Volkstheater: 1984

November 18, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Wirklichkeit ist ein Nagelbrett

Die Nachbarn bespitzeln Winston Smith mit Kameras: Birgit Stöger, Rainer Galke, Kaspar Locher, Steffi Krautz und Sebastian Klein. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Was wäre die Welt ohne Donald Trump? Etliche Theaterabende könnten ohne ihn gar nicht mehr stattfinden, so auch nicht die Freitag-Premiere am Volkstheater. Auch Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer hat sich nämlich die Brandreden, vor allem die Antrittsrede – „Wir haben uns in einer großen nationalen Kraftan- strengung zusammengeschlossen, um unser Land wiederaufzubauen und seine Verheißung für alle Menschen …“ – als Folie genommen, um darunter sein Spiel von George Orwells „1984“ zu legen.

Dabei folgt er in seiner Inszenierung dessen dystopischem Roman ziemlich exakt; dort wo Schmidt-Rahmer die Narration verlässt, holt er mit den Mitteln eines politisch-performativen Diskurstheaters Orwells von den Gräueln Hitlers und Stalins beeinflusstes Werk an die Jetztzeit heran. In seinen besten Momenten geht es Schmidt-Rahmer um die Verschiebung von Wahrheit durch „Fake News“ und sogenannte alternative Fakten, um die Vernichtung von Faktizität. Dabei hilft ihm der vom Autor erfundene „Neusprech“, eine vereinfachte Sprache, die Denken einschränkt und Widerstand verhindern soll, tadellos.

Wie es in den Sätzen populistischer Politiker und ihren einschlägigen Medien passiert, zeigt Schmidt-Rahmer auf, wie Sprachverkappung zu Verdummung führt. Und wie es im Ministerium für Liebe geschieht, hält er das schamlose Ändern von Sachverhalten fest, bis Behauptungen keiner Überprüfung mehr standhalten. Bis das „gesunde Volksempfinden“ zum von oben gesteuerten Volkszorn wird. „Die Wirklichkeit ist ein Nagelbrett“, sagt O’Brien an einer Stelle zu Winston Smith. Was heißen soll, eine schmerzliche Unwahrheit spüre man gerade noch, aber über tausende könne man unbeschadet hinweggehen.

Als dies ist sehr spannend, dieses In-den-Kopf-der-Menschen-Gelangen bis zur letzten Konsequenz durchdacht. Schade nur, dass es die Inszenierung nicht schafft, wirken zu lassen, ohne darauf zu pochen. O’Briens Folter-Frage an Winston, wie viele Finger er sehe, lässt sich also durchaus ohne zu lügen mit „Fünf“ beantworten. Der überzählige, der moralisch mahnend dauererigierte des Regisseurs …

O’Brien und Handlanger im Ministerium für Liebe: Birgit Stöger mit Sebastian Klein und Katharina Klar als umgepolter Julia. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Vidiwallfolter: Nach der Pause braucht es gute Magennerven – Rainer Galke und Ensemble. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Eine Schwarzes-Loch-Vidiwall und sieben „Teleschirm“-Videoboxen benötigt der, um die totale Technisierung seiner Bühnenwelt zu zeigen. Auch etliche Handkameras kommen zum Einsatz, jeder kann hier Big Brother sein, die Darsteller allesamt angetan wie Nordkoreas Führer Kim Jong Un, einer von Trumps unzähligen Staatsfeinden Nr. 1.

Die charakteristische Frisur samt khakifarbenem Anzug begründet Schmidt-Rahmer im Interview mit seiner „Suche nach dem Nordkorea in uns allen“. Nicht um die aktuell schlimmste Diktatur der Welt ist es ihm also zu tun, sondern um die obligate Schelte von Google, Facebook, Twitter und Co.

Mit ihrem jeweiligen Lieblingsemoji in der Hand skandieren die Schauspieler denn auch gegen Selbstauslieferung ans Social-Media-Spionagesystem, dem noch Biggeren Brother, der via Auskundschaftung des Konsumverhaltens die Weltherrschaft an sich reißen wird. So lässt sich’s interpretieren.

Im sonst sehr stringenten Bühnengeschehen wirkt dieser Moment allerdings als Überfrachtung des Orwell’schen Themas der von einer Gedankenpolizei gesuchten Gedankenverbrechen. Tatsächlich sei dahingestellt, ob der Konnex von Orwell zu Larry Page und Sergey Brin den Abend nicht sogar beschädigt. Bessere Beispiele allgegenwärtiger staatlicher Überwachung, Stichwort: Maßnahmen im Kampf gegen den internationalen Terrorismus, hätten sich da finden lassen. „George Orwell würde sich im Grab umdrehen“, heißt es in dieser Sequenz.

