Rabenhof: Mayerling – Ein Singspiel von Wilderern und Habsburgern

September 21, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine wilde Jagd quer durch den Wienerwald

Und noch ein Habsburger der einen kapitalen Hirsch schießt: Manuel Rubey als Kronprinz Rudolf und Gerald Votava als Wilderer Horstl Tiefgruber. Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Im Rabenhof wurde Mittwochabend Ernst Moldens neues Singspiel „Mayerling“ uraufgeführt, zum Saisonauftakt des Hauses eine Inszenierung von Hausherr Thomas Gratzer höchstpersönlich. Molden, der genialische Musiker, der sich schon mit den Vorgängerproduktionen „Häuserl am Oasch“ und „Hafen Wien“ der Wiederbelebung des Genres Singspiel widmete, macht einen wiedergängerischen Habsburger zum Mittelpunkt seiner jüngsten Arbeit.

Mayerling, der Ort ist natürlich untrennbar mit dem unglücklichen Kronprinzen Rudolf verbunden, und dieser darf – inklusive dekorativer Schusswunde an der Schläfe – über die Bühne geistern. Untot, weil schuldbewusst ob der Mit-in-den-Tod-Nahme der Mary Vetsera, glaubt er nur Erlösung finden zu können, wenn ihm einer den weißen Hubertushirsch schießt. Womit er nicht der erste Habsburger wäre, der einen kapitalen Hirsch geschossen hat … Jedenfalls, der gruselige Geist findet sein Werkzeug im Wilderer Horstl Tiefgruber, den es nach Scheidung, Jobverlust und Obdachlosigkeit in den Wienerwald getrieben hat, wo er seiner letzten Selbstdefinition, dem unerlaubten Jagen, frönen will. (Rekrutiert wird übrigens so, wie’s der Tod im Jedermann tut: „Den schlag ich auf sein Herz mit Macht …“)

Schwester Apollonia betet für Frieden im Wald von Mayerling: Eva Maria Marold. Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Förster Helmuth und die militante Majorin Mimi Sommer: Christoph Krutzler und Michou Friesz. Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Im Horst kommt dem Horstl allerdings die Schwester Apollonia in die Quere, die in der kontemplativen Einsamkeit des Forstes Frieden mit sich selbst schließen und zu Gott finden will. Also wird die Klosterfrau kurzerhand zur Geisel, und ab geht die wilde Jagd. Diese durchaus im Sinne der bekannten Volkssage zu verstehen, ist der Dämon Rudolf doch als übernatürlicher Jäger mit von der Partie. Und weil’s kein Singspiel ohne Buffi geben kann, versuchen der unbeholfene Förster Helmuth und die militante Polizeimajorin Mimi Sommer vergeblich den Wilderer zu fangen. Am Ende wird der, so viel kann eine Nonne schon bewirken, geläutert sein, und der Kronprinz wird sich per Herzschlag ein neues Opfer holen …

Herzstück des Abends ist die Musik von Ernst Molden, der Meister mit Band als Schatten hinter dem Baumstammbühnenbild von Gudrun Kampl zu sehen. Viel mehr – und ein ausgeklügeltes Lichtdesign von Harald Töscher – braucht Thomas Gratzer nicht, um die Story zu erzählen. Die Songs bewegen sich im Spektrum von L’Amour-Hatscher und Hart-Rock, Molden schrammelt auf der Gitarre, bis die Saiten glühen, unterstützt von Hannes Wirth, Maria Petrova, Sibylle Kefer, Marlene Lacherstorfer, Andrea Fraenzel und dem grandiosen Walther Soyka mit seiner Altwiener Schrammelharmonika. Moldens Text transportiert ein Alt-Wienerisch, wie’s zuletzt aus der Feder von Ferdinand Raimund in dessen Zauberspiele floss. Da heißt es „Er soll die Frau in Kraut lassn“ oder „Es is zum Plaatzen“, da ist der eine ein „Bloßhaperter“ und der andere ein „Nebochant“.

Jedermann! kann zum Werkzeug des grauslichen Kronprinzen werden: Manuel Rubey und Gerald Votava. Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Den Wilderer-Horstl spielt Gerald Votava hart am Rande des Wahnsinns. Wie im Fieber, dreckig und verschwitzt, pirscht er über die Bühne im Versuch, der teuflischen Spukgestalt, die ihn peinigt, zu entkommen. So, wie Votava das darstellt, stellt sich durchaus die Frage, ob sich der Kronprinzen-Geist nicht eigentlich nur im Geist vom Tiefgruber tummelt. Manuel Rubey gibt den Rudolf sehr schön düster und dominant.

Rubeys Rudolf ist einer, der sich auch nach dem Ableben seiner Privilegien als Kaiserliche Hoheit bewusst ist, und über den Rest des Casts als seine Untertanen verfügt. Als Dritte dieser unheiligen Dreifaltigkeit ist Eva Maria Marold als Schwester Apollonia zu sehen, als moderner, weiblicher Evagrius Ponticus, die in der Waldeinsiedelei das Finstere ihrer Vergangenheit, heißt: den tyrannischen Ehemann, vertreiben will, und sich mit einer noch größeren Schwärze konfrontiert sieht. Dass Votava, Rubey und Marold als trauriges Triumvirat bestens bei Stimme sind, müsste man nicht extra erwähnen, aber: Ja!

Christoph Krutzler darf als tollpatschiger Förster Helmuth nicht nur herrlich komisch sein, sondern auch Mundharmonika spielen und „Den Mond, den Mond, den Mond …“ besingen. Dies sehr zum Unwillen von „Cobra“ Mimi Sommer alias Michou Friesz, die als herrische Lederlady den Landeiern zeigen will, wo das MG hängt (um ihren Hals nämlich). Friesz und Krutzler, die Harte und der – zumindest seelisch, siehe Mundharmonika/Soul Man – Zarte, sind ein hinreißend witziges Gespann, „Mayerling“ eine insgesamt hinreißende Aufführung. Die allerdings nur 70 Minuten dauert, und das ist in diesem vergnüglichen Fall – man sagt’s am Theater ja nicht oft – zu kurz. Weil man viel mehr sehen möchte von den Wilderern und von den Habsburgern.

