Kammeroper: Faust

Oktober 12, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Klappmaul-Mephisto als strahlender Opernstar

Erste Annäherung ans „schöne Fräulein“: Quentin Desgeorges als Faust, Jenna Siladie als Marguerite und Dumitru Mădărășan als Méphistophélès. Bild: Herwig Prammer

Kalte Schauer beim Drame lyrique. An der Kammeroper hat Nikolaus Habjan Charles Gounods „Faust“ inszeniert, und da in Rezensionen der Arbeiten des preisgekrönten Regisseurs so gern formuliert wird, er ließe die Puppen tanzen, voilà: In der finalen Walpurgisnacht bittet Habjan vier greise Säuglingsfigürchen zum bizarren Ballett auf dem Hochseil, hässliche Homunkuli als sozusagen Vorahnungen des Kommenden, und ihr Erscheinen einer der optischen Höhepunkte dieses fantastisch opulenten Opernabends.

Der einen alles überstrahlenden Star hat, in Form des menschengroßen Klappmaul-Méphistophélès, in Szene gesetzt von Puppenspielerin Manuela Linshalm und Bassist Dumitru Mădăraşăn, der dem Fürsten der Finsternis dank jener seltenen „Schwärze“ im Timbre eine elegante, subtile Gefährlichkeit verleiht. Mit jedem kurzen Kopfschütteln, dass ob der Torheit von Gottes Kreaturen stets zwischen Sarkasmus und Fassungslosigkeit changiert, beweist diese Puppe, und man darf das so sagen, denn Habjans Kreationen sind Subjekt, nie Objekt, ein so enormes schauspielerisches Können, wie man sich’s von manchem Fleisch-und-Blut-Teufel erhoffte.

Dieser rotgewandete Dämon mit verschlagen glitzernden Feueraugen, verächtlich verzogenem Mund und gräulichen Krallenhänden ist der Spielmacher, einer, der auch fürs Komödiantische sorgt, wie sich nicht zuletzt auf der Kirmes erweist, wo er das Volk zur „Ronde du veau d’or“ wie Marionetten tanzen lässt. Dieses dargestellt vom aus Mariana Garci Crespo, Ena Topcibasic, Anne Alt, Barbara Egger, Vladimir Cabak, George Kounoupias, Alexander Aigner und Klemen Adamlje bestehenden Vokalensemble, das mit seiner erstklassigen stimmlichen Leistung und einer überbordenden Spiellust eine der Erfreulichkeiten dieser Aufführung ist.

Gleichbleibend brillant ist es, ob der Achter-Chor nun die aus der Schlacht heimkehrenden Soldaten gegenläufig zur Musik nicht als Sieger, sondern als Kriegsversehrte markiert, oder später im Dom droht Marguerite in Stück zu reißen. Mit dem Chor wurde auch die Orchesterbesetzung verkleinert, Leonard Eröds stimmungsvolle Fassung wird vom Wiener KammerOrchester unter der Leitung von Giancarlo Rizzi aufs Feinste umgesetzt. Das Bühnenbild von Jakob Brossmann und Denise Henschl wechselt von Marguerite unschuldsweißer Stube über wie in Blut getränkte Kirchenrundbögen zur düsteren Kerkerzelle.

Vom Glanz verblendet, legt Marguerite den Schmuck des Méphistophélès an: Jenna Siladie und Puppenspielerin Manuela Linshalm. Bild: Herwig Prammer

Auf der Kirmes: Benjamin Chamandy als Wagner, Kristján Jóhannesson als Valentin und Klemen Adamlje und Alexander Aigner vom Vokalensemble. Bild: Herwig Prammer

Die Frömmler vergreifen sich an Marguerite: das Vokalensemble gehört zu den Erfreulichkeiten der Aufführung. Bild: Herwig Prammer

Méphistophélès zerstört Marguerites letzte Hoffnung auf Gottes Gnade: Jenna Siladie, Dumitru Mădărășan und Manuela Linshalm; hinten: das Vokalensemble. Bild: Herwig Prammer

