Sommernachtskomödie Rosenburg: Monsieur Claude und seine Töchter

Juni 29, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gute-Laune-Abend nach dem gleichnamigen Kinohit

Die Töchter Verneuil: Constanze Passin, Adriana Zartl, Tanja Raunig und Angelika Niedetzky. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Und wieder hat Marcus Ganser einen Komödienhit gelandet. Bei der Sommernachts- komödie Rosenburg zeigt der Regisseur und Bühnenbildner nach seiner großartigen Vorjahrsinszenierung von „Schlafzimmergäste“ die Bühnenadaption von „Monsieur Claude und seine Töchter“ und beweist sich damit einmal mehr als Meister des Boulevards. Er hat die französische Filmvorlage aus dem Jahr 2014 in einen Gute-Laune-Abend verwandelt.

Der allerdings bei hohem Funfaktor nicht aus den Augen verliert, dass hier durchaus die brisanten Themen zur Zeit verhandelt werden. Dass diese Übung so glänzend gelingen konnte, ist Ganser, der diesmal auf ein Bühnenbild aus Puzzlesteinen, die sich ineinander fügen, setzt, vor allem zu danken, indem er die Untiefen des Original-Drehbuchs geschickt umschifft, auf allzu arge Schenkelklopfmomente verzichtet und stattdessen lieber einen Finger in gesellschaftliche Wunden legt. Mitunter fallen Sätze, da stockt einem der Atem, heißt: die Welt hat sich in den vergangenen Jahren gedreht und dreht sich immer noch, hat Menschen näher aneinander gerückt, eine Not, für die manche nicht im Entferntesten bereits sind, Verständnis aufzubringen. Ganser nimmt diese Entwicklungen aufs Korn, und nimmt sie so ernst, dass einem gar nichts anderes übrigbleibt, als darüber ein Lachen zu legen.

Xenophobie, die Angst vor dem „anderen“, ist bei ihm überall zu Hause, quasi „Ausländer raus aus dem Ausland!“, wie Lukas Resetarits seinen Protagonisten im berühmten „Tschusch-Tschusch“-Sketch rufen lässt. Ganser hat die gängigen Klischees bis zur Selbstentlarvung zugespitzt und lässt sie vom Ensemble nun lustvoll ausspielen. Wie ein Atout nach dem anderen fallen die gegenseitigen Vorurteile über Herkunft, Hautfarbe und Religion, auch Essgewohnheiten, und wenn hier ein Asiate als „Glückskeks“ verunglimpft wird, ist das fast noch ein Kosename. Alltagsrassismus light, sozusagen, und Gansers Arbeit bringt das alles pointiert auf den Punkt. Dem Filmischen ist er insofern verbunden geblieben, als er seine kurzen Szenen mit Blackouts trennt – was dem Ganzen tatsächlich etwas Sketchhaftes verleiht. Und für Tempo auf der Bühne und Kurzweil im Publikum sorgt.

Im Mittelpunkt des Multikulti-Spaßes steht Claude Verneuil, der mit seiner Frau Marie ein beschauliches Leben auf dem Lande führen könnte, wenn seine vier Töchter nicht ein Faible für Männer „exotischer“ Abstammung hätten. Einen Moslem, einen Juden und einen Chinesen hat er sich als Schwiegersöhne schon mit der gleichen Freude zugezogen wie andere einen Schnupfen. Nun endlich die jüngste bringt einen echten Franzosen und Katholiken ins Haus, Charles heißt er noch dazu, welch Freude, ist Monsieur doch Gaullist. Mais quel malheur, der junge Mann ist Sch … auspieler, das auch, vor allem aber ein Schwarzer! Ein „illegaler Familieneinwanderer“, wie er sich selbst nennt.

