Rabenhof: Jö Schau

April 25, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Genialische Hommage an Georg Danzer

Jö Schau: Oliver Welter, Christoph Krutzler und Lucy McEvil singen Georg Danzer. Bild: © Rabenhof / Sophie Menegaldo Newman & Co

Beim Intro von „Jö Schau“ ist bereits klar, dass hier nicht nach Vorschrift musiziert werden wird. „Der Nackerte im Hawelka“ wird nämlich als Viergesang intoniert, die ausführenden Akteure sind Lucy McEvil, Christoph Krutzler, Oliver Welter und Alf Peherstorfer, das Nestroypreis-Quartett für den André-Heller-Abend „Holodrio, lass mich Dein Drecksstück sein!“ im Rabenhof. Nun haben sie sich ebendort das Œuvre von Georg Danzer vorgenommen, und genialischer als mit dieser Hommage kann man den legendären Liedermacher gar nicht würdigen.

Oliver Welter hat als musikalisches Mastermind der Unternehmung die Songs neu arrangiert, Hausherr Thomas Gratzer wie schon bei „Holodrio“ die Regie übernommen – mit dem Ergebnis einer Aufführung, die das gestrige Premierenpublikum am Ende ausgiebig akklamierte.

„Jö Schau“ führt in die Wiener Vorstadt und zur dort beheimateten Halbwelt. Veronika Tupy stellt dafür ein Café-Beisl auf die Bühne, das definitiv schon bessere Tage erlebt hat, ein 70er-Jahre Setting samt Flipper und ausrangiertem Autodrom-Mobil, auf den Tischen die Zeugen der Nacht, Gösser, Stoli und Asbach.

In diesem Etablissement geben Lucy McEvil, Oliver Welter und Christoph Krutzler die Trottoirschwalbe in der Leoparden-Kombinesch, den Ledersakko-Strizzi und den Goldketterl-überm-Feinripp-Träger, Peherstorfer in bewährter Manier den Barpianisten. Die Gemütslage unter den Gestrandeten in dieser schäbigen Spelunke ist Langeweile, man wartet auf einen Kunden oder den Rausch, und weil beides nicht kommt, hebt man halt zur Singerei an. Das heißt, nicht nur.

Das Ensemble interpretiert diverse Danzer-Texte auch ohne Tonkunst, und tatsächlich, gesprochen erweist sich umso deutlicher, welch großer Poet der gegen seinen Willen mit dem Austropop-Mascherl Versehene war. Welters Werk-Auswahl beinhaltet sowohl die großen Hits als auch wiederzuentdeckende Kleinode, sie reicht von den Spaßliedern übers Schwermütige bis zu den gesellschaftskritischen Songs, und selbstverständlich hinüber ins Suderantische und Versaute. Die Darsteller machen aus Danzers mit Gaudenzdorfer Auskennertum geschaffenen Miniaturen allerhand Typen – solche zum Bemitleiden und solche zum Abgrausen. Mit Charme und Witz und Hang zum Kabarettistischen gestalten sie des Schöpfers Ang’soffene und Ang’speiste, Kniera und Tachinierer, Gfrastsackln und Auf-die-Goschn-Gefallene, seine alter egoistischen Hirnzermarterer und die Zyniker.

Lucy McEvil als Elfi mit Alf Peherstorfer. Bild: © Rabenhof / Sophie Menegaldo Newman & Co

Vorstadtcasanova Christoph Krutzler greift zur Gitarre. Bild: © Rabenhof / Sophie Menegaldo Newman & Co

Lucy McEvil kann sogar ein „Geh in Oasch“ mit Sexappeal ausstatten und ergreifen, wenn sie über „Meine arme tote, aufgeschnittene Mutter“ sinniert, Oliver Welter darf zwischen „Ruaf mi net aun“ und dem „Legendären Wixxerblues“ sein Selbstmitleid verschmachten, mitunter dazu countrymäßig heulen wie ein Schlosshund, und gemeinsam mit Christoph Krutzler la Lucy im Dialog „San Sie ledig/Zieh dich aus“ als Möchtegernmacho bedrängen. Aus der „Elfi“ fertigen McEvil und Welter ein Duett, singt sie eben „du woast dreizehn joa“ und er „du woast anazwanzg und wunderscheh fia mi“, die „Ballade vom versteckten Tschurifetzen“, auf Hochdeutsch: ein Intimpflegetuch nach dem Geschlechtsverkehr, präsentiert McEvil mit Alf Peherstorfer als Rap.