www.ernstmolden.at

www.rabenhoftheater.com

  1. 9. 2017

Sommerspiele Melk: Bartholomäusnacht

Juli 16, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Pariser Hochzeit als Schlachtfest an den Hugenotten

Das großartige Ensemble in der prächtigen Kulisse: Giuseppe Rizzo als Admiral Coligny, Christian Kainradl als Karl IX., Otto Beckmann als Heinrich von Navarra, Dagmar Bernhard als Frau von Sauve, Thomas Dapoz als Herzog Guise, Kajetan Dick als Kardinal von Notre Dame, Sigrid Brandstetter als Herzogin von Nevers, Sophie Pruza als Margot von Valois und Katharina Stemberger als Katharina von Medici. Bild: Daniela Matejschek

„Meinen Hass bekommt ihr nicht.“ Dies letzte Wort, der letzte Satz gehört Heinrich IV. von Navarra, da ist er längst auch König von Frankreich und hat mit dem Edikt von Nantes den Hugenotten in seinem Reich religiöse Toleranz und volle Bürgerrechte gewährt. „Meinen Hass bekommt ihr nicht“ ist ein historisch belegtes Zitat. Besser gesagt ein Buchtitel. Er stammt vom französischen Journalisten Antoine Leiris, dessen Ehefrau 2015 in der Pariser Konzerthalle Bataclan im Maschinengewehrfeuer von IS-Terroristen starb.

Als Heinrich ihn spricht, ist es 1610 und der religiöse Fanatiker François Ravaillac hält ihm eine Pistole an den Kopf (tatsächlich fuhr er ihm mit einem Messer in die Rippen). Es ist diese Art von Brückenschlag in die Gegenwart mit der Autor Stephan Lack, Intendant und Regisseur Alexander Hauer und ihr Schauspiel „Bartholomäusnacht“ in der Wachauarena Melk reüssieren. Hauer hat seinen Stil, monströse Stoffe auf die Bühne zu heben, mit den Jahren zur Meisterschaft gebracht, und Lack ihm zum 500-jährigen Reformationsjubiläum ein opulentes Historiendrama mit aktuellem Zeitbezug verfasst. Lack hat die Fakten klug mit Fiktion unterfüttert, hat die Figuren fein psychologisiert, so dass ein saftiges Bühnenstück entstanden ist.

Es braucht keinen erhobenen Zeigefinger, um zu begreifen, dass er über die Ereignisse der Nacht vom 23. zum 24. August 1572 hinaus auf Irlands „Bloody Sunday“, auf den Genozid in Ruanda, die derzeitige Lage in Syrien … verweist. Für Connaisseurs gibt’s dazu Sentenzen vom berühmten „Paris ist eine Messe wert“ Heinrichs, das hier aber Königin Margot spricht, über Stalins „Den Feind aufspüren, schlagen und vernichten, und dann schlafen gehen. Was gibt es Schöneres?“, hier von Herzog Guise gesagt, bis zu „Die katholische Kirche ist ein Geniestreich des Satans“ – kein Calvin’sches Wort, sondern eines von Baptistenpastor Robert Jeffress im Jahr 2010. Reverend Jeffress leitete die religiöse Zeremonie in der St.-John’s-Kirche, die der Vereidigung von US-Präsident Donald Trump vorausging.

Die Bartholomäusnacht, also. Eines der schrecklichen und unverständlichen Massaker der Geschichte. Im seit Mitte des 16. Jahrhunderts in Frankreich tobenden Religionskrieg Katholiken gegen Hugenotten, strebte Katharina von Medici anscheinend eine Art Frieden an, indem sie ihre Tochter Margot mit König Heinrich von Navarra vermählte. Sämtliche militärischen und politischen Führer der Hugenotten folgten der Einladung nach Paris. Und liefen dort ahnungslos in die Falle. Denn der Mob war von der Kette gelassen und meuchelte „die Ketzer“ auf grausamste Weise. Frankreichweit sollen an die 30.000 Menschen getötet worden sein. Die Tatkräftigsten unter den Mordenden kommen aus dem Herzogsgeschlecht der Guisen; das prominenteste Opfer ist Admiral Gaspard de Coligny. Katharinas Sohn, König Karl IX., sieht in ihm eine Vaterfigur – und ist doch seelisch zu labil, um das Blutbad zu verhindern …

Ein Wort unter Männern: Giuseppe Rizzo, Christian Kainradl, Thomas Dapoz. Bild: Daniela Matejschek

Und eine Frau, die alle Fäden in der Hand hält: Katharina Stemberger als Katharina von Medici. Bild: Daniela Matejschek

In Melk fließt kein Blut. Auf derlei Effekte kann Hauer verzichten. Ein Aufstampfen des Chors „Bühne frei“, Hauer arbeitet erstmals mit diesem Kulturvermittlungsprogramm, in dem – wie er sagt – nach Melk aus dem Salzkammergut bis aus Syrien Zugezogene agieren, genügt, schon ist der Gegner gefällt. Was Hauer interessiert, ist die Frage nach der Auseinandersetzung mit und der Möglichkeit zur Aussöhnung nach einer solchen Wahnsinnstat. Neun Schauspieler verkörpern die Protagonisten beider Glaubensrichtungen und zeigen mit ihren Seitenwechseln den Riss, der durch die Gesellschaft geht.

Zu unterscheiden sind die Lager leicht: die Kostüme von Julia Klug und Nina Holzapfel haben Glanz und Glitter, wenn’s um die Katholiken geht, oder sind schlicht und freudlos puritanisch bei den Hugenotten. Daniel Sommergruber hat eines der legendären Melk-Bühnenbilder erdacht, eine Louvre-Skulptur aus 9000 Plastikflaschen. Ein Zeichen für die Dekadenz des Hofes, und, so Hauer, weniger als ein Mensch heute pro Jahr verbraucht. Die wuchtige Musik von Gerald Huber-Weiderbauer deutet die kommende Gewalt an.

