TAG: Unterm Strich – Ein Jahrmarkt der Eitelkeit

April 22, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das neue Leben geht in zwei Wochen los

Raphael Nicholas ist ein strippenziehender, allwissender Spielleiter. Bild: © Anna Stöcher

William Makepeace Thackerays Wälzer „Vanity Fair“ verwendet Regisseurin Margit Mezgolich für ihre jüngste TAG-Überschreibung „Unterm Strich – Ein Jahrmarkt der Eitelkeit“. Ab 1847 ist Thackerays großer Gesellschaftsroman in Fortsetzungen im Satiremagazin Punch erschienen, die Geschichte der gerade einer „Erziehungsanstalt für junge Damen“ entschlüpften Freudinnen Becky Sharp und Amelia Sedley.

Zeitlich verankert durch Schilderungen der Schlacht von Waterloo – diese, Napoleons Niederlage, der einzige historische Hinweis im Buch. Mezgolich hat da mehr zu bieten. Wer will kann sich mit ihren Figuren auf Zeitreise begeben. Wo war man, als die Mauer fiel, Lady Diana verunglückte, 9/11 passierte? Immer wieder erinnern Nachrichtensprecher an die dramatischsten Ereignisse der vergangenen dreißig Jahre. Zeitreise ist das große Thema des Abends, an dem Raphael Nicholas in altertümlicher Aufmachung und mit Zeremonienstock als letzter an die Thackeray’schen Charaktere gemahnt. Er ist – einerseits – dessen „Spielleiter“, im Original wie hier ein stippenziehender, allwissender Erzähler, der gern die Handlung unterbricht, um seine moralisierenden Weisheiten von sich zu geben.

Nicholas tut das mit ausladend-manierierter Geste und melancholisch gelüpfter Augenbraue. Ach, die Menschen, sie sind schon so! Andererseits aber ist er „Stefan“, der, wie sich alsbald herausstellen wird, Loser einer Gruppe von (ehemaligen) Schauspielschülern. Die hat er nun, am 21. April 2018, zum Klassentreffen eingeladen. In ein Abbruchhaus ohne Fenster und Möbel – ein Schelm, wer da an Horrorfilmszenarien denkt. Von der desaströs langweiligen Party geht’s im Zeitraffer in die Vergangenheit und zurück in die Zukunft.

Die Zeitreise ins Jahr 1989 gelingt mit passenden Perücken: Jens Claßen, Georg Schubert, Lisa Schrammel und Petra Strasser. Bild: © Anna Stöcher

Stefan beim Vorsprechen als „Spielleiter“: Lisa Schrammel, Georg Schubert, Petra Strasser, Jens Claßen und Raphael Nicholas. Bild: © Anna Stöcher

Da beginnt’s mit einem Vorsprechen Stefans in der Rolle des Spielleiters in der Gruppe 80. Ein Insidergag, der vom Uraufführungspublikum mit entsprechendem Gelächter gewürdigt wurde. Da werden mittlerweile erworbene Wohlstandsbäuche abgeschnallt und haarsträubende Perücken aufgesetzt, um das Jahrzehnt anzuzeigen, das gerade Sache ist. Der Inhalt? Ungefähr so: Emma liebt Martin, der sie mit Becky betrügt, und wird von Richard heimlich wiedergeliebt. Dazwischen ereignen sich die großen und kleinen Katastrophen des Alltags, von Eheschließungen bis Jobverlust bis Autounfall mit dramatischen Folgen.

Bei der Schauspielerei bleibt nämlich keiner der vier. Nach und nach kristallisiert sich außerdem heraus, dass alle mehr als einen Strauß miteinander auszufechten haben. Spielleiter Stefan genießt und musiziert., die Handlung nimmt den Twist, den man beinahe erwartet hätte. Dass Mezgolichs Übung gelingt, ist im hohen Maße dem wie immer von überbordender Spielfreude beseelten TAG-Ensemble zu danken. Raphael Nicholas, Jens Claßen als schüchternem Richard, Lisa Schrammel als naive, „höhere Tochter“ Emma, Georg Schubert als polternder Kotzbrocken Martin und Petra Strasser als hippelige Stadtneurotikerin Becky.