Danzers Stücke eignen sich perfekt fürs Schauspielen, eine Disziplin, in der Christoph Krutzler zur Hochform aufläuft, der im ebenfalls gemeinsam mit Welter vorgetragenen Mix von „I verlass di/I wünsch da vü Glück“ und der Zeile „laß die mutter sche griaßen / und der nachbarin ihr’n hund“ eine neue Dimension weinerlicher Tragikomik anpeilt. Als so großmäuliger wie minderbegabter Mime macht er aus „Ich bin da Mörda“ ein Kabinettstück, als „Vorstadtcasanova“ greift er zur Klampfn, um die Damen zu Gitarrenklängen „übas glanda“ zu biagn. Es rührt ans Herz, Danzers Dialekt- und Kraftausdrücke, seine Wienerismen zu hören, die mittlerweile so akut vom Aussterben bedroht sind.

Mittendrin wird’s – wiewohl die Lieder alle zu Beginn der 1980er-Jahre entstanden sind – politisch, brisant, hochaktuell. Lucy McEvil singt  „Ruhe vor dem Sturm“, Christoph Krutzler über „Die Freiheit“, die im Zoo als seltene Art ausgestellt worden, hinter Gittern aber spurlos verschwunden ist. Dem Song hat Oliver Welter einen afrikanischen Rhythmus unterlegt, während er, als „Der alte Wessely“ von Hitler schwärmt, der „mid der gaunzn ausländischn bruat“ aufgeräumt hätte, sein Klavierspiel ins Atonale gleiten lässt. Schließlich „Ihr habt die Macht“: „euch geht es nicht um unser wohl / das lässt euch völlig kalt / und hinter eurem lächeln steckt / die fratze der gewalt / das recht, das ihr euch anmaßt / heißt nicht gerechtigkeit / gesetze panzern eure welt / doch nicht für alle zeit / noch täuscht ihr viele / doch ihr seid von einigen durchschaut / und irgendwann da kommt der tag / wo euch kein mensch mehr traut / ihr haltet uns in finsternis / doch wir entzünden licht / ihr habt die macht / noch habt ihr sie – / unsre liebe / habt ihr / nicht“.

Geh in Oasch: Lucy McEvil, Oliver Welter, Christoph Krutzler und Alf Peherstorfer. Bild: © Rabenhof / Sophie Menegaldo Newman & Co

Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer natürlich „Lass mi amoi no d’Sunn aufgehn’n segn“ am Schluss und Standing Ovations danach, außer, dass man gern noch den „Frauenmörder Wurm“ oder die „Alte Drecksau“ oder übers Haschisch im Schokoladenei gehört hätte … oder … oder … oder? Verehrter Herr Danzer, meine Verehrung, habedere, werte Rabenhof-Truppe.

Video: www.youtube.com/watch?v=ajScO1D7hBw&feature=youtu.be

www.rabenhoftheater.com

  1. 4. 2019

Akademietheater: Woyzeck

April 11, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Manege frei für die Maniacs

Woyzeck kauft sich ein Messer, jedoch eines mit versenkbarer Klinge: Steven Scharf und Falk Rockstroh. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Auf die rotweißgestreifte Zeltplane sind alte Filmaufnahmen projiziert. Raubtier- und Elefantennummern, die Tiere mühsam und nur mit Gewalt unter Kontrolle gehalten, kleine Hunde, die sich zum Affen machen müssen, Trapezkünstler in schwindelnden Höhen, menschliche Pyramiden und Kaskadeure. Gleich darauf, wenn Steven Scharf das Plastik heruntergerissen und die halbe Manege, vom Gittergang für die Großkatzen

bis zur Zuschauertribüne zerlegt haben, wenn nur noch eine armselige Handvoll Akrobaten übrig sein wird, enträtselt sich, worauf Regisseur Johan Simons abzielt. Das heißt, nicht zur Gänze. Denn ob Albtraum, Erbsenirrsinn oder einfach Ausflug in den Surrealismus, bleibt der Fantasie des Zuschauers überlassen. Simons, seit dieser Spielzeit Intendant des Schauspielhauses Bochum und die Aufführung ergo eine Koproduktion mit diesem, zeigt am Akademietheater seine Interpretation des „Woyzeck“. Es ist seine dritte Inszenierung des Dramenfragments, sein Zugriff auf Büchner diesmal als wäre dieser Beckett, der Verfechter eines Bühnenrealismus dargeboten, als wär’s ein Stück absurdes Theater.

