The Show Must Go On! Jesus Christ Superstar online

April 11, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Rockopernklassiker goes Heavy Metal

Im Konflikt zwischen Judas und Jesus kommt es zu ernsten Handgreiflichkeiten: Tim Minchin und Ben Forster. Bild: Rudolf Mottinger © Jesus Christ Superstar Live Arena Tour, 2012

Genre-Godfather Andrew Lloyd Webber hat die Verkündigung wahr gemacht, seine berühmtesten Musicals auf dem Youtube-Channel „The Show Must Go On!“ kostenlos zu streamen, zum Wochenende je ein neues, und am Karfreitag war das selbstverständlich eine Bühnenproduktion von „Jesus Christ Superstar“, die nun bis inklusive Ostersonntagabend online ausgestrahlt wird.

Und siehe: Das britische Arena-Spektakel aus dem Jahr 2012, über das nach der Premiere im O2 auch hier zu lesen stand, die Darsteller hätten ihr Kreuz damit, den Dome stimmlich und schauspielerisch zu füllen, hat auf Film gebannt von Regisseur Laurence Connor, er auch beteiligt gewesen an „Les Misérables“ mit Hugh Jackman und Russell Crowe, punkto Intensität und Emotion nur gewonnen.

Connor zeigt eine couragiert zeitgemäße Aufführung, sein Heiliges Land findet ein Äquivalent in der Anonymous-Bewegung, klar, alles ist heut‘ global issue, und das Apostelkollektiv wär‘ jetzt vielleicht eins aus Hacktivisten. Auf Vidiwall und Showtreppe tanzen Guy Fawkes mit Antikriegs-, Antikapitalismus-, Klimademonstranten, Jesus‘ Feuer und Schwert ist nun ein Megaphon, die Szenerie bereit für den Aufstieg eines politisch Aufständischen, der den Status Quo staatlicher Autorität gefährdet. Zwischen Anarchy-Tags und „Rome lies“-Schildern kommt es zur Straßenschlacht. Die „The Twelve“-Revolutionsfaust erhebt sich, der Rockopernklassiker goes Heavy Metal.

Dies dank der musikalischen Leitung von Louise Hunt, die mit der neunköpfigen Band die Ausdrucksstärke der Webber’schen Partitur wohl zu bedienen weiß. Die tragische ménage à trois aus von seiner Aufgabe erschöpftem Jesus, sehnsüchtiger Maria Magdalena und einem leidenschaftlich aufbegehrenden Judas gestalten Ben Forster, Melanie C und Tim Minchin, die Kritik weiland unverhältnismäßig unfreundlich zum Heiland, dessen Sieg in der UK-TV-Talentshow „Superstar“ für mehr als ein schales Witzchen herhalten musste.

Melanie C als Mary Magdalane. Bild: Rudolf Mottinger © Jesus Christ Superstar Live Arena Tour, 2012

Ben Forster und Tim Minchin. Bild: Rudolf Mottinger © Jesus Christ Superstar Live Arena Tour, 2012

Chris Moyles als Showmaster King Herod. Bild: Rudolf Mottinger © Jesus Christ Superstar Live Arena Tour, 2012

Tatsächlich ist Forster ein sinnlich-sanfter Erlöser mit samtiger Stimme und schöner Höhe. Den Auftritt im Tempel schafft er zwar nicht Ted-Neeley-like, dafür ist sein hingerotzter Gethsemane-Song wütend, anklagend und mit fabelhaftem „Alright, I’ll die!“-Hohem-C. Dass dieser Messias mit dem Ex-Spice-Girl als Mary Magdalane eine übers geistliche hinausgehende Liebesbeziehung hat, machen die beiden in ihren Blicken und Gesten deutlich, Melanie C, die sich beseelt die Schminke aus dem Gesicht wischt, und deren smoother Gesang am besten beim melancholischen „I Don’t Know How to Love Him“ zur Geltung kommt. Kaum je konnte eine bei voller Kraft so erotisch wispern.

Das Ereignis des Abends ist allerdings der australische Comedian, Komponist und – wie passend für den Part – Vertreter des internationalen Skeptikernetzwerks CSI Tim Minchin als Judas. Er fährt mit vollem Gefühl in diese Figur ein, die nicht nur nach der Nikos-Kazantzakis-Tim-Rice’schen Lesart vom Menschensohn mit dem Verrat beauftragt wurde, damit Seine Mission gelinge, und sich dennoch erhängen muss. Angetan mit Dreadlocks, Punklidstrich und Palästinensertuch kann er Verstocktheit, wilde Verzweiflung, Revolte – seine Stimme eine Hetfield-Röhre, in Höchstform beim Last Supper, seinTo Think I Admired You“ wie vor die Füße gespuckt, sein „Does He Love Me Too?“ ein Schmerzensschrei.

