Boris Sawinkow: Das fahle Pferd

Dezember 7, 2015 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Wie man Terrorist wird

Sawinkow_Das fahle PferdEin Terrorist als Romanautor? Und noch dazu ein guter? Auf den ersten Blick erscheint das unmöglich, doch Boris Sawinkow – in der hervorragenden Übersetzung von Alexander Nitzberg – belehrt den Leser eines besseren. Wie wird ein Mensch zum Terroristen, wie denkt er, wie sieht seine Psyche aus? Fragen, die heute, nicht nur erst wegen der Anschläge in Paris, aktueller denn je sind, auch wenn „Das fahle Pferd“ über das zaristische Russland Anfang des 20. Jahrhundert handelt.

Der Ich-Erzähler George (Sawinkow) ist offiziell Staatsbürger Großbritanniens in Moskau. Niemand ahnt, dass er Terrorist und mit vier Komplizen angereist ist, drei Männer und eine Bombenbauerin. Ihr Ziel: Den Generalgouverneur zu töten. Jeder will die Bombe werfen, doch der erste Anschlag misslingt, alle fünf müssen fliehen. Nun heißt es für sie warten bis der richtige Moment wiederkommt. In den Monaten der Vorbereitung kreisen die Gespräche der Gruppe um alles und nichts, Gott, den Tod und die Liebe. Sawinkow beschreibt eine Atmosphäre, in der jeder Tag der letzte sein könnte. Wanja ist Georges einziger Freund, wenn es für diesen überhaupt so etwas gibt wie Freundschaft. Erna, die Bombenbauerin, liebt George, unerwidert, dafür wird sie von Mittäter Heinrich geliebt, den die Angst heimsucht, die Bombe könnte sie während der Fertigung in Stücke reißen. Alle haben ihre Gründe, warum sie Terroristen geworden sind.

Sawinkow knüpft mit „Das fahle Pferd“ an bestehende literarische Traditionen an. Seine Anti/Helden wirken, als wären sie unmittelbar dem Werk Fjodor Dostojewskis entsprungen. Der große russische Schriftsteller liefert bereits in „Die Dämonen“ ein Psychogramm der Nihilisten und Terroristen seiner Zeit der 1870-er Jahre. Sawinkows Akteure verkörpern typologische Gestalten, die für bestimmte Prinzipien stehen. Fjodor wurde Terrorist aus sozialen Gründen, Heinrich aus politischen, Wanja aus religiösen und Erna aus unglücklicher Liebe. George, ein Mann ohne Namen, Familie und Heimat, dagegen ist anders. Er hat einen viel schlichteren Grund: Er tötet einzig und allein, weil der Generalgouverneur getötet werden muss. George ist vollkommen desillusioniert und bleibt es bis zum Schluss. Er ist ein Schattenbild seiner Gesprächspartner ohne ein eigenes Wesen zu haben. Still und emotionslos geht er ans Werk. So ist auch der Roman geschrieben. Emotionslos, aber beängstigend eindringlich, sachlich. Sawinkow setzt in seinem Roman nicht nur die Techniken der Neuen Sachlichkeit ein, andere Dialoge erinnern an Dramen des Existenzialismus bis hin zum Symbolismus, wenn George etwa von Exotischen Blumen träumt oder sich vorstellt, wie das Gehirn des Generalgouverneurs zerplatzt. Und natürlich ist das Buch reich an religiösen Motiven, Anspielungen und Zitaten.

Liebe hat im Leben von George keinen Platz, weder zu den Menschen noch zu Gott. Nur einmal gerät er ins Wanken. Er verliebt sich hoffnungslos in die junge, verheiratete Jelena. Er löst das Problem auf seine bewährte Weise, wie er es eben kann: er tötet den Ehemann im Duell. Kurz überkommen ihn Selbstzweifel. „Ich habe einen Menschen getötet … Bisher hatte ich Gründe: Ich tötete nur im Namen des Terrors und im Namen der Revolution … Aber jetzt töte ich einzig für mich. Ich will es so, also töte ich. Wer soll mich richten? Wer soll mich freisprechen?“ Doch damit ist es mit der Reue auch schon wieder vorbei. „Ich bin ein Meister der roten Zunft. Ich will auch in Zukunft mein Handwerk ausüben. Tag für Tag, Stunde für Stunde werde ich Morde ausbrüten … Und so fort bis zum Galgen, bis zum Grab.“ Vielleicht ist er der Auserwählte, der dämonische Reiter auf dem „fahlen Pferd“, von dem die Offenbarung des Johannes spricht?

