Theater in der Josefstadt: Wie man Hasen jagt

September 22, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein vergnüglicher Abend über aberwitziges Fremdgehen

Léontine und Moricet beim Versuch eines Schäferstündchens: Pauline Knof und Martin Niedermair. Bild: Erich Reismann

Ein triebgesteuertes Chaos ist es, das Regisseur Folke Braband Donnerstagabend auf die Bühne der Josefstadt stellte. Der Erfolgsgarant an den Kammerspielen inszenierte erstmals am großen Haus, und das Ergebnis ist ganz großartig. Gegeben wird Georges Feydeaus Farce „Wie man Hasen jagt“, und Braband erfreut mit seiner inspirierten, präzisen Regie, die für Feydeaus so exakt komponierte Vaudeville-Stücke unerlässlich ist. Tempo und Timing stimmen, die Pointen sitzen punktgenau.

Und wie schön ist es erst, dass Braband mit leichter, aber treffsicherer Hand einen Abend zum feingeistigen Schmunzeln und nicht zum Schenkelklopfen gestaltet hat. Unterstützt in seinen Ideen wird der Regisseur von den hellwachen Josefstadt-Schauspielern, die die hohe Kunst der Komödie aus dem Effeff beherrschen. Allen voran Pauline Knof, Martin Niedermair und Roman Schmelzer.

In seinem Lust-Spiel zerpflückt Feydeau die Unsitten und die Scheinmoral einer besseren Gesellschaft. Gutbürgerlich-zufrieden könnte man sein, doch ach!, all diese saturierten Wohlstandsmenschen sind in ihrem Innersten einsame, seelisch erfrierende Wesen, voller Sehnen nach mehr.

Bei Feydeau sind alle immer auf der Suche nach dem kleinen Glück, am besten vermittels des kleinen Tod. Und so kommt es, dass Monsieur Duchotel vorgibt, regelmäßig aufs Land zu fahren, um zu jagen – angeblich mit seinem Freund Cassagne, während er in Wahrheit in Paris Madame Cassagne als einzigen Hasen weit und breit erlegt. Der Schwindel fliegt natürlich auf, und Duchotels Ehefrau Léontine beschließt sich per Seitensprung mit Hausfreund Moricet zu rächen.

Der stellt der Dame schon lange nach, und soll nun endlich zum Schuss kommen. Wie’s sein muss, treffen einander alle im selben Zimmer in der selben Absteige, inklusive eines Polizeikommissars, der im Auftrag von Cassagne dessen Frau als Ehebrecherin entlarven soll. Verwirrend nur, dass es deren mehrere gibt. Zum Durcheinander tragen bei: ein entlarvender Brief in der Tasche einer Hose, die ungünstiger Weise den Träger wechselt, fertige Fleischpasteten, wo es geschossenes Wild geben müsste, und Duchotels Neffe Gontran, der mit seinem Onkel eine Menge gemein hat, Stichwort: Geliebte …

Wenn in der Hosentasche ein entlarvender Brief steckt, …: Roman Schmelzer als Duchotel mit Martin Niedermair. Bild: Erich Reismann

… muss man mitunter sogar zur Waffe greifen: Roman Schmelzer und Pauline Knof. Bild: Erich Reismann

Braband und sein Ensemble haben sichtlich Spaß an der Figurenüberzeichnung, jeder Charakter ist hier eine Type, vom Irrwitz der tumultösen Handlung umzingelt und ergo am Rande des Nervenzusammenbruchs. Je mehr der Abend Fahrt aufnimmt, umso mehr bröckelt die mühsam errichtete Lügenfassade. Die Not ihrer Figuren wird von den Darstellern dabei bitterernst genommen, dies das erste Komödien-Gebot, denn nur so kann Komik entstehen. Man ergeht sich in Versprechen und Versprechern, Hinters-Licht-Führungen und scheut auch vor Quer-übers-Bett-Stunts und Slapstick nicht zurück.

Mit Augenzwinkern ins Publikum und ab und an A-part-Sprechen will man dieses für sich als Komplizen gewinnen. Alles ist hier eindeutig zweideutig. Und für zusätzlich anrüchige Anspielungen sorgen Situationen beim Patronenstopfen und Flinteputzen, und fast so, als hätte der große Louis de Funès für diese Produktion Pate gestanden, erprobt man sich in dessen berühmten Dialog „Nein!“-„Doch!“-„Oh!. Gelungen auch das Bühnenbild von Stephan Dietrich, der als Kontrast zum steril-weißen, Vernunft verströmenden Wohnzimmer der Duchotels auf das sinnliche Bordellrot des Pariser Liebesnests setzt.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht die wunderbare Pauline Knof als Léontine. Die hat in ihrer Anstrengung Gleiches mit Gleichem zu vergelten anfangs noch Skrupel, bis die Hüllen endlich fallen. Léontine gelten zweifellos Feydeaus Sympathien, sie ist intelligenter, schneller, entschiedener im Kopf, als die Männer, daher kann sie sie leicht gängeln. Knof stellt das fabelhaft dar. Den betrogenen Betrüger Duchotel gibt Roman Schmelzer als – zumindest anfangs noch – in sich ruhenden Herrn im Haus, als wendigen Seitenspringer, der überzeugt ist, sein Frauchen mit seinem Jägerlatein dumm zu halten. Als sich das Blatt wendet, bleibt ihm nicht mehr als um Gnade zu winseln.

