TAG: Dorian Gray. Die Auferstehung

Oktober 26, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Schlüssellochsatire auf einen geistesnackten Kunstmarkt

Erbin Eleonora Raffalovich gewährt der Kunstwelt nur einen Schlüssellochblick aufs Kunstwerk: Alexander Braunshör (re.) mit Anna Mendelssohn, Georg Schubert und Alexander E. Fennon, hinten: Raphael Nicholas als Dorian-Gray-Akt. Bild: © Anna Stöcher

Die eigens aus London angereiste Oscar-Wilde-Biografin, eigentlich auf der Suche nach intimen Briefen, hat das Werk als erste gesehen, diesen auf einem Wiener Dachboden versteckten makellosen Männerakt, so lebendig auf die Leinwand geworfen, dass man meinte, er bewege sich. Ein Anruf bei vermeintlichen Freunden in London genügt nun, und die gerüchtesüchtige Kunstwelt steht Kopf. Jetzt wird konspiriert, intrigiert, manipuliert, falsifiziert, was das Zeug hält.

In Mara Mattuschkas wilde’scher Weitererzählung „Dorian Gray. Die Auferstehung“, einer Koproduktion von The Practical Mystery und dem TAG, und ebendort zur Uraufführung gebracht. Was Mattuschka mit ihrer Paraphrase des berühmten Bildnis-Romans geglückt ist, ist eine grandiose Gesellschaftskarikatur. Eine skurrile Schlüssel- lochsatire auf einen geistesnackten Kunstmarkt, Schlüsselloch, weil die Erbin nicht mehr als einen Blick durch dieses aufs Porträt erlaubt. Eine pechschwarze Boulevardkomödie über Sensationsgeilheit und Skrupellosigkeit. Ein Klamauk-Krimi, der Kuratoren, Konservatoren, Galeristen als perfide Geschäftemacher entblößt, während sich deren Schwindeleien-Schraube im typischen TAG-Stil in schwindelerregende Höhen schraubt.

Wien – Malerin Eva Frank und Oscar-Wilde-Biografin Heather Graham finden in jeder Hinsicht zueinander: Elisabeth Veit und Anna Mendelssohn. Bild: © Anna Stöcher

In London bereitet die Konkurrenz Howard und Chris Crisp derweil ihren Unzuchtsbettlaken-Coup vor: Georg Schubert und Raphael Nicholas. Bild: © Anna Stöcher

Die Hype und Hysterie auslöst, ist Anna Mendelssohn als Wilde-Forscherin Heather Graham. Bei ihren Nachlass-Studien stößt diese statt auf pikante Billets von Oscar, John Gray und Marc-André Raffalovich auf eben besagtes Gemälde. Die britischen und der französische Schriftsteller waren eine Zeit lang in eine unglückselige Ménage à trois verstrickt. John soll Wildes Vorlage für die Figur des Dorian gewesen sein, was er jedoch stets dementierte. John und Marc-André blieben schließlich lebenslang ein Liebespaar, der Jude aus Paris folgte dem katholischen Priester sogar zu seinem Amt nach Edinburgh, wo beide 1934 knapp hintereinander verstarben.

Bei Mattuschka ist es Marc-Andrés fiktive Großnichte Eleonora Raffalovich, die in der sich darbietenden Graham-Chance eine Goldgrube erkennt. Ganz großartig spielt Alexander Braunshör die Grande Dame, ein schauerromantisches Nachtschattenwesen, das mit ärgerlich rollenden Augen und verächtlich verzogenen Mundwinkeln und dem Weltklassesatz „Die Geilheit geht nicht auf dem Strich spazieren, sie lauert in der Nationalbibliothek“ den Mitmenschen verdeutlicht, was von ihnen zu halten ist. Seine Warhol’schen „15 minutes of fame“ will aber auch ihr Diener Jirzi, Raphael Nicholas als ergeben-lasziver Kammerkater. Er nämlich ist das tatsächliche Modell im „frame“, rasch in den leeren Rahmen geturnt und in Pose gebracht, um der Handlung zur ihr gebührenden Heiterkeit zu verhelfen.

Eleonora bestätigt den Restauratoren die Echtheit des Gemäldes: Alexander Braunshör (M.) mit Raphael Nicholas und Georg Schubert. Bild: © Anna Stöcher

Die Einfassung für menschliche Eitelkeit kippt in Richtung Einsamkeit: Alexander E. Fennon fällt als Kunstkurator Adi Kunz rasch aus dem Rahmen. Bild: © Anna Stöcher

Paul Horn und moritz m. polansky haben dazu eine Perserteppichtreppe mit Koffern der Erinnerung bestückt, ein riesiger Bilderrahmen dreht sich als Tür oder um die Darsteller, er der Dreh- und Angelpunkt dieser Aufführung, eine Projektionsfreifläche für Eitel- wie Einsamkeit. Von mehreren Simultanspielplätzen sind zwei Betten, in denen sich eifrig getummelt wird. Und in denen Multikünstlerin Mattuschka gekonnt mit den Wilde-Motiven Dandytum und Homosexualität, Dekadenz und Geltungsdrang, seinem Doppelgänger-Leitgedanken und dem des Schattenarchetyps spielt. Das Ensemble verkörpert in Kostümen von Peter Paradise jeweils mehrere Charaktere, so Braunshör und Nicholas zum Ende hin die ob all der Lügenstorys amüsiert-verwunderten Oscar Wilde und John Gray, die gespensterhaft stimmverzerrt und vergnügt tänzelnd ihre bissigen Kommentare abgeben.

