Kosmos Theater: Geister sind auch nur Menschen

Mai 9, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Fäkalienfarce zur menschlichen Vergänglichkeit

Noch nicht weg, aber auch nicht mehr richtig da: Tobias M. Draeger, Isabella Jeschke, Karola Niederhuber und Barbara Gassner im Pflegeheim. Bild: Bettina Frenzel

Dieser Allgemeinplatz vom Lachen, das den Zuschauern im Hals stecken geblieben ist, darf zur gestrigen Premiere im Kosmos Theater ohne Scham bemüht werden. Regisseurin Barbara Falter brachte dort „Geister sind auch nur Menschen“ der Schweizer Autorin Katja Brunner zur Österreichischen Erstaufführung, die beiden bereits ein eingespieltes Team, wenn es darum geht, Brunners heiß aufkochende Textkaskaden in szenischer Form zu bändigen.

Und so geben sie nun auch einem Wiener Publikum kalt-warm. Brunners Geister-Menschen heißen die, die nicht mehr ganz da, aber auch noch nicht wirklich weg sind, die Alten, die von den Kindern der Leistungsgesellschaft Ausgestoßenen, die unrentabel Gewordenen, die Ausrangierten. Also werden diese in Scheibchen Sterbenden „im Heim“ verstaut, von wo aus Brunner sie die Scherben und verpassten Chancen eines gewesenen Lebens bejammern lässt. Ein Klagelied, eine „Pflegeoper“ hat die Dramatikerin da verfasst, einen grotesken, boshaften, morbiden Text, eine Fäkalienfarce zur menschlichen Vergänglichkeit, denn die Notdurft wird im Wortsinn als immer wiederkehrendes Druckmittel verwandt, die unvermittelt in poetische Sprachbilder kippen kann.

Die gestrenge Heimleitung: Karola Niederhuber mit Barbara Gassner, Isabella Jeschke und den Beinen von Tobias M. Draeger. Bild: Bettina Frenzel

Das langsame Ende in langen Unterhosen: Barbara Gassner, Isabella Jeschke, Karola Niederhuber und Tobias M. Draeger. Bild: Bettina Frenzel

Die Schauspielerinnen Barbara Gassner, Isabella Jeschke und Karola Niederhuber gestalten, in der Körperarbeit unterstützt von Choreograf Tobias M. Draeger, sowohl Pflegepersonal als auch Patienten. Im Ping-Pong wechseln sie die Seiten, brechen als Betreuer in nichtssagenden, weil desinteressierten Bla-Gesang aus. Dann wiederum, gekleidet in Steppstoff, die Gesichter clownesk auf moribund geschminkt, winden sie sich durch ihren Danse macabre, die Bühne von Carl und Carla dazu eine Art dusterer Aufbahrungsort, in der Mitte ein in den Boden eingelassener Sarg, so lässt zumindest die gerüschte Bestattungswäsche vermuten, in den Darstellerinnen und Darsteller regelmäßig abgleiten.

Damit das Alter nicht zur spöttischen Parodie unserer früheren Existenz werde, brauche es Sinn im Sprechen und Handeln, formulierte Simone de Beauvoir einmal, doch, so Brunner, was nützt das, wenn man nicht gehört wird. „Wir denken oft, wir verstehen meistens“, lässt sie ihre Protagonistinnen sagen, nur: wen interessiert’s noch? Derart eignet sich Barbara Gassner die Figur der von einem Schlaganfall niedergestreckten Frau Heisinger an, führt in deren Innenleben, führt in einer wunderbaren Wutrede deren Verbitterung darüber vor, sich für „Töchtersöhne“ aufgeopfert zu haben, die jetzt bereits zu ihren Nochlebzeiten ihr Hab und Gut verscherbeln, oder wünscht Karola Niederhuber als Pflegekraft, mit der Betonung des Begriffs Kraft als Macht und Autorität, der jaulenden Frau Simplon, „dass der Herrgott sie bald mitnehmen soll“.

