Akademietheater: Rosa oder Die barmherzige Erde

März 11, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Tobias Moretti beeindruckt als Romeo in Alterswindeln

Susanna Ernst, Waltraud Hackinger, Tobias Moretti und Marta Kizyma. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Es kann am Theater einen eigenen Zauber entfalten, wenn Rätsel offen bleiben, wenn nicht jede Leerstelle besetzt wird und Texte nicht bis zu ihrem Ende durchdekliniert werden. Auf diesen Zauber setzt Luk Perceval bei seiner Inszenierung von „Rosa oder Die barmherzige Erde“. Eine Uraufführung am Akademietheater, für die der 60 Jahre alte Burgdebütant Shakespeares „Romeo und Julia“ und Dimitri Verhulsts Roman „Der Bibliothekar, der lieber dement war, als zu Hause bei seiner Frau“ ineinander verschränkt hat. Das Resultat dieser Bemühungen ist ein ungemein spannender und unheimlich anstrengender Abend mit einem herausragenden Tobias Moretti als Bibliothekar Désiré/Romeo.

Somnambul ist das Wort, das einem zu dessen Darstellung einfällt. Wie geistesabwesend steht Moretti auf der Bühne, und ist doch ganz bei sich, stemmt den hundertminütigen Kraftakt quasi im Alleingang, denn die Mitschauspieler auf der Bühne sind kaum mehr als Staffage, um die Story über die Rampe zu bringen. Deren Inhalt nach Verhulst: Désiré ist ein Mann Mitte der 70, der sein Leben an der Seite seiner Frau so satt hat, dass er beschließt, den Demenzkranken zu geben und sich in eine

entsprechende Einrichtung einweisen zu lassen. Hier möchte er seine letzten Lebensjahre ohne Gezänk verbringen. Doch trifft er auf seine tatsächlich an Alzheimer erkrankte unerfüllt gebliebene Jugendliebe. Und hier nun Perceval – seine „Julia“, deren stilles Verlöschen ihn verzweifeln lässt. Aus Désiré wird Romeo, Pastor, Pfleger und Schwestern werden als Lorenzo, Benvolio oder Mercutio zu Stichwortgebern, und es ist nun Percevals Aufgabe, die viele Parallelen im Verhulst’schen Text zu Shakespeare zu ent- und aufzudecken. Von der Balkonszene bis zum Doppeltod. Denn Désiré wird nach dem Sterben Julias nicht mehr weiterleben wollen und sich in die Tiefe stürzen …

Für all das hat Katrin Brack ein Odeon erdacht, eine runde, sich drehende Spielstätte und eine Tribüne aus Sitzbänken, auf denen der Vergissmeinnicht-Chor, Damen zwischen 85 und 95, Platz genommen haben. Davor Moretti. Mal via Lautsprecher verstärkt, über den auch Geräusche wie ein beständig irres Frauenkichern eingespielt werden, mal ein Wispern von Liebe und Tod, die Stimmung seltsam bodenlos, mal resignativ, mal stockend-zögerlich, mal unflätig und wütend. Sein Désiré gibt die Demenz, scheint’s, nicht vor, er ist wirklich von ihr angekränkelt. Und dann wieder lichte Momente, wenn die Anverwandten, ob seiner Begriffstutzigkeit jede Hoffnung aufgebend, abtreten und er zu verstehen gibt, er hätte genau gewusst, was die wollten. Und genauso wie als Bibliothekar beeindruckt Moretti als Romeo in Alterswindeln.

Sabine Haupt und Tobias Moretti. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Sabine Haupt, Gertraud Jesserer und Tobias Moretti. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

In einer der eindrücklichsten Szenen wird er vom Chor gerufen. „Papa!“ Immer mehr Stimmen, immer lautere, da versteht man, dass da ein Mensch unter  jahrelanger Verantwortung zusammenbrach, versteht, dass nicht mehr ging, was andere von ihm erwarteten, und ergo der Rückzug erfolgen musste. Nicht zur Kenntnis nehmen wollen/können das Sabine Haupt als Tochter Charlotte – eine Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs – und Gertraud Jesserer mit Tremolostimme als Ehefrau Moniek. Sylvie Rohrer, Daniel Jesch, Marta Kizyma und Stefan Wieland fungieren als Hauptschwester, Pfleger und Pastor und als Shakespeare-Personal. Mariia Shulga ist eine anrührende Rosa.