Mit nervösem Augenflattern kann sie bei jedem neuerlichen Treffen von einer aktuellen Geschäftsidee berichten, die „in zwei Wochen losgeht“. Was bleibt vom Leben „Unterm Strich“? – das ist die eindringliche Frage, die Margit Mezgolich mit ihrem Text an die Zuschauer weiterspielt. Zum Glück, schließlich am Schluss ein Hoffnungsschimmer. 2018 ist veränderbar! Richard gelingt es anno ´89 Emma einen seiner über die vielen Jahre an sie gerichteten Sehnsuchtsbriefe zu überreichen. Das lässt die Idee zu, dass wenn schon vielleicht nichts besser, so doch alles anders wird …

Video: vimeo.com/265560413

dastag.at

  1. 4. 2018

Theater zum Fürchten: Tartuffe

April 8, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Betrüger hat am Schluss das Sagen

Tartuffe manipuliert Orgon: Alexander Rossi und Georg Kusztrich. Bild: Bettina Frenzel

Dass gerade jenen, denen die Augen geöffnet sind, darob der Mund verboten wird, ist wohl die Quintessenz von Marcus Gansers „Tartuffe“-Inszenierung, die das Theater zum Fürchten nun in seiner Wiener Spielstätte, der Scala, zeigt. Bei Ganser nämlich hat der Betrüger am Schluss das Sagen. Gemächlich schlendert er durch die Sitzreihen und verklebt einem nach dem anderen Mitglied der Familie Pernelle die Lippen mit schwarzem Band. Dass diese Reihen aus Theaterklappsesseln bestehen, scheint des Regisseurs – Ganser hat wie stets auch das Bühnenbild erdacht – irr witziger Kommentar zur (Kultur-)politik zur Zeit zu sein.

Sein „Tartuffe“ ist ein satirisches Spiegelbild der gesellschaftlichen Vorgänge dieser Tage. Da mag man sich selber beim Schopf nehmen und die eigenen Handlungen hinterfragen, oder auch die Worte statt Taten, auf die man schon hereingefallen ist, die Manöver und die Manipulationen, und „Honi soit …“, wer sich was dabei denkt, dass Orgon hier eine rote und Tartuffe eine türkisblaue Krawatte trägt. Dass Moliéres meisterliche Komödie für derlei Zuspitzungen mehr als geeignet ist, ist ja bewiesene Tatsache.

Ihr Schöpfer selbst wähnte sich zu Recht nach dem Verbot der ersten beiden Fassungen von gewieften Politikern verfolgt, ist sein Tartuffe doch eine messerscharfe Abrechnung mit der damals einflussreichen „Partei der Frommen“. Und les dévots – „die Heuchler haben keinen Spaß verstanden“. In Gansers Bearbeitung nun schillert der „Tartuffe“ in einer tadellosen Versfassung, die die Künstlichkeit, die Verlogenheit des Gesagten noch hervorhebt. Das TzF-Ensemble agiert mit der bekannten Brillanz, allen voran Georg Kusztrich als Orgon, der es schafft, in die Komödiantik die Charakterstudie eines Verblendeten zu packen, der dem bigotten Blender aufsitzt und verfallen ist. In seinen besten hat Kusztrich Louis-de-Funès-Momente. Alexander Rossi spielt als Tartuffe ganz das Unschuldslamm, so schön kann Scheinheiligkeit sein, wenn einer in der Unterhose als armer Sünder dasteht, bevor er sich mit Verve zwischen die Schenkel von Orgons Gemahlin wirft.

Mit Ehefrau Elmire kommt es beinah zum Äußersten: Alexander Rossi, Georg Kusztrich und Eszter Hollósi. Bild: Bettina Frenzel

Der Haus-Staat staunt ob so viel Unverfrorenheit: Eszter Hollósi, Margot Ganser-Skofic, Christina Saginth und Glenna Weber. Bild: Bettina Frenzel

Ganser setzt auf Tempo und Slapstick, lässt seine Darsteller über die Stühle und einen Laufsteg turnen; nur eindreiviertel Stunden dauert seine Version der Farce, und jede Minute davon geht es dabei zur Sache. Hier wird laut und schrill agiert, gesoffen und gekokst und Thomas Marchart darf als stürmischer Valère sogar mit dem Motorrad auf die Bühne fahren. Orgons Kinder gestalten Glenna Weber und Sebastian von Malfér ganz köstlich. Eszter Hollósi hat als Elmire in der Verführungsszene die Lacher auf ihrer Seite, Anselm Lipgens ist ein überlegter, überlegener Cleant.

