Kammerspiele: Monsieur Pierre geht online

Oktober 30, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der diskrete Charme des alten Grantscherm

Kongeniales Herrendoppel: Wolfgang Hübsch und Claudius von Stolzmann. Bild: Rita Newman

Ach, man ist ja sowieso befangen, weil man erstens den Film mit Pierre Richard schon so gemocht hat, und zweitens … Wolfgang Hübsch! An den Kammerspielen der Josefstadt brilliert dieser nun als Protagonist in „Monsieur Pierre geht online“, der Theateradaption jener französischen Filmkomödie, die Stéphane Robelin vor drei Jahren dem „großen Blonden“ auf den Leib schrieb (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25662), und

Hübsch mit seinem Grantscherm-Charme ist einfach hinreißend. Wie er als Pierre über die Bühne tänzelt, wenn’s nach seinem Willen geht, wie den sein Rückenleiden immer dann ereilt, wenn’s für ihn zum Vorteil ist, Hübsch gibt sich als kauziger, verschmitzter, schlitzohriger Komödiant, der wie jeder Meister dieser Disziplin auf die Melancholie nicht vergisst. Zwar ist er kein „Pierrot“ wie der Richard, auch wenn dies sein Nickname ist, und bei weitem kein sanftmütiger Schalk. Nein, der sitzt Hübsch vielmehr im Nacken, wenn er als manipulativ mitleidheischender Miese-Peter die Wiener Variante des Pariser Witwers gibt.

Monsieur Pierre also hat im Leben nur noch das eine Interesse, sich alte Filmaufnahmen seiner verstorbenen Frau anzuschauen. Nichts treibt ihn mehr vor die Tür, er bunkert sich ein in seiner Wohnung und seiner Trauer und verwahrlost zusehends. Weshalb Tochter Sylvie einen sinistren Plan schmiedet: Der neue Freund ihres Nachwuchs‘ Juliette, ohnedies ein nichtsnutzig-arbeitsloser Autor, soll dem Alten Unterricht in Sachen Internet geben – ohne, dass der von Alex‘ Verhältnis zu Juliette weiß.

Nach Einstiegsschwierigkeiten flutscht das Ganze, und Pierre macht in einem Datingportal die Bekanntschaft von Flora. Er verliebt sich, doch kann er sich nicht als 80-jähriger Zausel enttarnen. Also muss Alex zu seinem Fleisch und Blut werden, während er selbst aus der Deckung immer gewagtere, intimere Postings abschickt. Klar, dass das nicht gutgehen kann … Eine moderne Cyrano-Erzählung war das weiland bei Robelin, worauf Regisseur Werner Sobotka aber weitestgehend verzichtet.

Was Wunder, hat er Wolfgang Hübsch mit Claudius von Stolzmann als Alex doch einen kongenial schöngeistigen Konkurrenten im Kampf um Floras Gunst an die Seite gestellt. Die fabelhafte Textfassung von Folke Braband beschert dem Ensemble ein Powerplay an bissigem Pointen-Ping-Pong, der Dialog analog-digital macht einen Gutteil des Humors aus. Dessen missverständliche Untiefen durchwaten die Darsteller mit sichtlichem Vergnügen. Sagt Alex, Pierre müsse ein Fenster öffnen, fragt der: „Im Schlafzimmer?“ – und persönlicher Favorit ist dessen Ansage, er hätte etwas auf „Goggl Mops“ gefunden.