Martin Niedermair gibt den Moricet, dieser ist Arzt und Poet – und damit eine der wenigen Feydeau-Schöpfungen, die einen veritablen Beruf hat, lebt man doch sonst beim französischen Dramatiker eher vom nicht näher definierten Vermögen. Niedermairs Moricet ist ein sympathischer Sehnsüchtler, ein fast naiver Schwerenöter, mutmaßlich mehr verliebt in die Vorstellung einer romantischen Liebe, als in Léontine. Dass der wunderbare Komödiant in heruntergelassenen Hosen beste Figur macht, versteht sich.

Die Gräfin Latour empfängt ihre Gäste, …: Elfriede Schüsseleder mit Pauline Knof und Martin Niedermair. Bild: Erich Reismann

… Polizeikommissar Bridois verhört sie: Alexander Strobele mit Pauline Knof, Martin Niedermair und Jörg Reifmesser und Manuel Waitz als Polizisten. Bild: Erich Reismann

Neben diesem flotten Dreier begeistern: Tobias Reinthaller als Duchotels Neffe Gontran, ein Frechdachs, ein Schlitzohr und Schnorrer, dem die familiären Herzensirrungen und -wirrungen zu einem kleinen Vermögen verhelfen, bezahlt ihn doch jeder ausgiebig für sein Stillschweigen. Holger Schober, als Cassagne ein breiten Wiener Dialekt sprechender Simpel, der den Duchotel’schen Verwicklungen geistig nicht zu folgen vermag, und immer das Falsche zum falschesten Zeitpunkt sagt. Elfriede Schüsseleder als Gräfin Latour, nunmehr Hausmeisterin im Etablissement in Paris, wo sie beschwipst nach dem Rechten sieht.

Schüsseleder gestaltet die Rolle als kleines Glanzstück, ist sie es doch mit der Feydeau „ermahnt“ und aufzeigt, was aus den Untreuen wird (die Gräfin war weiland mit einem Dompteur vom Zirkus durchgebrannt). Alexander Strobele schließlich geht als strenger Polizeikommissar Bridois auf die Pirsch, ist aber ein Ehrenmann, der auch im Bemühen, den Durchblick zu behalten, durchaus über dieses und jenes hinwegsieht. Am Ende ist nicht alles gut, aber auf dem besten Wege dorthin. Geläutert ist freilich niemand, nur gefinkelter geworden im Erfinden von Alibis. Das Publikum dankte für die köstliche Unterhaltung mit großem Applaus.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=6y8RIVwutL4

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  1. 9. 2017

Dominic Oley im Gespräch

November 10, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Komödie ist eine ernsthafte Sportart“

Dominic Oley als "Der Gockel", mit Michael Dangl, Susanna Wiegand, Pauline Knof, Roman Schmelzer, Siegfried Walther, Alexandra Krismer, Martin Zauner und Silvia Meisterle. Bild: Jan Frankl

Dominic Oley als „Der Gockel“, mit Michael Dangl, Susanna Wiegand, Pauline Knof, Roman Schmelzer, Siegfried Walther, Alexandra Krismer, Martin Zauner und Silvia Meisterle. Bild: Jan Frankl

Er ist Autor, Regisseur, Schauspieler, und als solcher ab 19. November als Feydeaus Schwerenöter Pontagnac in dessen Farce „Der Gockel“ zu sehen; über den Inhalt der turbulenten Komödie erzählt er gleich selbst. Josef E. Köpplinger führt Regie. Dominic Oley im Gespräch:

MM: Feydeaus Farce „Der Gockel“ ist der Inbegriff von KlippKlapp. Was reizt Sie daran?

Dominic Oley: Die Verknüpfung von Sprache und Tempo, die komödiantische Situation und Feydeaus exakte Figurenzeichnung. Ich bin der Sprache sehr zugeneigt, und auch der beschleunigten Sprache, da kommen also Dinge zusammen, die ich mag. Feydeau versteht sich großartig auf komödiantische Mechanik und die Jelinek tat das ihre dazu, den Text scharf und knapp zu übersetzen. Das macht große Freude. „Der Gockel“ hat einen Humor, der weniger authentisch ist, als die Sache mit einem Augenzwinkern versieht. Diese Komödie ist eine ernsthafte Sportart.

MM: Was etwas ist, dass Ihnen entgegen kommt. Ihre eigenen Texte sind ähnlich.

Oley: Genau, die ähneln dieser Temperatur und dieser Verrücktheit, der Assoziation, dass man eine psychologische Situation hat, die in irgendeiner Weise vor dem Zuschauer gerechtfertigt ist, aber, dass die Sprache selber auch auf sich aufmerksam macht und für sich selber steht. Das ist das Tollste, wenn man von sich absehen kann, weil daneben etwas anderes etwas ganz anderes macht. Der Zuschauer hat dann sozusagen die dritte Sicht darauf, einen dritten Blickwinkel, um die Irrtümer zu erkennen, die man als Spieler gerade nicht erkennt. Ich bin außerdem ein großer Freund von Humor, weil ich glaube, dass er unsere letzte Rettung ist.

MM: Welcher Art von Humor?

Oley: Kein zynischer, ein spartenübergreifender. Oft hat man im Leben damit zu tun, dass einen ein Zustand der lethargischen Reflexion überkommt, ein gewisser mühsamer Müßiggang, dann ist es immer schön, wenn man von sich selber absieht und versucht, lustige assoziative Querverweise zu schaffen, mit der Sprache spazieren zu gehen. Heißt: Wenn ich mich mit der Sprache als Subjekt ausdrücke, dass ich mich im gleichen Atemzug völlig lächerlich machen kann. Das ist eine schöne und auch befreiende Art von Erkenntnis.

MM: Apropos, Sport: Die Handlung vom „Gockel“ ist kurz kaum erklärbar, darum spiele ich den Ball an Sie weiter.

