Wien Museum: Ganz Wien. Eine Pop-Tour

September 12, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Kostbarkeiten aus 70 Jahren Musikgeschichte

Wolfgang Ambros: Es lebe der Zentralfriedhof, LP, 1975. Bild: Coverfoto Wolfgang Sos

Wien als Musikstadt: Dieses überstrapazierte Label speist sich zumeist aus den unterschiedlichen Spielarten der klassischen Musik, von der Wiener Schule Haydns, Mozarts und Beethovens über Schubert und Strauß bis hin zur Zwölftonmusik. Das diesbezügliche Terrain inklusive einer spezifischen „Wiener“ Ästhetik ist wissenschaftlich gründlich aufbereitet.

Anders verhält es sich mit der popkulturellen Musik seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Zwar gelten Namen wie Georg Danzer, Falco oder neuerdings Wanda über die Grenzen Österreichs hinaus als ebenso singuläre wie prototypische Musikbotschafter Wiens.

Doch eine systematische Erfassung und Beschreibung des Phänomens gibt es erst in Ansätzen. Die Ausstellung des Wien Museums „Ganz Wien. Eine Pop-Tour“ unternimmt ab 14. September den nächsten Schritt und erzählt eine Geschichte Wiens anhand von elf popkulturellen Brennpunkten seit den 1950er-Jahren: vom Strohkoffer, in dem unter anderem die Wiener Gruppe auftrat, über das skandalumwitterte Voom Voom der 60er-Jahre, den Folkclub Atlantis der 70er-Jahre und die 80er-Kultdisco U4 bis hin zu jüngeren Szenetreffs wie Flex oder rhiz.

Eine „Pop-Tour“ durch Wien ist gerade jetzt besonders aktuell: International erfolgreiche Acts wie Bilderbuch haben bei Falco und der Wiener Gruppe gelernt, Sänger wie Der Nino aus Wien oder Voodoo Jürgens führen auf ihre Weise eine spezifische Wiener Tradition, die einst von H.C. Artmann begründet und dann von Wolfgang Ambros aufgegriffen wurde, fort. Von den Verbindungen Gustavs zum Protest-Kollektiv Schmetterlinge ganz zu schweigen.

Georg Danzer übergibt Frau Josefine Hawelka die Single Jö schau, 1975. Bild: Wolfgang Sos

Falco, 1985. Bild: Didi Sattmann

Die Ausstellung „Ganz Wien“ zeigt Kostbarkeiten und unbekanntes Material aus zahlreichen, vornehmlich privaten Sammlungen und Archiven: Videos, Konzertfotos, Plattencover, Flyer und Plakate, Bühnenoutfits, Musikinstrumente und Kurioses. Insgesamt sind mehr als 300 Objekte zu sehen.

Dazu kommen über 40 Stationen mit Soundbeispielen aus fast 70 Jahren Popgeschichte, von Wolfgang Ambros, Die Bambis, Bilderbuch, Blümchen Blau, Chuzpe, Al Cook, Georg Danzer, Drahdiwaberl, Falco, Gustav, Hallucination Company, André Heller, Kruder & Dorfmeister, Hansi Lang, Marianne Mendt, Minisex, Der Nino aus Wien, Novak’s Kapelle, Pulsinger & Tunakan, Schmetterlinge, Schönheitsfehler, Soap & Skin, The Dead Nittels, The Vienna Beatles, Tom Pettings Herzattacken und Wanda.

Außerdem ist in der Ausstellung eine Auswahl aus dem „Lexikon der österreichischen Popmusik“ von Ö1 zu hören. Dabei handelt es sich um eine Radiokollegreihe, die Leben und Werk einzelner Musikerinnen, Musiker und Bands dokumentiert und ihre Bedeutung für die österreichische Musiklandscha ft sowie ihre Rolle bei der Entstehung gegenkultureller Milieus reflektiert oe1.orf.at/lexikonderpopmusik.

Nehmen Sie hoch das Bein, treten Sie ein!: ein Ausstellungsrundgang

Den Beginn macht ein kleiner Raum mit angeschlossener Galerie in der Kärntner Straße Nr. 10, den der Art Club Wien 1951 eröffnete: der Strohkoffer. Das 48m² große Kellerlokal war an den Wänden mit Schilfrohr verkleidet (eine Idee des Architekten Oswald Haerdtl), was den Bildhauer Fritz Wotruba zur Namensgebung inspirierte. Nicht nur Vertreter der Bildenden Künste trafen sich dort, auch Literaten und Musiker schätzen die dichte, kreative Atmosphäre. Es gab Lesungen, Performances und Konzerte. Die Wiener Gruppe, Ernst Jandl, Friederike Mayröcker, Friedrich Gulda sowie die Jazzer Uzzi Förster, Hans Salomon und Joe Zawinul zählten zum Stammpublikum, Helmut Qualtinger fand hier Inspiration für seine Sketches und Figuren. Ab und zu schaute auch internationale Kunstprominenz vorbei, so etwa Jean Cocteau. Die dominante Musik war der Jazz, der im Wien der Nachkriegszeit von vielen noch immer als subversive „Negermusik“ und Propagandamusik der Amerikaner angesehen wurde. Der Strohkoffer war zwar nur ein temporäres Refugium bis 1953, doch seine künstlerischen Impulse wirkten fort und beeinflussten auch die Jüngeren.
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Gustav, 2008. Bild: Thomas Degen

Bilderbuch, 2017: Maurice Ernst, Michael Krammer, Peter Horazdovsky und Philipp Scheibl. Bild: Heribert Corn