Und, apropos Blut: Die blutjungen Solistinnen und Solisten sind allesamt ausgezeichnet. Dass Quentin Desgeorges über einen kraftvollen, metallischen Tenor mit Gestaltungsvermögen für lyrische wie dramatische Momente verfügt, hat er am Haus bereits demonstriert, als Faust ist er zwischen Puppensex (den es tatsächlich gibt!), Schuld und Sühne, auch darstellerisch sehr präsent. Man weiß schier nicht, denn ähnlich sehen sich die beiden jedenfalls, ob der etwa einen Meter große Klappmaul- oder der Menschen-Faust verzweifelter dreinschauen. Dies Doppeln ist Habjans Art von Humor. Den übrigen Figuren hat er übrigens ebenfalls Kleinformat verordnet, einzig Marthe Schwertlein ist nur ein Schädel, ein unsympathisches Gesicht mit geil hervorquellenden Glubschaugen, ein Kopf, als wäre er gerade von der Guillotine gefallen.

Auch Marguerite wird auf dem Weg zum Schafott nur noch ein totenblasses Antlitz sein. Jenna Siladie ist für die Marguerite verantwortlich, und vermittelt mit ihrem weich fließenden Sopran von jungfräulicher Keuschheit übers glutvolle Es-endlich-erleben-Wollen bis zur reuigen Sünderin, die mit Stärke und Abscheu den Satan zurückweist, ganz großartig ein Gros an Gefühlen. Marguerite-Siladie trägt ihr Marguerite-Klappmaul in zweifachem Sinn wie eine Puppe, achtlos, ja sie fast über den Boden schleifend, als sie Siébels Blumen mit einem Pfft! wegwirft, kaum, dass sie das beelzebub’sche Schmuckkästchen entdeckt, dann wieder wird sie deren leidendem Zug um Augenbrauen und Mund gerecht, und drückt ihre Rollenpartnerin sanft ans Herz.

Es ist immer wieder erstaunlich, zu welcher Intensität Habjans von Produktion zu Produktion neu Auszubildende im Zusammenspiel mit der Puppe finden, als käme zur handwerklichen Virtuosität unversehens eine Seelenverwandtschaft, sobald Person und Pappmaché ins Zweigespräch treten. Hochpoetische, hochemotionale, hochdramatische Szenen kann Habjan so entstehen lassen: Von zärtlichen Küssen bis zu stürmischer Leidenschaft, von einem Umtänzeln bis zu dem Punkt, da die Puppe der Puppe unter den Rock greift. Wenn Puppen-Faust und -Marguerite sich an der Schaukel unterm Baum schon liebkosen, während ihre menschlichen Pendants mit dem Einander-in-die-Arme-Fallen noch ringen. Wenn die Degen von Puppen-Faust und -Valentin in Wahrheit von luziferischen Lakaien-Menschen geführt werden.

„Gerichtet!“ – „Gerettet!“ Dumitru Mădărășan als Méphistophélès, Jenna Siladie als Marguerite, Kristján Jóhannesson als Valentin und Quentin Desgeorges als Faust. Bild: Herwig Prammer

Schließlich die superbe Sequenz im Dom, wo Klappmaul-Méphistophélès Mădăraşăn-Priester erst von sich besessen macht, bevor er ihm seine Wünsche zu Puppen-Marguerites Vernichtung ins Ohr haucht, wobei deren anschließendes Ans-Leuchtkreuz-Schlagen im Publikum ein hörbares Atemgeräusch verursachte. Spaßig hingegen, wie Méphistophélès dann das Orchester zur Eile antreibt, damit’s schnell ein Ende nimmt mit der Kirchenmusik.

Mit Witz stattet auch Juliette Mars ihre Marthe Schwertlein aus. Den Puppenkopf vors eigene Gesicht haltend, jagt die Liebestolle den Teufel auf Teufel komm raus, bis dem sonst so schlitzohrigen Scheusal die Luft ausgeht. Ghazal Kazemi befördert die oftmalige Wurzen Siébel mit seufzend schmachtenden Jünglingstönen zum mutigen Kämpfer für das Gute. Benjamin Chamandy stimmt als Wagner ein fröhliches Trinklied an – und ist ansonsten ein kollegialer Mitbeweger von diversen Puppenteilen. Ein Souverän bei den Männern ist Kristján Jóhannesson als edel-starker Valentin, besonders stimmgewaltig bei der Verfluchung Marguerites, doch mit lang gehaltenen Legatobögen bereits beeindruckend beim Gebet „Avant de quitter ces lieux“ vor seinem Aufbruch in den Krieg.