In Lektionen, von eins: „Doppeldenk“ bis 173: „Wir können Verbrechen identifizieren, bevor sie überhaupt begangen wurden“, läuft die Aufführung ab. Rainer Galke, wenn auch nicht alt und ausgemergelt, ist herausragend als Winston Smith, ebenso Birgit Stöger als O’Brien. Katharina Klar überzeugt als Winstons verbotene Geliebte Julia. Sebastian Klein, Steffi Krautz, Kaspar Locher und Sebastian Pass geben bespitzelnde Nachbarn, Schergen des Systems und auch dessen Opfer.

Statt im Zimmerchen treffen einander Julia und Winston im Hänsel-Gretel-Knusperhaus: Katharina Klar und Rainer Galke. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Galke mimt einen erst ruhelosen, ängstlichen, später fatalistisch um die Gesellschaft als Ganzes besorgten Winston; Klars Julia ist da ganz klar pragmatischer und bedacht darauf, den Augenblick zu genießen. Das geheime Zimmerchen, in dem die beiden im Roman sich lieben und lesen, wird im Bühnenbild von Thilo Reuther zu einem Hänsel-Gretel-Knusperhäuschen. Stögers O’Brien ist mit einem Wort gespenstisch. Mit großer Eleganz und zur Schau gestellter überragender Klugheit gestaltet sie einen vermeintlichen Mitverschwörer.

Der sich alsbald als Oberfolterer entpuppt. Nach der Pause führt die Inszenierung in dessen klinisch-weißes Folterlabor. O’Brien und seine Helfer, nun kahlköpfig und auf einem Auge blind, haben Julia zu diesem Zeitpunkt schon „umgepolt“. Winston erweist sich als härterer Widersacher, nicht weil er will, sondern weil er nicht anders kann. Was sich in Raum 101 ereignet, ist nicht zu sehen. Es wird angesagt, und dass man dennoch gute (Magen-)Nerven braucht, um diese Szenen durchzustehen, beweist einmal mehr die grandiose Schauspielkraft des Rainer Galke.

Im Programmheft schließlich ist nachzulesen, dass das „Gewölbte Schweinemaul“ oder die „Geschmorte Weichschildkröte“ Methoden sind, die der chinesische Schriftsteller und Dissident Liao Yiwu in seinen Gefängnistagebüchern beschreibt. Wegen seiner Gedichts „Massaker“ und seines Films „Totenmesse“ über die Ereignisse am Tian’anmen-Platz wurde er zu einer vierjährigen Haftstrafe verurteilt und häufig Opfer von Gewalt durch die Gefängnisleitung.

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  1. 11. 2017

Volkstheater: Iphigenie in Aulis / Occident Express

September 9, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Planschbecken im Schnürlregen

Haifa und ihre Fluchtsouffleure: Henriette Thimig (re.) mit Anja Herden, Sebastian Pass, „Iphigenie“ Katharina Klar, Jan Thümer, Rainer Galke und Lukas Holzhausen. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Volkstheater-Direktorin Anna Badora eröffnet die Saison mit ihrer Inszenierung von „Iphigenie in Aulis / Occident Express“, und bewegt dabei mehr Wassermassen als Moses am Ufer des Roten Meers. Was den Abend doppelt spannend macht: Sebastian Pass, Neuzugang am Haus, stellt sich in der Rolle des Odysseus vor – ein extravaganter Schauspieler mit einprägsamer Stimme, der sich mit seiner kauzigen Spielart perfekt ins Ensemble einfügt.

Und: Die wunderbare Henriette Thimig, Tochter des großen Hans Thimig, ist erst als Agamemnons alter Bote, dann in der Rolle der Flüchtlingsfrau Haifa zu sehen. Badora erzählt in ihrer Aufführung vom Krieg. Von den einen, die unbedingt hinwollen, und von den anderen, die dringend wegwollen. Flaute und Flucht, sozusagen. Sie verwendet dazu Soeren Voimas Euripides-Überschreibung und nach der Pause den Text von Stefano Massini, als wär‘ er eine Fortschreibung der Antike in die Gegenwart, die Odyssee der Flüchtlinge aus dem Nahen Osten, die es an immer neue Küsten wirft, wo Gefahr lauert – und Menschenrechtsverletzung.