Susa Meyer als selbstgerechte Tochter Sylvie. Bild: Rita Newman

Monsieur Pierre fesch und auf Freiersfüßen. Bild: Rita Newman

Martina Ebm gibt sich ganz mädchenhaft. Bild: Rita Newman

Werner Sobotka hat für Wolfgang Hübsch mit Witz und Herzenswärme und viel Sinn für Details ein Virtuosen-Stück voller Zwischentöne inszeniert, hat sich behutsam dem Thema Alterseinsamkeit gewidmet, dazu Aktuelles von Homeoffice bis Zoomkonferenz eingeflochten, und es ist wunderbar, wie der Musical- und Operettenaffine diesen Abend zum Walzertanzen bringt. Das Bühnenbild von Walter Vogelweider wechselt von Pierres staubiger Bücherhöhle zum kühlen Neonchic von Sylvies Apartment und der Brüsseler Bar, in der Pierre/Alex Flora zum ersten Mal trifft. Auf kleinen Videowänden allüberall läuft der Chat, poppen Portale auf, wird geskypt.

Und noch einmal: Welch ein Paar, Hübsch und von Stolzmann, deren Beziehung sich sozusagen vom Duett zum Duell, von der Männerverschwörung zum gegenseitigen Fallensteller zum von der Damentrias in die Ecke argumentierten und alsbald aufgeflogenen Schwindler-Duo entwickelt. Pierre und Alex schenken einander mit ihren eifersüchtigen Aktionen nichts und Hübsch und von Stolzmann damit alles, wenn sie das Lügenmärchen des anderen derart aufbauschen, dass der nicht mehr weiß, wie raus aus der Sache.

Buchhändler Pierre gibt sich bei Flora als Sinologe aus, womit er Alex von dessen Computer-Fachchinesisch in die Zwickmühle eines falschen Mandarin bringt, aus Rache macht der aus dem „Großvater“ einen Vulkanologen, worauf Pierre für Flora in Windeseile ein paar Lava-Abenteuer erfinden muss. Herrliche Szenen sind das, wenn Pierre von Langzeitloser Alex mehr Selbstbewusstsein fordert, „Wie steh‘ ich denn sonst da!“ und „Hoffentlich ist sie nicht enttäuscht!“, oder wenn Sylvie für den Vater schon ein Altersheim ins Auge fasst, und ihn schließlich fesch und auf Freiersfüßen wiederfinden muss.

Verblüfft von der weiten Welt des Webs. Bild: Rita Newman

Die Chat-Kulisse. Bild: Rita Newman

In der Zwickmühle schmerzt der Rücken. Bild: Rita Newman

Familienverhör, re.: Larissa Fuchs. Bild: Rita Newman

Susa Meyer gibt diese Sylvie mit dem Beamtenpragmatismus einer, auf deren selbstgerechten Schultern die ganze Familie lastet. Großartig, wie ihre Moralvorstellungen als schlüpfrige Gedanken auf und davon galoppieren, glaubt sie doch in Physiotherapeutin Flora eindeutig eine „Masseuse“ zu erkennen. „Monsieur Pierre geht online“ ist ein Verwechslungsschwank vom Feinsten, Wortverdreherei par excellence, die Situationen durch ihre Fehldeutungen „Spiel, Satz & Sieg“ in der Schwebe gehalten, ohne jemals auf plumpen Boden zu prallen.

Martina Ebm stattet Flora mit genau der ernsthaft romantischen Mädchenhaftigkeit aus, der man zutraut, in Pierre eine neue Jugendlichkeit und in Alex den draufgängerischen Liebhaber zu entfachen. Die Juliette von der mit Lebenspartner Johannes Krisch ans Haus gewechselten BE-Schauspielerin Larissa Fuchs wird von Anfang an auf die Art Karrierebiest getrimmt, von dem Alex ein Abschiednehmen nicht schwerfallen kann.

Keine Angst, für alle gibt’s ein Happy End. Pierre, Sylvie und Juliette sind nämlich eine David-Trauergemeinde, Juliettes Ex, der nach Shanghai gegangen ist, und mit dem – Martin Niedermair – sie immer noch videotelefoniert. Weshalb Alex zum Gaudium des Publikums mit glühenden Ohren die schlimmsten Dinge über sich und sein Schmarotzertum in Sylvies „Hotel Mama“ hören muss, bis David nach Paris zurückkehrt. Für Pierre hat Alex den gleichen Schabernack parat, wie der zuvor für ihn. Und schließlich öffnet auch Sylvie das Tor zum Datingportal …

Für einen Moment zugeschaltet hat sich in seiner Aufführung auch Werner Sobotka als Fernsehmacher Frederic, der von Alex Pitches für eine Gerichtsmediziner-Serie fordert, etwas, das die alten Zuschauer nicht vergrault und die jungen dennoch unterhält. Das scheint wie ein Motto über diesem rundum geglückten, supersympathischen „Monsieur Pierre“ zu stehen, dem man auch nach dem morgigen Samstag noch viele Vorstellungen wünscht.