Herausragen können da nur die wunderbare Margot Ganser-Skofic, die als Madame Pernelle zwei großartige Auftritte hat, in denen sie erst mit dem gesamten Haus-Staat abrechnet, bevor auch sie einsehen muss, dass der „Gottgesandte“ nichts als ein böser Demagoge ist, und Christina Saginth, die sich als vorlaute, freche Dorine als Spielmacherin entpuppt. Wie bei Moliére vorgesehen, gibt es am Ende einen Problemlöser ex machina, der freilich kein König mehr sein kann. Ganser hat diese Macht in die Hände des Journalismus gelegt: Christoph Prückner – dem auch als Flipote und Loyal zwei Kabinettstückchen gelingen – berichtet vor der Kamera von Tartuffes Verhaftung.

Doch das Abgeführtwerden in Handschellen dauert nur einen Moment, schon ist der Scharlatan wieder da, von einer hilf- oder skrupellosen Instanz offenbar freigelassen, und bemächtigt sich erneut seiner Intrigenopfer. Wie gesagt. Honi soit …

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  1. 4. 2018

Theater zum Fürchten: Der jüngste Tag

Februar 11, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Macht der öffentlichen Meinung

Hudetz, verfolgt von den untoten Geistern seiner Opfer: Matthias Messner, RRemi Brandner, Christian Kainradl und Susanne Preissl. Bild: Bettina Frenzel

Eine eindrückliche und beklemmende Inszenierung von Ödön von Horváths „Der jüngste Tag“ zeigt das Theater zum Fürchten in seiner Wiener Spielstätte, der Scala. Regisseur Peter M. Preissler hat Horváths Text als Volksstück verstanden. Er zeigt ohne viel Verfremdungseffekt dessen Figuren als Kleinbürger par excellence, dies nicht ohne liebevolles Verständnis für ihre geschundenen Krämerseelen.

Tut das Horváth’sche Personal doch nichts anderes als die Zwänge und Nöte, in die der jeweils einzelne eingebunden ist, an den nächsten weiterzugeben. Dass aus dieser Kette von Verdrängung nur Feigheit, Dummheit, Intoleranz resultieren können, dass an ihrem Ende „menschliches Versagen“ steht, ist systemimmanent.

Der „Versager“ ist Stationsvorstand Thomas Hudetz, gefangen in einer lieblos gewordenen Ehe zu einer älteren Frau, dem die Wirtstochter Anna, sie wiederum in eine vorteilhafte Verlobung gedrängt, auf dem Bahnsteig einen Kuss abringt. Hudetz vergisst darob ein Signal zu stellen, Züge kollidieren, Menschen sterben. Hudetz wird verdächtigt, doch Anna schwört einen Meineid auf seine Unschuld. Frau Hudetz allerdings hat die Szene vom Fenster aus beobachtet, und rasend vor Eifersucht wird sie dem Staatsanwalt die Wahrheit offenbaren. Von der Kleinstadt allerdings als böses Weib abgestempelt, glaubt ihr keiner auch nur ein Wort. Hudetz wird freigesprochen. Doch Anna bekommt Skrupel, und es kommt zum Äußersten …

Den für einen kurzen Moment pflichtvergessenen Hudetz spielt Christian Kainradl auf höchstem Niveau. Er ist der typische österreichische Beamte, ein bissl Schmerzensmann, ein bissl Judas, ein Charakter, in dem sich Phlegma und Verzweiflung nicht ausschließen. Interessant an der Interpretation Preisslers ist, dass hier ein Hudetz weniger erotisiert als von Annas Avancen überrumpelt ist. Stark spielt Kainradl die Szenen, in denen es Hudetz darum geht, seine Haut zu retten; er macht deutlich, dass Horváth sein 1935/36 entstandenes Stück als Parabel angelegt hat, wohin Lüge und Verleumdung eine Gesellschaft führen werden.

