein übler Bursche, wie Oma weiß, während das Publikum ihn beim Flirten mit Ilse sieht.

Es sind derlei Einfälle, die die sirene-Produktion besonders machen. Verwanzte Festnetztelefonate, die Ilse offenbar steuern, frei nach Nestroy: die beste Nation ist die Indoktrination, der Vater unter West-Spitzel-Verdacht, sein Gebet, Du sollst keinen Gott nehmen Erich Honecker haben …, von Ilse belauscht, ein musikalisch lyrischer Moment, seine Sünde die Mehrzimmerwohnung. Das Liszt’sche Labyrinth aus Räumen, durch das die Protagonistinnen und Protagonisten gleich Versuchstieren irren, wird vom Kamera-Auge aus immer wieder ungewöhnlichsten Big-Brother-Winkeln eingefangen.

Nicht zuletzt dank „Knut“ Gebhard Heegmann, Kari Rakkola und Bärbel Strehlau als bösartigem Beamtenapparat ist „Die Verwechslung“ eine hochdramatische Arbeit, in die das gesanglich naturgemäß exzellente Ensemble auch darstellerisch sein ganzes Herzblut fließen lässt. Der Titel des Werks entschlüsselt sich zum Schluss, Gustav wird auf die Krankenstation des Gefängnisses verlegt, wo ihm Krankenschwester Pauline, Marelize Gerber als Schutzengel in Weiß, zur Identität eines eben verstorbenen Insassen verhilft.

Stasi-Verhör: Kari Rakkola, Gebhard Heegmann, Bärbel Strehlau und Johannes Czernin. Bild: © Kristine Tornquist

Vaters Anklage: Katrin Targo, Ingrid Haselberger und Günther Strahlegger. Bild: © Kristine Tornquist

Stasi-Folter: Kari Rakkola und Johannes Czernin „im winterkalten Hof“. Bild: © Kristine Tornquist

Auf der Krankenstation: Rakkola, Heegmann, Marelize Gerber und Czernin. Bild: © Kristine Tornquist

Dieser war Sohn eines „OFS in der AKG der HA IX“, heißt: eines Offiziers für Sonderaufgaben in der Auswertungs- und Kontrollgruppe der Hauptabteilung IX des Ministeriums für Staatssicherheit, verblüffend, was Helga Utz so alles recherchiert hat, und so kommt Gustav nicht nur mit einem blauen Auge ist gleich gebrochenen Rippen davon. Gustav soll sogar, begleitet vom freilich ebenso wie er falschem Vater, im Westen behandelt werden, die Puschkinallee 28 wird das regeln, „Die Verwechslung“ sein Leben retten.

Der Mensch im Arbeiter- und Bauernstaat ist längst nur noch Aktenzeichen, da fällt sowas nicht weiter auf. Mit Pauken und Trompeten, also zwei Schlagwerkern und Flötentönen, geht’s für Gustav und Vater freudetanzend über den DDR-„Schutzwall“. Vater, der sich nun Herwig nennt, und den damit nur noch ein Buchstabe von seiner Frau trennt. Und die Moral von der Geschicht‘: Mag es auch immer und überall Menschen geben, die „gleicher“ sind (© George Orwell), Grenzen können überwunden werden, Mauern stürzen ein. Nur Mut! Mut!

www.sirene.at/video/verbesserung-der-welt-7-die-verwechslung          www.sirene.at           www.wienmodern.at

  1. 1. 2021

24 Wochen

September 21, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Entscheidung über ein ungeborenes Leben

Vorfreude auf den Familienzuwachs: Julia Jentsch als Astrid mit ihrem Sohn. Bild: © Filmladen Filmverleih

Vorfreude auf den Familienzuwachs: Julia Jentsch als Astrid mit ihrer Tochter Nele (Emilia Pieske). Bild: © Filmladen Filmverleih

Mit kugelrundem Bauch betritt Standup-Comedian Astrid die Bühne. „Fällt ihnen an mir etwas auf? Richtig, ich habe neue Schuhe!“, scherzt sie ins Publikum. Ihr noch ungeborenes Kind ist ebenso Teil ihres Kabarettprogramms wie die Beziehung zu ihrem Ehemann und Manager Markus. Der nimmt das längst mit Humor. Selbstbewusst steht dieses Paar im Leben.

