H. C. Artmann – Anlässlich des 100. Geburtstags: Eine Autobiografie aus Gesprächen

April 13, 2021 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Außerdem Klangbücher, Prosa- und Gedichtbände

H. C. Artmann war eine der schillerndsten Künstlerpersönlichkeiten der Nachkriegszeit und vielleicht der letzte literarische Lebemann. Er verstand sich als „kuppler und zuhälter von worten“, beschrieb „med ana schwoazzn dintn“ die düstere Seite der Wiener Gemütlichkeit und bleibt als virtuoser Sprachakrobat und individualistischer Exzentriker unvergessen. Am 12. Juni gilt es den 100. Geburtstag des im Jahr 2000 im Alter von 79 Jahren an Herzversagen verstorbenen Schriftstellers mit Büchern von und über ihn zu feiern. Hier eine persönliche Auswahl an bereits erschienenen und noch erscheinenden Biografien, Klangbüchern, Prosa- und Gedichtbänden:

H. C. Artmann: ich bin abenteurer und nicht dichter

In „ich bin abenteurer und nicht dichter“ versammelt Kurt Hofmann, ergänzt mit Werkausschnitten, die prägnantesten Originalaussagen Artmanns über sein Leben und Schaffen. Durch nächtelange Gespräche über Jahre hinweg wurde ORF-Redakteur Hofmann zum Vertrauten und Kenner Artmanns. Aus diesen Treffen resultiert die bis heute einzige „Autobiografie“ des literarischen Genies, dessen Faszination ungebrochen ist.

Amalthea Verlag, H. C. Artmann: „ich bin abenteurer und nicht dichter. Aus Gesprächen mit Kurt Hofmann“, Autobiografie, 240 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. Erscheint am 15. April amalthea.at

Kurt Hofmann im Amalthea-Gespräch:

Wie kam es zu den Treffen mit H. C. Artmann, und stand von Anfang an fest, dass eine Art Autobiografie aus den Gesprächen entstehen soll?
Hofmann: Als junger ORF-Redakteur in Salzburg wollte ich „den letzten literarischen Lebemann“ vors Mikrofon bekommen, wohl wissend, wenn er so etwas macht, dann sehr ungern. Die, die ihn näher kannten, rieten von so einem Projekt ab. Die, die ihn bisher interviewten, erst recht! Als er 1982 nach vielen vergeblichen Versuchen doch einwilligte, es probieren zu wollen, war wenig „Sendbares“ dabei. Da er viel zu viel überlegt hat und viel zu wenig er selbst dabei geblieben ist. Im Laufe der Jahre – mit monatelangen Pausen – wurde das Vertrauen größer bis zu dieser bei ihm seltenen Offenheit, die dann die Perspektive Richtung Buch erst ermöglichte. Die intensiven nächtelangen Interviews haben wir bis wenige Monate vor seinem Ableben geführt. Als er das Manuskript las, erschrak er: „Was haben wir gemacht!“ und: „Bring das erst raus, wenn ich nicht mehr bin!“

Warum war es so schwer, an H. C. Artmann ranzukommen?
Hofmann: In einer besinnlichen Minute zwischen drei und vier Uhr morgens, die Flasche Rotwein war längst leer, habe ich ihn genau das gefragt und bekam zur Antwort: „Weißt du … (lange Pause), ich bin menschenscheu, sehr menschenscheu. Bei einfachen Dingen zu meiner Person habe ich schon Schwierigkeiten. Ich bin kein Selbstdarsteller. Diese Selbst-Zur-Schau-Stellung, wie auf einer Schlachtbank. Da liegen die Kadaver, seht her. Und wer da alles mit dem Messer auf dich zugeht, mit einem stumpfen, damit es ja wehtut. Und dann wird in den Wunden herumgerührt und das Blut spritzt und die Leute begeilen sich daran. Auskunft geben über mich bereitet mir Übelkeit und Schmerzen. Sich vor Reportern und dem Fernsehen und all dem zu schützen, das ist Notwehr.“

Wie lässt sich die Faszination H. C. Artmanns erklären?
Hofmann: Man kann es nicht besser ausdrücken, als dies Klaus Reichert bei Artmanns Begräbnis getan hat: Kein Dichter in diesem mit ihm zu Ende gehenden Jahrhundert hat so bedingungslos wie H. C. Artmann die Existenz und die Würde des Dichtens noch einmal vorgelebt. Kein Dichter, auch Ezra Pound nicht, hat wie er auf andere gewirkt, weil er keine Richtung verfolgte, keine Prinzipien verkündete, außer solchen, die im nächsten Gedicht wieder aufgelöst werden konnten. So kam es, dass so viele Talente und große Begabungen sich von ihm herschreiben konnten, indem sie, durch ihn, zu ihrer eigenen Stimme fanden. Und das Erstaunlichste: Er war ein altersloser Dichter, dessen Zeit immer gekommen war. Jede Generation, bis herab zur jüngsten, konnte mit ihm, durch ihn, den Funken der Dichtung neu entfachen.