Alles wartet auf den Zug: Leopold Selinger, Angelika Auer, Matthias Messner, Susanne Preissl und Valentin Frantsits. Bild: Bettina Frenzel

Der Staatsanwalt vernimmt die Zeugen: Jörg Stelling, Matthias Messner, Susanne Preissl, Georg Kusztrich und Christina Saginth. Bild: Bettina Frenzel

Ein Überlebender wird entdeckt: Georg Kusztrich, Anna Sagaischek und Tom Jost. Bild: Bettina Frenzel

Die Anna spielt Susanne Preissl als eine Art Lolita, die ihre reizenden Atouts mit großer Naivität ausspielt. Erst als sie sich ihrer Schuld, eine Falschaussage gemacht zu haben, bewusst wird, wird sie erwachsen. Christina Saginth changiert als Frau Hudetz zwischen enervierend und strapaziös, doch dank ihrer gelungenen Darstellung kann man fast nicht umhin, auf ihrer Seite zu sein, da sie doch im Recht ist. Eine Falle, in die Preissler das Publikum geschickt tappen lässt. Jörg Stelling gibt ihren Bruder Alfons als distinguierten Drogeriebesitzer.

Dreh- und Angelpunkt des Abends aber ist die Darstellung der zahlreichen Kleinstädter. Das TzF-Ensemble beweist ja nicht zum ersten Mal, dass es Horváth kann. Und so überzeugt Georg Kusztrich als oberg’scheit-jovialer Wirt zum „Wilden Mann“, der das Menschenfreundlich-Sein ebenso beherrscht, wie das Ausrufen einer Menschenjagd. Angelika Auer ist eine herrlich taktlose Dorftratschn Frau Leimgruber, Valentin Frantsits Fleischhauer Ferdinand als gleichsam Gemüts- wie Gewaltmensch wirkt wie ein Verwandter Oskars.

Anna Sagaischek als Kellnerin Leni gibt mit Chips in der Hand einen der Unfallvoyeure. Matthias Messner, Leopold Selinger, RRemi Brandner (er auch ein grantiger Staatsanwalt) übernehmen gleich mehrere Rollen, auch die der wiederkehrenden Untoten, Tom Jost spielt den überlebenden Heizer Kohut. Und am Höhepunkt der Handlung tritt die örtliche Blaskapelle auf …

Für all das hat Julia Krawczynski ein Bühnenbild erdacht, das nicht nur Antipuppenhäuschen und Antipuppenstuben zeigt, sondern mit Licht und Schall und Rauch auch wunderbar vorbei- und ineinander rauschende Züge. Durch diese Optik entsteht zusätzliche atmosphärische Enge, und so rasch die Bahn daran vorbeifährt, so schnell wechselt die Gesinnungslage im Dorf.

Was einen beim Verlassen des Theaters nicht loslässt: Gedanken über die Macht der öffentlichen Meinung, und die ist, sagt Horváth, sagt Preissler, je nach Einflüsterern wetterwendisch. So schnell im „Jüngsten Tag“ jemand verteufelt wird, so schnell ist er rehabilitiert – und umgekehrt. Ein Umstand, an dem sich nichts geändert hat. Die öffentliche Meinung, auch wenn fehlgeleitet, hat das Sagen.

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  1. 2. 2018

TAG: Macbeth – Reine Charaktersache

Februar 4, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Zufall macht den Mörder

Julian Loidl ist der perfekte Macbeth. Bild: Anna Stöcher

Gegen Ende sagt eine der Hexen, Georg Schubert spielt sie, sie hätte jedem der anwesenden Männer den Königswahn in den Kopf pflanzen können. Dass es Macbeth traf und sie damit ausgerechnet sein Schicksal besiegelte, war – Zufall. Mit diesen Gedankenspielereien, was wählt der Mensch, wo wird für ihn gewählt, befasst sich Gernot Plass bei seiner jüngsten Shakespeare-Überschreibung im TAG. Wie immer, wenn Plass zum britischen Barden greift, ist ihm ein exzellenter Abend gelungen. Modern, witzig, temporeich, und das alles, ohne dem Shakespeare’schen Stoff in irgendeiner Weise Gewalt anzutun.

Im Gegenteil, Plass bleibt nahe am Original, seine Sprache ist poetisch, sie kontrastiert die Brutalität der Handlung. „Heutig“ ist die eine Frage, die ihn offenbar umtreibt: In dieser Welt, in der Selbstbestimmtheit ein Recht ist, auf das es zu pochen gilt, wie weit ist’s wirklich damit her? Gibt es so etwas wie freien Willen, freie Entscheidung überhaupt, oder muss sich nicht jedermann Kräften beugen, die von außen auf ihn einwirken? Derlei philosophischem Überbau folgt fantastisches Schauspiel.

