Akademietheater: Meister und Margarita

Oktober 18, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Du saugst hinweg die Sünde der Welt

In der Redaktion ist wieder einmal ist der Teufel los: Johannes Zirner trifft als angsterfüllter Sokow auf Norman Hacker als Woland, Stefanie Dvorak als Hella und Felix Kammerer als Behemoth. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Aus dem Haus Sadowaja 302b, in dessen Wohnung Nr. 50 der Autor selbst für vier Jahre Unterkunft nahm, ist also ein Großraumbüro geworden. Graue, von gläsernen Wänden getrennte Officekojen, zwischen denen Sokow und Frieda, Poplawski und Iwan „Besdomny“ Ponyrew ihr Tagwerk vollbringen – und da dort auch Berlioz, laut Michail Bulgakow bekanntlich Vorsitzender der Moskauer Literaturvereinigung, zugegen ist, sind die Zimmer ziemlich sicher eine Zeitungsredaktion und die anwesenden Personen

die dort angestellten Redakteure. Das estnische Berufs- wie Privatpaar Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo, Begründer und Auflöser des von den Wiener Festwochen bestens bekannten Tallinner Theatre NO99, zeigen am Akademietheater ihre Version von Bulgakows Opus magnum „Meister und Margarita“. Ein „gesellschaftliches Poem“ nennen die beiden ihre Inszenierung, bei der sie sich wie stets die Regiearbeit sowie die an Bühnenbild, Kostümen und Videos geteilt haben, und es ist von Vorteil, das Original des russischen Schriftstellers zu kennen, bevor’s zu deren Dreieinhalb-Stunden-Elaborat geht.

Bulgakow schrieb den Roman ab 1928. Erst kurz vor seinem Tod im März 1940 diktierte er seiner Frau Jelena eine mutmaßlich nur wegen seines Ablebens finale Fassung. Die darin verhandelten Themen reichen von der Hinrichtung einer Dichterkarriere über ein von den Daseinsstürmen gebeuteltes Liebespaar bis zu einem Alternativevangelium, und das alles ist immer auch autobiografisch, von Bulgakows prekärer Beziehung zu Stalin, der den Systemkritiker einerseits mit einem Veröffentlichungsverbot strafte, ihm aber andererseits eine Assistentenstelle am Moskauer Künstlertheater verschaffte, bis zum Meister und seiner verheirateten Geliebten Margarita, die gleichzusetzen sind mit Michail und der scheidungswilligen Jelena.

Semper und Ojasoo halten sich nicht mit Bulgakows groteskkomischer Sowjetschelte auf, sie wollen ihm auf anderweitig verschlungenen Wegen folgen, dorthin, wo’s ums ewig während Allzumenschliche geht, Neid, Gier, Hochmut, denen Bulgakow als größte Frevel, den Opportunismus, die Dummheit und die Feigheit beigesellt. Mit der lustvollen Verbitterung des zum Schweigen gezwungenen Genies trägt er seine Gedankenkämpfe aus, seine Waffe gegen die herrschenden Verhältnisse dabei geschmiedet aus heiter Anekdotischem. Wieder und wieder lässt sich „Meister und Margarita“ lesen, um Neues zu entdecken in den drei Handlungssträngen:

Der „Meister“ und seine Margarita: Rainer Galke und Annamáría Láng. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

And now, the end is near: Im Glitzeranzug singt Norman Hacker Sinatras „My Way“. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Als Berlioz landet Philipp Hauß samt Marcel Heupermans Iwan in der Irrenanstalt. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Jeschua reinigt Räume: Tim Werths mit Marcel Heuperman als Iwan unbehaust. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

1. Das Erscheinen des Teufels und seiner Gehilfen in Moskau, wo er als Zauberkünstler Woland jedermanns Wohl und Wehe verwirbelt. 2. Das Auftreten des „Meisters“, eines Literaten, der von der Presse so übel beschimpft wird, dass er in der Psychiatrie landet. Die andere Titelfigur, Margarita, wird einen Handel mit Woland eingehen, damit die zwei doch noch zusammen sein können. 3. Die Vorkommnisse rund um die Verurteilung von Jesus Christus, hier Jeschua, durch Pontius Pilatus, Berichte über den depressiv-migränegeplagten Prokurator, die sich später als der Roman des Meisters herausstellen.

