Theater zum Fürchten: Donadieu

Mai 6, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Frage, wie man Folterern vergeben kann

Lavalette bemüht sich um Benehmen im Haus des „Feindes“ Donaudieu: Roger Murbach, Alina Bachmayr-Heyda, Wolfgang Lesky und Clemens Aap Lindenberg. Bild: Bettina Frenzel

1629, während der letzten Hugenottenerhebung in Frankreich. Zwei Kuriere des Königs begehren in einer stürmischen Nacht Einlass in das Schloss eines protestantischen Adeligen, Gastfreundschaft wird ihnen trotz der religiösen Feindschaft gewährt. Da erkennen Tochter und Dienerin in einem der Fremden den Marterer und Mörder der Mutter – nun lodert ein Gewissenskonflikt auf: Soll man die Frau rächen oder den Mann, der ein Friedensedikt mit sich trägt um dessen willen ziehen lassen?

Das Theater zum Fürchten zeigt in seiner Wiener Spielstätte, der Scala, das Schauspiel „Donadieu“, und es ist schön, dass man sich des Dramatikers Fritz Hochwälder wieder besinnt, der mit unter anderem „Das heilige Experiment“ und „Der Himbeerpflücker“ maßgebliche Werke der österreichischen Bühnenliteratur schuf, jedoch heute für die Spielpläne fast gänzlich vergessen ist. 1953, im Schatten des Dritten Reichs, hat Hochwälder als Hausautor des Burgtheaters sein Stück verfasst, nichts hat es an Aktualität eingebüßt. Themen wie Glaubensfreiheit oder politisch instrumentalisierte Religion, die die Menschen entzweit, Krieg, Flüchtlinge, Hass auf alle, die als „anders“ abgetan werden, sind gegenwärtig. Wie die vom Juden, bekennenden Linken, Schweiz-Exilanten Hochwälder gestellte Frage, wie denn aus den Folterern von gestern wieder die Nachbarn von morgen werden sollten.

TzF-Prinzipal und Regisseur Bruno Max lässt den „Donadieu“ im historischen Kostüm. Gemeinsam mit Marcus Ganser hat er ein Bühnenbild erdacht, das von Prunksaal bis zu den Schlafgemächern entlang einer Galerie im ersten Stock eine halbe Burg darstellt. Mit viel Liebe zum Detail sind eine Feuerstelle oder ein Lesepult aufgestellt, das Publikum nimmt diesmal zu beiden Seiten der Spielfläche statt, was eine intensive Nähe zum an dramatischen Wendungen reichen Geschehen schafft.

Clemens Aap Lindenberg und Wolfgang Lesky. Bild: Bettina Frenzel

Wolfgang Lesky und Bernie Feit. Bild: Bettina Frenzel

Wolfgang Lesky und Dirk Warme. Bild: Bettina Frenzel

Wie schnell hier die Stimmung umschlägt, demonstrieren vor allem Clemens Aap Lindenberg in der Titelrolle und Wolfgang Lesky und Dirk Warme als die beiden Kuriere Lavalette und Du Bosc. Die ersten beiden Ehrenmänner, die an die Bestrafung von Kriegsgräuel glauben und es an moderater Haltung und gegenseitigem Respekt nicht fehlen lassen, zweiterer ein Bösewicht wie das dem Bilderbuch, der schlussendlich erneut entgleist und sich enttarnt, als er die Bewohner des Schlosses ihrer Menschenwürde beraubt und demütigt.

Eine Erniedrigung, die Lindenbergs Donadieu, vom ersten Aufbrausen schließlich in der Vernunft angelangt, mit stoischer Ruhe ertragen kann, nicht aber der hochanständige Lavalette. Wie über dem Gebaren dieses exzellent agierenden Dreiergespanns ständig die Gefahr schwebt, macht eine Reihe ebenfalls ausgezeichneter TzF-Schauspieler deutlich. Bernie Feit gibt den Escambarlat als geschwätzigen Dichter und erst käufliche Seele, die – zum äußersten getrieben – doch noch ihren Heldenmut findet.

Margot Ganser-Skofic ist eine vor Empörung bebende Schaffnerin Barbe, Kari Rakkola ein aufbrausender schwedischer Hauptmann Tiefenbach, während Roger Murbach als Pfarrer Berthelien um den lieben Frieden bemüht ist. Alina Bachmayr-Heyda als rachedurstige Tochter Judith und Robert Elsinger als feuerversehrter Nicolas komplettieren das Ensemble. Bruno Max versteht es mit dieser Inszenierung einmal mehr, aus einem schwierigen Stoff einen stetig sich beschleunigenden, spannungsreichen Abend zu machen.

