Academy Awards Streaming: The Midnight Sky

April 12, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

George Clooneys Oscar-nominierte Klimadystopie

Der todkranke Astronom Augustine Lofthouse bleibt allein in einer Wetterstation in der Arktis zurück: George Clooney. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Zu Unrecht von den diversen Jurys übergangen darf sich George Clooneys Klimadystopie „The Midnight Sky“ fühlen. Zwar gab’s bisher von den Golden Globes bis zu den BAFTA Awards 48 Nominierungen, aber nur drei Auszeichnungen: Bei den Satellite Awards 2020 der International Press Academy ging der Preis für die Beste Filmmusik an Alexandre Desplat, die Visual Effects Society bedachte

„The Midnight Sky“ bei den VES Awards 2021 mit den Auszeichnungen für die Besten visuellen Effekte in einem Realfilm und Raumschiff „Aether“ für das Beste Modell in einem Real- oder Animationsfilm. Und auch punkto Academy Awards war nur eine Nominierung für die Besten visuellen Effekte drin. Weil diese Trophäen-Flaute für den verrätselten Sci-Fi-Film nicht okay ist, hier noch einmal die Filmkritik vom Jänner 2021:

Die totenstille Welt, die wir den Kindern hinterlassen

Mittendrin gönnt sich George Clooney den schönsten Space-Song seit Major Tom, wenn Mitchell, Pilot des NASA-Raumschiffs Aether, Neil Diamonds „Sweet Caroline“ an- und nach und nach die ganze Crew in den Refrain miteinstimmt. Gerade ist man einem Meteoritenhagel entkommen und an der Außenhülle der Aether müssen Reparaturen vorgenommen werden. Doch beim riskanten „Weltraumspaziergang“ ein Moment des gemeinsamen Kräftesammelns, ein lautstarker Lobgesang auf den Zusammenhalt – der Mensch als soziales Wesen, diese kurze Szene von inhaltlich anscheinend keiner Relevanz, ist die Message, die Clooney dem Publikum seines im Jänner auf Netflix uraufgeführten Films „The Midnight Sky“ mit auf den Weg geben will.

Clooney, Regisseur und Hauptdarsteller, ließ fürs Sci-Fi-Survival-Drama Lily Brooks-Daltons postapokalyptischen Roman „Good Morning, Midnight“ für die Bildschirme adaptieren, von keinem Geringeren als „Revenant“-Drehbuchautor Mark L. Smith, einem Spezialisten für viel Spannung bei wenigen Worten. Die im Februar 2020 auf Island und den Kanaren entstandenen, teilweise unwirklich schönen, atemberaubenden Bilder stammen von Kameramann Martin Ruhe, mit dem Clooney im Jahr davor bei seiner Miniserie „Catch 22“ zusammengearbeitet hat.

Während die Aether-Besatzung zurück zur Erde düst, sind auf dieser die beiden Pole die einzig verbliebenen Orte, an denen es noch genug Sauerstoff zum Atmen gibt – und auch das nicht mehr für lange. Es ist das Jahr 2049, ein „Ereignis“ hat stattgefunden, und das arktische Barbeau Observatorium wurde vollständig evakuiert – oder ist das Leben der „in Sicherheit“ Gebrachten bereits ausgelöscht? Nur der todkranke Astronom Augustine Lofthouse hat sich entschlossen zu bleiben.

George Clooney in den atemberaubend schönen Bildern von Martin Ruhe. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Suche nach dem Weg zum Lake Hazen: Caoilinn Springall und George Clooney. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Das Funkgerät hat den Geist aufgegeben: Caoilinn Springall und George Clooney. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Wanderer durchs ewige Eis: Caoilinn Springall und George Clooney. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Mutterseelenallein und müden Blicks schlurft Clooney durch die leeren Gänge seines Endzeitszenarios, die scheint’s schicksalsergebene Gleichmütigkeit nagt an Augustine wie der Krebs, mal schließt er sich ans Dialysegerät an, mal kniet er kotzenden vor der Kloschüssel, die Tabletten wirft er händeweise ein. Als junger Wissenschaftler hatte der Klimadystopist die Theorie von der Bewohnbarkeit des Jupitermondes K23 aufgestellt, diese zu überprüfen war die Aether ausgesendet worden, doch auf der Heimreise ist man vom Kurs ins unkartografierte All abgekommen – und keine Funkverbindung im ganzen Kosmos.

„The Midnight Sky“ erzählt diese zwei, eigentlich drei Handlungsstränge parallel. Augustine findet versteckt in der Stationsküche ein etwa achtjähriges Mädchen, Neuentdeckung Caoilinn Springall, deren ausdrucksstarke Performance schwer beeindruckt, denn die Figur ist stumm, und die kleine Springall spricht Bände mit ihren großen blauen Augen – in denen die unausgesprochenen Fragen an das Versagen der Erwachsenen stehen. Eine entsprechende Blume malt sie, also „Iris“ heißt sie, gibt sie Augustine zu verstehen, der sich ob ihres Anblicks erst geistesverwirrt glaubt.

Und Essig ist’s mit dem in Whiskey-Laune dem Ende Entgegendämmern, der griesgrämige Märtyrer mit dem Prophetenbart schaltet in den Überlebensmodus einer Vaterfigur, der selbsternannt „letzte Mensch auf Erden“ hat nun eine Rettungsmission, mit Iris bricht er auf ins ewige Eis. Zum Observatorium am Lake Hazen, mit dessen reichweitenstärkerer Antenne er hofft, da draußen jemanden zu erreichen – es wird dies (no na) Aether-Mission-Specialist Sully sein.

Die werdenden Eltern Sully und Adewole: Felicity Jones und David Oyelowo. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Pilot Mitchell sieht als erster die verheerte Erde: Kyle Chandler. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Crewmitglieder Sanchez und Maya: Demián Bichir und Tiffany Boone. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Sully will die Außenhülle des Raumschiffs reparieren: Felicity Jones. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Es ist bemerkenswert, wie Clooney in seinem Beinah-Stummfilm der Sprachlosigkeit der Charaktere Raum gibt. Dass diese Übung, der die literarische Gedanken-Freiheit durch Clooneys Verzicht auf eine „Stimme aus dem Off“ verunmöglicht ist, gelingt, liegt am fabelhaften Cast. Auf der Aether sind dies Felicity Jones als Sully, David Oyelowo als Flugkommandant Adewole, Tiffany Boone als Flugingenieurin Maya, Kyle Chandler als Pilot Mitchell und Demián Bichir als Aerodynamiker Sanchez.

Das Team im Gegensatz zum Buch multiethnisch, und noch etwas hat Clooney geändert: Als ihm nämlich Felicity Jones während der Dreharbeiten freudestrahlend eröffnete, dass sie ein Kind erwarte, machte er aus der Not eine fiktionale Tugend und baute die Schwangerschaft ins Script ein – mit Adewole als Vater für Sullys Baby. Ein unerwarteter Twist, der die Deutlichkeit der im Film gestellten Frage, welche Welt wir unseren Kindern hinterlassen wollen, nur verstärkt, hier Iris und mutmaßlich „Caroline“, siehe Song, da sich nach Ultraschall-Feststellung des Geschlechts alle Astronauten bei der Namensfindung fürs Ungeborene geradezu überschlagen.