Ein mit einem bald besudelten weißen (Leichen-)Tuch bedecktes Podium stellt die Hochebene dar, drauf und drunter wird gemeuchelt und gemordet, dass es eine Freude ist. Den „geilen Bräutigam der Göttin Krieg“ gibt Julian Loidl. Er ist die Idealbesetzung für diesen Typus Macbeth, ein Zögerer und Zauderer, den die zunehmende Macht mit sich steigernder Angst ausstattet, ebendiese wieder zu verlieren. Loidl gestaltet den Hin- und Hergerissenen ganz großartig, erst am Schluss, erneut auf dem Schlachtfeld, wird dieser Krieger wieder zu sich gefunden haben.

Ihm zur Seite steht Elisa Seydel als eine intensive Lady Macbeth (und wie alle anderen außer Loidl in unzähligen weiteren Rollen. Plass gelingt es, mit sechs Darstellern Shakespeares gesamten schottischen Kosmos zum Leben zu erwecken), sie eine vom Ehrgeiz Getriebene, die die Chance der Prophezeiung nicht ungenutzt verstreichen lassen kann. Wie Seydel zetert und tobt, schmeichelt und kurz darauf mit Liebesentzug droht, wenn er nicht nach ihrem Willen tanzt, ist sehenswert. Diese Lady Macbeth ist eine große Manipulatorin.

Die drei Hexen bei der Arbeit: Lisa Schrammel, Georg Schubert und Raphael Nicholas. Bild: Anna Stöcher

Banquo wird ermordet: Lisa Schrammel, Raphael Nicholas, Georg Schubert und Jens Claßen. Bild: Anna Stöcher

Jens Claßen ist ein ehrenwerter Banquo, Georg Schubert als despotischer Duncan kein so guter König, wie dem nachgesagt wird. Lisa Schrammel macht unter anderem den Malcolm zum sich ermannenden Söhnchen, Raphael Nicholas ist als Lennox verzweifelt über die politischen Entwicklungen in seiner Heimat. Allesamt Krieger in ihren erstaunlich erstarrten Männlichkeitsritualen, die Bühne (Ausstattung: Alexandra Burgstaller) ein düsteres Schlachtengemälde, in das ab und an allerdings kräftig Farbe gebracht wird – womit nicht nur das Blutrot gemeint ist.

Denn wie stets, wenn Plass bei Shakespeare die Finger im Spiel hat, kommt natürlich der Humor nicht zu kurz. Zum einen, wenn sich Nicholas, Schrammel und Schubert als gedungene Mörder im Dialektsprechen und Bärbeißigsein üben, zum anderen, wenn die drei als Hexen auftreten. Die sind bei Plass in Leoprint gehüllte Esoteriktanten, die zwischen Hekates Zauberworkshop und den aktuellsten Societymagazinen tändeln. Dass diesen Spaßgesellschaftsgirlies überhaupt jemand etwas glaubt, grenzt an ein Wunder. Doch natürlich kommt’s, wie’s kommen muss. Dafür war gerade der richtige Mann zur richtigen Zeit am falschen Ort. Alles Zufall – oder was?

Gernot Plass im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=28155

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  1. 2. 2018

TAG: Gernot Plass im Gespräch

Januar 29, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Er inszeniert „Macbeth – Reine Charaktersache“

Gernot Plass. Bild: Anna Stöcher

Am 3. Februar präsentiert Gernot Plass am TAG seine jüngste Überschreibung: „Macbeth – Reine Charaktersache“, frei nach Shakespeare. Es spielen Jens Claßen, Julian Loidl, Raphael Nicholas, Lisa Schrammel, Georg Schubert und Elisa Seydel. Ein Gespräch über Zufall und Schicksal, Macher und Mörder – und die aktuelle Kulturpolitik in Österreich:

MM: Wenn Sie inszenieren, dann Shakespeare. Wie kam’s zu dieser Liebe?

Gernot Plass: Es ist nicht schwer, dass Shakespeare bei einem Theatertier, wie ich eines bin, der Lieblingsautor ist. Shakespeare hat in seiner Dramaturgie und in seinen Figuren, die er ja in einer Unzahl geschaffen hat, uns eine Welt hinterlassen, mit der er den modernen Menschen erfunden hat. Bei ihm ist es so, dass der Mensch sich ein Bild aus der Literatur nimmt, und sich danach formt, nicht umgekehrt. Ich folge da den diesbezüglichen Theorien, dass das englische Renaissance-Ich, das Individuum eine Erfindung Shakespeares ist. Man hat sich an seinen Figuren damals orientiert, und auch wir heute sind – wenn man so will – nichts anderes als seine Kopfgeburten.

