Volksoper: Vivaldi – Die fünfte Jahreszeit

Juni 13, 2017 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Hohepriester des Glamrock

Drew Sarich als Antonio Vivaldi und Morten Frank Larsen als Kardinal Ruffo mit dem Jugendchor der Volksoper. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Es ist schwer, etwas zu schreiben, wenn ringsum alles ständig in frenetischen Jubel ausbricht. Aber ehrlich, „Vivaldi – Die fünfte Jahreszeit“, das ist, als wäre die Wallgasse explodiert, und große Brocken davon hätten die Währinger Straße applaniert. Die Neuerfindung BaRock-Oper ist nicht einmal ein One-Hit-Wonder, einfach, weil nicht einer drin ist. Christian Kolonovits hat einen wabernden Soundteppich komponiert.

Achtziger-Jahre-Glamrock-Bombast, aus dem ab und zu ein Stückl Vivaldi hervorlugt. Die vier Jahreszeiten, meist der – Achtung, doch ein Ohrwurm – Frühling, weil der ja aus Werbung und Fahrstühlen bestens bekannt. Dazu hat Angelika Messner ein Reim-dich-oder-ich-fress-dich-Libretto verfasst. Es ist ein Glück, dass es in Brocken oft edle Einschlüsse gibt, und als ein solcher entstieg Drew Sarich der musikalischen Tonnenlast und brachte die Volksoper zum Funkeln.

Die Handlung von „Vivaldi“ ist nicht nur ein Mix aus Fakt und Fiktion, sondern gleichsam die Skript gewordene Matrjoschka-Puppe: Es gibt nicht eine Klammer, sondern zwei. Eine venezianische Girl Group kommt nach Wien, wo Vivaldi 1741 gestorben ist, um die Partitur zur mysteriösen „Fünfen Jahreszeit“ zu suchen. Stattdessen findet sich ein Tagebuch von Paolina Girò, Vivaldis Haushälterin und Schwester seiner Muse und großen Liebe Annina. Die Mädchen lesen – und treffen auf einen gealterten Vivaldi, der Goldoni seine Lebensgeschichte erzählt, damit der daraus ein Theaterstück macht. Wirklich war Goldoni zwei Mal Librettist für Vivaldi – und beide Male ging’s nicht ohne Reibereien ab.

Vivaldis Lebensbericht beginnt bei seinen Jahren als Wunderknabe, Priesterweihe, Leitung des Mädchenorchesters des Ospedale della Pietà, die Girò-Schwestern, Ruhm, Hochmut, Fall – weil seine Musik im Laufe der Jahre aus der Mode kam, Rom, Demütigung, Wien in Hoffnung auf den Kaiser, der stirbt erst, dann Vivaldi. Goldoni ist dem Geschehen zu diesem Zeitpunkt bereits irgendwie abhanden gekommen. Aber die Mädchen! Haben erkannt! „Die fünfte Jahreszeit“ sind … na? na? – genau! Dass sich das Ganze allem Anschein nach bierernst nimmt, macht die Sache nicht besser, eine tatsächlich witzige Szene von halbnackten römischen Kardinalen in der Sauna (in der sich „heiß“ sehr günstig auf „Schweiß“ reimt) wirkt dadurch wie ein Fremdkörper.

Rebecca Nelsen (Annina Girò), Drew Sarich (Antonio Vivaldi). Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Boris Pfeifer (Carlo Goldoni / Kaiser), Drew Sarich (Antonio Vivaldi), Rebecca Nelsen (Annina Girò), Julia Koci (Toni / Paolina Girò), Chor. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Drew Sarich (Antonio Vivaldi), Komparserie. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Der historisch belegte Umstand, dass da ein geweihter Priester jahrelang eine ménage à trois lebte, wird als Reibefläche verschenkt. Ebenso die – nicht belegten – pädophilen Neigungen von Vivaldis Mentor Kardinal Ruffo. Auch der in Rom verlangte Sangeswettstreit Koloratursopran vs Kastrat wird nicht ausgereizt. Seufz. Mehr Steilvorlagen hat der Stoff nicht. Vivaldis Leben, lucky him, ist ungefähr so konfliktbelastet wie eine gutbelegte Quattro Stagioni. Um das wenige, das da ist zu unterstreichen, stürzt sich die Regie auf greifbare Stereotype:

Drew Sarich steigt direkt aus dem Totenkopf-Tank-Top in die Soutane. Huch, welch ein Rebel! Christoph Cremers weitere Kostüme schwelgen in grellen Pink-Gelb-Kombinationen von Minirock und Krinoline, dazu schrille Falco/Amadeus-Perücken.

Wer’s tatsächlich rausreißt, sind die Darsteller. Drew Sarich ist ein sexy Priester-Punk, der sich, wenn recht gehört, bis zum Hohen H emporschraubt. Sein spitzbübischer Charme, mit dem er den Prete Rosso ausstattet, sein Bühnencharisma sind wie immer unübertroffen. Boris Pfeifer brilliert als pfiffiger Goldoni, ein Spielmacher, der über die Bühne turnt – und in Ermangelung des echten, die Persiflage eines Kaisers gibt. Rebecca Nelson und Julia Koci sind schön stimmgewaltig als Annina und Paolina, Koci rockt als Toni auch noch als Teil der Girl Group.