Sein „Donadieu“ besticht durch eine fein ziselierte Figurenzeichnung, die die Charaktere fernab jeder Thesenhaftigkeit als Menschen aus Fleisch und Blut auf die Bühne stellt. Und er macht Hochwälders Aufruf zu Aufarbeitung und Aussöhnung deutlich. Das Theater zum Fürchten ist mit dieser Arbeit um eine unterhaltsame, lehrreiche Aufführung reicher.

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  1. 5. 2018

Theater zum Fürchten: Tartuffe

April 8, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Betrüger hat am Schluss das Sagen

Tartuffe manipuliert Orgon: Alexander Rossi und Georg Kusztrich. Bild: Bettina Frenzel

Dass gerade jenen, denen die Augen geöffnet sind, darob der Mund verboten wird, ist wohl die Quintessenz von Marcus Gansers „Tartuffe“-Inszenierung, die das Theater zum Fürchten nun in seiner Wiener Spielstätte, der Scala, zeigt. Bei Ganser nämlich hat der Betrüger am Schluss das Sagen. Gemächlich schlendert er durch die Sitzreihen und verklebt einem nach dem anderen Mitglied der Familie Pernelle die Lippen mit schwarzem Band. Dass diese Reihen aus Theaterklappsesseln bestehen, scheint des Regisseurs – Ganser hat wie stets auch das Bühnenbild erdacht – irr witziger Kommentar zur (Kultur-)politik zur Zeit zu sein.

Sein „Tartuffe“ ist ein satirisches Spiegelbild der gesellschaftlichen Vorgänge dieser Tage. Da mag man sich selber beim Schopf nehmen und die eigenen Handlungen hinterfragen, oder auch die Worte statt Taten, auf die man schon hereingefallen ist, die Manöver und die Manipulationen, und „Honi soit …“, wer sich was dabei denkt, dass Orgon hier eine rote und Tartuffe eine türkisblaue Krawatte trägt. Dass Moliéres meisterliche Komödie für derlei Zuspitzungen mehr als geeignet ist, ist ja bewiesene Tatsache.

Ihr Schöpfer selbst wähnte sich zu Recht nach dem Verbot der ersten beiden Fassungen von gewieften Politikern verfolgt, ist sein Tartuffe doch eine messerscharfe Abrechnung mit der damals einflussreichen „Partei der Frommen“. Und les dévots – „die Heuchler haben keinen Spaß verstanden“. In Gansers Bearbeitung nun schillert der „Tartuffe“ in einer tadellosen Versfassung, die die Künstlichkeit, die Verlogenheit des Gesagten noch hervorhebt. Das TzF-Ensemble agiert mit der bekannten Brillanz, allen voran Georg Kusztrich als Orgon, der es schafft, in die Komödiantik die Charakterstudie eines Verblendeten zu packen, der dem bigotten Blender aufsitzt und verfallen ist. In seinen besten hat Kusztrich Louis-de-Funès-Momente. Alexander Rossi spielt als Tartuffe ganz das Unschuldslamm, so schön kann Scheinheiligkeit sein, wenn einer in der Unterhose als armer Sünder dasteht, bevor er sich mit Verve zwischen die Schenkel von Orgons Gemahlin wirft.

Mit Ehefrau Elmire kommt es beinah zum Äußersten: Alexander Rossi, Georg Kusztrich und Eszter Hollósi. Bild: Bettina Frenzel

Der Haus-Staat staunt ob so viel Unverfrorenheit: Eszter Hollósi, Margot Ganser-Skofic, Christina Saginth und Glenna Weber. Bild: Bettina Frenzel

Ganser setzt auf Tempo und Slapstick, lässt seine Darsteller über die Stühle und einen Laufsteg turnen; nur eindreiviertel Stunden dauert seine Version der Farce, und jede Minute davon geht es dabei zur Sache. Hier wird laut und schrill agiert, gesoffen und gekokst und Thomas Marchart darf als stürmischer Valère sogar mit dem Motorrad auf die Bühne fahren. Orgons Kinder gestalten Glenna Weber und Sebastian von Malfér ganz köstlich. Eszter Hollósi hat als Elmire in der Verführungsszene die Lacher auf ihrer Seite, Anselm Lipgens ist ein überlegter, überlegener Cleant.