Was nützt die Stimme, wenn einen niemand mehr hören mag? Barbara Gassner, Karola Niederhuber und Isabella Jeschke. Bild: Bettina Frenzel

Dass dieser Bettlägrigenreigen nicht zur Tristesse pur wird, ist Katja Brunners speziellem Witz und ihrer Beobachtung, den von ihr beschriebenen Nichtort zwischen Vergessen und Verwirrung auch als Hort von Sticheleien, Sekkierereien und postsexuellen Anwandlungen zu begreifen, zu danken. Aufbegehrt wird gegen’s Rauch- und Alkoholverbot, „als ob es jetzt noch darauf ankäme“, ein lieb gemeinter Popograpscher ruft allerdings die gestrenge Heimleitung auf den Plan.

All das ist so verzweifelt komisch, so fröhlich überzogen, verschwimmend zwischen real und surreal, dass nicht auszumachen ist, was Wach- und was -koma ist. Über Magensonde und Dauerkatheter kalauert Isabella Jeschke „Der Schlauch tut’s auch“, dann wieder meint sie zu ihrem „Ich möchte bitte gegangen sein dürfen“ – „Genug geschuftet, jetzt wird verduftet“. Der Schrecken wird sprachverspielt, die entmündigende Tatsache, dass der persönliche Name gegen eine Patientennummer ausgewechselt wurde, oder, dass zu den blauen Flecken auf der Seele jene am Körper kommen, weil die Behandlung eben nicht immer sanft ist.

Was Barbara Falter und ihr sich bis an die Grenzen verausgabendes Ensemble mit ihrer Pflegestufen-Party erschaffen haben, ist Überwältigungstheater. Da nie voyeuristisch, nie mitleidskitischig, zieht es einen umso mehr in Bann. Dass einen dieses Endspiel auf Fragen nach der eigenen Existenz zurückwirft, muss man, wie auf der Bühne zu sehen, mit Galgenhumor nehmen. „Nicht das Alter ist das Problem, sondern unsere Einstellung dazu“, Cicero, 106 – 43 v. Chr.

Video: www.youtube.com/watch?v=fTNgWKeBLSY

kosmostheater.at

  1. 5. 2019

Theater Nestroyhof Hamakom: Falsch

März 6, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Dämonischer Totentanz im dichten Theaternebel

Im Wortsinn eine Familienaufstellung: Barbara Gassner, Jakob Schneider, Florentin Groll, Katalin Zsigmondy, Thomas Kolle, Franz Xaver Zach und Marlene Hauser. Bild: © Marcel Köhler

Die Atmosphäre beim Eintritt in den Spielort – gespenstisch. Finsternis, die Schauspieler nur Schemen, dichte Nebelschwaden wabern durch den Raum, so dass die Zuschauertribüne fast nicht zu finden ist, also auf!, unsicheren Schrittes, denn der symbolisch ausgebreitete Ascheboden ist weich und uneben … Später werden Neonstäbe das Spiel erhellen, doch kein Licht ins Dunkel bringen, denn die Geschichte, die hier erzählt wird, hat sich vorgenommen, enigmatisch zu bleiben.

„Falsch“ heißt das Stück des jüdisch-belgischen Autors René Kalisky, geschrieben 1980, ein Jahr bevor er jung an Lungenkrebs starb, und es ist das unschätzbare Verdienst von Hausherr Frederic Lion diese wichtige Stimme für Wien wiederentdeckt zu haben. Dass er „Falsch“ im Theater Nestroyhof Hamakom als österreichische Erstaufführung zeigt, ist kaum zu glauben, und dennoch; in Frankreich haben die Brüder Dardenne den Stoff bereits 1986 verfilmt. Kalisky, Sohn eines in Auschwitz ermordeten Vaters, entwirft hier ein surreales Szenario, Untote, die im Hamakom durch den von Andreas Braito geschaffenen Raum geistern, um das letzte gelebt habende Familienmitglied in ihren Kreis aufzunehmen.

