Theater zum Fürchten: Der jüngste Tag

Februar 11, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Macht der öffentlichen Meinung

Hudetz, verfolgt von den untoten Geistern seiner Opfer: Matthias Messner, RRemi Brandner, Christian Kainradl und Susanne Preissl. Bild: Bettina Frenzel

Eine eindrückliche und beklemmende Inszenierung von Ödön von Horváths „Der jüngste Tag“ zeigt das Theater zum Fürchten in seiner Wiener Spielstätte, der Scala. Regisseur Peter M. Preissler hat Horváths Text als Volksstück verstanden. Er zeigt ohne viel Verfremdungseffekt dessen Figuren als Kleinbürger par excellence, dies nicht ohne liebevolles Verständnis für ihre geschundenen Krämerseelen.

Tut das Horváth’sche Personal doch nichts anderes als die Zwänge und Nöte, in die der jeweils einzelne eingebunden ist, an den nächsten weiterzugeben. Dass aus dieser Kette von Verdrängung nur Feigheit, Dummheit, Intoleranz resultieren können, dass an ihrem Ende „menschliches Versagen“ steht, ist systemimmanent.

Der „Versager“ ist Stationsvorstand Thomas Hudetz, gefangen in einer lieblos gewordenen Ehe zu einer älteren Frau, dem die Wirtstochter Anna, sie wiederum in eine vorteilhafte Verlobung gedrängt, auf dem Bahnsteig einen Kuss abringt. Hudetz vergisst darob ein Signal zu stellen, Züge kollidieren, Menschen sterben. Hudetz wird verdächtigt, doch Anna schwört einen Meineid auf seine Unschuld. Frau Hudetz allerdings hat die Szene vom Fenster aus beobachtet, und rasend vor Eifersucht wird sie dem Staatsanwalt die Wahrheit offenbaren. Von der Kleinstadt allerdings als böses Weib abgestempelt, glaubt ihr keiner auch nur ein Wort. Hudetz wird freigesprochen. Doch Anna bekommt Skrupel, und es kommt zum Äußersten …

Den für einen kurzen Moment pflichtvergessenen Hudetz spielt Christian Kainradl auf höchstem Niveau. Er ist der typische österreichische Beamte, ein bissl Schmerzensmann, ein bissl Judas, ein Charakter, in dem sich Phlegma und Verzweiflung nicht ausschließen. Interessant an der Interpretation Preisslers ist, dass hier ein Hudetz weniger erotisiert als von Annas Avancen überrumpelt ist. Stark spielt Kainradl die Szenen, in denen es Hudetz darum geht, seine Haut zu retten; er macht deutlich, dass Horváth sein 1935/36 entstandenes Stück als Parabel angelegt hat, wohin Lüge und Verleumdung eine Gesellschaft führen werden.

Alles wartet auf den Zug: Leopold Selinger, Angelika Auer, Matthias Messner, Susanne Preissl und Valentin Frantsits. Bild: Bettina Frenzel

Der Staatsanwalt vernimmt die Zeugen: Jörg Stelling, Matthias Messner, Susanne Preissl, Georg Kusztrich und Christina Saginth. Bild: Bettina Frenzel

Ein Überlebender wird entdeckt: Georg Kusztrich, Anna Sagaischek und Tom Jost. Bild: Bettina Frenzel

Die Anna spielt Susanne Preissl als eine Art Lolita, die ihre reizenden Atouts mit großer Naivität ausspielt. Erst als sie sich ihrer Schuld, eine Falschaussage gemacht zu haben, bewusst wird, wird sie erwachsen. Christina Saginth changiert als Frau Hudetz zwischen enervierend und strapaziös, doch dank ihrer gelungenen Darstellung kann man fast nicht umhin, auf ihrer Seite zu sein, da sie doch im Recht ist. Eine Falle, in die Preissler das Publikum geschickt tappen lässt. Jörg Stelling gibt ihren Bruder Alfons als distinguierten Drogeriebesitzer.

Dreh- und Angelpunkt des Abends aber ist die Darstellung der zahlreichen Kleinstädter. Das TzF-Ensemble beweist ja nicht zum ersten Mal, dass es Horváth kann. Und so überzeugt Georg Kusztrich als oberg’scheit-jovialer Wirt zum „Wilden Mann“, der das Menschenfreundlich-Sein ebenso beherrscht, wie das Ausrufen einer Menschenjagd. Angelika Auer ist eine herrlich taktlose Dorftratschn Frau Leimgruber, Valentin Frantsits Fleischhauer Ferdinand als gleichsam Gemüts- wie Gewaltmensch wirkt wie ein Verwandter Oskars.

Anna Sagaischek als Kellnerin Leni gibt mit Chips in der Hand einen der Unfallvoyeure. Matthias Messner, Leopold Selinger, RRemi Brandner (er auch ein grantiger Staatsanwalt) übernehmen gleich mehrere Rollen, auch die der wiederkehrenden Untoten, Tom Jost spielt den überlebenden Heizer Kohut. Und am Höhepunkt der Handlung tritt die örtliche Blaskapelle auf …

Für all das hat Julia Krawczynski ein Bühnenbild erdacht, das nicht nur Antipuppenhäuschen und Antipuppenstuben zeigt, sondern mit Licht und Schall und Rauch auch wunderbar vorbei- und ineinander rauschende Züge. Durch diese Optik entsteht zusätzliche atmosphärische Enge, und so rasch die Bahn daran vorbeifährt, so schnell wechselt die Gesinnungslage im Dorf.

