Die Angewandte online: Der Angriff auf die Gegenwart

November 25, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Videoclips als virtueller Rundgang durch die Ausstellung

Kathrin Plavčak: Wenn das Pferd tot ist, steig ab. © Markus Gradwohl, VG Bild-Kunst

Wegen der aktuellen #Corona-Regelungen für Ausstellungen konnte die Schau „Der Angriff auf die Gegenwart – Aussichten im Postwachstum“ der Universität für angewandte Kunst Wien im Rahmen der Vienna Art Week nicht wie geplant eröffnen. Wann die Ausstellung physisch zu erkunden sein wird, kann nicht ernsthaft prognostiziert werden. Deshalb bietet Anna Vasof nun durch Videos Einblicke in die Schau in der Universitätsgalerie. Die Künstlerin und Lehrende an der

Angewandten führt filmisch von Position zu Position. Die Videoclips lassen die Betrachterinnen und Betrachter selbst entscheiden, wie lange sie die virtuelle Führung begleiten oder sich bei Einzelpositionen wiederholt vertiefen wollen. Hier geht es zur YouTube-Playlist  auf dem Angewandte-YouTube-Kanal, die laufend aktualisiert wird. Die immer neu entfachte Lust auf nie zufriedenstellenden Konsum, der nach wie vor routinierte Zugriff auf längst begrenzte Ressourcen in einem nahezu selbstverständlichen Ausverkauf, ungeschützte Arbeit ohne Aussicht auf Sicherheit und Entwicklung, ein aus der Zeit gefallener Automobilismus, gesellschaftlicher Zusammenhalt, der an den Exponentialkurven einer Pandemie bemessen wird, die Suspension von Öffentlichkeit …

Die Liste wäre weiter fortzusetzen, um doch nur Fragmente einer Realität festzuhalten, die nicht inne hält und dabei nie über das Jetzt und den immer entscheidenden Moment hinauskommt. Die vorstellbaren Zukunftsbilder einer solchen Gegenwart scheinen nur mehr denkbar als brutale, als unerträgliche Dystopien, ökologische Katastrophe, Klimakollaps, Massensterben, oder als gleichermaßen verheißungsvolle wie unerreichbare Utopien, wie einer fairen und gerechten Gesellschaft für 10 Milliarden Erdenbürgerinnen und -bürgern 2050, der eine dekarbonisierte, nachhaltige Wirtschaft im Einklang mit der Natur dient.

Give us, Dear. © Böhler & Orendt und Museum Schloss Moyland, 2013

I Want To Hear About Your Problems. © Krištof Kintera

Diatmomeen Bacillariophyta, 2019. © Markus Jeschaunig

Die Bedingungen, unter denen diese Ausstellung zustande kommt, ergeben sich nicht zuletzt aus einem globalen Notstand. Diese Ausstellung befragt daher Künstlerinnen und Künstler nach ihren Bildern einer Gegenwart, die von Endzeitvorstellungen und Krisen geprägt ist und doch zugleich nach Konzeptionen und nach Kraft sucht. Es braucht widerständige Erfassungen einer Gegenwart wie Aussichten auf eine Zukunft, um Spielräume zu erkämpfen. Je eindringlicher die Bestandsaufnahmen desto schärfer lassen sich auch die Anliegen formulieren und übertragen und zugleich die Erkenntnis festhalten, dass solche Ziele die vieler sind. In diesem Sinn ist Kunst immer politisch zu verstehen.

Die künstlerischen Arbeiten formulieren Aussichten eine empathischen Zukunft angesichts einer Welt, in der es dringlicher denn je andere Zugänge braucht, um nötige Expertise und zugängliches Allgemeinwissen, reale Zwänge und visionäre Freiheiten, verantwortungsvolles Engagement und verstörende Angstbilder zu einer kraftvollen Vielfalt zusammenzubringen: „Die Avantgarde ergibt sich nicht“, hatte der Künstler und kritische Denker Asger Jorn 1962 klargemacht. Diesem kämpferischen Anspruch möchte sich die Ausstellung stellen, geht es doch wesentlich darum, nicht auf Zukunft zu verzichten.

Give us, Dear. © Böhler & Orendt und Museum Schloss Moyland, 2013

Mit Arbeiten von Allora & Calzadilla, Böhler & Orendt, Sophie Bösker, Nikolaus Gansterer, Oto Hudec, Markus Jeschaunig, Maria Kanzler, Krištof Kintera, Justin Lieberman, Christian Kosmas Mayer, Nicole Six und Paul Petritsch, Katrin Plavčak, Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger, Michael Strasser, Herwig Turk uns Anna Vasof.