Für die „Iphigenie“ legt Bühnenbildner Damian Hitz ein großes Wasserbecken als quasi Meeresbucht an. Die Griechen sind alles andere als reif für die Insel, man fadisiert sich, Jan Thümer als Achilleus dreht seine Joggingrunden schon bevor es losgeht. Es muss Bewegung in den Stillstand. Die kommt auf – man kennt die Geschichte -, als der Seher Kalchas die Opferung von Agamemnons Feldherrentochter fordert. Mit der Jungfrau zum Winde. Odysseus/Pass, die unzähligen Kriegsorden auf den Oberkörper gemalt, verbeißt sich in die Idee, gilt es doch das Heer mit dieser Geste ruhig zu halten.

Und so wird die Hinschlachtung zur Staatsräson. Der Griechen Recht und Würde, man kann beim besten Willen nicht mehr aus, das ist eine höhere Logik, hat man doch selbst die Massen kriegsverhetzt. Blut muss fließen in dieser Machowelt, und das Pathos, und das wird es auch, wenn sich Iphigenie am Ende in den Selbstaufopferungsmodus begibt. Das Leiden der High Society an ihrer eigenen Wichtigkeit, tja, bei Massini dann dessen Auswirkungen auf „das Volk“, das nackte Elend der Kriegsopfer.

Menelaos und Agamemnon im Infight mit nassen Handtüchern: Lukas Holzhausen und Rainer Galke. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Klytaimnestra flirtet mit Odysseus: Anja Herden mit dem neuen Ensemblemitglied Sebastian Pass. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Als Atriden treten an: Rainer Galke als Agamemnon, ein auf Kothurnen wankender, wankelmütiger Gemüts- und Familienmensch am Rande des Nervenzusammenbruchs, kriegsmüde schon bevor der noch begonnen hat. Lukas Holzhausen als kühl berechnender Menelaos, als unerbittlicher Gehörnter, der selbst über die Leiche seiner Nichte seine Ehre wiederhergestellt sehen will, war doch die Helena-Entführung ein „Angriff auf die Heimat“.

Die beiden sind geübt im verbalen wie im körperlichen Infight. Man jagt sich tatsächlich mit nassen Handtüchern, „Du kotzt mich an“, sagt der eine Bruder zum anderen. Überhaupt tobt bald die Wasserschlacht, man stolpert, fällt, wirft sich verzweifelt ins oder badet vergnügt im Bühnennass, bald ist kein Kostüm mehr trocken.

Anja Herden gibt, ganz Königin, eine stolze, selbstbewusste Klytaimnestra, die die Demokratie (!) um Hilfe anruft, Katharina Klar eine naive Iphigenie, die froh wäre, wäre der „Scheißkrieg“ aus und Papa wieder zu Hause. Thümer macht dazu den ungehobelten, aber seine Ehre hochhaltenden Achilleus.

Dazu gibt es einen kriegslustigen Girlgroup-Chor: Nadine Quittner, Eva Dorlass, Marlene Hauser, Sophie Reiml und Maren-Sophia Streich. Voima hat exklusiv für das Volkstheater dessen Text geschrieben; der Chor ist angesicht der zahlreichen Recken ganz glücklich darüber, dass es endlich „Männer gibt, so weit das Auge reicht“, und preist das Traumpaar Achilleus und Iphigenie. Das Ende ist abrupt – und ohne Hirschkuh.

Nach der Pause dann ein beinah leeres Becken, aber Dauerregen. Stefano Massini schildert die Flucht einer alten Frau aus Mossul mit ihrer Enkelin, unterwegs kommen noch drei Waisenkinder dazu. Es geht über die Balkanroute zu Fuß, in Bussen, auf Booten, und überall Demütigung und die Ansage, eine „Alte“ werde gar nicht erst mitgenommen, weil: nur Probleme. Man schafft es dennoch nach Schweden. Massini enttarnt einerseits die kollektiv-westliche Vorstellung von Flüchtlingen, andererseits den von staatlichen Stellen oder NGOs nach der jeweiligen Befindlichkeit und den jeweils anderen Beweggründen gewobenen Flüchtlingsmythos.