Oley: Wir befinden uns in einer bürgerlichen Gesellschaft, die in den 1960er-Jahren angesiedelt ist, weil diese Zeit das letzte Äquivalent einer bürgerlichen Ordnung ist, die mit der Zeit Feydeaus korrespondiert. Wir befinden uns also vor der sexuellen Revolution, wo man unter verborgener Hand sein sexuelles Begehren bedienen musste, wo es eine Moralvorstellung gibt, gegen die es Spaß macht, sich aufzulehnen: das katholizistische Gebot der Enthaltsamkeit, das Sakrament der Ehe. Es gibt drei Paare, die sich gegenseitig betrügen, und am Ende in die bürgerliche Mechanik zurückfallen. Denn eigentlich ist keiner seinem Begehren bis zum endgültigen Betrug nachgegangen. Es wird immer damit gehandelt, dass es so weit kommen wird, aber es ist viel Lärm um nichts. Bis auf eine Figur, meine, die nicht in den Schoß der bürgerlichen Wärme zurückfindet.

MM: Alle wollen, keiner kann.

Oley: Keiner kommt dazu. Das wird schön deutlich im zweiten Akt, wo sich im Hotel alle um das Bett, das Symbol für Sex schlechthin, rotten, ohne, dass etwas passiert. Es ist ein ständiger Interruptus, dauernd wird man von irgendeiner Figur unterbrochen, die aus irgendeinem Schrank auftaucht. Die Probleme verwickeln sich mehr und mehr, werden immer größer statt kleiner, und wo man sich anfangs noch rausreden hätte können, steht man bald vor einem unlösbaren Konstrukt. Nur meine Figur kann das noch, sich rausreden, aber es wird dann auch ihm nicht mehr gewährt.

MM: Wie ist Ihr Pontagnac? Feydeau-Figuren sind scherenschnittartig. Wie füllt man sie mit Menschlichkeit?

Oley: Indem man einen erfindet, der maßlos seiner Begehrenstechnologie unterliegt, weil er offenbar eine Profilneurose hat. Er ist möglicherweise kein guter Monogamist, für die Ehe sind ihm der Sprit und der Einfallsreichtum ausgegangen. Daher verstrickt er sich lieber in Liaisons, er ist ein Begehrens-Süchtiger, ein Ge-Triebener, der am Ende dafür die Rechnung bekommt.

MM: Ein Jäger und Sammler.

Oley: Ein charmanter, obwohl es mehr heiße Luft ist. Die Jelinek schafft es in einer Form, alle zu Jägern und Sammlern zu machen, auch die Frauen, was aus älteren Übersetzungen so nicht rauszulesen ist. Hier beteiligen sich alle an diesem Spiel, ein Begehren zu haben, es vor der Moral zu verleugnen, dann das Verbot zu übertreten, um schließlich den Schwanz einzuziehen oder durch einen äußeren Zustand gerettet zu werden.

MM: Regie führt Josef E. Köpplinger, der Ihnen am Klagenfurter Stadttheater Ihr erstes Engagement in Österreich gab, weil Regisseurin Stephanie Mohr Sie für ihre „Räuber“-Inszenierung als Spiegelberg vorschlug, für Ihre Arbeit an der Josefstadt waren Sie schon Nestroypreis-nominiert. Waren diese glücklichen Kombinationen mit ein Grund, die Rolle zu übernehmen?

Oley: Ja, ich bin sehr beschenkt und sehr erfreut, dass diese Anfrage kam. Josef ist ein praktischer, positiver Regisseur, was der Komödie sehr zu gute kommt. Da habe ich nicht lange gezögert. Wir gehen sehr vom Arrangement aus, Josef hat eine wohl überlegte „Partitur“ für die Körper geschaffen, das ist eine ernsthafte, anstrengende und schöne Arbeit, diese mit Fleisch und Herzblut zu befüllen. In der Josefstadt nimmt’s für mich gerade eine schöne Kurve, weil „Der Gockel“ wieder eine andere Art Aufgabe ist, als ich in „Der Boxer“ (nächste Vorstellung: 11. November, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=13581, Anm.) habe, oder in „Speed“ oder im „Fall Jägerstätter“ – alles drei ebenfalls Inszenierungen von Stephanie Mohr, die mich ans Haus mitnahm – schon hatte. Hier passiert eine ganz andere Figur in einem anderem Kontext. Ich bin ja auch in der „Off“- und „On“-Szene unterwegs, das eine befruchtet das andere in einer schönen Form. Ich hinterfrage lieber nicht, warum das so ist, damit das System sich ungefragt aufrecht erhält. Ich lebe in luxuriösen Arbeitsverhältnissen – lieber nicht dran rühren! Die darstellende Kunst ist eine Gemeinschaftsarbeit, da verbinden sich Menschen zu einem Miteinander, und je mehr man das zulässt, umso erbaulicher wird es.

MM: Sie sind auch allein miteinander. Wie geht der Autor Oley mit dem Regisseur Oley um, und, weil Sie sich ja auch selbst inszenieren, wie der Schauspieler Oley, wenn er auf einen anderen Regisseur trifft?

Oley (er lacht): Ich bin sozusagen ein selbstinszenierender Selbstinszenierer. Der Autor in mir ist verschwiegen, der sagt immer: Ja, macht doch so, das ist doch ganz klar! Er versteckt seine Motive vor dem Regisseur, was dem wiederum Schwierigkeiten bereitet, den Schauspielern in einer logischen Weise zu sagen, was sie tun sollen. Die Schauspieler sagen zu mir oft: Du erklärst uns den Oley die ganze Zeit mit dem Oley. Das ist ein lustiger Widerstand, der manchmal entsteht. Der Oley-Autor liefert, glaube ich, Gebrauchsmaterial ab …

MM: Da gehört er aber zu den menschlich großen Dramatikern, wenn er sich weder laut einmischt, noch still leidet.