Das Setting von Stéphane Laimé und die Kostüme von Greta Goiris verströmen Zirkusluft, wenn auch die eines ziemlich abgetakelten Etablissements, darin die sinnfreie Welt und der orientierungslose Mensch: Steven Scharf als Woyzeck, dressiert, gedemütigt, beglotzt, bestaunt und ob seiner Stärke gefürchtet – so wie’s Dompteure mit den von ihnen geknechteten Kreaturen tun. Und während er Wortfetzen vor sich hin murmelt, wimmert, brabbelt, Koen Tachelet geht in seiner Fassung mit dem Büchner-Text sehr sparsam um, sind die anderen prahlerische Ausrufer der eigenen Person. „Hepp!“ rufen sie, als wäre ihnen gerade ein besonderes Kunststück gelungen, mit großen Gesten wenden sie sich ans Publikum, wenn sie zu ihrer Vorführung wie wild geworden im Kreis herumtoben oder über diverse Gerüste turnen. Marie im zu großen Herrenanzug und überdimensionalen Clownsschuhen, der Tambourmajor als starker August im knappen Trikothöschen, der Hauptmann im grünen Trainingsanzug, der Doctor in Klinisch-weiß mit Gummistiefeln – es wird noch etliches an Regen fallen, darum.

Mit Marie und dem Drahtgestellsöhnchen: Anna Drexler und Steven Scharf. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Tanz um den Tambourmajor: Anna Drexler und Guy Clemens. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Simons also hat Büchners dritte Szene, „Buden, Lichter, Volk“, zum Programm erklärt, lässt überhaupt die Szenen wie Nummern ablaufen. Und in der nächsten Abteilung sehen Sie …! Im Mittelpunkt ein Steven Scharf auf dem Höhepunkt seiner Schauspielkunst, das geschundene Individuum, das seine einstudierten Tricks vorführen muss. Verstörend ist das, wie Scharfs zunehmend besessener Woyzeck in Momenten größter Beleidigung und tiefster Gebrochenheit seinen Stolz zu wahren oder in zahlreichen und langen Sekunden des Schweigens sich als Subjekt zu behaupten sucht, nur um sich dann wieder selbst aufs Korn zu nehmen. Etwa, wenn er sich mit Marie als „das astronomische Pferd“ und dessen Conférencier abwechselt. Das rote Granulat auf dem Boden, auf dem er sich wälzt, wird später auf nackter Haut wie Blutstropfen wirken.

Im expressiven Spiel steht ihm Anna Drexler als Marie in nichts nach. Sie jauchzt und quiekst und überbetont die Worte, als ihr der Tambourmajor ins Auge sticht. Sie produziert sich vor ihm und buhlt ums Publikum, will mit beiden Blickkontakt herstellen, wohingegen sie in der Zwiesprache mit Woyzeck klar und wahrhaftig ist, je mehr Wahnsinn, umso wahrhaftiger. Dass ihr Söhnchen ein fragiles Drahtgestell mit Kinderfüßchen ist, passt ins Bild dieser lieblosen Mutter, die den Kleinen mit allerhand Gruselgeschichten zum Einschlafen nötigt. Drexlers wie Scharfs Performance ist irritierend, irisierend und so, dass an ihren Figuren immer etwas bleibt, ein Dunkel, ein Geheimnis, das man nicht zu fassen bekommt.

Den Einsatz des weiteren Personals hat Simons wie die Handlung auf die Essenz konzentriert. Extrem körperlich legt Daniel Jesch den Hauptmann an, ein Kraft- und Machtmensch, der Woyzecks philosophische Versponnenheiten gar nicht mag. Im Gegensatz zu ihm ist Guy Clemens‘ Tambourmajor ein Möchtegern, der die Gewichte kaum stemmt, die Woyzeck mit einer Hand hebt, und sich lächerlich macht, als er hinter Marie her in Rösselsprüngen die Manege durchmisst. Falk Rockstroh ist als Doctor ein pragmatischer Wissenschaftler, der für sein Versuchsobjekt keine Empathie aufbringt. Und obwohl all diese nicht viel zu agieren haben, bleiben sie die ganze Zeit so bühnenpräsent, dass sei einem nie aus dem Fokus geraten. Bestes Beispiel dafür ist Martin Vischer, der als Großmutter der einzige Zirkusbesucher ist, und der über beinah zwei Stunden nur sitzt, schaut, tonlos gestikuliert, den Mund offen, wie’s bei sehr alten Menschen manchmal so ist, bevor er endlich das Märchen vom armen Waisenkind erzählen darf.