Selbst als bei einer Untersuchung im sechsten Schwangerschaftsmonat bei ihrem Kind Trisomie 21 festgestellt wird, weicht die anfängliche Verzweiflung noch dem Mantra: „Wir kriegen das hin.“ Doch es kommt schlimmer. Das Ungeborene, wird diagnostiziert, wird mit einem schweren Herzfehler zur Welt kommen, unmittelbar danach mehrere komplizierte Operationen brauchen und nie ganz gesund sein. Astrid wird unsicher, zieht sich zurück – erst aus ihrem Beruf, dann auch aus der Beziehung. Und während das Kind ihn ihr heranwächst, schwinden die Entscheidungsmöglichkeiten. Lieben, loslassen, gehen lassen können?

„24 Wochen“ heißt der aktuelle Film von Anne Zohra Berrached, der am Freitag in den heimischen Kinos anläuft. 24 Wochen, das ist der Zeitpunkt, an dem ein Kind außerhalb der Gebärmutter lebensfähig ist, sprich: bei einem Schwangerschaftsabbruch vorher durch eine Kaliumchlorid-Spritze ins Herz getötet werden muss. Astrid und Markus wissen das und zögern und verzögern, bis … Dass Berrached mit dieser Arbeit zu einem heiklen Thema eine ehrliche Diskussion anstoßen möchte, merkt man vom ersten Moment an. Ihr Film ist stark, weil er so still ist. So „sprachlos“, wie einen die Situation macht. So hart, wie sie für die Betroffenen sein muss. Und dies das Wichtigste: Er wertet nicht. Er beschäftigt sich nicht mit „Moral“. Er erspart einem auch nichts. Bis zum Ende.

Die Regisseurin entzieht sich dem Begriff Drama; so wie sie dreht, mit der wackeligen Handkamera, wirken die Aufnahmen wie für eine Dokumentation. Was der Film zum Teil auch ist, das Erfundene mit wirklichem Leben unterfüttert. Nach unzähligen Interviews, die sie im Vorfeld führte, erschien es ihr zu banal, rein fiktional zu arbeiten, sagt Berrached im Interview. So agieren nun tatsächliche Ärzte und Hebammen entlang der Basis von Carl Gerbers Drehbuch als „sie selbst“. Ein Geburtsmediziner, der in der Realität Spätabbrüche vornimmt, bat darum, dass sein Gesicht nicht zu erkennen ist, ein Fetalchirurg stellte Bilder zur Verfügung. „24 Wochen“ ist der erste Film in Europa, der hochauflösende Fotos, aufgenommen mit einer nichtinvasiven Kamera bei einer vorgeburtlichen Operation im Mutterleib, zeigt – das ist faszinierend und unheimlich zugleich.

Kurz vor dem Auftritt mit Johanna Gastorf. Bild: © Filmladen Filmverleih

Tough als Stand-up-Comedian: Jentsch mit Johanna Gastorf. Bild: © Filmladen Filmverleih

Julia Jentsch und Bjarne Mädel. Bild: © Filmladen Filmverleih

Liebevoll mit Mann Markus: Jentsch und Bjarne Mädel. Bild: © Filmladen Filmverleih

Der klinischen Nüchternheit der Bilder von Kameramann Friede Clausz setzen Julia Jentsch und Bjarne Mädel ihr intimes Spiel entgegen. Selten sieht man Schauspieler so unpathetisch und dabei so erschütternd, beide berühren mit ihrem intensiven, eindringlichen Spiel. Jentsch überzeugt mit ihrer kraftvollen Performance, in vereinzelten Momenten, in denen sie direkt in die Kamera blickt, bricht der Film für sie sogar mit seinem selbstauferlegten auf Authentizität bedachten Stil. Ihre Astrid ist scharfsinnig und schlagfertig, bis ihr zum Schluss der Schmäh ausgeht. Cool und sleek versucht sie ihre Gefühle im Beruf zu verbergen, und in diesem Sinne ist „24 Wochen“ auch ein Künstlerfilm, die Geschichte von einer, die komisch sein soll, wenn ihr nicht zum Lachen ist. Ein öffentlich gelebtes Leben. Denn natürlich bekommt die Presse Wind von der Katastrophe.

