Stewart O’Nan: Stadt der Geheimnisse

November 1, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Nation, aus dem Terror geboren

Während dieser Tage wegen stockender Friedensverhandlungen die Palästinenser-Führung einmal mehr beschloss, Israel die Anerkennung als Staat zu entziehen, berichtet Stewart O’Nan in seinem aktuellen Buch „Stadt der Geheimnisse“ von der Stunde Null vor dessen Gründung. Auf 224 Seiten macht der US-Schriftsteller vor allem eines deutlich: das Gelobte Land ist aus dem Terror geboren. Hagana, Irgun und die Lochamei Cherut Jisrael alias Stern-Bande, „die Verteidigung“, die „Nationale Militärorganisation“ und die „Kämpfer für die Freiheit Israels“, bekriegen die britische Mandatsherrschaft, wo sie sie zu fassen kriegen. Vom Irgun-Anführer und späteren Ministerpräsidenten Menachem Begin stammt auch das einleitende Zitat: „Der Engel des Vergessens ist ein gesegnetes Wesen.“

Dieses Himmelsgeschöpf hat Protagonist Brand nie gesehen. Er ist, was Gott betrifft, „einer, der nicht wusste, wie man fragt“. Brand ist lettischer Jude, als solcher interniert erst von den Nazis, dann von den Russen, seine gesamte Familie im Holocaust ermordet. 1947 gelangt er nach Jerusalem, und wird mit gefälschten Papieren als „Jossi“ Taxifahrer – im Auftrag der zionistischen Untergrundkämpfer.

Tagsüber fährt er Touristen zu den Besichtigungsstätten ihrer Pilgerreise, nächtens die Terroristen. So beginnt O’Nans düsterer Roman noir über einen persönlichen, wie einen politischen Kampf um Unabhängigkeit – und die Sehnsucht nach dem Erlöschen von Erinnerungen. Alle aber stehen hier am „offenen Grab der Vergangenheit“, und mit einer Szene über die Willkür und Gewalt britischer Soldaten bei einer Verkehrskontrolle, zieht einen der Autor sofort in Bann und mitten hinein in die Atmosphäre der Stadt.

„Die Stadt war ein aus Symbolen zusammengesetztes Puzzle, ein Durcheinander aus Alt und Neu, aus Panzerwagen und Eseln in den Straßen, aus Beduinen und Bankiers“, formuliert O’Nan. Gefahr flirrt in der Luft, während der seelisch Kriegsversehrte von den Schuldgefühlen des Überlebthabenden und von Bildern erlebter Gräueltaten heimgesucht wird, Bildern von „nackten Toten, die wie Schweinekadaver aufeinandergeschichtet waren“, und vom „Kameraden Koppelmann“, der von einem KZ-Aufseher totgetreten worden war. Einmal, da ist Brand vom bloßen Chauffeur bei Einsätzen längst zum Mitattentäter avanciert, denkt er betroffen, er belle die Drohungen und Befehle an die Geiseln im verabscheuungswürdig vertrauten Tonfall dieses Peinigers.

Für „Eretz Israel“ wird ein E-Werk in die Luft gejagt, ein Zug mit Lohngeldern überfallen, ein Major entführt – was gründlich schief geht. Brand ist nur ein kleiner Fisch, in den tieferen Sinn der Aktionen ist er nie eingeweiht, die großen Zusammenhänge erfährt er nach den Anschlägen aus dem Radio, von der „Stimme des kämpfenden Zion“. Dann ist er zwar stolz, dabei gewesen zu sein, aber anders als seine Mitstreiter in der Zelle, der sleeke Anführer Asher, der hinter seiner Brille blinzelnde Lipschitz, die undurchsichtigen, unzertrennlichen Fein und Yellin, der charismatische Gideon, „weigerte er sich, wahrscheinlich, weil er Häftling gewesen war, Hinrichtungen als Waffe zu akzeptieren“. Neben den Männern kommen zwei Frauenfiguren vor – wie es sich für einen Spionagekrimi gehört, eine „geheimnisvolle Blonde“, und Eva, eine Prostituierte mit einer geheimnisumwitterten Narbe im Gesicht, zu der Brand eine komplizierte Beziehung unterhält.