Oley: … vielleicht der größte Mensch in mir. Er ist aber auch fein raus, er sitzt im stillen Kämmerlein, wenn die anderen vor den Vorhang treten. Man kann sich ja auch irren, als Autor, als Regisseur, als Schauspieler, es kann immer sein, dass einer von denen falsch liegt – und für das Publikum muss offen bleiben, wer. Das ist meine Spielmünze, meine Währung. So habe ich das auch gelernt, wenn ich mit anderen Regisseuren arbeite: Dass einerseits der Schauspieler nicht immer recht hat, andererseits der Regisseur von unten oft mehr sieht, als der Mensch oben. Beim Schauspieler ist das eigene Befinden immer das wichtigste, er argumentiert im schlimmsten Fall immer aus den Tiefen seiner Befindlichkeit heraus, und das wird unerträglich. Da muss man lernen auf eine andere Meinung zu vertrauen und dem Regisseur das Feld zu überlassen, also will sagen: Seit ich selber den Schritt nach unten getan habe, habe ich viel an Vertrauen und Verständnis für die Position des Regisseurs gewonnen. Eine Verständniserkenntnis, genau.

MM: Wenn Sie Stoffe suchen, was suchen Sie da?

Oley: Ich habe kein Suchformat. Am ehesten lässt sich sagen, ich suche das Komische, den Humor im Tragischen, den Witz im Pathetischen …

MM: Wie Ihre Stücke „Kissing Mr. Christo“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=7839), „King Liar“ oder „Plotting Psycho“ belegen.

Oley: Ich will im Drama den Kontrapunkt finden, die Leichtigkeit im Schwerwiegenden. Wenn etwas nur eine Farbe hat, dann wird es schwierig mit dem Erkennen. Ich suche Dialektik. Man muss als ernsthafter Anwalt auch das Drama der Komödienfigur ernst nehmen. Denn das Publikum lacht ja über eine Situation, die für die Figur in diesem Moment gar nicht lustig ist. Ich liebe diese einschließende materialistische Vereinbarung, dass ein Zuschauer da ist, als ein Mitspieler, der die Verantwortung trägt, Bewerter und Vervollkommner zu sein, der Schiedsrichter im Spiel zu sein. Der Zuschauer ist unser entscheidenster Mitarbeiter.

MM: Was suchen Sie gerade?

Oley: Im Sinne von: was kommt? Langsam bin ich wieder bereit, etwas zu schreiben, und könnte mir auch vorstellen zu inszenieren, gerne auch Dreharbeiten zu beginnen? Aber ich bin gerade in konditioneller Aufmerksamkeit, die „Gockel“-Proben füllen mich sehr aus.

MM: Kommt das von konditioniert?

Oley: Von konditioniert und Kondition – irgendwas dazwischen. Neben den Proben bin ich den griechischen Sagen zugewandt und finde sie ein sehr erfreuliches Referenzmaterial. Diese verdammten Griechen sind verdammt humorvoll. Und sehr assoziativ. Da ist alles drin, was man braucht, Sex, göttliche Gewalt, Drogen und viel Erfindungsreichtum. Da wird es vielleicht eine Art Vereinbarung geben: Die griechische Mythologie in 90 Minuten, so etwas in der Art.

MM: Sie sind auch Musiker, nur in Wien waren Sie’s noch nicht. Ein Grund dafür?

Oley: Es hat sich noch nicht ergeben. Aber ich würde durchaus gerne Musiktheater machen. In Essen hatte ich am Theater eine zehnköpfige Band, eine Mini-Big-Band, da konnte ich die Mitspieler mit Freundschaft knechten, weil ich nichts bezahlen konnte …

MM: Das heißt: Sie suchen in Wien Knechte.

Oley: Ich will mir musikalische Freunde ranlocken! Das nötige Handgeld fehlt mir nämlich immer noch. Oder wir kriegen auf Geburtstagsfesten etc. gute Gagen.

MM: Ihr Vorbild diesbezüglich ist Frank Sinatra?

Oley: Der Gipfel der Souveränität. Man könnte sagen, er ist ein gestriger alter Herr, aber ich finde ihn großartig, die musikalische Literatur seiner Zeit, die Dekadenz. Es mag manchmal etwas machistisch daher kommen, aber es ist so schön authentisch-unauthentisch. Es ist nicht diese komische Aufforderung, alles von innen nach außen zu stülpen, die heute vorherrscht, die ich als authentisch bezeichnen würde. Wo sich jedermann permanent bis auf die DNA entäußert, mit Selfies und Postings und was weiß ich. Wir werden dauernd aufgefordert unsere innersten Bedürfnisse zu verkaufen, und durch diesen Identitätsverlust keinen Rückhalt mehr zu haben. Wir sind in dieser Verkaufsflächenzeit alle nervös, weil superoptimiert. Eine nervtötende Angewohnheit der Postmoderne. Sinatra, oder diese Art von musikalischem Interpretieren, steht beruhigend und gut und elegant gekleidet daneben als Inbegriff zurückhaltender Eleganz. Er erzählt seine Geschichte, ohne, dass er sich wie ein Verrückter auf den Boden schmeißt. Er kann eine elegante Verbindung zu seinem Herzen herstellen.

MM: Ist  Ihr Pontagnac ein wenig Sinatra?