Jóhannessons Valentin ist auch die Mitwirkung an der Kerker-Szene gegönnt, in der er der Schwester als stummer Mahner zur Seite steht. Zum schönen Schluss fällt hinter dieser ein goldener „Eisener“. Besser kann man ein höllisches „Ist gerichtet!“ versus des himmlischen „Nein, gerettet!“ kaum andeuten. Das Zuschauerergebnis: Auch am fünften Spieltag viel Jubel für alle Beteiligten.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=hbyrkBBe2Ts           www.theater-wien.at           www.nikolaushabjan.com

  1. 10. 2019

George Saunders: Lincoln im Bardo

August 27, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Toten sind hier höchst lebendig

Lincoln im Bardo von George Saunders

Bardo nennt das Tibetische Totenbuch ein Zwischenreich, einen Zwischenzustand, in dem die Verstorbenen, von Dämonen bedroht, verharren müssen, bis sie endlich ins Nirwana eintreten dürfen. An diesen Unort versetzt US-Autor George Saunders in seinem fantastischen Erstlingsroman den Sohn von Präsident Abraham Lincoln. Der Kern von Saunders Story ist eine wahre Geschichte: Mitten im Sezessionskrieg starb Lincolns dritter Sohn Willie an einer Lungenentzündung, die sich der 11-Jährige beim Ponyreiten zugezogen hatte – gerade als die Eltern im Salon ein rauschendes Fest gaben, was Lincoln im Übrigen nicht wenig Kritik eintrug.

Saunders, bis dato als Kurzgeschichtenerzähler brillant, lässt die Handlung seines ersten Langtextes an Willies letzter Ruhestätte, dem Oak Hill Friedhof in Georgetown ablaufen. Das heißt: Viel Handlung gibt’s nicht, „Lincoln im Bardo“ ist vielmehr eine verstörend groteske Stimmencollage, in der das Irdische eindeutig in der Unterzahl ist. Denn die Protagonisten sind hier die Friedhofsbewohner, die Toten, die in einer einzigen langen Nacht, dem 20. Februar 1862, ihr Lamento in die Dunkelheit schreien.

Bekannt geworden ist nämlich, dass alsbald wieder ein paar Seelen in die Ewigkeit eingehen dürfen. Für viele wäre dies das Ende eines langen Wartens. Doch wer wird’s sein? Und wer bleibt den unbekannten Schrecken des Gottesackers ausgeliefert? Und so geifern und poltern, streiten und eifersüchteln die Geister, geht es für sie doch um die alles bedeutende Frage nach Erlösung. Dass sich die Verstorbenen in ihrem Treiben höchst lebendig verhalten, also um nichts besser oder schlechter sind, als die, die noch auf Erden wandeln, gibt dem Buch seine gespenstisch tragikomische Note. Und mitten drin sitzt Lincoln, der sich das familieneigene Mausoleum aufsperren ließ, um sein darin aufgebahrtes Kind noch einmal in den Armen zu halten, bevor es beerdigt wird.

Dass Saunders seinen ersten Roman keinesfalls in einem klassischen Setting ansiedeln würde, war von Anfang an klar. Wie in seinen Erzählbänden, zuletzt „Zehnter September“, spielt er mit Fakten und Fiktion. Er verzichtet auf eine übergeordnete und ordnende Instanz, montiert vielmehr Monologe aneinander, bis daraus ein großer, die Geschehnisse beleuchtender Chor wird. Als Leser braucht man eine Schrecksekunde, um sich auf das Stakkato der Stimmen einzulassen. Viel Verwirrendes dröselt sich erst im Laufe der Seiten auf, ist man aber erst im Lesefluss entwickelt der Roman eine Intensität, eine Spannung, ähnlich der, in der die Protagonisten selbst stecken. Zum surrealen Saunders-Kosmos gehören etwa der junge Roger Bevins III., der sich aus Enttäuschung über die Untreue seines Liebhabers die Pulsadern aufschnitt. Oder Hans Vollman, der Drucker mit den Holzzähnen und dem steifen Bein, der von einem Stützbalken seines Hauses erschlagen wurde, gerade als er sich aufmachte, mit seiner wesentlich jüngeren Frau die Ehe zu vollziehen. Und Reverend Everly Tomas, der damit hadert, dass ihn sein rechtschaffener Lebenswandel nicht direkt ins Paradies gebracht hat.