Der Mädchenchor der Volksoper ist musikalisch hinreißend und teenagerzickig sympathisch. Und Countertenor Thomas Lichtenecker als Paradiesvogel-Kastrat Cafarelli holt einen im Wortsinn aus dem Sitz. Schade, dass er nur einen Song hat. Morton Frank Larsen ist als Kardinal Ruffo der sinistre Bösewicht des Stücks, allerdings erscheint die Partie für ihn ein wenig zu tief.

Der vielleicht schönste Auftritt in „Vivaldi“ ist der von Annina beim Vorsingen. Da kommt sie „verkleidet“ als große Diva, bis Vivaldi ihr sagt, sie solle die Perücke runterräumen und aus dem Fummel steigen: „Du musst dich von allen Klischees befreien!“ Was soll man sagen? Annina hat’s getan …

www.volksoper.at

Wien, 13. 6. 2017

Inside WikiLeaks – Die fünfte Gewalt

November 6, 2013 in Film

VON RUDOLF MOTTINGER

Benedict Cumberbatch ist schöner als Julian Assange

Und das war’s dann auch schon so ziemlich.

Julian Assange (Benedict Cumberbatch) Bild: © 2013 Constantin Film Verleih GmbH

Julian Assange (Benedict Cumberbatch)
Bild: © 2013 Constantin Film Verleih GmbH

Die Filmfirma war erwartungsgemäß aus dem Häuschen und verstieg sich zu folgenden Formulierungen: „Jede Generation bringt einen Rebellen hervor, der die Spielregeln der Macht verändert und dabei zu etwas Größerem als er selbst wird – für die einen zu einem visionären Symbol der Hoffnung, für die anderen zu einem gefährlichen Staatsfeind.“ Julian Assange – weißhaarig, in Australien geboren, wahlweise cleverer Hacker, nonkonformistischer Revolutionär, leidenschaftlicher Idealist, Medienpionier von historischem Rang, arroganter Unruhestifter, paranoider Exzentriker oder Gesetzloser. Und zutiefst überzeugt, dass ein Film über seine Figur schief gehen musste. Was „Inside WikiLeaks – Die fünfte Gewalt“ denn auch tat. Denn wie über die geheimnisvollsten Geheimnisse und deren Träger schreiben? Da steht man vor verschlossenen Türen. Keine Assange-Bio, an der Julian was Gutes gefunden hätte. Auch ein Treffen mit seinem Kino-Alter-Ego Benedict Cumberbatch soll er verweigert haben. Im Gegenteil: Er soll von seinem Zufluchtsort in der ecuadorianischen Botschaft versucht haben, Cumberbatch vom Dreh abzubringen – vergebens. So kämpft der – wobei man ihm zugegeben stundenlang zuschauen könnte, ein Beispiel: auf einem Hacker-Kongress beginnt er, wenig vorteilhaft zu tanzen, aber trotz schlackernder Arme und kreisender Hüften schafft er es, seine Freunde auf die Tanzfläche zu locken. Da lässt sich etwas von Assanges androgynem Sexappeal erahnen, ein wichtiger Faktor in seiner Wahrnehmung als Pop-Ikone ist – auf verlorenem Posten. Sucht nach Wesenszügen eines Wesens, dass ihm fremd geblieben ist. So kippt die Stimmung immer mehr Richtung Anti-WikiLeaks. Tschuldigung, wer waren hier noch mal die Guten? Im Western sind es doch die mit den hellen Hüten, äh Haaren. Die Geschichte beginnt, als sich WikiLeaks-Gründer Julian Assange (Benedict Cumberbatch) und sein Kollege Daniel Domscheit-Berg (Daniel Brühl) zusammentun, um aus dem digitalen Untergrund heraus die Privilegierten und Mächtigen dieser Welt zu überwachen. Mit minimalsten Mitteln entwerfen sie eine Internet-Plattform, die es Whistleblowern erlaubt, anonym jene Daten zu veröffentlichen, die dunkle Regierungsgeheimnisse und Industrieverbrechen ans Licht zerren. Schnell decken sie mehr Nachrichten auf als die bekanntesten Medien der Welt. Doch als Assange und Domscheit-Berg Zugang zur größten Ansammlung vertraulicher Geheimdienst-Dokumente in der US-Geschichte bekommen, überwerfen sie sich über eine der entscheidenden Fragen unserer Zeit: Welche Bedeutung haben Geheimnisse in einer freien Gesellschaft? Und welche Folgen hat es, sie zu enthüllen? Assange weiß es, wir werden’s nie erfahren …