Oley: Er rutscht in einer großen Spur auf der Souveränität aus. Die Anfangspose ist kurz mal Sinatra, aber dann hat ihm jemand Seife hingekippt und ab geht’s.

MM: Klingt, als wäre Ihre Rolle auch mit Stuntaufgaben verbunden.

Oley: Es wird mir innerhalb von sehr kurzer Zeit sehr heiß in diesem Stück. Es wird sehr rasant werden.

MM: Was wünschen Sie dem Publikum?

Oley: Eine unterhaltsame und schadenfrohe Zeit. Viele erheiternde Momente. Und, dass sie auch ein bisschen Mitleid haben mit den getriebenen Seelen da oben.

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Wien, 10. 11. 2015

Volkstheater: Floh im Ohr

Dezember 20, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Feydeau fabelhaft gespielt

Till Firit, Susa Meyer, Alexander Lhotzky, Erwin Ebenbauer, Patrick O. Beck Bild: © Lalo Jodlbauer

Till Firit, Susa Meyer, Alexander Lhotzky, Erwin Ebenbauer, Patrick O. Beck
Bild: © Lalo Jodlbauer

Es ist nicht einfach. Es ist nicht so, dass Georges Feydeau ein „Selbstläufer“ ist. Man hat oft genug Inszenierungen von Stücken des Meisters der Tür-auf-Tür-zu-Verwechslungssatire versemmelt. Meist, weil zu langsam gespielt. Am Volkstheater hatte nun „Floh im Ohr“ Premiere. Eine wunderbare Arbeit von Regisseur Stephan Müller, in der sich kein Blatt vor der Mund nehmenden, zotigen Übersetzung von Elfriede Jelinek. Das Bühnenbild (Siegfried E. Mayer, Kostüme: Carla Caminati), wie es sich gehört: Türen und Treppen und noch mehr Türen. Die Schauspieler: trainiert wie für Olympische Spiele, heißt: temporeich, temperamentvoll, auf die Tube drückend. Motto des Abends: Lachen bis der Arzt kommt! Und das tat das Publikum denn auch.

Der Inhalt: gar nicht so leicht zu erklären. Madame Raymonde Chandebise hält ihren Gatten für einen Seitenspringer. Nachdem der Herr Versicherungschef seine ehelichen Aktivitäten schlagartig eingestellt hat (in Wahrheit ein Potenzproblem), hegt sie diesen Verdacht. Also will sie ihn in flagranti erwischen, lässt ihm einen Liebesbrief und eine Einladung zum Tête-à-Tête im rotlichtigen Hotel zur zärtlichen Miezekatze zukommen, geschrieben allerdings von ihrer Freundin Lucienne Homenides de Histangua, damit der Ehemann die Handschrift nicht erkennt. Der hat aber gar keine Lust auf ein Abenteuer und schickt seinen Angestellten Tournel zur ungekannten Dame. Mit dem hat Raymonde schon einmal geliebäugelt. Der Hausfreund wartet nur auf ein entsprechendes Signal von ihr. Chandebise, vom parfümierten Billet durchaus geschmeichelt, zeigt es seinem Kunden Carlos Homenides de Histangua. Und der erkennt es natürlich als von seiner Frau verfasst. So wird ein Mechanismus in Gang gesetzt, der rasch außer Kontrolle gerät. Denn alle landen „inkognito“ im Etablissement: Raymonde und Tournel, das frivole Kammerkätzchen Antoinette, das ein Verhältnis mit Chandebise Cousin Camille hat, deren eifersüchtiger Ehemann und Butler Etienne und der mordlustige Spanier. Ja, sogar der Familienarzt hat hier eine Verabredung mit einer Domina. Noch dazu gibt es im Bordell den betrunkenen Hausknecht Poche, der Monsieur Chandebise wie aus dem Gesicht geschnitten ist …

Müller stellt schwungvoll ein skurril-schrilles Sammelsurium auf die augenschmerzbunte Bühne. Gutbürgerliche im Puff. Für das Haus wieder einmal eine perfekt genutzte Gelegenheit, eine gelungene Ensembleleistung zu präsentieren. Till Firit brilliert in der wohl hurtigsten Parade-Doppelrolle der Schauspielgeschichte. Als Direktor ein ehrenwerter Bürohengst, steif leider nur noch im Kreuz, dem der Arzt wohlwollend ein „Wollen ist Können“ mit auf den Weg gibt. Ein Spießer mit perfekten Manieren, der so lange nicht aus seiner Haut kann, bis ein Wutanfall zum Befreiungsschlag und zur Heilung des Unterleibs wird. Als Poche bauernschlau, auf den eigenen Vorteil bedacht, zerstrubbelt und hinkend, das genaue Gegenteil. Wie oft und schnell Firit zwischen Dienstbotenlivree und elegantem Sakko hin- und her wechselt, allein das ist Hochleistungssport. Der zweite Held des Abends: Matthias Mamedof als sprachbehinderter Camille, e eine ooaen ae a (der keine Konsonanten sagen kann), bei dem aber sonst alles senkrecht ist, weshalb er lebensfroh tänzelnd – überhaupt werden die Körper wahlweise von lateinamerikanischen Rhythmen oder Technobeat durchgeschüttelt – der Liebesnacht mit Antoinette entgegensieht. Camille ist ein schlimmer Finger – und das gibt Mamedof mit viel Gespür für die richtige Mimik zu verstehen. Dazu diesen Text zu lernen – Chapeau! Hier haben sich zwei, die was können, für weitere Aufgaben empfohlen.