Zusätzlich zu den Stimmen der Verstorbenen, samt den Huren, Mördern, im Krieg Gefallenen, Sklaven, Gurkenfabrikanten, Vergewaltigungsopfern, schafft Saunders mit Schriften von Zeitzeugen, von Tagebüchern bis Briefen, in deren Schilderungen man einiges über Gesellschaft und Gepflogenheiten der Zeit erfährt – etwa, wenn sich eine Jane Ellis über die Stellung der Frau beklagt-, und Zitaten aus historischen Büchern eine zweite Erzählebene. Diese mal kritischen, mal kulanten Quellen, überschneiden oder widersprechen sich, knüpfen aneinander an oder beschreiben einen bestimmten Moment völlig konträr. Saunders führt vor, wie eine „verbürgte Historie“ nicht existiert, wenn er sich beispielsweise „Die kleinen Männer des Präsidenten“ von Opal Stragner und „Lincolns verlorener Engel“ von Simon Iverness hernimmt, und die Berichte des Hausmädchens Sophie Lenox und des Butlers D. Strumphort.

Im Kreisen der Geister um Angst und Obsession, um die Sehnsucht nach Erinnerung, driftet Saunders tollkühnes Konvolut immer wieder ins Paradoxe. Für die stillen Momente im Buch sorgen die Augenblicke der Trauer von Abraham Lincoln. Zuletzt werden ihn die Toten zum Weggehen vom Friedhof bewegen, denn nur ohne ihn hat der kleine Willie die Chance, dem unheimlichen Bardo zu entkommen. „Lincoln im Bardo“ ist sicher kein Roman in gewohntem Sinne, man muss für diesen Trauergesang auch einiges an Geduld aufbieten. Hält man aber durch wird man mit einem ergreifenden Leseerlebnis belohnt – und erfährt, wie sich die Weltgeschichte aus den vielen Menschengeschichten formt.

Über den Autor: George Saunders wurde 1958 in Amarillo, Texas, geboren, lebt heute mit seiner Frau und zwei Töchtern in Oneonta, New York, und ist Dozent an der Syracuse University. Er hat mehrere Bände mit Kurzgeschichten veröffentlicht, erhielt unter anderem 2013 den PEN/Malamud Award und 2014 den Folio Prize. Das Echo auf seinen ersten Roman „Lincoln im Bardo“ war überwältigend: Man Booker Prize 2017, New York Times-Nr.1-Bestseller, SWR-Bestenliste Platz 1 und Spiegel-Bestseller.

Luchterhand Literaturverlag, George Saunders: „Lincoln im Bardo “, Roman, 448 Seiten. Übersetzt aus dem Amerikanischen von Frank Heibert.

www.randomhouse.de/Verlag/Luchterhand-Literaturverlag/24000.rhd

  1. 8. 2018

Volkstheater: 1984

November 18, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Wirklichkeit ist ein Nagelbrett

Die Nachbarn bespitzeln Winston Smith mit Kameras: Birgit Stöger, Rainer Galke, Kaspar Locher, Steffi Krautz und Sebastian Klein. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Was wäre die Welt ohne Donald Trump? Etliche Theaterabende könnten ohne ihn gar nicht mehr stattfinden, so auch nicht die Freitag-Premiere am Volkstheater. Auch Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer hat sich nämlich die Brandreden, vor allem die Antrittsrede – „Wir haben uns in einer großen nationalen Kraftan- strengung zusammengeschlossen, um unser Land wiederaufzubauen und seine Verheißung für alle Menschen …“ – als Folie genommen, um darunter sein Spiel von George Orwells „1984“ zu legen.

