Ein ganzes halbes Jahr

Juni 20, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Schluchzschmonzette kippt in Sterbehilfedebatte

Bild: Warner Bros.

Der verwilderte, verbitterte Will (Sam Claflin) bringt die gutherzige Lou (Emilia Clarke) aus dem Pflegekonzept. Bild: Warner Bros.

Dass bei einer Pressevorführung diskretes Schnief und Schneuz zu hören ist, kommt ja sonst eher selten bis gar nicht vor. Roman- und Drehbuchautorin Jojo Moyes und ihre Regisseurin Thea Sharrock haben’s mit der Verfilmung des Bestsellers „Ein ganzes halbes Jahr“, in Englisch wesentlich sinnstiftender: „Me Before You“, aber geschafft, die anwesenden Filmjournalisten bei der Tränendrüse zu packen.

In mehrere Millionen verkaufter Buchexemplare sind schon Ströme von Augenwasser vergossen worden, nun kann es ab 24. Juni vor den heimischen Kinoleinwänden so weiter gehen. Moyes und Sharrock lassen keinen Kitsch und kein Klischee, außer das der plötzlichen Wunderheilung, aus, um ihre Story zu erzählen. Das muss man aushalten wollen. Und doch unterscheidet sich „Ein ganzes halbes Jahr“ vom urtypischen Sommerromanzenfilm. Was nicht zuletzt daran liegt, dass Emilia Clarke, bekannt als GoT-Drachenmutter Daenerys Targaryen, das Projekt mit ihrer Performance adelt.

Als durch ihren Hang zu kunterbunten Strümpfen schon in der ersten Szene als verrücktes Huhn ausgewiesene „Lou“ kommt sie auf den Landsitz der Familie Traynor. Die spleenige Kleinstädterin soll zur Betreuerin des Sohns des Hauses werden. Will, gespielt von Sam Claflin, ist nach einem Motorradunfall an den Rollstuhl gefesselt; zwar hat er jeden Lebenswillen verloren, aber immerhin ist es beruhigend zu wissen, dass die Gelähmten der Kinowelt auf respekteinflössenden, historischen Anwesen sitzen und Geld für diverse Behindertenausbauten keine Rolle spielt. Bis hin zum Privatjet für einen Karibikausflug ist alles möglich, so weit so realitätsfern, will Lou der ehemaligen Sportskanone Will doch zeigen, dass seine Zeit der Abenteuer keineswegs vorbei sein muss. Doch gerade als sie per Kuss besiegeln, es als ziemlich beste Liebende versuchen zu wollen, entdeckt die Pflegerin, dass ihr Schützling längst einen Vertrag mit einem Schweizer Sterbehilfeinstitut und ergo mit seiner Zukunft abgeschlossen hat. Und die Schluchzschmonzette kippt in eine höchst aktuelle Debatte über das Recht des Menschen über sein Sein oder Nichtsein selbst zu bestimmen.

Das ist starker Tobak, von dem man sich länger als nur eine Schrecksekunde erholen muss. Vor allem, da nun auch das große Leid der Eltern angesichts der Entscheidung ihres Sohnes ausgestellt wird, die immerhin aber der Vater bereit ist zu akzeptieren. Er versteht, dass jeder Betroffene für sich allein entscheiden muss, ob und bis wann ein Leben es wert ist gelebt zu werden. Die religiös erzogene Lou tut sich da nicht so leicht, sie wird am Ende natürlich das Richtige tun …

Bild: Warner Bros.

Abendessen in Lous Familie: mit Matthew Lewis (li.) und Brendan Coyle (M.). Bild: Warner Bros.

Bild: Warner Bros.

Charles Dance und Janet McTeer spielen Wills Eltern. Bild: Warner Bros.

„Ein ganzes halbes Jahr“ besticht überwiegend durch die beiden sympathischen Hauptdarsteller. Emilia Clarke ist rührend als junge Frau, die in ihrem Plan nicht einmal noch halbwegs angekommen ist, und trotzdem nun einen anderen davon überzeugen will, seinen eigenen zu entwickeln. Wie es in ihrem Sonnenscheinchen-Gesicht arbeitet, als sich der Prinz als Frosch erweist, wie sie seine Beleidigungen und Demütigungen schluckt und mit Galgenhumor weglächelt, aber schließlich mit einem Machtwort die Notbremse zieht, bevor sie auch noch depressiv wird, das ist einfach entzückend. Denn Sam Claflin gibt als Will zunächst den Zyniker, unrasiert und unfrisiert, bis der verbitterte, verächtliche Blick des Ex-Bankers auf die Landpomeranze zusehends weicher und seine Haltung weltversöhnlicher wird. Sharrock arbeitet mit langen, ruhigen Einstellungen und mit beinah permanenten Nahaufnahmen der Gesichter ihrer beiden Protagonisten. Und Claflin erbringt eine nicht weniger große Leistung als Clarke, wenn der die wahren Gefühle seiner Figur jenseits der galligen Dialoge ausschließlich durch seine Mimik transportiert.