Der Wahnsinn der Erbsendiät: Steven Scharf und Falk Rockstroh. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Im Regen stehen lassen: Falk Rockstroh, Steven Scharf und Daniel Jesch. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Schließlich tritt Steven Scharf mit Zirkusdirektorenzylinder und Regenschirmchen in die Arena, allein im Scheinwerferkegel sprechen Stimmen zu ihm, verlangen Maries Ermordung. Gespenstisch ist, was Scharf da mit minimalster Mimik und Gestik ausdrückt, an Psychose, an Schizophrenie, an Leid und Elend. Er wird ein Messer kaufen, und es wird ein Theatermesser mit versenkbarer Klinge sein. Denn in Woyzecks Wahn ist Marie nicht zu töten, sondern wird ihm übers Sterben hinaus noch Anweisungen geben. Damit ist der Realitätsverlust besiegelt, die Reise in Woyzecks Kopf am Ende. John Simons‘ Büchner-Umschreibung ist mit all den Fragen, die sie offen lässt, ein Abend, der nachwirkt. Wobei es gerade seine Auslassungen sind, die dies am gewaltigsten tun.

www.burgtheater.at

  1. 4. 2019

Volksoper: Meine Schwester und ich

April 7, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Charme, Schuh und Millionen

Dolly, Prinzessin Saint-Labiche, hat ein Auge auf ihren Bibliothekar Dr. Roger Fleuriot geworfen: Lisa Habermann und Lukas Perman. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Gerade als man dachte, mehr geht nicht, ging’s erst richtig los. Mit Tempo, Temperament und Tollheit, nach der Pause im zweiten Akt, was daran liegen mag, dass nun die beiden Hits zu hören sind, „Ich lade Sie ein, Fräulein“ und „Mein Mädel ist nur eine Verkäuferin“, definitiv aber mit Herbert Steinböck zu tun hat, der als glückloser Schuhhändler Filosel ein kabarettistisches Kabinettstück liefert. Und mit Johanna Arrouas, die als seine von einer Karriere als Revuegirl träumende Angestellte Irma wohl die beste Leistung des Abends bietet.

An der Volksoper hatte in der Regie von Direktor Robert Meyer Ralph Benatzkys „Meine Schwester und ich“ Premiere, beinah muss man sagen, eine Neuentdeckung, ist die musikalische Klipp-Klapp-Komödie doch nicht nur erstmals am Haus zu sehen, sondern liegt die letzte Wiener Inszenierung mehr als vier Jahrzehnte zurück. Zur Zeit der Uraufführung 1930 war das Werk ein Riesenerfolg, was es nun – siehe Schlussapplaus – auch an der Volksoper zu werden verspricht, mit dem der Komponist gleichsam das Genre der Kammeroperette erfand. Ein feines Spiel im intimen Rahmen, kleines Orchester, weder Chor noch Ballett – wobei Robert Meyer und Dirigent Guido Mancusi diese Vorgabe auf ganz wunderbare Weise verwässern.

Im Gerichtssaal fängt es an. Das angedachte Traumpaar Dolly, Prinzessin Saint-Labiche, und der Musikwissenschaftler Dr. Roger Fleuriot begehren die Scheidung. Doch der Richter will erst die Geschichte der beiden hören, bevor er ein Urteil spricht. Und so findet sich die Justiz rückversetzt in der Pariser Bibliothek der Prinzessin wieder, wo Roger beauftragt ist, den Bestand neu zu ordnen. Längst hat die millionenschwere Dolly ein Auge auf den mittellosen Akademiker geworfen, aber der scheut die Standesunterschiede und hält an seinen Vorstellungen von einer „schicklichen Ordnung“ fest. Als Roger nach Nancy abreist, um dort eine Professur an der Universität anzutreten, erfindet Dolly in Panik eine Schwester, der er ein Päckchen mitbringen soll.