H. C. Artmann: um zu tauschen vers für kuss. Klangbuch mit CD von Erwin Steinhauer

H. C. Artmanns 100. Geburtstag ist auch für Erwin Steinhauer und seine Musiker-Freunde Georg Graf, Joe Pinkl und Peter Rosmanith Anlass, sich abermals mit dessen umfangreichem Werk zu beschäftigen. Für Alfred Kolleritsch ist „das werk h. c. s … die gesammelte rettung der poesie, die weite der sprache reicht hin in alle moeglichen welten der phantasie. sie schafft sich diese welten und erzählt ihre vielfalt. was freiheit des schreibens, des erfindens, des verzauberns ist, fand ich in seinem werk – dem freundlichsten anarchismus, den man sich vorstellen kann.“ Steinhauer erforscht gemeinsam mit seinen musikalischen Reisebegleitern diese fantastischen Welten des H. C. Artmann, die hier zu einer turbulenten, poetischen und humorvollen Text-Musik-Collage verwoben werden. Die Musik ist vielschichtig wie die Geschichten, jongliert mit vielen Stilen und zaubert Kino für die Ohren. Ein poetisches Klangabenteuer.

Mandelbaum Verlag, H. C. Artmann: „um zu tauschen vers für kuss“ Klangbuch mit einer CD von Erwin Steinhauer, Georg Graf, Joe Pinkl und Peter Rosmanith. 32 Seiten mit zahlreichen Abbildungen von Linda Wolfsgruber.  Erscheint im Mai www.mandelbaum.at         Trailer:www.youtube.com/watch?v=SdNu_xd3E9M         www.youtube.com/watch?v=ZjnwuMqZxXA

Von H. C. Artmann im Mandelbaum Verlag bereits erschienen sind: Dracula, Dracula, Klangbuch mit CD, gelesen von Erwin Steinhauer. Die von Georg Graf und Peter Rosmanith komponierte, und auf zahlreichen Perkussions- und Blasinstrumenten interpretierte Musik, bezieht ihre Einflüsse aus osteuropäischer Volksmusik, dem Jazz, Ambient- und der Minimalmusic.  Aus Sprache und Musik entsteht eine Symphonie des Grauens. Es empfiehlt sich daher beim Hören dieses Klangbuches immer etwas Knoblauch in Reichweite zu haben.

Flieger, grüß mir die Sonne, Klangbuch mit CD. Ein nicht gerade mit Vorzügen gesegneter Mann verwandelt sich mit Hilfe einer falschen Identität und unzähliger Prothesen in einen verwegenen Flieger und begibt sich auf Eroberungen. Doch glücklos wie er ist, kommt ihm einiges in die Quere und bald ist aller Lack ab. Georg Graf an diversen Blasinstrumenten, Peter Rosmanith mit seiner vielfältigen Perkussion und Joe Pinkl an Posaune, Tuba und Keyboard sorgen für manch gewagten Höhen­flug, ohne vor der unausweichlichen Bruchlandung zurück- zuschrecken. Tango, Walzer und Rumba dienen als rhythmischer Background für männliches Balzverhalten und treiben den Flieger zu mutigen Taten voran. Virtuos gesprochen wird der Text von Erwin Steinhauer.

Schreibe mir, meine Seltsame, schnell. Briefe an Didi 1960–1970. Mit Illustrationen von Susanne Schmögner – herausgegeben von Didi Macher und Ulf Birbaumer. 1960 schrieb H.C. Artmann Sehnsuchtsbriefe, denen er oft später veröffentlichte Liebesgedichte beilegte, aber auch aufmunternde, witzige Postkarten, adressiert an die junge Kärntner Schauspielerin Didi Macher in Klagenfurt, wo sie gerade eine längere Krankheit auskurieren musste und die der Dichter dort regelmäßig besuchte. Seine brieflichen und lyrischen Verbarien ergänzte er durch ausgerissene Karikaturen, durch Passagen in Sanskritschrift, die beide lesen und schreiben konnten. Auch getrocknete Sommerblüten klebte er in die Briefe und machte sie so zu einem poeti­schen Sehnsuchtsherbarium.

