Gastspiel aus Moskau am Schauspielhaus Wien

Dezember 9, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Saving Kammerjunker Puschkin

Bild: © Moscow School of Modern Drama

Bild: © Moscow School of Modern Drama

Das Schauspielhaus Wien setzt den Austausch mit dem Moskauer Theater „School of Modern Drama“ fort und zeigt am 19. und 20. Dezemberdas Stück Saving Kammerjunker Puschkin in russischer Sprache mit deutschen Übertiteln.

Saving Kammerjunker Puschkin
Geschichte des gescheiterten Heldentums
СПАСТИ КАМЕР-ЮНКЕРА ПУШКИНА
история несостоявшегося подвига
von Michael Heifetz

„Puschkin begann ich schon in meiner Kindheit zu hassen“ – mit diesem Satz beginnt Saving Kammerjunker Puschkin von Michael Heifetz. Die Produktion des Moskauer Theaters „School of Modern Drama“ ist erstmals in Wien zu sehen und wagt eine zeitgenössische Perspektive auf den russischen Nationaldichter: Pitunin, ein einfacher russischer Bürger und Prototyp der von Puschkin beschriebenen Persönlichkeiten – ohne besondere Ideen, ohne nationale Identität, ohne hohe Ideale, ohne Leidenschaft und Enthusiasmus – kann den Schriftsteller nicht ausstehen. Seit seinem fünften Lebensjahr fühlt er sich von den Gedichten Puschkins malträtiert, und sein wachsender Hass begleitet ihn bis ins Erwachsenenalter. Doch plötzlich geschieht etwas Seltsames: Wie durch ein Wunder verändert sich das Leben Pitunins, es beginnt, der Biografie Puschkins immer mehr zu ähneln. Pitunin begegnet neben seinen eigenen Dämonen unter anderem Puschkins Erzfeind Georges-Charles de Heeckeren – das Duell zwischen den beiden hatte 1837 zu Puschkins Tode geführt. Wer wird heute das Duell gewinnen?
Das Moskauer Theater „School of Modern Drama“ war bereits im März 2013 mit zwei sehr erfolgreichen Stücken des russischen Autors Jewgenij Grischkowez, Die Stadt und Das Haus, im Schauspielhaus Wien zu Gast.

Mit: Nikolai Golubev, Ivan Mamonov, Alexander Ovchinnikov, Danielle Selitskii, Tatiana Tsirenina / Valery Kuznetsov
Dramatisierung: Iosif Raykhelgauz
Bühne: Alex Tregubov
Regie: Valeria Kuznetsova, Iosif Raykhelgauz

Zum Autor: geboren in Leningrad. Der Regisseur und Autor lebt seit 1990 in Israel. Seine Stücke werden sowohl in russischen als auch in israelischen Theatern inszeniert und verbinden Elemente aus russischen und klassisch westlichen Aufführungen. 2012 gewann sein Stück Saving Kammerjunker Puschkin im Rahmen des nationalen Theaterfestival Golden Mask in Moskau die Auszeichnung „Gold Mask“. Die Inszenierung dieses Stücks am Moskauer Theater „School of Modern Drama“ wurde außerdem mit einem Preis der Tageszeitung Moskovsky Komsomolets ausgezeichnet.

www.schauspielhaus.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=yl_r4A_jMZE

Wien 9. 12. 2014

Burghart Klaußner im Gespräch

Mai 5, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Tod eines Handlungsreisenden“ am Landestheater NÖ

Margarita Broich, Burghart Klaußner Bild: M. Horn

Margarita Broich, Burghart Klaußner
Bild: M. Horn

Am 9. und 10. Mai bringt das Landestheater Niederösterreich Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ als Gastspiel – Koproduktion des St. Pauli Theaters Hamburg mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen. Die Inszenierung von Wilfried Minks wurde vielfach ausgezeichnet. Burghart Klaußner erhielt für seine Interpretation des Willy Loman hymnische Kritiken und wurde mit dem Deutschen Theaterpreis Der Faust als bester Darsteller geehrt.

Die FAZ lobte „Burghart Klaußners großes Solo des Scheiterns“ und die Süddeutsche Zeitung sah in Minks‘ vielbeachteter Inszenierung „eine absolut stringente Interpretation des Unglücks“. Ein Gespräch mit dem Hauptdarsteller:

MM: Lieber Herr Klaußner, man traut sich zum „Tod eines Handlungsreisenden“ ja gar nichts fragen. „Faust“-Preis, Hymnen von FAZ bis Süddeutsche … Sind Ihnen derlei Ehrungen wichtig?