Cumberbatch über seine Rolle: Cumberbatch war von dem Stoff auf Anhieb begeistert: „Die Geschichte erzählt von diesem einschneidenden Moment, den wir gerade in der Politik, den Medien und allgemein unserer modernen Geschichte erleben. Aber sie handelt eben auch von einer Freundschaft, die inmitten all diesen Veränderungen eine Krise erlebt.“ Dass Assange eine umstrittene Person ist, war ihm selbstverständlich klar. Doch er fand auch viele Seiten an diesem Mann, die ihn für ihn einnahmen, nicht zuletzt seine Bereitschaft, seine Ideale offen auf den Tisch zu legen und zu handeln, wo andere nur schweigen. „Eine Idee wie die für WikiLeaks zu haben, ist eine Sache“, meint Cumberbatch. „Aber sie auch umzusetzen – und das auf dem Niveau und mit der Hartnäckigkeit, wie Assange es getan hat – ist eine ganz andere. Ich habe deswegen höchsten Respekt vor ihm. Es war sein Gedanke, den Informationsfluss zu erhöhen, um mehr Gerechtigkeit zu erreichen. Und ganz gleich, in welchem Licht man ihn als Person betrachtet, wird diese Idee fortan unsere Geschichte prägen.“ Dennoch war sich Cumberbatch darüber bewusst, dass er vor einer beängstigenden Aufgabe stand. Immerhin würde er einen Mann verkörpern, der neben Respekt auch sehr viel Ärger und Hass provoziert – und der seinerseits jede Darstellung seiner selbst durch Autoren, Dokumentaristen und andere stets abgelehnt hat. „Nach einem kurzen Moment der Euphorie wurde ich beinahe panisch, weil ich nicht wusste, wie ich das anstellen sollte“, erinnert sich der Schauspieler. „Diese Rolle brachte so viele Herausforderungen mit sich, von der Stimme über seine Körpersprache bis hin zur allgemeinen Bedeutung der ganzen Geschichte. Also bin ich in mich gegangen. Es war spannend, die Bücher zu lesen, auf denen das Drehbuch basiert. Aber gleichzeitig wusste ich natürlich, dass Julian selbst die Leute verachtet, die sie geschrieben haben. Deswegen habe ich mich anschließend anderem Recherchematerial zugewandt, darunter Interviews, die er gegeben hat. Und am Ende habe ich die Person, die ich beim Lesen kennen gelernt habe, mit der im Drehbuch verschmolzen.“ Je mehr Aufnahmen er von Assange sah, desto mehr Empathie entwickelte Cumberbatch für ihn: „Er hat mich oft um den Finger gewickelt mit dem, was er gesagt hat und dem Image, das er projizierte. Die Art und Weise, mit der er in den Interviews die Kontrolle übernimmt, ist bemerkenswert. Ihm geht es nicht bloß darum, im Fernsehen einen netten Eindruck zu machen. Sondern er besitzt eine leidenschaftliche Integrität und bleibt immer bei seiner Position.“ Diese Unerschütterlichkeit, die sowohl als mutiges Engagement als auch als sture Missachtung verstanden werden kann, wurde für den Schauspieler zu einem der Schlüssel für die Rolle. „Es wäre unentschuldbar gewesen, nicht möglichst detailgetreu seine Körpersprache wiederzugeben, deswegen waren der Regisseur und ich uns von Anfang an einig, dabei so präzise wie möglich zu sein“, sagt Cumberbatch. „Aber gleichzeitig sollte er auf keinen Fall zweidimensional wirken. Wir sind nicht davor zurückgeschreckt, uns den menschlichen Seiten seiner Person zu widmen, auch wenn Julian die lieber für sich behält. Denn uns ging es darum, eine möglichst runde, vielseitige Filmfigur zu erschaffen.“ Gleichermaßen wichtig für die Bandbreite von Cumberbatchs Darstellung war Julians Beziehung zum deutschen Technologie-Aktivisten Daniel Domscheit-Bergl, die sich von einer impulsiven, jugendlichen Partnerschaft in einen ernsthaften Streit der Ideale verwandelt. „Ich glaube, dass Daniel sich auf eine platonische Art und Weise in Julian und seine Ideen verliebt hat“, führt Cumberbatch aus. „Sie kamen sich in der entscheidenden, prägenden Phase von WikiLeaks sehr nahe und haben gemeinsam ein außergewöhnliches Abenteuer erlebt. Aber letztlich wurde daraus eben ein Kampf der Prinzipien zwischen zwei sehr unterschiedlichen Männern.“ Cumberbatch sieht „Inside WikiLeaks – Die fünfte Gewalt“ als eine Geschichte, die den Anfang einer neuen Ära darstellt und noch längst nicht abgeschlossen ist. „Das Drama um WikiLeaks und Assange ist noch in vollem Gange“, fasst er zusammen. „Als Geschichtenerzähler kann man immer nur eine Version der Ereignisse abgeben. Aber hoffentlich führt unsere Version dazu, dass die Leute sich etwas näher ansehen, was um sie herum passiert. Denn letztlich gibt es so etwas wie eine objektive Wahrheit nicht, sondern nur eine persönliche Wahrheit.“

Genau. Und das war’s dann auch schon so ziemlich.

www.constantin-film.de/kino/inside-wikileaks-die-fuenfte-gewalt/

Trailer: www.youtube.com/watch?v=c7BctjZKMbE

Wien, 6. 11. 2013