Was einen beim Verlassen des Theaters nicht loslässt: Gedanken über die Macht der öffentlichen Meinung, und die ist, sagt Horváth, sagt Preissler, je nach Einflüsterern wetterwendisch. So schnell im „Jüngsten Tag“ jemand verteufelt wird, so schnell ist er rehabilitiert – und umgekehrt. Ein Umstand, an dem sich nichts geändert hat. Die öffentliche Meinung, auch wenn fehlgeleitet, hat das Sagen.

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  1. 2. 2018

Theater zum Fürchten: Der gute Mensch von Sezuan

Dezember 18, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Bert Brecht hochaktuell interpretiert und brillant gespielt

Die Schmarotzer machen sich in Shen Tes Tabakladen breit: Robert Stuc, Christoph Prückner, Marion Rottenhofer, Claudia Marold und Johanna Rehm. Bild: Bettina Frenzel

Bruno Max und das Theater zum Fürchten zeigen nun auch in der Wiener Spielstätte, der Scala, ihre Inszenierung von „Der gute Mensch von Sezuan“, und sie zeigen wie hochaktuell die Parabel von Bert Brecht immer noch ist, wenn man sie richtig interpretiert. Regisseur Bruno Max macht aus dem antikapitalistischen Lehrstück eines über den Neoliberalismus.

Er beschreibt eine Welt, in der Götter nur noch phrasendreschende Populisten sind, und der vielbeschworene „kleine Mann“, trotzdem er sie gewählt hat, auf keinen grünen Zweig kommen wird. Von 1938 bis 1940 hat Brecht mit Ruth Berlau und Margarete Steffin an seinem Theatertext getüftelt, wohl nicht ahnend und sicher kaum hoffend, dass der fast 80 Jahre später nichts an Gültigkeit verloren haben wird. Seine Gesellschaftskritik in eine fiktive chinesische Provinz verlegt, erzählt er von der Prostituierten Shen Te, die als einzige bereit ist, drei durchreisenden Göttern Obdach zu gewähren. Als Dank dafür gibt es einen Geld-Segen, sie kauft darum einen Tabakladen, doch kaum Kleinunternehmerin geworden, stellen sich die Schnorrer aus der Nachbarschaft ein, um ihren Teil am neuen Glück einzufordern.

Die gutmütige Seele sieht sich in die Enge getrieben – und erfindet deshalb einen hartherzigen Vetter namens Shui Ta, der für sie alles Ungemach aus der Welt räumen soll. Als solcher steigt sie sogar zum Fabriksbesitzer auf. Und die einstmals Ausgebeutete wird zum Ausbeuter … Brecht macht es einem mit diesem Werk schwerer als üblich, der berühmte Schlusssatz vom „Vorhang zu und alle Fragen offen“ beschreibt schon, wie sich der Autor jeder Sym-, aber auch Antipathiebekundung für eine seiner Figuren entzieht.

Bei Bruno Max tritt das deutlich zu Tage: Der Turbokapitalismus holt sich ein Opfer nach dem anderen, heißt aber: diese Opfer werden Täter, die alsbald selbst einer „Was geht mich anderer Leute Not an“-Philosophie huldigen. Der starke Mann Shui Ta erscheint zwar ungerufen, doch kommt der Hardliner vor allem in der kleinbürgerlichen Mitte als Stütze für Recht und Ordnung gut an. Dass er das Lumpenpack zu billigen Lohnsklaven umfunktioniert, wird von dieser Seite gerne gesehen. Wer täglich seine Schale Reis will, ist schließlich schon Sozialschmarotzer!

Bernie Feit brilliert als Wasserverkäufer Wang. Bild: Bettina Frenzel

Vetter Shui Ta trifft den Flieger Sun: Johanna Rehm, Regis Mainka und Claudia Marold. Bild: Bettina Frenzel

Schuldig geworden vor allem dadurch, so Brecht/Bruno Max, dass sie die Welt nicht ändern wollen, sondern stehen bleiben, wo man sie hinstellt. Und dem Wasserträger Wang, dem einzigen, der trotz tiefster Armut unbeschadet seinen Götterglauben lebt, wird von den Erleuchteten beschieden, sie seien nur „Betrachtende“ …

Gespielt wird wie stets auf höchstem Niveau. Und jenseits aller Geschlechtergrenzen. Johanna Elisabeth Rehm ist eine filigrane Shen Te, als Shui Ta im Herrenanzug aber fast noch besser und prägnanter. Regis Mainka gibt als Flieger Sun den Kraftlackel vom Dienst, von Anfang an zeigt er, wie berechnend er ist, auch in der Liebe zu Shen Te, so dass sein Wandel zum antreibenden Vorarbeiter in der Fabrik nicht verwundert.

Bernie Feit berührt als Wang, wie immer ist er brillant, vor allem auch im Gesang, den das gesamte Ensemble zu Live-Musik in bester Dessau’scher Manier darbietet.

Grandios auch Hermann J.Kogler, egal, ob er den Barbier als Drogendealer, einen abgehobenen Gott oder eine aufsässige Nachbarin spielt. In Frauenkleidern ebenfalls prachtvoll ist Hans Steuzner als Vermieterin Mi Tsü mit hochmütiger Attitüde. Immer ihren Vorteil zu Nutze macht sich Claudia Marold als Die Shin. Christoph Prückner, Tobias Eiselt, Sonja Sutor, Marion Rottenhofer und Robert Stuc gefallen in jeweils mehreren Rollen als Leute aus dem Viertel.

Dieses hat Marcus Ganser ganz fabelhaft auf die Bühne gestellt. Es nimmt fast Wunder, was diesmal in der Scala alles möglich ist. Der Tabakladen fährt auf Rollen, und sogar regnen kann es immer wieder. Auch dafür gab es am Ende viel Applaus. „Der gute Mensch von Sezuan“ in der Spielart des Theaters zum Fürchten ist ein rundum gelungener Abend. Sehenswert!