Das Bonmot, man fände ins Buch „Meister und Margarita“ leicht hinein, aber niemals wieder heraus, trifft auf die Aufführung nun aber nicht zu. Semper und Ojasoo verweigern sich der Fantastik der Vorlage, kein schwarzer Riesenkater Behemoth treibt sein mörderisches Unwesen, niemand reitet auf einem Besen ein, es gibt keine verhexte Wohnung, kein plüschiges Varieté, kein furchteinflößendes Irrenhaus, sondern – siehe oben – das raumklimatisch bedenkliche Einheitsbüro unter freudlos flackernden LED-Lampen. Über den vier ident eingerichteten Schreibstuben und dem Flur prangt die Hauptsache des Ganzen, eine gigantische Leinwand, auf die beständig per Live-Kamera aufgenommene Bilder aus den nicht einsehbaren Bühnenteilen übertragen werden. Castorf schau oba, sozusagen.

Eine Zwangsjacke, ein bisschen rosa Licht und zwei Drehstühle machen allerdings keine Atmosphäre. Vom vergnüglichen Gänsehaut-Feeling des Romans, von seitenweise Schreck und Sarkasmus, von der Magie und der Wirkmacht des Buches bleibt auf der Bühne kaum etwas übrig. Wann, um Himmels willen, haben sich Semper und Ojasoo – man denkt da wehmütig an „Heiße estnische Männer“ oder „Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“ – dermaßen spaßbefreit? Eine der seltenen gewitzten Ideen ist die, Tim Werths als Jeschua in voller Golgatamontur, blutüberströmt und mit Dornenkrone, als Büroreinigungskraft zu zeigen. Lamm Gottes, du saugst hinweg die Sünde der Welt …

Die Live-Kamera übertragt das Geschehen von den Officekojen auf die Leinwand, hier folgt sie Hanna Binders Frieda. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Und apropos, Himmel: Als Höllenfürst hat Norman Hacker seine grandiosen Momente, ob im Punkoutfit mit fettigem Haar oder im teufelsroten Glitzeranzug Sinatras „My Way“ singend, sein Woland ist honigsüß ennuyiert, lasziv selbstverliebt und von bedrohlichem Charme. Allein seinetwegen schaut man bis zum Schluss gerne zu. Der Rest hat in diesem spröd‘-distanzierten, spannungsarmen Szenario nicht viel zu spielen. Philipp Hauß als Berlioz wie Pontius Pilatus und Johannes Zirner

als Sokow wie Kaiphas retten sich, so der Eindruck, mit ihrer Professionalität über die Runden, Mehmet Ateşçi, frisch vom Gorkitheater, setzt als Poplawski wie Afranius auf Geschmeidigkeit, der vom Resi mit nach Wien gekommene Marcel Heuperman macht als Iwan unbehaust auf wildwütig entschlossen. Stefanie Dvorak, als Hella Cheerleaderin im Team „666“, und Hanna Binder als Kindsmörderin Frieda haben’s in ihren kleinen grauen Zellen auch nicht leicht, genauso wie Felix Kammerer, den man als Behemoth zum goldgelockten Jüngling ausstaffiert hat. Falscher, heißt: weniger Bulgakow, geht’s nicht. Ihnen allen hätte man einen geglückteren Einstand an Martin Kušejs Burgtheater neu gewünscht. Immerhin Rainer Galke und Kornel-Mundruczó-Star Annamáría Láng gelingt es, die Amour fou von Meister und Margarita zu gestalten.

Sie wissen sowohl wie überbordende Emotion, als auch wie leise Zwischentöne gehen. Galke und Láng erzählen Liebe und von der Metaphysik der Liebe an einem Abend, der sich das Erzählen im Sinne von Story, Plot, Charakterzeichnung ansonsten anscheinend verboten hat. Irgendwann singen alle, derweil Jeschua im Hintergrund den Boden wischt, „Jesus‘ Blood Never Failed Me Yet“ und bewegen sich dazu wie Marionetten im Welttheater des Teufels – schließlich müht sich bei Bulgakow ja ausgerechnet der Böse, die Geschöpfe Gottes von dessen Existenz zu überzeugen. Das ist das schönste, das stimmungsvollste Scheitern an dieser von vornherein dazu verdammten Unternehmung, und die Gretchenfrage nach dem Halten mit der … xxx-rated … in der Semper-Ojasso-Interpretation der russischen Faust-Paraphrase augenscheinlich des Pudels Kern.