Veronika Premer, Marc-Oliver Schuster: H. C. Artmann. Eine Biografie

Veronika Premer und Marc-Oliver Schuster erzählen auf spannende Weise das unkonventionelle Leben H. C. Artmanns, der in seinem Werk den Bogen von Dialektdichtung bis zu Populärkultur spannte. Der Sohn eines Schuhmachermeisters schuf ein neues sprachliches Universum und polarisierte damit eine ganze Generation. Als Vorstadt-Poet und literarischer Weltbürger schrieb er sich in die Herzen seiner Anhänger und erneuerte die traditionelle Mundartlyrik mit gewitzten Sprachspielen. Er war ein Mitbegründer der legendären Wiener Gruppe, ein Reisender und unkonventioneller Dichter, der von Moden unbeeindruckt Worte, Stile und Sprachen mischte.

Residenz Verlag, Veronika Premer, Marc-Oliver Schuster: „H. C. Artmann. Eine Biografie“, 504 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. Erscheinungstermin 2022 www.residenzverlag.com

Von H. C. Artmann im Residenz Verlag bereits erschienen ist: Klaus Reichert (Hg.): „H. C. Artmann. Gesammelte Prosa“. Zwei Bände im Schuber. 1458 Seiten. H. C. Artmanns Zauber wirkt noch immer unvermindert und nirgends stärker, überraschender und facettenreicher als in seiner Prosa. Unzählige Seiten, und in jeder Zeile der sprühende Geist, der immense Reichtum an Formen und Einfällen, die subtile Komik einer Ausnahmeerscheinung der österreichischen Literatur.

H. C. Artmann: Übrig blieb ein moosgrüner Apfel – Gedichte und Prosa

Magische Dinge geschehen in diesem Buch: Ein Schierling wird entgiftet, Küsse werden gegen Beeren getauscht, und der Farn redet mit Zungen. Und überall sprießen Knospen, stehen Blüten in voller Pracht und leuchten Früchte. Es sind die schönsten Naturgedichte und Prosastücke H. C. Artmanns, die dieser Band versammelt. Sie zeigen den Dichter in seiner ganzen Poesie: als Zauberer, der sich an den Traditionen bedient und aus fremden Sprachen und Dialekten schöpft, aber auch klassisch und formvollendet dichtet. Dass sein Zauber unvermindert fortwirkt, ist sich Clemens J. Setz beim Aufsagen der Verse und Zeilen sicher. Die Holzschnitte von Christian Thanhäuser sind zu den Gedichten entstanden.

Insel Bücherei/Suhrkamp, H. C. Artmann: „Übrig blieb ein moosgrüner Apfel – Gedichte und Prosa“, 97 Seiten mit Illustrationen von Christian Thanhäuser und einem Nachwort von Clemens J. Setz. Erschienen am 8. März. www.suhrkamp.de

Über den Autor: H. C. Artmann, geboren am 12. Juni 1921 in Wien-Breitensee, gestorben am 4. Dezember 2000 in Wien. Schon früh ist er in vielen Sprachen bewandert. Längere Aufenthalte in Stockholm, Lund, Berlin, Malmö, Bern, Graz. Seit seiner ersten Lyrikveröffentlichung 1947 schreibt er Gedichte, Theaterstücke, Prosa. Er gehört zu den Mitbegründern der Wiener Gruppe. Sein erster Gedichtband „med ana schwoazzn dintn“ im Jahr 1958 macht Artmann berühmt. Neben vielen anderen Auszeichnungen erhält er 1997 den Georg-Büchner-Preis. Bis zu seinem Tod im Dezember 2000 lebte Artmann vor allem in Wien und Salzburg.

amalthea.at           www.mandelbaum.at           www.residenzverlag.com           www.suhrkamp.de

13. 4. 2021

Atticus: The Truth About Magic. Gedichte & Notizen

November 11, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Liebespoesie vom Online Lord Byron

Den Ehrentitel „Byron der Instagram-Generation“ hat ihm immerhin The Times verliehen, Atticus, dem Poeten mit der Silbermaske, der mit seinen gefühligen Gedanken ebendort den Seelennerv von mehr als 1,5 Millionen Followern trifft. Nun findet sich seine Online-Lyrik, nach „Love – Her – Wild“ und „The Dark Between Stars“, einmal mehr in Buchform zusammengefasst. „The Truth About Magic“ heißt der Band voller Gedichte und Notizen übers Suchen und Finden und Verlieren der Liebe.

