Off Theater/bernhard.ensemble: Der.Semmelweis.Reflex

März 10, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Mann, der das Händewaschen erfand

Kajetan Dick, Sophie Resch und Yvonne Brandstetter. Bild: © Barbara Pálffy

„Das Morden muss aufhören, und damit das Morden aufhöre, werde ich Wache halten, und ein jeder, der es wagen wird, gefährliche Irrtümer über das Kindbettfieber zu verbreiten, wird an mir einen rührigen Gegner finden.“ – Ignaz Semmelweis an Univ. Prof. Joseph Späth, offener Brief 1861

Hände waschen, Hände waschen, Hände waschen … dazu gibt es sogar Kinderlieder und Video-Tutorials.

Gilt doch Hygiene neben dem Impfschutz und der FFP2-Maske als wichtigste Maßnahme gegen Covid-19. Regisseur Ernst Kurt Weigel und das.bernhard.ensemble nähern sich diesem tagesaktuellen Thema via einer mehr als 170 Jahre alten Tatsache. Nämlich, dass der Gynäkologe Ignaz Semmelweis 1847 das Sterben von Frauen nach der Entbindung an Kindbettfieber auf die mangelnde Reinlichkeit der eben noch Leichen aufschneidenden Ärzte, Stichwort: Leichengift, zurückführte – und dagegen das Desinfizieren der Hände mit Chlorkalk empfahl.

Weshalb der „Nestbeschmutzer“ von der empörten Kollegenschaft angefeindet und das Wissen des ersten Aseptikers der Medizingeschichte, dieses Musterbeispiel evidenzbasierter Medizin, die seit Pandemiebeginn erneut und vermehrt diskutiert wird, ignoriert wurde. Was nun am Welttag der Frauen in der White.Box des Off Theater seine Uraufführung hatte, ist das Tanz.Schau.Spiel „Der.Semmelweis.Reflex“, eines von Weigels tragikomischen Reenactments, und apropos: Corona und Impfen sowie dessen Leugner und Gegner, Semmelweis-Reflex ist tatsächlich der Terminus technicus für die unmittelbare Ablehnung einer Information oder wissenschaftlichen Entdeckung ohne weitere Überlegung oder Überprüfung des Sachverhalts. Eine irrationale Realitätsverweigerung mit meistens fatalen Folgen.

Weigels Inszenierung ist weit mehr als ein historischer Abriss. Vielmehr transferiert er die Semmelweis-Story ohne viel Aufhebens in die durchseuchte Jetztzeit. Schon der Einstieg in den Abend ist vom Feinsten. Nachdem man im Foyer mit Schuhüberziehern ausgestattet ist, geleitet einen der unvergleichliche Kajetan Dick in die Prosektur des alten AKH, heißt: den Spielraum, in dem unter Leintüchern und mit Zettel am großen Zeh die Leichen liegen – eine grausliche Führung, bei der das Publikum nicht zum letzten Mal einbezogen werden wird, soll ein Zuschauer doch mit dem Messer hineinschneiden in einen der Körper „zäh wie ein Sonntagsschnitzel“.

Sophie Resch, Gerald Walsberger, Yvonne Brandstetter und Leonie Wahl. Bild: © Günter Macho

Sophie Resch als schmatzende Muschi-Muse Vagina. Bild: © Barbara Pálffy

Geburtshelfer Ignaz Semmelweis: Gerald Walsberger und Sophie Resch. Bild: © Barbara Pálffy

Alldieweil stehen in einem Totentanz die Verstorbenen auf, Gerald Walsberger als „Retter der Mütter“ Semmelweis und Yvonne Brandstetter, Sophie Resch sowie Choreografin Leonie Wahl als demnächst Gebärende und Wöchnerinnen. Weigel setzt seine Erzählung in den Kontext männlich geprägter Medizin, siehe Medikamenten- studien bis heute, gesellschaftlicher Minderstellung der Frau, wissenschaftlicher Konkurrenz. Zu Zirkusmusik (Live-Mix: Indietronic-Musiker und Komponist b.fleischmann) und in übergroßen, verkehrt angezogenen Sakkos wandeln sich die Mütter in absurde Ärzte, die oft onomatopoetisch ihre Theorie-Kämpfe austragen.