Die Schwiegersöhne: Morteza Tavakoli, Vincent Bueno und Alexander El Dib. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Die Väter kommen einander näher: Félix Kama und Florentin Groll. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Florentin Groll ist als Monsieur Claude einer der Dreh- und Angelpunkte des Abends, ein Kleinbürger, der auf seiner Kleinkariertheit herumkaut, und fabelhaft in seiner Verstörtheit ob der neu angebrochenen Zeiten, die ihm da ins Haus stehen. Der Wind der Globalisierung weht ihm hart ins Gesicht, und wenn seine Floskeln auch verletzend sind, ist er doch ein guter Vater, der sich um den Familienfrieden fast mehr sorgt als um seine Seelenruhe. Niemand ist hier schwarz oder weiß, heiß oder kalt, gut oder böse, das Verhängnis heißt vielmehr Stolz und Vorurteil, und über beides muss man erst einmal hinwegkommen. Den Höhepunkt erreicht die Sache, als Charles‘ Eltern von der Elfenbeinküste anreisen, und sich André Koffi als der ärgste Chauvinist von allen entpuppt. Félix Kama verleiht der Figur seine imposante Statur und Profil, und wenn sich die beiden Väter beim Angeln und unter Einfluss von ausreichend Rotwein in ihren konservativen Ansichten näherkommen, so sind das mit die schönsten Momente der Inszenierung.

Babett Arens ist als Marie Verneuil mit dem mütterlichen Talent gesegnet, durch das Unangenehme hindurchzuhören, Adisat Semenitsch als Madeleine Koffi hört zwar noch, lässt sich dadurch aber nicht aus der Ruhe bringen. Die vier Liebespaare gestalten Constanze Passin, Angelika Niedetzky, Tanja Raunig, Adriana Zartl, Alexander El Dib, Vincent Bueno, Morteza Tavakoli und Tino Führer. Die Schwiegersöhne ergehen sich in gegenseitigen Ressentiments, bringen im Ringen um die Gunst des Schwiegervaters aber auch sehr viel Selbstironie mit in die Situation. Der Humor beißt mitunter fest zu, Wortwitz trifft auf französischen Esprit, wenn’s um Israel gegen Palästina, aber vereint gegen China geht.

Als Tausendsassa zeigt sich Wolfgang Lesky. Er ist nicht nur zuständig für die Vertreter aller Religionen, sondern auch für peinliche Nachbarn und beinharte Polizisten. Immer hart an der Karikatur tanzt er seinen Figurenreigen, ganz wunderbar als der eine oder andere Geistliche, der als Antworten auf die Glaubenszweifel seiner Schäfchen nur ein Bartgemurmel hat. Oder als Ordnungshüter, dessen Blick, als Abderazak und Abraham auf der Suche nach den im Alkohol abgesoffenen Familienoberhäuptern in sein Wachzimmer einfallen, ungläubig auf die Multikulti-Situation fällt. Mit solcherart gaghaften Andeutungen lädt Marcus Ganser freilich auch zur satirischen Selbstbefragung ein. Seine Unterhaltung hat Haltung. Und während sich’s auf der Bühne tummelt, muss man sich selbst befragen: Mal ehrlich, sind Sie ein Rassist?

www.sommernachtskomoedie-rosenburg.at

  1. 6. 2018

Theater zum Fürchten: Wrestling Rita!

Mai 28, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die blauen Flecken sind nicht nur auf der Seele

Ronny Hein, Klara Steinhauser und Tino Führer. Bild: Bettina Frenzel

Der Kampf der Geschlechter: „Schiri“ Ronny Hein mit „Rita“ Klara Steinhauser und Tino „The Rock“ Führer. Bild: Bettina Frenzel

Das Publikum johlt und pfeift und tobt, Schauspieler werden gnadenlos ausgebuht oder frenetisch akklamiert. Zu geht’s wie in der Oper zu Franco-Bonisolli-Zeiten, und es ist ja auch die Scala, die Wiener Scala, in der das Theater zum Fürchten seine Version von Claire Luckhams Bühnenringkampf „Wrestling Rita!“ zeigt.

Regisseur Marcus Ganser – von ihm ist auch die Textfassung und die Raumgestaltung – hat das Stück der britischen Dramatikerin an den Heumarkt verlegt, zumindest ist das Idiom, das die Darsteller anklingen lassen, Extrem-Wienerisch. Doch nicht nur punkto Wortwahl wird sich nicht geschont, auch körperlich geht’s zur Sache, muss das Ensemble doch zehn Runden in einem Wrestlingring durchstehen. Zehn Episoden aus Ritas Leben, in denen an Ankle Locks und Backbreakers nicht gespart wird, während die Zuschauer Popcorn und Brezel mampfen.