In den funktionell-kühl und kahlen Umgebungen von Forschungs-Isolations-Station und Raumschiff ist die einzige Herzenswärmequelle die Nähe, die einer beim anderen sucht. Die unendliche Stille des Weltalls, die totenstillen Weiten der Welt durchbricht Clooney mit ein wenig CGI-Action, aber nie so viel, dass sie seine Schauspielerinnen und Schauspieler klein macht. Herzenswärme, das war für den jungen Augustine ein Fremdwort, in Traumsequenzen blendet das von der Krankheit ausgezehrte Alter Ego zurück in sonnige Tage.

Als der Workaholic die Liebe von Jean zurückwies, weil er lieber Leben auf anderen Planeten suchte, während ihm sein eigenes durch die Finger rannte, Jean, die ihm Jahre später eröffnet, dass er Vater einer Tochter sei. Lange Zeit bleibt „The Midnight Sky“ ein verrätselter Film, bis sich das hier Beschriebene aufdröselt, eine trostlose, emotional so dichte und derart schwerelos-langsam erzählte Story, dass man sich ihrer Wirkmacht schier nicht zu entziehen vermag, Augustine ein pragmatischer, doch nicht kaltblütiger Mann, der bis zum Töten tut, was getan werden muss, der Rücken gebeugt von der Last des eigenen und von der Menschheit selbstverschuldeten Verlusts.

Der alte Mann und die Klimakatastophe: George Clooney als Astronom Augustine Lofthouse. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Welche Crewmitglieder verlassen die „Aether“ und wer bleibt an Bord? Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Ohne seinen handelsüblichen Gute-Laune-Charme verkörpert Clooney dies Wesen mit einer Präzision und Schärfe, die einen frösteln lässt. Wie Augustine, als er durch die von der Erderwärmung angetauten Eisschollen bricht, wodurch sich die Winterwelt in tosende Wassermassen verwandelt, eine hochdrama- tische Szene zum Dominium terrae und seiner Gefährlichkeit. Eine Bibelstelle, die neue Über- setzungen als ein Anvertrauen und Schützen der Schöpfung auslegen, für jene, denen der Fortschritts- nicht der einzige Glaube ist.

„Wir haben uns in Ihrer Abwesenheit nicht gut um sie gekümmert“, sagt Augustine, als die Astronauten fassungslos einen ersten Blick auf ihre zerstörte Heimat erhaschen. Was also bleibt der Mannschaft zu tun? Jenen Mitgliedern, die hoffen, ihre auf der Erde zurückgelassenen Familien in einem Evakuierungslager zu finden, jenen, die nach Augustines finaler Warnung und seinem langgefassten Plan folgend umdrehen wollen, weil sie sich wie moderne Adam und Eva einen Neuanfang auf K23 wünschen. Der Abschied naht, Augustine Lofthouse hat seinen letzten Auftrag erfüllt …

[Spoiler – Denn Sully bittet ihr großes wissenschaftliches Vorbild beim den Film beendenden Dialog, sie beim Vornamen zu nennen. Ihre Mutter, erklärt sie, habe früher mit ihm zusammengearbeitet, doch Professor Lofthouse werde sich wohl nicht mehr an Jean erinnern, sie selbst jedenfalls sei nur seinetwegen dem Raumfahrtprogramm beigetreten, ihr Name, man ahnte es schon: Iris. Ihr achtjähriges Phantasma, erkennt die Zuschauerin, der Zuschauer jetzt, war Augustines Kopfgeburt, ein Katalysator für sein Handeln – und so sieht man Clooney in einer abschließenden Einstellung vorm Sonnenuntergang, die Hand ausgestreckt als würde er immer noch und zugleich endlich die kindliche Iris damit festhalten. – Spoiler-Ende]

Im Jahr eins nach Ausbruch der Pandemie ist Clooneys Weltendrama wie geschaffen zum Nachdenken darüber, wohin die Reise gehen soll. Ob es möglich sein wird, im Bewusstsein neuer Gefahrenherde ein ebensolches für die Verletzlichkeit der Zivilisation und die Hybris der Menschheit zu schaffen? Ob die digitale Vereinsamung die Lockdowner den Wert eines realen Anderen erkennen lässt? Mit ihren Versorgungskabeln wie mit Nabelschnüren ans Mutterschiff gebunden singt es die Aether-Crew im All: „Hands, touching hands / Reaching out, touching me, touching you“. Stärker berühren könnte einen George Clooney nicht. Erstveröffentlichung: www.mottingers-meinung.at/?p=44003

Trailer dt./engl.: www.youtube.com/watch?v=cGjVxSbCZFE          www.youtube.com/watch?v=DXUUqr3AFKs           www.netflix.com

12. 4. 2021

Academy Awards Streaming: Ma Rainey’s Black Bottom

April 3, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Afroamerika-Drama ist nominiert für fünf Oscars

Ein Star im Rampenlicht: Viola Davis als Ma Rainey. Bild: David Lee/Netflix – © NETFLIX 2020

Zu den unzähligen Auszeichnungen – 57 Preise und 198 Nominierungen, die das Blues-Drama „Ma Rainey’s Black Bottom“ mit Viola Davis in der Titel- und „Black Panther“ Chadwick Boseman in seiner letzten Rolle bereits erhielt, könnten sich am 25. April auch einige Academy Awards 2021 gesellen. Die Netflix-Produktion ist in den Oscar-Kategorien Bester Hauptdarsteller für Chadwick Boseman, Beste Haupt- darstellerin für Viola Davis,

Karen O’Hara und Team für das Beste Szenenbild, Ann Roth für das Beste Kostümdesign sowie Sergio Lopez-Rivera und Team für Bestes Make-up und beste Frisuren nominiert. Hier noch einmal die Filmrezension vom vergangenen Dezember:

Viola Davis und Chadwick Boseman haben den Blues

Macht ist eine eisgekühlte Coca-Cola, und die „Mutter des Blues“ wird keinen einzigen ihrer urgewaltigen Töne singen, wenn ihr nicht sofort eine Flasche des süßen Softdrinks beschafft wird. Da bleibt sie hart, das meint sie bitterernst. Die Weißen, Manager Irvin und der Studioboss Mel Sturdyvant, können froh sein, dass sie nach beträchtlicher Verspätung überhaupt erschienen ist!

Noch führt sie das Zepter. „All they want is my voice“, weiß sie. Nach der Aufzeichnung, wenn ihre Songs Sturdyvant gehören, ist ihre Herrschaft vorbei. Dann ist selbst Ma Rainey keine glänzende Königin mehr, sondern bloß eine schwitzende Frau in den Wechseljahren. Eine schwarze Frau. Also quasi ein Nichts. Oder wie Ma sagt, „eine Hure, über die sich die Herren drübergerollt haben.“

Schon die erste Szene des Films lässt einem den Atem stocken. Peach State Georgia in den späten 1920er-Jahren: Zwei junge Schwarze hetzen nachts durch einen dunklen Wald, Taschenlampen leuchten, Hunde bellen, ein Lynchmob, der „entlaufenen“ auf den Fersen ist? – nein, gottlob, die beiden wollten nur rechtzeitig zu einer von Ma’s Tent Shows kommen. Dann die Southside von Chicago. Schwarze sind hier im Norden Shoe Shine Boys und Zimmermädchen, die Segregation hat die USA fest im Griff. Und dann ist da der Star: Ma Rainey begeistert das afroamerikanische wie das weiße Publikum.