Bjarne Mädel gibt den Ruhepool, sein Markus ist besonnen, ausgleichend, um Objektivität ebenso wie um die Fassung ringend, doch unter der Oberfläche von seiner Angst durchgeschüttelt. Dass Gerbers Drehbuch sozusagen nur die Vorlage fürs Geschehen ist, gibt dem grandiosen Hauptdarstellerpaar Platz zur Improvisation. So entsteht eine überaus einfühlsame und unmittelbare Erzählung, bei der das Tempo auch ins Stocken geraten kann, die Dialoge emotionsgeladen und roh wirken, und die Atmosphäre zunehmend beklemmend wird. Während die Ärzte sonst was alles „nicht konkret sagen können“, aber die Eltern mit Fachlatein in Grund und Boden reden, während die Freunde entweder betreten schweigen oder Quatsch quatschen, selbst Astrids Mutter ob der zu erwartenden Sorgen und Pflichten den Rückzug antritt, und Astrid und Markus in ihren Meinungen immer mehr auseinanderdriften.

Oft hat man den Eindruck, dass ihnen die letztliche Entscheidung weniger schwerfällt, als sie ihnen vom Umfeld schwer gemacht wird. Auf dem Höhepunkt der Besuch in einer Intensivstation mit frisch operierten Frühchen. Und die Frage, ob diese Kinder Schmerzen haben. Und die Frage, wie man die Entscheidung trifft, dass ein Mensch mit seinen Einschränkungen wird leben müssen. Oder nicht wird leben dürfen. „Ich wollte, dass der Zuschauer angesprochen und gefragt wird: Was würdest du tun, wenn du in meiner Situation wärst?“, meint Berrached. Ganz ehrlich, keine Ahnung!, und die nicht zu haben, ist ein großes Glück. Vielleicht heißt Demut vor dem Leben ja auch, es enden zu lassen, wenn‘s an der Zeit ist.

www.filmladen.at/24.Wochen

Wien, 21. 9. 2016

Wiener Festwochen: Geschichten aus dem Wiener Wald

Mai 11, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Michael Thalheimer haut total daneben

Katrin Wichmann (Marianne) Bild: Arno Declair

Katrin Wichmann (Marianne)
Bild: Arno Declair

Es kann die beste aller Ideen sein, „Geschichten aus dem Wiener Wald“ vom Deutschen Theater Berlin nach Wien zu bringen. Es kann die schlechteste aller Ideen sein. Bei Michael Thalheimer ist die Idee einfach ideenlos. Nein, es macht keinen Spaß, diese Rezension zu schreiben. Thalheimer, der Geliebte, dem man Sternstunden wie „Medea“ mit Constanze Becker, „Elektra“ mit Christiane von Poelnitz und zuletzt “Maria Magdalena” mit Sarah Viktoria Frick zu danken hat. Und jetzt das. Mit zwei Stunden ist Thalheimers „Geschichten aus dem Wiener Wald“-Inszenierung die längste, die man je gesehen hat.

In den Reihen raunt’s, die Deutschen sollen gefälligst die Finger von „unserem“ Horváth lassen. So ein Blödsinn („Geschichten aus dem Wiener Wald“ wurde 1931 in Berlin uraufgeführt). Im Gegenteil. Thalheimer wäre genau der Regisseur gewesen, dem Wiener Wald endlich den Wiener runterzureißen. Ein gefallenes Mädchen. Ein uneinsichtiger Vater. Ein Säugling, den man erfrieren lässt, weil ihn keiner will. Eine Spielernatur, kein schlechter Mensch, aber einer, der halt nicht aus seiner Haut kann. Und ein sitzengelassener Bräutigam, der sein Opferlamm am Schluss zum Altar wie zur Schlachtbank führt. Was könnte universeller sein? Ein Stoff, geschaffen für Abchasien bis Zypern. Und wer, wenn nicht Thalheimer, der Frauenstückeversteher, könnte diese Existenzen aufs Existenzielle reduzieren? Kurz, bündig, schmuslos. Wer anderer als der Meister antiker Angelegenheiten könnte die „kleinen“ menschlichen Dramen zur griechisch-großen Tragödie gestalten? Schicht für Schicht die Bestie Mensch freilegen?

Er hat’s nicht gepackt. Er hat’s nicht angepackt. Er war in seinem Zugriff nicht radikal genug.