Video: www.youtube.com/watch?v=988WHzW-w2w           www.josefstadt.org

  1. 10. 2020

aktionstheater ensemble: Wie geht es weiter – Die gelähmte Zivilgesellschaft

Juni 13, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Alles ein Riesenthema bei uns

Michaela Bilgeri als professionelle Pflegeheimstreichlerin; mit Andreas Jähnert, Fabian Schiffkorn, Benjamin Vanyek, Thomas Kolle und Maria Fliri. Bild: Gerhard Breitwieser

Genug ist genug. Das muss Michaela Bilgeri eingangs kurz festhalten. Und mit dem nächsten Atemzug zugeben, dass, wann immer sie sich das sagt, sie denkt – ein bissl was ginge noch … Mit derart viel Verve, Wahnsinn und Wollust, wie hier die Bilgeri, muss man sich erst einmal auf eine Spielfläche stellen und „davon“ erzählen, denn, nein, ihr geht es nicht etwa um Innenpolitik, sondern eher Innenschau, sprich: Selbstbefriedigung. „Bis ich 23 war, habe ich nie masturbiert,“ erklärt sie.

Und auch den nützlichen Ersatzeinsatz des Turnseils in der Schulsporthalle. Die schnelle Eingreiftruppe für so messerscharfe wie amüsante wie empathische Daseinsanalysen macht dieser Tage Station im Wiener Werk X. Zum sagenhaften 30-Jahr-Jubiläum hat Martin Gruber mit seinem aktionstheater ensemble die Inszenierung „Wie geht es weiter – Die gelähmte Zivilgesellschaft“ erarbeitet, zustande gekommen wie stets als die Essenz von Erlebtem und Erfühltem seiner Darsteller, diesmal Michaela Bilgeri, Maria Fliri, Andreas Jähnert, Thomas Kolle, Fabian Schiffkorn und Benjamin Vanyek. Die nun da stehen, die weiße Weste, äh Wäsche, nicht ganz sauber, darüber können auch die Spitzenshirts und die Sneakersöckchen nicht hinwegtäuschen, um zu berichten, dass es gegen ein übermächtiges, unübersichtliches Draußen wohl besser sei, man bleibe ganz drin bei sich.

So wohl lässt sich der aktionstheater’sche Ansatz interpretieren, die Generation nach BoBo zu zeigen, die Bohemian Bourgeois, die ihren Kindern wenig mitgegeben hat, außer Sinn für Stil und reflektierten Spaß am Konsum. Wenn auch die Fridays For Future Hoffnung schöpfen lassen, aber wie Bilgeri, die professionelle Pflegeheimstreichlerin, die gern zeigt, wie’s geht, aufzählt, was alles anliegt, „Umweltschutz ist ein Riesenthema bei uns. Soziale Gerechtigkeit ist ein Riesenthema bei uns. Afrika ist ein Riesenthema bei uns …“, ist nur menschlich, dass aus dem Schöpfen allzu schnell ein Erschöpfen werden kann. Zwischen diesen Polen mäandert die Produktion. Den Stimmungen nachzuspüren, die zum Status Quo geführt haben, und als solche eine Metapher mit hohem Wieder- und Selbsterkennungswert, mit Übertragungsmöglichkeit auf die EU, das Nord-Süd-Gefälle und den Culture Clash zu sein.