Nach allgemeiner Anschauung sicher nicht in Ordnung waren die wirklich alternativen Brutstätten der Popmusik in Wien. Neben dem San Remo in der Neubaugasse, das später als Camera Club in die Undergroundgeschichte der Stadt einging (hier tratder geniale Karl Ratzer mit seiner Band Slaves auf), war dies vor allem das legendäre Voom Voom in der Laudongasse. DJ-Kanzel, Stroboskop, Discokugel und eine untadelige Musikanlage machten das Lokal zum Hot Spot für eine „bunte Mischung, die von Künstlern, Musikern, Studenten und informierten Working-Class-Typen reichte“, so Edek Bartz, der zu den Mitbegründern zählte und dort als DJ die heißesten Tracks aus den USA unters Volk brachte. Gespielt wurden die Stones, Frank Zappa, James Brown oder Jimi Hendrix. „In der Wüste der Ignoranz und des Unwissens entstand so eine Oase der Coolness“, so Bartz. Die fortschrittlichste Pop-Formation Wiens dieser Zeitwar zweifellos Novak’s Kapelle, deren Auftritte eher provokanten Performances denn herkömmlichen Konzerten glichen.

Mit Pionierarbeit und musikalischer Horizonterweiterung aufs Engste verbunden war auch das Funkhaus in der Argentinierstraße. Vor der Gründung von Ö3 im Jahr 1967 hatte es zwar immerhin die Sendung „Gut aufgelegt“ von Evamaria Kaiser gegeben, die als Promotorin junger Talente Beachtliches leistete. Doch erst die Gründung eines eigenen Jugendsenders sorgte für eine musikalische Durchlüftung in großem Stil. Dabei ging es nicht nur darum, die neueste internationale psychedelische Rockmusik zu vermitteln. Der ORF mutierte selbst zum Förderer, Initiator und Produzenten heimischer Pop-Acts. Marianne Mendts Hit „A Glock ́n, die 24 Stunden läut ́“ wurde von der späteren ORF-Big-Band aufgenommen; Radioredakteur Alfred Treiber regte die Worried Men Skiffle Group zum Vertonen von Texten des Dichters Konrad Bayer an, woraus der erste große Dialekthit „Glaubst i bin bled“ resultierte; in der Jugendsendung Musicbox lief die Gründungshymne des Austropop, „Da Hofa“ von Wolfgang Ambros, im Dauerloop. Der Pioniergeist dieser Jahre, der mit Namen wie Ernst Grissemann, André Heller und Wolfgang Kos verbunden ist, kehrte in den 90er-
Jahren neuerlich zurück, als sich die Musicbox mit dem damaligen Redakteur Werner Geier zum Hip-Hop-Reservat wandelte und schließlich der Sender FM4 gegründet wurde.
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Chuzpe: Love will tear us apart, Single, 1980. Bild: Privatsammlung Walter Gröbchen

Hansi Lang, Keine Angst, LP, 1982. Bild: Privatsammlung Walter Gröbchen

Im Folkclub Atlantis, der mehrmals seinen Ort wechseln musste, spielte Wolfgang Ambros erstmals seinen „Hofa“, und auch der „Watzmann“ feierte hier Premiere. Mit dem Song „Jonny reitet wieder“ wurden die Schmetterlinge zur wichtigsten politischen Band der Wiener Szene. Nicht weniger politisch, aber mit ganz anderen Methoden agierten die Hallucination Company mit Hansi Lang und dem jungen Falco sowie die Schockrocker Drahdiwaberl. Beide brachten in den späten 70er-Jahren das Hernalser Vergnügungszentrum mit theatralischen Freakshows zum Beben. Der Ort war geschichtsträchtig: 1868 unter dem Namen Etablissement Klein als Volkssängerbühne gegründet, übernahm der Jazzmusiker Hans Neroth 1959 die Location und funktionierte sie zur breitenwirksamen Entertainment-Bühne um. Man kam, um Heinz Conrads, Cissy Kraner oder Fritz Muliar zu sehen. Ab 1966 wurde eine neue Ära eingeläutet. Jeden Samstag Abend hieß es „sweet sweet sweet“, jeden Sonntag und Feiertag „beat beat beat“. 1000 Besucher pro Abend waren keine Seltenheit. Ende der 70er-Jahre wurde das Etablissement geschlossen, dann renoviert und von Kulturveranstalter Alf Krauliz unter dem Namen Metropol zur Kleinkunstbühne umgewandelt.

Im U4, 1980er-Jahre. Bild: Privatsammlung Conny De Beauclair

Mit Sicherheit der bis heute bekannteste und in punkto Undergroundkultur prägendste Ort Wiens ist das U4, das 1980 von Ossi Schellmann eröffnet wurde und der neuen Punk- und New Wave-Szene alle Freiheiten ließ. Falco war hier bekanntlich Stammgast, Blümchen Blau, Tom Pettings Herzattacken, Hansi Lang, Drahdiwaberl – sie alle gehörten zum Inventar.

Geadelt wurde das U4 auch durch internationale Stars wie Einstürzende Neubauten, Sonic Youth, später Nirvana. Sogar die Soul- und Jazzsängerin Sade und Pop-Superstar Prince traten hier auf. Wer zur Szene gehören wollte, musste dabei sein (und an Türsteher Conny de Beauclair vorbei). Der Flamingo-Club am Montag, Crossover-Veranstaltungen mit Kunst und Mode, die legendären U4-Feste: All das machte das U4 bis in die 90er-Jahre hinein zum „einzigen Nachtclub Österreichs mit internationaler Bedeutung“, so Ossi Schellmann.