Das Ganze beginnt auf leerer Bühne mit großer Tafel, an der die Darsteller Platz nehmen (dafür ist gleich gar kein Bühnenbildner angegeben); dem Donauwalzer – Dreivierteltakt um Dreivierteltakt um Dreivierteltakt; einem Havlitschek (Henning Vogt) mit blutiger Schürze und blutigen Händen. Die Sau – man weiß es. What a life, what a cliché. Wer was zu sagen hat, kommt nach vorne und macht’s als Rampenstehtheater. In einem Horváth-Dialekt, den sich der Autor schon zu Lebzeiten verbeten hat. So werden Waserl und Madal (Maderl) und Muatal (Muaterl) germanisiert. An der Bodhur‘ (Badehure) muss man naturgemäß scheitern. Ja, der achte Hieb und der Donaustrand und die Wachau können ein Hund sein.

Einige gab’s ja, die hielten das Scheitern an der unaufgefordert dargebotenen Mund-Art für eine Persiflage aufs goldene Wienerherz. Eine Möglichkeit. Die aber nicht darüber hinweg tröstet, dass es keinerlei Personenführung gab. Nie, wagt man hier zu behaupten, blieben der Zauberkönig (Michael Gerber), die Großmutter (Simone von Zglinicki) oder die Mutter (Katrin Klein) so konturlos. Fast wie der Karton-Mummenschanz, den sich die Darsteller immer wieder unvermittelt vors Gesicht schnallten. Ja, ja, die breite Masse. Marianne kriegt noch eine dieser Masken verpasst. Der Kothurn dazu fällt aus, auch wenn Vieles stelzenhaft daherkam. So saftige Rollen so blutleer runterspielen zu lassen, ist andererseits schon wieder eine Kunst. Dazu Andreas Döhler als Alfred, der „Geschichten aus dem Spreewald“ gab, wo er, glaub‘ ike, unbedingt irgendwem eine auf die oder in die Fresse geben wollte. Schon von Gang und Gehabe her ist dieser Alfred eine Karikatur.

Wären nicht Almut Zilcher als Valerie und Peter Moltzen als Oskar auf der Bühne gestanden, man hätte das Volkstheater gar nicht erst aufsperren müssen. Zilcher bringt alles mit, was Horváth braucht. Ist genau die leicht überwuzelte Trafikantin, immer noch sexy, die’s immer noch braucht, aber nicht mehr so kriegt, die Bissgurn mit dem Herz am richtigen Fleck. Peter Moltzen legt den Oskar in Mimik und Gestik von Anfang an als Perversen fest. Man ist überzeugt, dass ihm in der Ehe „die Hand ausrutschen“ wird. Die Sau- man weiß es. Beide Rolleninterpretationen sind nicht neu, aber immer noch gut und gültig. Moltzen hat eine wunderbar clowneske Einlage, einen Kampf mit der Konfektschachtel, die er der Marianne verehren will. Katrin Wichmann als diese bemüht sich um Wahrhaftigkeit zwischen den Pappgesichtkameraden. Um so etwas wie echte Verzweiflung über ein verpfuschtes Leben. Ihr Schrei „Ich will nicht mehr geschlagen werden!“ – von der Gesellschaft, von Gott und der Welt eben – ist der einzige Augenblick des Abends, der zu Herzen geht.

Alfred Polgar bezeichnete die „Geschichten aus dem Wiener Wald“ als „ein Volksstück und die Parodie dazu“. Erich Kästner schrieb vom zerstörten Wiener Figuren-Panoptikum. Irgendwo dazwischen hätte Thalheimers Weg sein können. Aber er hat offenbar die Wanderkarte verloren. Zu den Burgruinen geht’s in der Regel eben sehr steil bergauf.

Die Bravos und Buhs aus dem Publikum hielten sich die Waage.

www.festwochen.at

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-2014

www.mottingers-meinung.at/interview-michael-thalheimer-inszeniert-elektra

Wien, 11. 5. 2014

Salzburger Festspiele: „Die Jungfrau von Orleans“

August 6, 2013 in Bühne

Finster war’s, nur die Jungfrau helle

Keine Honorarpflicht bei aktueller Berichterstattung über die Salzburger Festspiele und Nennung des Fotocredits.