Apropos, Karikatur: In dieses Setting treten Alexander E. Fennon als Kurator Adi Kunz und Georg Schubert als Kunsthändler Otto Krause, geldgierige Ganoven, denen an Lug und Trug bis hin zur Fälschung eines Echtheits- zertifikats kein Vorgehen zum Zwecke der Gewinnmaximierung zu verbrecherisch ist. Tiefgründig waten Fennon und Schubert durch die Untiefen ihrer Dialoge; Auskenner können sich an der beiden Bonmots über Basil, sowohl Ward, wie Hallward, erfreuen, und an Querverweisen auf Helmut Berger als Massimo Dallamanos verderbter Playboy der Jet-Set-Siebziger. Doch alldieweil Kunz und Krause an der Verbringung des berüchtigten Konterfeis in einen anrüchigen Scheich- oder Oligarchentresor arbeiten, ist auch die Konkurrenz an der Themse nicht untätig.

„Dorian Gray“, das Musical: Raphael Nicholas und Georg Schubert swingen und singen, als Backgroundtänzerinnen Anna Mendelssohn und Elisabeth Veit. Bild: © Anna Stöcher

Dorian wird zum Werbeträger: Raphael Nicholas mit Elisabeth Veit, Alexander Braunshör und Georg Schubert als Modeschöpfer Kurt Lacomb. Bild: © Anna Stöcher

Schubert und Nicholas als schwule Lover Howard und Chris Crisp, die ein natürlich ebenfalls gefaktes „Unzuchtsbettlaken“ zur Auktion anbieten. Elisabeth Veit als dem figurativen Stil verpflichtete Malerin Eva Frank findet sich derweil nicht nur mit Heather zusammen, sondern in Jirzi auch das ideale Modell – mit freilich absehbaren Folgen. An dieser Stelle zerfasert Mattuschkas Farce über betrogene Betrüger und auf Fälschungen hereingefallene Fälscher ein wenig. Immer, wenn man meint, sie komme zum Schluss, setzt sie noch einen drauf und noch einen und noch einen …

Wohl, weil’s den Dorian-Gray-Stoff in mehr als zehn Musicalfassungen gibt, inszeniert sie auch eine ebensolche Szene. Jirzi, inzwischen völlig davon überzeugt und angetan, John-Dorian zu sein, bekommt als dieser einen Werbevertrag von Schuberts modeschöpfendem Lagerfeldklon Kurt Lacomb. Die Restauratoren bestätigen die Echtheit von Bildnis wie des um 100.000 Euro versteigerten Bettlakens, weil man auf beiden die gleiche DNA gefunden hat. Ein gewisser Churchill spielt dabei eine tragende Rolle.

Trailer: vimeo.com/366787170           dastag.at

  1. 10. 2019

Kammerspiele: Der Vorname

Oktober 4, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Sollbruchstelle der Salonmarxisten

Beim Betrachten des Ultraschallbilds ist noch alles friedlich: Michael Dangl, Marcus Bluhm, Susa Meyer und Oliver Rosskopf. Bild: Herwig Prammer

Wenn sich Michael Dangl von der Josefstadt in deren Kammerspiele begibt, ist das stets ein großes Glück fürs Publikum. Nach der zauber- haften Dragqueen Zaza, dem snobistischen Stotterer Georg VI. oder Rollstuhlfahrer Philippe, gibt Dangl nun den Immobilienmakler Vincent Larchet, wohlhabend – und werdender Vater. Als solcher sprengt er ein Abendessen bei Schwester und Schwager, ist doch „Der Vorname“, den er scheint’s für seinen zu erwartenden Sohn gewählt hat, durch den Millionenmörder schlechthin schwer strapaziert.

Die gewiefte Gesellschaftskomödie des französischen Autorenduos Alexandre de la Patellière und Matthieu Delaporte, 2012 von den zweien selbst fürs Kino adaptiert, 2018 von Sönke Wortmann neu verfilmt, ist seit gestern in der witzig-spritzigen Inszenierung von Folke Braband auf der Wiener Citybühne zu sehen. Wobei sich der, wiewohl der Streitpunkt aufs Deutsch-Österreichische übertragen von besonderer Brisanz ist, ans Pariser Original hält. Vincent nämlich erklärt, dass sein Baby Adolphe heißen wird – und während er noch versucht auszuführen, er denke dabei an den romantischen Helden aus dem 18.-Jahrhundert-Roman von Benjamin Constant, sind alle anderen geistig längst vom „-Phe“ aufs „-F“ verfallen, und ergo bei Adolf Hitler angelangt. Die Folge: ein intellektueller Flächenbrand.