Es fällt, während sich Jeschua als seit mehr als 2000 Jahren missinterpretiert beklagt und ein erster Möchtegernjünger dessen Predigten in Fake-News-Form zu Ziegenpergament bringt, der bedenkenswerte Satz: „Damit ein guter Mensch Böses tut, dafür braucht es eine Religion …“ Das hat schon was. Der Applaus am Ende aber war so unentschlossen wie Ene-Liis Sempers und Tiit Ojasoos Inszenierung, Teile des Premierenpublikums hat der unterkühlte Abend deutlich ausgekühlt, andere, so an ihrem Abgang zu merken, auf einen erstaunlich hohen Aggressionslevel gehievt.

www.burgtheater.at           Mehr zu Michail Bulgakow: www.masterandmargarita.eu

  1. 10. 2019

Volx/Margareten: Watschenmann

Februar 6, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der „Stunde Null“ den Mythos runtergeräumt

Die Violine spielt zum Wahnsinn auf, wenn sich Heinrich verhauen hat lassen: Rainer Galke, Katharina Klar und Hristina Šušak. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

„An was denkst du, Lydia, wenn du geschlagen wirst?“, fragt Heinrich an einer Stelle. Statt einer Antwort spuckt diese ihm vor die Füße. „Wirst wohl aufhören mit der Fragerei. Wochenlang redest nix, und dann.“ – „Wenn sie mir in den Arsch treten, denke ich an dich, psiću“, sagt statt ihr später Dragan. Psiću heißt junger Hund, das heißt Welpe. Diesen Dragan und die Lydia und den Heinrich hat die Nachkriegszeit zu einer Art Vater-Mutter-Kind-Konstellation verschweißt.

Die Gelegenheitsprostituierte, die auf ihren verschollenen Schuster wartet, der serbische Boxer und der Bub, eigentlich schon ein Bursch von zwanzig, aber körperlich und vor allem im Kopf ein Kind geblieben. Bérénice Hebenstreit hat im Volx/Margareten Karin Peschkas großartiges Buch „Watschenmann“ in einer von ihr erstellten Bühnenfassung uraufgeführt. Das Jahr ist 1954, Stalin tot, Franz Jonas Bürgermeister und die Alliierten sind kurz vor dem Abzug aus Wien. So etwas wie Normalität will man endlich haben, gaukelt sie sich auch vor, doch tief haben sich die NS-Traumata in die Nachkriegsgesellschaft gefressen. Nichts ist mehr „Heil!“, und ohne alle Zimperlichkeit, so wie Peschka ihre Romanwelt entworfen hat, so folgt ihr Hebenstreit. Sie zeigt das Dasein ihrer Protagonisten, wie brutal, immer wieder auch grotesk, jedenfalls aber bescheiden es auch sein mag, ohne Effekt- und Gefühlshascherei.

Kein Elendskitsch, nirgendwo, sondern eine beinah kahle Spielfläche, darauf einzig ein dunkel-transparentes Stoffgebilde von Mira König, als Synonym für den baufälligen Schuppen, in dem die Schicksalsgemeinschaft haust. Auch die in der Lesevorlage schwer auszuhaltende Gewalt spart sie größtenteils aus. Musikerin Hristina Šušak begleitet das Geschehen auf der Geige, deren schrille Töne mal ein Schrei, mal die Kakophonie des Wahnsinns, und stampft Šušak mit dem Fuß, sind ihre Tritte jene Schläge, die Heinrich treffen. Der hat nämlich beschlossen, sich prügeln zu lassen, um den Leuten den „Kriegswurm“ auszutreiben. Wie der Watschenmann im Prater will er als Ventil für Aggressionen dienen, und, indem sie ihn verdreschen, die Menschen zu besseren machen. Um das zu erreichen, provoziert er, denn wer das tut, wird unter Garantie geprügelt wie ein Straßenköter.