Burghart Klaußner: Ehrungen sind immer Emutigungen. Da jede neue Arbeit eine Art Neuanfang ist, kann es nicht schaden bestätigt zu werden. Und so ist die Freude groß.

MM: War Willy Loman die richtige Rolle zur rechten Zeit? Er kann seinen Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten, das können heute viele, vor allem ältere Mitbürger nicht mehr. Die Arbeitslosenrate unter den „Alten“, gut Ausgebildeten steigt. Ist das Ende der „Mittelschicht“ da?

Klaußner: In der Tat sind die wirtschaftlichen Folgen des Älterwerdens auch heute noch keineswegs geringer geworden. Miller hat obendrein mit der Figur des Handelsvertreters eine Art Scheinselbstständigkeit auf die Bühne geholt, die ohne staatliche Altersunterstützung wohl besonders gefährdet ist. Insofern natürlich auch ein Problem der so genannten Mittelschicht. Interessant ist, und eine Entdeckung des Regisseurs Wilfried Minks, aber auch, dass Arthur Miller im Stück eine aufkommende Demenz bei Willy Loman, der Hauptfigur, zeigt. Eine Beschreibung dieser Krankheit gewissermaßen avant la lettre. Denn durch die Straffung und Neufassung des Stückes werden Rückblenden zu Unsicherheiten in der Zeit und so verliert Loman zunehmend die Orientierung.

MM: Sie sind als Jahrgang 1949 auch nicht der Taufrischeste 😉 Stimmt die Mär, dass es Schauspieler „in den besten Jahren“ leichter hätten, Rollen zu finden, als Schauspielerinnen?

Klaußner: Insgesamt gibt es in der dramatischen wie in der Literatur wohl insgesamt mehr Männer- als Frauenfiguren. Warum wohl?

MM: Wilfried Minks hat die Inszenierung in angedeuteten 1950er-Jahren belassen. Sind Sie gegen Zwangsmodernisierungen am Theater?

Klaußner: Unsere Aufführung spielt eher in einer Art Zeitlosigkeit, was dem Thema auch angemessen ist. Gegen Zwang, auch am Theater, bin ich ohnehin, für Modernisierungen aber immer zu haben.

MM: Sie haben Loman in einem Interview als jemanden beschrieben, „der nicht mit allen Wassern gewaschen ist, die man zum Überleben braucht“. Ist er als Wassertreter nicht ausdauernd genug? Worin liegt sein Fehler?

Klaußner: Willy Loman ist ein Mann, der nicht Nein sagen kann. So erschöpft er sich im Räsonnieren über seine Mitmenschen und die Verhältnisse, ohne die Kraft zu haben, das Ruder seines Lebens herumzureißen.

MM: Oder um mit Grönemeyer zu sprechen: Wann ist ein Mann ein Mann?

Klaußner: Siehe oben. Wenn er das kann.

MM: Wie spannend ist es, Teil einer Familie zu spielen, mit der es permanent steil bergab geht?

Klaußner: Der Niedergang der Familie Loman steht dem Niedergang des Hauses anderer, berühmterer Familien, seien sie von heute oder aus der Antike, in nichts nach. Spannend ist sicherlich, wie es einem Intellektuellen wie Arthur Miller gelingt, sich glaubwürdig in die Verhältnisse sehr einfacher Menschen hineinzudenken.

MM: Sie bezeichnen sich in Interviews gern als Choleriker. Ich glaube, Sie sind eher Perfektionist. Da kann’s einen schon auf die Palme treiben, wenn’s grad nicht läuft. Kann das sein? Sie nennen sich auch scherzhaft hauptberuflich Musiker. Singen und Swingen – ist das Ihrs? Ihr Spektrum reicht ja von den Comedian Harmonists bis zu Georges Brassens …

Klaußner: Die Musik dient dem Choleriker, wie dem Perfektionisten dazu, sich zu verlustieren!

 MM: Sie sind in Österreich als strenger Pastor in „Das weiße Band“ sehr bekannt geworden. Gibt’s Pläne, wieder einen österreichischen Film zu machen?

Klaußner: In Österreich zu drehen steht momentan nicht auf dem Plan. Was schade ist, denn ich liebe die Österreicher in der Kunst! Mein all time Vorbild war ein Jenischer aus Salzburg, der unvergessliche Alexander Wagner, von dem ich, wenn überhaupt etwas, dann all Das, gelernt habe.