Dabei folgt er in seiner Inszenierung dessen dystopischem Roman ziemlich exakt; dort wo Schmidt-Rahmer die Narration verlässt, holt er mit den Mitteln eines politisch-performativen Diskurstheaters Orwells von den Gräueln Hitlers und Stalins beeinflusstes Werk an die Jetztzeit heran. In seinen besten Momenten geht es Schmidt-Rahmer um die Verschiebung von Wahrheit durch „Fake News“ und sogenannte alternative Fakten, um die Vernichtung von Faktizität. Dabei hilft ihm der vom Autor erfundene „Neusprech“, eine vereinfachte Sprache, die Denken einschränkt und Widerstand verhindern soll, tadellos.

Wie es in den Sätzen populistischer Politiker und ihren einschlägigen Medien passiert, zeigt Schmidt-Rahmer auf, wie Sprachverkappung zu Verdummung führt. Und wie es im Ministerium für Liebe geschieht, hält er das schamlose Ändern von Sachverhalten fest, bis Behauptungen keiner Überprüfung mehr standhalten. Bis das „gesunde Volksempfinden“ zum von oben gesteuerten Volkszorn wird. „Die Wirklichkeit ist ein Nagelbrett“, sagt O’Brien an einer Stelle zu Winston Smith. Was heißen soll, eine schmerzliche Unwahrheit spüre man gerade noch, aber über tausende könne man unbeschadet hinweggehen.

Als dies ist sehr spannend, dieses In-den-Kopf-der-Menschen-Gelangen bis zur letzten Konsequenz durchdacht. Schade nur, dass es die Inszenierung nicht schafft, wirken zu lassen, ohne darauf zu pochen. O’Briens Folter-Frage an Winston, wie viele Finger er sehe, lässt sich also durchaus ohne zu lügen mit „Fünf“ beantworten. Der überzählige, der moralisch mahnend dauererigierte des Regisseurs …

O’Brien und Handlanger im Ministerium für Liebe: Birgit Stöger mit Sebastian Klein und Katharina Klar als umgepolter Julia. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Vidiwallfolter: Nach der Pause braucht es gute Magennerven – Rainer Galke und Ensemble. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Eine Schwarzes-Loch-Vidiwall und sieben „Teleschirm“-Videoboxen benötigt der, um die totale Technisierung seiner Bühnenwelt zu zeigen. Auch etliche Handkameras kommen zum Einsatz, jeder kann hier Big Brother sein, die Darsteller allesamt angetan wie Nordkoreas Führer Kim Jong Un, einer von Trumps unzähligen Staatsfeinden Nr. 1.

Die charakteristische Frisur samt khakifarbenem Anzug begründet Schmidt-Rahmer im Interview mit seiner „Suche nach dem Nordkorea in uns allen“. Nicht um die aktuell schlimmste Diktatur der Welt ist es ihm also zu tun, sondern um die obligate Schelte von Google, Facebook, Twitter und Co.

Mit ihrem jeweiligen Lieblingsemoji in der Hand skandieren die Schauspieler denn auch gegen Selbstauslieferung ans Social-Media-Spionagesystem, dem noch Biggeren Brother, der via Auskundschaftung des Konsumverhaltens die Weltherrschaft an sich reißen wird. So lässt sich’s interpretieren.

Im sonst sehr stringenten Bühnengeschehen wirkt dieser Moment allerdings als Überfrachtung des Orwell’schen Themas der von einer Gedankenpolizei gesuchten Gedankenverbrechen. Tatsächlich sei dahingestellt, ob der Konnex von Orwell zu Larry Page und Sergey Brin den Abend nicht sogar beschädigt. Bessere Beispiele allgegenwärtiger staatlicher Überwachung, Stichwort: Maßnahmen im Kampf gegen den internationalen Terrorismus, hätten sich da finden lassen. „George Orwell würde sich im Grab umdrehen“, heißt es in dieser Sequenz.