Heinrich geht mit G. I. Elmer auf ein Gulasch und ein Bier: Katharina Klar und Sebastian Klein. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Katharina Klar spielt den Heinrich mit hoher Intensität, eine androgyne Figur, so lässt sie ihn durch den Raum wirbeln, lässt ihn sich regelrecht berauschen an den Misshandlungen, die ihm tagtäglich angetan werden, und entwickelt ein ganzes Regelwerk, das dessen Mission zur genialischen Kunst machen. Beinah weh tut’s einem im Publikum, wenn dieser im schmutzigweißen Herrenunterhemd so zarte, zerbrechliche Heinrich den Blickkontakt sucht.

Wenn er schildert, wie er sich, werden ihm die Knochen gebrochen, einen Raben vorstellt, mit dem er wegfliegt. An seitlichen Mikrophonen übernehmen die Mitspieler Rainer Galke, Birgit Stöger und Sebastian Klein dazu die Erzählerstimme. Kommentare aus dem Off, die sich mühen, die bizarre Situation zu erklären, und außerdem Peschkas brillanter Prosa zu ihrem Recht verhelfen. Den Spiegelgrund, erfährt man von ihnen, könnte Heinrich überlebt haben, womöglich vom eigenen SSler-Vater als Verrückter dorthin verbracht worden sein.

Neben der Eindringlichkeit der komplizierten, komplexen Figur Heinrich müssen die anderen Charaktere fast zwangsläufig wie Scherenschnitte wirken. Birgit Stöger legt ihre Lydia als derbe Trümmerfrau an, der kaum je ein gutes Wort auskommt. Zu ihrer harten Schale ist Rainer Galkes Dragan der weiche Kern, ein mitfühlender, mitleidiger Mann. Es sind die schönsten Momente dieser so erbarmungslosen wie poetischen Inszenierung, wenn Galke Dragan an Heinrich seine Vater-Sohn-Liebe ausleben lässt.

Ihnen zugesellt hat Karin Peschka ein Panoptikum an Tätern und selbsternannten Opfern, Avisierer und Akquirierer, Erniedrigte und Beschädigte, die nun ihrerseits erniedrigen und schädigen, und Hebenstreit gestaltet deren Untotentanz mit Galke als Wirt und Schaffner, Stöger als russischem Soldaten und der „Pritschlerin“ – und dem wunderbar wandlungsfähigen Sebastian Klein. Der wechselt sozusagen im Minutentakt zwischen dem prinzipiell hilfsbereiten, aber überforderten G. I. Elmer, dem gespenstischen Nazi Lichterl-Sigi und dem Schläger Egon Schlier, der draufhaut, „damit einmal a Ruh‘ is“.

Die harte Schale und ihr weicher Kern: Rainer Galke und Birgit Stöger mit Katharina Klar. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Eine grandiose Studie gelingt Klein als im Konzentrationslager Theresienstadt gepeinigter, an Leib und Seele zerschundener Straßenmusikant „Kummerl“. Er ist es, dem die von der Autorin beschriebene „inwendige Leich‘“ aus den Augen schaut, wenn er mit Mund- und Ziehharmonika, die Tschinellen um die Knie gebunden, durch die ausgebombte Stadt zieht. Ein Zerrbild seiner Gegenüber, die schon die Baugrube für den Ringturm beglotzen gehen.

Bérénice Hebenstreit jedenfalls hat aus Peschkas für die Bühne nicht ungefährlicher Sprache aus Innenschau und allwissender Außenperspektive eine perfekte Theaterarbeit gemacht. Das Ensemble weiß deren spröde Schlichtheit ausdrucksvoll umzusetzen, und gemeinsam und wie nebenbei räumt man der „Stunde Null“ den gern beschworenen Mythos runter. Etwa, wenn Birgit Stögers Lydia erst aus der Zeitung vom Wiederaufbau vorliest – und dann ohne viel Federlesen ein paar Hühnereier in die bedruckten Seiten wickelt …

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  1. 2. 2019

Volkstheater: König Ottokars Glück und Ende

Januar 9, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Grillparzer als grausame Groteske

Zusammenstoß zweier Machtmenschen: Karel Dobrý als Ottokar und Lukas Holzhausen als Rudolf von Habsburg. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Ein Glück, gibt’s die englischsprachigen Übertitel. Im Dickicht der Akzente und Dialekte ist nämlich nicht einmal die Hälfte dessen verständlich, was auf der Bühne gesprochen wird. Mag sein, dass Dušan David Pařízek dem Publikum so seine Message mitgeben will: Was Politiker herumtönen, versteht ohnedies kein normaler Mensch … Nach krankheitsbedingter Verschiebung also endlich die Premiere von „König Ottokars Glück und Ende“ am Volkstheater.