Großartig ist es, wie Braband die Charaktere von Beginn an in ihren Grundzügen skizziert. Im gutbürgerlich-sophisticated Ambiente von Bühnenbildner Tom Presting sind zuerst Susa Meyer und Marcus Bluhm als Gastgeber-Ehepaar Elisabeth Garaud-Larchet und Pierre Garaud zu erleben, er Professor für Literatur, sie Lehrerin, beide Eltern des hoffnungsvollen Nachwuchs namens Athena und Adonas. Köstlich, wie die beiden Bobo-Akademiker sich auf den sogleich eintreffenden Besuch vorbereiten, die Babou gerufene Elisabeth als Perfektionistin im Vollstress, damit ihr marokkanisches Buffet auch makellos ist, er komplett laid-back, weil sich auf der Meinung ausruhend, dass Haushaltspflichten nicht seine Sache sein können.

Michael Dangl und Michaela Klamminger als die werdenden Eltern Vincent und Anna. Bild: Herwig Prammer

Claudes Geheimnis beschert ihm eine blutige Nase: Oliver Rosskopf mit Marcus Bluhm. Bild: Herwig Prammer

Dieweil Meyers Babou noch darum ringt, auch in Küchenschürze die Gleichberechtigung der Frau hochzuhalten, fläzt sich Dangls Vincent bereits auf ihrer Wohnzimmercouch, er ist unsichtbarer Erzähler, bevor er Protagonist wird, moderiert sich selbst als Machertyp ein, und zeigt sich bei Auftritt schließlich als sarkastischer Spaßvogel, dem man sein übersteigertes Gefühl männlicher Überlegenheit nur verzeiht, weil er so ein sympathisches Schlitzohr ist. Eingeladen ist außerdem Claude Gatignol, Posaunist beim Orchestre Philharmonique de Radio France und ein Freund seit Jugendtagen. Oliver Rosskopf spielt die sensible Seele mit wohldosiertem Humor. Dass Constants Figur Adolphe eine um Jahre ältere Frau verführt, wird für Rosskopfs Claude noch von doppelbödiger Bedeutung sein.

Dangl ist auf seiner Position als Wuchteldrucker wie entfesselt. Er spielt sein komödiantisches Können nicht nur im Konversationston der tadellosen Übersetzung von Georg Holzer aus, sondern sogar in der Körpersprache, und während Tempo-und-Timing-Experte Braband dafür sorgt, dass die Pointen auf den Punkt genau sitzen, steigert sich das Ensemble von den anfangs liebevollen Neckereien unter Menschen, die einander seit Ewigkeiten kennen, zur aggressiv aufgeladenen Hysterie angesichts des historisch belasteten Namens.

Wie Dangls Vincent darauf eine Liste weiterer Allerweltsnamen runterrattert, die für eine Taufe wohl auch nicht mehr zu gebrauchen wären, von August bis Franz, Augusto Pinochet bis Francisco Franco, schlussendlich Josef – Stalin, der den biblischen ausgelöscht hätte, wie Hitler seinen Adolphe, entlarvt die Sollbruchstelle der zu gutsituierten Salonmarxisten mutierten Linksrevolutionäre aufs Vortrefflichste. Die zur Polemik geschliffenen Dialoge, die boshaften Wortgefechte, die Abgründe zwischen großsprecherischen Moralansprüchen und kleingeistiger Gehässigkeit, zwischen gesellschaftspolitischem Über-Ich und privatisiertem Es, entfalten in den 90 Minuten Aufführungsdauer ihre Wirkung: Man sieht in einen Spiegel und lacht.

Babou will nicht hören, was ihr Mann Pierre Besserwisserisches zu sagen hat: Susa Meyer mit Marcus Bluhm. Bild: Herwig Prammer

Je später der Abend, desto rauflustiger die Gäste: Bluhm, Meyer, Rosskopf, Klamminger und Dangl. Bild: Herwig Prammer

Nicht zuletzt über Bluhms Pierre, der in diesem farbenprächtigen Studierten-Sittenbild den Prinzipienreiter, den – was Belesenheit betrifft, wirklich alles – Besserwisser verkörpert, und der sich dennoch, und dank Babou bequem, in tradierten Rollenklischees suhlt. Im lebenslangen Gockelclinch mit Vincent, der ohne Uni reich wurde, wogegen er mit einem schmalen Hochschulgehalt zufrieden sein soll, wird Pierres antifaschistische Rage rasch auch als Ausdruck von Neid und narzisstischer Kränkung enttarnt. Mit dem verspäteten Erscheinen von Anna stellt sich Vincents Adolf-Ansage als schlechter Scherz heraus.

Ihr ist der Joke gegönnt, sich über den Namenspatron ihres Babys zu freuen, denkt sie ja an Vincents verstorbenen Vater Henri, inzwischen alle anderen den Kopf voll „Führer“ haben und an die Decke gehen, also ist die Ruhe, die kurz eintritt, nur die vor dem nächsten Sturm. Die Anwesenden samt ihren Gesichtszügen entgleisen zusehends, als die Vorwürfe massiver werden, man sich gegenseitig Geizkragen oder Egomane schimpft, arrogant oder rücksichtslos. Heraus stellt sich, wer zu wessen Gunsten die eigene Doktorarbeit aufgegeben hat, oder wer vor dreißig Jahren tatsächlich den Pudel der Tante ertränkte.