Zusammen mit ihrer Band will sie eine neue Best-of-Platte aufnehmen, doch schon vor Beginn der Session kommt es zu Spannungen. Nicht nur zwischen Ma, Irvin und Sturdyvant. Sondern auch mit Bandmitglied Levee, einem hochtalentierten, temperamentvollen jungen Mann, der sich mit seinen eigenen Jazzkompositionen einen Namen machen und, da er den sich allmählich ändernden Musikgeschmack wahrnimmt, Ma’s Songs seinen Rhythmus aufzwingen will. Die Battle heißt Kornett vs. Timbre, und das Publikum muss nicht schockiert sein, wenn einer den anderen „Nigga“ nennt. Das nur von Schwarzen zu verwendende N-Wort ist in der Musikszene eine freundschaftliche Anrede, bis heute, bis zum HipHop …

„Ma Rainey’s Black Bottom“ basiert auf dem gleichnamigen, von der echten, 1886 in Georgia geborenen Bluessängerin inspirierten Bühnenstück von Pulitzer-Preisträger August Wilson. Theater- und Filmregisseur George C. Wolfe hat das Kammerspiel für Netflix Originals inszeniert, kein Geringerer als Denzel Washington war der Produzent. Entstanden ist kein Biopic, sondern die in dieser Momentaufnahme festgehaltene Geschichte der Schwarzen in den USA, eine Story über Rassentrennung, Diskriminierung und Schlechterstellung aufgrund der Hautfarbe – die modernen Schlagworte sind „struktureller Rassismus“ und „sozioökonomische Disparität“, also kaum Karrierechancen, weniger Einkommen, weniger Bildung, geringere Lebenserwartung, George Floyd …

Taylour Paige als Ma’s Geliebte Dussie Mae. Bild: David Lee – © NETFLIX 2020

Viola Davis als Ma Rainey. Bild: David Lee/Netflix – © NETFLIX 2020

Chadwick Boseman als Levee Green. Bild: David Lee/Netflix – © NETFLIX 2020

Zwischen Rampenlicht und der Rumpelkammer, die sich Aufnahmeraum schimpft, brilliert Oscar-Preisträgerin Viola Davis als selbstbewusste Musiklegende. Wie sich ihre Ma furchtlos und furios gegen die Vorurteile einer rassistischen Gesellschaft stellt, grandios bei einem von ihr verursachten Autounfall, heißt: eigentlich saß ihr Neffe Slyvester am Steuer, nachdem sie jenem Polizisten, der ernsthaft bezweifelt, dass die Edelkarosse die ihre ist, die Stirn bietet, da kann die Davis famos aufspielen. Und doch zeigt sie die Autorität von Ma Rainey mit einem ständig spürbaren Bewusstsein um deren prekäre Position.

Man sieht ihr an der Nasenspitze die Genugtuung an, die Aufnahmen sanktionsfrei zu „sabotieren“, also nach ihrem Takt dirigieren zu können, aber unter der verlaufenen Schminke auch die brodelnde Wut – und die Erschöpfung, die es bedeutet, sich immer behaupten und immer kämpfen zu müssen. Davis‘ Ma ist eine hantige Mutter, an Angry Black Woman, eine unangenehme, ungeniert bisexuelle  – herrlich wie sie Arm in Arm mit ihrer Geliebten Dussie Mae und dem für ihren Lover gehaltenen Sylvester zum Schrecken der Tea-Time-Society die Hoteltreppe hinunterstolziert – und unabhängige Frau, und eine solche wird bekanntlich auch anno 2021 als gefährlich erachtet.

Trotz der furiosen Viola Davis aber wird „Ma Rainey’s Black Bottom“ wohl als schauspielerischer Triumph eines anderen erinnert werden. Die Rolle des provokant-lässigen Levee ist die letzte des im August 2020 verstorbenen „Black Panther“ Chadwick Boseman, und mit Wehmut sieht man diese beeindruckende Leistung, Levee, ein Südstaaten-Junge, der hinter seiner hochfahrenden Art einen tief vergrabenen Schmerz aus der Vergangenheit verbirgt. Nicht nur, weil er ihr mit seinen Impro-Solis regelmäßig das Rampenlicht stiehlt, oder weil er ein Auge auf Dussie Mae geworfen hat – welche eine Frage: „Can I introduce my red rooster to your brown hen?“, kann Ma Levee nicht leiden, sondern auch, weil er ihr punkto Arroganz, Talent und Egozentrik ein ebenbürtiger Gegner ist.

Boseman agiert neben Davis ganz anders, denn als besonnener Wakanda-König T’Challa; sein Levee ist drahtig, hippelig, von Ehrgeiz getrieben. Hinter der Blues-Legende Rücken hat er Sturdyvant weniger wehmütige, tanzbare Arrangements ihrer traditionellen Songs und auch ein paar eigene gegeben, jetzt hofft er vom Studioboss als Komponist und Arrangeur anerkannt zu werden. Doch wird er zum Opfer einer Frühform der „Cultural Appropriation“: Sturdyvant kauft ihm seinen „Jelly Roll“-Jazz für fünf Dollar ab, und lässt ihn ohne Levees Kenntnis von einer weißen Combo für ein weißes Publikum auf Platte pressen – Levees rebellischer Subkultur-Sound klingt plötzlich nach gutem, altem Gassenhauer, Sturdyvant wird damit ordentlich Geld scheffeln. Dies der große Unterschied: „Levee has the big mouth, but Ma the big walk!“ Ihm fehlt ihr realistischer Blick auf die Zustände.

Die Enttäuschung darum, Levees Gefühlstonleiter generell, spielt Boseman wie unterm Druck eines explodierenden Wah-Wah-Dämpfers, sein Gesicht in seiner Mimik so beredt wie die pointierten Dialoge im Drehbuch von Ruben Santiago-Hudson. Im Laufe der 90 Minuten enthüllt sich Levees Trauma: Er sah als Kind die Vergewaltigung der Mutter durch mehrere weiße Gutsbesitzer, und wurde dabei selbst schwer verletzt, der Vater auf seinem Rachefeldzug aufgegriffen, aufgehängt und bei lebendigem Leib verbrannt. „Ich kann ,Ja, Sir!‘, Danke, Sir!‘ sagen, im Wissen, dass meine Zeit kommen wird“, bescheidet er dem Rest der Anwesenden.