Königin in diesem Reich voller Intrigen und Intoleranz ist Katharina Stemberger als Katharina von Medici. Wie ein lauerndes Reptil singsangt sie sich im Falsettton durch ihre Manipulationsspielchen, lässt hie und da ihre blindwütige Grausamkeit aufblitzen, und ist nur einmal wirklich erschüttert: als ihr nach der Bartholomäusnacht die anderen gekrönten Häupter Europas die Hochachtung verweigern. Ein wenig wirkt sie wie die böse Hexe aus einem Märchen, und ist, weil eine Medici, natürlich Giftmischerin. Christian Kainradl überzeugt als ihr Sohn Karl IX., ein Muttersöhnchen, zögerlich und zaudernd, das letztlich daran zerbricht, dass es seine Ideale verraten hat. Kainradl lässt gekonnt den Irrsinn nach seinem Karl greifen. In diesen Zuständen stellt sich Sophie Prusa, als Margot erst ein leichtlebiges Flittchen, politisch mehr und mehr auf die Seite ihres Mannes.

Als dieser brilliert Otto Beckmann mit draufgängerischem Errol-Flynn-Appeal. Er hat den Schalk im Lächeln, und wenn er die Glaubensrichtung öfter wechselt, als manch anderer Mann die Wäsche, weiß man, wer tut es letztlich für die gerechte Sache. Unter den Damen des Hofes wickelt er vor allem Frau von Sauve (Dagmar Bernhard agiert in der Rolle mit großer Leidenschaft) um den Finger, bis seine eigentliche Aufpasserin für ihn sogar in den Tod durch toxischen Lipgloss geht. Hauer lässt Szenen parallel ablaufen, setzt auf schnelle Szenenwechsel, um all dieser Dramatik Tempo zu verleihen.

Die Königin und ihre Hofdamen: Sigrid Brandstetter, Katharina Stemberger, Sophie Prusa und der Chor „Bühne frei“. Bild: Daniela Matejschek

Heinrich bekennt sich zur Abwechslung wieder einmal zum Katholizismus, Selbstgeiselung inklusive: Katharina Stemberger, Sophie Prusa, Christian Kainradl, Otto Beckmann, Kajetan Dick und Dagmar Bernhard. Bild: Daniela Matejschek

Drei, die deshalb mitunter auf der Bühne von einem Wams ins andere schlüpfen müssen, sind Giuseppe Rizzo, Kajetan Dick und Thomas Dapoz, alle drei in Melk bereits feste Größen. Rizzo gibt als Admiral Coligny gleichsam auch den Erzähler, und als George La Mole den Hauptmann der königlichen Garde – zwei Ehrenmänner, rechtschaffen und fest im Glauben und bemüht über diesen hinweg das Beste zu tun. Dapoz wechselt zwischen La Moles protestantischem Bruder Bernhard – er der einzige, der eine echte Liebesgeschichte mit Hofdame Herzogin von Nevers (aufrichtig leidend: Sigrid Brandstetter), freilich ohne Happy End hat -, und dem machthungrigen Herzog von Guise. Als solcher hat er nicht nur den Thron, sondern auch Margot im Auge; auf der Frosthochzeit sind die beiden die einzigen, die füreinander glühen. Sehr schön sein Kostüm: ein Nietenkreuz auf einer Lederjacke.

Kajetan Dick schließlich gibt mit sieben Rollen alles; er spielt Geistliche, Arzt, Wirt und Auftragsmörder, doch mit Karls jüngerem Bruder Heinrich III. gelingt ihm ein Kabinettstück. Wie er als Liebhaber von Badestuben und in ihnen anzutreffenden jungen Burschen Mutter Katharina in Rage versetzt, ist sehenswert. Klar, dass auch er gewaltsam abtreten muss, womit der Weg endlich frei ist für Navarra. Lack und Hauer ist es gelungen, aus dem, was eine Geschichtslektion hätte werden können, spannendes Theater zu machen. Sie beleuchten mit Verve die offenbar ewig gültigen Themen von der Nutzbarmachung von Religion und „Fremden“-Hass zur Aufwiegelung von Völkern.

Sie zeigen auf, wie diese Mechanismen der Macht funktionieren. Und wie Liebe und Mitmenschlichkeit dabei auf der Strecke bleiben. Kurz vor seinem Ende bricht Admiral Coligny die vierte Wand und befragt das Publikum: „Wann war das erste Mal, dass sie wahrgenommen haben, wozu der Mensch fähig ist?“ Ja, wann?

www.wachaukulturmelk.at/de/sommerspielemelk

  1. 7. 2017

Art Carnuntum: The Summit/Der Gipfel

Juli 2, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein antiker G5 mit Gerald Gross als News-Anchorman

Geht auf in seiner Rolle: Gerald Gross als News-Moderator Gerald Gross. Bild: Art Carnuntum

Nach dem Blutbad in der Arena werden etwaigen Überlebenden die Wassermelonenköpfe zerstampft, dann die toten Körper entfernt. In Memoriam der Mensch- und Tieropfer, die hier auf grausamste Weise umkamen, wird eine byzantinische Hymne gespielt. Die Savaria Legio marschiert zum Schutz der Ehrengäste auf, Antonio Morillo Lopez kommt als berittener Bote und zeigt mit seinem Pferd auch gleich ein paar Reitkunststücke.

Schließlich fährt Gerald Gross im Ü-Wagen vor. Sein Kamerateam baut sich vor der Vidi-Wall auf, denn der Nachrichten-Anchorman wird von einem der wichtigsten Ereignisse der Antike berichten: der Kaiserkonferenz am 11. November 308 in Carnuntum, einer Zusammenkunft, die die damals bekannte Welt von Grund auf veränderte.

Wegen des großen Erfolges im Vorjahr zeigte Art-Carnuntum-Intendant Piero Bordin noch einmal das von ihm ausgeklügelte Spektakel „The Summit/Der Gipfel“. Nicht als Fiktion, sondern als Bericht will er sein „Gipfeltreffen am Originalschauplatz“ verstanden wissen, doch nach dem hochamüsierten Publikum zu schließen, ist ihm auch eine tadellose Komödie gelungen, deren Komik darin besteht, dass Politiker immer waren, wie sie sind.

Der historische Hintergrund: Kaiser Diokletian führte 293 im römischen Reich die Tetrarchie ein. Zwei Augusti – er selbst im Osten, sein Freund Maximian im Westen – sollten unterstützt von zwei Caesares, Constantius Chlorus und Galerius, regieren. Nach zehn Jahren sollten diese zu Augusti aufrücken, das heißt: jeder Politiker wäre 20 Jahre im Amt, zehn als Caesar, zehn als Augustus. Diese wunderbare Idee löste sich in Rauch auf, nachdem Diokletian und Maximian von ihren Ämtern zurückgetreten waren.