Dieses heimgekehrte „Kind“, Josef, Joe, stürzt in New York aufs harte Pflaster, ob das Folgende Komatraum oder schon das Sterben ist, entschlüsselt sich nicht, hält Kalisky in seinen hybriden Welten doch an der Nichtendgültigkeit des Todes fest, ein Trauma erleidet Joe jedenfalls – denn als er aufwacht, in einer Nicht-Zeit, an einem Nicht-Ort, ist er umringt von der Verwandtschaft, die ihm bescheidet, es sei Berlin 1938. In einer dämonischen Tanzbar, mit Tomas Kolle an den Turntables, entwickelt sich nun eine erbarmungslose Generalabrechnung über Schuld und den Schutt verblasster Erinnerungen und die Realitätsverweigerung derer, die „vergessen, was sie vergessen wollen“.

Die Tante als Vaters Geliebte, die Mutter hat’s immer gewusst: Barbara Gassner und Florentin Groll. Bild: © Marcel Köhler

Die Brüder Joe und Gustav sind sich uneins in ihren Erinnerungen: Franz Xaver Zach und Thomas Kamper. Bild: © Marcel Köhler

Frederic Lion, zurückhaltend im szenischen Zugriff, hat Kaliskys großangelegtes Werk klug auf seine Essenz reduziert, hat den poetisch-brutalen Text in der ihm typischen Sprödheit inszeniert, ohne Schmus, ohne Sentiment, weil er immer dort, wo dies möglich gewesen wäre, auf Distanz zum Geschehen geht – doch gerade dadurch schafft er Momente einer Zerbrechlichkeit, eine Dünnhäutigkeit, ein Erspüren-Können von Vernichtung, das berührt und betroffen macht. Die sich versammelt haben, und nomen est omen, sind „die Falschs, die in die Geschichte des Jahrhunderts mehr tot als lebend eingegangen sind“:

Vater Jakob (Florentin Groll), Mutter Rachel (Katalin Zsigmondy), Tante Minna (Barbara Gassner), die in den Konzentrationslagern gestorben sind. Die beiden Brüder Georg und Gustav (Jakob Schneider und Thomas Kamper), die 1938 mit Joe (Franz Xaver Zach) nach New York emigriert waren, der jüngste, Benjamin (Thomas Kolle), der ebenfalls ermordet wurde. Und auch Lilli (Marlene Hauser) hat sich eingefunden, Joes Jugendliebe, die bei der Bombardierung Berlins umgekommen ist. Im Zwischenreich des Nachtlokals hat man nun beschlossen, einander die Wahrheiten – oder was man dafür hält – zu sagen.

Übers „Desertieren“ aus Deutschland, übers Überleben in Tagen, als in Berlin statt der Linden die Wachtürme die Schatten geworfen haben, übers Nicht-Leben-Können zwischen judenrein und „Juden raus!“. Zentraler Vorwurf: Warum hat der Vater damals nicht zum Aufbruch gedrängt? Warum wurden daher so viele in der Familie Opfer des Holocausts? „Das Kind liebte eine Deutsche. Der Vater liebte Deutschland“, ist die schlichte Begründung, einer der zahlreichen bemerkenswerten Sätze, die sich in „Falsch“ finden. „Wenn man den Kopf verliert, kommt die Seele zum Vorschein“, lautet ein anderer. Minnas Liebesaffäre zu Jakob wird aufgedeckt, die immer noch währende Eifersucht Rachels, Bens Verbitterung, wenn er den Brüdern aus den USA entgegenschreit „Ihr stinkt nach Leben!“, die Tatsache, dass Gustav, der so gern ein Broadway-Star geworden wäre, nur Wehrmachtsoffizier im Film sein durfte. Dies dafür 45 Mal.

Das letzte gemeinsame Sabbatfest eskaliert auch in der Wiederholung: Thomas Kolle, Marlene Hauser, Jakob Schneider und Thomas Kamper. Bild: © Marcel Köhler

Und während das letzte gemeinsame Sabbatfest wiederholt wird, Rachel Lilly als Nazi-Kind beschimpft und sogar posthum von der Tafel verstößt, die Existenzen in Übersee sind als mit Kokain und im Hudson River beendet entpuppen, hält das großartige Ensemble bei seiner Darstellung der Falschs wunderbar die Waage zwischen absurd, abstrakt und abgrundtief zärtlich zueinander. Gewalt und deren Schilderung folgt auf grausame Vorwürfe folgen auf grenzenlose Liebe.

