Rabenhof: Dance Me To The End Of Love

März 21, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Hubsi Kramar lässt Leonard Cohen hochleben

Hubsi Kramar: Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Zu seinem 70. Geburtstag beschenkt Hubsi Kramar das Publikum im Rabenhof mit einer Leonard-Cohen-Gala. Das passt, dass sich die beiden 68er auf ein Packl hauen, ebenso wie die Auswahl der Freunde und Wegbegleiter, die Kramar helfen, den Abend zu gestalten. „Family“ nennt sie der Grandseigneur der Wiener Off-Szene, und zu dieser gehören auch die Zuschauer. „Ihr seid das Netz“, verkündet der Seiltänzer Kramar, der lebenslange Theatermacher, der sich mit einem Musikprogramm auf ungewohntes Terrain begibt.

Zum ersten Mal wohl stellt Hubsi Kramar seine sängerischen Qualitäten in der Art unter Beweis, mit verwandtem Timbre und doch original er. Die großen, alten Hadern singt er natürlich „I‘ Your Man“ und „Suzanne“ und So long Marianne“. Zu den Lovesongs mischt sich Politisches, das ist eh klar, wenn zwei ewige Widerstandskämpfer gegen den Unsinn dieser Welt aufeinandertreffen. „The Partisan“ wird einmal mehr zum musikalischen Mahnmal. Drittes Reich und Holocaust sind mit die wichtigsten Themen des berüchtigten Hitler-Darstellers.

Wie im Hintergrund auf den Opernball-Bildern auch zu sehen. Kramar schwadroniert sich von Cohens Leben, von Aufwachsen als Rabbiner-Kind in Montreal – „Lieder wie Gebete“ bescheinigt der eine Große dem anderen – bis Chelsea Hotel, zur eigenen Geschichte. Längst ist zu diesem Zeitpunkt nicht mehr klar, wo Cohen aufhört und wo Kramar beginnt. Er zitiert Fausts Gretchen-Monolog, sein All Time Burner bei Vorsprechen, Raymond Queneaus „Variationen Autobus S“ und spielt mit Markus Kofler eine Szene aus „Warten auf Godot“, auch Beckett ein Begleiter seit 50 Jahren Bühne.

Wobei, dies Jubiläum ist der Tatsache geschuldet, dass der junge Hubsi daheim in Scheibbs ein Podium enterte, auf dem ein gewisser Bruno Kreisky „Unsinn“ von sich gab … Die Verplaudereien begleitet ein Fotoreigen, Cohen verschmitzt, Cohen verwegen, Cohen mit Katze, Kramar mit wilder Frisur und Schnauzbart, ein Draufgänger, ein Draufschauer – und wenn’s denn sein muss auch Draufhauer -, in seinen bedeutendsten Stationen. Aktivismus auf dem Ballhausplatz, inklusive. Surreal sein und Zorn haben, und zwar den im biblischen Sinne, das nennt Kramar als seine größten Stärken. Und erzählt von LSD-Erfahrungen, Mind Machines und Marokko. Vom Sandsturm in der Sahara, der ihn eine Liebe kostete.

Mit dabei auf Kramars Weg durch die Jahrzehnte sind wie gesagt Kofler am Klavier und mit „Coming Back To You“, Stefano Bernardi mit Gitarre und „There Is A War“, Dagmar Bernhard, Sonja Romei, Joachim J. Voetter – und die göttliche Lucy McEvil, die „Take This Waltz“ singt. Zwei weitere Highlights sind Patrik Huber mit „The Gypsy’s Wife“ und vor allem Christian Strasser mit „The Future“, allesamt begleitet von Martin Kratochwil & Band. Einen Witz, entstanden aus einem Traum, hat Hubsi Kramar auch auf Lager. Es klopft, er öffnet, der Tod steht vor der Tür. „Ist es also soweit?“, fragt Kramar, und der Tod sagt Ja – und stirbt. Und das Publikum singt darauf ein spontanes „Happy Birthday!“

www.rabenhoftheater.com

  1. 3. 2018

Landestheater NÖ: Ab jetzt

Mai 14, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Riesen-Nonsense mit Replikantin

Yorck Dippe, Lina Beckmann und Gala Winter. Bild: Klaus Lefebvre

Menschen mit Maschine: Yorck Dippe, Lina Beckmann und Gala Winter. Bild: Klaus Lefebvre

Zum Saisonschluss und zum Ende ihrer Tätigkeit als Intendatin des Landestheater Niederösterreich lud Bettina Hering, sie wechselt als Schauspielchefin zu den Salzburger Festspielen, zu einem der bewährten Gastspiele. Das Schauspielhaus Hamburg zeigte Alan Ayckbourns Science-Fiction-Groteske „Ab jetzt“ in der Regie von Karin Beier.