Singer-Songwriter Kilian Unger aka Liann hat die Zeilen, die sich neben die teilweise Originaltexte reihen, übersetzt – und das Reimen ist ihm mit Bravour geglückt, denn einfach ist solch ein Unterfangen nie, wie das Beispiel „I don’t need to matter to everyone / but I do need to matter to someone“ – „Ich muss nicht für jeden von Bedeutung sein, solange ich jemandem etwas bedeute“ zeigt.

Es sind „die Tagträumer, die Nachtdenker, die Nacktbadenden im Sommer“, die Atticus in seinem Vorwort zum Lesen einlädt, die Betrachter von Sonnenuntergängen und „euch stille Menschen auf Partys“ – und wie diese sind seine wenigen Worte mal ein nachtalbisches Raunen, mal ein geheimnisvolles Verheißungswispern, mal ein lauter Schrei nach Lust/vor Frust.

Seine Magie hat Atticus in die Kapitel Youth, Love, Adventure, Darkness, Words und Stars unterteilt, und selbstverständlich fehlt nicht die „Magic in Her“, sie ist es die beinah alle Seiten dominiert, als steinherzige Königin, als Mädchen von nebenan oder als listige Koboldin. „Liebe existiert / irgendwo zwischen / einem Mädchen, das so tut, / als könnte es ein Glas saurer Gurken nicht öffnen, / und einem Jungen, der so tut, / als wüsste er nicht, / dass sie es kann“, schreibt Atticus über das wilde Gefühl zum ersten Mal zu küssen. Oder: „Um ehrlich zu sein, / du machst mir Angst. / Ich habe Angst, dich hineinzulassen, / mich durch deine Augen zu sehen, / frage mich, ob ich gut genug bin / oder ob ich dich eines Tages verlieren werde. / Aber die Wahrheit ist, / dich gar nicht hineinzulassen, macht mir noch mehr Angst, / und dieser Gedanke / macht mir Mut.“

SIE ist ihm die lächelnde Göttin, für die er für immer ein Spicy Margarita sein möchte, und wie schön ist dies: „Der Sex war nur die Zugabe / zu dem großen und erstaunlichen Privileg / in nächster Nähe / zu ihrem Humor zu sein.“ Atticus erzählt von männlichen Unsicherheiten, einem sich Hin- und Aufgeben in diesem wie jenem Sinn, er fängt Alltäglichkeiten, Banalitäten gar, in einer Art ein, dass sie zauberisch werden: den Duft von Erdnussbutterbroten, den Geruch des eben noch getragenen Pullovers der Liebsten.

Im Schrifttypenwechsel von kursiv zu versal scheint’s, als könne er alte Weisheit an jugendliche Wahrhaftigkeit knüpfen, Melancholie an überbordende Freude an Trauer an Zorn – über die Sorte Liebe, in der sich einer mit den rausgerissenen Stückchen des anderen neu zusammenflickt. „Sometimes / even great love / is not enough“, sagt er – und Verlust und Tod sind wie die ständig mitschwingende Bassline seiner Gedichte.

Bild: pixabay.com

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In seinen Adventures geht’s von Dachstuben in Paris zu osmanischen Märkten über die Strände Spaniens und zum alten Atem Roms, und immer, immer singt Atticus ein Hohelied auf Hochprozentiges: „Whiskey is like poet’s water. / It quenches our thirst for madness.“ Mit Sätzen wie „No good lust goes unpunished“, „Misery at least makes good art“ oder „Obessions are nine tenths of my flaws“ malt er Bilder in die Köpfe, schickt das Sinnieren auf Wanderschaft, auf Erkundungsreise, um zwischen den Zeilen jenen Künstler zu entdecken, der sich gleich Banksy vor der Öffentlichkeit verborgen hält.

Viel Inspiration geht von Atticus‘ Gedichten und Notizen aus, manche, wie „Don’t believe everything you know for sure“ – „Glaub nicht alles von dem, was du ganz sicher weißt“, meint man schon als Graffiti gelesen zu haben. Und wenn nicht, dann bald. Und über allem steht, dass Atticus dem Leser, der Leserin gerade in diesen #Corona-Tagen zeigt, wie sich das Leben trotz gelegentlicher (Lock-)Downs in all seinen Facetten auskosten lässt.

„The Truth About Magic“ eignet sich vom Feinsten zum Immer-wieder-drin-Schmökern, Sacken-Lassen – dies bei einem Glas Champagner oder Rotwein oder (hier die Vorschläge des Autors) „Lagavulin oder eine Badewanne voll Rosé“, und Lebendig-Bleiben. Magie lebt in guten Büchern, sagt Atticus, und wie recht er hat, „sie ist in den traurigen Tagen, die niemals enden, und in den frohen Tagen, die zu schnell vorübergehen.“ Die größte Wahrheit über Magie, schreibt er, ist, dass sie wahr ist.