In ihrem Nachruf schrieb LeMonde über Kalisky „alles ist Ironie, clownesk, großes metaphysisches Konzert in dieser unvollendeten Arbeit, die er uns hinterlässt“. Dem ist angesichts des Abends im Hamakom nichts hinzuzufügen, außer, wie beeindruckend er ist, zu Zeiten, da der Begriff Erinnerungskultur immer mehr zum bizarr-populistischen Modewort wird.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=dCBtQl8nGz0

www.hamakom.at

  1. 3. 2019

Theater Nestroyhof Hamakom: Flucht / פה ושם

März 2, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Aus gehabtem Leiden nichts gelernt

Peter Cieslinski, Barbara Gassner, Ingrid Lang Bild: Marcel Köhler

Peter Cieslinski, Barbara Gassner, Ingrid Lang
Bild: Marcel Köhler

Eine tiefe Verbeugung vor Michael Gruner. Er inszenierte im Theater Nestroyhof Hamakom Sara von Schwarzes „Flucht“ und erzeugte mit und durch die Protagonistin Ruth Aggressionen, die den Blutdruck in ungesunde Höhen trieben. Ein Verdienst der fabelhaften Schauspielerin Ingrid Lang, die die Provokation der Autorin gekonnt umsetzt. Und zwar jenseits der Frage, was diese den Zuschauern eigentlich sagen will. Schwarze verhandelt in ihrem Stück sämtliche Identitäts-, Religions-, Geschlechter- und andere Krisen, die sie zusammensammeln konnte. Sara von Schwarze ist eine der bekanntesten israelischen Schauspielerinnen mit deutschen Wurzeln. Ihre Eltern konvertierten zum Judentum und wanderten mit den Kindern Ende der 60er Jahre nach Israel aus. Für das autobiographisch geprägte Stück wurde von Schwarze 2006 der Israelische Theaterpreis verliehen. Die Verfasserin begreift ihr zweisprachiges Werk als eine radikale Abrechnung mit konstruierten Identitätsmetaphern, falschen Heimatgefühlen und deren zwischenmenschlichen Konsequenzen.

München: Es ist Nacht. Jemand steigt über ein Fenster in eine Wohnung ein. Was wie eine klassische Kriminalhandlung beginnt, mündet in ein unerwartetes Wiedersehen, in eine Suche nach den eigenen Wurzeln, in ein verzweifeltes Verarbeiten von Lebensumständen, in (De)maskierungen und eine Gratwanderung zwischen Sein und Schein. Die 35-jährige Ruth hat fluchtartig Israel verlassen und ist nach Deutschland zu ihrem Vater  (Peter Cieslinski) geflogen. Sie ist schwanger und glaubt, in den besetzten Gebieten jemanden erschossen zu haben. Einen israelischen Soldaten, weil sie einem Palästinenserbuben Medikamente bringen wollte. Ruth zwingt ihren Vater Abraham, sich seiner eigenen Vergangenheit zu stellen: Abraham hieß früher Ernst und stammt aus einer protestantischen deutschen Familie. Gemeinsam mit seiner ersten Frau, Ruths Mutter, trat er zum Judentum über. Die sechs Millionen Toten als Erbsünde waren ihm zu viel. Dieses teuflische Deutschsein. Ruth kriegt gar nicht genug von diesem preiswürdigen Thema. Es nimmt große Teile des Abends ein. Die Frage, ob in der eigenen Familie … Da wollte sich der Vater die Vision einer besseren Welt verwirklichen.