Und es war der Abend der Lina Beckmann. Mit einer solchen Schauspielerin an der Hand, kann man als Theaterdirektorin gar nicht anders, als dieses Stück anzudenken. Dachte wohl auch Beier. „Ab jetzt“ ist der ganz andere Ayckbourn, gern wird gesagt, nicht sein bester, doch das sollte man zumindest nach dieser schwungvollen Inszenierung anders sehen.

Erzählt wird aus der Zukunft. Der Komponist Jerome hat mit seiner soziophoben Art seine Frau vertrieben, die allerdings mit Kind, und diese Tochter will er wiedersehen. Also bastelt er für den Besuch samt Sozialarbeiter an einer heilen, neuen Familie – erst mit Leihmimin Zoe, doch als die Reißaus nimmt, mithilfe einer Roboterfrau namens Gou 300F. Die hat ein paar Macken, und als nun die frisch Geschiedene in der Tür steht, nimmt das Verhängnis seinen Lauf … Beier hält sich nicht damit auf nach verkopfen, tieferen Bedeutungen im Text zu suchen, Motto: Was die Maschine dem Menschen antut, wenn er sich in Abhängigkeit zu ihr begibt, nein, sie fährt einfach mit Vollgas drauflos, von Gag zu Gag, von Nonsense zu Nonsense.

Kein Sofa über das nicht gestolpert wird, keine Wand gegen die man nicht läuft. Und die Königin dieser Komödie ist Beckmann – übrigens für die Rolle bereits mit einem Schauspielerpreis ausgezeichnet. Derangiert tanzt ihre Zoe an, man hat sie auf der Straße ausgeraubt, aber so arm dran kann die gar nicht sein, dass ihre Kunst nicht noch erbärmlicher wäre. „Soll ich Ihnen die Ophelia vorspielen?“, fragt sie in einem Ich-war-mal-wer-Aufbegehren. Ganz großartig gelingt Beckmann diese Übung, aus einer Knallcharge, einer gescheiterten Existenz ein berührendes Exemplar der Gattung Mensch zu machen. Und das Publikum biegt sich vor Lachen, umso mehr als sie, nunmehr von der Kunst-Frau zur künstlichen Frau mutiert, wie ein dem „Blade Runner“ entsprungener Replikant agiert. Welch eine Ironie: Zoe, die einzig empathiebegabte im falschen Spiel, so beflissen wie bizarr, wird abgelöst durch Emotionslosigkeit. So scheint es zumindest auf den ersten Blick.

Denn war das Wesen aus Fleisch und Blut hippelig und hypernervös und enervierend tollpatschig, so ist das Wesen aus Draht und Silikon berechnend gefährlich und ganz offensichtlich eifersüchtig. So viel Mensch in einer Maschine, und man weiß nicht, bei wem die Schaltkreise zuerst durchgebrannt sind. Jerome lebt in einem Hightechbunker, sein einziger Kontakt zur Außenwelt ist ein Bildtelefon. Alles, was irgend Leben ist, speist er in den Computer ein, will er doch mit diesem Material sein Opus magnum ausgerechnet über die Liebe schreiben. Götz Schubert gibt diesen Beziehungsgestörten mit der richtigen Dosis Ekeligkeit, so schrullig, dass man ihn gerade noch sympathisch finden kann.

Ute Hannig spielt erst ebenfalls die Gou – Version 1, als gruselige, herrische Sexmachine in Seidenkorsage, dann Jeromes Frau Corinna als über weite Strecken herzlose, weil herzgebrochene Xanthippe, Gala Winter die Tochter Geain als genderverwirrten Rotzlöffel. Sie ist nun ein Er, ein Glatzkopfkerl mit Kinnbart, wird aber flugs mit Zöpfchen und Schleifchen wieder zur Sie. Herrlich auch Yorck Dippe als Mann vom Jugendamt: Der aalt sich in seinen großen Gesten, ganz Conferencier in eigener, ergo narzisstischer Sache und ist doch die Person gewordene Bankrotterklärung modernen Behördentums. Michael Wittenborn, eingespielt per Video, ist Jeromes bester Freund, ein auf den Anrufbeantworter umgeleiteter Dauertelefonierer. Frau weg, Selbstmord in den Gedanken, sitzt der Kauz erst im Schlagzeugkeller, später in einer Bar, in der er tatsächlich um sein Leben fürchten muss.