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  1. 12. 2017

Theater zum Fürchten: Intendant Bruno Max im Gespräch

November 2, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

 Brecht kredenzt Moral, Gandalf lieber Zwiebelringe

Der Herr der Zwiebelringe: Thomas Marchart, Hans-Jürgen Bertram, Peter Fuchs, Robert Elsinger, Samantha Steppan, Eva-Maria Scholz, Jackie Rehak, Hendrik Winkler und Benjamin Ulbrich. Bild: Bettina Frenzel

Drei Spielstätten betreibt der Verein Theater zum Fürchten: das Stadttheater Mödling, die Wiener Scala und das Theater im Bunker. Das bedeutet mehr Verantwortung bei nicht mehr Geld, und ein Bewegen zwischen roter und schwarzer Kulturpolitik. Eine Herausforderung, die Bruno Max mit herausragenden Produktionen meistert. Am 4. November folgt im Mödling Bert Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“, am 11. November in Wien die Parodie „Der Herr der Zwiebelringe“, eine der berühmten Dinnerproduktionen.

Der Intendant im Gespräch über Kampffelder der ÖVP, warum die FPÖ laut eigener Aussage Kulturförderung prinzipiell ablehnt und bittere Pillen für sein Publikum:

MM: Ihre nächste Premiere ist die Dinner-Produktion „Der Herr der Zwiebelringe“ am 11. 11. Sie dachten sich, zum Faschingsbeginn was Lustiges?

Bruno Max: Wir haben schon so viele Dinnertheater gemacht, wir waren in Kaffeehäusern, in Burgerrestaurants, bei Kannibalen, beim Heurigen, wir haben Picknicks an der Front gemacht, römische Orgien … Nun sollte es einmal was Exotisches sein – ein Mittelerdedinner. Wenn sich Menschen einen Waldspaziergang über 15 Stunden im Kino anschauen können, dann können sie sich auch die gesamte Fantasyliteratur in zwei Stunden geben.

MM: Das führt zur wichtigsten Frage: Was gibt es zu essen?

Bruno Max: Flugsaurier mit Kartuffeln aus dem Auenlande, das ist in Wahrheit Ente, Blaukraut mit Preiselbeeren, und natürlich Zwiebelringe. Zu trinken gibt es Met. Davon haben wir 100 Liter.

MM: Die ersten Fotos zeigen, alles wirkt original – bis hin zu Gollum.

Bruno Max: Ja, der arbeitet für uns schon lange. Wir haben auch einen Drachen und eben Flugsaurier, wir haben alles, auch einen Balrog, aber wir nehmen das Ganze nicht so ernst. Ich bin kein Tolkien-Spezialist, ich habe das Buch vor dreißig Jahren gelesen, und die erste Trilogie im Kino gesehen. Aber die „Hobbit“-Verfilmung war mir dann zu viel: Und sie gehen durch den Wald, und sie gehen durch den Wald, und dann verliert Gandalf seinen Hut, jemand würfelt eine Sechs – und alle müssen zurück an den Start, das war nicht mehr mein’s, ein Kinderbuch auf epische Breite auszuwalzen. Wir haben schamlos Parodien zusammengefügt, ich glaube es ist sehr lustig.

MM: Wie kam’s überhaupt zu der Idee Dinner-Produktion?

Bruno Max: Das weiß ich gar nicht mehr. Weil’s niemand anderer macht. Es ist auch ein enormer Aufwand. Aber mit der nächsten, die am Stadttheater Mödling schon im Juni und in Wien im Herbst zu sehen ist, gehen wir zurück zu den Wurzeln: Sie heißt „Tea and Sympathie“ und es geht um einen britischen High Tea in Zeiten des Brexit, mit sämtlichen britischen Exzentrikern der vergangenen 300 Jahre, seit Königin Henrietta den Tee in England eingeführt hat.

MM: Da beginnen die Vorstellungen um 17 Uhr.

Bruno Max: Das wäre eine Überlegung wert. Jedenfalls gibt es nur Tee und Gurkensandwiches und Plätzchen.

TzF-Intendant Bruno Max. Bild: Bettina Frenzel

Zuletzt zu sehen: „Die Fleischbank“ mit Georg Kusztrich und Michael Reiter. Bild: Bettina Frenzel

MM: Der Spielplan dieser Saison ist dominiert von Alfred Paul Schmidt, Brecht, Horvath, Hochwälder, Boris Vian … Sie glauben an das Theater als politische Institution?

Bruno Max: Nicht in dem Sinne, dass jemand unsere Vorstellung sieht, und hinausgeht und die Weltrevolution erklärt. Das glaube ich nicht, ich glaube, dass man am Theater zu den Bekehrten predigt, weil wer ins Theater geht schon eine grundsätzliche Einstellung zur Kultur und zum Humanismus hat. Zu uns kommen Leute, die man nur darin bestärken kann, dass es Sinn macht, sich mit Empathie für andere Menschen einzusetzen, dass man zuhört, dass man auch mal seine Meinung ändern kann, also eigentlich die Grundlagen einer gewissen Solidarität, die dem Theater innewohnt. Es gibt ein reaktionäres Theater, dass Menschen ausschließlich in ihren Vorurteilen bekräftigt, etwas, das Peter Brook einmal das tödliche Theater genannt hat, aber das ist nie in einem Volkstheater-Begriff anzutreffen, in dem wir arbeiten. So gesehen ist Theater immer neophil und nie neophob.