In Lektionen, von eins: „Doppeldenk“ bis 173: „Wir können Verbrechen identifizieren, bevor sie überhaupt begangen wurden“, läuft die Aufführung ab. Rainer Galke, wenn auch nicht alt und ausgemergelt, ist herausragend als Winston Smith, ebenso Birgit Stöger als O’Brien. Katharina Klar überzeugt als Winstons verbotene Geliebte Julia. Sebastian Klein, Steffi Krautz, Kaspar Locher und Sebastian Pass geben bespitzelnde Nachbarn, Schergen des Systems und auch dessen Opfer.

Statt im Zimmerchen treffen einander Julia und Winston im Hänsel-Gretel-Knusperhaus: Katharina Klar und Rainer Galke. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Galke mimt einen erst ruhelosen, ängstlichen, später fatalistisch um die Gesellschaft als Ganzes besorgten Winston; Klars Julia ist da ganz klar pragmatischer und bedacht darauf, den Augenblick zu genießen. Das geheime Zimmerchen, in dem die beiden im Roman sich lieben und lesen, wird im Bühnenbild von Thilo Reuther zu einem Hänsel-Gretel-Knusperhäuschen. Stögers O’Brien ist mit einem Wort gespenstisch. Mit großer Eleganz und zur Schau gestellter überragender Klugheit gestaltet sie einen vermeintlichen Mitverschwörer.

Der sich alsbald als Oberfolterer entpuppt. Nach der Pause führt die Inszenierung in dessen klinisch-weißes Folterlabor. O’Brien und seine Helfer, nun kahlköpfig und auf einem Auge blind, haben Julia zu diesem Zeitpunkt schon „umgepolt“. Winston erweist sich als härterer Widersacher, nicht weil er will, sondern weil er nicht anders kann. Was sich in Raum 101 ereignet, ist nicht zu sehen. Es wird angesagt, und dass man dennoch gute (Magen-)Nerven braucht, um diese Szenen durchzustehen, beweist einmal mehr die grandiose Schauspielkraft des Rainer Galke.

Im Programmheft schließlich ist nachzulesen, dass das „Gewölbte Schweinemaul“ oder die „Geschmorte Weichschildkröte“ Methoden sind, die der chinesische Schriftsteller und Dissident Liao Yiwu in seinen Gefängnistagebüchern beschreibt. Wegen seiner Gedichts „Massaker“ und seines Films „Totenmesse“ über die Ereignisse am Tian’anmen-Platz wurde er zu einer vierjährigen Haftstrafe verurteilt und häufig Opfer von Gewalt durch die Gefängnisleitung.

www.volkstheater.at

  1. 11. 2017

Landestheater NÖ: Tod eines Handlungsreisenden

Mai 10, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Burghart Klaußner als halbdementer Haustyrann

Burghart Klaußner, Christian Sengewald  Bild: M. Horn

Burghart Klaußner, Christian Sengewald
Bild: M. Horn

Das Landestheater Niederösterreich überrascht nicht nur immer wieder mit außergewöhnlichen, ausgezeichneten Eigenproduktionen (etwa: www.mottingers-meinung.at/landestheater-niederoesterreich-meine-mutter-kleopatra-2/), sondern hat auch ein Händchen beim Einladen von Gastspielen. Diesmal ist es Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ in der Regie von Wilfried Minks, eine Koproduktion des St. Pauli Theaters Hamburg mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen.

Hauptdarsteller Burghart Klaußner erhielt für seine Interpretation des Willy Loman den Deutschen Theaterpreis „Der Faust“ als bester Darsteller. Zurecht. Denn Klaußner zeigt eine Spielart des abgesandelten Abgesandten seiner Firma, wie sie nicht einmal Dustin Hoffman in Volker Schlöndorffs berühmter Verfilmung des Stoffes schuf – wiewohl Minks auf Schlöndorffs Übersetzung zurückgreift. Vor dem einen Dollar darstellenden Bühnenhintergrund entwickelt Klaußner einen aufbrausenden, aggressiven – das geht mit dem Krankheitsbild oft einher -, angedeuteten Alzheimerkranken. Er ist ein tyrannischer Macho, der seiner Frau Linda über den Mund fährt. Frauen schweigen, wenn Männer sprechen. Und wer anpackt, der schafft’s! In US We Trust. Wettbewerb ist Wettlauf. Dabei wusste Arthur Miller 1949 noch gar nichts von Obamas Arbeitslosenzahlen in zweistelliger Millionenhöhe. Immerhin: Sein Pulitzer-Preis gekröntes Werk hat nichts an Aktualität verloren. Klaußner ist kein demütiger Duckmäuser wie viele seiner Loman-Vorgänger. Er ist roh und hart. Und berührt dennoch in den Momenten, in denen er einbricht, wegbricht, weint. Für Sekunden nur. Denn: Ein Familienvater ist ein Mannsbild. Im immerwährenden Lebenskampf.