Und mitten drin in der AKH-Abteilung und mit dem Stöhnen und Schreien von Niederkommenden als Hintergrundsound Kajetan Dick als Professor Johann Klein, der befindet, die Frauen stürben aus Angst oder aus Scham für ihre unehelich gezeugten Kinder: „Wer hier Leben rettet oder nicht, entscheide ich.“ Dazu steigt er mit Semmelweis mitten in seine brachialen Methoden, den Geburtskanal in blutrotem Licht, wo die Performerinnen (wunderbar: Leonie Wahl als zum 23. Mal schwangere, ordinäre Gunstgewerblerin) sich in einer Mischung aus Aerial Yoga und Vertikaltuchakrobatik üben: Heulen und Zähneklappern, der Schmerz, der Verlust, die Trauer in expressiven Tanzsequenzen um, unter und auf den Seziertischen – und in der k.u.k. emaillierten Badewanne von Bühnen- und Kostümbildnerin Pia Stross, auf der Semmelweis seinen imaginären sterilen Siegeszug antritt.

Walsberger und Resch als Muse Vagina. Bild: © Barbara Pálffy

Walsberger und Yvonne Brandstetter. Bild: © Barbara Pálffy

Sophie Resch und Gerald Walsberger. Bild: © Barbara Pálffy

Dick, Walsberger und Leonie Wahl. Bild: © Barbara Pálffy

Zu b.fleischmanns wummernder Tonkunst gibt Gerald Walsberger den Ignaz Semmelweis als unflätigen, ungestümen, vor Ungeduld brennenden Ungarn, der sich mal feiert („Semmelweis, du geile Sau, du hast es drauf“), mal in Depressionen versinkt. Drei Entbindungen, drei Tote, die er als „Bauchrednerpuppen“ sich post mortem anklagen lässt – welch eine Szene. „Der.Semmelweis.Reflex“ ist eine Aufführung, nach der man nicht allzu bald einen Termin beim Gynäkologen haben möchte… Und als nächstes wiederum Kajetan Dick als Semmelweis‘ Freund und pathologischer Anatom Jakob Kolletschka, der bei einer Obduktion von einem Studenten mit dem Skalpell verletzt wird und an Blutvergiftung stirbt (großartig: Dicks Veitstanz mit Wunde und der Sepsis-Slapstick der Darstellerinnen) –  was Semmelweis erst auf die richtige Spur bringt.

Von Sophie Resch als feucht schmatzende Muschi-Muse Vagina beflirtet und besungen, von den Freunden Hebra, Škoda und Rokitansky punkto Marketingkonzept, Twitteraccount, Webseite und Insta beraten, von Kajetan Dicks aka Dr. Pfizers (!)  finanziellen Angeboten für sein Hygienepatent umzingelt, gerät Semmelweis mehr und mehr in Bedrängnis. Bei einer Sektion zieht er sich eine kleine Wunde zu, die auch bei ihm zu einer Blutvergiftung führt. Unter dubiosen Umständen und nach Expertise dreier Ärzte wird er von seiner Frau in die Landesirrenanstalt Döbling eingewiesen, wo Semmelweis zwei Wochen später verstirbt – für Gerald Walsberger, mit einem Seziertisch und einem „Bitte, helfen Sie mir!“ entlang der Publikumsreihen gekarrt, werden darob die Leintücher zur Zwangsjacke. Nach einer Exhumierung im Jahr 1963 stellt ein Gerichtsmediziner multiple Frakturen an Händen und Armen fest; es muss also davon ausgegangen werden, dass Semmelweis vom Pflegepersonal der Nervenheilanstalt nicht pfleglich behandelt wurde …

„Nur sehr Wenigen war es vergönnt, der Menschheit wirkliche, große und dauernde Dienste zu erweisen, und mit wenigen Ausnahmen hat die Welt ihre Wohltäter gekreuzigt und verbrannt. Ich hoffe deshalb, Sie werden in dem ehrenvollen Kampfe nicht ermüden, der Ihnen noch übrigbleibt. Ein baldiger Sieg kann Ihnen umso weniger fehlen, als viele Ihrer ursprünglichen Gegner sich de facto schon zu Ihrer Lehre bekennen.“ – Frauenarzt Louis Kugelmann an Ignaz Semmelweis, Brief ebenfalls 1861. Einer derjenigen, die vom Skeptiker zum Befürworter von Semmelweis‘ Infektionsbefunden wurden, war Joseph Späth.