Sie wanderten nach Israel aus und lebten dort als orthodoxe jüdische Familie. Nach dem ersten Libanonkrieg verließ Abraham Hals über Kopf Israel und kehrte ohne Familie nach Deutschland zurück. Israel 1982, das wird in kurzen Worten abgehandelt. Der Libanonkrieg war eine militärische Auseinandersetzung zwischen der israelischen Armee und verbündeten Milizen auf der einen sowie Kämpfern der PLO und syrischen Truppen auf der anderen Seite. Es war der erste größere Konflikt, den Israel begann, ohne dass seine Existenz unmittelbar bedroht war. Israel nannte die Operation „Frieden für Galiläa“. Die israelische Offensive wurde jedoch von vielen als Angriffskrieg gewertet. Im Zuge des Krieges fand das Massaker von Sabra und Schatila statt, eine Aktion von etwa 150 maronitisch-christlichen libanesischen  Milizionären, die gegen im südlichen Stadtgebiet von Beirut lebende palästinensische Flüchtlinge gerichtet war. Zwischen dem 16. und 18. September 1982 wurden die Flüchtlingslager Sabra und Schatila gestürmt, die zu jener Zeit von israelischen Soldaten umstellt waren. Nach filmisch belegten Aussagen beteiligter Milizionäre richtete sich die Aktion in erster Linie gegen Zivilisten; bewaffneter Widerstand soll kaum noch vorhanden gewesen sein. Die Milizionäre verstümmelten, folterten, vergewaltigten und töteten überwiegend Frauen, Kinder und Alte. Dies geschah in voller Sicht israelischer Beobachtungsposten aus umliegenden Gebäuden, die die Lagerausgänge abriegelten und die Lager während der Nacht mit Leuchtraketen erhellten, um die Milizen zu unterstützen. Nach späteren Erkenntnissen war nicht nur die israelische Militärführung vor Ort genauestens über die Vorgänge in den Lagern informiert, sondern auch die israelische Regierung. Berichten zufolge hatte die israelische Armee zudem Bulldozer zur Verfügung gestellt und die Milizen mit Verpflegung und Munition versorgt.

Zurück in München: Die nächtliche Situation zwischen Tochter, Vater und dessen neuer Lebensgefährtin Sabine (Barbara Gassner) ist wie ein böser Traum. Unterdrückte familiäre Konflikte werden in Vehemenz ausgesprochen und reißen Wunden auf. Alle errungenen Sicherheiten der drei Protagonisten werden in einer Nacht über den Haufen geworfen. Ruth teilt aus, verwendet das Unwort „Gutmensch“, befindet, dass die Deutschen KZs so perfekt wie Waschmaschinen bauen, nennt die Israelis Kriegsverbrecher, ein „Volk, das glaubt, es kann sich alles erlauben, weil es nie wieder Opfer sein darf“. Hält Religion an sich für „Mist“, weil generell frauenfeindlich. Was ja stimmt. Sie ist widerborstig, unsympathisch, verstört und reibt sich an Sabine, während ihr Vater den Vermittler spielen will. Gruner bearbeitet Schwarze nicht ohne Humor. Lässt Menschenrechtsanwältin Sabine sarkastisch mit künstlicher Kinderstimme sprechen, wenn sie nach und nach die wahre Lebensgeschichte Abrahams erfährt, lässt, als die Frauen bei einem Streit handgreiflich werden, den Vater mit finsterem Blick und großem Messer reinstürmen, mit dem er eigentlich gerade Sandwiches in der Küche macht. Stark ist auch eine Maskenszene, in der zu der Frage „Bin ich das?“ die Darsteller sich Papiergesicht nach Papiergesicht vom Kopf ziehen, bis – aua! – nur noch das Selbst bleibt. Eine freudianische „Opernszene“ fehlt natürlich auch nicht. Doch die Restfamilie mauert.

Statt Mauern einzureißen, werden neue errichtet. So ist es. Europa versucht das eine, Israel macht das andere.

Am Ende ruft Kindsvater Aaron aus Israel an, um zu berichten, dass kein toter israelischer Soldat gemeldet worden und Ruth sicher sei. Hoffentlich ist er nicht vom Kidon und das Telefonat eine Falle … Egal, denn in diesem Moment beginnt der Abend, die Nachtmahr, von vorne. Was wollte die Autorin dem Publikum doch gleich sagen? Dass man aus Israel zwar vor Armee und Mossad flüchten muss (kommt im Stück so vor!), aber Deutschland das Böse ist? Dass Genozid in Zahlen gemessen wird? Oder, dass ein Haushaltsgeräteerzeuger in Israel genauso gute Waschmaschinen herstellt, wie in Deutschland?

www.hamakom.at

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=v9bu88QhqY0&feature=youtu.be

Wien, 2. 3. 2015