Und so ist man mittendrin statt nur dabei, wenn Rita „vom klanen Schwammerl zum unschlogbaren Champion“ wird. Mit ihrem Supergriff, der „Venusfliegenfalle“. Vorher muss sie aber, wie bei jedem guten Sportlerdrama üblich, durch ein Tal der Tränen. Sich der Mutter stellen, die sich einen Sohn wünschte, die Hoppa-Reiter-Spiele des Vaters ertragen, die beste Schulfeindin überleben, und schließlich den Mann ihrer Träume als den erkennen, der er ist, ein depperter Mucki-Macho. Das Leben ist ein Ringkampf, aber selbst angezählt muss man immer wieder aufstehen, das ist die Botschaft des Stücks, und: wo die Sitten rau sind, muss man die Regeln eben aushebeln. Luckham hat nicht nur einen Fun-, sondern einen Feminismustext geschrieben, der in den 38 Jahren seiner Existenz bedauerlicherweise nichts an Aktualität eingebüßt hat, der es einem aber mit seiner Kasperl-schlägt-Krokodil-Attitüde nicht leicht macht.

Der Abend ist zu lustig, um abgründig zu sein, und zu brutal, um wirklich Spaß zu machen. Klar ist die gezeigte Gewalt stückimmanent, aber deswegen mitunter trotzdem schwer auszuhalten, und damit’s einem so richtig heiß-kalt runterläuft, wird zwischendurch als Kontrastprogramm in heiteres Hitparadensingen ausgebrochen. Nach der Pause werden alle ausgeknockt, die Rita vorher zu Boden gedrückt haben. Subtilität ist nicht die Stärke des Stücks, seine Dramaturgie ergo übersichtlich. Irgendwie hätte man sich doch gewünscht, dass Rita aus ihrem Emanzipationscatchen in ein neues Leben aufbricht, aber der Inhalt bleibt beim Ehe-Ringen um die Frage, wer abends das Essen kocht, stecken. Vielleicht war es das, was die working class heroes anno X in Liverpool und Manchester sehen wollten, vielleicht hätte man daran ein wenig schrauben können. Rita hat ja diese Sehnsucht nach Weiterbildung, die sich aber irgendwie im Sandsack verläuft …

Das Ensemble geht nicht bis an seine Grenzen, sondern weit darüber hinaus. Es ist mit vollem Körpereinsatz bei der Sache, die blauen Flecken, die ihre Figuren auf der Seele haben, sieht man bei den Darstellern im Laufe der zweistündigen Aufführung an der einen oder anderen Hautstelle wachsen. Gerhard „Humungus“ Hradil, der sehr stolz auf seine Schützlinge am Ring sitzt, hat mit ihnen eine Erste-Klasse-Kampfchoreografie erarbeitet, die laut Show, Schweiß und Schmerzen schreit. Allen voran brilliert Klara Steinhauser als Rita, die sich mit Schmäh und Charme von der ewigen Verliererin zur Gewinnerin mausert. Ihre erste Gegnerin ist „Mama“ Claudia Marold, eine Rockröhre mit Lockenwicklern, die Bonnie Tyler ernsthaft Konkurrenz in Sachen Stimme und – naja – Sexyness macht. Wie sie mit ihrem Kind umgeht, ist allerdings nicht ohne, und auch wenn es so ist, dass niemand seine Erziehung unversehrt verlässt, das ist schon arg. Die Buhs sind ihr dafür sicher, das Publikum wird quasi in die Position des Referees versetzt, weil der Schiedsrichter, Ronny Hein als ziemlich zynisches Springteuferl, Regelverstöße nur ahndet, wenn er sie sehen will.

Claudia Marold, Klara Steinhauser und Ronny Hein: Bild: Bettina Frenzel

Das ist es, was „Mama“ Claudia Marold unter Erziehung versteht. Bild: Bettina Frenzel

Ronny Hein, Klara Steinhauser und Rochus Millauer. Bild: Bettina Frenzel

„Bad Dad“ Rochus Millauer kämpft mit noch härteren Bandagen. Bild: Bettina Frenzel