Zu sehen bis 9. April.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=5hL3W2L8Ryk           www.off-theater.at            www.bernhard-ensemble.at

  1. 3. 2022

Das Off Theater im Live-Stream: This is what happened in the Telephone Booth

April 7, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Leonie Wahls TanzImOff-Eröffnung via Bildschirm

Die Telefonzell-Membran der verlorenen Seelen: Gerald Walsberger, Michael Welz und Kajetan Dick, im Telefonhäuschen Leonie Wahl und Hannah Timbrell. Bild: Günter Macho

Eigentlich sollte ab morgen im Off Theater das Festival TanzImOff stattfinden, aber aufgrund der Reiserestriktionen vieler internationaler Gäste ist es erst mal auf Dezember verschoben. Das Off Theater zeigt dafür die geplante Eröffnungsvorstellung „This Is What Happened In The Telephone Booth“ von Leonie Wahl und Ernst Kurt Weigel am 8. April um 20 Uhr als Live-Stream. Das Besondere diesmal: Wahl und Weigel beginnen mit einer etwa 15-minütigen Werkeinführung mit allen Beteiligten und starten im

Anschluss mit der Vorstellung – komplett live via der Homepage off-theater.at und der Social Media Channels. Einfach am 8. 4. kurz vor 20 Uhr reinklicken! Hier noch einmal die Rezension vom November 2019:

Den Wahn mit Witz wegtanzen

Die sphärischen Soundscapes von Asfast und die sich zur Crecendo-Klage steigernde Stimme von Tamara Stern schaffen eine stimmige Atmosphäre. Auftritt Leonie Wahl mit butterblumengelbem Haar. „Eines Tages verschwand meine Mutter in einer Telefonzelle um ihren Geliebten anzurufen. Als sie heraustrat, war sie ein komplett anderer Mensch geworden. Sie war völlig außer sich, nicht mehr zu beruhigen. Von da an blieb sie psychisch krank. Ich war zehn Jahre alt und konnte mir nicht erklären, was passiert sein mag. Deshalb begann ich zu tanzen“, sagt sie – und beginnt nun wirklich.

Als Tanz.Schau.Spiel bezeichnet die in Wien lebende Schweizer Choreografin und Tänzerin ihre aktuelle Arbeit „This is what happened in the Telephone Booth“, die Koproduktion von Leonie Wahls orgAnic reVolt und das.bernhard.ensemble an dessen Spielstätte, dem Off Theater, von Regisseur Ernst Kurt Weigel zur Uraufführung gebracht. Das gemeinsame Projekt ist für Wahl ein autobiografisches, die damit einen berührend privaten Einblick in den bisher tiefsten Einschnitt ihres Daseins gibt:

Choreografin und Tänzerin Leonie Wahl … Bild: Günter Macho

… will die Erkrankung ihrer Mutter … Bild: Barbara Pálffy

… für sich performativ verarbeiten. Bild: Barbara Pálffy

Es ist 1987 in der Toskana, und die Familie, Mutter, Schwester, Leonie, Teil einer Aussteigergemeinschaft. Dann die Zellenszene, Halluzinationen, Stimmenhören, Mutter sagt, sie könne „den Tod riechen“. Schock, Carabinieri, Krankenhaus, Diagnose Schizophrenie – und die kindliche Erkenntnis, dass ab nun nichts mehr sein wird, wie es war. Aus Trauma wurde Tanztheater, weil, so Wahl, das Wichtigste ohnedies nicht mit Worten zu erzählen sei. Weshalb sie sich nach der kurzen Einführung in ihre Geschichte gleich aufs Körperliche verlegt, ihr Eingang in die verworrenen Gedankengänge des Wahns von Weigel dabei keineswegs als Krankheitstragödie, sondern als komödiantische Groteske mit spooky Psychothriller-Elementen inszeniert.