Susa Meyer als Raymonde und Martina Stilp als Lucienne, zwei rachsüchtig-rothaarige, überkandidelte Weiber, sind zum Schreien komisch. Nicht nur die zu Anfang wie festgetackerten Frisuren werden sich im Sturm der Ereignisse in die Selbstauflösung flüchten. Patrick O. Beck gefällt als freches Schlurferl Tournel, der Herrscher unter den Goschnreißern, der dann doch nur die Hose voll hat. Ronald Kuste legt als heißblütiger Pis­to­le­ro ein Kabinettstück hin, ebenso wie Erwin Ebenbauer, der als Camouflage für Razzien im Liebestempel samt Bett auf die Bühne gedreht werden kann, als alter Mann, der über sein Rheuma jammert. Tempelpriester also Bordellbesitzer Augustin ist Alexander Lhotzky, der strenger als seine Gäste über die Sitten wacht. Szenen wie die zwischen der witzig-spritzigen „Antoinette“ Andrea Bröderbauer und ihrem rasenden „Etienne“ Jan Sabo kann er gar nicht brauchen. Da ist ihm und seiner Liebsten/Mitarbeiterin Fanny Krausz „Dr. Finache“ Roman Schmelzer, der ruhig, sobald angeleint, lieber. Leider kommt es lauter, als Augustin denkt.

Müller hat pointiert inszeniert, seine Darsteller auf den Punkt genau choreografiert. Etwa in einer Arschtrittszene: Augustin tritt gegen Posch/Chandebise, dessen ausgestrecktes Bein Tournel trifft und so weiter … Oder: Raymonde und Lucienne versuchen die Situation zu erklären, mit den auf die Sekunde exakt gleichen Handbewegungen. Trotz allen Klamauks verliert Müller nicht aus dem Auge, dem Publikum Feydeaus Häme über eine schizophren anmutende bürgerliche Doppelmoral „unterzuschieben“. Hier agieren Lügner, Intriganten, Ränkeschmiede, die alle doch nur auf der Suche nach der Wahrheit, was immer die für sie sein mag, sind. Stephan Müller hat die Königin der Vaudeville-Komödien wieder auf den ihr zustehenden Thron gehoben. Louis de Funès hätte seine Freude an diesem Spiel. Kompliment!

www.mottingers-meinung.at/till-firit-im-gespraech/

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Wien, 20. 12. 2014

Till Firit im Gespräch

Dezember 12, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Volkstheater spielt „Floh im Ohr“

Till Firit, Susa Meyer Bild: © Lalo Jodlbauer

Till Firit, Susa Meyer
Bild: © Lalo Jodlbauer

Am Volkstheater hat am 19. Dezember Georges Feydeaus „Floh im Ohr“ Premiere. Inhalt: Verwechslungen. Anonyme Briefe. Ein eifersüchtiger Spanier. Ein Mann mit Sprachfehler. Überraschungseffekte beim Rendezvous. Hosenträger. Ohrfeigen ohne Zahl. Sprünge in der Ehe. Seitensprünge aus der Ehe. Überpotenz und Impotenz: Elementarteilchen einer schwindelerregenden Farce, deren Plot sich unmöglich in einem einigermaßen klaren Bericht zusammenfassen lässt. Die ganze Welt ist ein Bordell, und alle Frauen und Männer Huren und Freier – könnte man jedoch, ganz frei nach Shakespeare, als Motto über dieses Stück setzen. „Die Figuren meiner Stücke stelle ich mir bildlich vor – und zwar nicht nur ihr Aussehen, sondern ihren Ausdruck, wenn sie die Szene betreten und die Türe öffnen …“: Feydeau setzt in seinem 1907 uraufgeführten Feuerwerk der Pointenmechanik seine Figuren wie Marionetten in Bewegung, zugespitzt durch Elfriede Jelineks sprachlich brilliante Übersetzung. Das Personal: Kleinbürger, die sich nach dem großen erotischen Abenteuer sehnen. Die, während sie mit dem Kopf bereits im Plüsch ersticken, mit den Beinen noch munter zappeln. Wie von einem Wirbelsturm werden sie erfasst, in die Luft geschleudert – über sich selbst hinaus, über ihre beengte Welt, und schließlich hinweggefegt. Hauptdarsteller Till Firit im Gespräch:

MM:“Floh im Ohr“ von Georges Feydeau ist eine Sternstunde des Vaudeville. Regisseur Stephan Müller hat sich und seinen Schauspielern zurecht den Anspruch gesetzt, mehr daraus zu machen, als eine Tür-auf-Tür-zu-Komödie. Wie bereiten Sie sich vor?

Till Firit: Grundsätzlich ist der Unterschied in der Vorbereitung nicht so groß, ob ich eine Tragödie oder etwas Skurriles wie „Die Vögel“ spiele. Mein Prozedere ist ziemlich gleich. Ich versuche mich in die Figur einzufühlen und lerne den Text an. Ich gehe nicht mit fertig vorbereitetem Text auf die Probe, zum einen aus Faulheit, zum anderen, weil ich keine festgelegten Bilder haben will. Dann versuche ich, mich vom Bühnengeschehen bestmöglich mitnehmen zu lassen. Weil ja jeder Regisseur seine eigenen Idee hat; keiner will ja vom Blatt runtergespielt haben. Wie Müller, der keine Klipp-Klapp-Komödie will, der seine Intellektualität über das Ganze legt. Noch zieht er täglich woanders eine Schraube an, was Auswirkungen auf unser aller Spiel hat.

MM: Die Schauspieler müssen in so einem Stück sehr temporeich, sehr pointiert, sehr am Punkt, zur rechten Zeit an der rechten Stelle sein. Die für den Betroffenen natürlich die unrichtige ist …

Firit: Daraus entsteht die Komik. Temporeich und sehr genau zu sein, ist jetzt die Aufgabe. Wir proben vier Stunden an einer Szene die 15 Sekunden dauert. Das ist kein Witz.