MM: Das glauben Sie wirklich, dass es in Österreich reaktionäres Theater gibt?

Bruno Max: Na, wir alle kennen doch die Bühnen, in denen die dicke Dame auftritt, und der Komiker zeigt mit dem Finger auf sie und sagt: Hahaha hohoho. Das brauche ich Ihnen doch nicht zu erklären. Es gibt schon Theater, wo Menschen denunziert werden. Aber Theater eignet sich nicht wirklich, um Vorurteile zu bestätigen. Was es machen kann, ist Menschen davon zu überzeugen, ihr Hirn zu benutzen. Und das ist eh  schon was. Wenn man das heute als politisch links betrachtet, dann frage ich mich, wo die Mitte abgeblieben ist.

MM: Mit ihren zwei Ganzjahres- und der Sommerspielstätte in Wien und Niederösterreich sind Sie mit roter und schwarzer Kulturpolitik befasst. Welche ist besser?

Bruno Max: Ich bin gar nicht mit Kulturpolitik befasst, ich weigere mich. Ich kriege gerade so viel Geld, dass sich die, die es uns geben nicht dafür schämen müssen. Es ist trotzdem nicht viel: Für Wien 320.000 €, von Mödling 350.000 €, vom Land Niederösterreich für unsere beiden Spielstätten in Niederösterreich etwa dieselbe Summe und vom Bund 130.000 €. Das heißt, wir erwirtschaften ungefähr ein knappes Drittel von dem, was wir brauchen selbst. Was für ein Nahversorger Theater, das Anspruch und Programm hat, das nicht nur Unterhaltung, sondern auch Haltung liefern möchte, ganz gut ist. Ich bin nicht einer, der in Wien rot und in Niederösterreich schwarz ist. Wenn ich das könnte, wie es ja einige Leute gibt, die das können, die am SPÖ-Landesparteitag sprechen und im Personenkomitee vom Erwin Pröll waren, wäre mein Leben leichter. Ich habe das nie gewollt, ich habe zwar schon Angebote in der Richtung bekommen, aber die waren finanziell immer viel zu niedrig, als dass es sich lohnte ohne Parteipräferenz erworbene Ansprüche gegen so etwas zu tauschen.

MM: Die mäßige Subvention ist umso bedauerlicher, als sie ein großer Arbeitgeber sind. Die Liste der Schauspieler, die bei Ihnen schon gewirkt haben, kann man gar nicht zählen.

Bruno Max: Es sind bald 500 Schauspieler, die in den vergangenen zwanzig Jahren hier gearbeitet haben. Wir haben im Jahr etwa 80 Rollen zu vergeben, ohne den Bunker, der zusätzlich 70 bis 80 Mitwirkende hat. In schlechten Monaten haben wir 30 Angestellte, in guten Monaten haben wir 50. Angestellte! Wir versuchen nicht mit Kooperationsverträgen oder ähnlichem durchzukommen. Als das geändert wurde, weil wir eine gewisse Größe überschritten hatten, hat uns in Wien niemand extra Geld dafür gegeben, dass wir anstellen. Trotz 50 Prozent höherer Lohnkosten. Ich bin seit 1995 in der Scala, die früher ein Boxklub war. Mir wurde nie ein Theater gegeben, ich habe immer Theater gebaut, selbst in Mödling. Das Haus war, bevor wir kamen, ein leerer Mehrzwecksaal. Alles, was darin jetzt Theater ist, haben wir uns erarbeitet. Und die Schauspieler sind froh, dass es nun eine durchgehende Versicherung gibt, die einmal einen Krankenstand möglich macht.

MM: Hinter den Kulissen?

Bruno Max: Arbeiten wir minimalst. Wir haben zwei Vollzeitkräfte in der Verwaltung für drei Theater, die auch den Kartenverkauf stemmen, ich habe einen Putzmann, der beide Häuser reinigt, ich habe zwei angestellte Techniker für beide Häuser, die helfen einander gegenseitig. Und mich gibt es noch. Ich habe vor Jahren aufgegeben, mir Gagen für Regie und Bühnenbild auszuzahlen, weil die SVA mir das ohnedies wegnimmt. Die Sache ist ja so, dass man gar nicht in der Lage ist, um höhere Subventionen einzureichen. Bei der Stadt Wien ist es so, dass die sagen, was man kriegt, und dann muss man schauen, dass man mit seiner Kalkulation dahin kommt. Das ist sehr pervers, weil es ein bisschen was davon hat, dass ein Verhungernder schriftlich bestätigen muss, dass er auf Diät ist hat.

MM: Und die Auslastung?

Bruno Max: Geht konstant nach oben. Wir haben die vergangene Produktion in Mödling ausverkauft zugesperrt. Ich glaube, das liegt auch daran, dass wir den kontinuierlichen Austausch mit dem Publikum suchen, anders als ein einzelnes Stück abzuschießen und nächste Woche mit einem anderen Gemischtwarenladen zu kommen.

Mit waschechtem Gollum …: Thomas Marchart und Peter Fuchs. Bild: Bettina Frenzel

… und einem wirklichen Drachen: Hans-Jürgen Bertram. Bild: Bettina Frenzel

MM: Sie selbst stemmen zweieinhalb Intendanzen, vier Inszenierungen im Jahr und einmal, zweimal treten Sie auch als Schauspieler auf. Wie geht sich das aus?

Bruno Max: Und ich mache meistens noch zwei Bühnenbilder. Es geht sich aus. Ich lebe halt sieben Tage die Woche im Theater. Gottseidank ist meine Frau selber Schauspielerin und versteht das und arbeitet mit und spielt mit. Aber jetzt beispielsweise, wo ich in Mödling eine große Premiere und in Wien die „Zwiebelringe“ habe, wird’s definitiv der gewöhnliche 13-Stunden-Tag.