Wahl zeigt das Implodieren einer Seele mit explodierender Körpersprache, aber auch umgekehrt, den psychischen Auf- als physischen Stillstand, wobei es ihr mit außerordentlicher Ausdruckskraft gelingt, sowohl Stakkato-Schritte als auch Stasis gleich einer Druckwelle über die Köpfe des Publikums brausen zu lassen. Einziges Requisit, das ihr Ausstatterin Devi Saha an die Hand gibt, ist eben jenes Telefonhäuschen, eine entsetzliche Geisteszelle, die Wände mit einer semitransparenten, pergamentfarbenen Membran ausgekleidet, eine unappetitlich vergilbte Haut, durch die sich Gesichter und Gliedmaßen des Ensembles drücken, eine zwar elastische Zellmembran, die dennoch weder Flucht erlaubt noch Freiheit duldet.

Verwickelt im Kabelsalat: Hannah Timbrell, Kajetan Dick, Gerald Walsberger, Leonie Wahl und Michael Welz. Bild: Günter Macho

Keiner kann rein, keiner kommt raus: Gerald Walsberger, Leonie Wahl, Michael Welz, Hannah Timbrell und Kajetan Dick. Bild: Günter Macho

Im psychedelischen Sinne als One in five bestreiten Tänzerin Hannah Timbrell und die Performer Kajetan Dick, Gerald Walsberger und Michael Welz mit Leonie Wahl den Abend, gespenstische Gestalten, die sich nach und nach aus den Membranwänden winden, Hirngespinste, die sich mal als Wahl’sche Alter Egos, mal als Mutters multiple Persönlichkeiten, vielleicht auch als Wiedergänger des abwesenden Vaters interpretieren lassen. Mit blutroter Telefonnabelschnur verbunden, von ihr wie ein

Hund gewürgt, wie an Marionettenfäden gegängelt, gefesselt oder liebevoll umschlungen oder als Springseil verwendet, führen die Männer diverse Telefonate mit Ehepartnern und Ärzten. „Ich habe das Grauen gesehen“, wiederholt Dick als ob paralysiert, obwohl man’s per hartnäckigem Dauerklingeln eher hört – dieses gleichsam ein Synonym für jene Forderung nach ständiger Erreichbarkeit, die heute tatsächlich krank macht. Dass dann einer auch noch „Du bist nicht allein“ sagt, ist in Anbetracht von Mutters Befinden die Art Irrsinnigkeit, mit der Wahl und Weigel die Darsteller den Wahnwitz der Situationen wegtanzen, wegspielen lassen.

Mit Wahl und Timbrell ist es Gerald Walsberger im blauweiß gemusterten Kittelschürzenkleid, der an die Grenze der totalen Verausgabung geht. Die Tanzpassagen werden mehr und mehr zur Zerreißprobe, die Seelenspasmen zu Körperkrämpfen, jeder Wahl’sche Move ist nun eine Kampfansage ans Erlittene. Und aus dem Orkus der Telephone Booth drängen die Verlorenen vergebens ans Licht, eine Optik, gemahnend an die Verdammten in Rodins Höllentor. „This is what happened in the Telephone Booth“ verzaubert mit einer wundersamen, bizarren Poesie, die sich sanft über eine brutale Geschichte stülpt. Sehenswert … Erstveröffentlichung: www.mottingers-meinung.at/?p=36197

Video: vimeo.com/434756174           www.youtube.com/watch?v=sZw6fV05om4&t=27s                     www.leoniewahl.com           bernhard-ensemble.at           off-theater.at

7. 4. 2021

Das Off Theater online: The.Heldenplatz.Thing.Movie

März 6, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Infiziert mit der österreichischen Virusvariante

Horch, wer kommt von draußen rein: Ernst Kurt Weigel, Isabella Jeschke und Tamara Stern als Forscherinnen- und Forscherteam in Franz-Josef-Land. Bild: © Barbara Pálffy

Wegen des großen Erfolges und weil kein Ende des Kultur-Lockdowns abzusehen ist, verlängert das.bernhard. ensemble den Gratis-Stream von „The.Heldenplatz. Thing.Movie“ via der Webseite www.off-theater.at bis Ende der Saison. Die Produktion, der im März 2020 gerade noch die Premiere gegönnt war, wurde von Philine Hofmann mit der Kamera festgehalten – heißt: nicht abgefilmt, sondern von der jungen Foto- und Videokünstlerin in ein eigenständiges Kunstwerk verwandelt, aufgenommen in der White Box des Off Theater.