MM: Das zentrale Thema von „Floh im Ohr“ ist In-der-Klemme-Stecken. Und zwar in der Regel Ihre Figur Victor-Emmanuel Chandebise. Wie legen Sie ihn an?

Firit: Es ist ja eine Doppelrolle Chandebise wird ständig mit dem Hausdiener Poche verwechselt. Wir haben zwei Szenerien. Chandebise, der Direktor in einer Versicherungsgesellschaft ist – und der andere arbeitet in einem Puff. Einem zwielichtigen Hotel. In diese beiden Welten muss man sich reinfinden, anfangs hatte ich holzschnittartige Vorstellungen, dass der Direktor ein behäbiger Herr mit Zigarre ist und Poche auch langsam, aber ein bisschen doof. Der Regisseur hat mich auf ganz andere Sache gebracht. Jetzt sind die beiden Figuren im besten Falle heutig, aber sicher keine Klischees. Ich habe die Freiheit zwei Komödienfiguren nebeneinander zu stellen, die der Zuschauer so auch auf der Straße treffen könnte.

MM: „Heutig“? Muss man den „Floh im Ohr“ nicht retro machen?

Firit: Es gibt andere Stücke, da würde ich sofort sagen, das muss man retro machen. Das hier funktioniert ziemlich gut in einem seltsamen Nicht-Definiert-Sein. Wir sind weder heute noch Vaudeville. Das Bühnenbild ist irrsinnig schrill, grelle Farben. Im ersten Bild nur Türen nebeneinander. Das fühlt sich alles richtig an.

MM: Novalis hat über den „Witz der Verzweiflung“ geschrieben. Das ist es für Chandebise, oder?

Firit: Ja, das ist die Essenz dieses Genres, das einer was macht, was eine Reihe von Missverständnissen nach sich zieht, was Katastrophen auslöst. Das Scheitern und die Verzweiflung der Figur ist ja das, was einen lachen macht. Jede einzelne Figur hat hier ein Dilemma, durch das sie durch muss. Das kann man in diesem Stück besonders gut nachvollziehen.

MM: Motto: Schadenfreude ist die größte Freude?

Firit: Natürlich! Man denkt sich: der stolpert, der stolpert … ja, hurra, er ist gestolpert!

MM: Sie kennen Stephan Müller von „Clavigo“ und „Anna Karenina“. Wie probt es sich mit ihm?

Firit: Intensiv und nah am Stück. Es viel geistige Arbeit: Wer kommt gerade von wo her und was ist dessen Informationsstand? Das muss sich in eine Leichtigkeit auflösen, das muss ins Laufen kommen. Ich bin gespannt, ob Müllers „Metaebene“, sein Versuch, eben keine Klipp-Klapp-Komödie zu inszenieren, beim Publikum ankommt. So etwas kann auch in die Hose gehen. Wir lachen sehr viel, aber das kann natürlich ein Humor sein, der nicht jedermanns ist. Nein, nein, ich klopfe auf Holz, das funktioniert auf alle Fälle.

MM: Sehen Sie von Feydeau eine „Message“ an die Kleinbürger?

Firit: „Die Moral von der Geschicht’“ gibt es nicht. Aber die Dialoge zwischen beispielsweise Sekretärin und Chef sind „echt“, in solche Konstellationen schlittert jeder mal rein und kann sich wieder erkennen.

MM: In den „Vögeln“ haben Sie akrobatische Höchstleistungen erbracht …

Firit: … ich habe alles gegeben. Und jetzt ist es wieder turbulent. Alle Kollegen sind sich einig: Bei dieser Inszenierung werden wir Kalorien verlieren. Wir  haben ein Bühnenbild, das viele Stiegen hat. Es geht ständig treppauf – treppab, man hat schnelle Umzüge, man muss in Windeseile von Position A auf Position B landen. Also, anstrengend wird’s. Action gibt es ausreichend. Diese Slapstick-Sachen muss man üben, üben, üben, und wenn sie dann funktionieren, ist es herrlich.

MM: Wie sind Ihre Pläne für die Zukunft?

Firit: Ich werde reich und berühmt. Nein, ehrlich: Ich brauche nach neun Jahren Volkstheater neue Impulse. Ich werde in Wien bleiben, werde Richtung Film und Fernsehen gehen, weil die Anfragen der letzten Jahre immer an den Theaterterminen scheiterten. Ich bin mir aber darüber bewusst, dass diesen Plan etliche Kollegen hegen. Natürlich habe ich ein mulmiges Gefühl im Bauch. Aber ich darf mich mit dem guten Gefühl tragen, dass ich eine gute Agentur habe, dass ich schon Sachen gemacht habe, dass ich mit dem Mono-Verlag immer zu tun habe. Ich werde auch weiterhin Vollzeit arbeiten.

MM: Apropos, Mono-Verlag …

Firit: Wir machen Hörbücher. Angefangen haben wir vor sieben Jahren. Ganz klein. Mittlerweile haben wir uns vergrößert, haben ein wunderschönes Studio, und bringen dreißig Titel im Jahr heraus: Belletristik, Sachbücher, Kinderbücher, Krimis. Mit tollen Lesern von Michael Dangl bis Ulrike Beimpold.

MM: Werden Sie auch wieder mehr lesen?