Herausragen können da nur die wunderbare Margot Ganser-Skofic, die als Madame Pernelle zwei großartige Auftritte hat, in denen sie erst mit dem gesamten Haus-Staat abrechnet, bevor auch sie einsehen muss, dass der „Gottgesandte“ nichts als ein böser Demagoge ist, und Christina Saginth, die sich als vorlaute, freche Dorine als Spielmacherin entpuppt. Wie bei Moliére vorgesehen, gibt es am Ende einen Problemlöser ex machina, der freilich kein König mehr sein kann. Ganser hat diese Macht in die Hände des Journalismus gelegt: Christoph Prückner – dem auch als Flipote und Loyal zwei Kabinettstückchen gelingen – berichtet vor der Kamera von Tartuffes Verhaftung.

Doch das Abgeführtwerden in Handschellen dauert nur einen Moment, schon ist der Scharlatan wieder da, von einer hilf- oder skrupellosen Instanz offenbar freigelassen, und bemächtigt sich erneut seiner Intrigenopfer. Wie gesagt. Honi soit …

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  1. 4. 2018

Theater zum Fürchten: Onkel Wanja

Februar 19, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Wohlstandsbürger zittern um ihre Werte

Onkel Wanja will den Professor am Verkauf des Guts hindern: Dirk Warme und Rainer Friedrichsen. Bild: Bettina Frenzel

Da jammern sie also wieder auf hohem Niveau, pflegen ihren Ennui und warten darauf, dass alles beim Alten bleibt. Das Theater zum Fürchten zeigt in der Scala Anton Tschechows „Onkel Wanja“. Rüdiger Hentzschel hat inszeniert und dabei alles richtig gemacht. Er versteht den russischen Theatertitanen – wie der sich selbst – als Komödienautor, er versteht es auch aus dessen ewiggültigem Text den Sukkus zu ziehen, der am mehr als hundert Jahre alten Stück gerade heute interessiert.

Hentzschel führt eine Wohlstandsgesellschaft vor, die ob drohender Veränderungen um ihre Werte zittert. Um jeden Preis gilt es, bestehende Standards aufrecht zu erhalten, doch fällt das schwer, hat man sich in der Frage nach Tun oder Nichtstun längst für Zweiteres entschieden. So ist denn auch der Aufbruch ins Neue unmöglich, viel wird geredet, nichts unternommen, und die beste aller Welten ist immer noch die Scheinwelt. In der kann man sich’s ungemütlich einrichten, sich in den Verstrickungen des Lebens verheddern und an der eigenen Existenz laborieren.

Dass diese Seelenqualen für den Betrachter von außen komisches Potenzial haben, hat Hentzschel mit offensichtlichem Genuss auf die Bühne gehoben. Sein Abend ist für die Lach- wie Denkmuskeln gedacht. Dabei hat er auf jeden Schnockes verzichtet und ganz auf die Macht des Wortes vertraut. Im von ihm gestalteten Bühnenraum stapeln sich die Stühle. So unaufgeräumt wirkt das Bild wie die Psyche der Figuren, die Hentzschel mit seinem Ensemble prägnant in Szene setzt. Die Darsteller haben ihre Charaktere fein geschliffen, mit Verve wird aneinander vorbeigeredet, -gelebt und -geliebt. So viel Freude am Spiel überträgt sich freilich aufs Publikum, das am Ende der höchst erfreulichen Aufführung amüsiert applaudierte.

Stieftochter Sonja und ihre neue Mutter Jeléna versöhnen sich: Sonja Kreibich und Selina Ströbele. Bild: Bettina Frenzel

Margot Ganser-Skofic ist eine entzückende alte Kinderfrau Marina. Bild: Bettina Frenzel

„Er plagt sie, ich plag‘ mich selbst“, sagt Wanja an einer Stelle über die Ehe des Professors mit Jeléna – und dieser Satz kann hier für alle gelten. Dirk Warme verleiht der Rolle Profil, sein Onkel Wanja leidet weniger an Lethargie, als am Lebendig-sein-Müssen, leidet weniger daran, dass die Menschheit ihren Ist-Zustand nicht überstehen könnte, als daran, dass vielleicht doch … Und so ist er ein Querulant und Querdenker, der Zustände und Umstände seziert, ein Fleisch gewordener aufbrausender Überdruss. Selten zeigt ein Wanja so viel Temperament wie Warme.