„The.Heldenplatz.Thing.Movie“ ist ein weiteres Theater-Mash-up von Regisseur Ernst Kurt Weigel, inspiriert von Thomas Bernhards „Heldenplatz“ und John Carpenters Sci-Fi-Horror „The Thing – Das Ding aus einer anderen Welt“, Kult sowohl das einstige Skandalstück wie der Leinwandklassiker – und wie gut trifft sich’s, dass der Weigel den Kurt im Namen führt, war doch Kurt Russell der große Held in Carpenters Meisterwerk.

Was das.bernhard.ensemble zeigt, ist Polit-Satire de luxe, Thema ist naturgemäß das Virus, die Performance mit jeder Mutation um eine Mundschutzmaske weiterentwickelt, und das Setting wie folgt: Eine Gruppe Forscherinnen und Forscher unter der Leitung des verwegen-verschmitzten „Kört“ haben sich in die klirrende Kälte des Franz-Josef-Land zurückgezogen, um mitten im Nirgendwo die gute österreichische Mentalität zu erkunden und zu dokumentieren.

Die Message und deren Control wird immer wichtiger, sagt Weigel, und so ginge es nicht an, dass auf den Voyager Golden Records von 1977 ausgerechnet Kurt Waldheim seine Affäre ins All geschickt habe – und damit den ganzen Tross des Nationalsozialismus bis hin zum SA-Ross. Was sollen sich etwaige Aliens da denken? Ergo sammelt die ziemlich schräge Truppe neue Daten über heimische Befindlichkeiten: Kristina Bangert als Josephine, Kajetan Dick als Robert und Gerald Walsberger als Lukas.

Isabella Jeschke als Herta – ja, Auge! bei diesen Namen – betreut die wunderbare Chatgruppe „Todessehnsucht“, ist doch „der Österreicher von Natur aus unglücklich und wenn er einmal glücklich ist, versteckt er sein Glück in Verzweiflung“, und Tamara Stern als Frau Zittel den Schweigechat. Was das 90 Minuten beharrlich stille Polarmäuschen deutlich von des Professors Haushälterin trennt, Tamara Stern spielt sich mit viel komödiantischer Mimik in lichte Höhen, will ihr doch keiner zuhören, äh, zuschauen.

The Thing turnt behende übers Iglu-Gerüst: hier Rosa Braber, im Film Desi Bonato. Bild: © Barbara Pálffy

„Boris die Bestie“-Lookalike: Ernst Kurt Weigel als verwegener Teamleiter „Kört“. Bild: © Günter Macho

Die Tiefkühltruhe des Grauens als Frischhalteplatz …: Ernst Kurt Weigel. Bild: © Günter Macho

… für ewiggestrige Untote und zeithistorische Wiedergänger: Isabellla Jeschke. Bild: © Barbara Pálffy

Zugegeben, man muss als Publikum erst durch diese Teamaufstellung turnen, andererseits ist sie zu gelungen, um nicht genannt zu werden. In einer Tiefkühltruhe werden bei minus 70 Biontech-Grad die gewonnenen Erkenntnisse im Hightech-Gerät Cocktailshaker aufbewahrt – und schon steppt der Eisbär im arktischen Außenposten. À la Carpenter und zur hypnotischen Musik von b.fleischmann stürmt ein schwerbewaffneter Norweger die Station, vor der Flinte eine wehrlose Frau, eine Flüchtende, eine Jüdin, doch wer Carpenter kennt, kennt Formwandler – und worin wird sich der Heldenplatz-Anrainer verwandeln, außer in mittlerweile beinah neun Millionen Debile und Tobsüchtige? Genau!

Desi Bonato brilliert als The Thing, sie ist die „Wölfin“ im Schafspelz, im schwarzen Lederoutfit schlängelt sie sich lasziv wie die Verführung selbst und vollführt atemberaubende Akrobatiknummern auf dem Iglu-Gerüst von Julia Trybula. The Thing ist das Virus, und zwar die urösterreichische Variante. Bald ist jedes Crewmitglied mittels Handauflegen „das erste Opfer“, erste Symptome sind stark antisemitische, rassistische Verschwörungshaltungen, denn das Virus holt aus jedem das Schlechteste hervor. Am besten beeinflussbar ist die hyperhippelige Herta der Isabella Jeschke – und schon ist der Satz gesprochen: „Wenn ich eine Nazisau bin, bist du eine Judensau.“

Infiziert ist gleich neo/nazifiziert. Das durch und durch verderbte Land, diese geist- und kulturlose Kloake, hüllt von Neuem ganz Europa mit ihrem Gestank ein. Auf skurrile folgen sinistre folgen spooky folgen Suspense-Situationen, wobei Weigel nie aus dem Blick verliert, dass Thomas Bernhard wie John Carpenter Großmeister des subversiven Augenzwinkerns sind. Philine Hofmann fängt Gesichter in Großaufnahmen und die klaustrophobische Atmosphäre ein, mit wackeliger Handkamera bebildert sie Chaos und Tumult.