Was Beier und ihr Ensemble vorführen, ist großes Tennis. Tempo und Timing stimmen auf den Punkt, die Schauspieler sind perfekt geführt und danken mit einer einwandfreien Performance. Am Ende läuft Gou durch den irrtümlichen Gebrauch der bei ihr eingespeicherten Keywörter völlig aus dem Ruder, das Wahnsinnskarussell dreht sich von Minute zu Minute schneller, und Gala Winters Geain, wunderbar ist diese Kostprobe ihres Könnens, nutzt diesen Umstand reichlich aus. Die neue Generation kann ja mit der Technik. Der egozentrische Künstler aber bleibt allein, er hat jetzt genug Zeugs zum Komponieren. Mit viel Witz und ihrem Gespür für schwarzen Humor hat Karin Beier St. Pölten einen höchst vergnüglichen Start in die Sommerpause beschert. Am 23. Mai wird Marie Rötzer, die neue künstlerische Leiterin des Hauses, ihren ersten Spielplan präsentieren. Man darf gespannt sein, was da alles zu erfahren sein wird.

www.landestheater.net

Wien, 13. 5. 2016

Wiener Festwochen: Die Neger

Juni 6, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Alles ein einziges Missverständnis

Bettina Stucky (Félicité), Maria Schrader (Die Königin) [liegend], Stefan Hunstein (Archibald), Felix Burleson (Archibald), Gala Winter (Neige) Bild: (c) Julian Röder / JU Ostkreuz

Bettina Stucky (Félicité), Maria Schrader (Die Königin) [liegend], Stefan Hunstein (Archibald), Felix Burleson (Archibald), Gala Winter (Neige)
Bild: (c) Julian Röder / JU Ostkreuz

Es herrschte kathedralenhafte Stille im Akzent. Nachdem sich eine Initiative über den Stücktitel echauffiert hatte www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-die-neger-bleiben/, wollten wohl viele im Zuschauerraum besonders „pc“ (politisch korrekt) sein. Le Seufz, wie die Franzosen sagen. Alles ein einziges Missverständnis. Erst nach einer Stunde wagten die ersten zu lachen, es gab aber auch „Schas“- und „I kenn‘ mi ned aus“-Gemurmel. Und in Kleingruppen organisierte Publikumsflucht. Ein Glück. Denn es blieben die, die den Schauspielern und damit ihrem Regisseur Johan Simons frenetischen Applaus spendeten. Ja, die Truppe wurde sogar noch einmal herausgefordert, als sie sich eigentlich schon Richtung Garderobe bewegen wollte. Welch ein Abend! (Zur Erklärung: Es war der zweite, nicht die Premiere.)

Simons hat Jean Genets 1958 entstandene Clownerie „Die Neger“ neuinszeniert. Auf eine wunderbare Weise. Wer das langweilig fand, sollte sich vielleicht einmal grundsätzlich mit dem Thema Theater beschäftigen. Denn Simons zeigt ein buntes – rosa, gelb, grünes – Schattenspiel auf weißen Plastikbahnen, dazu eine Maskerade bandagierter Köpfe – wie Degenfechterhelme -, die Genet auf den Punkt treffen: Die äußere Farbe ist nichts. Was gilt ist die innere Revolte, die zur Revolution wird. Noch dazu erklären die beiden einzigen Unmaskierten, die Archibalds Felix Burleson und Stefan Hunstein, gleich zu Beginn, dass es sich bei der Sache um ein Spiel, ein Schauspiel handelt. Es wird darüber gestritten, dem Text zu gehorchen, zu schnell oder zu langsam aufzutreten, bis die Archibalds drohen, den Abend abzubrechen, wenn nicht bald Disziplin herrscht. Mit einem Problem muss man sich außerdem beschäftigen: Man braucht für jede Vorstellung eine frische „Leiche“, die ist nämlich aus Wachs und tropft die ganze Zeit über durch das Gitter des Autopsiebettes. Bis am Ende keine Tote mehr da ist (nur Reste eines Popöchens), ergo kein Mordfall, ergo kein Stück. Oder?