MM: Haben Sie bei den „Zwiebelringen“ auch einen Gastauftritt?

Bruno Max: Nein, aber es gibt sehr viele Soundeffekte, und ich sitze bei den meisten Vorstellungen daneben und sorge dafür, dass sämtliche Zaubertricks funktionieren. Wir machen jedes Jahr ein Minimum an drei Ur- und Erstaufführungen, die anderen sind Texte, an die sich andere Truppen höchstens in Form von Überschreibungen heranwagen. Mir ist es wichtig, dass zum Theater auch ein Autor gehört, und man dessen Absichten nicht sklavisch folgen, aber hören muss. Beispielsweise ist es jetzt sehr schwierig, wir planen als nächste Mödling-Premiere Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ …

MM: Und die Brecht-Erben …?

Bruno Max: Gar nicht. Die Dessau-Erben. Außerdem ist es schwierig, den guten Menschen nicht als Gutmenschen, der die Schnorrer durchfüttert erscheinen zu lassen, und Applaus von der falschen Seite zu bekommen. „Wackerer Kapitalist bringt arbeitsscheues Gesindel am Ende zum Hackeln“, das kann’s nicht sein. Das ist schwer, wie Brecht selbst weiß. Wenn’s heißt: „Wir sind zerschmettert  und nicht nur zum Scheine! Wir stehen betroffen: Der Vorhang zu und alle Fragen offen. Sucht euch selbst den Schluss, es muss ein guter da sein. Muss, muss, muss!“ Das ist einmal ein Brecht, wo der Brecht nicht so selbstbewusst erscheint. Brecht ist ein Aufklärer. Die Aufklärung will die Herausführung des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit – und Brecht würde das selbstverschuldet nicht unterschreiben, weil die Gesellschaft das verschuldet. Die Menschen sind schlecht aus der Not …

MM: Von Brecht gibt es auch das Zitat der „allerdümmsten Kälber“. Was erwarten Sie als Kulturschaffender von der kommenden Politik?

Bruno Max: Das ist schwer zu sagen. Kultur war nie ein Kampffeld für die ÖVP. Im Gegenteil, es ist uns in Wien unter einem schwarzen Kulturstadtrat nicht schlechter gegangen. Es war sogar leichter den Diskurs zu finden, aber das liegt an der jeweiligen individuellen Schwerpunktsetzung. Die FPÖ hat eine Ansage gemacht, dass sie prinzipiell Kulturförderung ablehnt, Kultur soll sich selbst finanzieren, mit der Begründung, Theater kommt in erster Linie den Wohlhabenden und Gebildeten zugute, weil wer anderer geht nicht hin. Unsere Kartenpreise beginnen für die Nichtwohlhabenden bei null Euro. Wir haben das Abkommen mit „Hunger für Kunst und Kultur“, bei uns kann man mit entsprechender Berechtigung auch beim Dinnertheater umsonst reingehen. Da rufen schon Leute an und sagen zwei Mal Abendessen umsonst plus Theater, das ermöglichen wir auch. Unsere teuerste Karte in Mödling kostet 30 Euro – also so viel von wegen die Wohlhabenden. Und was die Unbildung betrifft, das ist nichts Respektables. Vielleicht nichts Selbstverschuldetes, aber nichts auf das man stolz sein sollte.

MM: Wie also sehen Sie Ihr Theaterpublikum?

Bruno Max: Unser Publikum sind Menschen, die bereit sind, sich eine Geschichte erzählen zu lassen, und nicht von vorneherein ihr Vorurteil mitbringen und darüber nicht diskutieren wollen. Im Theater trifft man die Menschen aufmerksam, niemand geht ins Theater, um nicht zuzuhören. Das ist spannend, und vielleicht nicht immer im Sinne der Politik, aber teilweise kann man den Leuten Ideen nahebringen, die ihnen vor dem Kommen noch nicht nahe waren. Damit Sie sagen, da schau her, das habe ich noch gar nicht bedacht. Und das machen wir mit guter Unterhaltung: Ihnen mit einem Stück Zucker auch bittere Pillen zu verabreichen.

Die Rezension „Der Herr der Zwiebelringe“: www.mottingers-meinung.at/?p=27270

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2. 11. 2017

Theater zum Fürchten: Die Fleischbank

Oktober 8, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der kleine Mann hat’s Hackl im Kreuz

Ein Fleischhauer am Rande des Nervenzusammenbruchs: Georg Kusztrich. Bild: Bettina Frenzel

Das Theater zum Fürchten zeigt in seiner Wiener Spielstätte, der Scala, Alfred Paul Schmidts Groteske „Die Fleischbank“. Als Ballade bezeichnet der Autor selbst seinen Text, Moritat könnte man auch sagen, schildert Schmidt doch Aufstieg und Untergang eines, dem das Leben nichts geschenkt hat: Der Favoritner Fleischhauer Arnulf ist Schmidts Anti-Held. Dem Kleingewerbetreibenden, braver Steuerzahler und gehorsames Innungsmitglied, ist die Welt abhanden gekommen. Als ehrliche Haut erniedrigt, als immer nur Durchschnittlicher zum Dulden verdammt, beginnt er sich selbst zu ermächtigen. Mittels Mord.