Nach und nach werden nicht nur Eigenschaften und Eigenheiten des Quintetts bloßgelegt, sondern auch diverse Ressentiments, die den für sich in Anspruch genommenen Humanismus unter der Gürtellinie treffen. In diesem Infight der Josefstädter bewährt sich Neuzugang Michaela Klamminger bestens, die sich mit ihrer pfiffigen Darstellung der so fragil wirkenden, hochschwangeren Anna, die aber genau weiß, wie sie ihren Filou Vincent an die Kandare nimmt, für kommende größere Aufgaben empfiehlt. Als alle ihr Pulver beinah verschossen haben, schießt sich die Gruppe auf Claude ein, reibt diesem seinen ihm bis dahin verheimlichten Spitznamen unter die Nase, „Reine-Claude“, dieser Wortwitz mit la Reine/die Königin allerdings nicht einzudeutschen, hält man den Musiker doch für schwul.

Da bleibt’s nicht beim verbalen Schlagabtausch, da fliegen alsbald die Fäuste, wenn nun Claude seinerseits ein Geheimnis offenbart, eine Bombe platzen lässt, indem er gesteht, dass er schon seit Jahren eine Frau habe, eine Geliebte – und diese sei Françoise, die Mutter von Babou und Vincent. Nach einem Uppercut für Claude lässt Dangl seinen Vincent in mustergültiger Muttersöhnchen-Art in sich zusammenbrechen, Mama hat Sex!, doch Susa Meyer gehört, als alle anderen am Ende sind, die Highlight-Szene dieses höchst amüsanten Abends: eine emanzipatorische Explosion samt Abgang mit einer Flasche Hochprozentigem … Mit viel Gespür für Doppelsinn und Hintersinn haben Folke Braband und seine Schauspieler die bildungsbürgerliche Fassade der Familie Garaud-Larchet zum Zerbröseln gebracht. „Der Vorname“ an den Kammerspielen ist ein scharfzüngiges, augenzwinkerndes, aberwitziges Stück Theater. Und absolut sehenswert!

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=3&v=asym-zVSPWw           www.josefstadt.org

  1. 10. 2019

Kaviar

Juni 15, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Und Zack! ins Dixi-Klo gegriffen

Ein windiger Anwalt, ein schmieriger Stadtrat und ein gar nicht gerissener Glücksritter machen Jagd aufs große Geschäft mit dem Russen: Simon Schwarz, Joseph Lorenz und Georg Friedrich. Bild: 2019 Ioan Gavriel

Ein wütender Oligarch ist ein schießwütiger Oligarch. Also beginnt das Ganze durchgeknallt, der Russenmilliardär Igor auf einem österreichischen Hochstand, und wie er – von Jagdgewehr bis Panzerfaust – mit aller Waffengewalt einen nackten Mann aufs Korn nimmt. Der trägt bei seinem unfreiwilligen Tanz im Kugelhagel einen Lenin-Gipskopf, den sollte man sich merken, denn es wird ein Heidenspaß und eine Riesenüberraschung werden, wer diesen am Ende von Igor übergestülpt bekommt …

Als die Regisseurin und Drehbuchautorin Elena Tikhonova die Arbeit an ihrer Austrorussen-Komödie „Kaviar“ begann, dachte sie an eine Posse basierend auf ihren eigenen Erfahrungen in der Community, nicht aber, dass ihr erster Spielfilm von der knallharten Realität derart bestätigt werden könnte. Nun ist die aberwitzige Geschichte seit Freitag in den Kinos zu sehen, und erinnert frappant an manches, was die Republik seit Mitte Mai unter dem Schlagwort „Ibiza-Video“ beschäftigt. Allerdings bedarf es auf der Leinwand keiner Nichte, sondern der Oligarch selbst schreitet zur Tat. Der obszön reiche Igor hat nämlich einen Herzenswunsch. Er will sich nach Vorbild der Ponte Vecchio in Florenz auf der Wiener Schwedenbrücke eine Protzvilla samt Zwiebeltürmen errichten lassen.

Die Kontakte dafür soll ihm seine persönliche Dolmetscherin, sprich: in seinen Augen Leibeigene, Nadja checken. Die wendet sich an ihre beste Freundin Vera, deren einheimischer Ehemann Klaus schon lange am Schwarzgeldvermögen andocken will. Klaus bindet seinen Haberer, Rechtsanwalt Ferdinand Braunrichter ein, der seinerseits weiß, mit welchem überambitionierten Stadtrat man zum „Waidmanns Heil!“ antreten muss. So ist auch dieser Hans Zech bald im Boot, dank der Verlockung, Igor werde der Stadt Wien die Donaukanalsanierung finanzieren. Geschmierte drei von insgesamt 100 Millionen Bakschisch landen vorab schon in Liechtenstein, klar, Klaus und Ferdinand wollen Hans reinlegen, blöd nur, dass der Politiker Russisch spricht. Doch während die Männer tricksen, schmiedet das Damentrio, erweitert um Veras blauhaarige Babysitterin Teresa und angestachelt durch Klaus‘ halbseidene Seitensprünge, selber Pläne, um ans Bare zu gelangen.