Im Bühne-Interview betonte der interviewscheue, tschechische Regisseur, er werde in seiner Lesart des obrigkeitshörig-xenophoben Stücks, von dem es bis dato keine Übersetzung ins Tschechische gab, „den Schwarzen Peter wieder den Österreichern zurückgeben“. Nun, zumindest hat er ihnen den Narrenhut aufgesetzt, denn so neu ist die Interpretation des Böhmen-Königs als tragischem Helden und des Habsburgers als gewieftem Schlitzohr nun auch wieder nicht. Definitiv anders ist, dass Pařízek auf krause Wortgefechte setzt, auf Szenen von absurder Komik, manchmal hart am Slapstick, und nicht zuletzt wegen der lächerlichen Papierkrönchen denkt man mehr an Paradeinszenierungen von „König Ubu“, als an ein Werk des ehrenwerten k.k. Finanzbeamten. Getreu dem Motto „Fürchtet die Posse, nicht das Pathos!“, hat Pařízek zweiteres zugunsten ersterer verblasen, Grillparzers Trauerspiel wird bei ihm zur zunehmend grausamen Groteske; es wird mehr gelacht als bei den Pradlern, das muss man mögen, und an dieser Stelle wird es das. Grillparzer-Puristen packt indes mutmaßlich das nackte Grauen.

Pařízek hat das Personal auf sieben Darsteller gestrichen, und verwendet als Bühnenbildner wieder sein Lieblingsmaterial rohes, unbehandeltes Holz. Böhmen, eine Bretterbude, die am Ende in sich zusammenkracht. Die Kostüme von Kamila Polívková bewegen sich zwischen Proll-Buxe und Gangsta-Hoodie, jeweils versehen mit passendem Logo für die Hood. Heißt: Roter Löwe hie, weißer da, und Seyfried Merenberg muss natürlich einen Steirerwappensweater tragen. Dies gleichsam macht den größten Teil von Pařízeks Konzept aus – eine herkunftsgetreue Besetzung. Der tschechische Theater- und Filmstar Karel Dobrý spielt den Ottokar, der Schweizer Lukas Holzhausen Rudolf von Habsburg, Thomas Frank, immerhin lange Mitglied am Grazer Schauspielhaus, den steirischen Ritter Merenberg.

Rainer Galke als Margarethe, Lukas Holzhausen als „Ruedi“. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Ein Pferd, ein Pferd …: Karel Dobrý hoch zu Ross. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Rainer Galke darf als Margarethe von Österreich, Wiener Bürgermeister und Nürnberger Burggraf in fremden Sprachgefilden wildern, und Anja Herden erprobt sich als Kunigunde, Enkelin des Ungarn-Königs, am „Ungoorrisch“. So weit, so ja eh, ein Versuch, Přemysls und später Habsburgs Vielvölkerverlies zu versinnbildlichen. Tatsächlich macht deren Gleichheit im Machtrausch, Gegensätzlichkeit im Streben danach, den Abend aus. Dobrýs Ottokar kommt zu Pferd auf die Bühne, ein Souverän, der die Gesellschaft seines Schimmels der der Gattin – Rainer Galke ganz Diva, mit kleiner Krone und riesigem Hermelin, schwankend zwischen Resignation und Ressentiments – vorzieht. Mit einem tschechischen „Ahoj!“ grüßt Ottokar gönnerhaft die Anwesenden, was Holzhausens Habsburg mit einem Schwyzerdütschen „Hoi!“ beantwortet – und schon geht das Geplänkel über den korrekten Wortgebrauch los. Dass sich Ottokars „Ad Honorem Jesu“ am Ende in ein deutschen „Heil!“ verwandeln wird, bringt Pařízeks Intention bei dieser Arbeit auf den Punkt.