Nach Ausflügen ins Flex und ins rhiz endet die Tour schließlich auf dem Karlsplatz. Seit 2010 feiert sich hier die heimische Musikszene mit dem jährlichen Popfest, dessen Idee sich aus einem Begleitprogramm zur Fußballeuropameisterschaft 2008 entwickelt hatte. Jährlich wechselnde Kuratoren sorgen dafür, dass die unterschiedlichsten Klangentwürfe und Musikrichtungen hier ihren Auftritt haben. „Was mir an den Musikerinnen und Musikern der Generation Popfest von Anfang an auffiel, war, wie wenig sie an spezifische Subkulturen gebunden waren“, so Robert Rotifer, einer der entscheidenden Impulsgeber. „Und wie bereit, miteinander in wechselnden Zusammenarbeiten Musik der unterschiedlichsten Stile zu produzieren.“

www.wienmuseum.at

12. 9. 2017

Remember – der neue Film von Atom Egoyan

Mai 9, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Christopher Plummer brilliert als dementer Nazijäger

Christopher Plummer: Ein alter, angeschlagener Wolf ist auf der Jagd. Bild: ©Tiberius Film

Christopher Plummer: Ein alter, angeschlagener Wolf ist auf der Jagd. Bild: © Tiberius Film

Nun hat es der kanadisch-armenische Regisseur Atom Egoyan also wieder geschafft zu polarisieren. Die Übersee-Rezensionen zu seinem neuen Film „Remember“, der am 13. Mai in den heimischen Kinos anläuft, fahren Achterbahn, die Urteile liegen zwischen „Darf er das?“ und „Muss das sein?“ und die Antwort lautet in beiden Fällen: Ja.

Egoyan erzählt einmal mehr vom Genozid, diesmal von der Shoa, aber „Remember“ ist kein Holocaustfilm im herkömmlichen Sinne, er ist wie ein Agententhriller, in dem angegraute, angeschlagene, angezählte Wölfe sich ein letztes Mal gegen den Feind aufbäumen. Der Held, von den Umständen verwirrt, muss sein Leid immer wieder von Neuem erfahren, humpelt von Falle zu Falle und wird am Ende mit einer Wahrheit konfrontiert, die schrecklicher ist als der Kopf es sich vorstellen konnte. Egoyans Arbeit ist wie gewohnt ein Puzzle, ein Vexierspiel, die Erzählung verschachtelt und konstruiert, wie immer geht es um Identität und Verlust oder Verleugnung derselben, und mag man dem Erstlingsdrehbuch von Benjamin August auch vorwerfen, dass vieles schnell durchschaubar ist, so entschädigt doch der spionage-genrige Showdown am Schluss.

Überragend und über jeden Zweifel erhaben ist die schauspielerische Leistung von Protagonist Christopher Plummer, dem die illustre Kollegenriege Martin Landau, Bruno Ganz und Jürgen Prochnow zur Seite steht. Ihn, Plummer, hat Egoyan inszeniert, ihm gehört die ganze Aufmerksamkeit, die Kamera von Paul Sarossy umkreist ihn unablässig, verweilt auf diesem zerfurchten Gesicht und fängt dort jede Emotion auf. Die instabile Kamera steht dabei nicht nur für den emotionalen, sondern auch für den körperlichen Zustand, den Zerfall der Hauptfigur. Ein passendes Bild für das Grauen in dieser Geschichte.

Denn Zev Guttman, Plummers Figur, ist dement, er lebt im Altersheim, seine Frau ist vor zwei Wochen verstorben und noch immer ruft er jeden Morgen nach ihr. Er hat einen Freund, Max Zucker, gespielt von Martin Landau, und der nun eine Mission für ihn: Töte den Mann, der in Auschwitz unsere Familien getötet hat. „Remember“, das ist hier ein Aufruf, ein „Erinnere dich!“, denn der ehemalige Mitarbeiter des Simon-Wiesenthal-Centers sitzt im Rollstuhl und braucht Zevs gesunde Beine, um seine Lebensaufgabe zu erfüllen. Max will nicht Recht, sondern schlicht Rache. Doch die Sache hat einen Haken. Der KZ-Aufseher Otto Wallisch ist unter dem von einem seiner Opfer angenommenen Namen Rudy Kurlander untergetaucht – und von denen hat Max vier gefunden. So beginnt für Zev eine Reise, die ihn von Cleveland bis Kanada führt. Auf der Suche nach dem richtigen, nach dem zu richtenden Schuldigen.

Egoyan erzählt das ohne die oft üblichen Rückblenden. Die Todesmaschinerie des Dritten Reichs bleibt subtile Andeutung, etwa in Zevs Angst vor scharfen Hunden oder seinem Aufhorchen beim Wort „Flüchtling“. Dass er in der Badewanne Richtung Duschkopf sinniert, hätt’s da gar nicht gebraucht, denn es versteht sich auch so, wie Egoyan die Brücke ins Heute schlägt, wenn er ein Amerika zeigt, in dem Alltagsfaschisten und Antisemiten fröhliche Urständ‘ feiern. Sehr schön eine Szene, in der Zev, ein ganz offensichtlich wirrer Greis, ohne Widerrede eine Waffe kaufen kann. Er hat einen Führerschein, nach mehr wird nicht gefragt, obwohl klar ist, dass dieser Mann längst nicht mehr Autofahren kann, für das Betätigen des Abzugs wird’s schon noch reichen. Max hat Zev einen Brief mitgegeben, in dem er die Anweisungen täglich mehrmals aufs Neue liest, weil ja schon wieder vergessen, und damit er nicht vergißt, den Brief zu lesen, hat er sich die Erinnerung daran als Notiz aufs Handgelenk geschrieben. Eine bittere Ironie, dass ein Mann, der sich kaum die Gegenwart merken kann, eine 70 Jahre zurückliegende Vergangenheit rekonstruieren soll. Martin Landau ist ganz großartig als stoisches Mastermind, der die Dinge aus der Ferne dirigiert.