Eine wahre Begebenheit aus dem Jahr 1974 liegt Schmidts Stück zugrunde. Da verschwanden in Graz zwei – damals gab’s das noch – Geldbriefträger und mit ihnen beinah 400.000 Schilling. Als Täter wird der Fleischer Karl H. ausgeforscht und zu lebenslanger Haft verurteilt … Es ist fein, dass das Theater zum Fürchten an der Wiederentdeckung Alfred Paul Schmidts arbeitet. 1941 in Wien geboren, kam er über die Umwege diverser Studien und Gelegenheitsjobs zum Schreiben. Seit 1975 lebt er in Graz, und gilt als das widersprüchlichste Mitglied der von Alfred Kolleritsch so genannten Grazer Gruppe.

Das Schweinchen weist den Weg in den Wahnsinn: Lara Buchsteiner. Bild: Bettina Frenzel

Arnulf mordet und seine Schweinchen schauen zu: Georg Kusztrich. Bild: Bettina Frenzel

Seinen Werken eigen sind der weitgehende Verzicht auf eine herkömmliche Handlung, dafür der exzessive Einsatz burlesker, possenhafter Mittel, um vorgeblich fiktives Geschehen zur Wirklichkeit zu entstellen. Das alles kommt dem Theater zum Fürchten sehr entgegen, das mit der Inszenierung von Peter M. Preissler seinem Namen mehr als gerecht wird. Preissler, der auch bei der Uraufführung 1984 am Akademietheater Regie geführt hatte, setzt in der Scala auf Grauen, Gruseln, Gänsehaut. In halluziniert albtraumhaften, in gespenstisches Grün getauchten Szenen geht Arnulf seinem tödlichen Geschäft nach. Auf dem Dreirad umschwirrt, auf dem Akkordeon begleitet von einem Schweinchen im rosa Tutu (Lara Buchsteiner), mit deren mehrerer vom Wahnsinn umzingelt.

Preisslers exemplarische Aufführung lässt das Stück in seiner Zeit. Marcus Ganser und Prinzipal Bruno Max haben für Schmidts schwarzhumorigen Volksstück-Psychothriller ein steril-tristes Bühnenbild erdacht. Eine weiß gekachelte Fleischerei, die von der Theke über die Eskimo-Kühltruhe bis zum Wandtelefon 1970er-Jahre atmet; auf einer Angebot-des-Tages-Tafel wird das „Leberkässemerl“ um 6,50 Schilling angepriesen. Doch die Parabel auf den „kleinen Mann“, der das Hackl, das das Leben ihm permanent ins Kreuz haut, endlich zwischen anderer Leute Schulterblätter versenkt, ist zeitlos. Weil’s, siehe jüngst Las Vegas, mit jedem jederzeit passieren kann. Arnulf ist aus dem Stoff, aus dem die Amokläufer sind, und „Ana hat immer des Bummerl“, Horst Chmelars Gassenhauer, die Begleitmusik durch seine patscherte Existenz. Georg Kusztrich ist als Arnulf fulminant. Im Infight mit sekkanten Kunden, einer liederlichen Lebensgefährtin und einem „besten Freund“, der das Vorhandensein von Feinden überflüssig macht, ist er der ewige Verlierer.

Einmal ein Glück im Leben haben: Georg Kusztrich und Leopold Selinger als Vokuhila-Haberer Heinz. Bild: Bettina Frenzel

Das Selbstbewusstsein steigt, das Opfer kommt in Klarsichtfolie: Kusztrich und Michael Reiter. Bild: Bettina Frenzel

Kusztrich changiert in der Rolle zwischen tief depressiv, dann wieder aufmüpfig-aggressiv, verletzt und verzweifelt. Er erschreckt mit der Vehemenz seines Spiels. Er gestaltet auf höchstem darstellerischen Niveau das Psychogramm eines „armen Würschtls“, das zum Psychopathen wird. Kaum zum Killer avanciert, fühlt sich Arnulf wie ein allmächtiger Erlösergott. Das Selbstgewusstsein wächst, der Mord mutiert für ihn zur Machtdemonstration, wird letztlich zur guten Tat. Dieser Briefträger mit seiner hirndepperten Frau hatte doch ohnedies keinen leidensfreien Tag! In einer Allmachtsfantasie sprudelt es aus Arnulf: „Endlich hob i wos gmocht wos nua i vasteh … Durch dein Tod bin i auf die Wöd kumman. I bin aus mia söba ausikrochen – du woast die Hebamm“. Und während er moralisch-menschlich ungerührt sein Opfer in Klarsichtfolie verpackt, singt er das Schubertlied. „Du bist die Ruh, der Friede mild …“

Mit Kusztrich agiert das bestens aufgelegte TzF-Ensemble. Christina Saginth spielt Arnulfs Freundin Hedwig in Ledermini und waffenscheinpflichtiger Bluse hart am Flitscherl. Die gefährliche Liebschaft ist im Betrieb für die Buchhaltung zuständig, eine Gefälligkeit, für die sie tief ins Fleischergeldbörsel greift. Ihr schließt sich Leopold Seliger als hinterlistiger Haberer Heinz (mit großartiger Vokuhila-Frisur und riesigem Proleten-Schnauzbart) an, der für einen beim Karate-Training einkassierten Gipsarm von Arnulf Schmerzensgeld haben will. Als der neue Arnulf ihn entlarvt, erkennt er ihn als einen „dea zittat nach innan wia a Lampelschwaf, oba noch außen tuat a wia da Tegetthoff am Proterstern“. Doch die Halbseidene und der Kleinkriminelle sind nur zwei aus der Menge der Peiniger – allesamt sind sie Menschen, die selber auf der Schattenseite stehen.