Lukas Perman mit dem fabelhaften Jugendchor der Volksoper Wien. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Schuhhändler Filosel und Kunde Monsieur Camembert bemühen sich eifrig um Dolly: Herbert Steinböck, Lisa Habermann und Georg Wacks. Bild: © Jenni Koller/Volksoper Wien

Eine beim Vater in Ungnade gefallene, nunmehrige Schuhverkäuferin, die Dolly selbstverständlich bis aufs Haar gleicht. Als Roger auf die in Geneviève verwandelte Dolly trifft, verliebt er sich im Moment, muss er dem vermutet einfachen Mädel gegenüber doch keine Minderwertigkeitskomplexe haben. In Filosels Laden kommt aber auch, schäumend vor Eifersucht, Dollys ungarischer Verehrer Graf Lacy de Nagyfaludi an – wie praktisch vom Plot, dass Dolly ihn Irma zuführen kann, deren Feuer der Magyar sofort erliegt. Die Paare finden sich, Champagner und Geld fließen, doch ist längst nicht alles Gold, was glänzt – und so erscheint erneut das Gericht, um eine Entscheidung über Dollys und Rogers Ehe zu treffen …

Meyer hat ein Ensemble versammelt, das punkto Gesang, Schauspiel und Tanz kaum Wünsche offen lässt, das sich mit Verve ins verrückte Treiben wirft, und dabei niemals die Komödiantik Richtung Klamauk überdreht. Ausstatter Christof Cremer stellt erst einen eleganten Art-déco-Salon auf die Bühne, später ein pastelliges Schuhgeschäft, alles atmet 1930er-Jahre, auch die ebenfalls in der Farbskala Rosé bis Magenta gehaltenen Kostüme. In diesem Setting brillieren die Darsteller, die freilich den von Benatzky verlangten „Singschauspielern“ stimmlich meist weit überlegen sind. Hausgast Lukas Perman, derzeit auch am Raimund Theater in „I Am From Austria“ zu sehen, überzeugt mit seinem Charme und seinem angenehmen Kavaliertenor, interpretiert eine Walzermelodie wunderschön Wienerisch, und meistert mit Witz die Wandlung Rogers vom tollpatschigen Gelehrten zum liebestrunkenen Draufgänger.

Lisa Habermann ist eine bemerkenswert quirlige Dolly/Geneviève, die wiewohl ohne Standesdünkel, sehr wohl weiß, wie man unter Einsatz von Geld seinen Kopf durchsetzt. Julia Koci legt ihre Gesellschafterin Henriette als kokettes Geschöpf an. Guido Mancusi führt das Orchester von Slowfox über Tango bis Shimmy zur Hochform, Andrea Heil hat dafür schwungvolle Choreografien ausgearbeitet, doch Benatzky wäre nicht Benatzky, hätte er nicht mit Augenzwinkern die Kollegen der Zunft aufs Korn genommen. So finden sich in „Meine Schwester und ich“ nicht nur parodistisch-opernhafte Passagen wie Irmas „Aber Filosel …“, sondern wird auch die große Silberne Operette persifliert, vor allem die damals beliebte Ungarntümelei – in der Figur des Lacy-bácsi.

Schuhverkäuferin Irma schockiert Filosel mit ihren Revuegirl-Allüren: Herbert Steinböck und Johanna Arrouas. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Doch der heißblütige Graf Lacy de Nagyfaludi verfällt ihr sofort: Carsten Süss und Johanna Arrouas. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Carsten Süss gestaltet das heißblütige Blaublut großkariert und mit dezentem Akzent, und hat mit Lisa Habermann und „Um ein bisschen Liebe dreht sich das Leben“ und Johanna Arrouas und „Ach, wie süß ist die Liebe“ zwei der hervorragendsten Auftritte der Aufführung. Gemeinsam mit Herbert Steinböck als atemlos-schusseligem Filosel entzündet sich ein Feuerwerk an guter Laune. Alles an diesem Abend ist, um im Französischen zu bleiben, super sympathique. Nicolaus Hagg wird vom Gerichtspräsidenten zu Dollys treuem Faktotum Charly, Georg Wacks ist als Monsieur Camembert ein Kunde, den man ungern – nomen est omen – Fußbekleidung anprobieren lässt.

Bleibt, die vier Damen und vier Herren des Jugendchors zu erwähnen, um deren kleine Rollen als Beisitzer, Bedienstete, Revuetänzer das Benatzky-Personal aufgepeppt wurde, und deren Namen sträflicherweise nicht auf dem Programmzettel ausgewiesen sind. Wenn sich so der Nachwuchs des Hauses präsentiert, braucht man sich um die künstlerische Zukunft der Volksoper keine Sorgen zu machen. Bravo!