Und so reist Zev „ferngesteuert“ von Kurlander zu Kurlander. Findet in Bruno Ganz einen niemals aus der Verblendung erwachten Ewiggestrigen, ein kurzer Auftritt nur des Iffland-Ring-Trägers, aber natürlich so markant, wie man es von diesem Ausnahmeschauspieler gewohnt ist, in Dean Norris einen Neonazi, eine gefährliche, gescheiterte Existenz, die die SS-Devotionaliensammlung des verstorbenen Vaters wie einen Schatz hütet, und in Jürgen Prochnow den gutsituierten Verdränger, einen Täter, der sein selbst zusammengezimmertes Opferschicksal mittlerweile fast schon glaubt. Prochnow glänzt in dieser Rolle als gutmütiger Großvater hinter dessen altersmilder Fassade die Vergangenheit wie ein Raubtier lauert. Und während sein Sohn Charles ihn fieberhaft sucht, findet Zev heraus, wer in Wahrheit Otto Wallisch ist …

Martin Landau (re.) als Mastermind Max leitet die Operation Kurlander. Bild: ©Tiberius Film

Martin Landau (re.) als Mastermind Max Zucker leitet die Operation vom Rollstuhl aus. Bild: ©Tiberius Film

Nur ein Durchschnittsnazi: Bruno Ganz (li.) als Rudy Kurlander # 1 ist nicht der Gesuchte. Bild: ©Tiberius Film

Nur ein Durchschnittsnazi: Bruno Ganz (li.) als Rudy Kurlander # 1 ist nicht der Gesuchte. Bild: © Tiberius Film

Der nette Opi von nebenan: Jürgen Prochnow (li.) als Kurlander # 4. Bild: ©Tiberius Film

Der nette, gefährliche Opi von nebenan: Jürgen Prochnow (li.) als Kurlander # 4. Bild: © Tiberius Film

Er habe „Chris in seiner unglaublichen Vitalität ein wenig einschränken müssen“, erzählt Egoyan über die Dreharbeiten. Und tatsächlich spielt Plummer sehr reduziert, sehr zurückhaltend, spielt die ganze Mühsamkeit des Altwerdens mit ermüdend langsamem Schlurfgang und ratlos hängendem Blick, und dann plötzlich ein Aufblitzen, der Wolf ist noch da und er wird zuschlagen. Plummer gelingt eine beeindruckende Gratwanderung zwischen Sein und Nichtmehrsein, er schafft es, mit seiner Charakterdarstellung einen Film zu verorten, der mitunter mittelschwer an der Skizzenhaftigkeit des Plots krankt. Sein Agieren zeigt Zevs stilles Aufbegehren gegen das eigene und das gesellschaftliche Verstummen, eine Aufforderung, die letzten Zeitzeugen zu hören, jetzt dringender denn je.

Zevs Weg führt von Pflegeheim zu Geriatrie zu Hospiz, und es mag auch die ständige Anwesenheit dieser ans immanente Ende gemahnenden Unorte gewesen sein, die manchen Filmkritiker verunsichert hat. Doch Zevs ungesunde Albtraumfahrt in die Vergangenheit verweist auf ein Erbe, das immer noch weitergegeben wird. Die Untoten leben, wenn Dean Norris‘ Figur „etwas Aufregendes“ aus einem KZ hören will, wenn ihm der Ekel ins Gesicht geschrieben steht, weil er erkennt, dass er einen Juden, einen Andersgläubigen! bewirtet hat. Und Zev fällt wieder in diesen neuen, alten Strudel von Wahnsinn und Gewalt.

„Remember“ ist ein beklemmender Film darüber, wie Geschichte immer wieder von vorne beginnen muss. Man mag ihn für ein wenig bemüht halten, doch die Postings dazu, die ihren Hass über Menschen anderer Hautfarbe, Religion, sexueller Identität – es wird auch ein homosexuelles Opfer des Naziterrors gezeigt – auskotzen, beweisen, dass Egoyan mit seinem düsteren Roadmovie einen Nerv getroffen hat. Neben dem fulminanten Cast macht auch das die (Facebook-Zitat:) „Scheiße, die niemand mehr sehen kann“ auf alle Fälle sehenswert!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=vFxXCoprNqc , Trailer in Deutsch: www.youtube.com/watch?v=6HXTIvSxvX4

www.rememberthemovie.com

Wien, 9. 5. 2016

Kammgarnzentrum Vöslau: Fotografien aus Tschernobyl

April 12, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Roland Verant ist der Chronist der verstrahlten Stadt

Eine zurückgelassene Puppe inmitten von Kindergasmasken auf dem Fußboden der Schule Nr. 3 in Pripyat. Bild: Roland Verant

Eine zurückgelassene Puppe inmitten von Kindergasmasken auf dem Fußboden der Schule Nr. 3 in Pripyat. Bild: Roland Verant

Das Riesenrad im Vergnügungspark von Pripyat hätte am 1. Mai 1986 eröffnet werden sollen. Bild: Roland Verant

Das Riesenrad im Vergnügungspark von Pripyat hätte am 1. Mai 1986 eröffnet werden sollen. Bild: Roland Verant

Der Kontrollraum von Reaktor vier im AKW Chernobyl, an diesen Pulten nahm das Unglück seinen Lauf. Bild: Roland Verant

Der Kontrollraum von Reaktor vier im AKW Chernobyl, an diesen Pulten nahm das Unglück seinen Lauf. Bild: Roland Verant

Der in Südtirol aufgewachsene Wahlwiener Roland Verant hat auf bisher acht Reisen insgesamt 47 Tage in der Sperrzone von Tschernobyl verbracht. Verant will mit eigenen Augen sehen und dokumentieren. Entstanden sind mehr 25.000 Bilder, die auf eindrucksvolle Weise jenes vermeintliche Ödland zeigen, aus dem der Mensch sich selbst vertrieben hat.