Zwar rückten Severus im Westen und Maximinus Daia im Osten als Caesares auf, doch als Diokletians Nachfolger als Augustus, Constantius Chlorus, verstarb, riefen dessen Truppen kurzerhand seinen Sohn Konstantin zum neuen Augustus und damit zum Severus-Konkurrenten aus. Maxentius, Sohn des ehemaligen Augustus Maximian, bunkerte sich in Rom ein. Und sozusagen am Spielfeldrand wartete Licinius, Kandidat des Galerius für die Nachfolge des Severus als Augustus des Westens, auf seine Chance. In solcher Situation berief Diokletian die Kaiserkonferenz von Carnuntum ein …

Diocletian (Erich Svoboda) steigt bodyguard-bewacht aus seinem Wagen. Bild: Art Carnuntum

Die Politiker grüßen das Volk, Gerald Gross wartet bereits auf ein Interview. Bild: Art Carnuntum

Diesen G5 hat Piero Bordin im römischen Amphitheater gewitzt nachgebaut – und optisch ins Heute verlegt. Die Kaiser fahren in großen Limousinen vor. Maximian (Leopold Böhm) gibt Gerald Gross, der sich vor dem Konferenzzelt um Interviews bemüht, die typisch nichtssagende Altpolitiker-Antwort. Galerius (Rudolf Karasek), der einflussreichste Senior-Kaiser, ist ein sleeker Teflonmann. Maximinus Daia (Grigore Bostan), Typ Funktionär, flüchtet sich in ein „Kein Kommentar!“.

Im Hubschrauber kommt schließlich Diocletian (Erich Svoboda) und fertigt Gross auf dessen Frage nach etwaigen wiedererwachten politischen Ambitionen mit einem Originalzitat ab: „Wenn Ihr die Kohlköpfe gesehen hättet, die wir in Salonae mit eigener Hand großziehen, würdet Ihr dies nicht für eine verlockende Alternative halten.“

Da muss Gross dann schon ein bisschen seufzen; es ist herrlich, wie der ehemalige ZiB-Moderator mit Humor und einem Hauch Selbstironie in seiner Rolle als „Gerald Gross“ aufgeht, vor dem erneuten Live-Einstieg noch schnell mit Puder das Gesicht mattiert.

Ein kurzes Gewitter ganz Vollprofi in seinen Beitrag einflicht – und natürlich auch ein wenig aus dem Nähkästchen plaudert. „Manche Potentaten sehen in Interviews ein Verhör, alles schon erlebt auf diversen Konferenzen“, kommentiert er trocken, dass ihn die Kaiser kurz und knapp abgefertigt haben. Und spekuliert anhand des aufgetischten Caterings, dass dies „wohl ein Verhandlungsmarathon wird“.

Das alles ist so zeitlos modern, könnte ebenso gut ein Meeting der Brüsseler Spitzen oder ein Bussi-Bussi-Auftritt von Trump/Putin sein, die Parallelen sind gelegt, es ist wirklich zum Lachen. Nichts fehlt an diesem Abend. Weder die gemeinsame Altarenthüllung noch die Pose beim Gruppenfoto.

Umrahmt wird „The Summit/Der Gipfel“ von der Musik des 1.Frauen-Kammerorchesters von Österreich. Unter der Leitung von Kati Maróthy spielen die Damen Yannis Markopoulos – unter anderem sein „Malamatenia Logia“ – oder Joseph Haydns „Quinten-Quartett“. Der Vienna Symphonic Choir singt mit „Meditations“ als Parabase eine Komposition von Christopher J. Hoh für die „Kaiser von Carnuntum“.

Antonio Morillo Lopez kommt als berittener Bote zur Savaria Legio … Bild: Art Carnuntum

… und zeigt mit seinem Pferd in der Arena ein paar Reitkunststücke. Bild: Art Carnuntum

Dann plötzlich: Breaking News – die Ereignisse überschlagen sich. Außer Protokoll fährt ein Militärfahrzeug vor, ihm entsteigt ein Vier-Sterne-General. „Militärputsch?“, orakelt Gross. Nein, es ist der eilig herbeigerufene Licinius (Pavel Strasil). Wenn er sich das nächste Mal zeigt, wird er den Tarndrillich gegen einen dunklen Anzug getauscht haben, und man versteht, was das bedeutet:

Licinius wird im Westen des Reiches Augustus – ohne jemals Caesar gewesen zu sein. Ein weiterer Gewinner der Konferenz ist Konstantin. Er – Gross: „ein politisches Jungtalent mit übersteigerten Ambitionen“ – wird in seinen Augen allerdings „nur“ Caesar unter Licinius. Wie das endet, ist bekannt. Für den Osten wurden Galerius als Augustus und Maximinus Daia als Caesar bestätigt.

Im Epilog erklärt Gross, nunmehr bereits aus dem „Newsroom“ auf der Vidiwall, die bis heute nachhallende Bedeutung der Kaiserkonferenz von Carnuntum: Sie bereitete den Weg für folgende Zusammenkünfte, bei denen 311 das „Toleranzedikt von Nikomedia“ erlassen und 313 die „Vereinbarung von Mailand“ getroffen wurden.

„Wir sind seit Langem der Ansicht, dass Freiheit des Glaubens nicht verweigert werden sollte. Vielmehr sollten jedermann seine Gedanken und Wünsche gewährt werden, so dass er in der Lage ist, geistliche Dinge so anzusehen, wie er selbst es will. Darum haben wir befohlen, dass es jedermann erlaubt ist, seinen Glauben zu haben und zu praktizieren, wie er will“, verlautbaren Licinius und Konstantin darin. Und damit gleichsam das Ende der Christenverfolgung und die allgemeine Religionsfreiheit. Siehe Erklärung der Menschenrechte, Artikel 18. Und das alles begann in Carnuntum …

Das weitere Programm von Art Carnuntum 2017: www.mottingers-meinung.at/?p=25318

www.artcarnuntum.at

  1. 7. 2017

Hotel Rock’n’Roll

August 24, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein All-Inclusive-Trip in den wilden Wahnsinn

Die Hotelband und die Konkurrenz: Georg Friedrich, Pia Hierzegger, Detlev Buck, Gerald Votava und Michael Ostrowski. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Die Hotelband und die Konkurrenz: Georg Friedrich, Pia Hierzegger, Detlev Buck, Gerald Votava und Michael Ostrowski. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Man weiß in Wahrheit gar nicht wo anfangen. Bei den gewagten Rollstuhlstunts. Oder beim neongrünen Neptundrummer oder überhaupt beim Augenkrebsambiente. Beim mutmaßlichen Chartstürmer-Song „Futschikato Masalani“- wobei hier abzuwarten bleibt, ob die Metal- oder die Reggae-Version Platz eins erobern wird. Wurscht. Weil im pulpfiction-filmigen Vorspann verleihen sich die Macher eh schon selber das Prädikat wertvoll. Schonungslos. Amazing; bzw. fuckin‘ awesome, wie der Steirer sagt.