Hedwig träumt von der Heirat: Christina Saginth und Georg Kusztrich. Bild: Bettina Frenzel

Doch der Kommissar hat die Spur aufgenommen: Georg Kusztrich und Karl Maria Kinsky. Bild: Bettina Frenzel

Das macht vor allem Birgit Wolf als verteufelt redselige Kundin Frau Dalma deutlich. Von ihrem Mann offenbar gepiesackt, brodelt es unter ihrer in Loden gewandeten Biederfrau-Fassade nicht weniger als unter der Arnulfs, nur ist sie zum Ausbruch noch nicht bereit … Bernie Feit brilliert als penetrant seine Obrigkeit verströmender Innungsfunktionär Bunderit und als Behinderter, der Zeter und Mordio schreit, als ihm Arnulf unbedarft die Frage stellt: „Wie is‘n des, wann ma waaß, dass ma bleed is?“ In ihrer Art scheinen viele der Schmidt’schen Charaktere – dies freilich auch dank der Kostüme von Alexandra Fitzinger und der Maske von Gerda Fischer und Monika Krestan – einem der „Tatorte“ rund um Oberinspektor Marek und Bezirksinspektor Wirz entsprungen, und tatsächlich hat Schmidt für die erfolgreiche TV-Krimireihe geschrieben.

Direkt aus dem „Kommissariat 24“ kommt offenbar Karl Maria Kinsky als urig-gemütlicher Kommissar in die Buchengasse. Kinsky macht seine beiden Auftritte zum Kabinettstück, wunderbar die skurrile Szene, als er den Täter entlarvt habend, nun aber völlig überfordert und hyperventilierend nach seinen Kripo-Kollegen ruft. „Geh, na! Na!“, entschlüpft es ihm. Der Mörder gefasst? Soviel Action hat er echt nicht gewollt … Michael Reiter und Florian-Raphael Schwarz sind als Briefträger von ihrem Amt gezeichnet, der junge Studienabbrecher um nichts weniger, als der Dienstältere, dem die schwere schwarze Tasche bereits den Rücken krumm und die Füße platt gemacht hat. Der Pletterscheck und seine Weinerlichkeit – sie waren Grund genug, zuzuschlagen. Mehr braucht es oft nicht zur Brutalität. Die private Malaise verlangt nach einer Bluttat, in Revolverblättern täglich nachzulesen. „Die Fleischbank“ erzählt von einem Menschen, der sich nicht holen kann, was ihm zusteht … obwohl er immer getan hat, was richtig ist … Großer Applaus fürs ganze Team.

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  1. 10. 2017

Theater zum Fürchten: Tschechow in Jalta

April 26, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Als wär’s ein Original vom russischen Dramendichter

Philosophieren und politisieren am Meer: Florian Graf als Gorki, Dirk Warme als Tschechow und Hendrik Winkler als Bunin. Bild: Bettina Frenzel

Das Theater zum Fürchten zeigt an seiner Wiener Spielstätte, der Scala, derzeit als österreichische Erstaufführung „Tschechow in Jalta“. Das ist auch deswegen charmant, weil die älteste und größte freie Theatercompagnie des Landes heuer schon Tschechows „Onkel Wanja“ auf dem Programm hatte, inszeniert vom selben Regisseur, Rüdiger Hentzschel.

Und mit Dirk Warme als Wanja, nun Tschechow, Rainer Doppler als Ástrow, nun Nemirowitsch-Dantschenko, oder Sonja Kreibich als Sonja, nun als Stanislawski-Gattin Lilina, auch vom identen Personal gespielt (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24032). „Tschechow in Jalta“ stammt aus den Federn der britischen Dramatiker John Driver und Jeffrey Haddow. Sie haben verschiedenste Quellen genau studiert, Olga Knippers Memoiren und ihren Briefwechsel mit Tschechow, die Lebenserinnerungen seiner Schwester Mascha, Aufzeichnungen von Stanislawski und des Tschechow-Freundes und späteren Nobelpreisträgers Bunin – die beiden haben in ihr Stück so zahlreich biografische Details eingearbeitet, dass man versucht ist zu sagen: So wird es ja wohl gewesen sein.

Der Plot ist schnell erzählt und beruht auf einer wahren Episode aus Tschechows Leben im April 1900: Der unheilbar an Schwindsucht erkrankte Arzt und Autor lebt zur Kur auf Jalta. Er verbringt seine Tage mit den Schriftstellerkollegen Maxim Gorki und Ivan Alexejewitsch Bunin. Da kommt unerwarteter und äußerst aufdringlicher Besuch: Das gesamte Moskauer Künstlertheater reist an, um dem „verehrten Meister“ seine Aufwartung zu machen und in der Stadt „Onkel Wanja“ aufzuführen. Allen voran der egozentrische Direktor Stanislawski, der sich als sensibler Künstler gibt, doch seine eigene Frau seelisch verkümmern lässt, mit von der Partie ist aber auch die Diva Olga Knipper, die so gern Frau Tschechow werden möchte. Weitere Rotten lästiger Schauspieler verleiden Tschechow die Rekonvaleszenz, und schließlich treibt sich auch noch die Geheimpolizei in der Nachbarschaft herum, weil so viel Theatertieren auf einem Fleck sowieso nicht zu trauen ist.