In Zusammenarbeit mit der Bad Vöslauer Kulturplattform „Platz für Kunst“ macht Roland Verant anlässlich des 30. Jahrestages der Katastrophe erstmals Teile seines privaten Archivs der Öffentlichkeit zugänglich. Zu sehen ab 23. April im Kammgarnzentrum. „Da war mal ganz viel Leben“, nennt er seine Schau.

Verant kennt mittlerweile sogar einen Tschernoybl-Witz: „Frage an Radio Eriwan: darf man wieder Kartoffeln aus Tschernobyl essen?“ – „Im Prinzip ja, allerdings darf Ihre Toilette dann nicht an die öffentliche Kanalisation angeschlossen sein.“

Bitterer sowjetischer Humor. Der auf unbequem prägnante Weise verdeutlicht, wie sehr die Reaktorkatastrophe von 1986 noch heute das Leben in weiten Teilen Europas beeinflusst. Ende April erreichen damals die ersten Meldungen über einen Unfall in einem sowjetischen Atomreaktor die Nachrichtensendungen der westlichen Welt.

Die Berichte sind gespickt mit Konjunktiven und Relativierungen – mangels belastbarer Information will sich niemand genau festlegen. Erst als nach und nach Konkreteres durchsickert, wird klar, dass in Tschernobyl das Undenkbare geschehen ist. Mit weitreichenden Folgen für ganz Europa. Mittlerweile ist Tschernobyl ist zum Synonym für die Gefahren der Atomenergie geworden, zu einem schrecklichen, aber unauslöschbaren Teil des menschlichen Kulturerbes.

Ideologische Statements sucht man zwischen den Bilder umsonst. Der Fotograf ist, wie er es nennt, „privat“ unterwegs, lässt sich von keiner Initiative oder Gruppierung vereinnahmen. Mit seiner Ausstellung will Verant, so sagt er, „dem Betrachter durch die Präsentation von Fakten und Bildern einen Einblick in das Thema geben, der ihn dazu bringt, sich seine eigene Meinung zu bilden“. Was angesichts der neuen Nuklearbemühungen in Fukushima hochaktuell und dringend notwendig ist.

Über den Künstler:

Roland Verant beim Fotografieren eines Lenin-Wandgemäldes in der Schule Nr. 1 in Pripyat. Bild: Roland Verant

Roland Verant beim Fotografieren eines Lenin-Wandgemäldes in der Schule Nr. 1 in Pripyat. Bild: Roland Verant

Roland Verant ist 1980 in Bozen geboren und in Südtirol aufgewachsen, er lebt und arbeitet seit 15 Jahren in Wien. Seit fünf Jahren beschäftigt sich intensiv mit der Katastrophe von Tschernobyl, die erste Reise in die Sperrzone war im April 2012, seither hat er auf acht Reisen insgesamt 47 Tage in der Sperrzone verbracht. Die Bilder dieser Aufenthalte waren unter anderem im Mirror, im Corriere della Sera, der Daily Mail und der New York Post zu sehen. Verant ist Hobbymusiker – Bassist – und betreibt auch eine Facebookseite zum Thema Tschernobyl: www.facebook.com/chernobylupcloseandpersonal

www.kammgarnzentrum.at

Wien, 12. 4. 2016

Mads Mikkelsen ist „Michael Kohlhaas“

November 5, 2013 in Film

VON RUDOLF MOTTINGER

Kino frei nach Kleist

Mads Mikkelsen als Michael Kohlhaas Bild: Polyband Medien 2013

Mads Mikkelsen als Michael Kohlhaas
Bild: Polyband Medien 2013

Diese Woche kommt „Michael Kohlhaas“ von Regisseur Arnaud des Pallières in die Kinos. Der Filmemacher verwandelte den Stoff Heinrich von Kleists in zwei aufregende Stunden, die einen Literaturklassiker ohne Fadesse mit Geschichtsunterricht verbinden und Interpretationsmöglichkeiten fürs Heute zu liefern vermögen. Das Selbstjustizdrama ist so weder Schlachten-, noch Sitten- noch Ausstattungsgemälde – sondern schlicht: spannend. Ein düsterer Historienfilm, in dem Mads Mikkelsen als Titelfigur wie aus Granit gemeiselt steht: idealistisch, stolz und selbstzerstörerisch. Des Pallières hat die Handlung in die südfranzösischen  Cevennen verlagert: Ein Mann fordert Gerechtigkeit und sein Recht: Michael Kohlhaas steht auf gegen die Lehnsherren und ihre Willkür. Im 16. Jahrhundert führt der Pferdehändler ein glückliches Familienleben mit Frau und Tochter auf dem eigenen Hof. Auf dem Weg zum nächsten Markt verlangt der Verwalter des neuen Barons ohne rechtliche Grundlage einen Passierschein. Kohlhaas muss seine zwei Rappen als Pfand zurücklassen, die er später nach schonungsloser Feldarbeit in miserablem Zustand zurücknehmen soll. Gegen dieses Unrecht reicht der ehrliche und gläubige Mann erfolglos Klage ein. Als seine geliebte Frau bei der Prinzessin um Gerechtigkeit flehen will, wird sie gar nicht zu ihr vorgelassen, sondern von ihren Untergebenen abgewiesen und lebensbedrohend verletzt. Sie stirbt an den Folgen ihrer Verletzungen in Kohlhaas‘ Armen. Untröstlich über den Verlust und voller Zorn gegen die ungerechte Obrigkeit begibt er sich gemeinsam mit seinen Getreuen und Rebellen aus der Bevölkerung auf einen Feldzug gegen die Herrschenden und hält das Land in Atem. Die Prinzessin bietet ihm freies Geleit an bis zur Wiederaufnahme der Rechtssache, wenn er die Waffen niederlegt. Kohlhaas geht auf die Bedingungen ein und schickt seine Männer nach Hause. Am Ende aber muss er für die Taten anderer büßen. Er bekommt zwar Recht, aber keine Gerechtigkeit, bezahlt seinen Kampf gegen die Obrigkeit mit dem Leben.