Als Kollektiv treten auch die Schauspieler auf. Sie soufflieren Henriette Thimig als Haifa ihre Erlebnisse, reporten ihren „Fall“, frischen ihre Erinnerungen auf. Sie sind wie ein antiker Chor, der der Protagonistin zur Seite steht. Der sich in mangelnder Solidarität befehdet, und dann doch wieder zusammenhält. Als ein Schlaflied verlangt wird, erscheint noch einmal die Girlgroup mit ihrem Traumpaar-Song. So verschränken sich die beiden Teile ineinander. Und wieder gibt es einprägsame Bilder, klaustrophobische in einem Glaskubus, erdrückende an einem Abwasserrohr. Schließlich sprechen nackte Tatsachen. Zweifellos ist dieser Teil des Abends der eindrücklichere, das Volkstheater bei seiner Kernkompetenz, dem Zeitgenössischen.

Für Flüchtlinge ist wenig Platz: Rainer Galke, Jan Thümer, Katharina Klar, Sebastian Pass, Anja Herden und Lukas Holzhausen. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Der antike Girlgroup-Chor: Eva Dorlass, Marlene Hauser, Sophie Reiml, Maren-Sophia Streich und Nadine Quittner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Hätten im ersten Teil die Figuren gerne feiner ziseliert sein können, fehlte doch weitgehend eine tiefer gehende Psychologisierung der Charaktere, ein Ausloten von deren inneren Abgründen, so überzeugt man als Arbeitsgemeinschaft auf ganzer Linie. Und über allem die Thimig mit ihrem Mantra, es schaffen zu müssen, für die ihr Schutzbefohlenen. Eine stolze, selbstbewusste Elendskönigin, die sich nicht abspeisen lässt, die sich in der Machowelt der Schlepper und Beamten behauptet – und die doch eines ihrer Kinder verlieren wird.

Vor einer Live-Kamera aufgestellt: eine Maus in einem Plexiglaskäfig, ihre Verrichtungen auf eine Vidiwall übertragen. Bis Minute acht suchte die Maus einen Ausgang aus dem Behältnis, dann wendete sie sich der Untersuchung der Ausstattung ihres Käfigs zu. Ab Minute 44 schlief sie tief und fest, das Köpfchen auf die Einstreu gebettet …

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  1. 9. 2017

Volkstheater: Kasimir und Karoline

März 18, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Bananen, Geplärr und Banalitäten

Big Karoline is watching you: Rainer Galke als Kasimir, Birgit Stöger und Stefanie Reinsperger auf der Lichterkettenleinwand. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Am Volkstheater hatte Ödön von Horváths „Kasimir und Karoline“ in einer Inszenierung von Philipp Preuss Premiere, und das Erstaunen daran ist, dass einen die Aufführung seltsam unberührt lässt. Preuss, der in der Regel für einen Aufreger, zumindest für einen Kopfschüttler gut ist, schafft es diesmal nicht über die Echauffiertheitshürde – ja, nicht einmal über die Aufmerksamkeitsschwelle. Mit Kasimir möchte man nur eins sagen: Das ist mir wurscht.

Und zwar aus mehreren Gründen. Zum einen ist es die abgepauste Ästhetik des Abends, zum anderen sind es die Banalitäten und das Geplärr, die einen die Scheuklappen dichtmachen lassen. Auf der Bühne herrscht vor allem Trubel, ein Tohuwabohu, in dem die leiseren Horváth-Töne untergehen. So kann man diesem Autor nicht beikommen, so plakativ, so wenig subtil. Schreien statt Inhalt ist keine Lösung, das ist auf der Bühne wie im Leben so.

Denn derart bleibt nichts von Horváths scharfer Analyse des durchökonomisierten menschlichen Zusammenlebens, nichts von seinem Bericht über die Arbeit als Statussymbol und die Not derer, die keine mehr haben – oder was immer Preuss aus dem übervollen Themenkonvolut des Volksstücks zu erzählen nicht gelungen ist.

Dass fortwährend die urbayrische Oktoberfestkost Bananen gefuttert wird, macht die Sache nicht besser. Preuss hat das Stück ganz nach Horváths Vorgabe „in unserer Zeit“ angesiedelt. Die Krise ist dem Kapitalismus systemimmanent, was 1932 galt, gilt 2017 noch immer, nur das Wiesnzelt ist einem Karussell aus Lichterschnüren gewichen. Einem Multimediaspektakel mit Videos und kitschigem Soundteppich, erdacht von Ramallah Aubrecht, Konny Keller und Richard Eigner, das zum Labyrinth für die Darsteller wird. Davor und vor allem darin nämlich tummelt sich die Spaßgesellschaft, die Herrschaften und das Volk. Im Innern spielt sich’s ab, dem Außen bleibt nur das Cinemascope. All das sieht man bei Castorf (oder auch bei Pollesch) schon seit Jahrzehnten so – dass wichtigste Teile der Handlung in einem hermetisch abgeschlossenen Raum stattfinden und nur per Livekamera ins Publikum transportiert werden.