MM: Trotz dieser Verehrung muss Shakespeare „neu“ werden, das TAG hat sich ja der Überschreibung von Klassikern generell verschrieben. Muss man Shakespeare modern machen?

Plass: Ich glaube, ja, und jetzt wird’s frech: Es braucht bei all diesen klassischen Texten einen sprachlichen Eingriff. Das ist mein Skandal, den ich provoziere. Man muss diese Sprache aus dem 16. Jahrhundert herausholen; Sprache ist etwas Lebendiges und es gibt die sprachlichen Moden einer Zeit. Natürlich kann man Shakespeare konservieren und immer wieder museal aufführen, nur treffen wir Theaterpraktiker auf Sprachbilder- und muster, Sehgewohnheiten …, die nicht mehr heutig sind und die uns eigentlich im Weg stehen. Wir können uns überlegen, dass wir die Ausstattung anpassen, und alle in Strumpfhosen auf die Bühne schicken, in England machen sie das, die haben sogar ein ganzes Theater nachgebaut, so dass man in eine Art Zeitmaschine hineingeht. Ich gehe den anderen Weg, ich passe die Sprache an die Moderne an – und hebe nicht das Stück, aber dafür den Tex – das ist ein Unterschied – hinüber in unsere Zeit.

MM: Manche versuchen Moderne über die Regie zu schaffen und lassen den Text, wie er ist …

Plass: Regietheater ist der Versuch, Klassisches in die Moderne zu heben. Da macht man’s mit lustigen Ideen, Kostümen, Ausstattung. Man verändert auch hie und da den Text, macht ein Extempore etc. Ich sage, wenn schon, denn schon. Nehmen wir moderne Figuren mit einem modernen Text. Ursprünglich war es meine Idee für ein Jugendtheater, um Jugendlichen die Klassiker näher zu bringen. Das lief so gut bei „Richard II.“, das wir damals sagten, das könnte eine Morgenröte für einen neuen Theaterzugriff werden. Mittlerweile wird schon überall überschrieben, vielleicht  so ein morphogenetisches Feld, das sich ergeben hat, wer weiss.

MM: Der Erfolg gibt Ihnen Recht. Ihre Shakespeare-Inszenierungen zählen zu den erfolgreichsten im deutschsprachigen Raum, zu mindestens aber in Österreich.

Plass: Ob ich im ganzen deutschsprachigen Raum schon wahrgenommen werde, weiß ich nicht. Es melden sich mittlerweile einige deutsche Stadttheater, meine Art zu inszenieren ist halt gerade ein bisschen im Schwange: die Klassiker neu zu befragen und es sich dabei aber nicht zu einfach machen … das hoffe ich wenigstens …

MM: Nun also „Macbeth“ oder lieber „das schottische Stück“? Sind Sie abergläubisch?

Plass: Ich bin eher Rationalist. Das Globe Theatre im Übrigen ist nicht bei „Macbeth“ abgebrannt, sondern bei „Heinrich VIII.“ Insofern … nein, ich bin nicht abergläubisch.

MM: Was ist für Sie das Thema von „Macbeth“? Worauf fokussieren Sie?

Plass: Mich interessiert die Metaphysik des Stückes: Gibt es eine Zukunft, die festgelegt ist? Gibt es eine Vorbestimmung, die nicht ausweichbar ist? Oder ist – wieder modern gedacht – alles Zufall? Ist das Leben nur eine Reihe von Banalitäten, die im Rückblick eine Kausalität ergeben? Im Sinne von Ursache – Wirkung. Das ist die große Frage von „Macbeth“: Schicksal, Zufall, in welcher Welt leben wir? Wer strickt den Faden.

MM: Das heißt, hat der Mensch einen freien Willen? Was ja eigentlich ein aufklärerischer Gedanke ist?

Plass: Richtig. Oder hat der Mensch eine Vorherbestimmung? Ist die Erzählung schon fertig, und wir treten bloß in einem Stück auf? Womit wir bei Shakespeare sind, der sagt, die Welt ist eine Bühne. Na, da frage ich doch sofort: Wer ist der Bühnenautor? Ein weiteres Thema sind natürlich die Szenen einer Ehe …

MM: Eine wichtige Frage: Wie legen Sie die Lady Macbeth an – als Macherin oder Mörderin?