Sie wird sich als involviert, wenn nicht sogar ausführendes Organ, beim Bombenanschlag auf das King David Hotel herausstellen, eine von O’Nan vorgenommene Zeitverschiebung, fand dieses von der Irgun verübte Attentat tatsächlich doch schon am 22. Juli 1946 statt, und während sich für Brand und damit den Leser allmählich entschlüsselt, wer aller zur Organisation gehört, Vermieterin, Lebensmittelhändler, sein Taxiunternehmer-Chef, gibt es innerhalb der Zelle Verhaftungen. Und plötzlich wird ein Verräter gesucht, und es gibt ein Mordopfer mit symbolträchtig herausgeschnittener Zunge …

Bild: pixabay.com

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„Die Stadt der Geheimnisse“ ist eine kompakte, schlicht und umstandslos erzählte Geschichte. O’Nans Schilderungen der Vorgänge hinter den Mauern der Jerusalemer Altstadt sehen durchs geistige Auge wie ein Schwarzweißfilm aus, als wäre dies hier ein literarischen Pendant zu Orson Welles‘ berühmten „Dritten Mann“. Als Subtext ist mitzulesen, wie Weltpolitik in einem Land gemacht wird, in dessen Bewohnern wie Besuchern die ganze Welt zusammenkommt. Der Konflikt, der das Buch in Gang setzt und den Rahmen zur Handlung bildet, das Gesetz, das Brand zum Illegalen macht, ist die jüdische Immigration in Palästina. Beziehungsweise deren Verhinderung durch die Briten, die sich weigerten weitere Visa auszustellen, und deren Blockade der Alija-Bet-Schiffe zur humanen Katastrophe führte. Gerade erst den Lagern entkommene Menschen wurden unter anderem auf Zypern zwangsinterniert.

Antiheld Brands Verlorenheit, der moralische Zwiespalt, in dem er wegen der Anschläge steckt, seine Unsicherheit, wo er stehen muss, soll, kann, verstärkt sich, je mehr der Krieg zu einem der Gesten wird: „Die offizielle Reaktion war ein Tanz der Propaganda. Die Jüdische Vertretung verurteilte die Irgun als Terrortruppe. Begin warf den Briten vor, dass sie nicht auf ihre Warnung gehört hätten, das Hotel evakuieren zu lassen. Die Briten behaupteten, sie hätten keine Warnung erhalten. Für Brand spielte es keine Rolle. Er hatte die Nase voll vom Krieg.“

Auf die Frage „Wie konnte man töten und sich immer noch gerecht nennen?“, diese bis heute, und das das Aktuelle an Stewart O’Nans historischem Roman, zwischen den im – auf die britische Mandatszeit zurückreichenden – Streit liegenden Lagern Israels und Palästinas ungeklärt, findet Brand schließlich für sich eine Antwort. Nicht länger Soldat sein, und auch nicht mehr Häftling, sondern frei. Denn die Mächtigen, so O’Nans Schluss, müssen immer bedenken, dass die Menschen eines wollen – Frieden …

Über den Autor: Stewart O’Nan wurde 1961 in Pittsburgh, Pennsylvania, geboren und wuchs in Boston auf. Er arbeitete als Flugzeugingenieur und studierte an der Cornell University Literaturwissenschaft. Heute lebt er wieder in Pittsburgh. Für seinen Erstlingsroman „Engel im Schnee“ erhielt er 1993 den William-Faulkner-Preis. Auch für seine letzten beiden Romane „Die Chance“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=10235) und „Westlich des Sunset“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=20041) wurde er von der Kritik gefeiert und eroberte sich in Österreich eine große Leserschaft.