Für George gelten keine Gesetze, weder die des Staates noch die der Moral. Wie Jörg Baberowski in seinem Nachwort über die „Phänomene der Macht“, wie sie Heinrich Popitz erläutert, schreibt: „Gewalt ist eine menschliche Handlungsmöglichkeit. Jedermann kann drohen, schlagen und schießen. Selbst der Geringste, dem niemand zuhört, kann einen Machtgewinn erzielen, wenn er verletzt oder tötet. Wer Gewalt ausübt, bleibt im Gespräch. Darin liegt die Attraktivität gewalttätiger Handlungen. Man kann sie nicht ignorieren. Und deshalb wird es immer Menschen geben, die töten, wenn sie die Möglichkeit dazu erhalten.“ Am Ende – das zweite Attentat ist erfolgreich – ist es folgerichtig auch nur George, der am Leben bleibt, und schließlich von den Mitgliedern seiner politischen Fraktion – den Sozialrevolutionären – einen neuen Auftrag zum Töten erhält. Doch er zögert. „Ich war Terrorist. Jetzt aber will ich den Terror nicht. Wozu der Terror? Für die Marionetten? … Wer nicht lieb hat, der kennt Gott nicht; denn Gott ist Liebe. Ich liebe nicht, und ich kenne Gott nicht. Den kannte Wanja. Kannte er ihn?“ Nachsatz: „Mein Revolver ist bei mir.“

Die vorliegende Übersetzung berücksichtigt erstmals den gesamten, unzensierten russischen Text und folgt der 1913 in Nizza erschienenen, vollständigen unzensierten Ausgabe aus Sawinkows Hand. In Russland selbst wird seit Jahrzehnten fast ausschließlich eine verkürzte Version veröffentlicht. Den Text begleitet ein Dossier mit einem umfassenden Nachwort von Alexander Nitzberg, der das Buch erstklassig übersetzt hat, einem Nachwort Jörg Baberowskis über das Verhältnis Sawinkows zum Terrorismus sowie die erstmals ins Deutsche übertragenen Aufzeichnungen Sawinkows über einen hingerichteten Mitterroristen „Erinnerungen an Iwan Kaljajew“.

Über den Autor:
Boris Sawinkow (1879–1925), eigentlich W. Ropschin, wurde 1906 nach einer Vielzahl erfolgreicher Attentate (unter anderem gegen den Innenminister Plehwe und den Großfürsten Sergei Romanow) festgenommen und wegen Terrorismus zum Tode verurteilt. Es gelang ihm jedoch die Flucht aus dem Gefängnis in Odessa. Im Pariser Exil schrieb er 1908 „Das fahle Pferd“. Während der Revolution war er Gegner der Bolschewiken und zeitweise stellvertretender Kriegsminister unter Kerenski. Danach plante er zahlreiche Umsturzversuche und Terrorakte gegen die Bolschewiki. Im zweiten Exil schrieb er seinen bekannten autobiografischen Text „Memoiren eines Terroristen“ (1917) und die Fortsetzung von „Das fahle Pferd“, den Roman „Das schwarze Pferd“ (1924). 1924 wurde Sawinkow mit fingierten Briefen von Agenten des Geheimdienstes NKDW nach Russland gelockt und festgenommen. Tod am 7. Mai 1925 durch Sturz aus dem 5. Stock des Gefängnisses Lubjanka in Moskau.

Verlag Galiani Berlin, Boris Sawinkow: „Das fahle Pferd“, Roman, 304 Seiten. Aus dem Russischen übersetzt, kommentiert und mit einem dokumentarischen Anhang versehen von Alexander Nitzberg. Mit einem biographischen Nachwort von Jörg Baberowski.

www.galiani.de

Wien, 7. 12. 2015