Leading Team und Darsteller im Gespräch; www.youtube.com/watch?v=F5_WXlFaruw  www.youtube.com/watch?v=DpToLeKwei8        www.volksoper.at

  1. 4. 2019

TAG: Die Ratten

April 4, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Kind als Kapital und Konsumgut

Herr John ist überglücklich, doch Frau John hat ihrem Bruder bereits einen mörderischen Auftrag erteilt: Michaela Kaspar und Jens Claßen, hinten: Raphael Nicholas. Bild: Anna Stöcher

„Frei nach“ Gerhart Hauptmann nennt Bernd Liepold-Mosser seine Version von dessen Tragikomödie „Die Ratten“, und kommt dabei dem Original in der Intentionen so nahe, dass es greifbarer kaum geht. Am TAG hat der Sozialphilosoph unter den Theatermachern seine Fassung des berühmten Naturalismusstücks zur Uraufführung gebracht, als ein Gedankenspiel, auf das man allerdings gewillt sein muss, sich einzulassen. Wer dies tut, wird mit einem Bühnenerlebnis der Extraklasse belohnt.

Liepold-Mosser und Ausstatterin Karla Fehlenberg versetzen die Akteure in eine Art dystopische Laborsituation. Weiße Wände umgrenzen die klinische Versuchsanordnung, aus der es kein Entkommen gibt, weshalb die fünf Schauspieler permanent auf der Spielfläche sind – ein Kraftakt, auch wegen des hohen Tempos, in dem das 90-minütige Geschehen abläuft. Was Liepold-Mosser in diesem Setting schildert, ist das Sozialdrama eines Mittelstands, der seine Existenz auf schwankenden Boden gebaut hat. Zwar gilt für Herrn John noch das von allen Figuren vorgebetete Mantra, als fix Verankerter auf dem Arbeitsmarkt, Nachsatz: „Was heutzutage etwas heißen will“, sei er eine wichtige Größe in der Erwerbswelt.

Der Warenhandel an der Wiege: Lisa Schrammel und Michaela Kaspar. Bild: Anna Stöcher

Inzestuöse Geschwisterliebe: Michaela Kaspar und Raphael Nicholas. Bild: Anna Stöcher

Doch dräut am Horizont schon der „Abstieg“ ins freie Unternehmertum, weil, wer nicht zu hundert Prozent einsatzwillig für die Firma ist, in diesem Falle, man weiß es, wegen der vermuteten Vaterschaft, alleine schauen muss, wo er bleibt. Liepold-Mosser hinterfragt mit seiner „Ratten“-Interpretation derart nicht nur die Schattenseiten eines heutigen kapitalistischen Systems, er verschiebt Arbeitsdruck, Ausnutzung, Nutzbarmachung des Menschen auch vom Beruflichen ins Private – zu Frau John und Pauline. Der nämlich stellt die Kindswütige die Alleinerzieherinnen-Armutsfalle in Aussicht, sollte sie sich nicht zur Abgabe des Neugeborenen entschließen.

Die Gleichung, die Liepold-Mosser aufstellt, lautet: Kind ist gleich Paulines Kapital ist gleich ein Konsumgut für Frau John, und so ist es nicht verwunderlich, dass es im Weiteren „das Ding“ oder „die virale Sache“ genannt wird, die Pauline, als wär’s eine Maschine, bei Frau John schließlich doch „in Betrieb gegeben hat“. Der Geburtskanal als Vertriebskanal. Liepold-Mosser hat eine mäandernde, sich stetig wiederholende Kunstsprache erdacht, doch was vom Dialekt befreit ist, immerhin an der Donau verankert, in die sich Pauline statt des Berliner Landwehrkanals erst stürzen will.

Michaela Kaspar als Jette John und Lisa Schrammel als Pauline machen „Die Ratten“ mit ihrer intensiven Darstellung zum Königinnendrama, auch dies etwas von Hauptmann Gewolltes, war doch sein Credo, dass untere Gesellschaftsschichten um nichts weniger als gekrönte Häupter für die große Tragödie taugen. Kaspar und Schrammel gestalten den Infight zweier Frauen meisterlich, manipulativ schmeichlerisch, dann wieder beinhart bedrängend die eine, vehement ihr Recht einfordernd die andere, Pauline hier als 24-Stunden-Pflegekraft aus einem Drittstaat ausgewiesen und damit eine ebenso prekäre Person, wie ihre Piperkarcka-Vorgängerin, auch wenn ihr Frau John zynisch versichert, ohne Babypause könne sie endlich jobmäßig durchstarten.