Wut im Wohnungsamt: Benjamin Vanyek; mit Andreas Jähnert, Fabian Schiffkorn, Thomas Kolle und Michaela Bilgeri. Bild: Gerhard Breitwieser

Über Selbstbefriedigung am Turnseil: Michaela Bilgeri mit Benjamin Vanyek und Thomas Kolle. Bild: Gerhard Breitwieser

Verhandelt werden: Der Groll aufs weltverbesserische Kaufverhalten, weil Noisetteschokolade allemal besser schmeckt als Fairtrade, wie Benjamin Vanyek erbittert kauend unter Beweis stellt. Die schöne österreichische Kultur, für die sich sogar die Söckchen in Ballettschuhe verzaubern. Die Vorteile des Ballen- gegenüber des Fersengangs, den Andreas Jähnert vorführt. Versus Maria Fliris kämpferischem Ruf nach „Jetzt erst recht! Neuer Stil! Hula Hoop!“ und Fabian Schiffkorns ängstlicher Frage nach dem Verbleib der Mitte.

Das träge Volk, wie’s neuerdings gern genannt wird, in Hinblick auf das Wahl- davor, hat sich scheint’s auf Nebenschauplätzen eingerichtet. Setzt auf Selbstbespiegelung statt Zivilcourage, und wunderbar ist es, wie Thomas Kolle staubt, klopft ihm einer auf den Rücken. Zack! Zack! Zack! hat er Lösungen parat. Ein spitzbübisches Rich Kid, das seine Eltern zu immensen Ausgaben veranlasst. Im gewollten Dunkel bleibt der fulminante Sänger Pete Simpson, eine Fleisch gewordene Paraphrase aufs Gesagte, einer durchkomponierten Textcollage, die Sprache zu Melodie und Rhythmus eint, Simpson, der mit seiner R’n’B-Stimme Schuberts „Nacht und Träume“ interpretiert.

Und der in den Höhen betörend sphärisch nach Jimmy Somerville klingt. Definitiv ist der gebürtige Brite ein Highlight des Ganzen. „Alle tun so, als würden sie etwas tun, aber sie tun es nicht“, ist der Fazitsatz der Uraufführung. Für die Gruber auch diesmal minimalistische Bewegungschoreographien erdacht hat, angedeutete Tanzschritte, unterstützt durch ein Spiel mit Autoreifen, das die insistierende Wiederholung von Phrasen und Behauptungen begleitet. „Wie geht es weiter“ ist nach den Worten Martin Grubers „der Versuch, eine Gesellschaft zwischen Saturiertheit und Prekariat zu skizzieren, deren Leidensdruck noch zu gering ist, um gegen gefährlich infantilen Rechtspopulismus und Nationalismus aufzubegehren“. Im Gespräch mit mottingers-meinung.at fordert er den „Mut, ein Drittes zu denken“: „Nicht Ideologien, sondern Haltung wird uns weiterbringen“ (das ganze Interview: www.mottingers-meinung.at/?p=30322).

Reifenchoreografie mit Noisettegeschmack: Thomas Kolle, Andreas Jähnert, Fabian Schiffkorn, Maria Fliri, Michaela Bilgeri und Benjamin Vanyek. Bild: Gerhard Breitwieser

In diese Atmosphäre versetzt Gruber mit der eindrücklichsten Szene des Abends, Stichwort: heißes Eisen Immobilienmarkt. Während also Maria Fliri als Hausbesitzerin über das Unbill eines solchen jammert, ihr Scheitern an unbeschädigt weißen Sockelleisten eine einzige linksliberale Wohlstandsverirrung, versucht Benjamin Vanyek seiner Delogierung dadurch zu entrinnen, dass er ihr den Mietvertrag für eine ihrer leerstehenden Wohnungen abschwatzt. Vergebens.