Plass: Es wird von Mann und Frau das Abgründigste hergezeigt, und wo Beziehungen landen können, obwohl man sich so unwahrscheinlich liebt. In der Weltliteratur gibt es kein zweites Paar, das sich so liebt, wie die Macbeths, auch, weil sie sich in eine Welt begeben, in der sie einzig voneinander gegenseitig abhängig sind. Die Lady macht sich natürlich eines Verbrechens schuldig, sie ist ein böser Antrieb, der den tragischen Helden in die Misere hineintreiben. Er wird, auch von den Hexen, in diese Handlung geschubst, heißt: Frauen sind der Motor in „Macbeth“. Die Lady ist eine starke Frau, sie hat ihre Haken in seinem Fleisch, und weil er nicht so funktioniert, wie sie das vorgesehen hat, verzweifelt sie an ihm, auf eine sehr moderne Art und Weise. Die Lady Macbeth ist eine fast feministische Figur.

MM: Nur um zu provozieren, die Frage: Was geht mich das heute an?

Plass: Den Aufstieg eines ambitionierten Paares, das kennt man auch aus der heutigen Zeit. Krieg ist natürlich leider immer aktuell, Macht, Liebe, das Ausspielen von Sexualität sind Dinge, die ewigmenschlich sind. Dieses ja nicht reale Schottland ist eine Metapher für unsere Welt, und darin sehen wir moderne Figuren, die auf ihre Weise zu überleben probieren. Das sollte abgründige Saiten in uns zum Schwingen bringen, die wir meistens, oder eigentlich immer verbergen wollen.

Julian Loidl als „Macbeth“. Bild: Georg Mayer

MM: Heißt, es geht um die Frage, wie weit würde man gehen, um …

Plass: … die Dinge, die man wirklich will, deren man bedarf, zu erreichen? Wie konsequent geht man auf diese Dinge zu?

MM: Bei der Programmpräsentation sagten Sie über „Macbeth“: Es wird blutig, es wird lustig, und: die Hexen seien die modernsten Figuren darin. Wie das?

Plass: Die Hexen sind esoterische Tanten, die in einem Hinterzimmer sitzen und Horoskope verkaufen. So, wie man sie aus Tageszeitungen oder anderen Medien kennt. Sie „verkaufen“ Zukunft, und treffen auf einen Menschen, der aufgrund seiner Disposition schon unlauter ist, und bei dem fruchtet das.

MM: Sie sind eine Art Königsmacher-Boulevardmedium?

Plass: In dem Sinne als Journalismus eine hexische Macht ist. Journalismus kann Karrieren machen, in der Politik, in der Kultur. Man kann jemanden rauf- oder runterschreiben, und das tut auch das Boulevard gerne. Es kommt im Text auch eine Boulevardzeitung vor. Das führt meinen Shakespeare auch ans Volkstheater heran, und ans absurde Theater, ich möchte nicht, dass er diesen gutbürgerlichen Illusionismus hat, ich schau‘ den Leuten aufs Maul. Und ich will, dass sich die Leute letztlich unterhalten.

MM: Julian Loidl kommt als Macbeth wieder einmal ans Haus.

Plass: Er ist tatsächlich für diese Rolle ideal, weil er tatsächlich alles mitbringt, was ein Darsteller des Macbeth benötigt. Er hat eine unheimliche Kraft, er lotet die Texte wirklich aus, und er hat – was tatsächlich wenige Schauspieler haben: eine dämonische Seite. Der Loidl hat etwas Gefährliches und gleichzeitig Hyperintelligentes, deswegen war er auch schon mein „Richard III.“. Ein Schauspieler, der das produziert, ist selten, ich hänge also in diesem Sinne vom Loidl ab. Um aber nicht nur ihm lobzuhudeln, wir haben ein großartiges Ensemble, das alle Rollen abdeckt …

MM: … Das ist so im TAG: Selbst wenn das Konzept einmal nicht aufgeht, das Ensemble ist in der Regel hervorragend.