Und noch in einer anderen Sache folgt Horváth-Debütant Preuss dem Altmeister aus Berlin: Er fügt Fremdtexte als inszenatorische Rufzeichen ins Stück ein, Konsumismuskritiker Guy Debords 1967 erschienene „Gesellschaft des Spektakels“, als realsozialistischer Dialog schrill performt von den beiden Gelegenheitsprostituierten Elli und Maria alias Seyneb Saleh und Nadine Quittner, und einen Auszug aus Horváths prophetischem Antikriegsroman „Ein Kind unserer Zeit“. Luka Vlatkovic tritt blutbesudelt und armamputiert als der Soldat auf, der auf einem Jahrmarkt des Jahrs 1938 die Liebe sucht.

Kasimir mit dem Merkl Franz und dem Merkl Franz seiner Erna: Rainer Galke, Birgit Stöger und Kaspar Locher. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Und er sitzt und sitzt; im Hintergrund die Gelegenheitsprostituierten Elli und Maria: Rainer Galke, Seyneb Saleh und Nadine Quittner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Unter den Darstellern sind es Sebastian Klein als Schürzinger, Kaspar Locher als der Merkl Franz und Birgit Stöger als dem Merkl Franz seine Erna, die am ehesten Horváth spielen, brutal und ungekünstelt und doch mit der vom Schöpfer ihrer Figuren verlangten Überhöhung ins Stilisierte. Birgit Stöger ist überhaupt die Erfreulichkeit des Abends. Wie sie sich stoisch in ihr Schicksal und dem Merkl Franz seinen Schlägen fügt, ist sie die perfekte beschädigte Antiheldin. Thomas Frank sitzt als dämonischer, halbverbrannter Schaustellerkönig wie die Spinne im Neonnetz, kommt aber, da ans unvermeidliche Mikrophon gebunden, darin kaum zum Spielen, Michael Abendroth und Lukas Holzhausen sind verlässlich solide als Rauch und Speer. Ihre Ressentiments über die Jugend rülpsen die beiden übersättigten „Besseren“ ins Publikum. Dies einer der gelungeneren Regieeinfälle des Abends.

Als „Kasimir und Karoline“ hat sich Preuss Rainer Galke und Stefanie Reinsperger auserkoren, zwei klasse Schauspieler – und umso mehr tut’s weh, dass die Regie mit ihnen nichts anzufangen weiß. Das Kraftwerk Reinsperger wird aufs übliche Gestenrepertoire zurückgeworfen; ihre Karoline ist eine Wutbürgerin, und Reinsperger berserkert sich ergo durch die Rolle. Zur resignierten Verzweiflung Kasimirs wiederum ist Preuss nicht mehr eingefallen, als Galke beinah die ganzen zwei Stunden lang regungslos und, so weit durch Striche möglich, schweigsam an der Rampe sitzen zu lassen.

Sein Kasimir ist weder Kleinbürger noch Proletarier im Sinne von „aller Länder vereinigt euch“, und wenn Karoline an ihm einen „Terroristen“ erkennt, so ist dieser hier maximal ein Schläfer. Verschenkte Möglichkeiten allüberall. Immerhin: Mit ihrer Bemerkung, man wäre „zu schwer für einander“, sichert sich die Reinsperger den Lacher des Abends. Einen schmerzhaften. Einen zum Fremdschämen. Andererseits: Auch das ist mir wurscht.

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Wien, 18. 3. 2017

Volkstheater: Der Menschenfeind

März 16, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Leichtfüßig übers Lebenstreppchen

Der Menschenfeind Alceste verachtet die bessere Gesellschaft: Evi Kehrstephan, Birgit Stöger, Kaspar Locher, Nils Rovira-Muñoz, Nadine Quittner, Sebastian Klein und Lukas Holzhausen. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Auch fünfeinhalb Monate nach der Premiere hat Molières „Menschenfeind“ am Volkstheater nichts von seiner Brillanz eingebüßt. Der junge Regisseur Felix Hafner, gerade noch Student am Max-Reinhardt-Seminar, hat sich mit seiner Arbeit „Isabelle H. (geopfert wird immer)“ am Volx fürs große Haus empfohlen – und dort durfte er mit dieser Inszenierung nun erstmals wirken. Der Abend, der ihm gelungen ist, ist einer der besten der bisherigen Intendanz Badora.