Alexander Khuon (Lionel/Montgomery), Kathleen Morgeneyer (Johanna)
Bild: © Arno Declair

Am Anfang war das Wort. Und Finsternis auf der Bühne. Am Ende … war das immer noch so. Nur eine war in gleißendes Licht getaucht. Sie. Die Gotteskriegerin. Die Dschihadistin, die den großen und den kleinen Kampf führt – gegen die Engländer und für ihre persönliche Annäherung an Gott. Weshalb sie bei Schiller auch entrückt wird, in der Realität als Ketzerin auf dem Scheiterhaufen endete. Jeanne d’Arc. Bei den Salzburger Festspielen (in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Theater Berlin) hat sich Regisseur Michael Thalheimer des Mythos angenommen; die schwarze Halbkugel, das dustere Erdenrund stammt von Bühnenbildner Olaf Altmann. Thalheimer ist Meister im Verdichten, konzentriert auf die Essenz. Mit sparsamsten Mitteln „kocht“ er das Drama und sein Publikum ein. Bei dieser Johanna ist ihm der Fond allerdings verdampft. Thalheimer zeigt Deklamationstheater. Pathos pur. Ein Standbild statt eines Schauspiels. Die grausame Logik seiner Heldin, die selbst noch zum Schwert greift, als es die Männer schon müde sind, hat  ihn offenbar nicht inspiriert. Es scheint – pardon! – als wüsste er mit der Figur nichts anzufangen. So steht Kathleen Morgeneyer zweieinviertel Stunden, das Schwert in der Rechten, Tarnfarbe im Gesicht, regungslos herum. Nur Grimasssen darf diese sonst so großartige, vielseitige Schauspielerin schneiden. Ach ja: Und als einfaches Schäfermädchen gar artig sprechen, während sie gehorsam schreit, sobald die Heiligen in sie fahren. Da wird sie Nemesis persönlich. Knallhart. Vor allem, wenn ihr die Heilige Maria das blutrünstige Morden anschafft, brüllt Morgeneyer wie am Spieß. Huch, eine gespaltene Persönlichkeit, wie psychologisch aufregend! Und das so lange vor Sigmund Freud …

Der Rest der Mannschaft umrundet das Denkmal wie Schattengestalten. Idee: Statt Schlachtenszenen, die ja pfui Action auf die Bühne gebracht hätten, spucken die Sterbenden Johanna einfach das Blut aufs weiße Kleidchen. Unter den Herren stellt einzig Christoph Franken als Karl der Siebente (von Johanna ja zum König von Frankreich gemacht) so etwas wie eine Figur dar. Er darf in langen Unterhosen und Pelzmantel und Krönchen über die Bühne tippeln. Ein Schwächling, der den in seiner Familie herrschenden Wahnsinn in kleinen Details gelungen andeutet. Meike Droste gibt seine Geliebte, Agnes, mit mehr Mumm unterm bunten Kleidchen als er – und darf sogar menschliche Züge zeigen. DIE beiden Auftritte des Abends gehören aber Almut Zilcher als Königin Isabeau, die ihren eigenen Sohn um den Thron gebracht und den Feind ins Land geholt hat. Wenn die Grande Dame auf die Bühne stöckelt, gehört der Raum ihr. Ein böses, hinterfotziges Weib. Eine Hexe wie aus dem Märchen. Eine faszinierende Erscheinung.

Das Moral in Dichtung und Wahrheit: Vor nichts haben Männer mehr Angst und Ehrfurcht als vor einer starken Frau. Und weil sie die Machtmittel (immer noch) in der Hand haben, folgt deren Ausrottung mit Stumpf und Stiel. Mit der Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens, lehrt uns Thalheimer. Nur ein bissl mehr gesehen hätten wir gern. Mehr Licht! Um schnell noch Schillers Kumpel Goethe zu zitieren.

Premiere am Deutschen Theater Berlin: 27. September.

www.salzburgerfestspiele.at

www.deutschestheater.de

www.mottingers-meinung.at/salzburger-festspiele-2013/ :Domplatz: Die Sommerresidenz der Familie Hörbiger

www.mottingers-meinung.at/die-neue-buhlschaft/

www.mottingers-meinung.at/salzburger-festspiele-young-directors-projekt/

Von Michaela Mottinger

Salzburg, 29. 7. 2013