Weil das.bernhard.ensemble immer auch Körpertheater ist, wird zu Stevie Wonders „Superstition“ ein Zombietanz aufgeführt. Und was die ewiggestrigen Untoten und die zeithistorischen Wiedergänger betrifft, ist es nur gut, dass es die große Tiefkühltruhe als Frischhalteplatz gibt. Es wird hinausgeströmt in die unbelebte Stadt, zur Ulrichskirche, Genussgruppenleiterin Bangert zum Sluka, und – da fröstelt’s den Kulturmenschen – in die leere Josefstadt. Alle, alle sind sie wieder auf dem Heldenplatz. Und Walsberger, aufgefunden als der letzte lebende Sozialdemokrat, sagt, die Sozialisten seien schuld, dass es wieder nationale Sozialisten gibt.

Die großartige Tamara Stern spielt sich mit komödiantischer Mimik in den Mittelpunkt der Produktion. Bild: © Günter Macho

„The.Heldenplatz.Thing.Movie“ ist eine fulminante Farce, die durch den Zeitungeist galoppiert, ohne auf ihm herumzureiten. Dass in der österreichischen Innenpolitik Waldheims Pferd nicht das einzige trojanische ist, macht Ernst Kurt Weigel im Subtext, sein Ensemble im Subspiel dieser Horrorgroteske fest.

Und wie die großartig agierenden Darstellerinnen und Darsteller um den Cocktailshaker streiten, wie der österreichische Gemütsmensch da zum Gewalttäter wird – plastischer kann man den um sich greifenden Impfdosenneid und die Geimpften-Missgunst, den aufkeimenden Impfdosennationalismus, die Mieselsucht allüberall kaum ausstellen. Man möchte nicht täglich philosophieren, wie das weitergeht.

Am Ende: Anschluss completed. Das politische Hass-Virus hat die klimatische Kälte zur gesellschaftlichen mutiert. Die Tests weisen eine hochinfektiöse minderheiten- und demokratiefeindliche Geisteshaltung nach. In Franz-Josef-Land hat’s die Forscherinnen und Forscher, die Suchenden nach dem Schönen in der österreichischen Seele dahingerafft. Einzig Frau Zittel sitzt noch da. Das Schweigen überlebt – dieses die authentische „österreichische Lösung“: Alles gesehen, alles gewusst, nichts gesagt und nichts getan.

Trailer: vimeo.com/432422601           Full Movie: www.off-theater.at           www.bernhard-ensemble.at           www.philinehofmann.com

TIPP: Heute um 20 Uhr gibt es einen Realtime-Livestream der Produktion „This is what happened in the Telephone Booth“ von das.bernhard.ensemble und orgAnic reVolt auf Facebook. Kamerafrau auch hier Philine Hofmann. Rezension der Live-Performance 2019: www.mottingers-meinung.at/?p=36197, Trailer: vimeo.com/434756174.

Link zur Live-Veranstaltung: www.facebook.com/das.off.theater/live

www.off-theater.at           www.bernhard-ensemble.at

  1. 3. 2021

Ein Ärzteroman-Lesemarathon aus den Homeoffices

April 16, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTINGER

Kabarettisten fordern „Noch eine Chance für Bettina“

Bild: © Ronny Tekal

Nach der virtuellen Lesung von Albert Camus‘ „Die Pest“ mit den Rabenhof-Allstars (siehe: www.mottingers-meinung.at/?p=39026) folgt nun ein weiterer Klassiker der Weltliteratur – der im Jahr 1970 im Bastei-Lübbe-Verlag erschienen ist. Für all jene, denen Camus zu schwer und die Pest zu schwarz ist, stellt Autorin Gitta von Bergen ihre Protagonistin Bettina ins Zentrum ihres kleinen Romans voll Liebe, Schmerz und – vielleicht– auch einem Happy End. Ronny Tekal und Norbert Peter aka die Medizinkabarettisten Peter&Tekal haben befreundete Kolleginnen und Kollegen zum Vortrag gebeten, und das Line-up der Mitwirkenden kann sich sehen lassen.