Zugegeben: Genet ist nichts für Anfänger. Der Außenseiter in der Clique um Sartre, Cocteau, Boris Kochno, Simone de Beauvoir, Giacometti und Picasso, Moralist, Sympathisant der RAF, der PLO, der Black Panther und der algerischen Befreiungsfront FLN, schrieb eine Vorurteilssatire. „Wir spielen, um uns zu bespiegeln“, sagt Archibald. Und meint „die Weißen“ mit „Exotikfimmel“. Szenario: Mit beißendem Spott wird das rassistische Klischee vom lustmordenden „Neger“, der eine weiße Frau sexuell missbraucht und sie dann tötet, in seine Bestandteile zerlegt. Andere Spieler repräsentieren die Kolonialisten, die dem Mord eine groteske Strafexpedition folgen lassen. Die Darstellung des Ganzen: Sigi-Freud’isch „überspannt“. Köstlich, wie „die Weißen“ mit Krone (Königin), Kreuz (Missionar) und Gesetzbüchlein (Richter) die Insignien ihrer Macht auf dem Kopf tragen. Köstlich, wie „die Neger“, Männer wie Frauen, in Neger-Mama-Outfits wie in einer US-Südstaatenschmonzette verkleidet sind. Vom Winde gebläht. (Die Weißen sollen nämlich unter anderem weggefurzt werden.) Köstlich, wie der Mörder Village (Benny Claessens) von seinen Mitspielern aufgefordert wird, er möge sein Leid doch bitte in weniger Metaphern ausdrücken. Sie täten das schließlich auch nicht.

Simons offenbart den Surrealismus der Realität. Er kennt sich aus mit dem Existenzialismus, wenn „die Weißen“ in der Wüste vor Lepra, Fieber, Ameisenvölkern bibbern. Ein furchterregendes Land. Das sie trotzdem in Besitz halten möchten. „Aber wir sind doch hier in Frankreich“, sagt die Königin einmal. „Nein, das ist Afrika“, erwidert Village, „Noch ist Zeit. Kehren Sie um.“ Darauf die Königin: „Sie setzen auf unsere Erschöpfung.“ Sätze tiefer Wahrheit. Doch davon kommt noch mehr, wenn Genet prophetisch über Schwarze in schwarzen Rolls-Royces, die zu schwarzen Opernhäusern fahren, philosophiert. Die Geschichte der Ausschlachtung Afrikas hat viele Gesichter. Auch die der Bid Dadas. Am Ende von Simons Ausführungen kommt ein Mann mit Gewehr, dankt den Schauspielern für ihre „Ablenkung“, der neue, schwarze Führer sei nun an die Spitze geputscht.

Simons Schauspieler sind allesamt großartig. Ausdruck ohne Gesicht zu haben ist eine große Kunst. Allen voran brillieren Benny Claessens, Anja Laïs als Vertu, Maria Schrader als sich ständig an den Kopf fassende, weinende, hinrichtende Königin, Edmund Telgenkämper als Richter. Felix Burleson, der einzige „echte Schwarze“, ein niederländischer Schauspieler mit Wurzeln in Surinam, kommentiert die Handlung mit Zwischen-Achs, in Mimik und Gestik. Er ist das Herz der Inszenierung.

Nun gibt’s ja die, die meinen, die Kolonialzeit in Afrika sei doch längst vorbei, Genet also ein alter Hut, ohne Bezug zum Heute. Falsch. Er war nie aktueller. Denn über Afrika rollt Furcht und Schrecken und Terrorismus verbreitend seit Jahren die zweite Welle der Kolonisation. Wirtschaftlich angeführt von den Chinesen, ideologisch vom Islam. Staaten verkaufen einen niederländischen Konzern ihr Wasser, es wird privatisiert. Kinderhände, weil kleiner, holen aus Müllbergen von Laptops und Handys aus den Industriestaaten die weiter verwertbaren hochtoxischen Teile … „Wir gehen wie Larven in den Winterschlaf“, sagt die Königin, bevor sie stirbt. Zeit, diese endlich von den Gesichtern der Verantwortlichen zu reißen.

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6. 6. 2014