Ein solcher, nämlich Michael Ostrowski, verantwortet den All-Inclusive-Trip in den wilden Wahnsinn, der sich „Hotel Rock’n’Roll“ nennt und am 26. August in den heimischen Kinos anläuft, als Drehbuchautor, Regisseur und Hauptdarsteller. Der Film ist die Steigerungsform von „Nacktschnecken“ und „Contact High“, heißt: der Abschluss von Michael Glawoggers „Sex & Drugs & Rock’n’Roll“-Trilogie. Als Glawogger 2014 bei Dreharbeiten in Liberia überraschend verstarb, war fürs Team klar, dass das bis dato bereits weit gediehene Projekt zu einem guten Ende zu bringen ist.

Was über weiteste Strecken auch perfekt gelang, samt einer Art Happy End, das es nun endlich für alle Figuren gibt. Ostrowski und Co-Regisseur Helmut Köpping haben Glawoggers filmische Handschrift mit großem Engagement zur eigenen erneuert, und auch wenn dessen surrealistische Sensoren die Untiefen der Handlung an der einen oder anderen Furt vielleicht tiefer ausgelotet hätten, bleibt genug Dada, um zweifelsfrei festzustellen: „Hotel Rock’n’Roll“ ist völlig gaga. Nach Softporno-Paraphrase und Rauschroadmovie ist man nun beim gepflegten Hotelfilm angelangt. Eine Reverenz an ein Nachkriegsgenre, das Größen wie Jerry Lewis oder hierzulande mit einem Hauch Heimat Peter Alexander bestens bedient haben.

Mit einem Wort die Chaosclique rund um Mao, Max und den unvermeidlichen Schorschi wird sesshaft. Dieses aber ausgerechnet in der Provinz, weil Mao irgendwo im Nirgendwo einen abgefahren abgefuckten Schuppen erbt, samt Schulden, wie sich später herausstellen wird. Also will man G‘schertindien keinesfalls seinen Bewohnern über-, sondern dort den richtigen Spirit einziehen lassen. Die Hotelband übt zwecks Tilgung der Rückstande fürs Benefiz, man hat zwar nur einen Song, diesen aber in xen Varianten, da kracht der Schorschi mit seiner Corvette in den Schwimmteich, im Kofferraum die geklaute Kohle von einem Banküberfall.

Die Guten finden das geraubte Geld im Teich: Gerald Votava, Michael Ostrowski. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Die Guten finden das geraubte Geld im Teich: Gerald Votava und Michael Ostrowski. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Doch die Bösen wollen's natürlich zurück: Deltev Buck, Georg Friedrich. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Doch die Bösen wollen’s natürlich zurück: Deltev Buck und Georg Friedrich. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Was folgt, ist wohl klar, samt Harry, der vergisst, dass er eigentlich honoriger Betreiber des Alpengasthofs Alzheimer, ergo die Konkurrenz der Hotel-Rock’n’Roller ist, und sich auf sein kriminelles Genie besinnt. Doch nicht nur, dass sich Komplize und Love Interest Schorschi, nach Beinbruch mit Gipsfuß auf einen Rollstuhl angewiesen, bei Mao und Max als Gärtner verdingt, hat er doch ein ausgewiesenes Händchen fürs Graserl, ist der ganzen Sache auch noch ein höchst aufdringlicher Inspektor auf der Spur …

Beim Finale Furioso sind natürlich alle dabei – und in darstellerischer Hochform: Michael Ostrowski als substanziell lässiger Max und Pia Hierzegger als hantige Mao, die sich sinnlos bemüht, irgendwelche Fäden zusammenzuhalten. Der großartige Georg Friedrich als Schorschi, der sich nicht nur als einwandfreier Stuntman erweist, sondern über sein selbstzerstörerisches Kleinkriminellentum auch die Weltsager hat –  einer der besten: „Illegalität ist immer Ausdruck der Auflehnung gegen die herrschenden Zustände“, Detlev Buck als ebenso skrupulöser wie skrupelloser Harry und selbstverständlich Hilde Dalik als Max‘ Angebetete.

Neu in der Band ist Gerald Votava als Jerry, Raimund Wallisch ist ja aus der Formation ausgestiegen, und Votava ist nicht nur als Mensch und Schauspieler, sein Jerry nicht nur punkto Verwirrt- und Verplantsein ein Gewinn, sondern vor allem auch als Gitarrero – quasi der Schnittling auf dieser supersympathischen Suppn. Johannes Zeiler gibt den ehrgeizig verbissenen Kiberer Walzer, Helmut Köpping himself den wamperten Bankdirektor, die sich gemeinsam auf die Jagd nach dem gestohlenen Geld machen.

Echte Rock'n'Roll-Outlaws haben Groupies: Jayney Klimek und Hilde Dalik. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Echte Rock’n’Roll-Outlaws haben Groupies: Jayney Klimek und Hilde Dalik. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Aber immer auch das Gesetz auf den Fersen: Johannes Zeiler. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Aber immer auch das Gesetz auf den Fersen: Johannes Zeiler. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

In kleineren Rollen machen sich Willi Resetarits als selbst im Sterben sinistrer Erbonkel, Sven Regener als satanischer Pfarrer, Hermann Scheidleder als „Alzheimer“-Gast und die steirische Urmutter Stefanie Werger einen Karl. Letztere betreibt, apropos Mutter, einen Escort Service, bei dem sich Jerry eine Dame bestellt, für die er schließlich die australische Singer/Songwriterin Jayney Klimek hält. Dies nur einer der unzähligen irren Handlungsstränge, die einem in den diversen Durcheinanders auf- und davonlaufen, um zum Schluss wieder zueinander zu finden.