Dieser exzellenten Interpretation steht die von Rainer Doppler als Ástrow in nichts nach. Er legt den Arzt, von dem stets gesagt wird, er wäre Tschechows Identifikationsfigur, als abgeklärten Philosophen an, der überm Menschsein resigniert hat. Ist Wanja der Zynismus, so ist Ástrow der Sarkasmus – und die Ironie an der Sache ist, dass sich beide in die Frau des Professors verlieben. Selina Ströbele stellt diese Jeléna als liebenswerte, aufrechte Person dar, die mit allen gut sein will, und die Aussöhnung mit ihrer Stieftochter Sonja, gespielt von Sonja Kreibich, sucht. Doch eskaliert die Situation vollkommen, als Wanja seine angebetete Jeléna und seinen Freund Ástrow in kompromittierender Pose entdeckt. Dass Sonja ihn liebt, nimmt der hoffnungslos überarbeitete und vom stumpfsinnigen Landleben verbitterte Arzt kaum wahr.

Arzt Ástrow macht bei Jeléna das Rennen, Onkel Wanja muss zuschauen: Selina Ströbele, Rainer Doppler und Dirk Warme. Bild: Bettina Frenzel

Den Professor, der von all dem gar nichts bemerkt, gestaltet Rainer Friedrichsen hart am Thomas-Bernhard’schen. Als solcher bringt er Unruhe ins Landleben, weil er der Verwandtschaft nicht länger beim Zeitvergeuden zusehen, sondern sein teures Stadtleben finanzieren will. Die Familie soll also aus ihrem Heim vertrieben, das Gut verkauft werden. Wie Friedrichsen vom gichtigen Greis zum eiskalten Kalkulator wird, ist großartig, auch, wie er die Lebenslust beschwört und doch Todessehnsucht mitschwingt.

Das fabelhaft agierende Ensemble komplettieren Susanne Altschul als Maria, als vom akademischen Glanz ihres Schwiegersohns geblendete Mutti, und RRemi Brandner als Schnorrer Teljégin. Entzückend ist Margot Ganser-Skofic als alte Kinderfrau Marina. Die große Mimin, die zum Glück wieder Theater spielt, hält zum Schluss, als jeder Lebenssinn und damit endgültig alles verloren scheint, den Schimmer der Hoffnung aufrecht. Gott ist gnädig, weiß die Amme. Zumindest wird er’s im Jenseits sein. Gegen irdischen Kummer hilft derweil ihr altbewährter Lindenblütentee.

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Wien, 19. 2. 2017

Sommernachtskomödie Rosenburg: Kalender Girls

Juli 1, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sexy, ein bissl sarkastisch und sehr symphatisch

Die Waldviertler Kalender Girls: Babett Arens, Erni Mangold, Elisabeth Engstler, Konstanze Breitebner, Susanne Brandt und Hemma Klementi. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg/Anna Stöcher

Die Waldviertler Kalender Girls: Babett Arens, Erni Mangold, Elisabeth Engstler, Konstanze Breitebner, Susanne Brandt und Hemma Klementi. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg/Anna Stöcher

Erni Mangold rockt die Rosenburg. Wie sie da steht, die schlanke Silhouette und das lange blonde Haar, und erklärt, man könne dem Alter ein Schnippchen schlagen, indem man’s einfach nicht zur Kenntnis nimmt, hat sie die Herzen des Publikums auf ihrer Seite. Und mit ihrem typischen Charme und ein bissl Sarkasmus auch dessen Lacher. Für sie, die ganz Große, ist dieses Engagement fast ein Heimspiel, sie wohnt nicht weit weg im Kamptal, und mit ihr sind fünf weitere umwerfende Schauspielerinnen die „Kalender Girls“.

Marcus Ganser hat das Stück von Tom Firth, das durch die Verfilmung mit Hellen Mirren 2003 zu Weltruhm kam, für die Sommernachtskomödie Rosenburg von Intendantin Nina Blum inszeniert. Er hat mit seiner vorzüglichen Textfassung Großbritannien ins Waldviertel übersiedelt, die pensionierte Lehrerin, die ehemalige Rockröhre, die viel zu brave Hausfrau und die Golflady, nun langweilt man sich auf dem Lande beim Lions Club, hat die Hadersdorfer Konkurrenz immer hart im Blick und versucht sich, heißt: scheitert am Backen von Lebzelten mit Graumohnmasse. Die Provinz lebt und sie nimmt sich selbst aufs Korn. Dies gern in flüssiger Form, damit die Damen beim Diavortrag ihrer großen Vorsitzenden, „Eine Reise in die Welt des Broccoli“, von James Bond träumen können statt über Kreuzblütengewächse diskutieren zu müssen …