Dobrý ist zweifellos ein Charismatiker, der seine polternde Performance über die Rampe direkt ins Publikum trägt, als wolle sich sein Ottokar dort des Gehorsams seiner Untertanen versichern. Dieser Ottokar ist so jähzornig wie stolz, so leidenschaftlich wie geradlinig, eine Majestät, ein Alphatier, schließlich starr vor Demütigung. Diese wird ihm Rudolf zufügen, den Holzhausen, szenisch sicher wie stets, als ehrgeizigen Realpolitiker anlegt. Im Unterschied zum aufbrausenden Ottokar ist er mit den Verbündeten verbindlich, gibt mitunter hinterlistig fast den Tölpel vor, wenn er dem Hof seine Sprechweise aufzwingt, sich mittels Souffleur am Bühnendeutsch übt, und alle nötigt, ihn kumpelhaft „Ruedi“ zu nennen. Ein gefährlicher Mann, von Anfang an. Der sich zum Schluss die Schlachterschürze umbindet, bevor er mit Ottokar ein Blutbad anrichtet.

Doch bis dahin muss sich Ottokar noch vom schwäbelnden Burggrafen Zollern ankeppeln lassen, während Rudolf vom Wiener Bürgermeister Paltram Vatzo mit allen Ehren empfangen wird. Rainer Galke spielt beide mit höchster Hingabe, singt nicht nur Operette und Heurigenlieder, sondern auch Falco, und geht sogar schwimmen, wonach er sein an die Badehose genähtes Riesengemächt auswringt. Als Vasallen gefallen Thomas Frank als naiver Berserker Merenberg – und Wasser speiender Springbrunnen – und Peter Fasching, als Zawisch von Rosenberg Oberintrigant und E-Zitherspieler. Gábor Biedermann bleibt als stets einlenkender Kanzler Braun von Olmütz diesmal unter seinen Möglichkeiten, dafür spielt Anja Herden als Kunigunde alle ihr zur Verfügung stehenden aus, wenn sie heimwehkrank und in temperamentvoller Verzweiflung ihre Sätze mit „Bei uns in Ungarn …“ beginnt. Einfach alles auf der „ähresten“ Silbe betonen, erklärt sie Kunigundes Idiom.

Anja Herden als Kunigunde, die Enkelin des Ungarn-Königs. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Peter Fasching als Rosenberg, Thomas Frank als Merenberg. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

So ist Pařízeks Zweieinviertel-Stunden-Aufführung zumindest kurzweilig zu nennen, mit Kalkül ist vom weltpolitisch Bedeutsamen der Begründung einer Dynastie, die bis ins 20. Jahrhundert hinein in Europa herrschte, nicht viel übriggeblieben, womit Pařízek seinen Standpunkt der Lächerlichmachung der – Zitat – „Suche nach einem Führer, der uns alle wach küsst“ klarmacht. Wie vieles wurde auch der alte Horneck gestrichen, die Österreich-Rede tragen Frank und Fasching als Rockpoem vor. Sie wissen: „Da tritt der Österreicher hin vor jeden, denkt sich sein Teil und lässt die anderen reden …“

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  1. 1. 2019

Volkstheater: Der Kaufmann von Venedig

September 9, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zum Antisemitismus auch noch Sexismus

Vermögen weg, Tochter weg: Anja Herden überzeugt als hasserfüllte Jüdin Shylock. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

In der Pause schwören Insider Stein und Bein, dass hier nichts gefakt sei, dass alles mit rechten Dingen zugehe, und Anja Herden augenscheinlich nicht damit gerechnet hätte, tatsächlich gewählt zu werden. Es sei. Für die Eröffnungsproduktion am Volkstheater hat sich Direktorin Anna Badora einen besonderen Kniff einfallen lassen: Das Publikum kann sich einen von drei Shylocks aussuchen; die Abstimmung wird per Applausometer überwacht. Jan Thümer, später der Lorenzo, der als Conférencier diese Abstimmung leitet, stellt eingangs die Kandidaten vor.

Ein Spiel mit Klischees hebt also an, bevor das Spiel überhaupt begonnen hat, die Frage, die sich stellt, lautet, was einen Juden ausmache – und so stehen zur Wahl: Shylock, der seriöse Banker, Rainer Galke, der traditionelle Wiener Jude, kenntlich gemacht durch seine Schläfenlocken, Sebastian Pass, und eben Anja Herden, die als Geschäftsfrau, noch dazu mit Migrationshintergrund, ausgewiesen wird. Thilo Reuther hat für Badoras Interpretation des Shakespeare’schen Stücks ein Casino auf die Bühne gestellt, man versteht: der Casino-Kapitalismus wird damit aufs Korn genommen, dieses Synonym für hoch risikoreiches Geschäftemachen, wie’s Antonio betreibt.