Levee stiehlt Ma die Show: Chadwick Boseman und Viola Davis. Bild: David Lee/Netflix – © NETFLIX 2020

Viola Davis, Taylour Paige und Dusan Brown als Ma’s Neffe Sylvester. Bild: David Lee/Netflix – © NETFLIX 2020

Leeve’s Antichrist-Pose: Boseman mit Glynn Turman, Michael Potts und Colman Domingo. Bild: David Lee – © NETFLIX 2020

Levee spricht über die Vergewaltigung seiner Mutter: Boseman (re.), Domingo und Turman. Bild: David Lee – © NETFLIX 2020

Als da wären Colman Domingo als tiefreligiöser Cutler, Glynn Turman als Polit-Philosoph Toledo und Michael Potts als schweigsamer Slow Drag, die Kollegen an Posaune, Piano und Bass, die auf Ma angewiesen, ergo gewissenhafte Begleiter sind, doch Ma’s und Levees emotionale Eruptionen mit fortschreitender Stunde nur noch mit Mühe ertragen. Nicht so Ma’s gelangweilte Geliebte, Taylor Paige als laszive Dussie Mae, die sich alsbald mit Levee im Probenkeller vergnügt. Oder Dusan Brown als Ma’s stotternder Neffe Sylvester, den sie unbedingt als Ansager engagiert sehen will. Jonny Coyne ist als ungeduldiger, von Ma’s Sonderprivilegien genervter Sturdyvant zu sehen. Und ein Kabinettstück liefert Jeremy Shamos als um Ma scharwenzelnder Irvin, dem’s mit Bravour gelingt bei eigener devoter Körperhaltung sein Gegenüber zu demütigen.

Auf Bosemans berührenden Mutter-Monolog folgt ein weiterer grandioser, eine Anklage gegen Gott, der Schwarze hassen muss, da er kein Leid verhindert und jede Ungerechtigkeit unterstützt. Man spürt in diesen Worten, die im Film zu Handgreiflichkeiten mit Cutler führen, beinah Bosemans persönliche Dringlichkeit. Die Figur des Levee ist von Regisseur George C. Wolfe in allerlei endzeitliche Symbole gebettet, sei’s, dass Levee in Antichrist-Pose auf einem Bänkchen an seiner Partitur feilt, sei’s, dass er, endlich von Ma gefeuert, die geheimnisvoll verschlossene Tür im Probenraum aufbricht, um in einem winzigen, ausweglosen Innenhof zu landen. Vier weitere Mauern, in Österreich heißt so etwas Lichthof, doch ein solches will auf Levee nicht scheinen.

Es kommt zur Eskalation, Levee hat ein Messer in der Hand, er wird damit töten. Und schuld dran ist, noch ein Sinnbild und ein immer wiederkehrendes Motiv, Levees vom noch nicht einmal erhaltenen Salär gekauftes Paar gelbe Schuhe. Sein ganzer Stolz und sein Untergang, eine Kennzeichnung seines Charakters von verspielt bis verbittert, die Farbe Gelb im Volksglauben gleichgesetzt mit einem hellen Verstand, aber auch mit Neid, in der frühen Liturgie des Christentums mit Tod und Verderben, von ihrer Bedeutung in Sternform gar nicht erst zu reden.

„Ma Rainey’s Black Bottom“ ist abseits der großartigen Musik ein schmerzliches Zeitdokument über die Situation der afroamerikanischen Bevölkerung in den Vereinigten Staaten – damals wie jetzt, ein Jahrhundert weiter und wenig Verbesserung. Nicht zuletzt dank der enormen Produktivität der Streamingportale gibt es eine stetig steigende Präsenz afroamerikanischer Themen und Schauspieler auf den Bildschirmen, und mit Produktionen wie dieser zeigt sich, dass zumindest in Kunst und Kultur Rassismus oder Xenophobie keine Chance haben.

Im Gedächtnis bleiben wird dieser Film auch als Vermächtnis von – nomen est omen – „Black Panther“ Chadwick Boseman, er durch diese Rolle zur afrofuturistischen Ikone geworden, hier ein zwischen Enthusiasmus und Verzweiflung changierender Mann, der die Kraft der Musik ebenso feiert, wie er sich gegen das von ihr verursachte Leiden stemmt, und der voll Leidenschaft gegen die Fesseln, die bewussten wie die unbewussten, in diesem stickigen, klaustrophobischen Setting kämpft, als gäb’s kein Morgen.

Ob Chadwick Boseman posthum zu Oscar-Ehren kommen wird, wer weiß? Mit ihm sind Favorit Gary Oldman für „Mank“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=45151), Anthony Hopkins für „The Father“, Riz Ahmed für „Sound of Metal“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=45178) und Steven Yeun für „Minari“ nominiert. Verdient hätte den Goldjungen jeder, und wie für die anderen Filme gilt: „Ma Rainey’s Black Bottom“ ist eine Empfehlung. Oder wie Colman „Cutler“ Domingo sagt: A-one, a-two, a-you know what to do …

Trailer/engl.: www.youtube.com/watch?v=ord7gP151vk             www.youtube.com/watch?v=wAY2oAm2rv4           www.netflix.com           Erstveröffentlichung: www.mottingers-meinung.at/?p=43672

3. 4. 2021

Streaming: Clooneys Klimadystopie „The Midnight Sky“

Januar 9, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die totenstille Welt, die wir den Kindern hinterlassen

Der todkranke Astronom Augustine Lofthouse bleibt allein in einer Wetterstation in der Arktis zurück: George Clooney. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Mittendrin gönnt sich George Clooney den schönsten Space-Song seit Major Tom, wenn Mitchell, Pilot des NASA-Raumschiffs Aether, Neil Diamonds „Sweet Caroline“ an- und nach und nach die ganze Crew in den Refrain miteinstimmt. Gerade ist man einem Meteoritenhagel entkommen und an der Außenhülle der Aether müssen Reparaturen vorgenommen werden. Doch beim riskanten „Weltraumspaziergang“

ein Moment des gemeinsamen Kräftesammelns, ein lautstarker Lobgesang auf den Zusammenhalt – der Mensch als soziales Wesen, diese kurze Szene von inhaltlich anscheinend keiner Relevanz, ist die Message, die Clooney dem Publikum seines kürzlich auf Netflix uraufgeführten Films „The Midnight Sky“ mit auf den Weg geben will. Clooney, Regisseur und Hauptdarsteller, ließ fürs Sci-Fi-Survival-Drama Lily Brooks-Daltons postapokalyptischen Roman „Good Morning, Midnight“ für die Bildschirme adaptieren, von keinem Geringeren als „Revenant“-Drehbuchautor Mark L. Smith, einem Spezialisten für viel Spannung bei wenigen Worten. Die im Februar 2020 auf Island und den Kanaren entstandenen, teilweise unwirklich schönen, atemberaubenden Bilder stammen von Kameramann Martin Ruhe, mit dem Clooney im Jahr davor bei seiner Miniserie „Catch 22“ zusammengearbeitet hat.

Während die Aether-Besatzung zurück zur Erde düst, sind auf dieser die beiden Pole die einzig verbliebenen Orte, an denen es noch genug Sauerstoff zum Atmen gibt – und auch das nicht mehr für lange. Es ist das Jahr 2049, ein „Ereignis“ hat stattgefunden, und das arktische Barbeau Observatorium wurde vollständig evakuiert – oder ist das Leben der „in Sicherheit“ Gebrachten bereits ausgelöscht? Nur der todkranke Astronom Augustine Lofthouse hat sich entschlossen zu bleiben.