So weit die Komödie. Doch in den luftig-leichten „Kalender Girls“ steckt mehr. Und Ganser versteht es meisterhaft mit diesen leisen, nachdenklichen Tönen den Klamauk zu brechen. Was keine kleine Kunst ist. Die Geschichte ist nämlich eine wahre, der Mann einer der Protagonistinnen erkrankt an Leukämie und stirbt auch daran, und sie will ihm zu Ehren den Aufenthaltsraum für die Angehörigen im Krankenhaus etwas angenehmer gestalten. Ein neues Sofa soll gekauft werden, finanziert durch Spenden, die man durch einen selbst produzierten Kalender einnehmen will. Als Sujets sie und ihre Mitstreiterinnen – nackt. Was freilich für Konflikte sorgen muss, die eine will eigentlich gar nicht, die andere für sich zu viel. „Kalender Girls“ ist ein Plädoyer auf den Wert von Freundschaft und für den Mut, sich mehr zuzutrauen. Jede Frau ist schön, so die Botschaft, und Ganser sagt dazu, dass man sie das auch immer wieder von Neuem wissen lassen muss. Was im Publikum heftig akklamiert wurde, die Herren von so viel Frauenpower sowieso hin und weg.

Elisabeth Engstler und Erni Mangold. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg/Anna Stöcher

Elisabeth Engstler und Erni Mangold. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg/Anna Stöcher

Erwin Ebenbauer und Konstanze Breitebner. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg/Anna Stöcher

Erwin Ebenbauer und Konstanze Breitebner. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg/Anna Stöcher

Die Darstellerinnen schonen sich nicht. Sie sind die subversive Sektion des Charity-Vereins. Geheimnisse werden gelüftet, Tabus fallen, kein Strickknäuel und kein Einweckglas, das nicht gezeigt wird. Nicht umsonst heißt das dazu passende Wort Mutterwitz. Mit der Mangold brillieren Hemma Clementi als tatenkräftige Chris, Konstanze Breitebner als upperclassige, dem Hochprozentigen zugetane Selina und Susanne Brandt als Mauerblümchen Ruth. Und so wie klar ist, dass die sich emanzipieren und ihren untreuen Mann in die Wüste schicken wird, versteht es sich auch, dass Elisabeth Engstler als Caro am Klavier singen und jammen wird, dass es eine Freude ist. Bettina Soriat und Marcus‘ Mama Margot Ganser-Skofic gestalten die Gegenspielerinnen, zweitere die vürnehme Vereinsvorsitzende als Kabinettstückchen und ergo, dies als Scherz gemeint, fast als Konkurrenz zu Erni Mangold.

Und während all die desperaten Hausfrauen noch nicht wissen, dass sie demnächst Pin-ups sein werden, sind da zwei als Liebespaar zu sehen, das die Grenzen von den Lachtränen zu ihren traurigen Geschwistern verschwimmen lässt: Babett Arens als Annie und Erwin Ebenbauer als ihr Jo sind in ihrem Abschied von einander so anrührend, dass es weh tut. Im allgemeinen oben ohne geht Ebenbauer sogar den gewagtesten Schritt, der ehemalige Volkstheaterstar hat seine Haarpracht für eine Krebsglatze geopfert. Zum ersten Mal in seiner langjährigen Laufbahn spielt er kahl. Martin Oberhauser als Krankenpfleger und Fotograf, der nervöser als seine Models ist, komplettiert den fabelhaften Cast.

„Kalender Girls“ entpuppt sich so als perfekte Sommerkomödie für Herz und Hirn. Marcus Ganser beweist, dass britischer Galgenhumor à la Kamptal funktioniert, und dass gelungene Unterhaltung immer auch mit Haltung zu tun hat. In diesem Sinne haben die Rosenburg-Girls einen Kalender für den guten Zweck anfertigen lassen, der in der Premierenpause schon wie frische Rosinenschnecken weg ging.

sommernachtskomoedie-rosenburg.at

Wien, 1. 7. 2016

Sommernachtskomödie Rosenburg: „Kalender Girls“

April 13, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Die britischen Ladys legen nun im Waldviertel ab

Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Die Waldviertler Kalender Girls: Babett Arens, Erni Mangold, Elisabeth Engstler, Konstanze Breitebner, Susanne Brandt und Hemma Klementi. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Mittwochvormittag präsentierte Intendantin Nina Blum ihre Pläne für die Sommernachtskomödie Rosenburg. Auch im zweiten Jahr ihrer Leitung setzt sie auf Welttheaterkomödien: Nach Woody Allens „Mittsommernachts-Sex-Komödie“ im Vorjahr stehen heuer Tim Firths „Kalender Girls“ auf dem Spielplan. Premiere ist am 30. Juni.