Sie umrahmen das zähflüssige Spiel vom Sterben des alten Mannes, das sich mehr als Stimmung, denn in Klarheit erschließt. Zu denken gibt immerhin, dass hier einer am Ende den Prototyp jugendlicher Lebens- und Liebesgier gibt, das macht grübeln über verpasste Chancen und verflossene Gelegenheiten … Am Ende gab es Jubel für alle, allen voran Tobias Moretti, der einmal mehr bewies, dass man nicht nur beim Film, sondern auch auf der Bühne auf ihn zählen kann.

www.burgtheater.at

  1. 3. 2018

ZDF: „Der Tote im Eis“

Mai 17, 2013 in Film

Familiendrama in den Kärtner Bergen

Copyright: Honorarfrei - nur für diese Sendung bei Nennung ZDF und Hendrik Heiden

Karl Kress (Manfred Zapatka) verfolgt einen Plan, der seine Familie bis in die Grundfesten erschüttern wird.
Bild: ZDf/ Hendrik Heiden

Manfred Zapatka, Kai Wiesinger, Aglaia Szyszkowitz, Benjamin Sadler, Ulrich Tukur, Hanns Zischler … viele hochkarätige Schauspieler sind im ZDF-Familiendrama „Der Tote im Eis“ am 20. Mai, 20.15 Uhr zu sehen. Der 120-Minüter entstand bei spektakulären Dreharbeiten im Gletschergebiet der Kärntner Alpen. Regie führte Niki Stein, der auch das Drehbuch geschrieben hat. Inhalt: Seit einer Bergtour vor 20 Jahren gilt Christoph, der älteste Sohn von Bauunternehmer Karl Kress (Manfred Zapatka), als verschollen. Die Bergwacht vermutete, dass er bei dichtem Nebel in eine Gletscherspalte gestürzt ist. Karl ist inzwischen 70. Das Unternehmen führt er mit Tochter Verena (Aglaia Szyszkowitz) und deren Mann Gregor (Benjamin Sadler). Mark Kress, der damals seinen älteren Bruder Christoph begleitet und zurückgelassen hatte, ist vor den stillen Vorwürfen seines Vaters in ein eigenes Leben geflüchtet. Nur wegen seiner finanziellen Abhängigkeit von Karl folgt Mark der Bitte des Familienoberhaupts, ihn ein letztes Mal auf eine Bergtour zu begleiten: gemeinsam mit Verena und Gregor noch einmal genau den Gipfel zu besteigen, der Christoph einst das Leben kostete – ein Aufstieg, der zu einem Abstieg in die dunkelsten Geheimnisse der Familie wird … „Vorlage für den Film sollte im weitesten Sinne Shakespeares „King Lear“ sein: Der alte „König“, den nahen Tod vor Augen, möchte sein „Königreich“ sortieren, will am Lebensende ein anständiger Mensch werden – und scheitert“, so Niki Stein. Etwas Ähnliches spielte Manfred Zapatka schon am Münchner Residenztheater: „Die Götter weinen“ von Dennis Kelly.

„Im Grunde steht Karl Kress exemplarisch für unsere Zeit“:

Interview mit Hauptdarsteller Manfred Zapatka

Was hat Sie an der Figur, den Patriarchen Kress, so gereizt?

Solch eine Rolle zu spielen, wird einem nicht täglich angeboten. Es ist eine hervorragende Geschichte, sehr dicht, sehr bildkräftig. Niki Stein leuchtet im Buch wirklich jede Facette der Figur bis ins Detail aus.Lange Zeit ist nicht klar, welches Ziel Karl verfolgt. Ich finde die Rolle einfach großartig.