Hafner schafft den unmöglichen Spagat, er setzt auf Reduziertheit – eine Showtreppe und die Farben Schwarz, Weiß, Violett (Bühnenbild: Paul Lerchbaumer, Kostüme: Werner Fritz) genügen ihm zur Ausstattung einer ganzen Aufführung – und schafft gerade mit dieser Opulenz, er verordnet seinen Schauspielern Zurückhaltung und lässt sie in dieser umso mehr strahlen. Das „Menschenfeind“-Ensemble agiert in großer Höhe. Man ist mit viel Freude bei der Sache, mit Verve und Energie, man genießt ganz offensichtlich Figuren und Text und Zusammenspiel. Hafner versteht sich exzellent auf Schauspielerführung, er hat mit seinem Darstellerteam mit viel Liebe zum Detail fein ziselierte Charaktere geschaffen. Dazu kommt – der 24-jährige Steirer hat für eine Rolle, für den einen Moment mit ihr mehr Einfälle, als andere in einem ganzen Regisseursleben.

Regisseur Hafner ist ein Mann mit Humor. Das hörte man schon in Schauspielergesprächen. Ergo wählte er die Textfassung, die Frechheit in Versen verpackt von Jürgen Gosch und Wolfgang Wiens, und so geschmeidig der Text, so leichtfüßig turnen die Darsteller durch ihn. Die Inszenierung hat Rhythmus im Blut. In Tanzformation geht’s die Szenerie hinauf und hinab, Rück-Platz-Wechselschritt, also letztlich auf der Stelle tretend, und überall entlang der Showtreppe Champagnerfallen. In diesem Umfeld gilt es nun das Für und Wider von Ehrlichkeit im Zwischenmenschlichen zu ergründen.

Dabei wird gestritten und gefochten, mit spitzen Zungen und hinterhältiger Heuchelei. Ausgerichtet wird immer grad der, der nicht im Raum ist. Die Tratsch- und Klatschgesellschaft versteht sich als Stil(hin)richter, und das hat das Opfer sportlich zu nehmen. Oder als Spaß. Weshalb auch alle ein Dauergrinsen in der Visage tragen. Ist die Oberfläche blank poliert, verleugnet man ganz ungeniert. Hafner brauchte das Stück nicht aus seiner 350 Jahre alten Verankerung lösen, um das klar zu machen, doch hat er mit Bravour das Geistlose in den Zeitgeist übersetzt.

Alceste beleidigt den Dichter Oronte: Lukas Holzhausen und Rainer Galke. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Klatschbase Arsinoé nervt Célimène: Birgit Stöger und Evi Kehrstephan. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Wer mit dieser Menschenmanier naturgemäß nicht umgehen kann, ist der Misanthrop Alceste. Lukas Holzhausen gibt den Bärbeißigen unter Überkandidelten, und beweist sich in seiner Unlust und Abscheu als hochkomödiantisch. Doch auch Alceste hat eine schwache Seite, Célimène heißt sie, von Evi Kehrstephan verkörpert als emanzipierter Wirbelwind, als eine, die sich kein Blatt vor den Mund nimmt. Der verbale Schlagabtausch zwischen Holzhausen und Kehrstephan ist naturgemäß das Epizentrum der Inszenierung. Sie sind einer des anderen Antipoden, doch nur Célimène weiß, wie man Alceste schmähstad macht.

Bevölkert wird Célimènes Haushalt von einem skurrilen Völkchen. Kaspar Locher und Nils Rovira-Muñoz spielen die Marquis Acaste und Clitandre, zwei Verehrer Célimènes, sehr zum Missfallen von Alceste. Sebastian Klein ist der um den Hausfrieden bedachte Philinte, Nadine Quittner eine schmollmündige Éliante, Günther Wiederschwinger ein diensteifriger Dubois. Zwei Kabinettstücke gestalten Birgit Stöger und Rainer Galke. Erstere als bigotte Klatschtante Arsinoé die frömmelnde Scheinheiligkeit in Person, deren Wortwechsel mit Célimène in einer Kuchenschlacht endet. Zweiterer als Oronte ein talentloser Lyriker, mit einem von Alceste in der Luft zerrissenen Vortrags seines Werks. Wie er sich sein Dichterdrama mittels Sonett von der Seele greint, da läuft Galke einmal mehr zur Hochform auf.