Margarita Broich als Ehefrau Linda gibt dazu das „Weibchen“. Mit der Betonung auf „gibt“. Naiv, selig in der Realitätsverweigerung. Stets den Wäschekorb zur Hand. In den Gesprächen mit den Söhnen Biff und Happy, in ihrem Zorn, in dem sie einen Blumenstrauß zerschlägt, dass die Blütenköpfe bis in die zweite Zuschauerreihe fliegen, wird klar, dass sie ganz klar sieht. Linda kennt die Wahrheit genau. Doch – und wie wunderbar hat Minks das inszeniert – sind sie und Willy trotz aller Klippen, die sie über die Jahrzehnte umschifft haben, immer noch ein Liebespaar. Und sie schützt ihren Geliebten wie eine Löwenmutter ihr Junges. Die Broich glänzt in dieser Rolle. Ein Diamant in Kittelschürze. Wilfried Minks lässt in seiner zeitlosen Arbeit das Publikum hautnah an die Schauspieler heran. Sein „Spezialeffekt“ zwischen zwei einfachen Sofas und einem Tisch ist die punktgenaue Personenführung. Übergangslos, mit ein wenig anderem Licht, gestaltet er Rückblenden und Parallelszenen. Doch keine löst er schöner als die Schlussszene: Um Willy wird es dunkel, hinten kleidet man sich schon in Schwarz. Seine Darsteller danken’s Minks, indem sie nicht spielen, sondern sind. Kein Satz ist aufgesetzt, aufgesagt. So viel „Realität“ kann beim Zusehen und Zuhören weh tun.

Das gilt auch für Christian Sengewald als Biff und David Allers als Happy. Ersterer die Ex-Football-Hoffnung der Familie, jetzt hauptberuflich Loser, Zweiterer immerhin Angestellter auf dem Weg zum stellvertretenden Filialleiter, aber in den verblendeten Augen des Vaters wurscht. Sengewald und Allers gestalten zwei junge Männer mitten in der Identitätskrise. Sinnierend über den Wert von Arbeit, Einsamkeit, die Sinnlosigkeit der Existenz. Selbst Sex bleibt ohne Sinn. Wie modern ist das denn? Und als es gilt als „Kind“ die Verantwortung für die „alten Eltern“ zu übernehmen, ein Umkehrschwung, den jeder einmal macht, suchen sie das Weite. Klaußner, Broich, Sengewald und Allers sind ein fabelhaftes Quartett. Außerdem sehenswert: George Meyer-Goll als gutmütiger Charley; Oliver Urbanski als dessen Sohn, erst die verlachte Brillenschlange Bernard, dann Staranwalt; Martin Wolf als Lomans eiskalter, sleeker Chef Howard; und natürlich Onkel Ben: Niels Hansen als Geist der Vergangenheit, ein steter Mitspieler, gefährlich lauernd, der Abholer.

„Ein Mensch ist kein Abfall“, sagt Willy Loman zu Howard. Für Manager schon. Das hat sich nicht geändert, das hat sich in den vergangenen 65 Jahren nur verschlimmert. Wilfried Minks hat die Botschaft fein ziseliert. Das Leben wird lediglich als ein im Zusammenbruch begriffenes Überbleibsel von ersehnten Zuständen aufrechterhalten. Doch weil seine Aufführung so fantastisch ist, geht man trotzdem gut gelaunt nach Hause …

www.landestheater.net

www.mottingers-meinung.at/burghart-klaussner-im-gespraech/

Wien, 10. 5. 2014

Star Wars: Die Saga geht weiter

Mai 2, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Harrison Ford, Carrie Fisher und Mark Hamill