Mit dabei sind: Lukas Resetarits, Mike Supancic, Paul Pizzera, Klaus Eckel, Stefan Jürgens, Joesi Prokopetz, Ludwig Müller, Nadja Maleh, Fifi Pissecker, Angelika Niedetzky, Pepi Hopf, Günther Lainer, Werner Brix, Fredi Jirkal, Gerold Rudle, Monica Weinzettl, Sabine Petzl, Tini Kainrath, Omar Sarsam, Dieter Chmelar, Birgit und Nicole Radeschnig, Gerald Fleischhacker, Robert Blöchl von Blözinger, die Gebrüder Moped Martin Strecha und Franz Stanzl, Kernölamazone Caro Athanasiadis, Tricky Niki

Sedlak, Markus Hauptmann, Andy Woerz, Harry Lucas, Clinic-Clown-Gründer Roman Szeliga, Robert Mohor, Markus Richter, Uschi Nocchieri, Patricia Simpson, Norbert Peter, Ronny Tekal und Frau Kratochwill, Lydia Prenner-Kasper, Christoph Fälbl, Anja Kaller, Alex Kröll, Martin Kosch, Stefan Haider, Alexander Sedivy, Barbara Balldini und Guido Tartarotti.

Bild: © Ronny Tekal

Bild: © Ronny Tekal

Zu hören kostenlos ab 17. April, 17 Uhr. Dass sich ein gewisser Humor aus der Schere zwischen vortragender Ernsthaftigkeit und Inhalt ergibt, liegt in der Natur der Sache Groschenroman. Die Einblicke, die ein erster Trailer bietet, sind jedenfalls Weltklasse.

Trailer: youtu.be/6_Wo7STW8bg          Mehr Infos: www.facebook.com/petertekal               www.medizinkabarett.at

16. 4. 2020

netzzeit 2019 Out of Control: This is what happened in the Telephone Booth

November 17, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Den Wahn mit Witz wegtanzen

Die Telefonzell-Membran der verlorenen Seelen: Gerald Walsberger, Michael Welz und Kajetan Dick, im Telefonhäuschen Leonie Wahl und Hannah Timbrell. Bild: Günter Macho

Die sphärischen Soundscapes von Asfast und die sich zur Crecendo-Klage steigernde Stimme von Tamara Stern schaffen eine stimmige Atmosphäre. Auftritt Leonie Wahl mit butterblumengelbem Haar. „Eines Tages verschwand meine Mutter in einer Telefonzelle um ihren Geliebten anzurufen. Als sie heraustrat, war sie ein komplett anderer Mensch geworden. Sie war völlig außer sich, nicht mehr zu beruhigen. Von da an blieb sie psychisch krank. Ich war zehn Jahre alt und konnte mir nicht erklären, was passiert

sein mag. Deshalb begann ich zu tanzen“, sagt sie – und beginnt nun wirklich. Als Tanz.Schau.Spiel bezeichnet die in Wien lebende Schweizer Choreografin und Tänzerin ihre aktuelle Arbeit „This is what happened in the Telephone Booth“, die Koproduktion vom netzzeit-Festival 2019 Out of Control mit Leonie Wahls orgAnic reVolt und das.bernhard.ensemble an dessen Spielstätte, dem Off Theater, von Regisseur Ernst Kurt Weigel zur Uraufführung gebracht. Das gemeinsame Projekt ist für Wahl ein autobiografisches, die damit einen berührend privaten Einblick in den bisher tiefsten Einschnitt ihres Daseins gibt:

Choreografin und Tänzerin Leonie Wahl … Bild: Günter Macho

… will die Erkrankung ihrer Mutter … Bild: Barbara Pálffy

… für sich performativ verarbeiten. Bild: Barbara Pálffy

Es ist 1987 in der Toskana, und die Familie, Mutter, Schwester, Leonie, Teil einer Aussteigergemeinschaft. Dann die Zellenszene, Halluzinationen, Stimmenhören, Mutter sagt, sie könne „den Tod riechen“. Schock, Carabinieri, Krankenhaus, Diagnose Schizophrenie – und die kindliche Erkenntnis, dass ab nun nichts mehr sein wird, wie es war. Aus Trauma wurde Tanztheater, weil, so Wahl, das Wichtigste ohnedies nicht mit Worten zu erzählen sei. Weshalb sie sich nach der kurzen Einführung in ihre Geschichte gleich aufs Körperliche verlegt, ihr Eingang in die verworrenen Gedankengänge des Wahns von Weigel dabei keineswegs als Krankheitstragödie, sondern als komödiantische Groteske mit spooky Psychothriller-Elementen inszeniert.

Wahl zeigt das Implodieren einer Seele mit explodierender Körpersprache, aber auch umgekehrt, den psychischen Auf- als physischen Stillstand, wobei es ihr mit außerordentlicher Ausdruckskraft gelingt, sowohl Stakkato-Schritte als auch Stasis gleich einer Druckwelle über die Köpfe des Publikums brausen zu lassen. Einziges Requisit, das ihr Ausstatterin Devi Saha an die Hand gibt, ist eben jenes Telefonhäuschen, eine entsetzliche Geisteszelle, die Wände mit einer semitransparenten, pergamentfarbenen Membran ausgekleidet, eine unappetitlich vergilbte Haut, durch die sich Gesichter und Gliedmaßen des Ensembles drücken, eine zwar elastische Zellmembran, die dennoch weder Flucht erlaubt noch Freiheit duldet.

Verwickelt im Kabelsalat: Hannah Timbrell, Kajetan Dick, Gerald Walsberger, Leonie Wahl und Michael Welz. Bild: Günter Macho

Keiner kann rein, keiner kommt raus: Gerald Walsberger, Leonie Wahl, Michael Welz, Hannah Timbrell und Kajetan Dick. Bild: Günter Macho

Im psychedelischen Sinne als One in five bestreiten Tänzerin Hannah Timbrell und die Performer Kajetan Dick, Gerald Walsberger und Michael Welz mit Leonie Wahl den Abend, gespenstische Gestalten, die sich nach und nach aus den Membranwänden winden, Hirngespinste, die sich mal als Wahl’sche Alter Egos, mal als Mutters multiple Persönlichkeiten, vielleicht auch als Wiedergänger des abwesenden Vaters interpretieren lassen. Mit blutroter Telefonnabelschnur verbunden, von ihr wie ein

Hund gewürgt, wie an Marionettenfäden gegängelt, gefesselt oder liebevoll umschlungen oder als Springseil verwendet, führen die Männer diverse Telefonate mit Ehepartnern und Ärzten. „Ich habe das Grauen gesehen“, wiederholt Dick als ob paralysiert, obwohl man’s per hartnäckigem Dauerklingeln eher hört – dieses gleichsam ein Synonym für jene Forderung nach ständiger Erreichbarkeit, die heute tatsächlich krank macht. Dass dann einer auch noch „Du bist nicht allein“ sagt, ist in Anbetracht von Mutters Befinden die Art Irrsinnigkeit, mit der Wahl und Weigel die Darsteller den Wahnwitz der Situationen wegtanzen, wegspielen lassen.

Mit Wahl und Timbrell ist es Gerald Walsberger im blauweiß gemusterten Kittelschürzenkleid, der an die Grenze der totalen Verausgabung geht. Die Tanzpassagen werden mehr und mehr zur Zerreißprobe, die Seelenspasmen zu Körperkrämpfen, jeder Wahl’sche Move ist nun eine Kampfansage ans Erlittene. Und aus dem Orkus der Telephone Booth drängen die Verlorenen vergebens ans Licht, eine Optik, gemahnend an die Verdammten in Rodins Höllentor. „This is what happened in the Telephone Booth“ verzaubert mit einer wundersamen, bizarren Poesie, die sich sanft über eine brutale Geschichte stülpt. Sehenswert – und zwar noch genau sechs Mal.

Video: www.youtube.com/watch?v=sZw6fV05om4&t=27s                     www.leoniewahl.com           www.netzzeit.at           bernhard-ensemble.at           off-theater.at

17. 11. 2019