Da wandelt sich der Akteur in einer Erinnerungssequenz in seine Mutter und anverwandelt sich deren breites Wienerisch. Auch sie war in der Situation, und es folgt ein Wutausbruch auf dem Wohnungsamt: „Waun Sie mi mit meine vier Kinda aussehaun, daun …“ Übers eigene Prosperitätstrauma und das „Wie geht es weiter“ lässt sich hernach bei einem Glas Wein trefflich philosophieren. Im Sinne von: sich mit Gott und der Welt, aber nicht mit wirklich Wichtigem beschäftigen. Weil sich die Bilder gleichen.

aktionstheater.at           werk-x.at

  1. 6. 2019

Monsieur Pierre geht online

August 10, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Pierre Richard ist ein anrührender Internet-Cyrano

Monsieur Pierre macht Alex zu seinem jüngeren Alter Ego: Pierre Richard und Yannis Lespert. Bild: © 2016 Tom Trambow/Filmladen Filmverleih

Alle Jahre wieder entzückt das französische Kino mit einer hinreißenden Sommerkomödie. 2017 heißt sie „Monsieur Pierre geht online“, ist der grandios bewährte Mix aus leichtfüßiger Elegance und schwerer Melancholie, und ab Freitag in den heimischen Kinos zu sehen. Monsieur Pierre, das ist kein Geringerer als Pierre Richard.

Regisseur und Drehbuchautor Stéphane Robelin hat dem großen Blonden nach dem Erfolg von „Und wenn wir alle zusammenziehen?“ diese Rolle auf den Leib geschrieben. Und Pierre Richard, dieser lebenslange Pierrot, füllt sie mit Schwärmerei, mit zärtlicher Zerstreutheit – und mit der Unfähigkeit sich gegen die Unbilden des Lebens zu wehren. Sein Monsieur Pierre ist im besten Sinne ein sanftmütiger Schalk. Außerdem fast ein Poet. Im Internet. Die Story hat viel mit Edmond Rostands Cyrano gemein. Nur, keine Sorge, gibt es hier ein märchenhaftes Happy End für alle.

Monsieur Pierre also hat im Leben nur noch ein Interesse. Der Witwer schaut tagein, tagaus alte Filmaufnahmen seiner verstorbenen Frau an. Nichts treibt ihn mehr vor die Tür, er bunkert sich ein in seiner Wohnung und in seiner Trauer. Da schmiedet Tochter Sylvie (Stéphane Bissot) einen sinistren Plan: Der Lover ihrer Tochter Juliette (Stéphanie Crayencour), ohnedies ein nichtsnutzig-arbeitsloser Autor, soll dem Alten Unterricht in Sachen Internet geben – ohne, dass der von Alex‘ Verhältnis zu Juliette weiß.

Nach Einstiegsschwierigkeiten flutscht das Ganze, und Pierre macht in einem Datingportal die Bekanntschaft von Flora (Fanny Valette). Er verliebt sich, doch kann er sich nicht als 80-jähriger Zausel enttarnen. Also muss Alex zu seinem Fleisch und Blut werden, während er selbst aus der Deckung immer gewagtere, intimere Postings/Briefe abschickt. Dass das alles nicht gutgehen kann, ist klar. Am Ende verliebt sich auch Alex, der die Körperlichkeiten dieser ménage à trois zu schultern hat, in Flora. Und zwischen den beiden Männern bricht der Konkurrenzkampf los …

Monsieur Pierre stellt seine junge „Geliebte“ der Familie vor: Pierre Richard, Stéphane Bissot, Stéphanie Crayencour und Fanny Valette. Bild: © 2016 Tom Trambow/Filmladen Filmverleih

Das Schlafzimmer teilen allerdings Flora und Alex: Yannis Lespert und Fanny Valette. Bild: © 2016 Tom Trambow/Filmladen Filmverleih