Zum Schluss dies: „Ich fühle mich wohl damit, allein zu sein, / aber manchmal / ertappe ich mich dabei, dass ich das Gefühl vermisse, / jemanden zu vermissen.“

Atticus. Bild: Bryan Adam Castillo Photography

Über den Autor: Atticus ist Geschichtenerzähler und Beobachter gleichermaßen. Er ist an der Westküste Kanadas geboren, verbrachte allerdings sehr viel Zeit mit Reisen. Heute lebt er in Kalifornien. Er liebt das Meer, die Wüste und Wortspiele. Der Name Atticus ist ein Pseudonym, unter dem er auf seinem Instagram-Kanal zu einem der bekanntesten Insta-Poeten wurde. Dort hat er mehr als 1,5 Millionen Follower, unter anderem Schauspielerin Emma Roberts und das US-amerikanische Topmodel Karlie Kloss.

Über den Übersetzer: Kilian Unger ist Singer-Songwriter. Unter dem Namen Liann schreibt er Lieder über verregnete Tage, durchzechte Nächte, übers Leutevermissen, über Kindheitsträume und Zukunftsängste – und über Charlie Chaplin. Er lebt in München.

bold Verlag/dtv Verlagsgesellschaft, Atticus: „The Truth About Magic“, Gedichte & Notizen, 255 Seiten. Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Kilian Unger aka Liann.

www.dtv.de           www.readbold.de           www.instagram.com/atticusxo           www.liann.de

Videobotschaft von Atticus, Teil 1+2: twitter.com/i/status/1313939744548585474           twitter.com/i/status/1313939916720689152

  1. 11. 2020

Pablo Neruda: Dich suchte ich. Nachgelassene Gedichte

Januar 15, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Sensationsfund nun in deutscher Sprache

Dich suchte ich von Pablo Neruda

Pablo Neruda gilt als einer der bedeutendsten Dichter der Weltliteratur. Mit „20 Liebesgedichte und ein Lied der Verzweiflung“ eroberte er die Herzen der Leser weit über die Grenzen Südamerikas hinaus. Vierzig Jahre nach Nerudas Tod wurden nun 21 Gedichte aus den frühen 1950er-Jahren bis zum Jahr 1973 im Nachlass des Literaturnobelpreisträgers entdeckt – darunter auch sechs neue Liebesgedichte. Die Witwe Matilde Urrutia hatte sie bei der Durchsicht des Œu­v­re übersehen, die nach Neruda genannte Stiftung sie schließlich entdeckt. Nun liegt die Lyrik im Band „Dich suchte ich“ auch in deutscher Übersetzung vor.

„Es war eine außergewöhnliche Reise ins Innere von Nerudas Dichtung, zurück zu ihrem Ursprungsmaterial. Durch die Arbeit mit den Originalen war man ganz nah am Puls des Dichters“, beschreibt Darío Oses von der Fundación Pablo Neruda seine Forschung. „Beim Eintauchen in seine Manuskripte hatten wir manchmal das Gefühl, als glitten Verswellen über das Papier, die bei ihrem Rückzug die verworfenen, korrigierten Wörter mitnahmen und eine immer vollendetere Version des Gedichts zurückließen.“

I. „Deine Füße fasse ich im Schatten, deine Hände im Licht, / und im Flug leiten mich deine Adleraugen / Matilde, die Küsse, die dein Mund mich lehrte, / lehrten meine Lippen das Feuer. / O Beine, Erbteil des idealen Hafers / Feldfrucht, Fortsetzung der Schlacht / Herz der Wiese, / als ich meine Ohren an deine Brüste legte, / verkündete mein Blut (eine Annahme, da unleserlich, Anm.) deine araukanische Silbe.“

Dass die Gedichte so lange verschollen blieben, mag daran liegen, dass Neruda sie mit und auf allerlei Schreibutensilien verfasste: Schulheften der 1950- und 1960er-Jahre, Blöcken in verschiedenen Größen, losen Blätter, und unter Verwendung verschiedenfarbiger Tinten. Oses: „Manchmal schrieb er auch auf den Speisekarten und Konzertprogrammen der Schiffe, auf denen er reiste. Seine Verse zwängen sich zwischen die Auswahl der Vorspeisen, der Hauptgänge, des Nachtischs und der Weine.“ Liebevoll zusammengestellte Faksimile im Angang des kleinen Bandes geben Auskunft über diese diffuse Herangehensweise ans eigene Schaffen. Ein Anmerkungsteil gibt jeweils Auskunft über Datierung und Situierung im Werk Nerudas.