Ist Karl Kress einfach nur ein mieser Kerl oder eher das Opfer seines eigenen Lebens?

Das kann man nicht so schwarz-weiß zeichnen. Karl schaut auf ein gelebtes Leben zurück. Er hat ein großes Unternehmen aufgebaut, es zu Macht und Reichtum gebracht – und er hat sich das Recht herausgenommen zu leben. Darüber ist seine Familie zu kurz gekommen, was fast zwangsläufig so passieren musste. Im Grunde steht Karl Kress exemplarisch für unsere Zeit, in der Gier und Machthunger vorherrschen und Zeit Mangelware ist.

Im Laufe des Films wird deutlich, dass Karl die Firmeninteressen stets der Familie vorgezogen hat, was darin gipfelte, dass er dafür schlimme Dinge mit seiner Tochter zuließ.

Karl weiß, dass er schwere Fehler gemacht hat. Er war feige, hätte diese Tragödie niemals zulassen dürfen, und er hat sein Leben selbst zu verantworten. Die Schuld, die er seinen Kindern gegenüber empfindet, steckte ihm sein Leben lang in den Knochen. Nun, wo das Lebensende naht, unternimmt er den Versuch, sich jedem seiner Kinder zu stellen, hofft, dass es noch nicht zu spät ist. Wenn er sagt: „Ich habe jeden von Euch geliebt“, dann meint er das ernst.

Was treibt Karl an, seine Kinder auf dem Familiensitz in den Bergen zu versammeln?

Dass sein ältester Sohn nicht mehr von einer Bergtour zurückkehrte,hat Karl nie verschmerzt. Chris war derjenige, der ihm als Einziger die Stirn geboten, ihm den Kopf gewaschen hat und in den offenen Konflikt gegangen ist. Die Vermutung, dass Chris’ Verschwinden eine geplante Aktion war, trifft ihn im Innersten. Jetzt, wo sich Karl gedanklich seinem Tod stellt, holt er alle, die ihm wichtig sind, auf den Berg und hofft, Gewissheit zu erlangen.

Stets gibt Karl seinem jüngsten Sohn Mark zu verstehen, dass er nicht viel von ihm und seinem Lebensstil hält. Das Verhältnis der Beiden ist sehr gestört. Warum besteigt er dennoch allein mit Mark den Gipfel, wo fremde Bergsteiger einen Toten entdeckt haben wollen?

Niemand aus der Familie will mehr mit Karl gehen. Doch er will unbedingt wissen, ob sich hier um Chris handelt, seine Vermutung nur ein Hirngespinst ist und der Sohn tatsächlich vor 20 Jahren beim Abstieg verunglückt ist. Mark war damals dabei, er kennt den Berg sehr gut, und er kann und will seinen Vater nicht ins Verderben laufen lassen. Hier kommt der Wendepunkt: Karl überlässt Mark erstmals die Führung – für beide die letzte Möglichkeit, als Vater und Sohn zusammenzukommen, miteinander zu reden. Diese Gipfeltour ist die Chance, Gefühle zuzugeben, schwach und ehrlich zu sein.

Der Dreh in den Kärntner Alpen stellte hohe Anforderungen an Mensch und Material. Wie ging es Ihnen dabei?

Obwohl ich 20 Jahre in München gelebt habe, bin ich nie ein echter Bergtyp geworden. Wandern ja, aber Klettern nie. Ich hatte einen großen Respekt vor den Dreharbeiten, und es gab eine Menge Momente,in denen ich mich überwinden musste. Ich bin das erste Mal in meinem Leben in eine Wand geklettert. Es hat wirklich Spaß gemacht, zumal ich vorher echte Zweifel hatte, ob ich das überhaupt kann. Als ich meine Angst überwunden hatte und die gewaltigen Dimensionen der Berge bewusst wahrnehmen konnte, war es ein Glücksgefühl.

www.zdf.de

www.residenztheater.de/inszenierung/die-götter-weinen

Von Michaela Mottinger

Wien, 17. 5. 2013