Die Pointen sitzen ergo erst an Stellen, wo man’s gar nicht mehr erwartet hätte, und ihr Witz ist das ewige Missverstehen der Menschen. In diesem Sinne und vor allem in der Figur Schorschi ist „Hotel Rock’n’Roll“ fast ein extremphilosophisches Werk. Ein Unfug auf höchstem Niveau. Und jedenfalls nix für Non-Nihilisten. Oder wie Jerry beim Anblick des Erb-Guts sagt: „Des is weniger Stairway to Heaven als mehr Highway to Hell.“

Trailer: www.youtube.com/watch?v=4PhKKXmQTOM

Michael Ostrowski im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=21535

www.hotel-rocknroll.com

Wien, 24. 8. 2016

Hotel Rock’n’Roll: Michael Ostrowski im Gespräch

August 19, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Weniger stoned, dafür mit mehr Stunts

Gerald Votava, Pia Hierzegger und Michael Ostrowski. Bild: © Wolfgang Thaler / Dor Film

Hotelerbin Mao mit ihren Mitstreitern Max und Jerry: Gerald Votava, Pia Hierzegger und Michael Ostrowski. Bild: © Wolfgang Thaler / Dor Film

Am 26. August startet in den heimischen Kinos der neue Streich der Chaostruppe rund um Mao, Max und Schorsch ist die nächste, die letzte Runde. „Hotel Rock’n’Roll“ heißt der Abschluss der „Sex & Drugs & Rock’n’Roll“-Trilogie von Michael Glawogger. Nach dessen plötzlichem Tod bei Dreharbeiten in Liberia 2014 übernahm Michael Ostrowski die Ausführung des Films. Der Schauspieler und Drehbuchautor führte zum ersten Mal auch Regie.

Der Inhalt: Mao erbt von ihrem Onkel ein abgetakeltes Hotel auf dem Land und gemeinsam mit ihren stets gutgelaunten Freunden Max und Jerry versucht sie, den Spirit des Rock’n’Roll dort wieder aufleben zu lassen. Leider haben sie dabei nicht mit der gierigen Konkurrenz, einem Haufen Schulden und dem unvermeidlichen Schorsch gerechnet, der ihnen nach einem missglückten Bankraub die Polizei ins Haus bringt. Mit dabei sind wieder Pia Hierzeger, Hilde Dalik, Georg Friedrich und Detlev Buck, und neu Gerald Votava. Michael Ostrowski im Gespräch:

MM: Sie sind zur Dreifaltigkeit des Films geworden, Drehbuchautor, Regisseur, Hauptdarsteller, hat das mehr Vorteile oder mehr Nachteile?

Michael Ostrowski: Ich glaube, dass das ein großer Vorteil ist, weil man den Film so sehr gut kennt. Ich hätte bei jedem Dialog mitreden können, ich habe die Bilder im Kopf gehabt, das hilft extrem, anders hätte ich mir die Arbeit gar nicht vorstellen können. Ich glaube, dass es viel schwerer ist, wenn man keinen Überblick hat. Außerdem hatte ich Helmut Köpping als Co-Regisseur, der andere Dinge als ich im Fokus hatte, andere Leut‘, das hat uns als Team gutgetan.

MM: Das Projekt wurde ja noch von und mit Michael Glawogger angedacht. Es stand für euch immer außer Frage, den Film auch ohne ihn zu machen?

Ostrowski: Das Drehbuch war sehr weit, ich habe den Michi Glawogger vor seiner Abfahrt zur Weltreise sehr oft getroffen, wir haben uns ausgetauscht übers Drehbuch, haben gemeinsam geschrieben. Es war meine Aufgabe, es fertigzustellen, einzureichen, mich um die Finanzierung zu kümmern, damit wir, wenn er zurückkommt, drehen können. Das Projekt war also sehr weit gediehen, und es war für uns, als er gestorben ist, klar, dass ich, wir alle, die beteiligt waren, es auf keinen Fall aufgeben.

MM: Es war als Trilogie angedacht …

Ostrowski: Ab „Contact High“, um genau zu sein. Da wurde uns bewusst, dass es eine „Sex & Drugs & Rock’n’Roll“-Trilogie werden muss. Das war so typisch für den Glawo, ich sag‘ das zu ihm, und nach zwei Sätzen sagt er: Ja, klar, mach‘ ma draus eine Trilogie. Aber „It’s all one song“, sagt Neil Young, ich sage: It’s all one movie.

MM: Nun ist „Nacktschnecken“ ein softporniger Hausfilm, „Contact High“ ein Roadmovie. Was ist „Hotel Rock’n’Roll“?

Ostrowski: Eine Mischung aus Heimat- und Hotelfilm, Boulevard und Rock’n’Roll. Es war immer schon als Genremix geplant, weil wir sehen wollten, wie man dieses Grundthema, jemand erbt ein heruntergekommenes Hotel, wird bedroht durch die Konkurrenz, die Bank …, das ja in zahlreichen Filmen der Nachkriegsära vorkommt, neu machen könnte. Also diese Grundstruktur hernehmen und sie brechen mit einer Rock’n’Roll-Geschichte, in der eine irre Band auftritt, in der laute Musik gespielt wird. An dieser Aufgabe haben wir uns beim Drehbuch schreiben abgearbeitet.

MM: Ein bissl klingt das jetzt nach einem Peter-Alexander-Gunther-Philipp-Film.

Ostrowski: Total. Lustig, dass Sie das sagen, weil der Glawo war ein großer Fan von Gunther Philipps Wackelohren, davon hat er gern gesprochen. Ich war immer ein Fan von Jerry Lewis, dessen erster Film als Drehbuchautor, Regisseur und Darsteller, „The Bellboy“, ein Hotelfilm ist. Er ist aus dem Jahr 1960, ein Schwarzweißfilm, den er gedreht hat, ohne zu sprechen. Jerry Lewis ist damit ein unglaubliches Risiko eingegangen, Hut ab! Ich will damit nur sagen, es gibt ein paar Hotelfilmvorbilder, die uns sehr stark inspiriert haben. Der Glawo hat auch einen Roman geschrieben, „69 Hotelzimmer“, der posthum erschienen ist. Das ist ein ganz tolles Buch, in dem er alle seine Reiseerlebnisse verarbeitet. Wir sind also beide Hotelfans, und die Liebe zu diesem Ort war der Ausgangspunkt für „Hotel Rock’n’Roll“.