Plass: Das ist auch handverlesen, und Neuzugänge suche ich sehr sorgfältig und vorsichtig aus, wer da zu uns dazu passt. Der Ensemblegeist ist der Hausgeist. Ich arbeite auch in anderen, größeren Theatern, wo vieles schwieriger ist; bei uns ist es eine schöne geölte Maschine. Also: In „Macbeth“ spielen außer dem Loidl nochdie großartigen Schauspieler Georg Schubert, Jens Claßen, Raphael Nicholas, Lisa Schrammel, die seit dieser Saison im Ensemble und auch unsere „Johanna“ ist, und Elisa Seydel als Gast. Sie spielt die Lady Macbeth.

MM: Lassen Sie uns noch übers TAG an sich sprechen. Diese Saison gibt es „nur“ vier Produktionen, davon eine Koproduktion, weil zusätzlich zu den erhaltenen 770.000 Euro 30.000 Euro an Subventionen fehlen.

Plass: Naja, um wirklich glücklich zu werden, bräuchten wir noch etwas mehr. Die 30.000 wären die reale Indexanpassung über den vierjährigen Förder-Zyklus. Durch die Vierjahresförderung schauen wir prospektiv auf eine Zeit, und daneben lauft die Inflation. Unsere Fördermargen sind tatsächlich so, dass wir seit 2014 die gleiche Summe kriegen. Leider muss man annehmen, dass Kulturpolitik diese volkswirtschaftlichen Zusammenhänge nicht versteht oder nicht verstehen will, dass die Deckung der Kosten am Theater nicht über den Verkauf von Platzkarten gehen können. Sie rennt lieber dem Austeritäts- und Sparer-Zeitgeist hinterher, indem sie alles deckelt.  So erwürgt man die Theater langsam, heißt: ohne, dass man sich groß schuldig macht. Das ist ein großer Zynismus oder eine große Dummheit der Politik, denn real verlieren wir, wenn wir immer die gleiche Fördersumme kriegen. Wir haben 120 Sitzplätze, die für eine Mittelbühne sehr gut besucht sind, aber die werden nicht mehr, und wir haben – das ist Hauspolitik – sehr niedrige Kartenpreise: nicht mehr als 20 Euro. Das ist nix. Wir können uns über die Abendkasse nicht groß steigern.

MM: Müssen aber andererseits wie viele Mitarbeiter entlohnen?

Plass: 22, im Sommer weniger. Es gibt Gehaltsanpassungen, damit man zu mindestens das, was man hat, finanzieren kann. Eine verantwortungsvolle Kulturpolitik sollte also die Institutionen, die sie fördert, immer zumindest entlang der Realeinkommen und der Inflationsrate indizieren. In unserem Fall tun sie’s nicht. Sie haben uns zwar mehr in Aussicht gestellt, wenn sie irgendwo mal Geld finden, aber so kann man nicht planen. Das ist ein Appell an die noch bestehende Sozialdemokratie in Wien, dass sie endlich die volkswirtschaftlichen Grundrechnungen versteht! Realeinkommen sinken, Mieten steigen. Das macht die Leute verrückt und sie rennen nach rechts.

MM: Apropos, Bund: Was erwarten Sie vom neuen Kulturverantwortlichen Gernot Blümel?

Plass: Herr Blümel ist für uns genauso ein Fragezeichen, wie es vor ihm Herr Drozda und Herr Ostermayer waren. Die sind mit uns nicht befasst, die machen sich keine Gedanken, egal ob das ein Sozialdemokrat oder ein ÖVPler ist. Die schauen nur, dass sie ihre Bundestheater und Bundesmuseen im Lot behalten. Nur, wenn die ganze Szene einmal Aufstand macht und ihre Begehrlichkeiten groß in der Zeitung äußert, dann schaut der Kanzleramtsminister einmal kurz her.

MM: War das Ihre Enttäuschung, dass es wieder keinen Kulturminister gibt? Oder war das zu erwarten?

Plass: Mich überrascht das bei der jetzigen Regierung nicht, mich hat es viel mehr bei der vorherigen Regierung geärgert, an der die Sozialdemokratie führend beteiligt war. Der Kulturminister wäre auch nicht nur etwas Symbolisches, der säße im Ministerrat und hätte dort eine Stimme, das wäre der Unterschied. Konservativen Parteien verstehen Kultur ohnedies bloß als Repräsentation, als Schmuck, den man trägt. Die Sozialdemokratie hätte Kunst und  Kultur dagegen anders begreifen müssen. Und sollte es in Wien immer noch.

dastag.at

29. 1. 2018