IV. „Was reicht deiner goldenen Hand das singende Herbstblatt / oder bist du es, die Asche streut in die Augen des Himmels / oder schenkte dir der Apfel sein duftendes Licht / oder wähltest du die Farbe des Ozeans, / verschworen mit der Woge? …“

Bild: pixabay.com

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Einige wenige Gedichte scheinen ihren Weg nicht bis zu Ende gegangen zu sein. Vielleicht wollte Neruda sie deswegen nicht veröffentlichen. „Als hätten sie sich im Urwald der Originale versteckt, sich unter abertausenden Blättern, abertausenden Wörtern getarnt, um siegreich unentdeckt zu bleiben“, so Oses. In der Rückschau macht ihr Ausnahmecharakter sie besonders interessant, und nicht zuletzt aufgrund ihrer literarischen Bedeutung verdienten diese Gedichte zweifellos veröffentlicht zu werden, zeugen sie doch erneut von der Unerschöpflichkeit Nerudas‘ Dichtkunst – und erschließen neue Lesarten auf bereits Bekanntes, so dass sie eine Wiederentdeckung des umfangreichen Gesamtwerks ermöglichen.

In diesen nachgelassenen Gedichten entfaltet sich noch einmal der ganze thematische Kosmos des großen Literaten: die Liebe, das Feiern von Landschaft und Natur und auch die Sorge um sie, das politische Engagement Nerudas, der vor den Franco-Putschisten in Spanien und als unbequemer Politiker vor den Faschisten in Chile fliehen musste … Einige der Gedichte entführen auf eine Zeitreise. Großartig, wie der Dichter die Frühjahrsstimmung mit dem Bild eines Leguans einfängt, ebenso, wie er seine Abneigung gegen das Telefon in Verse gießt, tagespolitisch, wie er in einem Gedicht festhält, dass sich 1962 mit den russischen Raumschiffen „Wostok 3“ und „Wostock 4“ zum ersten Mal zwei Kosmonauten zeitgleich im All aufhalten. Und auch dies hier berührt:

XII. „Ich rollte unter den Hufen, die Pferde / gingen über mich dahin als Wirbelwind, / die Zeit damals schwang ihre Fahnen / und mit der studentischen Passion / kam über Chile / Sand und Blut der Salpetergruben, / Kohle aus harter Mine / Kupfer mit unserem Blut / dem Schnee entrissen / und so wandelte sich die Landkarte, / die Schäfernation warf sich auf / zu einem Wald aus Fäusten, Pferden, / und noch vor 20 empfing ich, / unter den Knüppeln der Polizei / das Pochen / eines weiten Herzens unter der Erde, / verteidigte der andern Leben / und lernte, es war meins / gewann Gefährten / die mich verteidigen, auf ewig / denn meine Dichtung empfing, / kaum ausgedroschen, / den Orden ihrer Leiden.“

Über den Autor:
Pablo Neruda (1904-1973), unermüdlicher Streiter gegen den Faschismus in seiner Heimat Chile und in Spanien, gehört zu den großen Autoren der Weltliteratur. Er war Botschafter Chiles in verschiedenen Ländern, bewarb sich um die Präsidentschaft in seinem Land und musste lange Jahre im Exil verbringen. 1971 wurde er mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Von 2013 bis 2016 gab es Kontroversen um Nerudas Todesursache, Ermordung oder Herzversagen aufgrund seiner Krebserkrankung. Eine Expertenkommission kam zu keinem endgültigen Urteil. Nerudas Werk erscheint seit vielen Jahren im Luchterhand Verlag, darunter „Das lyrische Werk“ in drei Bänden und zuletzt ein Band mit Liebessonetten „Hungrig bin ich, will deinen Mund“.

Luchterhand Literaturverlag, Pablo Neruda: „Dich suchte ich“, Gedichte, 144 Seiten. Übersetzt aus dem Spanischen von Susanne Lange

www.randomhouse.de

15. 1. 2018

Schlüterwerke: mondsüchtig – ein theatraler Liederabend

November 15, 2017 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Max Kowalskis „Zwölf Gedichte aus Pierrot Lunaire“

Bild: pixabay.com

Die Schlüterwerke zeigen ab 23. November „mondsüchtig – ein theatraler Liederabend“. Um den Liederzyklus op.4 „Zwölf Gedichte aus Pierrot Lunaire“ von Max Kowalski entspinnt sich eine rührend-schaurige Geschichte.