Ist Judas der Fundi, so Giovanni Spano als Simon Zealotes der Realo, der zum PR-Manager und bei „Christ, You Know I love You“ zum Massenanheizer wird, und mit riesigen Parteiplakaten zum „Believe“ auffordert. Rundum agiert ein großartig diverses Ensemble. Pete Gallagher und Gerard Bentall, der eine mit bedrohlichem Bass, der andere vipernhaft vibrierend, sind als Caiaphas und Annas Eminenzen im grauen Anzug, deren Businessmen-Priester gelangweilt die Financial Times durchblättern, Broadway- und West-End-Star Alexander Hanson wechselt als Pontius Pilate von der Richterrobe zum Trial in den Sportdress, alle drei sind sie süffisante Populisten und Volksverdreher.

Die Jesus-Aktivisten protestieren vorm Jerusalemer Tempel. Bild: Rudolf Mottinger © JCS Live Arena Tour, 2012

I Don’t Want Your Blood Money: Tim Minchin. Bild: Rudolf Mottinger © Jesus Christ Superstar Live Arena Tour, 2012

I Don’t Know How to Love Him: Melanie C und Ben Forster. Bild: Rudolf Mottinger © JCS Live Arena Tour, 2012

Simon Zealotes wird zum PR-Manager des Christus-Kults. Bild: Rudolf Mottinger © JCS Live Arena Tour, 2012

Wobei bezüglich Letzterem Chris Moyles als King Herod den Vogel abschießt. Der hauptberufliche Radio- und Fernsehmoderator macht auf der Bühne ebendieses, er gibt den Statthalter von Roms Gnaden als TV-Spielshow-Host im roten Samtoutfit, dessen Abendunterhaltung nicht nur aus einem Buzzer-Quiz für Jesus besteht, sondern der auch das Publikum zur SMS-Abstimmung aufruft: „Is he the Lord or a fraud? Text to phonenumber …, see you after the break!“ Hinreißend, wie er dem auf den Gamestuhl gefesselten Christus das befohlene „Walk Across My Swimming Pool“ via Einspielung vortrippelt.

Dramatisch dicht und voller Fingerzeige geht’s Golgatha entgegen. „Poor Jerusalem“ ist bevölkert von Obdachlosen und Bettlern, die auf Schwarzweiß-Bildern moderne Metropolen durchwandern, Peter’s Denial findet nicht an einer Wasserstelle in der Wüste statt, sondern an einer brennenden Mülltonne, einer Wärmestelle für gestrandete Existenzen. Im The-Temple-Club gibt’s Poledance und Toy Boys, einen Drag-Teufel und sexy Dessous-Engelchen, die auch den nunmehrigen „Kill-Your-Idol“-Rockstar Judas bei seinem „Jesus Christ Superstar“-Hit umschwärmen werden. BeimCould We Start Again, Please“ legt Maria Magdalena bereits Petrus den Mantel um. Als wüsste sie, dass er der kommende Kirchenmann ist.

Bloody brilliant ist das alles – und wie eine Zuseherin im Live-Chat schrieb: Please, let’s do this every Good Friday! Am Ende, und das kommt – einziger Einwand – zu unwürdig gewimmert, wird das Lamm Gottes von seinen Jüngern vom Kreuz genommen und in einer Prozession weggetragen. Bis morgen. Zur Auferstehung. Dem Urgrund des christlichen Glaubens.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=OGhnaIw20Ho           www.youtube.com/watch?v=_ZCx3WFw_QI

Die ganze Show: www.youtube.com/channel/UCdmPjhKMaXNNeCr1FjuMvag           www.youtube.com/watch?v=GpO4ohqx3os

www.jesuschristsuperstar.com           www.andrewlloydwebber.com

  1. 4. 2020

Verliebt in meine Frau

November 19, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Erotische Tagträume beim Abendessen

Die Kontrahenten beim ersten Kennenlernen: Daniel Auteuil, Sandrine Kiberlain, Adriana Ugarte und Gérard Depardieu. Bild: © Christine Tamalet

Dem deutschsprachigen Feuilleton hat diese Filmkomödie größtenteils nicht gefallen. Die Urteile sind vernichtend, im höflichsten Fall steht geschrieben, dass das Lustspiel „nur Kopfschütteln hinterlässt“, die gemeinste Kritik nennt es „ekelerregend“. Mag sein, dass diese Bekundungen mit der Sprachbarriere zu begründen sind. Sieht man „Verliebt in meine Frau/Amoureux de ma femme“ nämlich im französischen Original, amüsiert man sich prächtig.

Ab Freitag ist das in den Kinos zu prüfen, und auch in wessen Arme seine Gedankenreise den Antihelden eines desaströsen Abendessens schließlich führen wird. Ein Tipp: Der Filmtitel weist in die richtige Richtung.