Firit: Na klar, jetzt gibt es neu als Hörbuch „Ich freu’ mich so aufs Christkind“, 12 neue Weihnachtsgeschichten von österreichischen Autorinnen und Autoren, die Eva Mayer vom Theater in der Josefstadt und ich erzählen. Ein Titel, den ich wahrscheinlich machen werde, ist Stefan Zweigs „Magellan“, ein Riesending.

www.volkstheater.at

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Wien, 12. 12. 2014

Burgtheater: Die Krönung Richards III.

März 15, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Schon die zweite Vorstellung wurde abgesagt

Martin Wuttke Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Martin Wuttke
Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Freitag, 16.45 Uhr, wogten die Zuschauermassen durchs Foyer des Burgtheaters wie Wellen bei schwerem Seegang. Erst hieß es, die Vorstellung finde nicht statt. Also hin zur Kassa, Karten hergeben, Geld entgegennehmen. Dann hörte man, nein, die Vorstellung werde doch gespielt. Also Geld retour, Karten retour. Schließlich ließ Frank Castorf die zweite Vorstellung von „Die Krönung Richards III.“ absagen. Zwei Damen des Ensembles seien stimmlos. Oliver Masucci verlässt das Haus über den Bühneneingang,lässig, mit Sonnenbrille. Ein deutsches enttäuschtes Paar: „Bei uns schließen sie die Theater, die Burg sperrt sich von innen zu.“ Der mittlerweile auch schon entnervte Mann an der Kassa: „Wenn jetzt alle ihr Geld wollen, habe ich zu wenig Bares da.“ Nanu? Bares ging doch sonst am Haus in 100.000er-Summen über den Tisch.

Tags zuvor hatte manch Premieren-Printschreiber von Massenfluchten des Publikums berichtet. Nun wären die wahren Castorfianer da gewesen, um sich an der jüngsten Dekonstruktion des Grumpy Old Man des deutschen Diskurstheaters sechs Stunden lang zu laben. Der viel gemühte Sager vom Stückezertrümmerer ist nämlich ein blöder. Auch für „Heiterkeiten“ zum Thema Hinternwundsitzen besteht kein Anlass. Castorf macht größer, führt Gedanken der von ihm bearbeiteten Autoren fort und aus. Diesmal um Texte von Antonin Artaud – was könnte besser zu Hans Henny Jahnn passen, als dessen Theater der Grausamkeit -, Georges Batailles surrealistisch-dekadente-erotische Prosa  und, weil Bataille stark von ihm beeinflusst war und Castorf ohne ihn sowieso nicht kann: Karl Marx. Ans Ende stellte der Theatermacher Heiner Müllers „Der Auftrag“. Dessen, Martin Wuttkes als Richard III., vorletzter, viel belachter, von „Qualitätszeitungen“ als aktuell improvisiert interpretierter Satz „Unsere Firma steht nicht mehr im Handelsregister. Ich entlasse uns aus unserem Auftrag“, steht 1:1 so bei Heiner Müller. Lernen Sie Kultur, Herr Redakteur. Martin Wuttke, die treue Seele, war’s dann auch, die sich freitags anbot, auf der Bühne Material aus dem und ums Stück zu lesen.

Hans Henny Jahnn war ein Unbequemer, einer der großen produktiven Außenseitern des Zwanzigsten Jahrhunderts. Im Ersten Weltkrieg Kriegsdienstverweigerer, von den Nazis verfemt, man solle seine Stücke und Romane verbrennen, statt aufführen, meinte und tat das Dritte Reich, später einer der ersten öffentlichen Gegner der Atombombe. Und Tierversuchsgegner. Begründer der Künstlergruppe Ugrino. Orgelbauer und Pazifist, obwohl oder wohl weil er nicht an das Gute im Menschen glaubte. Er kämpfte in den frühen fünfziger Jahren gegen die Wiederbewaffnung Deutschlands, gegen die Zerstörung der Umwelt und auch gegen die friedliche Nutzung der Kernenergie, weil er die Lagerung des atomaren Mülls schon damals für unverantwortlich hielt. Den Menschen hat er einmal als „Schöpfungsfehler“ bezeichnet, der zentrale Gedanke seines Werks ist eine antichristliche Schöpfungsmythologie. In seinen Aufsätzen, Reden und in seinen Romanen beobachtet er mit wachsendem Entsetzen das Ausmaß an Grausamkeit und Destruktivität, dessen der Mensch fähig ist. „Der Mensch ist Körper zuerst, und dann vielleicht Geist“, sagt er einmal. „Der Trieb, die Gier, die Aggression sind unmittelbar“. Gott ist bei Jahnn nicht tot, er hat aufgegeben.

In diesem Sinne erklären sich alle Arten von Sadismus und Perversion, die „Die Krönung Richards III.“ ausmachen. Im Gegensatz zu Shakespeare stirbt der Antiheld am Ende nicht. Er muss leben. Weiterleben. Weil es Gewalt und Grausamkeit auch tun. In Ewigkeit, Amen. An der Burg spielen hoffentlich bald wieder: Martin Wuttke als Richard III., Ignaz Kirchner, Fabian Krüger, Jasna Fritzi Bauer, Oliver Masucci als Herzog Buckingham, Marcus Kiepe, Hermann Scheidleder, Dirk Nocker, Sophie Rois als Königswitwe Elisabeth, Markus Meyer, Marc Hosemann und Moussa Baba, Azamat Chabkhanov, Jovita Domingos-Dendo, Robin Furlic, Simon Jung, Anasiudu Kenechukwu, Tobias Margiol, Bernhard Mendel, Adam Nakaev, Marie-Christiane Nishimwe, Christoph Prochart und Philipp Schwab. Bühne und Kostüme: Bert Neumann.

Die nächste Vorstellung wäre am 20. März.

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Wien, 15. 3. 2014