Der Zyklus erschien 1913 im Simrock Verlag. Max Kowalski, Rechtsanwalt, Sänger und Komponist, war ein enger Freund Arnold Schönbergs. Schönberg schätzte Kowalskis musikalische Werke sehr, und seine „Zwölf Gedichte aus Pierrot Lunaire“ fanden bei zeitgenössischen Kritikern und Publikum auch mehr Anklang und wurden damals öfter zur Aufführung gebracht als Schönbergs eigene Vertonungen aus demselben Gedichtzyklus von A. Giraud übersetzt von O.E. Hartleben (1914).

Mittlerweile sind die Werke Kowalskis großteils in Vergessenheit geraten; mit der Darbietung des musikalisch hochinteressanten Zyklus holen die Schlüterwerke einen wahren Schatz der Musikgeschichte wieder ans Licht der Öffentlichkeit. Bespielt wird der erste und vierte Stock des ehemaligen k. und k. Post- und Telegraphenamts Ecke Zollergasse/Mondscheingasse, 1070 Wien, mit Unterstützung des sirene Operntheaters.

Mitwirkende sind Colombine: Beatrice Ferolli (Schauspiel), Pierrot: Ingala Fortagne (Sopran), Rosalie: Therese Cafasso (Klavier, Performance). Regie führt Markus Kupferblum.

www.schlüterwerke.at

15. 11. 2017

Christine Lavant: Zu Lebzeiten veröffentlichte Gedichte

August 25, 2015 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Zum 100. eine Werkausgabe

SD_1391-0_Lavant_Bd1_Lyrik_lay C_5.inddChristine Lavant wäre am 4. Juli 100 Jahre alt geworden. Festakte begleiten den Jahrestag der Kärntner Lyrikerin und Erzählerin schon seit etlichen Monaten. Der Wallstein Verlag arbeitet an einer vierbändigen Werkausgabe. Der erste Band versammelt alle zu Lebzeiten publizierten Gedichte in einer komplett neu edierten Fassung. Er enthält neben den drei Gedichtbänden, die Lavants Ruhm begründet haben, „Die Bettlerschale“, „Spindel im Mond“ und „Der Pfauenschrei“, auch das Frühwerk „Die unvollendete Liebe“, Lavants späte, in Liebhaberausgaben und Sammelbänden veröffentlichte Lyrik, „Sonnenvogel“, „Wirf ab den Lehm“ und „Hälfte des Herzens“ sowie zahlreiche verstreute Gedichte, die erstmals wieder zugänglich gemacht werden. Band zwei erscheint im November und bietet alle zwölf zu Lebzeiten Lavants erschienenen Erzählungen.

Dass es derart lang zur ersten Werkausgabe und die finanzielle Unterstützung des Unternehmers Hans Schmid gebraucht hat, ist in gewisser Weise skandalös. Umso beglückender, was den Herausgebern Doris Moser und Fabjan Hafner nun geglückt ist: Ein klischeefreier Blick auf die fast immer als fast immer Kopftuch tragende, katholische Schmerzensfrau beschriebene Lavant. Es gilt eine Streitbare wiederzuentdecken, deren Notiz „Wenn schon nicht Himmel, dann ordentlich Hölle“ weniger einer krankheitsbedingt mühseligen Existenz als einem unbeugsamen Widerspruchsgeist gegen die Fährnisse des Lebens zuzuschreiben ist. Die Textgestaltung wird plausibel begründet, die unbedingt lesenswerten Nachworte erhellen Kontexte und Bezüge und die Anmerkungen erklären die wunderbaren Dialektausdrücke wie „Kinigelhase“ oder „Gesatzel“.

Wieder brach er bei dem Nachbarn ein,
und ich hatte Tür und Fenster offen,
meine Augen waren vollgesoffen
wie zwei Schwämme vom Verlassensein.

Dumm verknäulte sich in meinem Mund
Schluchzen, Bitten und verbohrtes Drohen,
während drüben schon die Hühner flohen
samt der Katze und dem alten Hund.

Doch er kam nicht, nahm sich wieder nur
einen, der noch gerne leben wollte,
und die Monduhr, die verrückte, rollte
meine Stunde rasch aus seiner Spur

Bitter trocknen mir die Augen ein,
bitter rinnt der Schlaftrunk durch die Kehle,
bitter bet´ ich für die arme Seele
und zerkaue mein Verlassensein.