Bild: Warner Bros.

Auf der Hochzeit von Wills Ex-Freundin scheint das Glück ganz nah. Bild: Warner Bros.

Schönste Szene im Film: Lou begleitet Will zur Hochzeit seiner Ex-Freundin, der, mit der er bis zu seinem Unfall zusammen war. Die beiden tanzen, sie auf seinem Schoß, er im Rollstuhl, sie schmusen und albern herum und amüsieren sich und so selbstverständlich würde man Zwischenmenschlichkeit tatsächlich haben wollen.

Freilich macht der Upper-Class-Spross das Arbeitermädchen nach einem Besuch bei deren harter, aber herzlicher Familie zu seiner My fair Lady. Mit einem Ausblick darauf schließt der Film. In dem auch eine ganze Reihe ausgezeichneter Nebendarsteller glänzen. Janet McTeer und Charles Dance sind als Wills Eltern zu sehen, „Downton Abbey“-Star Brendan Coyle als Lous Vater. Matthew Lewis, der tollpatschige und schließlich heldenhafte Neville Longbottom aus den „Harry Potter“-Filmen, bleibt als Lous Verlobter diesem Rollenbild treu. Und die wunderbare Joanna Lumley hat einen wundersamen Gastauftritt als Mutter der Braut.

Ob der Film, der im Original in seinem Very-British-Sein, von Lous Scots-Slang bis zur Stiff Upper Lip der Traynors, stimmig ist, in der synchronisierten Fassung noch ebenso sehenswert ist, gilt es auszutesten. So wie er ist nämlich entwickelt sich „Ein ganzes halbes Jahr“ von der üblichen Gegensätze-ziehen-sich-an-Story doch noch zum ans Herz gehenden Drama über ein die Meinung nicht zuletzt auch in Österreich spaltendes Thema.

mebeforeyoumovie.com

Wien, 20. 6. 2016

Robert Seethaler: Man Booker International Prize

Mai 11, 2016 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Mit „Ein ganzes Leben“ auf der Shortlist

HB Seethaler_978-3-446-24645-4_MR.inddDie Sensation war eigentlich bereits im März perfekt, denn gleich zwei in Österreich arbeitende Autoren hatten es auf die Longlist für den diesjährigen Man Booker International Prize geschafft: der Wiener Robert Seethaler und der aus dem Kongo stammende, in Graz lebende Fiston Mwanza Mujila. Doch Seethalers Name findet sich nun auch auf der kürzlich veröffentlichten Shortlist für den renommierten Literaturpreis. Mit dem schmalen, ungeschnörkelt geschriebenen Band „Ein ganzes Leben“, erschienen im Hanser Verlag, hat er es dorthin geschafft.

In seinem Buch erzählt Seethaler von einem Menschen, dem das Schicksal alles andere als wohlgesonnen ist: Als Andreas Egger in das Tal kommt, in dem er sein Leben verbringen wird, ist er vier Jahre alt, ungefähr – so genau weiß das keiner. Er wächst zu einem gestandenen Hilfsknecht heran und schließt sich als junger Mann einem Arbeitstrupp an, der eine der ersten Bergbahnen baut und mit der Elektrizität auch das Licht und den Lärm in das Tal bringt. Dann kommt der Tag, an dem Egger zum ersten Mal vor Marie steht, der Liebe seines Lebens, die er jedoch wieder verlieren wird. Erst viele Jahre später, als Egger seinen letzten Weg antritt, ist sie noch einmal bei ihm. Und er, über den die Zeit längst hinweg gegangen ist, blickt mit Staunen auf die Jahre, die hinter ihm liegen. Eine einfache und eine tief bewegende Geschichte.

Seethalers Vorgängerroman, „Der Trafikant“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=5071), wird übrigens ab 2. Dezember in einer Bühnenfassung des Autors am Volkstheater in den Bezirken zu sehen sein.

Mujila 290316.inddMit Seethaler nominiert sind die jüngsten Romane des türkischen Literaturnobelpreisträgers Orhan Pamuk: „Diese Fremdheit in mir“, des angolanischen Autors José Eduardo Agualusa: „Eine allgemeine Theorie des Vergessens“, der Südkoreanerin Han Kang: „Der Vegetarier“, des chinesischen Autors Yan Lianke: „The Four Books“, und einer Neapolitanerin, die unter dem Pseudonym Elena Ferrante schreibt. „Die Geschichte des verlorenen Kindes“ soll 2017 auf Deutsch erscheinen. Der Man Booker International Prize ist mit 50.000 Pfund dotiert. Die Bekanntgabe des Preisträgers findet am 16. Mai statt. Die Auszeichnung wird in diesem Jahr erstmals für ein fremdsprachiges und in Großbritannien in englischer Übersetzung veröffentlichtes Buch verliehen. Bisher wurde sie alle zwei Jahre an ein Gesamtwerk vergeben.

