Gaito Gasdanow: Die Rückkehr des Buddha

Februar 22, 2016 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Die gespenstische Welt des beginnenden Wahnsinns

Gasdanow_25047_MR.inddDer russische Student, Emigrant im Paris der 1920er-Jahre und Gasdanows Ich-Erzähler in „Die Rückkehr des Buddha“, ist eigentlich ein vielversprechender Mann, wenn er nicht einen Makel hätte: Er wird regelmäßig von Wahnvorstellungen heimgesucht, die er von der Realität kaum unterscheiden kann, die ihn jedoch in missliche bis lebensbedrohliche Situationen bringen. Wie ein Schlafwandler läuft er durch die Seine-Metropole, sieht sich als anderer, spürt seinen eigenen Tod: „… und fast täglich, manchmal im Zimmer, manchmal auf der Straße, im Wald oder im Park, hörte ich zu existieren auf.“

Eine Begegnung im Jardin du Luxembourg verändert sein Leben. Er trifft einen „Pennbruder“ und schenkt ihm zehn Francs. Zwei Jahre später trifft er ihn in einem Cafè mit einer jungen Frau wieder. Doch jetzt hat er nichts mehr von einem Bettler – ein vornehmer Mann sitzt ihm gegenüber. Jener Pawel Alexandrowitsch Schtscherbakow wurde aufgrund eines Erbes steinreich, doch dieses „Wunder“ verändert nicht ihre Beziehung: Die beiden freunden sich an, und der Student besucht Pawel und seine junge Geliebte Lida regelmäßig.

Wie nebenbei erfährt er alles über Pawels Leben, wie er zu Reichtum gekommen ist und über seine Mätresse, die den Nordafrikaner Amar liebt. Doch der Erzähler hat andere Sorgen: Bei einem seiner nächtlichen Spaziergänge sucht ihn wieder ein Albtraum heim: Er wird überfallen, tötet den Angreifer, landet schließlich im Untersuchungsgefängnis und wird des Hochverrats in einem Gericht des „Zentralstaats“ angeklagt. Ein Szenario, wie aus einem stalinistischen Schauprozess. Auch Parallelen zu Kafka drängen sich auf. Erst durch den Einfluss eines mysteriösen Mitgefangenen wird er schließlich freigelassen. Doch: „Ich konnte für meine Handlungen nicht voll und ganz verantwortlich sein, konnte mir der Realität des Geschehenden nicht sicher sein, es fiel mir oft schwer zu bestimmen, wo die Wirklichkeit endete und wo der Wahn begann.“

Im Gegensatz zu Gasdanows „Das Phantom des Alexander Wolf“, mit dem er berühmt wurde, trägt hier der Ich-Erzähler gespenstische Fantasiewelten in sich. „Krieg und Auswanderung in die Fremde haben Fremdheit in ihn selbst verpflanzt und zu bedrohlichen Halluzinationen verdichtet. Ihm entgleitet die Gegenwart, die äußere Realität, er ist sich seiner Sinneswahrnehmung wie seiner eigenen Konturen nicht mehr sicher“, schreibt die Übersetzerin Rosemarie Tietze in ihrem Nachwort treffend.

Eines Abends überlegt der Student, ob es für seinen Freund nicht das beste wäre, genau jetzt zu sterben, da er offenbar rundum glücklich ist. Am nächsten Tag wird Pawel ermordet aufgefunden. Und eine goldene Buddha-Statue ist verschwunden. Der junge Mann wird des Mordes verdächtigt und verhaftet, nicht zuletzt auch deshalb, weil Pawel ihn in seinem Testament als Universalerben eingesetzt hat. Sein Heil hängt von der Buddha-Statue ab. Erst ihr zufälliges Wiederauftauchen entlastet den Erzähler und entlarvt schließlich den wahren Mörder, Amar, den todkranken Liebhaber Lidas.

„Die Rückkehr des Buddha“ ist mehr als ein Krimi. Auch wenn Ende der 1940er-Jahre, als der Autor das Buch geschrieben hat, das Genre des Kriminalromans und auch der Kinokrimi einen rasanten Siegeszug antraten. Gasdanow interessiert nicht die Krimihandlung, die Aufklärung eines „Falls“. Vielmehr geht es ihm um das Psychologische. Tolstoi und Dostojewski haben auch ihn beeinflusst. Und wenn sein Student Todesträume erlebt und dem Wahnsinn nahe ist, so könnten Lew Tolstojs „Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen“ Pate gestanden haben. Hintergrund: Tolstoj suchten in einem Hotel plötzlich und ohne Grund Todesängste heim, die als das „Entsetzen von Arsamas“ in die Literaturgeschichte eingingen.

In Gasdanows Prosa ist nichts vom Pariser Flair der Zeit zu lesen, auch nichts vom damaligen Emigranten-Milieu. Seine Werke, wie „Das Phantom des Alexander Wolf“ – oft der Zwilling zu „Die Rückkehr des Buddha“ genannt – kreisen um das Thema Tod. Der Autor widmet auch einen längeren Abschnitt der Rolle des Täters, der Rechtsprechung, Zufällen, die das Leben bestimmen, und den Fragen: „Warum wird jemand zum Mörder?“ und „Wie geht die Gesellschaft mit einer solchen Person um“.

Am Ende lebt der Protagonist, reich geworden, in Pawels Wohnung, seine Visionen verschwinden, glücklich ist er trotzdem nicht. Erst als er einen Brief von seiner ehemaligen Geliebten Catrine, die er verlassen hat, aus Australien erhält, beschließt er seine Koffer zu packen und zu ihr nach Melbourne zu reisen. Nicht zuletzt die hervorragende Übersetzung von Rosemarie Tietze macht das Buch zu einem Lesevergnügen ersten Ranges.

Über den Autor:
Gaito Gasdanow, 1903 in St. Petersburg geboren und 1971 in München gestorben, gilt als einer der wichtigsten russischen Exilautoren des frühen 20. Jahrhunderts. Seit 1923 lebte er im Exil in Paris, wo er begann, regelmäßig literarische und journalistische Texte zu veröffentlichen. Gemeinsam mit seiner ebenfalls aus Russland stammenden Frau schloss er sich im Zweiten Weltkrieg der Résistance an. Auch half das Ehepaar jüdische Kinder zu verstecken. Wegen der existentialistischen Prägung seines Werks wurde Gasdanow wiederholt als der „russische Camus“ bezeichnet. Sein Werk umfasst zahlreiche Romane und Erzählungen. Im Hanser Verlag erschienen zuvor die Romane „Das Phantom des Alexander Wolf“ (2012) und „Ein Abend bei Claire“ (2014).

Hanser, Gaito Gasdanow: „Die Rückkehr des Buddha“, Roman, 224 Seiten. Aus dem Russischen von Rosemarie Tietze.

www.hanser-literaturverlage.de

Wien, 22. 2. 2016