Mutterseelenallein und müden Blicks schlurft Clooney durch die leeren Gänge seines Endzeitszenarios, die scheint’s schicksalsergebene Gleichmütigkeit nagt an Augustine wie der Krebs, mal schließt er sich ans Dialysegerät an, mal kniet er kotzenden vor der Kloschüssel, die Tabletten wirft er händeweise ein. Als junger Wissenschaftler hatte der Klimadystopist die Theorie von der Bewohnbarkeit des Jupitermondes K23 aufgestellt, diese zu überprüfen war die Aether ausgesendet worden, doch auf der Heimreise ist man vom Kurs ins unkartografierte All abgekommen – und keine Funkverbindung im ganzen Kosmos.

George Clooney in den atemberaubend schönen Bildern von Martin Ruhe. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Suche nach dem Weg zum Lake Hazen: Caoilinn Springall und George Clooney. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Das Funkgerät hat den Geist aufgegeben: Caoilinn Springall und George Clooney. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Wanderer durchs ewige Eis: Caoilinn Springall und George Clooney. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

„The Midnight Sky“ erzählt diese zwei, eigentlich drei Handlungsstränge parallel. Augustine findet versteckt in der Stationsküche ein etwa achtjähriges Mädchen, Neuentdeckung Caoilinn Springall, deren ausdrucksstarke Performance schwer beeindruckt, denn die Figur ist stumm, und die kleine Springall spricht Bände mit ihren großen blauen Augen – in denen die unausgesprochenen Fragen an das Versagen der Erwachsenen stehen. Eine entsprechende Blume malt sie, also „Iris“ heißt sie, gibt sie Augustine zu verstehen, der sich ob ihres Anblicks erst geistesverwirrt glaubt.

Und Essig ist’s mit dem in Whiskey-Laune dem Ende Entgegendämmern, der griesgrämige Märtyrer mit dem Prophetenbart schaltet in den Überlebensmodus einer Vaterfigur, der selbsternannt „letzte Mensch auf Erden“ hat nun eine Rettungsmission, mit Iris bricht er auf ins ewige Eis. Zum Observatorium am Lake Hazen, mit dessen reichweitenstärkerer Antenne er hofft, da draußen jemanden zu erreichen – es wird dies (no na) Aether-Mission-Specialist Sully sein.

Es ist bemerkenswert, wie Clooney in seinem Beinah-Stummfilm der Sprachlosigkeit der Charaktere Raum gibt. Dass diese Übung, der die literarische Gedanken-Freiheit durch Clooneys Verzicht auf eine „Stimme aus dem Off“ verunmöglicht ist, gelingt, liegt am fabelhaften Cast. Auf der Aether sind dies Felicity Jones als Sully, David Oyelowo als Flugkommandant Adewole, Tiffany Boone als Flugingenieurin Maya, Kyle Chandler als Pilot Mitchell und Demián Bichir als Aerodynamiker Sanchez.

Die werdenden Eltern Sully und Adewole: Felicity Jones und David Oyelowo. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Pilot Mitchell sieht als erster die verheerte Erde: Kyle Chandler. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Crewmitglieder Sanchez und Maya: Demián Bichir und Tiffany Boone. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Sully will die Außenhülle des Raumschiffs reparieren: Felicity Jones. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Das Team im Gegensatz zum Buch multiethnisch, und noch etwas hat Clooney geändert: Als ihm nämlich Felicity Jones während der Dreharbeiten freudestrahlend eröffnete, dass sie ein Kind erwarte, machte er aus der Not eine fiktionale Tugend und baute die Schwangerschaft ins Script ein – mit Adewole als Vater für Sullys Baby. Ein unerwarteter Twist, der die Deutlichkeit der im Film gestellten Frage, welche Welt wir unseren Kindern hinterlassen wollen, nur verstärkt, hier Iris und mutmaßlich „Caroline“, siehe Song, da sich nach Ultraschall-Feststellung des Geschlechts alle Astronauten bei der Namensfindung fürs Ungeborene geradezu überschlagen.

In den funktionell-kühl und kahlen Umgebungen von Forschungs-Isolations-Station und Raumschiff ist die einzige Herzenswärmequelle die Nähe, die einer beim anderen sucht. Die unendliche Stille des Weltalls, die totenstillen Weiten der Welt durchbricht Clooney mit ein wenig CGI-Action, aber nie so viel, dass sie seine Schauspielerinnen und Schauspieler klein macht. Herzenswärme, das war für den jungen Augustine ein Fremdwort, in Traumsequenzen blendet das von der Krankheit ausgezehrte Alter Ego zurück in sonnige Tage.

Als der Workaholic die Liebe von Jean zurückwies, weil er lieber Leben auf anderen Planeten suchte, während ihm sein eigenes durch die Finger rannte, Jean, die ihm Jahre später eröffnet, dass er Vater einer Tochter sei. Lange Zeit bleibt „The Midnight Sky“ ein verrätselter Film, bis sich das hier Beschriebene aufdröselt, eine trostlose, emotional so dichte und derart schwerelos-langsam erzählte Story, dass man sich ihrer Wirkmacht schier nicht zu entziehen vermag, Augustine ein pragmatischer, doch nicht kaltblütiger Mann, der bis zum Töten tut, was getan werden muss, der Rücken gebeugt von der Last des eigenen und von der Menschheit selbstverschuldeten Verlusts.

Der alte Mann und die Klimakatastophe: George Clooney als Astronom Augustine Lofthouse. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Welche Crewmitglieder verlassen die „Aether“ und wer bleibt an Bord? Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Ohne seinen handelsüblichen Gute-Laune-Charme verkörpert Clooney dies Wesen mit einer Präzision und Schärfe, die einen frösteln lässt. Wie Augustine, als er durch die von der Erderwärmung angetauten Eisschollen bricht, wodurch sich die Winterwelt in tosende Wassermassen verwandelt, eine hochdrama- tische Szene zum Dominium terrae und seiner Gefährlichkeit. Eine Bibelstelle, die neue Über- setzungen als ein Anvertrauen und Schützen der Schöpfung auslegen, für jene, denen der Fortschritts- nicht der einzige Glaube ist.

