Volksbühne Berlin: Kill your Darlings!

April 29, 2014 in Bühne, Film

VON MICHAELA MOTTINGER

René Polleschs Meistermonolog auf DVD

Bild: Volksbühne/Thomas Aurin www.theateredition.com

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„Achtung, wir springen jetzt!“, schreien sie am Anfang. Und dann lassen sie sich am Seilen herunter, Fabian Hinrichs und sein Turnerchor. Dazu Bruce Springsteen. Doch hier sind es die Streets of Berladelphia, die besungen werden. Fernsehregisseur Hannes Rossacher folgt den Darstellern, holt sie mit der Kamera nahe heran, zeigt sie in der Totalen des großen Bühnenraums, läuft mit dem singenden Hinrichs und begibt sich bei Regen in die Vogelperspektive. „Es fehlt etwas, es reicht uns nicht“, schreit der Protagonist. Nicht bei dieser Inszenierung. Auch, wenn das Motto von René Pollesch lautet: „Die besten Szenen werden wir heute Abend nicht zeigen, denn die könnten wir alle nicht ertragen.“ Fabian Hinrichs erhielt soeben von „Theater heute“ den Ulrich-Wildgruber-Preis 2014. Der Preis fördert „eigenwillige Begabungen“, die „auf besondere Weise in den Medien Film und Theater auf sich aufmerksam gemacht haben“, so die Laudatio von Thomas Oberender. Nun ist die Inszenierung der Volksbühne Berlin auf DVD erhältlich.

Worum’s geht? Äh, ja … Um das hinreißend spitzbübische Lächeln Hinrichs‘. Um die Art, wie er das Publikum liebt und es ihn. Ja, um Liebe geht es tatsächlich. Pollesch wird weich auf seine mittelalterlichen Tage 😉 Das Projekt – eine Koproduktion mit dem Turiner Teatro Stabile – bezieht sich auf das Lehrstück von Bertold Brecht „Der Untergang des Egoisten Fatzer“. In der Inszenierung von Pollesch wird aus dem Deserteur Fatzer, der seine Kameraden verrät, ein kapitalismusversierter Monologisierer (75 Minuten lang, furios), den ein ganz anderes Kollektiv in die Bredouille bringt. Da gibt’s nämlich diesen Kapitalismuschor, diese Turner, diese Netzwerker, die Hinrichs auf den Leib rücken, Menschen-Pyramiden, Menschen-Sofas, Menschen-Treppen, Beziehungsskupturen bilden. Und er will und will mit ihnen nicht in die Kiste steigen. Mit einem Kollektiv ja, mit einem Netzwerk NEIN! Keine Ahnung, liegt es am funkensprühenden, in eine regenbogenbunte Glitzerturnhose gekleideten Hinrichs – oder warum macht einen diese Inszenierung so gut gelaunt? Man ist selbst via DVD (heißt: nicht live) nach drei Minuten im reinsten Theaterglück. Glitzer-Fabian flirtet, schmust, schimpft, lässt sich auf Händen tragen, ringt mit den Akrobatinnen und Akrobaten. Ein Individuum auf der Suche nach Nähe, dem letztlich einsame Exklusivität aber lieber ist als Uniformität – sehr schön illustriert durch ein Michael-Jackson-mit-Tänzern-Video; diese Performances hatten ja oft etwas Pseudomilitantes. Dazu kann Pollesch gut seine Missionspredigten gegen das Kapital ablassen. Und selten seit Langem tat er es so poetisch.

Der kongeniale Bert Neumann schuf dazu zwei Brecht-Vorhänge, einen Mutter-Courage-Wagen und einen niedlichen Bagger, mit dem die Assoziationsbausteine zusammengesetzt werden können. Oder auch nicht. Denn Hinrichs‘ Faxenmacherei, kühn, verrückt, selbstbewusst, zerstört den Diskurs sowieso. Also setzt Regen ein, in dem die stumme Turnfraumannschaft zur Rutschpirouette ansetzt. Der charismatische Schauspieler selbst wirft sich ins hautenge Krakenkostüm. Da weiß man: Das hat Mehrwert. Auf der DVD etwa durch ein Interview mit Fabian Hinrichs. Ganz nah, ganz herzlich.

PS.: Eine Antwort auf alle Fragen, die der Abend aufwirft, hätte es auch gegeben. Aber, eh schon wissen: Sie musste rausgeschnitten werden. Wir hätten sie nicht ertragen.

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Regie: René Pollesch, Bühne und Kostüme: Bert Neumann.
Mit: Fabian Hinrichs und Chor (Eduard Anselm, Johanna Berger, Christin Fust, Hannes Hirsch, Emma Laule, Ronny Lorenz, Martina Marti, Fynn Neb, Rudolph Perry, Simone Riccio, Nicola Rietmann, Paula Schöne, Anna Smith, Lukas Vernaldi und Claudia Vila Peremiquel).

www.volksbuehne-berlin.de

Wien, 29. 4. 2014