Zu den Videoclips: shorturl.at/jpzQW           www.dieangewandte.at           www.youtube.com/user/DieAngewandteWien

25. 11. 2020

Schauspielhaus Graz: Ein Festspiel von Gert Jonke

Januar 8, 2015 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Gegenwart der Erinnerung

3911280003_fda9740bf4_bAm 15. Jänner hat am Schauspielhaus Graz Gert Jonkes „Gegenwart der Erinnerung“ Premiere. Auch in diesem Jahr laden der Fotograf Diabelli und seine Schwester zu einem sommerlichen Gartenfest mit illustren Gästen aus Kunst und Politik. Doch dieses Mal planen die Gastgeber ein Experiment: Ihr Ehrgeiz besteht darin, das Fest so zu gestalten, dass es in allen Details eine genaue Wiederholung der im Jahr zuvor veranstalteten Feier wird. Die Rekonstruktion scheint zu gelingen: Dieselben Gäste führen dieselben grotesk-komischen Gespräche, wieder kommt es zu einem stummen Klavierkonzert, das abgelöst wird von einer aus dem See aufsteigenden, wundersamen Naturmusik. Die Momente, die Diabelli als Fotografien festhält, gleichen den Fotos letzten Jahres aufs Haar. Bald schon scheinen die Zeiten aufgehoben und die Grenze von Erinnerung und Gegenwart zu verschwimmen. Nur der beste Freund der Geschwister, Komponist Fritz Burgmüller, zweifelt beständig an der Wiederholbarkeit des Seins – und kann schon bald niemanden mehr vom Gegenteil überzeugen …

Aus der Perspektive des Ich-Erzählers Burgmüller, reflektiert Gert Jonke in seiner Erzählung über die Gegensätze von Kunst und Wirklichkeit und die Skepsis, sich seiner Existenz vollständig bewusst werden zu können. Weil Jonke, Österreichs Großmeister der Sprachbehandlung, auch immer wieder den Fokus auf den Erzählvorgang an sich legt, werden die Geschehnisse auf dem Gartenfest zu einem wahrhaften „Schauspiel“: skurril, vergnüglich und unmöglich! Christiane Pohle adaptiert „Gegenwart der Erinnerung“ für das Grazer Theater und kehrt damit nach ihrer vielbeachteten Inszenierung von Thomas Bernhards „Der Untergeher“ ans Schauspielhaus zurück.

mit
Burgmüller (Komponist): Sebastian Reiß
Anton Diabelli: Christoph Rothenbuchner
Johanna Diabelli: Philine Bührer
Florian Waldstein (Maler): Florian Köhler
Kalkbrenner (Dichter): Thomas Frank
Bautenpolizist Jagusch: Franz Xaver Zach
Oberbaurat: Gerhard Balluch
Magistratsdirektorin: Franziska Benz
Schlagwerk: Matthias Frank
Trompete / Flügelhorn: Lukas Hirzberger

www.schauspielhaus-graz.com

Wien, 8. 1. 2014

mumok: Die Gegenwart der Moderne

März 17, 2014 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Und ein Overpainted-Workshop „Street Art“

mit Marlene Hausegger

Bild: Marlene Hausegger

Bild: Marlene Hausegger

Hat das große utopische Projekt der Moderne noch Aktualität? Was für ein Potenzial für nachfolgende Generationen und GegenwartskünstlerInnen liegt darin? So fragt das mumok mit der Sammlungspräsentation Die Gegenwart der Moderne. Seit 14. März 2014 stehen zentrale Werke der klassischen Moderne, die frühen Abstrakten und zentrale Arbeiten der Futuristen den Avantgarden der frühen 1960er-Jahre, der Post-Minimal-Art und zeitgenössischen Beiträgen von Isa Genzken über Christopher Wool bis zu Simon Starling gegenüber. In dieser Konfrontation wird abermals deutlich, dass das visuelle Repertoire der Moderne bis heute immer wieder neu ausgelotet wird. Den Strategien, mit denen sich jüngere Generationen zur Formensprache der Moderne in Bezug setzen, wird in der Präsentation genauso Raum gegeben wie den großen Themen der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts.

Mit etwa 150 Werken umfasst die Neuaufstellung Gemälde, Skulpturen, Zeichnungen, Fotografien, Filme und Architekturmodelle. Wichtige Neuerwerbungen und Schenkungen des letzten Jahres sind in die Präsentation einbezogen – etwa Arbeiten von Tom Burr, Judith Hopf, David Maljkovic oder Carolee Schneemann. Ausgesuchte Leihgaben ergänzen die Ausstellung. Zentrale Themen der Neuaufstellung sind Architektur und urbanes Leben sowie Design und Konstruktion. Sie lassen sich von der Moderne – von Albert Renger-Patzsch über László Moholy-Nagy zu Friedrich Kiesler – bis zu Walter Pichler oder Mary Ellen Carroll in die Gegenwart verfolgen. Mit dem im mumok kino gezeigten Film Empty the Pond to Get the Fish (2008) gibt Runa Islam das Ausstellungsthema paradigmatisch vor: Vor der Kulisse der modernistischen Architektur des 20er Hauses, in dem das mumok 1962 als Museum des 20. Jahrhunderts eröffnet wurde, beschreibt sie filmisch die Hauptwerke der klassischen Moderne aus dem Sammlungsbestand.