Daniel Auteuil, Charakterdarsteller mit immer wieder Freude am Fröhlichen, hat bei „Verliebt in meine Frau“ die Regie übernommen, und sich selbst als einen der vier Protagonisten besetzt. Von Florian Zeller ist das Drehbuch, der Dramatiker hat dafür sein Theaterstück „L’envers du décor/Die Kehrseite der Medaille“ adaptiert. 2016 war dieses in einer Inszenierung von Alexandra Liedtke mit Sona MacDonald und Michael Dangl an den Kammerspielen der Josefstadt zu sehen. Der Inhalt: Daniel – Auteuil – lädt, als er auf der Straße zufällig seinen Freund Patrick trifft, diesen leichtfertig zum Diner ein. Samt Begleitung, und damit nimmt das Verhängnis seinen Lauf, denn Patrick hat eine „Neue“, Emma, während seine Ex die Busenfreundin von Daniels Frau Isabelle ist.

Auteuil hat sich hochkarätige Unterstützung geholt. Sandrine Kiberlain spielt die Isabelle, Adriana Ugarte die Emma, und der großartige Gérard Depardieu in erster Linie sich selbst, den Feinschmecker, Weinkenner, Frauenliebhaber – den gutgelaunten, aufgeräumten Patrick. Emma, das sieht das Publikum, entpuppt sich als blutjunge, aparte, supersympathische Schönheit. Der Witz des Ganzen entsteht nun, weil jede Figur auf diese Frau seine eigenen Vorstellungen projiziert. Wunderbar, wie Isabelle beim ersten Anblick das Gesicht gefriert, wie sie, weil Emma und Patrick erst nicht sagen wollen, wo sie einander kennengelernt haben, Fantasien von ihr als Prostituierten in einer Bar hat.

Schlimmer noch trifft es Daniel, der sich vor seinen erotischen Tagträumen nicht retten kann. Während am Tisch Smalltalk über Spargel stattfindet, sieht er sich in poetischen Bildern mit Emma in Venedig, am Pool, beim Familienfest, weinend, während sie „Onkel Wanja“ spielt, tatsächlich steckt ganz viel Tschechow in der Szenerie, und am Ende und wegen dieser „Altherrenalbernheit“ der große Aufschrei der Rezensenten – sie sich nackt ausziehen. Ein Augenblick nur, bevor ihn sein Gestammel wieder in die Gegenwart des Esszimmers zurückholt, und Auteil gestaltet ihn anrührend und liebenswert, zwar vom Neid zerfressen, doch ist sein Daniel wahrlich alles andere als der ihm unterstellte triebgesteuerte Macho. Eher ein tragikomisches Opfer seiner Begierden.

Sandrine Kiberlain und Daniel Auteuil. Bild: © Christine Tamalet

Gérard Depardieu und Adriana Ugarte. Bild: © Christine Tamalet

Tatsächlich werden in „Verliebt in meine Frau“ alle Seiten verlacht. Die Männer für ihre Selbstverliebtheiten – Daniel hält sich für den „König der Verhandlungen“, wird aber bei jedem Ehekonflikt von seiner Frau an die Wand argumentiert – und ihre falschen Annahmen über das Wesen der Frau – Depardieu ist als Patrick wie ein selbstzufrieden schnurrender Kater, der in Emma glaubt einen Jungbrunnen gefunden zu haben -, Isabelle wegen ihrer Vorurteile und dem Konkurrenzdenken gegenüber dem eigenen Geschlecht. Florian Zeller verteilt sein ironisches Augenzwinkern gerecht unter seinen Midlife-Crislern, die einzige Unschuld ist Emma.

Noch dazu nimmt er das streng geschützte (Non-)Kommunikationssystem des Bildungsbürgertums aufs Korn, in dem aus Konvention kaum jemand je ausspricht, was er denkt, weshalb es eben zu Irrungen und Wirrungen kommen muss. Die Gastgeber tappen diesbezüglich in jedes Fettnäppchen, und wenn Depardieu mit Blick auf den nächsten Sommer das Dessert mit den Worten „Ich muss auf mein Gewicht achten, der Strand ist erbarmungslos“ ablehnt, dann sage einer, das sei nicht von der Art charmanter Koketterie, wie’s nur die Franzosen können.

Dass es in der zugegeben konventionell erzählten Story an Spannung nicht fehlt, liegt an Regisseur Auteils Kunstkniff, die Erzählebenen mehr und mehr ineinander greifen zu lassen. Immer raffinierter und undurchschaubarer wird, was real und was irreal ist, die Handlung springt zwischen Szenen und Zeiten, so dass man bald nicht mehr weiß, was passiert ist, passieren wird oder sich niemals ereignet. Am Schluss wird sich herausstellen, wer hier wen den ganzen Abend über manipuliert hat. Kein wirklich überraschendes Ende, aber ein beziehungstechnisch betrachtet wunderschönes.

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  1. 11. 2018