Performt den Nachbarschaftssong: Georg Schubert mit Jens Claßen, hinten: Raphael Nicholas und Michaela Kaspar. Bild: Anna Stöcher

Bruno ist Pauline auf den Fersen: Raphael Nicholas und Lisa Schrammel, vorne: Michaela Kaspar und Jens Claßen. Bild: Anna Stöcher

Jens Claßen scheint als Herr John ein Versicherungsvertreter für Zukunftsvorsorgen zu sein, und Claßen erzählt den draußen erfolgreichen Pragmatiker daheim als gutgläubigen Toren, dem zu spät die Augen aufgehen. Wenn Frau John über ihren Mann punkto Fortpflanzung sagt, er sei kein begnadeter Miterzeuger, aber ein perfekter miterzeugender Verantwortlicher, so ist diese Figur treffend beschrieben. Georg Schubert versammelt als neugieriger, nervtötender, unangenehmer Nachbar das übrige Personal der zum noch nicht ganz abbezahlten Eigenheimrefugium mutierten Zinskaserne in sich.

Er hat als Lauscher das Ohr wahlweise an der Wand oder auf dem Boden. Als „verschärfte Kontrollinstanz“, wie sich der Nachbar selber nennt, singt und tanzt er, und bestreitet zweifelsfrei den von Hauptmann als satirisch überspitzt vorgesehen Komödienanteil am Drama. Und dann ist da noch Frau Johns kleinkrimineller Bruder Bruno, der sein Handeln bei Liepold-Mosser damit rechtfertigt, ein „Modernisierungsverlierer“ zu sein. Raphael Nicholas spielt ihn als eifersüchtiges Mannkind, der mit dem Säugling um die Liebe seiner Schwester buhlt.

Wobei die beiden aus ihren inzestuösen Anwandlungen kein großes Geheimnis machen. „Du bist die Festplatte, aber ich bin die Maus“, sagt dieser Bruno zu Jette, bevor er sich die Nagermaske aufsetzt und zum gefährlich die Szenerie umschleichenden Raubtier wird. Das von der Inszenierung festgeschriebene „Alles hat seinen Preis“ wird in voller Doppeldeutigkeit auch ihn treffen. Liepold-Mosser und Fehlenberg haben eine pastellästhetische Optik fürs düstere Treiben gewählt. Das verläuft an sprachlosen Stellen nach einem streng choreografierten Bewegungsmuster. Bei Frau Johns Irrsinnstango mit der von der Decke abgehängten Pappkartonwiege. Wenn Pauline und Bruno das Bühnengeviert abschreiten – und man nach der zweiten Kurve entsetzt bemerkt, dass er sie immer mehr einholt. Bruno gehört denn auch der finale Song über eine Wasserleiche als Nahrungsquelle für ein Rattennest. Ein Text, der das Homo homini rattus auf die Spitze treibt.

Liepold-Mosser zeigt den Menschen, wie er sich im engen Käfig seiner Lebenswünsche verfängt, und überlässt es dem Publikum Worten wie Ausbeutung oder Zerfleischung die Silbe „Selbst-“ voranzustellen. Dass sich seine „Ratten“ auf dem schmalen Grat zwischen Tragik und Komik abspielen, auch das ist im Sinne des Erfinders Hauptmann – und natürlich das künstlerische Charakteristikum des TAG.

Trailer: vimeo.com/327432694

dastag.at

  1. 4. 2019

TAG: Kirschgarten. Eine Komödie ohne Bäume

Februar 3, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Arturas Valudskis verzaubert Anton Tschechow

Einmal packt auch die Ranjewskaja zu: Michaela Kaspar und Raphael Nicholas als Trofimow, hinten: Georg Schubert und Jens Claßen. Bild: Georg Mayer

Sommergäste! Schnaubt die illustre Gesellschaft und findet den Gedanken so abwegig, dass sie darüber nur in Gelächter ausbrechen kann. Derart fein gearbeitet ist der Witz, mit dem Arturas Valudskis seinen „Kirschgarten“ im TAG gestaltet. Denn „Sommergäste“ ist gleich Gorki, und der wiederum war mit Tschechow zwar befreundet, doch teilte der ältere die politisch-revolutionären Ansichten des jüngeren nicht.