Heinrich von Kleists Novelle aus dem Jahr 1810 erzählt eine universelle Geschichte vom Widerstand gegen Willkür, vom Kampf des Individuums gegen Obrigkeit, ein Schrei nach Gerechtigkeit. Universelle Themen, die weit über den deutschen Sprachraum hinweg Gültigkeit haben. Der Franzose des Pallières filmt feinfühlig und fulminant. So entstand ein kraftvoller Film mit starken Emotionen und einer atemberaubenden Bildsprache (Kamera: Jeanne Lapoirie) über eine große Liebe und den ewigen Konflikt zwischen „Oben und Unten“, den nie verhallenden Ruf nach Freiheit. Dieser Michael Kohlhaas schlägt furios den Bogen zur Gegenwart mit ihrer Unterdrückung und Ungerechtigkeit und den Kampf oppositioneller Bewegungen und unterstreicht auch Stéphane Hessels Aufforderung „Empört Euch“. „Fiat iustitia, et pereat mundus“!  Der historische Hans Kohlhase wurde am 22. Mai 1540 in Berlin öffentlich durch Rädern hingerichtet.

Mit Mads Mikkelsen spielen Bruno Ganz, David Kross und David Bennent.

Interview mit Mads Mikkelsen

Was hat Sie speziell an diesem Projekt gereizt?
Ich hatte das Gefühl, das ist ein sehr radikales und sehr herausforderndes Projekt. Nicht nur wegen der Hauptfigur, sondern wegen der ganzen Geschichte. So etwas kriegt man nicht jeden Tag in unserem Beruf auf den Tisch. Eine Art des Erzählens, die sich ganz einer Idee unterwirft, einer Person. Vor meinem ersten Treffen in Kopenhagen mit Arnaud des Pallières wusste ich nichts über ihn. Weder wer er war, noch was er gemacht hatte. Zwei Stunden später wusste ich immer noch nicht mehr, aber ich war neugierig darauf, mehr zu erfahren und mit ihm zu arbeiten. Wir haben uns in einem Café getroffen. Der Großteil unserer Unterhaltung lief in Englisch ab und größtenteils mit Produzent Serge Lalou als Übersetzer. Arnaud pflegt einen merkwürdigen und sehr respektvollen Bezug zu Sprachen, obgleich sein Englisch gar nicht schlecht ist, zieht er es vor, nicht zu viel englisch zu reden. Trotzdem folgte er der Unterhaltung sehr aufmerksam, obgleich er nicht oft direkt das Wort ergriff. Was seine Einmischungen in Französisch oder in Englisch umso intensiver machte. Mir war klar, dass er sich mit diesem Film eine große Aufgabe gestellt hatte.
Wer ist dieser Michael Kohlhaas?
Kohlhaas ist eine einzigartige Persönlichkeit. Das ist nicht irgendwer, er ist nicht wie Sie oder ich. Er verlangt die einfachste Sache der Welt: Gerechtigkeit, gleiches Recht für alle. Kohlhaas ist ein Mann, dessen Ideale größer sind als er selbst, mehr zählen als sein eigenes Leben.
Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?
Erst einmal durch intensive Beschäftigung mit dem Drehbuch. Aber die wichtigste Vorbereitung ist immer der Austausch mit dem Regisseur. Ich habe ihm sehr viele Fragen gestellt und versucht, ein Maximum an Antworten zu erhalten. Und ich habe akzeptiert, dass nicht alle Fragen beantwortet wurden, bevor ich mich in die Arbeit gestürzt habe. Ich versuche immer, mich den Gedanken und Gefühlen eines Regisseurs anzunähern und seiner Vision, und nicht nur einfach der Figur, die ich verkörpere. Anlässlich meines ersten Treffens mit Arnaud hatte ich meiner Meinung nach sehr vernünftige Ideen für die Figur und Vorschläge für das Drehbuch im Gepäck. Arnaud hat sie alle weggefegt mit seinem „Nein. Nein. Nein“. Daran war ich eigentlich nicht gewöhnt. Das hat mich aber nicht einmal gestört, mich beeindruckte seine Leidenschaft und seine Begeisterung. Und dann hat er mir sofort erklärt, warum diese Geschichte genau so und nicht anders erzählt werden musste. Während der nachfolgenden Vorbereitung haben Arnaud und ich oft lange diskutiert, wir haben uns mit fast allem auseinandergesetzt. Bei den Dreharbeiten wurde dann weniger gesprochen. Es entwickelte sich eine sehr intuitive Zusammenarbeit mit immer weniger Worten. Alles war ja schon lange ausdiskutiert.
Wie führt Arnaud des Pallières Regie?