„Wir haben uns in Ihrer Abwesenheit nicht gut um sie gekümmert“, sagt Augustine, als die Astronauten fassungslos einen ersten Blick auf ihre zerstörte Heimat erhaschen. Was also bleibt der Mannschaft zu tun? Jenen Mitgliedern, die hoffen, ihre auf der Erde zurückgelassenen Familien in einem Evakuierungslager zu finden, jenen, die nach Augustines finaler Warnung und seinem langgefassten Plan folgend umdrehen wollen, weil sie sich wie moderne Adam und Eva einen Neuanfang auf K23 wünschen. Der Abschied naht, Augustine Lofthouse hat seinen letzten Auftrag erfüllt …

[Spoiler – Denn Sully bittet ihr großes wissenschaftliches Vorbild beim den Film beendenden Dialog, sie beim Vornamen zu nennen. Ihre Mutter, erklärt sie, habe früher mit ihm zusammengearbeitet, doch Professor Lofthouse werde sich wohl nicht mehr an Jean erinnern, sie selbst jedenfalls sei nur seinetwegen dem Raumfahrtprogramm beigetreten, ihr Name, man ahnte es schon: Iris. Ihr achtjähriges Phantasma, erkennt die Zuschauerin, der Zuschauer jetzt, war Augustines Kopfgeburt, ein Katalysator für sein Handeln – und so sieht man Clooney in einer abschließenden Einstellung vorm Sonnenuntergang, die Hand ausgestreckt als würde er immer noch und zugleich endlich die kindliche Iris damit festhalten. – Spoiler-Ende]

Im Jahr eins nach Ausbruch der Pandemie ist Clooneys Weltendrama wie geschaffen zum Nachdenken darüber, wohin die Reise gehen soll. Ob es möglich sein wird, im Bewusstsein neuer Gefahrenherde ein ebensolches für die Verletzlichkeit der Zivilisation und die Hybris der Menschheit zu schaffen? Ob die digitale Vereinsamung die Lockdowner den Wert eines realen Anderen erkennen lässt? Mit ihren Versorgungskabeln wie mit Nabelschnüren ans Mutterschiff gebunden singt es die Aether-Crew im All: „Hands, touching hands / Reaching out, touching me, touching you“. Stärker berühren könnte einen George Clooney nicht.

Trailer dt./engl.: www.youtube.com/watch?v=cGjVxSbCZFE          www.youtube.com/watch?v=DXUUqr3AFKs           www.netflix.com

  1. 1. 2021

George Takei: They Called Us Enemy

Dezember 3, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Japanische Kindheit im US-Internierungscamp

Als Hikaru Sulu, Steuermann des „Raumschiff Enterprise“ und später Captain der USS Excelsior, wurde George Takei weltberühmt. Eine Öffentlichkeitswirksamkeit, die er immer wieder für ihm wichtige Themen nutzt – Xenophobie, Homophobie, Diskriminierungen aller Art. Nun hat der Star-Trek-Star eine Graphic Novel über ein hierzulande kaum bekanntes Kapitel der US-Geschichte veröffentlicht. „They Called Us Enemy. Eine Kindheit im Internierungslager“ erzählt – nach dem Angriff des Kaiserreichs Japan auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 – vom Verhaften und Wegsperren.

Und zwar von mehr als 120.000 japanisch-stämmigen oder japanischen Menschen, die teilweise seit Jahrzehnten in den Vereinigten Staaten lebten und in der nun aufgeheizten Stimmung plötzlich als potentielle Verräter und Staatsfeinde angesehen wurden. Takei, geboren in Los Angeles, war fünf, ein Kind, als er mit seinen Eltern und den beiden jüngeren Geschwistern derart kriminalisiert ward. Doch Takei ist Aktivist mit Leib und Seele, und bleibt es auch als gezeichnetes Ich.

Als wären’s Rückblenden, denn so tut er es tatsächlich, schildert er auf TEDx-Konferenzen, bei Begegnungen mit Präsidenten von Carter bis Clinton, Barack Obama selbstverständlich, bei Comic Cons die drei Jahre seines jungen Lebens als „Enemy Alien“. Mithilfe der Co-Autoren Justin Eisinger und Steven Scott und Zeichnerin Harmony Becker ist ein sehr persönlicher Einblick in diese Zeit entstanden.

„They Called Us Enemy“ ist ein Lehrbuch über Demokratie und Grundrechte, über Menschenwürde und Zivilcourage und Solidarität, ist ein Plädoyer, sich gegen jene Kräfte zu stemmen, die gerade erneut versuchen, die Gesellschaft zu spalten – „Amerikaner zu sein, ist nicht das Vorrecht weniger“, schreibt Takei, und es lässt sich leicht das Wort „Europäer“ einsetzen -, und ist nicht zuletzt ein Buch über die Liebe in einer Familie.

© Takei, Eisinger, Scott & Becker/ Reprodukt

© Takei, Eisinger, Scott & Becker/ Reprodukt

Zu den klaren, schnörkellosen Schwarzweiß-Bildern komplex und literarisch interessant sind vor allem die narrativen Bögen, die Takei schlägt. Wie prägte die Zeit seinen Vater, warum exponierte er sich als Lagersprecher und Vermittler? Zu wessen Wohl wollte die Mutter ihre US-Staatsbürgerschaft aufgeben (dem Vater, wiewohl seit 25 Jahren im Land, wurde sie nie verliehen)? Wie stritten, entfremdeten, näherten sich Vater und Sohn in den 1950er- und 1960er-Jahren? Wie war Georges Weg zum Widerstand, woher sein Wille, sich am politischen Prozess zu beteiligen? Ab wann hat die die sogenannte Mehrheitsgesellschaft die Pflicht für Marginalisierte eintreten? Von wem gesteuert sind Populismus, Othering und Nationalismus?

Takei, als TV-Lieutenant einer multiethnischen Sternensaga einst aufgebrochen, „um neue Welten zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen“, und sichtlich stolzes Mitglied einer Sci-Fi-Erdbevölkerung, der Allianzen mit Aliens, mit „Fremden“ zur friedlichen Föderation der Vereinigten Planeten verholfen haben, steht bis heute für jene Enterprise-Errungenschaften ein. Bis zur letzten Seiten des Buches prangert der unermüdliche Streiter für Gerechtigkeit den „Muslim Ban“ der Trump-Regierung und die Diskriminierung lateinamerikanischer Bürger und Migranten in den USA an …

Ans Herz gehend ist die kindliche Perspektive, aus der die Ereignisse von 1941 gezeigt werden, als die Mutter mit Baby-Tochter aus dem Krankenhaus nach Hause kommt, wie der Vater mit Kunden seiner Textilreinigung plaudert, Weihnachten, die Kriegserklärung, die Feindseligkeiten auf der Straße, Vandalismus, „Keine Japsen!“-Schilder in den Schaufenstern, Politiker, die vom „Japanerproblem“, einer „nicht assimilierbaren Rasse“ sprechen  – dann das Hämmern an die Tür, Soldaten, Abtransport, Angst, ein Bub, der das alles noch weniger versteht als die Erwachsenen. Becker illustriert beinahe filmisch, mittels Schnitt und Gegenschnitt.

1942 dann erlässt Präsident Franklin D. Roosevelt die sogenannte “Durchführungsverordnung 9066”, die es dem Militär ermöglicht, Japano-Amerikaner, die an der Westküste lebten, zu deportieren. Es gibt keinen Prozess, keine Geschworenen, wo kein Richter, da kein Kläger, und die Betroffenen müssen alles, was sie sich aufgebaut haben, zurücklassen. Sie können nur mitnehmen, was in kleine Koffer passt, Konten werden eingefroren, „Besitz“, heißt in der Regel kleinere Geschäfte und landwirtschaftliche Geräte, wird beschlagnahmt.