Stéphane Robelin gelingen ein paar großartige Szenen. Pierre Richard, verlegen wie ein Schulbub beim ersten Rendezvous, das gar nicht er bestreiten wird. Weshalb er das Date erst mit dem Feldstecher beobachtet, später vom Nebentisch im Restaurant aus. Wunderbar, wie der alte Anbeter den jungen in seine Biografie drängt, und der beginnt diese auszuschmücken. Wobei aus dem faden Verwaltungsbeamten ein abenteuerlustiger Vulkanologe wird. Fabelhaft Stéphane Bissot und Stéphanie Crayencour, als Pierre, bislang der Fremdkörper in der Familie, doch nun treibt sie die Neugier herbei, ihnen die junge „Geliebte“ beim Frühstück vorstellt:

Fanny Valette als Flora, die tatsächlich glaubt, Pierre wäre Alex‘ schrulliger Großvater. Das ist Verwechslungsschwank vom Feinsten, Wortverdreherei par excellence – ohne jemals plumb zu sein. Wie diese Situation für etliche Minuten durch Fehldeutungen in der Schwebe bleibt, ist zwar komplett unrealistisch, aber extrem unterhaltsam.

Monsieur Pierre skypt immer noch mit Juliettes Lieblings-Ex-Verlobtem, und der anonym gehaltene Alex muss nun daneben sitzen und sich anhören, wie die Familie dem Verflossenen nachweint. In schwermütigen Tagträumen lässt Robelin seinen Pierre eng umschlungen mit dessen toter Frau tanzen; in weniger bekümmerten imaginiert er die Treffen mit diversen Dating-Damen. Die Fantasie führt bis zu einer Konfrontation von Pierre und Alex, einander gegenüber vor einem Toilettenspiegel. Ist das echt oder von Pierre bloß erdacht? Wer derart lyrische Momente erschafft, der darf auch eine Szene, wie diese schreiben: Telefonkonsultation, weil am Computer gerade gar nichts geht. Alex: Haben Sie das Fenster geöffnet? Pierre steht auf und tut ebendieses …

Pierre Richard ist ein anrührender, aber auch kauziger Internet-Cyrano. Bild: © 2016 Tom Trambow/Filmladen Filmverleih

Dass Pierre Richard in jeder Minute des Films als wieder zum Leben erweckter Kauz schimmert wie ein wertvoller Edelstein, ist klar. Um nichts steht ihm aber auch sein Filmpartner Yaniss Lespert nach. Hierzulande bis dato unbekannt, erfreut sich der 28-Jährige in Frankreich als Darsteller in der TV-Serie „Fais pas ci, fais pas ça“ großer Beliebtheit.

Als Alex ist er ein würdiges Pendant in dieser seltsam sich entfaltenden Freundschaft zu Monsieur Pierre, ebenfalls ein Weißclown, allerdings ohne Ambitionen, ein erfolgloser Antriebsloser mit Dackelblick, dessen gar nicht so tief verborgener Widerspruchsgeist ihn gesellschaftliche Normen aber ignorieren und an sein schriftstellerisches Talent glauben lässt. Lange Zeit scheint er keinerlei Ziel zu haben, scheint sich das Szenario um ihn herum fast ohne sein Zutun zu entwickelt – und genau deshalb kann sich der Humor des Films emporschrauben, kann sich sein Charme entwickeln.

Mit Volldampf steuern Robelin und seine Darsteller so dem überdrehten Finale entgegen. Höhepunkt der Absurdität ist die Enttarnung, wenn Flora mit Pierre spricht, während sie aber Alex meint. Eine Sequenz, in der man sich wahrlich unter die Cadets de Gascogne versetzt fühlt. Als Motto des Films kann aber ein Zitat des unsterblichen (und Pierre Richards Freundes) Jacques Brel gelten: Man braucht viel Talent, um nicht erwachsen zu werden. Voi­là, c’est ça!

www.monsieur-pierre-geht-online.de

10. 8. 2017

Manuel Rubey in „Gruber geht“

Februar 16, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Film von Marie Kreutzer