In einem Brief hielt Tschechow sogar fest, er misstraue der gesamten Intelligenzija, da heuchlerisch und hysterisch und einen Stillstand beklagend, der aus ihrem eigenen Schoß krieche. Womit das Personal seiner Obstplantagenkomödie versammelt wäre. Valudskis‘ Zugriff auf den Stoff ist ein radikaler. Aus dem Vergleichen verschiedener Textversionen ist sein Destillat entstanden, 90 Minuten bis „Baum fällt!“, und wie stets setzt der aus Litauen stammende Regisseur für sein schwarzes Theater, für sein – im Grotowski’schen Sinne – Armes Theater neben einer genauen Sprache auf die Körperpräsenz seiner Schauspieler. Die diesmal fast zur Gänze aus dem TAG-Ensemble sind. Michaela Kaspar spielt die aus Paris heimgekehrte Gutsbesitzerin Ljubow Ranjewskaja als elegant-elegische Erscheinung, nur einmal packt sie zu, aber da richtig, Georg Schubert deren Bruder Gajew als vom Billard besessenen Gemütsmenschen.

Gutsbesitzers sind pleite: Michaela Kaspar und Georg Schubert als Gajew. Bild: Georg Mayer

Raphael Nicholas als Firs, hinten: Georg Schubert, Jens Claßen und Michaela Kaspar. Bild: Georg Mayer

Lisa Schrammel ist sowohl als romantisch veranlagte Tochter Anja wie als patente Pflegetochter Warja zu sehen, TAG-Gast Karola Niederhuber kommen als Gouvernante Charlotta die clownesken Szenen zu, und auch Raphael Nicholas teilt sich in zwei Charaktere auf – ein von ihm wunderbar gezeichneter Kontrast als ewiger Student Trofimow und als gichtfingriger Tattergreis Firs. Jens Claßen schließlich gibt als Lopachin eine Glanzleistung. Von diesem kommt der verspottete Vorschlag, das Grundstück für Ferienhäuser zu parzellieren. Denn die Herrschaften sind bekanntlich pleite.

Der ehemalige Leibeigene, nun Kaufmann, ist der einzige, der über Vermögen verfügt. Der Rest hofft auf Gott oder Kredit oder Hilfe von Großtantchen. Valudskis erschafft poetische Bilder. Er verzaubert Tschechow. Ein Telegramm aus Paris landet als Papierflieger auf der Bühne und wird dort, weil unliebsamen Inhalts, zum Schnipselregen. Steine von der Seele fallen tatsächlich, und was sich hinter einer Türattrappe an Gerangel und Getrampel zuträgt, vermag man nicht einmal zu erahnen. Immer wieder trägt Charlotta im Hintergrund den im Fluss ertrunkenen kleinen Sohn der Ranjewskaja vorbei.

Eine Erinnerung ans Verlorenhaben. Das sind die Momente, in denen Valudskis die Situationskomik und den Wortwitz innehalten und die Tschechow’sche Melancholie zu ihrem Recht kommen lässt. Behutsam, beinah nur im Unterbewusstsein, platziert Valudskis diese Botschaften. Da steht das in seinen Ritualen festgefahrene Faktotum Firs für die gesamte änderungsunfähige Clique, die Lopachin wie eine lästige Fliege wegwedelt, weil nicht neu sein kann, was nicht sein darf. Da reden sich Kapitalist Lopachin und Sozialist Trofimow über die Definition des „stolzen Menschen“ die Köpfe heiß, der Proletariatsphilosoph und der wahrhaftige Mann aus der Arbeiterklasse, und als zweiterer von Warja schlussendlich den Schlüsselbund für Haus und Hof ausgehändigt bekommt, wirkt der darüber gar nicht glücklich, sondern – zornig, irgendwie.

Im Papierschnipselregen: Karola Niederhuber als clowneske Gouvernante Charlotta und Jens Claßen als Lopachin. Bild: Georg Mayer

Die Intensität, mit der das alles abläuft, ist hoch. Und weil das Beste zum Schluss kommt, hat sich Valudskis dafür ein besonderes da capo al fine ausgedacht. Während nämlich Lopachin an einer Stelle versucht, das Alte rauszuwerfen, heben, tragen, schleppen Gutsbesitzers ihre Habe an anderer wieder herein. Ein „Sesselkreis“, der klar macht, dass es gar nicht so einfach ist, das Gestern loszuwerden. Wofür Russland durchaus ein passendes Beispiel ist …

Trailer: vimeo.com/314104883

dastag.at

  1. 2. 2019