© Takei, Eisinger, Scott & Becker/ Reprodukt

© Takei, Eisinger, Scott & Becker/ Reprodukt

General John L. DeWitt befeuert die Hysterie der Scheinheiligen. Wie sich die Bilder gleichen, zu allen Zeiten, in allen Ländern. In Zügen zusammengepferchte Frauen, Kinder, Männer, ein Gepäcksanhänger als Identitäts- nachweis, für die Eltern ein weiterer Akt der Entmenschlichung, für George einfach eine Fahrkarte, Gewehre und Stacheldraht. Die Takeis werden in Camp Rohwer in Arkansas zwangsinterniert, Block 6, Baracke 2, Einheit F, die Mutter entsetzt über Schmutz und Gestank, doch George schwärmt sie vom gemeinsamen „Urlaub“ vor.

Dann die herbe Enttäuschung der Kids, die Mutter hat als „Überraschung“ – verbotenerweise – ihre Nähmaschine ins  Lager geschmuggelt, sie sofort betriebsam, der Vater erst depressiv, bis die Mitgefangenen ihn ob seiner Freundlichkeit und Umsicht zum „Blockverwalter“ wählen, eine Position, aus der heraus er viel Gutes bewirken wird – und dennoch wird’s für George bei seiner Teenager-Anklage gegen‘s Trauma-Schweigen zu wenig des Ungehorsams gewesen sein. Fürs Erste aber dreht sich alles um den Lageralltag eines Fünfjährigen, und mit der dieser Generation eigenen Ambivalenz berichtet Takei von grauenhaften wie glücklichen Erinnerungen.

Von Lausbubenstreichen und Radikalisierung unter „Banzai!“-Rufen, von seinem ersten Schnee und wie ihn die Filmvorführungen im Speisesaal begeisterten, von der ständigen Kampfbereitschaft der Soldaten gegen einen möglichen „Aufstand der Abtrünnigen“, jedes „Schlitzauge“ schon per Aussehen ein potenzieller Terrorist. Takei kann Anekdoten, beispielsweise, wenn ihm die ewigen Gegner Ford & Chevy einreden, auf seinen Ruf „Sakana Beach“/Fisch-Strand würden ihn die Soldaten mit Süßigkeiten überschütten – nur, dass die GIs „son of a bitch“ verstehen und erbost handgreiflich werden. Oder die von der Entlarvung des falschen, weil japanischen Santa Claus, hat Klein George den echten, da „weißen“ doch im Kaufhaus gesehen.

Dann wieder erteilt er Geschichtsunterricht übers 442nd Regimental Combat Team, einer rein japanischen Einheit der US-Armee, als sich die „Messer im Rücken“ ebendieser ihr wegen der vielen Gefallenen endlich anschließen durften. Eine Chance, die unzählige „Nisei“ ergriffen und den Dienst fürs „Vaterland“, das sie nie als gleichberechtigt akzeptieren wollte, mit dem Leben gezahlten. Oder, als zweite „Chance“ die – welch tagesaktueller Begriff! – „Rückführung ins Heimatland“, ins kriegsgeschundene, immer noch mit Hitler verbündete Japan, ein Ausbürgern im Austausch gegen Kriegsgefangene.

© Takei, Eisinger, Scott & Becker/ Reprodukt

© Takei, Eisinger, Scott & Becker/ Reprodukt

Schließlich der Fragebogen mit der infamen Gewissensfrage, sich als amerikanische Patrioten zu erklären und gleichzeitig der japanischen Herkunft abzuschwören. Was für großen Unmut und die Umsiedlung ins weit schlimmere Lager Tule Lake sorgt. Stacheldraht hoch drei, und doch ist er ein Schutz, denn draußen häufen sich die rassistischen Gräueltaten. Dann Hiroshima und das bange Warten auf Post von den Verwandten, ein „Neuanfang“ in einem L.A.-Armenviertel, die Lehrerin, die den „Japsenbengel“ auf die Fahne schwören lässt.

Takei erzählt das alles nicht verbittert, sondern als versöhnlicher Mahner an ein Niemals-Vergessen. „Die Schuld, die durch unsere Internierung auf uns lag, löste in mir das Gefühl aus, dass ich es verdiente, mit diesem hässlichen Schimpfnamen belegt zu werden“, schreibt Takei übers Opfer-typische Denken, und: „Das ist bis heute ein Teil des Problems … das wir die unangenehmen Aspekte der amerikanischen Geschichte nicht kennen … und daher die Lektionen übersehen, die uns diese Kapitel zu lehren hätten.“

George Takeis Befreiungsschlag beginnt, wenn man so möchte, an der UCLA, wo er beim Theaterwissenschafts- studium erst Nichelle Nichols und über sie Martin Luther King kennenlernt, später Gene Roddenberry, der dem asiatischen Darsteller von Lakaien, Possenreißern und Bösewichten die Rolle seines Lebens anbietet. Letztes Bild, George Takei und sein Ehemann Brad Altman auf dem Gedenkfriedhof in Rohwer, sie beten; letzter Satz: „Unsere Geschichte darf weder Schwert sein, das Ungerechtigkeit rechtfertigt, noch Schild, das Fortschritt blockiert, sie muss ein Leitfaden sein, der verhindert, dass wir die Fehler der Vergangenheit wiederholen – denn nur wenn du frei bist, kann ich es auch sein.“

Über den Autor: George Takei, geboren 1937 in Los Angeles, wurde durch seine Rolle als Steuermann Hikaru Sulu in der „Star Trek“-Fernsehserie „Raumschiff Enterprise“, 1965 von Gene Roddenberry persönlich dafür engagiert, und den nachfolgenden Kinofilmen international berühmt. Der japanische Amerikaner setzt sich insbesondere für die LGBT+-Bewegung ein und ist für seinen Kampf gegen den Rassismus bekannt. Takei wurde zwischen seinem fünften und achten Lebensjahr als einer von mehr als 120.000 japanisch-stämmigen US-Bürgern während des Zweiten Weltkriegs als Enemy Alien in ein Internierungslager gesperrt. Eine Tante und ein Cousin starben beim Atombombenabwurf auf Hiroshima.

© Takei, Eisinger, Scott & Becker/ Reprodukt

Im Oktober 2005, mit 68 Jahren, hatte Takei sein Coming-out, wiewohl seine Homosexualität unter seinen Fans schon lange ein offenes Geheimnis war. 2008 heiratete er seinen langjährigen Lebenspartner Brad Altman, nachdem das Oberste Gericht von Kalifornien das Verbot für gleichgeschlechtliche Ehen aufgehoben hatte. Trauzeugen waren seine Star-Trek-Freunde Nichelle Nichols und Walter Koenig. George Takei verfasste mehrere Bücher und wendet sich via Facebook, Twitter und Instagram auch täglich an seine mehr als 14 Millionen Follower.