„Tram 83“, das auf der Longlist vermerkte Buch von Fiston Mwanza Mujila, ein afrikanischer Großstadtroman und Mujilas literarischer Erstling, erscheint bei Zolnay.

themanbookerprize.com/man-booker-international-prize

www.hanser-literaturverlage.de

Wien, 11. 5. 2016

Robert Seethaler: Ein ganzes Leben

August 14, 2014 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Geschichten, die die Geschichte schreibt

HB Seethaler_978-3-446-24645-4_MR.inddDass der Wiener Schriftsteller Robert Seethaler immer noch ein bisschen Geheimtippstatus hat, ist eine Frechheit. Gerade eben liegt nämlich sein fünfter Roman vor, „Ein ganzes Leben“ auf 160 Seiten. Und er ist so brillant und liebevoll, wie seine Vorgänger. Seethaler schreibt Geschichten, die das Leben schreibt. In diesem Fall folgendes: Als Andreas Egger in das Tal kommt, in dem er sein Leben verbringen wird, ist er vier Jahre alt, ungefähr – so genau weiß das keiner. Seine Mutter ist tot, seinen Vater kennt er nicht, der Großbauer Kranzstocker nimmt ihn widerwillig auf, Andreas Mutter war eine entfernte Verwandte von ihm. Schäbig wird er behandelt, zum Krüppel geschlagen. Doch er wächst zu einem gestandenen Hilfsknecht heran und schließt sich als junger Mann einem Arbeitstrupp an, der eine der ersten Bergbahnen baut und mit der Elektrizität auch das Licht und den Lärm in das Tal bringt. Dann kommt der Tag, an dem Egger zum ersten Mal vor Marie steht, der Liebe seines Lebens, die er jedoch wieder verlieren wird. Erst viele Jahre später, als Egger seinen letzten Weg antritt, ist sie noch einmal bei ihm. Und er, über den die Zeit längst hinweggegangen ist, blickt mit Staunen auf die Jahre, die hinter ihm liegen.

Eine einfache und tief bewegende Geschichte. Und rundum gelungenes Futter für die Seele. Und wie immer bei Seethaler akribisch recherchiert. Die Geschichte über den Bau der ersten Bergbahnen ist Fakt, das harte Leben der Bergbauern auch. Anderes ist Fiktion. Ein neuer Roman von Robert Seethaler ist immer wie ein Geschenk, das einen Staunen, Lachen und Weinen macht. Auch diesmal sollten Taschentücher griffbereit liegen.  Hochachtung spürt man, vor einem wie dem Egger Andreas, der in seinem  Leben so beständig, so ruhig, so unaufgeregt durch alle Katastrophen und Tragödien geht. Um das zu beschreiben, braucht der Autor nicht viele Worte. Was und wie er schreibt ist sehr still, leise, und hat dennoch einen großen Klang. Und großen Nachklang beim Leser. Man wünscht diesem Buch sehr viele davon.

Über den Autor:

Robert Seethaler, 1966 in Wien geboren, ist ein vielfach ausgezeichneter Schriftsteller und Drehbuchautor. Sein vierter Roman „Der Trafikant“ wurde zu einem großen Publikumserfolg. „Ein ganzes Leben“ ist sein erstes Buch bei Hanser Berlin. Robert Seethaler lebt in Wien und Berlin.

Robert Seethaler: Ein ganzes Leben. 160 Seiten. Hanser Literaturverlage.

TIPP: Der Trafikant. www.mottingers-meinung.at/robert-seethaler-der-trafikant/Robert Seethaler erzählt die Geschichte von Franz, Freud und Anezka im Wien der 30er-Jahre. Österreich 1937: Der 17-jährige Franz Huchel verlässt sein Heimatdorf, um in Wien als Lehrling in einer Trafik – einem Tabak-und Zeitungsgeschäft – sein Glück zu suchen. Dort begegnet er eines Tages dem Stammkunden Sigmund Freud und ist sofort fasziniert von dessen Ausstrahlung. Im Laufe der Zeit entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft zwischen den beiden unterschiedlichen Männern. Als sich Franz kurz darauf Hals über Kopf in die Varietétänzerin Anezka verliebt und in eine tiefe Verunsicherung stürzt, sucht er bei Professor Freud Rat. Dabei stellt sich jedoch schnell heraus, dass dem weltbekannten Psychoanalytiker das weibliche Geschlecht ein mindestens ebenso großes Rätsel ist wie Franz. Ohnmächtig fühlen sich beide auch angesichts der sich dramatisch zuspitzenden politisch-gesellschaftlichen Verhältnisse. Und schon bald werden sie – und Anezka – jäh vom Strudel der Ereignisse auseinandergerissen. Der Trafikant landet als „Judenfreund“ am Morzinplatz; seine einbeinige Erster-Weltkriegsversehrten-Hose wird, von Franz nächtens am Gestapo-Fahnenmast aufgezogen, zum Fanal: Widerstand!  … Ein hinreißendes Buch. Eine Kostbarkeit.

www.hanser-literaturverlage.de

Wien, 14. 8. 2014