Bekannt ist das Stück vor allem durch die Verfilmung mit Helen Mirren und Julie Walters aus dem Jahr 2003. „Doch“, so Blum, „die Theaterfassung ist ziemlich anders“. Nicht zuletzt deshalb, weil Regisseur Marcus Ganser die Handlung ins Waldviertel verlegt hat. Blum: „Die ‚Kalender Girls‘ sind nun Damen des Horner Lions Club, denen das Mohnstrudelwettbacken für ihren Zweck nicht mehr ausreichend erscheint.“ Dieser Zweck ist ein guter und hat seinen Ursprung in einer wahren Geschichte. Ein britischer Freundinnenkreis beschloss, Geld für eine Krebsstation zu sammeln, nachdem der Ehemann einer der Protagonistinnen an Leukämie erkrankt war und sie die Krankenhaustristesse für die Patienten ein wenig angenehmer gestalten wollte. Doch Wohltätigkeitsbasare und Selbstgebasteltes bringen nicht genug Spenden ein und so beschließen die Frauen einen Benefizkalender zu gestalten. Und zwar statt der üblichen Tier- und Landschaftsfotos mit sich selber als Motiv. Nackt. Versteht sich, dass das Projekt Pin-up für jede Menge Aufsehen sorgt …

Erni Mangold. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Erni Mangold. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Babett Arens. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Babett Arens. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Elisabeth Engstler. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Elisabeth Engstler. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Konstanze Breitebner. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Konstanze Breitebner. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Auf der Rosenburg tritt eine illustre Darstellerinnenriege zwischen 46 und 89 Jahren zum erotischen Fotoshooting an, allen voran die wunderbare Erni Mangold, die als Wahl-Waldviertlerin auch noch Heimvorteil genießt. Mit ihr stehen Babett Arens, Hemma Clementi, Konstanze Breitebner, Susanne Brandt und Elisabeth Engstler auf der Bühne.

Die ORF-Moderatorin feiert in der Rolle der ehemaligen Rocksängern Caro ihr Bühnencomeback. Dafür lernt sie seit zwei Monaten sogar Klavierspielen, „bei einem jungen, feschen Klavierlehrer“, lacht Engstler, die in diesem Zusammenhang auch erzählt, wie das mit dem Ausziehen daheim ankam: „Meine Tochter hat gesagt, halt‘ dir die großen Klaviernoten vor, sonst wird’s peinlich.“

Bettina Soriat spielt eine erbitterte Gegnerin des Kalenders, Marcus Gansers Mutter, Margot Ganser-Skofic, die Vorsitzende des Lions Club. Als Quotenmänner beziehungsweise Hähne im Korb komplettieren Martin Oberhauser als Fotograf und Erwin Ebenbauer das Ensemble. Auch Ebenbauers Figur, der krebskranke Ehemann, wird im Waldviertel eingemeindet, er ist ein Forstbeamter des Nationalparks Thayatal. Den Volkstheaterstar aus der Ära Schottenberg erwartet bei der Sommernachtskomödie eine persönliche Premiere. Er wird wohl seine Haarpracht opfern. „Zum ersten Mal in 40 Bühnenjahren!“ Die Herren Martin Burböck und Oliver Podesser von der steirischen Band „Landluft“ werden für „verjazzte Volksmusik“ sorgen.

Regisseur Ganser hat die Komödie nicht nur mit Pointen aus der englischen Originalfassung aufgepeppt, er ist auch für das Bühnenbild verantwortlich. Auf der von acht Zuschauertribünen umringten 360°-Bühne will er einen Zen-Garten gestalten, „als Symbol für Vergehen und Neuwachsen.“ Ansonsten zeigt er sich furchtlos angesichts der geballten Frauendynamik: „Ich habe schon öfter Inszenierungen mit vielen Kolleginnen gemacht, wenn ich da was nicht verstehe, gehe ich einfach heim – und frage meine Frau.“

Mit den „Kalender Girls“ wird natürlich ein Kalender produziert. Der Erlös geht an ein Frauenprojekt der Krebshilfe.

sommernachtskomoedie-rosenburg.at

Wien, 13. 4. 2016