Es war die Schauspielerin Brigitte Karner, die einen als erste auf Christine Lavant aufmerksam machte. Vier kopierte A4-Seiten, weil damals nichts erhältlich, alles vergriffen war. Unter Schmerzen detonierten diese Verse, ihre surrealen Metaphern im Kopf. Diese Sprache, ihr Sinn, ihre Form. Da bettelt ein weibliches Ich demütig-hochmütig um Glück, randaliert gegen Gott und die Welt, steht so vehement auf gegen das der Konvention geschuldete Manns-Bild, dass man der Lavant frühen Feminismus unterstellen möchte. Ihr Zorn, ihre Hoffnungslosigkeit, ihre lebenslange Depression, ihre Liebe – vor allem die zerstörerische zum verheirateten Maler Werner Berg – sind Lavants Antrieb. Glaube, Katholizismus? Ja, hingebrüllte „Kreuzzertretung“ für den Einen, der auf Erden „wie ein Werwolf haust“. Wobei man nie annehmen sollte, man habe die Lavant zu fassen gekriegt. Es bleibt ein unfassbarer Teil an ihren kühnen, oft rabiaten Auslassungen.

Laut Moser/Fabjan ist klar, Lavants Lyrik irrlichtert nicht durch ihre Lästerlitaneien, sie war eine akribische Arbeiterin, eine souveräne Textgestalterin, die entwarf und verwarf und verbrannte, was sie verwarf, Verleger an den Rand des Wahnsinns trieb, weil sie nichts gut genug zum Verlegen fand, jedenfalls weit weg vom Bild der ungelehrten Naturwunderdichterin, der Legende vom unbedarften Kräuterweiblein, wiewohl sie dieses gern bediente. „Jetzt kommen die Fotografen, jetzt muss ich die Zähne herausnehmen“, ist ein dazu überlieferter Spruch. Thomas Bernhard, nicht gerade bekannt für kollegiale Zuneigung, schätzte Lavants Gedichte und charakterisierte die Lyrikerin in einem Brief folgendermaßen: „Die Lavant war eine völlig ungeistige, sehr gescheite, durchtriebene. Sie wohnte auf der Betondecke eines Supermarktes an einer Straßenkreuzung in Wolfsberg und tippte ihre Gedichte gleich in die Maschine. Das ist für mich großartiger als das verlogene Weltfremdmärchen mit katholischer Talschlussromantik, das gottbefohlene, das um sie bis heute immer verbreitet worden ist.“

Zeitlebens haderte die Lavant, belegt durch ihre unzähligen Briefe, ihr Tor zum Außen, sie korrespondierte unter anderem mit Nelly Sachs, Martin Buber, Hilde Domin, Thomas Bernhard und Wieland Schmied, damit, in ihrer Schöpfung zu sehr am Privaten zu kleben, nicht die „großen Themen“, was immer die ihrer Meinung nach hätten sein sollen, aufzugreifen. Sie könne eben nur über das schreiben, was sie kenne, und das sei sie selbst, meinte sie. Dass sie beim Schreiben jeden ihrer Leser (er)kannte, ist das Paradox an dieser Bemerkung. Das wird sie mittlerweile wohl auch erkannt haben. Viel mehr Leser sind ihr zu wünschen. Mit der Wallstein-Werkausgabe ist zu hoffen, dass Christine Lavant endlich im gesamten Sprachraum das Prädikat „unentdeckt“ verliert.

Über die Autorin:

Christine Lavant (machte den Namen ihres Heimatflusses zum Pseudonym), eigentlich Thonhauser, verheiratete Habernig, geboren 1915 in St. Stefan im Lavanttal, Kärnten, als neuntes Kind eines Bergmanns und einer Flickschneiderin, war Lyrikerin und Erzählerin. Ihre Schulbildung musste sie aus gesundheitlichen Gründen früh abbrechen. Jahrzehntelang bestritt sie den Familienunterhalt als Strickerin. Sie erhielt u. a. den Georg-Trakl-Preis (1954 und 1964) und den Großen Österreichischen Staatspreis (1970). Zeit ihres Lebens von körperlichen und seelischen Leiden gepeinigt, starb sie 1973 in Wolfsberg. Ein Gutteil ihres literarischen Nachlasses ist noch nicht veröffentlicht.

Wallstein Verlag, Christine Lavant: „Zu Lebzeiten veröffentlichte Gedichte“, 720 Seiten. Hg. und mit einem Nachwort von Doris Moser und Fabjan Hafner. Reihe: Christine Lavant: Werke in vier Bänden (Hg. von Klaus Amann und Doris Moser. Im Auftrag des Robert-Musil-Instituts der Universität Klagenfurt und der Hans Schmid Privatstiftung); Bd. 01

www.wallstein-verlag.de

Wien, 25. 8. 2015