Die Hotelband. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Ein Song wird x-mal variiert: Die Hotelband bei ihrem ersten großen Auftritt. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Lukas König. Bild: © Wolfgang Thaler / Dor Film

Unterwasserdrummer und Aushilfsneptun Lukas König. Bild: © Wolfgang Thaler / Dor Film

MM: Und euer Hotel? Wie haben Sie diese verwunschene Villa gefunden? Eingebettet in ihre grüne Hölle?

Ostrowski: Ha, das hat unser Kameramann Wolfgang Thaler zum Drehort auch gesagt: Das ist die grüne Hölle. Die Villa ist am Semmering, ganz versteckt, und gehört zwei Schwestern, die dort die Hälfte der Woche wohnen. Die haben sich auf unsere Zeitungsannonce hin gemeldet, und das war fein, weil man da weiß, dass man willkommen ist. Dieser Drehort war essentiell wichtig, weil ich hin kam und wusste, dass ich da richtig bin. Anders hätte ich den Film nicht drehen können.

MM: Dazu der Teich …

Ostrowski: Ja, der war echt dort, das glaubt man gar nicht. Geschrieben haben wir, der Schorsch, also Georg Friedrich, fährt nach seinem Banküberfall mit seiner Corvette in einen Pool, und das Auto bleibt stecken, mit dem geraubten Geld im Kofferraum. Und dann erst ging mir auf, im durchsichtigen Wasser funktionieren weder die Tauchversuche von Max und Jerry, wenn sie die Geldtasche suchen, weil da steckst den Kopf unter Wasser und hast es, noch der mystische Auftritt unseres Wassermanns und Unterwasserdrummers Lukas König. Da seh‘ ich diesen verwahrlosten Teich und denke mir, das ist es. So einfach war’s dann allerdings doch nicht.

MM: Weil?

Ostrowski: Wir die Wasserschutzrechte beachten mussten. Es gab also eine zweite Corvette, die war völlig ausgebaut, damit nix mehr drin ist, in dem Benzin oder Öl sein könnte, und die haben wir versenkt.

MM: Klingt stressig. Dabei wirkt im Film dank natürlicher Zutaten alles so entschleunigt. Aber wie bei jeder Komödie sind Tempo und Timing wahrscheinlich ein Wahnsinn, oder?

Ostrowski: Dank natürlicher Zutaten und solcher als dem Labor (er lacht). Nein, kein Stress, tatsächlich ist bei unserem Team das Wichtigste, dass man die Akteure einfach machen lässt; die kennen ihre Figuren und wissen schon, wie sich was anfühlen muss. Es war mir vor allem ein Anliegen Gerald Votava als Jerry in die Familie zu bringen, weil die anderen kennen einander ja schon ewig, er ist neu dazugekommen, er musste erst sehen, wie unser Timing ist, wie wir spielen, welche Sprache wir sprechen … Georg Friedrich wiederum ist ein Mensch, der nicht gerne probt. Er hat echt früh seinen Text gelernt, eine alte Version vom Drehbuch, das weiß er, aber das tut er halt. Ich hab‘ aber in der Zwischenzeit einige Sager wieder rausgestrichen, und er sagt (Ostrowski spricht in täuschend echtem Georg-Friedrich-Tonfall): Des is oba schod, weu des is lustig. Dann haben wir’s natürlich wieder reingenommen, weil er ein Feeling hat, was ihm gefällt, und ich nehme ihn damit sehr ernst.

MM: Also was jetzt, war’s harte Arbeit oder lustig?

Ostrowski: Ich finde nicht, dass es harte Arbeit war. Harte Arbeit ist das Rundherum, diese Scheißproduktionsmaschine, die funktionieren muss, aber Spielen ist immer ein freudvolles, lustiges Tun.

MM: Nun sagten Sie vorhin „Familie“, das Team ist über die Jahre ein Freundeskreis geworden. Sagt man sich da leichter oder schwerer was ins Gesicht?

Ostrowski: Leichter, finde ich, viel leichter. Ich habe nicht das Bedürfnis mit Menschen zu arbeiten, mit denen ich ein Spannungsverhältnis habe. Ich brauche keinen Psychoterror am Set oder auf einer Theaterbühne, damit ich was Gutes zusammenbringe. Ich hab’s lieber in einer Gemeinschaft und im Guten. Man muss halt lernen, wie man Kritiken formuliert. Das ist ein großer Punkt. Ich bin da auch sehr sensibel als Schauspieler, ich will auch nicht, dass mir jemand sagt, es war Scheiße, was ich gemacht habe. Das finde ich abwerten, das motiviert mich nicht, da bin ich blockiert fürs nächste Mal.

MM: Was sagen Sie dann? Da war schon sehr viel Schönes dabei?

Ostrowski: Ich bin kein Pädak-Regisseur, aber ich sag‘ einmal grundsätzlich, ja okay, weil oft weiß ich’s gar nicht besser. Ich würde mir gar nicht anmaßen zu sagen, ich weiß es besser. Der eine macht’s auf die Art, der andere auf eine andere, das muss man sich anschauen und ausprobieren. Als Schauspieler habe ich das Bedürfnis jeden Take zu variieren, weil es keinen Sinn macht, immer gleich zu spielen. Ich schaue, dass der Rhythmus stimmt und dass man die Pointen richtig setzt, und es freut mich auch an den Kollegen, wenn sie mir Varianz anbieten. Die kriege ich aber nur, wenn ich ihnen die Freiheit dafür gebe.

MM: Haben sich die Filmfiguren entwickelt? Oder sind sie Typen wie bei Volkstheater, wie beim Kasperltheater, die immer gleich bleiben sollen?

Ostrowski: In gewisser Weise sind sie Archetypen und sollen bleiben, was sie sind. Der Schorschi wird immer ein kleinkrimineller Gangster mit Hang zu Vandalismus und Selbstzerstörung sein. Aber trotzdem entwickeln sie sich, weil sich die Menschen, die sie darstellen, entwickeln. Man muss sich ja nur die Fotos aus den beiden früheren Filmen anschauen, da sieht man, wie wir uns alle verändert haben, älter geworden sind, aber im positiven Sinn. Das ist das Geheimnis der Schauspielerei, wie du dich wandelst, so wandelt sich deine Figur.