Oligarch Igor schmeißt sich an Klaus‘ Ehefrau ran: Margarita Breitkreiz als Nadja, Georg Friedrich als Klaus, Mikhail Evlanov als Igor und Daria Nosik als Vera. Bild: 2019 Thimfilm

Veras Babysitterin Teresa macht bei Nadjas Love Interest, Oberpunk Don, das Rennen: Sabrina Reiter und Robert Finster. Bild: 2019 Thimfilm

Das Damentrio sucht den Lkw mit den Schmiergeldmillionen: Daria Nosik, Margarita Breitkreiz und Sabrina Reiter. Bild: 2019 Thimfilm

„Kaviar“ ist so knallbunt wie die Cartoons, die zwischen den Aufnahmen zu sehen sind. Insgesamt zu harmlos, ja, zu risikolos für beißende Satire, ist der Film ein schlitzohriger Culture-Clash-Comic, der von Wodka-Konsum bis Kalaschnikow kein Klischee auslässt, und mit Darstellern in komödiantischer Hochform punktet. Allen voran Georg Friedrich als so gierigem wie begriffsstutzigem Möchtegerngauner Klaus und Simon Schwarz, der als Ferdinand nicht viel heller auf der Platte ist. Schnitzler-Schauspieler Joseph Lorenz erfreut als jovial-saturierter Volksvertreter, der sich im Gefühl sonnt, alle Fraktionen in der Hand zu haben. Elena Tikhonova handelt mit diesen dreien ihren haarsträubend glaubwürdigen Korruptionsfall ab.

Von Geschäften, die auf einer Serviette unterzeichnet werden, dem flotten Austausch von Staatsbürgerschaften gegen „Wirtschaftsförderung“, von Geldwäsche bis Bordellbesuchen. Wunderbar Szenen, in denen Friedrichs Klaus eine Bande von Hausbesetzer-Punks beschäftigt, um im ersten Bezirk für Igors Inspektion mit Presslufthämmern eine Baustelle zu faken. Großartig, wie er vor Ort dem von Mikhail Evlanov gefährlich gönnerhaft und stets gutgelaunt gespielten Obskuranten sogar einen Unterwasserlift und einen Tiergarten verspricht, während er hernach versucht, der Polizei, David Oberkogler als Gesetzeshüter, die Aktion als Flash Mob zu verkaufen.

Dazu gehören natürlich Friedrich’sche Sätze wie „Hoit die Pappn, wannst mit mir redst!“ oder, als er nur mit einem Negligé bekleidet in einem Badezimmerfenster feststeckt und um Hilfe ruft, der Gemeindebau antwortet: „Geht’s a bissl leisa!“. In den Mittelpunkt ihres Klamauks stellt Tikhonova aber eine Frauenfreundschaft, die alles aushält: Margarita Breitkreiz als streng gekämmt verklemmte Nadja, Daria Nosik als deren Turbolidschatten und Highest Heels tragende BFF Vera und Sabrina Reiter als wiederum deren Kein-Kind-von-Traurigkeit-Kindermädchen Teresa bekämpfen die männlichen Betrüger mit allen – von modernem Hightech bis traditionellem Sex – Mitteln.

Nur einmal gerät die weibliche Solidarität ins Wanken – ein kurzes Intermezzo, als auf einer wilden Party mit Erdapfelsaft aus Kristallgläsern und traurigen Karaoke-Liedern der von Nadja so dringend ersehnte Oberpunk Don, Robert Finster, sich statt der Gastgeberin der gleicher gesinnten Teresa zuwendet. Doch schnell versöhnen sich die Ladys wieder, rollt doch der Rubel Richtung Wien, in einem Lkw, den die Mädels dank Veras Maneater-Qualitäten zu kapern gedenken, bevor die selbsternannten Herren der Schöpfung seiner habhaft werden können. Und so beginnt auf der Osteuroparoute, heißt: in der burgenländische Pampa, ein Wettlauf mit der Zeit, bei dem bald alle im Wortsinn nach dem großen Geschäft riechen.

Ein wütender Oligarch ist ein schießwütiger Oligarch: Mikhail Evlanov. Bild: 2019 Thimfilm

Das hat Zack! Zack! Zack! mit den Dixi-Klos zu tun, in die Georg Friedrich seinen Griff ins Braune wird tun müssen, weil Igor denn doch nicht so deppert ist, wie die Wiener gern geglaubt hätten. Und alldieweil es für die Männer „Shit Happens!“ heißt, feiern die Frauen auf Geld-stinkt-nicht-Art die Umverteilung des Kapitals.