Doch bald wird mit noch härteren Bandagen gekämpft, die illegalen Handlungen nehmen zu, wozu „Bad Dad“ Rochus Millauer und die „Platin Sabin“ Teresa Renner heftig beitragen. Die Platin Sabin ist schließlich Edel … stahl. Der Schulpsychologe – wieder Hein – macht Ritas Griff nach den Sternen zu einem ins Klo, und grad als einem der Kindesmissbrauch über den Kopf zu wachsen droht, kommt zum Glück Tino Führer, der in Runde fünf für ein paar Lockerungsübungen sorgt. Als Tino the Rock  spielt er einen Wrestling-King, persifliert sich selbst als Hamburger Einefetza, muss sich natürlich Piefke schimpfen lassen, und verschafft nicht nur Rita, sondern der gesamten weiblichen Hälfte im Saal endlich einen Grund um Jubeln. Er lässt erkennen, was er alles in der Hose hat, von Taschentuch bis Blumenstrauß – ein klassisches technisches Liebes-K.o. Der Schauspieler, der als Othello (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=16804) seinen Einstand in Wien gab, zeigt sich diesmal von seiner komödiantischen Seite, und auch die gelingt ihm tadellos. Freilich entpuppt sich der Rock als harter Brocken, an dem nicht alles Gold ist, was glänzt. Was die Atmosphäre in der Arena weiter aufheizt …

Am Ende, als alle „Steig‘ eam ins Lebn“-Rufe verklungen sind, und die Bösen allesamt Prügel bezogen haben, siegt – eh kloar – das Herz. TzF-Prinzipal Bruno Max hatte diese Spielzeit als „Zeit für einen Mut-Ausbruch“ angekündigt und diesen Auftrag hat er in vielerlei Hinsicht erfüllt. Seine Schauspieler haben die Gebärdensprache gelernt (für „Sippschaft“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=17385), haben ein sechsmonatiges Akrobatik- und Wrestlingtraining absolviert, haben gesungen und getanzt, zum Nachdenken und zum Spaßhaben animiert, und so eine Saison lang bestens unterhalten. Am Stadttheater Mödling folgt nun noch das Blasmusik-Projekt „Brassed Off“, im August im Bunker „Nacht.Stücke“ nach E.T.A. Hoffmann, dann darf man schon wieder gespannt sein, wie’s im Herbst weitergeht.

www.theaterzumfuerchten.at

Wien, 28. 5. 2016

Theater zum Fürchten: Othello

Januar 10, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gegen die gängigen Klischees gespielt

Alexander Rossi, Tino Führer, Roman Binder, Selina Ströbele, Christina Saginth (v.l.n.r.) Bild: Bettina Frenzel

Alexander Rossi, Tino Führer, Roman Binder, Selina Ströbele und Christina Saginth (v.l.n.r.)
Bild: Bettina Frenzel

Bruno Max kann auf seiner Shakespeare-To-Do-Liste ein weiteres Projekt als erfolgreich abgeschlossen abhaken: „Othello“. Das Theater zum Fürchten zeigt die Tragödie des „Mohren von Venedig“ nach dem Stadttheater Mödling nun in seiner Wiener Spielstätte, der Scala. Und wie von Bruno Max und seiner Truppe nicht anders zu erwarten, bricht man mit den gängigen Klischees über den afrikanischen General.

Was über weite Strecken dem Spiel von Tino Führer zuzuschreiben ist, der sich als Glücksfall für die Rolle und das Theater erweist. Der Hamburger Schauspieler ist zwar optisch ein wahrer schwarzer Feldherr, hat es aber dank seiner darstellerischen Kompetenz – und der Max’schen Regie – nicht nötig, „wüst“ oder „wild“ zu sein – was hat man nicht schon alles an zähnefletschenden und augenrollenden mehr oder weniger „edlen Wilden“ gesehen -, sondern er gestaltet einfach und sensibel das Leid eines Liebenden jenseits aller Fragen nach Hautfarbe und Herkunft. Die Klischees und Vorurteile, mit denen die anderen Figuren argumentieren, spielt Führer schlicht nicht. Mit Othellos „Rasse“ haben hier nur die Rassisten ein Problem; er selbst sieht sich nicht als Fremden, bis er immer wieder daraufhin gewiesen wird, dass er einer ist. Dann aber läuft „der Neger“ Amok, was wiederum die vorgefassten Meinungen bestätigt. Ein starkes Statement zur Zeit.