Am Ende kriegt sich, was zusammengehört. Das Happy End wirkt auch im Publikum, das mit Jubel und großem Applaus für die gelungene Darbietung dankte. Man darf auf die nächsten Arbeiten von Felix Hafner gespannt sein.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=JqNLfdBTsWM

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Wien, 16. 3. 2017

Volkstheater: Hangmen (Die Henker)

Januar 26, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Recht geht vom Pub aus

Alles beginnt mit der Frage, ob hier ein Unschuldiger gehenkt wurde: Sebastian Klein, Jürgen Weisert, Kaspar Locher, Mario Schober und Lukas Holzhausen. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Am Mittwoch, am Tag der Premiere, wurden in Kuwait erstmals nach vier Jahren wieder Menschen hingerichtet. In den USA wartet der Charleston-Killer auf seine Exekution. In der Türkei setzt Staatschef Erdoğan alles daran, die Todesstrafe wieder einzuführen. Es ist also ein hochaktuelles, ein brisantes Thema, dem sich das Volkstheater mit seiner jüngsten Premiere im Volx/Margareten widmet. Lukas Holzhausen, als Schauspieler eine erste Kraft am Haus, führt nach „Halbe Wahrheiten“ erneut Regie, diesmal bei der bitterbösen Komödie „Hangmen (Die Henker)“ des britischen Dramatikers Martin McDonagh, und er hat auch eine Hauptrolle übernommen.

Vergangenes Jahr in London uraufgeführt wurde die makabre Krimi-Groteske mit dem Laurence-Olivier-Award für das beste Stück ausgezeichnet. Zu Recht, wie sich nun bei der österreichischen Erstaufführung zeigt. In Holzhausens Händen funktioniert der britische Humor auch in deutschsprachiger Übersetzung formidabel. Der Abend ist so extra dry wie ein gut geschüttelter Martini, er bietet zweieinhalb Stunden beste Unterhaltung mit einem gut gelaunten, spielfreudigen Ensemble – und er ist tatsächlich sehr spannend.

McDonagh, in den 90er-Jahren als Wunderkind der In-Yer-Face-Bewegung gehypt, erweist sich auch im neuen Jahrtausend als Meister seines Fachs. Wann immer man glaubt, seinem Stück auf der Spur zu sein, macht er einen Twist und führt einen auf eine neue Fährte. Die Handlung der „Hangmen“ dockt an der Realität an. Es ist 1965 und es ist der Tag der Abschaffung der Todesstrafe in Großbritannien. Der letzte Henker des Landes, Harry Wade, betreibt im nordenglischen Oldham ein Pub, dort hält er Hof vor seinem versoffenen Fanklub, in diesem seltsamen Idyll, das er sich geschaffen hat. Der Frieden wird gestört, als auf einmal die Frage im Raum steht, ob ein gewisser James Hennessy vor zwei Jahren unschuldig gehenkt wurde. Er soll ein Mädchen ermordet haben, doch hatte er bis zum Schluss seine Unschuld beteuert. Die letzten Worte des Delinquenten waren ein Fluch, mit dem er Wade und seinen Assistenten Syd belegte.

Auftreten nun eben dieser Syd, der seinen ehemaligen Vorgesetzten vor einem mysteriösen Mann warnen will, ein neugieriger Lokalreporter, der eine heiße Story wittert, und jener bedrohlich wirkende Fremde, der aus seiner Abneigung gegenüber dem Wirt und seinen Stammgästen kein Hehl macht. Und dann ist plötzlich Wades Tochter Shirley verschwunden … Es ist ein hartgesottener Menschenschlag, den der Autor vorführt, eine letztlich feige Bande, die sich schwer entscheiden kann, ob sie Frauen, Fremde oder Schwule mehr verabscheut und gern beleidigende Witzchen über all die macht, die nicht in ihr kleingeistiges Weltbild passen.