„Kaviar“ ist nicht hohe Kunst, aber ein erfreulicher Sommerspaß mit drolligen Animationen und einem temperamentvollen Soundtrack von Karwan Marouf. Ist der Film gewordene Beweis für den humorigen Unterschied dafür, ob Russen-Klischees über Russen oder von einer gebürtigen Russin erzählt werden. Und wenn Vera über Klaus klagt: „Er hat meine Fü(h)llungen verletzt“, kommt auch der Wortwitz nicht zu kurz. Merke: Gerechtigkeit gibt es in Liechtenstein. Aber wer muss mit dem Haupt von Wladimir Iljitsch herumspringen? Die Antwort ist … anschauen.

www.kaviar-film.at

  1. 6. 2019

Rabenhof: Jö Schau

April 25, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Genialische Hommage an Georg Danzer

Jö Schau: Oliver Welter, Christoph Krutzler und Lucy McEvil singen Georg Danzer. Bild: © Rabenhof / Sophie Menegaldo Newman & Co

Beim Intro von „Jö Schau“ ist bereits klar, dass hier nicht nach Vorschrift musiziert werden wird. „Der Nackerte im Hawelka“ wird nämlich als Viergesang intoniert, die ausführenden Akteure sind Lucy McEvil, Christoph Krutzler, Oliver Welter und Alf Peherstorfer, das Nestroypreis-Quartett für den André-Heller-Abend „Holodrio, lass mich Dein Drecksstück sein!“ im Rabenhof. Nun haben sie sich ebendort das Œuvre von Georg Danzer vorgenommen, und genialischer als mit dieser Hommage kann man den legendären Liedermacher gar nicht würdigen.

Oliver Welter hat als musikalisches Mastermind der Unternehmung die Songs neu arrangiert, Hausherr Thomas Gratzer wie schon bei „Holodrio“ die Regie übernommen – mit dem Ergebnis einer Aufführung, die das gestrige Premierenpublikum am Ende ausgiebig akklamierte.

„Jö Schau“ führt in die Wiener Vorstadt und zur dort beheimateten Halbwelt. Veronika Tupy stellt dafür ein Café-Beisl auf die Bühne, das definitiv schon bessere Tage erlebt hat, ein 70er-Jahre Setting samt Flipper und ausrangiertem Autodrom-Mobil, auf den Tischen die Zeugen der Nacht, Gösser, Stoli und Asbach.

In diesem Etablissement geben Lucy McEvil, Oliver Welter und Christoph Krutzler die Trottoirschwalbe in der Leoparden-Kombinesch, den Ledersakko-Strizzi und den Goldketterl-überm-Feinripp-Träger, Peherstorfer in bewährter Manier den Barpianisten. Die Gemütslage unter den Gestrandeten in dieser schäbigen Spelunke ist Langeweile, man wartet auf einen Kunden oder den Rausch, und weil beides nicht kommt, hebt man halt zur Singerei an. Das heißt, nicht nur.

Das Ensemble interpretiert diverse Danzer-Texte auch ohne Tonkunst, und tatsächlich, gesprochen erweist sich umso deutlicher, welch großer Poet der gegen seinen Willen mit dem Austropop-Mascherl Versehene war. Welters Werk-Auswahl beinhaltet sowohl die großen Hits als auch wiederzuentdeckende Kleinode, sie reicht von den Spaßliedern übers Schwermütige bis zu den gesellschaftskritischen Songs, und selbstverständlich hinüber ins Suderantische und Versaute. Die Darsteller machen aus Danzers mit Gaudenzdorfer Auskennertum geschaffenen Miniaturen allerhand Typen – solche zum Bemitleiden und solche zum Abgrausen. Mit Charme und Witz und Hang zum Kabarettistischen gestalten sie des Schöpfers Ang’soffene und Ang’speiste, Kniera und Tachinierer, Gfrastsackln und Auf-die-Goschn-Gefallene, seine alter egoistischen Hirnzermarterer und die Zyniker.

Lucy McEvil als Elfi mit Alf Peherstorfer. Bild: © Rabenhof / Sophie Menegaldo Newman & Co

Vorstadtcasanova Christoph Krutzler greift zur Gitarre. Bild: © Rabenhof / Sophie Menegaldo Newman & Co

Lucy McEvil kann sogar ein „Geh in Oasch“ mit Sexappeal ausstatten und ergreifen, wenn sie über „Meine arme tote, aufgeschnittene Mutter“ sinniert, Oliver Welter darf zwischen „Ruaf mi net aun“ und dem „Legendären Wixxerblues“ sein Selbstmitleid verschmachten, mitunter dazu countrymäßig heulen wie ein Schlosshund, und gemeinsam mit Christoph Krutzler la Lucy im Dialog „San Sie ledig/Zieh dich aus“ als Möchtegernmacho bedrängen. Aus der „Elfi“ fertigen McEvil und Welter ein Duett, singt sie eben „du woast dreizehn joa“ und er „du woast anazwanzg und wunderscheh fia mi“, die „Ballade vom versteckten Tschurifetzen“, auf Hochdeutsch: ein Intimpflegetuch nach dem Geschlechtsverkehr, präsentiert McEvil mit Alf Peherstorfer als Rap.