MM: Und die Figur von Raimund Wallisch war auserzählt?

Ostrowski: Der Raimund hat mir vor Jahren gesagt, er will nicht mehr dabei sein. Ich bemühe da eine Bandmetapher: Er ist ausgestiegen und hat sein Soloprojekt gestartet. Da kann man nicht diskutieren, das war seine Entscheidung und die ist zu respektieren. Im Endeffekt aber, wie bei vielem, wo man am Anfang denkt: Was mach‘ ich jetzt?, hat auch das eine positive Wende genommen. Weil Gerald Votava nicht nur als Schauspieler, sondern auch als Musiker dazugekommen ist, und ich weiß nicht, ob ich den Film so hätte machen können, wenn er nicht so ein exzellenter Gitarrist wäre.

MM: Womit wir bei der Musik sind: Die neuen Hotelbesitzer sind eine Rock’n’Roll-Band mit genau einem Song. Spielt ihr wirklich alle selber?

Ostrowski: Wirklich. Gerald die Gitarre, Pia den Bass, Schorsch das Schlagzeug. Georg Friedrich hat’s von Lukas König gelernt, und zwar so, dass er Rock, Punk und Reggae live gespielt hat. Ich habe früher einmal in einer Band Bass gespielt und gesungen, jetzt hab‘ ich mir den leichtesten Job ausgesucht, ich bin der Sänger.

MM: Und der Komponist. Denn das einzige Lied der Band, der Futschikato-Song, stammt aus Ihrer Feder. Da sind einige Vokabel drinnen, die waren sogar mir neu.

Ostrowski: Nämlich?

MM: Kann ich jetzt nicht sagen, vor allen Dingen später nicht schreiben, F**knecht zum Beispiel. Oder Nudelwalker in diesem Zusammenhang.

Ostrowski: Letzteres ist eh klar, ersteres ein Mann, der sich gern Frauen unterwirft. (Er singt leise): Genderbender, Riesenständer, Frauenbauer, Maunerhauer, hauma uns in die Mischmaschin, die MaunerWeibaMischmaschin … Ich habe diesen Text schon sehr früh geschrieben, ihn dem Michi Glawogger geschickt, und durch alle Drehbuchfassungen blieb er erstaunlicherweise immer drin. Hab‘ ich mir gedacht, so schlecht kann er nicht sein.

MM: Euer Humor ist sehr eigen. Sind Sie damit auch schon auf Ablehnung und Unverständnis gestoßen? Gab’s negative Reaktionen?

Ostrowski: Klar gibt’s Leute, die finden uns geschmacklos. Bei „Contact High“ war aber eher das Problem, dass Zuschauer es nicht gepackt haben, dass sich der Film aus seinem vordergründigen Realismus löst. Dass da Dinge passieren, die nicht realistisch, sondern auf einer anderen, einer surrealen Ebene erzählt werden. Da kannst nur sagen: Aha, okay. Glawo und ich haben Film immer als ein Medium gesehen, das sich fantasievoll über die Realität erhebt. Dass man dabei mit Sehgewohnheiten bricht, da muss man drüber stehen. Manche Leute konnten mit dem Drogenerfahrungsding aus „Contact High“ wenig anfangen, deshalb war der Film einerseits limitierter, andererseits haben wir eine unfassbare Fangemeinde, die ganze Passagen auswendig zitieren kann. „Hotel Rock’n’Roll“ ist ein anderes Thema, familienfreundlicher, weniger stoned. (Er lacht.)

Georg Friedrich. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Schorsch und seine Corvette landen im Teich: Georg Friedrich macht seine Stunts selber. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Georg Friedrich, Detelv Buck und Pia Hierzegger. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Schorsch mit Gipsfuß, von „Harry“ Detlev Buck liebevoll geschultert. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

MM: Dafür mit mehr Stunts! Autostunts und Rollstuhlstunts.

Ostrowski: Georg Friedrich hat sich nicht geschont, er lässt es sich ja nicht nehmen, alle Stunts selbst zu machen. Er ist eine Naturgewalt, eine schauspielerische Kraft, die für mich spitze ist. Wie er da aber aus dem Rollstuhl fällt, der Schorsch bricht sich nämlich das Bein, wenn Sie das meinen, das war nicht geplant. Wir haben einfach gefilmt, wie er damit herum fährt, er hat einen Wheelie gemacht und auf einmal hat’s ihn rausg’haut. Natürlich hält man da die Kamera drauf.

MM: Wenn man Ihnen so zuhört, hat man den Eindruck, Regie führen hat Sie schon angefixt. Möchten Sie weitermachen? Alles in Ihrer Hand haben?

Ostrowski: Es hat was, aber ich muss es nicht regelmäßig machen. Es hat mich an meine Grenzen geführt. Im Guten und im weniger Guten. Ich mein‘, es war alles easy, und ich mag‘ das schon sehr gern, aber alles mit Maß und Ziel. Sehr gern bin ich mit Alarich Lenz im Schneideraum gesessen, das ist zwar eine unbezahlte, aber eine sehr schöne Arbeit, das würde ich gern wieder machen, dieses Zusammenbasteln eines Films.

MM: Die Trilogie ist nun beendet. Wie geht’s mit der Neigungsgruppe weiter? Ihr könntet ja eine österreichische „Carry On“-Truppe werden?

Ostrowski: Ich weiß es ehrlich noch nicht. Ich muss erst einmal schauen, was aus diesem Film wird. Ich plane weniger als ich Dinge auf mich zukommen lasse und dann Bauchentscheidungen treffe. Ich schau‘, dass ich das machen kann, was mir am meisten Spaß macht, ich will mich nicht zwingen lassen, das ist mein einziges Ziel. Ich drehe gerade einen „Bibi und Tina“-Film, Detlev Buck führt Regie, und er stellte mich am Set vor mit den Worten: He’s a free man. Wahrscheinlich ist es das. Aber ich glaube nicht, dass die, wie haben Sie gesagt?, Neigungsgruppe nichts mehr miteinander zu tun haben wird.

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Wien, 19. 8. 2016