Seltener gezeigte Werke, wie eine Auswahl an Zeichnungen von Josef Hoffmann oder Architekturmodelle von Adolf Loos, Le Corbusier oder Fritz Wotruba, sind neben Klassikern der mumok Sammlung anzutreffen. In der Verschränkung der älteren mit den jüngeren Generationen sind zahlreiche österreichische Positionen zu finden, darunter Arbeiten von Arnulf Rainer, Marc Adrian, Dorit Margreiter, Florian Pumhösl oder Anna Artaker. Die produktive Auseinandersetzung mit den Themen der Moderne zeigt der Film Black Drop (2012) von Simon Starling, der einen Planetendurchgang der Venus im historischen Kontext von Darstellungs- und Aufzeichnungsmöglichkeiten analysiert. Er greift damit ein Thema auf, das die Futuristen mit Giacomo Ballas Merkur zieht an  der Sonne vorbei, gesehen durch ein Fernrohr (1914), einem Hauptwerk des mumok, als große Vision der Moderne malerisch interpretierten.

Beispielhaft für die Gattungsüberschreitungen in der zeitgenössischen Kunst ist John Baldessaris Arbeit Color Corrected Studio (with Window) von 1972 bis 1973. Darin überträgt er die für den Maler Piet Mondrian typische Strukturierung seiner Gemälde in Horizontale und Vertikale auf das Fenster seines Ateliers in Kalifornien. Baldessari  übersetzt mit dem Color Corrected Studio Fragestellungen aus der Malerei, dem unbestrittenen Leitmedium der Moderne, in Architektur und Fotografie. Aber auch die Bedeutung von Piet Mondrian als großem Universalisten und Vordenker der Moderne wird mit Baldessaris humorvoller Aneignung neu interpretiert.  Der um die Jahrhundertwende aufkommende neue Ausdruckstanz wird in der Ausstellung Die Gegenwart der Moderne mit Beispielen aus der Fotografie im Kontrast mit Entsprechungen in der Malerei des Expressionismus gezeigt. Die Bedeutung des tanzenden Körpers für die Gegenwartskunst erweist sich beispielhaft in Katarzyna Kozyras Filminstallation Rite of Spring (1999), einer choreografischen Paraphrase von Igor Strawinskis Le Sacre du printemps. Die Maske als das zweite Gesicht ist ein Motiv und Thema, das sich vom 19. Jahrhundert bis in die Moderne zieht. Besonders die Surrealisten konnten dem viel abgewinnen, wie Beispiele von Joan Miró oder Max Ernst zeigen. Aber auch für GegenwartskünstlerInnen hat die Auseinandersetzung mit dem Spiel der Masken nicht an Faszination verloren. In ihrer neuen, bei der dOCUMENTA 13 gezeigten Arbeit greift auch Judith Hopf diese Thematik auf.

Einen weiteren Schwerpunkt bildet die Auseinandersetzung mit dem institutionellen Rahmen der Moderne. So wird etwa Jörg Immendorffs legendäres Musée d’art moderne (1989) von anderen Blicken auf das 20. Jahrhundert konterkariert. Anna Artaker etwa überschreibt in Unbekannte Avantgarde (2008) die Bilder der großen, männlichen Heroen mit Bildern der verleugneten Frauen der Moderne. Ob formale oder inhaltliche Referenz, die Neupräsentation der mumok Sammlung  verfolgt die Spuren der Vergangenheit in der Gegenwart. Im Spiegel der jüngsten Arbeiten aus dem Bestand des mumok erweist sich die Moderne erneut als noch immer aktueller Bezugsrahmen.

Overpainted-Workshop Street Art mit Marlene Hausegger

Für junge Menschen ab 14 Jahren

Donnerstag, 20. März 2014, 18–21 Uhr, freie Teilnahme

Straßenkunst mal anders. Die in Wien lebende Installationskünstlerin Marlene Hausegger (geb. 1984 in Leoben) lässt sich von der Stadt faszinieren und inspirieren. Mit Kreide, Klebeband oder anderen Materialien und Objekten schafft sie mit viel Witz und Ironie Interventionen im öffentlichen Raum: Zahnbürsten bekommen Sprechblasen, ein Zebrastreifen wird zum Zebra und eine Häuserwand zum Puppenhaus. Im Overpainted-Workshop zeigt sie, wie man durch kleine Verfremdungen große Veränderungen bewirkt.

Anmeldung unter: T +43-1-52500-1313 oder overpainted@mumok.at

www.mumok.at

Wien, 17. 3. 2014