Drei Frauen um Tschechow: Sonja Kreibich als Lilina Stanislawski, Birgit Linauer als Mascha und Monica Anna Cammerlander als Olga Knipper. Bild: Bettina Frenzel

Der ewige Konflikt Autor gegen Theaterdirektoren: Rainer Doppler als Nemirowitsch, Randolf Destaller als Stanislwaski und „Gorki“ Florian Graf. Bild: Bettina Frenzel

Driver und Haddow haben ein Stück geschaffen, das alle Elemente enthält, wie sie Tschechow selbst mit Vorliebe schrieb. Motive aus „Die Möwe“, „Die drei Schwestern“ oder „Der Kirschgarten“ schimmern durch die Handlung, Tschechows ewige Selbstbehauptung „Ich schreibe Komödien“ und ergo seine Unzufriedenheit mit den Regiearbeiten Stanislawskis und dessen Hang zu „langweiligen Pausen“ und Tränenauflösung des Publikums, die seltsame Ménage à trois mit seiner altjungferlichen Schwester Mascha und seiner heiß angebeteten Olga.

Nichts tut sich, keiner bewegt sich, alles ist Ennui, die Sorgen sind die einer vorrevolutionären Bourgeoise, nicht eines geknechteten Volkes, und Sätze fallen, wie vom russischen Dichterfürsten original verfasst: „Wie können wir nur leben in dieser Hoffnungslosigkeit …?“ – „Tschechow in Jalta“ ist wie jeder Tschechow ein schönes Konversationsstück, nur ohne eigentlich ernsthaft Inhalt. Alles atmet Birkenallee und Balaleikaklänge, doch werden diese Klischees sofort mit kleinen boshaften Seitenhieben konterkariert.

Es geht um Eitelkeiten, Rivalität und Eifersüchteleien am Theater, die Jagd nach Erfolgsstücken und das Ringen um Auslastungszahlen. Es geht um den immerwährenden Konflikt Autor-Regisseur und Regisseur-Finanzdirektor – und die Schauspieler gegen alle, die sie an ihrer Mimenwürde zu kratzen wähnen. Es geht um Mascha will Bunin, der sie nicht, Lilina betrügt Stanislawski mit Nemirowitsch, dem ist aber der künstlerische Männerbund wichtiger, als der zu einer Frau, und am Ende findet sich doch zumindest ein großes Liebespaar.

Rüdiger Hentzschel inszeniert die Tragikomödie denn auch wie ein Tschechow-Drama. Sein Bühnenbild ist entzückend naturalistisch, ein an eine Nobelvilla angeschlossener Garten mit Meerblick, eine der schönsten Szenen die, wie Tschechow, Bunin und Gorki dieses Meer aus jeweils ihrer gesellschaftspolitischen Sicht beschreiben. Das sagt beinah schon so viel über die russische Seele und deren Verwandtschaften, wie das Studium des gesamten Tolstoi. Der Titan samt seiner an einer Magenverstimmung laborierenden Ehefrau schwebt übrigens über dem Stück – durch ewige Abwesenheit glänzend, aber scheußliche Porträts verschenkend.

Hentzschel hat wie stets mit seinem Ensemble exakt gearbeitet; er versteht es, mit zwei, drei Handgriffen eine Figur entstehen zu lassen, einen Charakter plastisch zu erzählen, und so genügt ihm auch hier wenig, um vieles auszudrücken. Dirk Warme ist ein von seinem Ruhm unangenehm berührter Star, ein ständiger Flüchtling vor der ihm drohenden Aufmerksamkeit seiner Mitmenschen. So spröde und unfreundlich er sich aber auch gibt, so lakonisch-trocken seine Antworten aufs Leben auch sind, kann der Humanist dennoch nicht verschleiern, dass für ihn der gute Mensch nicht vom großen Künstler zu trennen ist. Monica Anna Cammerlander gibt eine Olga, die, weniger karrieregeil als man’s dem Original mitunter unterstellt, diese besten Seiten im Manne wecken will.

Fjokla belauscht Lilina und Mascha in der Hoffnung auf gute Theatertipps: Samantha Steppan, Sonja Kreibich und Birgit Linauer. Bild: Bettina Frenzel

Florian Graf ist als Gorki ein Salonrevoluzzer, ein Beaujolais-Trinker in seidener Bauernbluse, sein Gegenstück, Hendrik Winkler als Bunin, ein zynischer Bonvivant, der sein Dasein als „bürgerlicher Dinosaurier“ wenigstens offen zur Schau trägt. Es macht Spaß, zu sehen, wie sehr manche Darsteller ihren Vorbildern auch optisch ähneln.

Allen voran Graf-Gorki, aber auch Rainer Doppler als MChAT-Verwaltungsdirektor und Lilina-Verführer Nemirowitsch oder Birgit Linauer als missgelaunte, weil immer von Neuem sitzengelassene Mascha. Randolf Destaller ist ein hinreißend selbstverliebter Stanislawski, der nicht ans Vaudeville glauben will. „Sie begreifen die Tiefe Ihrer eigenen Begabung nicht“, ruft er Tschechow auf dem Höhepunkt der Dramatik hochtrabend zu. („Die Wahrheit kann komisch sein, ja sie ist sogar lächerlich“, gibt Tschechow darauf, wie man weiß, zurück.) Später aber, als er von „Lilina“ Sonja Kreibich als Hahnrei enttarnt wird, wird er berührend kleinlaut sein.

Neben Florian Lebek und Max. G. Fischnaller als Schauspieler Luschki und Moskvin gelingt Samantha Steppan als Tschechows Dienstmädchen Fjokla ein Kabinettstückchen. Das so kokette wie naive Kammerkätzchen hat es sich nämlich in den Kopf gesetzt, ebenfalls zur Bühne zu gehen, und so fällt sie – als Zeichen ihres „Talents“ – zu jeder unpassenden Gelegenheit und zum Erstaunen ihrer Umwelt in höchst hysterische Ohnmachten. Ein Spaß ist das. Einer, den man gesehen haben sollte.

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Wien, 26. 4. 2017