Mark Hamill, Carrie Fisher, Harrison Ford Bild: www.33rdsquare.com

Mark Hamill, Carrie Fisher, Harrison Ford
Bild: www.33rdsquare.com

Sollen sie uns doch belächeln, diese Kinder, die nicht einmal noch eine Idee ihrer Eltern waren, als wir schon bebend in den Kinosesseln saßen, um George Lucas‘ jüngsten Geniestreich zu sehen. Jede Kulisse echt, jede Plastik- oder sonstwie Puppe von einem Menschen oder einer Fernbedienung bewegt. KINO, meine Lieben, nicht Computer! Dann kamen die unsäglichen Episoden X,Y,Z, die sich jetzt 1-3 schimpfen dürfen. Ein Schwachsinn sonder gleichen, mit einer Senatorin Amidala, die zu jeder Verfehlung ihres düster blickenden späteren Darth Vader „Oh, Anakin!“ säuselte, während ihre Tochter Leia vom Vater früher, das heißt: später, gefoltert wurde. Leia, eine Kriegerin, die Mutti eben eine Mutti. Irgendwo zwischen den Jahrzehnten hatte sich die Emanzipation verloren. Und Witz und Wert der Buddy-Movies der (und sie werden es immer bleiben!) Episoden eins bis drei, auch wenn sie neuerdings vier bis sechs heißen. Harrison Ford immerhin hat es in seiner schauspielerischen Karriere geschafft, zwei Kinoseriencharaktere für immer mit seinem Namen zu verbinden: Den Weltraumschmuggler und den Archeologieprofessor. Das soll mal einer nachmachen.

Nun folgt also Episode sieben. Und die alte „Star Wars“-Garde, namentlich Carrie Fisher, 57, Mark Hamill, 62, und Harrison Ford, 71, wird wieder mitspielen. Angeblich war es George Lucas, nach dem Verkauf der „Star Wars“-Rechte an Disney nur noch Berater an der Seitenlinie, der die Gerüchte erstmals streute. Wahrscheinlich hat J. J. Abrams es vor allem ihm zu verdanken, dass Luke Skywalker, Han Solo und Prinzessin Leia nun tatsächlich wieder mit von der Partie sind. Sie sind nicht die einzigen alten Bekannten, die zum Sternenkrieg-Sequel antreten: Der Riese Peter Mayhew, 69 Jahre alt, wird noch einmal als Chewbacca sein Wookie-Geheul anstimmen. Zehn Jahre älter ist der weitaus kleinere Kenny Baker, der erneut den Droiden R2-D2 spielen wird  und auch Anthony Daniels, 69, ist als goldener C-3PO dabei.

Um die All-Alt-Stars baut Abrams eine Riege verlässlicher, bereits etablierter Künstler: Gollum-Darsteller Andy Serkis spielt eine Rolle, so dass spekuliert werden darf, welche Phantasiefigur er übernehmen wird. Einen Nachfahren des Jedi-Meister Yoda oder einen neuen  Jabba The Hutt? Filmveteran Max von Sydow, 85, dürfte mit  sinistrem Charme einem Sith-Lord Charakter verleihen. Er könnte aber auch als Jedi-Ritter zu sehen sein – oder sogar als Geist von Obi-Wan Kenobi, der ehedem von Sir Alec Guinness dargestellt worden war. Der hierzulande eher unbekannte Adam Driver wird vom Guardian als Oberschurke gehandelt. Und schließlich wird mit Oscar Isaac einer der talentiertesten Darsteller der vergangenen Jahre mitspielen. Der singende Melancholiker aus der Coen-Brüder-Musikerballade „Inside Llewyn Davis“ soll angeblich eine Art Han-Solo-Nachfolger sein. Die bislang ebenfalls unbekannte Britin Daisy Ridley gilt als Prinzessin Leia der Zukunft. Schließlich könnten Leia und ihr Liebster Kinder haben … Mit denen dann wieder die Macht wäre … Die Dreharbeiten sollen in den kommenden Wochen beginnen. Kinostart soll Ende 2015 sein, aber das steht noch in den Sternen.

http://starwars.com/

www.starwars-union.de

Wien, 2. 5. 2014