Gruber geht: Manuel Rubey, Bernadette Heerwagen Bild: © Thimfilm/Petro Domenigg

Gruber geht: Manuel Rubey, Bernadette Heerwagen
Bild: © Thimfilm/Petro Domenigg

Es ist nicht mehr so früh am Morgen, als Gruber dem Postboten, der ihm einen Brief überbringt, die Wohnungstür öffnet. Gruber ist ein cooler, gut aussehender Gewinnertyp mit Wiener Schmäh. Seine Familie hält er auf Distanz, seine Freunde sind oberflächliche Bekanntschaften, und auf Beziehungen zu Frauen lässt er sich schon gar nicht ein. Als ihn seine Schwester Kathi bittet, zum 60. Geburtstag der Mutter zu kommen, sagt er wiederwillig zu und fährt lässig im Porsche vor. Er ist zynisch wie immer, bleibt nur einige Stunden, um danach noch in der Stadt in seinem Stammcafé abzuhängen. Den Schwächeanfall im Fitnessstudio ignoriert er genauso wie den ungeöffneten Brief vom Krankenhaus.

Auf einer Geschäftsreise nach Zürich flirtet Gruber im Flugzeug mit seiner Sitznachbarin, einer DJane aus Berlin. In Zürich angekommen, findet ein unerfreuliches Meeting mit zwei potenziellen Geschäftspartnern statt, Gruber betrinkt sich daraufhin und gerät in eine Schlägerei. Beim Frühstück im Hotel am nächsten Morgen trifft er wieder auf seine Flugzeugbekanntschaft, Sarah. Aus dem Flirt wird ein Gespräch mit zahlreichen Referenzen auf Bob Dylan. Sarah und Gruber kommen sich näher, verbringen gemeinsame Stunden im Hotelzimmer. Sarah sieht in Gruber mehr, als er von sich selbst preisgibt. Beide überrascht über die Vertrautheit, bittet Gruber Sarah, den noch immer ungeöffneten Brief aus dem Krankenhaus vorzulesen. Konfrontiert mit seiner Diagnose, verlässt die erschrockene Sarah das Hotel, lädt Gruber aber noch zu ihrem Gig ein, den Gruber aber nicht besucht. Stattdessen hinterlässt er ihr seine Nummer und versucht, mit der Diagnose so ungerührt wie nur möglich umzugehen. Zurück in Wien, postet Gruber seinen Krankheitsstatus auf Facebook und trifft danach auf seine wütende Schwester, die sich große Sorgen macht. Gruber beginnt mit seiner Therapie. Cool wie immer, will er sein Leben weiterführen wie bisher, die Ärztin mit Wiener Schmäh bezirzen und mit seinen Bekannten weiterhin trinken gehen.

Zurück in Berlin, merkt Sarah, dass sie Gruber nicht so einfach vergessen kann, und als sie für eine Musikproduktion nach Wien eingeladen wird, sagt sie zu. Gruber und Sarah treffen sich und verbringen eine weitere gemeinsame Nacht miteinander. Gruber bemüht sich um Sarah, führt sie aus und kocht für sie. Als Sarah das Essen aufgrund der Arbeit absagt, ist Gruber enttäuscht. Als er zu seiner Schwester aufs Land fährt, bleibt er zum ersten Mal länger als nur einige Stunden und passt auf Kathis Kinder auf.

Sarah merkt, dass sie schwanger ist. Obwohl ihr erster Gedanke eine Abtreibung ist und sie sich einen Termin in der Klinik ausmacht, entscheidet sie sich letztlich doch für das Kind. Nach einem Streit will sich Gruber entschuldigen und zu ihr nach Berlin fliegen. Auf dem Weg zum Flughafen geht es Gruber allerdings so schlecht, dass ihn die Taxifahrerin nach Hause bringt. Gekrümmt vor Schmerzen lässt er – zu schwach, um zu protestieren – seine Mutter in die Wohnung, die sich um ihn kümmert. Obwohl er noch immer seine Familie von sich wegstoßen möchte, merkt er, dass er Hilfe braucht und sein Leben ändern muss …