Die Handlung ist ebenfalls in die Gegenwart verlegt. Der Doge, Jörg Stelling, beruft seine Mannen in eine computergesteuerte Kommandozentrale ein, einen War Room, auf dessen Monitoren die Warnung DefCon 3 blinkt. Zypern ist eine Insel im Kriegszustand, die Bilder sind wie aus dem besetzten Bagdad, das Hauptquartier der Besatzungsmacht ist die mit Stacheldraht und Suchscheinwerfern und Scharfschützen gesicherte Green Zone. Man trägt Tarnfarbe Dessert, Klara Steinhausers Bianca ist Soldatin, Randolf Destallers Rodrigo verkleidet sich mit Fotoapparat als Embedded Journalist. Das alles geht gewaltfrei, ohne den britischen Barden in ein unsinniges Neu zu nötigen, wiewohl die Herren Schlegel-Baudissin-Tieck immer wieder schlüssig unterbrochen werden. Und wenn einmal zum Ruf, ein Schiff lege an, Hubschraubergeräusche zu hören sind, dann ist auch das charmant. Othello ist halt im Hafen in den Heli umgestiegen.

Diesen gibt Führer als selbstbewussten, professionellen Militär. Sein Othello ist ein Pragmatiker, selbst noch als Mörder und Selbstmörder. Souverän kann der Spezialist für heikle Einsätze über die Alltagsrassismen seiner Umgebung hinweghören, auch dass er als „Heid‘ und Sklav'“ bei Brabantio nicht vom gern gesehenen Gast zum gern gesehenen Schwiegersohn avancieren konnte, versucht er mit einer versöhnend hingestreckten Hand auszugleichen. Er hat sich nur einer Untat schuldig gemacht: Er will Liebe machen, statt Krieg treiben. Bierdosen gehen in der Runde, die Betten werden bereitet. Selten zuvor haben Inszenierungen so deutlich dargelegt, dass es dem Zypern-Kommando eklatant an Disziplin und Moral mangelt.

Was Jagos Plänen sehr entgegen kommt. Alexander Rossi brilliert in dieser Rolle; er ist der Spielmacher des Abends. Gemeinsam mit Georg Kusztrichs Brabantio vertritt er die zwei Gesichter von Xenophobie: der Senator die ängstliche gegenüber dem, was ihm andersartig scheint, der bei der Beförderung übergangene Fähnrich die aggressive, diese Ängste weiter schürende. Rossi spielt nicht den „Schurken“, sein Jago ist ein einwandfreier, schmieriger Intrigant, ein Meister der Zwischentöne, ein gewiefter Taktiker, der anderen seine Meinungen ins Hirn pflanzt, ohne dass sie es recht merken. Eine gelungene – ebenfalls klischeefrei aktuelle – Interpretation dieser Figur.

Roman Binder darf als Cassio der gute Mensch, der Held der Geschichte sein, eine leichte Übung für den Schauspieler, der schon als Person so sympathisch rüberkommt. Dass hier die Bianca aber weder Kurtisane, noch „Äffchen“ ist, kratzt doch an seinem rechtschaffenen Image. Noch eine von Bruno Max in dieses Schwarzweiß-Spiel eingefügte Grauschattierung. In diesem Sinne deutet auch Christina Saginth Jagos Ehefrau Emilia: als enttäuscht und verletzt über die abgekühlte Leidenschaft ihres Mannes, als loyal bis zum äußersten, aber als es dazu kommt, als reine Seele, die – wenn auch zu spät – das Richtige tut. Hat man Emilia auch schon als Mitintrigantin gesehen, diese hier ist es definitiv nicht. Selina Ströbele ist als Desdemona ein Society-Girlie ohne Falsch und Arg, zu kindlich, um die Veränderungen, die um sie stattfinden zu begreifen. Als ihr Multikultiglück platzt, legt sie sich fast wie ein Opferlamm auf die Schlachtbank.

Und der „Mohr“? Will an seinem Ende nur noch eines, und das ist epochenübergreifend gültig: Gesehen werden, als das, was er ist. Ohne, dass die Patriotrischen Europäer etwas skandalisieren oder die Willkommenskulturschaffenden etwas schönreden. Mehr kann man über „Othello“ dieser Tage nicht sagen.

www.theaterzumfuerchten.at

Wien, 10. 1. 2016