Cross Cult Verlag, George Takei, Justin Eisinger, Steven Scott (Text), Harmony Becker (Zeichnungen): „They Called Us Enemy. Eine Kindheit im Internierungslager“, Graphic Novel, 208 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Christian Langhagen.

www.cross-cult.de

  1. 12. 2020

Theater an der Wien: Porgy and Bess

Oktober 21, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Catfish Row als Flüchtlingslager an Europas Küste

Das Container-Bühnenbild von Katrin Lea Tag, vorne mit Fussball Eric Greene als Porgy und Jeanine de Bique als Bess. Bild: © Monika Rittershaus

Deutlicher kann man #BlackLivesMatter nicht singen. Der beinortheste Held, eben von der Missachtung des Gesetzes zurück, ergeht sich in Liebe zur Anti-Heldin, während sich rundum die Gesichter verdüstern. Ist doch die untreue Drogensüchtige mit ihrem Dealer nach New York abgehauen. Macht nichts, meint Porgy, weder Wegstrecke noch Gehbehinderung können ihn aufhalten, seine Bess zu retten.

Die „Summertime“ ist zwar vorüber, aber im Gelobten Land für alle Platz. Also auf, never give up, never give in – das bessere Leben muss einfach ums nächste Eck liegen … Wohl jeder kennt „Porgy and Bess“ und die wunderschönen Melodien, nur aufgeführt wird George Gershwins Meisterwerk in Europa selten. Das liegt zum einen an der strikt vorgeschriebenen Besetzung, zum anderen an der Genregrenzen sprengenden Komposition, diese mit Blue Notes, Spirituals und Swing ein Opera meets Popculture, an das sich die wenigsten heranwagen.

Das Theater an der Wien hat den Grenzgang nun gewagt, nach mehr als 50 Jahren die erste szenische Premiere in der Stadt – und alles gewonnen. Ein beglücktes Publikum bedankte mit Jubel und Applaus nicht nur die Aufführung, sondern auch den Mut, diese – in #Corona-Zeiten – zu planen und auszuführen. Ging doch die vereinbarte Kooperation mit der Cape Town Opera in Kapstadt Pandemie-bedingt in die Binsen; die Anreise der Choristen aus Südafrika wurde unmöglich, weshalb das Theater an der Wien in Windeseile einen internationalen Cast aus vier Kontinenten zusammenstellen musste.

Norman Garrett und Zwakele Tshabalala. Bild: © Monika Rittershaus

Jeanine de Bique und Eric Greene. Bild: © Monika Rittershaus

Zwakele Tshabalala und Tichina Vaughn. Bild: © Monika Rittershaus

Dies durchaus nicht gegen das Ansinnen des südafrikanischen Regisseurs Matthew Wild. Der im Programmheft-Interview seine Intentionen, in seiner Inszenierung die globale Migrationsdebatte zu thematisieren, so formuliert: „Unsere Produktion ist in unserer Gegenwart angesiedelt, an der Peripherie einer nicht genauer bezeichneten europäischen Küstenstadt, wo wir die Catfish Row neu erfinden als eine multi-kulturelle Gemeinschaft von Flüchtlingen und Asylwerbern, die gezwungen waren, ihre Heimatländer zu verlassen …“ – das bessere Leben, es muss einfach ums nächste Eck liegen …

Die Überführung von Gershwins Opernpersonal in die Problemzone der Gegenwart erweist sich als stimmig. Als Schauplatz hat Ausstatterin Katrin Lea Tag eine Containersiedlung entworfen, 32 Stück verteilt auf drei drehbare Stockwerke, ideal für Massenszenen, Parallelerzählungen und als Versteck für intime Arien und Duette. Den Gedanken, dass die Menschen in Moria froh wären, wenn …, darf man dabei nicht zu Ende führen, ebenso wenig wie den an die eine Hijab tragende Frau als klischeehafte Kostümierung von – Zitat Wild – multikulturell, ebenso wenig wie jenen, ob statt des Hurricans eine Altkleidersammlung über dem Ganzen niedergegangen sei. Denn die Solistinnen und Solisten, Ensemble wie Tänzerinnen und Tänzer überzeugen auf ganzer Linie.

Allen voran Norman Garrett als Crown. Als brutaler Ex-Lover von Bess verströmt sein Klang-/Körper die krude Erotik eines wilden Tiers. US-Bariton-Kollege Eric Greene als Porgy steht Garrett in beidem in nichts nach. Er ist trotz Krücke eine imposante Erscheinung und geht mit seiner samtig-souligen Stimme, man merkt’s, den Zuschauerinnen unter die Haut. Schön, wie sich dieser leichtgläubige Tropf zu einer ungeahnt empfindsamen Intensität steigert, Greene ein Quarterback-Goliath mit David’scher Seele. Schön auch, wie kristallklar und grazil die aus Trinidad stammende Jeanine De Bique ihren Sopran zu führen versteht, ihre Bess ein liebenswerter, aber in seiner Labilität verlorener Junkie.

Tanz auf dem Altkleiderberg. Bild: © Monika Rittershaus

Jeanine de Bique als Bess (Mi.). Bild: © Monika Rittershaus

Eric Greene als Porgy. Bild: © Monika Rittershaus

Norman Garrett als Crown. Bild: © Monika Rittershaus

Als Milieustudien fügten sich die von Louisa Ann Talbot choreographierten Tanzszenen organisch in die Handlung ein. Der von der Metropolitan Opera ausgezeichneten und von der New York Times für ihr „distinctive earthy coloring“ gefeierten Brandie Sutton kommt als bekopftuchter Muslima Clara die Aufgabe zu, mit einer „Summertime“ im strömenden Regen den größten Hit der Oper zu präsentieren. Ryan Speedo Green als christlicher Ehemann und mit seinem Boot untergehender Jake verleiht seiner Figur ein starkes gesangliches wie darstellerisches Profil. Und apropos: Der südafrikanische „Sportin’ Life“ Zwakele Thabalala stattet den Rauschgifthändler in Baseball-Kappe und Zuhälter-Anzug mit einem aufreizenden Machismo aus.

Großartig sein Prügelbeziehen von Tichina Vaughn als blondgefärbter Maria, sein angekratztes Angebergehabe ist für den einen oder anderen Lacher gut und sängerisch wie von Speed befeuert. Selbiges gilt auch für das um Jazzmusiker erweiterte Wiener KammerOrchester – special extended unter der Laid-Back-Leitung des afrobritischen Gershwin-Spezialisten Wayne Marshall, das mal mit Big Band Sound die Dezibel-Skala sprengt, wenn’s auf der Bühne heftig, mal butterweiche, leise Jazztöne erklingen lässt, wenn’s romantisch wird. Marshall verzichtete auf allzu viel Schmelz & Schmalz bei Standards wie „I Loves You, Porgy“, „I Got Plenty o’ Nuttin’“ oder „It Ain’t Necessarily So“ und dirigiert einen für CD-Aufnahmen umschmeichelte Ohren ungewohnt harten, aber zum Geschehen oberhalb des Grabens passenden Gershwin.

Die Vorstellungen bis inklusive Samstag sind restlos ausverkauft. Bleibt zu hoffen, dass jemand daran gedacht hat, diesen fulminanten Abend auf Film zu verewigen. Special thanks to Intendant Roland Geyer und seinem Team. Mit seiner Beherztheit, das „Porgy and Bess“-Projekt trotz aller Widrigkeiten nicht aufzugeben, beweist er einmal mehr, dass das Überwinden von Zäunen und Verzagtheit stets ein Türöffner zur Vielfalt anderer Welten ist.

www.theater-wien.at

  1. 10. 2020