Am Beispiel dieses Mikrokosmos zeigt McDonagh, wie es ist, wenn das Recht vom Pub ausgeht. Er hat der öffentlichen Meinung aufs Maul geschaut, den auch im Englischen gebräuchlichen Begriff „Volk“ kritisch unter die Lupe genommen, ergo übernimmt der Stammtisch bei ihm das Sagen. Die Schreihälse setzen sich durch und setzen schließlich auf Selbstjustiz, ein Fanal ihrer Unzufriedenheit mit der Politik und der Rechtsprechung, das dieser Tage seine Entsprechung in Demonstrationszügen findet, bei denen selbst gebastelte Galgen für verhasste Volksvertreter mitgeführt werden. Die „Hangmen“ beginnen und enden mit einer Hinrichtung. Holzhausen stellt das durchaus drastisch dar, diese Szenen fahren von einem Moment auf den anderen unter die Haut, schockieren mit einer atemraubenden Skrupellosigkeit, hatte man sich doch eben noch am Wortwitz und am skurrilen Spiel erfreut.

Auch diesmal hat Holzhausen präzise und prägnant gearbeitet. Er macht aus McDonaghs Figuren fein ziselierte Charaktere, jeder noch so kleinen Rolle – etwa Kaspar Locher als Hennessy – verleiht er mit seiner Inszenierung Profil; die Pointen sind auf den Punkt gesetzt, wenn sie wie lapidare Bemerkungen auf den Bühnenboden fallengelassen werden. Die Dialoge sind teilweise ungeheuerlich, etwa wenn das Hängen als humanste Tötungsmethode gepriesen wird, ist doch die Guillotine zu blutig und vor allem (!) zu Französisch und der elektrische Stuhl „Ami-Schwachsinn“. Wer will seine Verbrecher schon gebrutzelt wie ein Steak?

Henker und Pub-Besitzer Harry Wade mit seinem Fanklub: Mario Schober, Alfred Schibor, Jürgen Weisert, Lukas Holzhausen und Sebastian Klein. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Ein geheimnisvoller Eindringling stört die Kleinstadtruhe: Alfred Schibor, Rainer Galke, Jürgen Weisert und Mario Schober. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Ein gutes Dutzend Kollegen setzt der Regisseur in Szene und sie alle agieren ganz großartig. Holzhausen selbst ist als Harry Wade ein selbstgerechter Unsympath, ein eitler Zyniker, ein absolutistischer Herrscher in seinem bierdurchtränkten Reich, was nicht nur Steffi Krautz als seine desillusionierte, dem Gin verfallene Gattin Alice und Alina Schaller als motzige Tochter Shirley zu spüren bekommen, sondern auch die Pub-Besucher Jürgen Weisert, Alfred Schibor und Mario Schober. Sebastian Klein hütet als sinistrer Syd ein Sex-Geheimnis, Nils Rovira-Muñoz gestaltet den Journalisten als hin und her gerissen zwischen sensationsgeil und gerade noch ehrenhaft, Günter Wiederschwinger ist ein mitgefangener, mitgehangener Polizeiinspektor.

Vor allem aber brilliert Rainer Galke als seltsamer Eindringling Mooney. Wie er von hier auf jetzt von freundlich zu feindlich umschaltet, weist ihn als verdienten Nestroy-Preisträger in der Kategorie bester Schauspieler aus. Egal, wie leutselig dieser Mooney gerade ist, immer schwingt der Sarkasmus in Galkes Stimme mit, immer befeuert er die gegenseitigen Beschuldigungen mit seinen lächelnd vorgebrachten Provokationen, und als er sich endlich an Shirley heranmacht, hat sich das so amüsierte wie schockierte Publikum längst Gedanken darüber gemacht, welche Art Perverser dieser Mooney eigentlich ist. Eine Glanzleistung liefert zum Ende auch Michael Abendroth als Wades Henkerkonkurrent Albert Pierrepoint ab. Abendroth macht aus seinem kurzen Auftritt ein satirisches Kabinettstück über Arroganz und Anmaßung und die Frage, ob eine Gesellschaft das Recht hat, Gleiches mit Gleichem zu vergelten.

Albert Pierrepoint gab es wirklich. 1905 geboren entstammt er einer Henkerdynastie, trat in die Fußstapfen seines Vaters, richtete nach dem Zweiten Weltkrieg auch Nazis in Deutschland und in Österreich in der britisch besetzten Steiermark hin und wurde schließlich Pub-Besitzer. Der von ihm exekutierte Fall Timothy Evans trug zum Meinungsumschwung über die Todesstrafe in Großbritannien bei. Evans wurde für die Ermordung seiner Frau und Tochter gehenkt, eine Tat, die wie sich später herausstellte, sein Nachbar begangen hatte …

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Wien, 26. 1. 2017