Beinah unablässig, wie die Roulettemaschine, dreht sich die Bühne, Schicksal ist gleich dem eingespielten Geräusch vom Fallen der Kugel in den Kessel. Und während die venezianische Schickeria mit Jetons um sich schmeißt, taucht die Shylock samt ihrem Geldverleiher-Kabäuschen aus dem Untergrund auf. Mit Anja Herdens Darstellung bekommt die geschichtlich angepatzte Figur eine unerwartet neue Dimension. Eine verdächtig freundliche Fassade hat sich die „Madam“ im Feindesland zurechtgelegt, hinter der brodeln Hass und Wut ob erlittener Demütigungen, und wenn sie mit sanfter Stimme von Antonio sein Pfund Fleisch verlangt, dann ist klar, dass sie sich dafür rächt, von ihm am Rialto angespuckt und als Hündin beschimpft worden zu sein.

Antonio will für Bassanio sein Pfund Fleisch geben: Evi Kehrstephan, Rainer Galke, Peter Fasching, Nils Hohenhövel und Lukas Watzl. Bild : © www.lupispuma.com / Volkstheater

Bassanio öffnet Portias richtiges Kästchen: Peter Fasching und Isabella Knöll. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Für diese Shylock gibt es gleich drei Ausschließungsgründe aus der Gesellschaft: den Glauben, das Geschlecht, die Hautfarbe. Mehrmals wird darauf hingewiesen. Und so kommt diesmal zum Antisemitismus auch noch Sexismus. Die Männer sind allesamt Unsympathen und Machos. Rainer Galkes Antonio trieft vor ekelhaft verächtlichem Hochmut, Jan Thümers Lorenzo behandelt Evi Kehrstephans Jessica als würde er sie am Nasenring führen, Sebastian Kleins Gratiano ist so antisemitisch wie frauenfeindlich, Peter Faschings Bassanio würde seine frisch angetraute Portia jederzeit für Antonios Wohl opfern. So steht’s bei Shakespeare, und Badora lässt in der dekadenten Spaßpartie leicht homoerotische Tendenzen durchschimmern.

In dieser von den Premierenzuschauern gewünschten Fassung spielt Isabella Knöll die Portia. Auch ihr vom verstorbenen Vater verordnetes Kästchenrätsel ist ein Glücksspiel. Im Glitzerkleid lädt die ganz auf Girlie gepolte Knöll die Werber zum Drehen eines Glücksrads ein, sie moderiert deren Fortune als wär’s eine Fernsehgameshow. In Anlehnung an das berühmte Zitat sagt sie: „All the world’s a game and I am the prize.“

Jan Thümer stellt die drei Shylocks zur Wahl: Rainer Galke, Sebastian Pass und Anja Herden. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Elisabeth Plessens Textfassung lässt einiges weg. So ist etwa Sebastian Pass‘ Rolle als Lanzelot Gobbo reduziert, Günter Franzmeier, der ein möglicher Antonio wäre, fallen diesmal nur die kleinen Parts von Tubal und dem Dogen zu. Marius Huth treibt als Dienerin Nerissa Badoras Spiel um Geschlechterrollen auf die Spitze. Am Ende wird Shylock in einer Fast-Vergewaltigungsszene buchstäblich zu Boden gerungen, während Antonio sich diesmal natürlich standhaft weigert, seine Hälfte von deren Vermögen zurückzugeben. Die schlimme Schmach Shylocks währt aber nur kurz, weil Jan Thümer das Publikum schnell in die Nacht hinaus verabschiedet.

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  1. 9. 2018

Volkstheater: Lazarus

Mai 10, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Programmheft als Beipackzettel

Newtons Museum der Erinnerung: Maria Stippich, Anja Herden, Katharina Klar, Günter Franzmeier und Evi Kehrstephan. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Der tosende Schlussapplaus war abzusehen, schließlich wurde schon jeder einzelne Song heftig bejubelt. 17 an der Zahl, von „This Is Not America“ bis „Absolute Beginners“, von „The Man Who Sold The World“ bis „Life On Mars?“ – das musikalische Vermächtnis des David Bowie, der zum Sterben krank sein Lebenswerk zum Musical machte. Das ist es also: „Lazarus“ als österreichische Erstaufführung im Volkstheater.