Danzers Stücke eignen sich perfekt fürs Schauspielen, eine Disziplin, in der Christoph Krutzler zur Hochform aufläuft, der im ebenfalls gemeinsam mit Welter vorgetragenen Mix von „I verlass di/I wünsch da vü Glück“ und der Zeile „laß die mutter sche griaßen / und der nachbarin ihr’n hund“ eine neue Dimension weinerlicher Tragikomik anpeilt. Als so großmäuliger wie minderbegabter Mime macht er aus „Ich bin da Mörda“ ein Kabinettstück, als „Vorstadtcasanova“ greift er zur Klampfn, um die Damen zu Gitarrenklängen „übas glanda“ zu biagn. Es rührt ans Herz, Danzers Dialekt- und Kraftausdrücke, seine Wienerismen zu hören, die mittlerweile so akut vom Aussterben bedroht sind.

Mittendrin wird’s – wiewohl die Lieder alle zu Beginn der 1980er-Jahre entstanden sind – politisch, brisant, hochaktuell. Lucy McEvil singt  „Ruhe vor dem Sturm“, Christoph Krutzler über „Die Freiheit“, die im Zoo als seltene Art ausgestellt worden, hinter Gittern aber spurlos verschwunden ist. Dem Song hat Oliver Welter einen afrikanischen Rhythmus unterlegt, während er, als „Der alte Wessely“ von Hitler schwärmt, der „mid der gaunzn ausländischn bruat“ aufgeräumt hätte, sein Klavierspiel ins Atonale gleiten lässt. Schließlich „Ihr habt die Macht“: „euch geht es nicht um unser wohl / das lässt euch völlig kalt / und hinter eurem lächeln steckt / die fratze der gewalt / das recht, das ihr euch anmaßt / heißt nicht gerechtigkeit / gesetze panzern eure welt / doch nicht für alle zeit / noch täuscht ihr viele / doch ihr seid von einigen durchschaut / und irgendwann da kommt der tag / wo euch kein mensch mehr traut / ihr haltet uns in finsternis / doch wir entzünden licht / ihr habt die macht / noch habt ihr sie – / unsre liebe / habt ihr / nicht“.

Geh in Oasch: Lucy McEvil, Oliver Welter, Christoph Krutzler und Alf Peherstorfer. Bild: © Rabenhof / Sophie Menegaldo Newman & Co

Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer natürlich „Lass mi amoi no d’Sunn aufgehn’n segn“ am Schluss und Standing Ovations danach, außer, dass man gern noch den „Frauenmörder Wurm“ oder die „Alte Drecksau“ oder übers Haschisch im Schokoladenei gehört hätte … oder … oder … oder? Verehrter Herr Danzer, meine Verehrung, habedere, werte Rabenhof-Truppe.

Video: www.youtube.com/watch?v=ajScO1D7hBw&feature=youtu.be

www.rabenhoftheater.com

  1. 4. 2019

Akademietheater: Woyzeck

April 11, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Manege frei für die Maniacs

Woyzeck kauft sich ein Messer, jedoch eines mit versenkbarer Klinge: Steven Scharf und Falk Rockstroh. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Auf die rotweißgestreifte Zeltplane sind alte Filmaufnahmen projiziert. Raubtier- und Elefantennummern, die Tiere mühsam und nur mit Gewalt unter Kontrolle gehalten, kleine Hunde, die sich zum Affen machen müssen, Trapezkünstler in schwindelnden Höhen, menschliche Pyramiden und Kaskadeure. Gleich darauf, wenn Steven Scharf das Plastik heruntergerissen und die halbe Manege, vom Gittergang für die Großkatzen

bis zur Zuschauertribüne zerlegt haben, wenn nur noch eine armselige Handvoll Akrobaten übrig sein wird, enträtselt sich, worauf Regisseur Johan Simons abzielt. Das heißt, nicht zur Gänze. Denn ob Albtraum, Erbsenirrsinn oder einfach Ausflug in den Surrealismus, bleibt der Fantasie des Zuschauers überlassen. Simons, seit dieser Spielzeit Intendant des Schauspielhauses Bochum und die Aufführung ergo eine Koproduktion mit diesem, zeigt am Akademietheater seine Interpretation des „Woyzeck“. Es ist seine dritte Inszenierung des Dramenfragments, sein Zugriff auf Büchner diesmal als wäre dieser Beckett, der Verfechter eines Bühnenrealismus dargeboten, als wär’s ein Stück absurdes Theater.