Vor der ersten Aufnahme hat er nichts gesagt. Er ließ mich einen Vorschlag machen, seine konkreten Anweisungen folgten anschließend. Das konnten wenige, aber auch mal eine ganze Reihe sein. Einige Szenen waren in drei Takes im Kasten, andere brauchten einen Tag. Wir haben beispielsweise einen ganzen Tag gebraucht für die Szene, in der Kohlhaas verzweifelt versucht, seine mit dem Tode ringende Frau zu retten. Eine sehr harte Szene für beide Schauspieler, physisch und emotional, gedreht in einer einzigen Einstellung von dreizehn Minuten. Dass wir sie immer wiederholt haben, lag nicht daran, dass etwas nicht stimmte, sondern – im Gegenteil – es gab so viele passende Optionen, die alle richtig und wunderbar wirkten, dass es einfach schwierig war, die Beste zu bestimmen. Im Spielverlauf selbst genossen wir eine große Freiheit. Und die Müdigkeit am Ende des Tages war eine gute Müdigkeit. Arnauds Arbeitsweise hat mich nicht besonders überrascht. Wir kannten uns inzwischen und jeder wusste, was er tun musste, ohne den anderen einzuengen. Die Arbeit unterschied sich nach Funktion der Szenen, war aber auch immer geprägt von einer bestimmten Art von Klarheit und Konsequenz.
Welche Szene ist Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?
Die, von der wir gerade gesprochen haben. Kohlhaas und seine Frau im Todeskampf. Und auch dieser unglaubliche Moment, wo ich helfe, ein Fohlen auf die Welt zu bringen. Man kann die Geburt eines Fohlens nur bis zu einem gewissen Punkt planen. Selbst zuzupacken und einen Mann zu verkörpern, zu dessen Gewohnheit und Alltag so eine Geburt gehört, ist eine andere Sache. Es gab auch nur einen einzigen Take. Pferdetrainer Sanabra, der uns lehrte, wie man richtig aufsitzt, war an meiner Seite, aber außerhalb des Sichtfeldes. Er flüsterte mir zu, was ich zu tun hatte und plötzlich war das Fohlen da, plötzlich hielt ich es in meinen Armen. Ein magischer Moment. Ich musste schon kämpfen, nicht von Gefühlen überwältigt zu sein… aber die Geburt gehörte zum Alltag von Kohlhaas und ich musste mich mit meinen Emotionen zurückhalten.
Inwiefern waren diese Dreharbeiten etwas Besonderes für Sie?
Die Pferde machten den größten Teil im Leben von Kohlhaas aus, also auch für mich. Während der Vorbereitung wohnte ich bei Sanabra und seiner Familie. Bei ihnen habe ich gelernt, mit den Pferden zusammen zu sein. Ich war von wunderbaren Pferden umgeben, in manchmal gefährlichen und verrückten Situationen, aber sie verhielten sich von Tag zu Tag besser. Ich wurde mit der Zeit geschickter und auch viel ruhiger. Arnaud war dabei. Er sprach mit uns über den Film, ich war umgeben von Schauspielern, die wie ich gekommen waren, um mit Arnaud und den Pferden zu arbeiten. Sanabra hat mir auch abends bei einem Glas Wein französisch beigebracht. Arbeitsmäßig war das eine sehr herausfordernde Zeit, die aber die schönsten Erinnerungen in mir wach ruft.
Was können wir durch Kohlhaas` Geschichte über uns selbst lernen?
Ich glaube nicht, dass ein Film uns unbedingt etwas lehren soll. Schön, wenn es der Fall ist, aber das ist nicht mein vorrangiges Anliegen, sonst wäre ich Politiker oder Lehrer geworden, nicht Schauspieler. Natürlich erzählt der Film eine Geschichte. Er zeigt, wie die Besessenheit von Recht und Gerechtigkeit auch Ungerechtigkeit und Blindheit hervorbringen kann und zeigt einen Mann, der wegen einem Ideal, das er verfolgt, alles verliert. Die Geschichte von Michael Kohlhaas ist eine philosophische Reise ins Herz des Menschen, ich hoffe, das empfinden viele Zuschauer ebenfalls.

Wien, 5. 11. 2013

Wiener Festwochen: „Le Retour“

Mai 19, 2013 in Bühne

Bruno Ganz glänzt in Harold Pinters

Familienaufstellung

Jérôme Kircher, Micha Lescot, Louis Garrel, Bruno Ganz, Emmanuelle Seigner, Pascal Greggory Bild: Ruth Walz

Jérôme Kircher, Micha Lescot, Louis Garrel, Bruno Ganz, Emmanuelle Seigner, Pascal Greggory
Bild: Ruth Walz

Es war einmal, da erklärte Bruno Ganz nie wieder in Wien Theater spielen zu wollen. Verrisse hatten ihn gekränkt. Zu Recht. Er war damals ein fabelhafter Ödipus in Kolonos in einer fabelhaften Inszenierung von Klaus Michael Grüber. Ein Glück. Verletzungen verheilen. Auch, wenn’s zehn Jahre dauert. Nun ist der Schweizer Star wieder da. Spielt in Luc Bondys Inszenierung von Harold Pinters „Le Retour“ den Max. Fabelhaft. Naturgemäß. Der Intendant der Wiener Festwochen hat diese Arbeit von seiner neuen Wirkungsstätte in Paris, dem Odéon-Théâtre de l’Europe, mitgebracht.Eine gewaltige Collage aus in Gewalt verborgener Geborgenheit, Wut und Witz. Eine Familienaufstellung.