www.grubergeht.at

Wien, 16. 2. 2015

Anja Kruse macht in Wien Theater

April 5, 2013 in Bühne

„Undine geht an Land“ im Kosmos

Anja Kruse Bild: Bettina Frenzel

Anja Kruse
Bild: Bettina Frenzel

Natürlich war man neugierig auf sie. Bekannt aus Film, Funk und Fernsehen. Berüchtigt dafür, dass sie vor Societykameras und -mikrophonen mit harschen Worten oder mit Husch-husch-weg reagiert. Eine Diva? Und jetzt auf der Bühne? Eine Teamplayerin? Alles viel einfacher. Denn Anja Kruse ist einfach großartig.

Die deutsche Schauspielerin spielt (noch bis 20. April) im Wiener Kosmostheater „Undine geht an Land“. Regisseurin Elisabeth Augustin hat zum 40. Todestag von Ingeborg Bachmann ein Mosaik aus Wort und Klang zum Thema Nymphe, Nixe, weiblicher Wassergeist, was auch immer, zusammen gestellt. Kruse, quasi  Alter Ego der Schriftstellerin, rezitiert, spielt deren Texte von „Undine geht“ über „Ein Schritt nach Gomorrha“ und „Der Idiot“ bis zu „Schatten Rosen Schatten“. Und sie singt. Patti Smith. „The Mermaid Song“.

Nicht vollständig erschließt sich, was Augustin mit diesem Abend ausdrücken will. Er kreist um sich selbst, verliert sich in sich selbst. Er ist wohl so eine Art freie Assoziation übers Fremdwesensein, übers Fremdbestimmtsein. Die Wasserfrau bekommt erst eine Seele, wenn ein Menschenmann sie liebt. Betrügt er sie, muss er sterben – und sie wird nichts als Schaum auf den Wellen. Klar, dass Bachmann den „Herren der Schöpfung“ da Kontra geben musste. Witzig, dass Augustin das Ganze in einer Fete-Blanche-Schaumschlacht am Wörthersee enden lässt.

Neben Bachmann-Zitaten hat sich Augustin bei Paracelsus, Goethe, Fouque, Giraudoux, Andersen und Woody Allen bedient. Und selbst etwas beigesteuert. Erstaunlich übrigens, wie oft in der Literatur der betrogene Betrüger Hans heißt. Die Musikauswahl reicht von Schubert, Dvorak, Francis Lai („Un homme et une femme“: Das berühmte Dabadabada hingehaucht von Sylvia Haider) bis John Lennon und France Gall („Haifischbaby“).

Dass Land in Sicht ist, verdankt die Produktion ihren Darstellern. In dieser Collage alle in mehreren Rollen. So darf Florentin Groll nicht nur vom „Halb zog sie ihn, halb sank er hin …“ (im Hamburger Hafenjargon) erzählen, sondern auch Paracelsus, Fouque und Poseidon persönlich sein. Mirko Roggenbock ist in allen möglichen und unmöglichen Situationen der Hans-nicht-im-Glück, ein Krieger und Jäger, Fallensteller nur bei Wild, nicht aber bei wilden Frauen. Stephanie Waechter taucht als unterschiedlichste Meereswesen auf. Und einmal als Geliebte von Anja Kruses Figur. Ein wichtiger Bestandteil der Inszenierung, ein Gewinn für diese, ist Bernhard Höchtel als Live-Musiker. Er hat Nelly Sachs‘ „Hier ist kein Bleiben länger“, am Ende interpretiert von Florentin Groll, vertont. Und das Lied „Plädoyer“ komponiert.

Ein Eindruck vom Abend? Folgendermaßen: „Wenn man tot ist und jemand schreit: Alle aufstehen, es ist schon Morgen!, ist es sehr schwer seine Pantoffel zu finden.“

Woody Allen? Falsch! Jean Giraudoux.

www.kosmostheater.at

www.anjakruse.de

Von Michaela Mottinger

Wien, 5. 4. 2013