 MM: Es gibt aber Filmpläne: Sie drehen in der Regie von Torsten C. Fischer „Georg Elser“, habe ich gelesen. Können Sie dazu schon etwas sagen? Elser ist ja eine Persönlichkeit, die neben Stauffenberg meist verblasst …

Klaußner: Elser ist in der Geschichte des Widstandes gegen den Nationalsozialismus eine Sonderscheinung.Natürlich unser Aller Pechvogel, der Hitler nur um fünfzehn Minuten verpasste. Der als absoluter Einzelgänger aber bewiesen hat, dass auch im größten Terror das Gewicht eines Einzelnen entscheiden kann. Elser wird übrigens Christian Friedel sein, der Lehrer aus „Das weiße Band“. Ich selbst werde dann im Herbst Gelegenheit haben einen anderen, einen Nachkriegszeithelden in Deutschland zu spielen, den Staatsanwalt Fritz Bauer nämlich, der mit seiner Hartnäckigkeit den großen Frankfurter Auschwitz Prozess ermöglichte, der dazu beitrug, in der deutschen Nachkriegsgeschichte endlich eine Auseinandersetzung mit dem Nazitum zu beginnen.

www.landestheater.net

www.burghartklaussner.de

Trailer: www.youtube.com/watch?v=zJRIAB8VgO8

Wien, 5. 5. 2014

Stephan Kimmigs „Kinder der Sonne“

März 14, 2013 in Tipps

Gastspiel am Burgtheater

Mit einer “ Sternstunde nicht allein des Berliner Theaters“ habe man es hier zu tun. Nie habe Stephan Kimmig „Besseres, in sich Stimmigeres gemacht“, schrieb die Welt. Der Regisseur führe uns „in seiner brillanten Inszenierung“ die Folge des „Weltabhandengekommenseins“ bei Gorki „mit größtmöglicher Ironie“ vor, jubelte die Frankfurter Rundschau. Und über die Darsteller berichtet die Berliner Zeitung: „Sie sind allesamt hinreißend!“ Ein Schauspielhochglanzabend.

 

Kinder der Sonne

Ulrich Matthes (Pawel Fjodorowitsch Protassow), Nina Hoss (Jelena Nikolajewna, seine Frau)
Bild: Arno Declair
Eine Produktion des Deutschen Theaters Berlin

Kimmigs vielgelobte Inszenierung – er bekam dafür den deutschen Theaterpreis „Faust“ in der Kategorie Beste Regie – von Maxim Gorkis „Kinder der Sonne“ ist am 16. und 17. März  als Gastspiel des Deutschen Theaters Berlin am Burgtheater zu sehen. Inhalt: Im Haus des Wissenschaftlers Protassow und seiner Ehefrau Jelena gehen ein und aus: der Künstler Wagin, der in Jelena verliebt ist, die reiche Witwe Melanija, die ihrerseits Protassow liebt, sowie der Tierarzt Tschepurnoj, der seit langem Protassows Schwester Lisa zugetan ist. Schließlich der Hausmeister Jegor, der seinen Beruf versteht, aber trinkt und seine Frau schlägt. Alle sind auf der Suche nach einem erfüllten, einem besseren, einem wertvollen Leben. Wie muss man arbeiten, wie miteinander leben, um so etwas wie Sinn zu verspüren? Sie verstehen einander nicht – neurotisch, unglücklich, egoistisch und zutiefst komisch hat sich jeder in seinem Kokon eingerichtet. Draußen auf der Straße, „unten“, findet eine wirkliche Revolte nicht statt. Eine Utopie ist nicht in Sicht.

Maxim Gorki schrieb ‚Kinder der Sonne‘ 1905 in der Peter-Paul-Festung, wo er wegen seiner Teilnahme an Protesten gegen die Militäraktion des so genannten „Blutsonntags“ in Arrest gehalten wurde. Die Schüsse auf die Demonstration von Arbeitern leiteten die erste russische Revolution ein. In seinem Stück nimmt Gorki die Cholera-Unruhen von 1890 zum Vorwand und erzählt von der Vorausahnung einer politischen wie gesellschaftlichen Katastrophe. Er zeichnet das düsterkomische Bild einer Gesellschaft, die, von sozialen wie kulturellen Konflikten zerrissen, unfähig ist zur Schaffung einer besseren Welt.

Es spielen u. a. Ulrich Matthes, Nina Hoss, Sven Lehmann und Alexander Khuon.

www.burgtheater.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 14. 3. 2013