1964 hat Literaturnobelpreisträger Pinter „Die Heimkehr“ geschrieben. Und damit dem Publikum ein unlösbares, wunderbares Rätsel aufgegeben: Als Viererbande hausen Max, Schlachter im Ruhestand, sein Bruder Sam, Privatchauffeur, und seine Söhne – Hilfsarbeiter Joey, der hofft, Boxer zu werden, und Zuhälter Lenny – in einer unfreiwilligen, aus finanzieller Not entstandenen Männer-WG. Da taucht im tristen Nordlondoner Loch der einzige der Familie auf, der’s geschafft hat: Teddy, Philosophieprofessor in den USA, mit Haus, Swimmingpool, drei Söhnen – und einer Ehefrau. Die hat er mitgebracht. Die wird mit herber Herzlichkeit begrüßt und geprüft. Denn Ruth hat eine Vergangenheit als „Model“ und mehr. Die Männerwirtschaft macht die Mutter wieder zur Hure. Eine(r) muss ja aufs Wirtschaftliche schauen. Und tatsächlich: Sie bleibt. Teddy geht allein heim … Undurchsichtig, undurchschaubar das Ganze.

Johannes Schütz hat für diese Geschichte ein sehr schön abgefucktes Bühnenbild erfunden: einen Riesenraum, in dem Küche, Essplatz, Wohnzimmer und Wohnwagen (Sams Unterschlupf) untergebracht sind. Schlafzimmer: im ersten Stock. Hier lässt Bondy seine Schauspieler ihr Spiel entfalten. Bondy hätte Pinter „entstaubt“ war nach der Pariser Premiere irgendwo zu lesen. Blödsinn. Das braucht es bei Pinter nicht. Und das hat auch ein Bondy nicht nötig. Meisterhaft stülpt er über die MQ-Halle eine Atmosphäre, die Verlangen, Verachtung, Verlust spürbar macht. Wie in einer „französisch duftenden“ Käseglocke gefangen, ist das Publikum all diesen starken Gefühlen, Gerüchen, dem Odeur, ausgeliefert. Der Rivalität zwischen beiden Brüderpaaren, der Hassliebe der Eheleute; intellektuelle Humanität trifft auf Animalität. Ohne Ausweg nehmen noch das harmloseste Gespräch, ein absolut banaler Alltagsaugenblick, eine ungeheuere Wendung.

Apropos, Ungeheuer: Bruno Ganz spielt eines. Großartig, gefährlich, grausam. Ein Berserker, Prolet. Ein Kronos, der auf den ersten Blick Seinesgleichen erkennt. Sieht, welche Gorgone ihm da ins Haus kommt. Die wird uns noch was kosten, stellt er nach abgeschlossenem „Geschäft“ mit Ruth fest, während die schon ihr Täschchen dreht. Dieser Fremdkörper Frau wird im Laufe des Abends zunehmend konkret körperlich. Emmanuelle Seigner (Ehefrau von Roman Polanski und hierzulande von seinem „Frantic“ bis Julian Schnabels „Schmetterling und Taucherglocke“ als Filmschauspielerin bekannt) ist als Ruth überirdisch schön, so elektrisierend wie traumwandlerisch. Erst geheimnisvoll -no na -, bald anlassig. Schnell findet sie in alte Muster zurück; die Natur des Menschen ändert sich nicht. Schnell wird da der verbitterte, verwitwete Patriarch zum Tänzler, zum Um-sie-herum-Schwänzler. Wie er das Wesen durchschaut, betrachtet er es auch schon als sein Eigentum. Der trögen Gesellschaft aus Vater und Söhnen schießt das Blut ein – ja, genau da -, als Zukunftspläne greifbar, angreifbar, antatschbar werden. Sehr nachvollziehbar stellen das Louis Garrel als Sportskanone Joey und der immer leicht eingeraucht wirkende Lenny (Micha Lescot) dar.

Das Gewissen, in Gestalt des stets mit seinem Toupet kämpfenden Onkel Sam, hat keine Chance. Pascal Greggory (schon 2011 mit Patrice Chéreaus Inszenierung von Jon Fosses „Rêve d’automne“ bei den Festwochen zu Gast) gibt ihm eine tragikomische Note. Ein Weißclown, bei dem man nicht weiß, ob man über ihn Lachen oder mit ihm Weinen soll. Bleibt Teddy (Jérôme Kircher). In dieser Runde der Spießbürger. Der sich nächtens, nervös mit dem Schlüssel fingernd, ins väterliche Haus stiehlt. Keinen Versuch macht, seine Frau zu „retten“. Am Ende still seinen Koffer nimmt. Und aus. Fast scheint es, er wäre nur heimgefahren – weil, warum sollte ein Uni-Prof sich diese Bagage antun -, um das unter seiner Würde befindliche Weib, dem auch er einmal verfiel, ein für alle Mal loszuwerden. Ach, hätte er doch wenigstens den lieben Sam aus diesem Clan-Gefängnis befreit. Dem fehlt nämlich allein offenbar die Kraft dazu. Aber, Halt! Man darf manches tun, nur nicht versuchen, Pinter zu interpretieren. Also nur so viel: Es war ein überwältigender Abend, der mit Riesenapplaus, Bravorufen und Standing Ovations für Ganz und Bondy endete.

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Von Michaela Mottinger

Wien, 19. 5. 2013