Das Setting von Stéphane Laimé und die Kostüme von Greta Goiris verströmen Zirkusluft, wenn auch die eines ziemlich abgetakelten Etablissements, darin die sinnfreie Welt und der orientierungslose Mensch: Steven Scharf als Woyzeck, dressiert, gedemütigt, beglotzt, bestaunt und ob seiner Stärke gefürchtet – so wie’s Dompteure mit den von ihnen geknechteten Kreaturen tun. Und während er Wortfetzen vor sich hin murmelt, wimmert, brabbelt, Koen Tachelet geht in seiner Fassung mit dem Büchner-Text sehr sparsam um, sind die anderen prahlerische Ausrufer der eigenen Person. „Hepp!“ rufen sie, als wäre ihnen gerade ein besonderes Kunststück gelungen, mit großen Gesten wenden sie sich ans Publikum, wenn sie zu ihrer Vorführung wie wild geworden im Kreis herumtoben oder über diverse Gerüste turnen. Marie im zu großen Herrenanzug und überdimensionalen Clownsschuhen, der Tambourmajor als starker August im knappen Trikothöschen, der Hauptmann im grünen Trainingsanzug, der Doctor in Klinisch-weiß mit Gummistiefeln – es wird noch etliches an Regen fallen, darum.

Mit Marie und dem Drahtgestellsöhnchen: Anna Drexler und Steven Scharf. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Tanz um den Tambourmajor: Anna Drexler und Guy Clemens. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Simons also hat Büchners dritte Szene, „Buden, Lichter, Volk“, zum Programm erklärt, lässt überhaupt die Szenen wie Nummern ablaufen. Und in der nächsten Abteilung sehen Sie …! Im Mittelpunkt ein Steven Scharf auf dem Höhepunkt seiner Schauspielkunst, das geschundene Individuum, das seine einstudierten Tricks vorführen muss. Verstörend ist das, wie Scharfs zunehmend besessener Woyzeck in Momenten größter Beleidigung und tiefster Gebrochenheit seinen Stolz zu wahren oder in zahlreichen und langen Sekunden des Schweigens sich als Subjekt zu behaupten sucht, nur um sich dann wieder selbst aufs Korn zu nehmen. Etwa, wenn er sich mit Marie als „das astronomische Pferd“ und dessen Conférencier abwechselt. Das rote Granulat auf dem Boden, auf dem er sich wälzt, wird später auf nackter Haut wie Blutstropfen wirken.

Im expressiven Spiel steht ihm Anna Drexler als Marie in nichts nach. Sie jauchzt und quiekst und überbetont die Worte, als ihr der Tambourmajor ins Auge sticht. Sie produziert sich vor ihm und buhlt ums Publikum, will mit beiden Blickkontakt herstellen, wohingegen sie in der Zwiesprache mit Woyzeck klar und wahrhaftig ist, je mehr Wahnsinn, umso wahrhaftiger. Dass ihr Söhnchen ein fragiles Drahtgestell mit Kinderfüßchen ist, passt ins Bild dieser lieblosen Mutter, die den Kleinen mit allerhand Gruselgeschichten zum Einschlafen nötigt. Drexlers wie Scharfs Performance ist irritierend, irisierend und so, dass an ihren Figuren immer etwas bleibt, ein Dunkel, ein Geheimnis, das man nicht zu fassen bekommt.

Den Einsatz des weiteren Personals hat Simons wie die Handlung auf die Essenz konzentriert. Extrem körperlich legt Daniel Jesch den Hauptmann an, ein Kraft- und Machtmensch, der Woyzecks philosophische Versponnenheiten gar nicht mag. Im Gegensatz zu ihm ist Guy Clemens‘ Tambourmajor ein Möchtegern, der die Gewichte kaum stemmt, die Woyzeck mit einer Hand hebt, und sich lächerlich macht, als er hinter Marie her in Rösselsprüngen die Manege durchmisst. Falk Rockstroh ist als Doctor ein pragmatischer Wissenschaftler, der für sein Versuchsobjekt keine Empathie aufbringt. Und obwohl all diese nicht viel zu agieren haben, bleiben sie die ganze Zeit so bühnenpräsent, dass sei einem nie aus dem Fokus geraten. Bestes Beispiel dafür ist Martin Vischer, der als Großmutter der einzige Zirkusbesucher ist, und der über beinah zwei Stunden nur sitzt, schaut, tonlos gestikuliert, den Mund offen, wie’s bei sehr alten Menschen manchmal so ist, bevor er endlich das Märchen vom armen Waisenkind erzählen darf.

Der Wahnsinn der Erbsendiät: Steven Scharf und Falk Rockstroh. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Im Regen stehen lassen: Falk Rockstroh, Steven Scharf und Daniel Jesch. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Schließlich tritt Steven Scharf mit Zirkusdirektorenzylinder und Regenschirmchen in die Arena, allein im Scheinwerferkegel sprechen Stimmen zu ihm, verlangen Maries Ermordung. Gespenstisch ist, was Scharf da mit minimalster Mimik und Gestik ausdrückt, an Psychose, an Schizophrenie, an Leid und Elend. Er wird ein Messer kaufen, und es wird ein Theatermesser mit versenkbarer Klinge sein. Denn in Woyzecks Wahn ist Marie nicht zu töten, sondern wird ihm übers Sterben hinaus noch Anweisungen geben. Damit ist der Realitätsverlust besiegelt, die Reise in Woyzecks Kopf am Ende. John Simons‘ Büchner-Umschreibung ist mit all den Fragen, die sie offen lässt, ein Abend, der nachwirkt. Wobei es gerade seine Auslassungen sind, die dies am gewaltigsten tun.

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  1. 4. 2019