Edition Atelier: Bibliothek der Nacht

September 23, 2015 in Tipps

VON RUDOLF MOTTINGER

Von Prager Gespenstern und italienischen Vampiren

Bild: Edition Atelier

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Die Edition Atelier startet mit einer neuen Buchreihe in den Herbst, der „Bibliothek der Nacht“, herausgegeben von Thomas Ballhausen. Zunächst erscheinen zwei Romane von Paul Leppin und Furio Jesi, weitere Bände sind in Vorbereitung.

Paul Leppin, Jahrgang 1878, war Beamter in der k. k. Prager Post- und Telegraphendirektion und dort offenbar mit genug Zeit ausgestattet, um sich literarisch Verruchtes auszudenken. Abends sollen er und Jiri Karásek, ein weiterer Poet der Décadence, in den Nachtcafés gesessen haben, dort lauschten sie den kehligen Chanteusen, „ohne Mieder, weshalb sie so plastisch im Detail sind“, und schrieben dann, gleichsam zur Buße, filigrane Lyrik.

Leppin war unter anderem mit Max Brod und Gustav „Golem“ Meyrink, den er oft als Vorbild für seine Figuren heranzog, befreundet. Um die Jahrhundertwende galt Leppin als einer der Protagonisten der literarischen Bewegung „Jung-Prag“. Nach dem deutschen Einmarsch in die Tschechoslowakei 1939 wurde er von der Gestapo verhaftet und erlitt nach der Freilassung einen Schlaganfall. Den Nazis war der Verfasser obsessiv-erotischer Romane, frecher Bänkellieder und bewegender Prager Stimmungsskizzen verhaßt. Für tausend Jahre aus der Literatur verbannt, erlebte auch sein Werk im Kommunismus keinen Prager Frühling. Leppin starb 1945 an den Spätfolgen einer Syphilis-Erkrankung. Als er hilflos gelähmt im Rollstuhl und im Sterben lag, schrieb er noch „lieber ein heißes Vergehen / als immerzu fröstelnde Qual“.

„Severins Gang in die Finsternis“ ist erstmals 1914 erschienen. In seinem Roman erzählt Leppin vom Prager Nachtleben, in dem Severin wie sein Schöpfer nicht nur einen Ausgleich zu seinem tristen Bureaualltag findet, es laufen ihm dort auch die Mädchen fast scharenweise hinterher. Bei seinen rastlosen Streifzügen beginnt er halbherzige Affären, die er ebenso schnell wieder beendet, bis mit einem Mal die laszive Mylada in sein Leben tritt. Severin verfällt ihr mit Haut und Haar. Getrieben von seinen Leidenschaften zieht ihn die Nacht mit ihren Gespenstern und ihrem düster-fantastischen Flair immer tiefer in den Bann. Ihm ist es, als ob ihn „unsichtbare Hände streiften“. Die Dämonen Prags und die der Seele sind bald nicht mehr zu unterscheiden … Leppin geizt nicht mit üppiger Metaphorik, da wächst beispielsweise eine Frauengestalt feierlich als „sehnsüchtige Blume aus den Treppensteinen empor“, andererseits ist er auch ein Meister des subtilen Sarkasmus, etwa wenn bei einem Kuss scheinbar die Erde birst und er dann mitten im Gefühlspathos die lakonische Pointe bringt: „Auf der Moldau hatte der Eisgang begonnen.“ Eine atmosphärisch unheimlich – in doppelten Wortsinn – dichte Erzählung, bei der sich hinter sprachlicher Jugendstilornamentik der reinste Schrecken verbirgt.

Furio Jesi wurde 1941 als Sohn einer jüdischen Familie in Turin geboren und starb 1980 bei einem häuslichen Unfall in Genua. Er lehrte deutsche Literatur an den Universitäten Palermo und Genua und übersetzte Werke von Thomas Mann, Rainer Maria Rilke und Elias Canetti ins Italienische. „L’ultima notte“, „Die letzte Nacht“, ist erstmals posthum 1987 erschienen. Inhalt: Vor vielen Jahrhunderten beherrschten die Vampire die Welt, nun leben sie im Verborgenen, in geheimen Kammern und unterirdischen Gängen. Bis sie eines Nachts das Zeichen ihres Herrn am Himmel erkennen, ein loderndes Flammenschwert, das ein neues Zeitalter ankündigt. In rasender Geschwindigkeit erobern die Vampire die Erde zurück, die Menschen müssen zusehen, wie ihre Städte verfallen und ihre Errungenschaften zerstört werden. Die Apokalypse steht bevor. Kann sich die Menschheit noch retten? Eine ironische und melancholische Parabel über die zerstörerische Weltherrschaft der Menschen.

Edition Atelier, Paul Leppin: „Severins Gang in die Finsternis“, Roman, Bibliothek der Nacht Bd. 1, hg. von Thomas Ballhausen, 128 Seiten

Edition Atelier, Furio Jesi: „Die letzte Nacht“, Roman, Bibliothek der Nacht Bd. 2, hg. von Thomas Ballhausen, 136 Seiten. Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner

www.editionatelier.at

Wien, 23. 9. 2015