Rowohlt, Stewart O‘Nan: „Stadt der Geheimnisse“, Roman, 224 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Thomas Gunkel.

stewart-onan.com

www.rowohlt.de

  1. 10. 2018

Wiener Festwochen: Titkaink/Unsere Geheimnisse

Mai 20, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Volksmusik und Pädophilie

István (Zoltán Friedenthal) und Stieftochter Timike (Éva Enyedi) Bild: Zsolt Puskel

István (Zoltán Friedenthal) und Stieftochter Timike (Éva Enyedi) Bild: Zsolt Puskel

Wer immer die Idee hatte, die Produktion „für Zuschauer ab 16 Jahren“ freizugeben, weil Kindesmissbrauch zu sehen sein wird, dem sollte man nicht die Ehre antun, mit einem Ui! zu reagieren. Von den meisten KritikerkollegInnen wurde dieser Aspekt sowieso als Nebendingsbums abgetan – und auch Autor und Regisseur Béla Pintér braucht ihn nur als Katalysator.

Da gibt es also István Balla Bán (Zoltán Friedenthal), im ungarischen Kommunismus höchst angesehener Volksmusikkomponist, der wie ein Krokodil durch den flachen Plattensee robben muss, weil er einen Steifen kriegt, wenn er seine siebenjährige Stieftochter im Badetrikot sieht. Pintér findet jede nur mögliche Ausrede für den Pädophilen, der Täter ist sein Opfer, der Arme, kann ja nicht anders, ist in höchster Not, ach, diese Lolitas. Timike (Éva Enyedi) wird aber weniger kindliche Lazivität angedichtet, als eine Art Stockholm-Syndrom. Sie will dem Stiefpapa halt eine Freude machen, wenn „sein Zwerg zum Riesen wird“ und ihr dann noch ins Gesicht spuckt. Lustig, lustig, tralalalala … Die Ehefrau hält ihren Mann für impotent, macht sich Sorgen, konsoldiert Ärzte, freut sich, als der mit entsprechendem Ergebnis von der Tochter träumt, über eine mögliche Chance, aber plumps fällt der Vati um. Die Mutti will er ja nicht. Dafür mixt er später dem Sohn eines Freundespaares etwas Einschläferndes in den Apfelsaft und zieht ihm die Hose runter. Wie gesagt: Für Béla Pintér ist das die Neben-neben-neben-Handlung.

Denn István besucht immerhin eine Psychiaterin. Doch die wird abgehört. Und nun hat ihn der kommunistische Parteiapparat in den Klauen. Nachdem ihm der Kossuth-Preis verliehen worden ist (und ihm der zuständige Funktionär schwule Avancen macht; an dieser Stelle: Wer hat jemals von einem Fall gehört, in dem Schwule pädophil waren? Welche unheilvollen Vorurteile werden da wieder vermischt?), rückt man raus mit der Wahrheit. Er soll das Paar bespitzeln, dessen Sohn er noch missbrauchen wird. Er, Imre (Béla Pintér), schreibt für das oppositionelle Blatt „Eiserner Vorhang“, sie, Bea (Zsófia Szamosi) ist die lupenreinste Kommunistin jenseits der Erzsébet híd. Imre landet im Zuchthaus, István sticht sich den Schwanz ab. Einen Preis hat er noch gestiftet: Den bekommt Imres Sohn, den die Begegnungen mit István immerhin zum Volksmusikliebhaber gemacht haben (er gibt der Stiefgeliebten des Vaters, also Bea, nicht einmal die Hand, sagt nur: „Mein Vater wäre heute 61 …“) Und: Da Timike Vorsitzende der Stiftung ist, wird man ihr die Gelder streichen.

Das erfährt man in einem zynischen kurzen Epilog: Die Situation in Ungarn heute ist unter Premier Viktor Orbán nicht viel besser geworden ist. Die Spitzel und Opportunisten von einst sind wieder an der Macht, die Unterdrückung hat nur andere Formen angenommen. Bitterböse ist das Fazit dieses Stücks, das meist in einem Tanzhaus spielt, und gespielt wird, wie von einer Laientruppe aus der hintersten Provinz. Von der Pußta will ich träumen, wenn der Cardaz klingt. Ungarland, Ungarland, Ich hab‘ dir meine Herz verschrieben. Ich bin dein, Donaustrand … Ope-rette sich, wer kann.

www.festwochen.at

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-2014

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www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-bluthaus/

Wien, 20. 5. 2014