Das ist also das, was der ratlose Rezensent gern mit dem Etikett enigmatisch versieht, das Nicht-Verstehen mit Meisterwerk gleichsetzend. Wie der Fiebertraum eines auf Genesung Hoffenden zieht dieser Abend an einem vorbei. Immerhin das Programmheft dient als eine Art Beipackzettel. Eine Assistentin Elly gebe es, steht da, und einen früheren Mitarbeiter Michael, ein Verbrechensopfer und den Serienmörder Valentine. Und Lazarus, diese biblische Symbolfigur für Auferstehung, die hier nicht sterben kann. Sie ist weitergedacht jener Thomas Jerome Newton, der Außerirdische, den sich Bowie in Nicolas Roegs Film „The Man Who Fell To Earth“ 1976 anverwandelt hat. Und der nun seinen Weltenschmerz mit Gin betäubt.

In der Inszenierung von Miloš Lolić interpretiert ihn Günter Franzmeier. Und was das betrifft, ist die Gratwanderung perfekt gelungen. Franzmeier, kühl, unnahbar, mit reduziertem Spiel, macht sich die Songs zu eigen, er gibt ihnen eine Färbung, die Erinnerungen ans Original mitschwingen lassen, und legt an ihnen dennoch neue Gefühlsschichten frei. Gleich zu Beginn, wenn er wunderbar seelenwund den titelgebenden Song singt, Look up here, I’m in heaven / I’ve got scars that can’t be seen, weiß man, dass die Aufführung musikalisch gelungen ist. Unter der diesbezüglichen Leitung von Bernhard Neumaier stellen das besonders Katharina Klar als ermordetes Mädchen, Christoph Rothenbuchner als androgyner Todbringer und Gábor Biedermann mit seiner Rockstar-Attitude unter Beweis. Großartig ist am Ende das hoffungschöpfende „Heroes“-Duett von Franzmeier mit Klar.

Brillant als Bowies Alter Ego: Günter Franzmeier. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Musikalisch top: Maria Stippich, Anja Herden, Christoph Rothenbuchner, Gábor Biedermann und Evi Kehrstephan. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Doch die darob Ergriffenheit weicht beim zweiten Hinsehen der Ernüchterung. Neben der Musik sind die Szenen und Dialoge, die Enda Walsh mit Bowie erarbeitete, eben ein weiterer Aspekt des Musicals. „Lazarus“, das wird bald klar, erzählt keine Story im eigentlichen Sinne. Das Gespielte dient wie das Gesungene eher als atmosphärische Momentaufnahme, gemeinsam sollen sie wohl so was wie die Vereinsamung, die Verwirrung, die Verirrung des Protagonisten widerspiegeln. Sie sind Newtons Kopfkino. Dies darzulegen versucht Lolić nicht. Er flüchtet sich in Ausstattung, wo Auslotung vonnöten gewesen wäre.

Denn das Bühnenbild von Wolfgang Menardi ist opulent, ein „Museum der Erinnerung“ nennt es sich, und ist vollgestopft mit ausgestopften Tieren aus dem Nachbarmuseum, mit zahlreichen bunten Vitrinen und anderen Versatzstücken, und die Drehbühne dreht und dreht sich. Punkto Kostüme lässt Jelena Miletić von Retrofellwesten über Pailletten und Schlaghosen bis durchsichtigen Plastikmänteln wenig aus, was irgend dem Seventies-Showklischee entspricht. Auch etliche Haare müssen von Bowie-Blond bis Ziggy-Stardust-Rot dran glauben. Ob all dieser Bühnenzauber den Blick auf die wahre Ambivalenz des Stücks verstellt, ob diese tatsächlich vorhanden ist, dies sei dem Betrachter dahingestellt.

Katharina Klar als das gemordete Mädchen, das Newton zur Rettung wird. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Newtons Tanz über den Abgrund begleiten des Weiteren Maria Stippich, Evi Kehrstephan und sehr sexy Anja Herden als Teenage Girls/Backgroundsängerinnen, Rainer Galke als Michael, Isabella Knöll als Elly und Kaspar Locher als deren Mann Zach. Claudia Sabitzer geistert als Japanerin durchs Spiel. Warum, man weiß es nicht, und hakt auch das unter „enigmatisch“ ab.

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  1. 5. 2018