Volksoper: Das Gespenst von Canterville

Oktober 19, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Nicht wirklich wilde’sche Geisterstunde

Der Spukstar unterhält seine untoten Fans: Morten Frank Larsen als Sir Simon, Gespenst von Canterville, mit Ensemble. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Das Pausengespräch drehte sich ums „Wie geht das?“, sind doch eben zum Mitternachts- glockenschlag die Geister aus ihren Gemälden gestiegen, sozusagen vom lebendigen Bild zum untoten Ensemble geworden, um ihrem Spukstar zu huldigen – Sir Simon, seines Zeichens „Das Gespenst von Canterville“ und nunmehr Protagonist der ihm gewidmeten Familienoper von Marius Felix Lange, die die Volksoper als österreichische

Erstaufführung zeigt. Um es kurz zu machen: Die Geheimnisse der Bühnenmagie werden nicht gelüftet, kein Zauberer verrät freiwillig seine Tricks, und Multimedia-Künstler Roman Hansi ist ein großartiger, wie er mit dieser Arbeit einmal mehr beweist. Die von ihm kreierten Video-Wiedergänger fallen im Wortsinn aus dem Rahmen und handeln mysteriös eigenmächtig, wenn sie auf die Solistinnen und Solisten reagieren, erstaunt über Frauke-Beekes Hysterieanfall, erfreut über den schüchternen Kuss zwischen Virginia und David, bevor sie ihre „Rollen“ an Chor und Komparserie weiterreichen.

Hansis grünwirbelnder Sturmwind sowie ein Kameraflug durch den Friedhofswald sind ein ausgeklügelter Hightech-Kontrast zum elegant verfallenden Schloss Canterville von Walter Schütze. Wendeltreppauf, -treppab, mal den Morgenstern schwingend, mal mit seinen Sünderketten rasselnd, fegt Morton Frank Larsen als Sir Simon durch Philipp M. Krenns schnittige Inszenierung. Gerrit Prießnitz am Pult führt das Volksopernorchester mit Verve durch Langes Partitur, deren expressiver Stil immer wieder für musikalische Überraschungen gut ist, wenn etwa die Ouvertüre schon als komplette Geisterstunde komponiert ist, Sir Simon beim Geständnis der Ermordung seiner Frau das Volkslied „Flower of Scotland“ zitiert.

Oder die Zwillinge Leon und Noel, alias die Hausdebütanten Lukas Karzel und Stefan Bleiberschnig, ihre Partien als Rap singen, wie überhaupt jede der Figuren ihr kleines Leitmotiv hat. Der „Sound“ ist also farbenprächtig und humorvoll und meistens ziemlich laut, nicht zuletzt wegen der zusätzlich verwendeten Marimba, Donnerblech, Ketten und Windmaschine, und das stellt sich, zusammen mit dem Einsatz eines ungeheuren Schlagwerks und dergestalt dem Vermissen von subtilen, lyrischen Klängen, alsbald als Crux bei der Sache heraus. Wie der Komponist ist auch Librettist Michael Frowin vorrangig um den Funfaktor bemüht, und zusammen ergibt das eine Leerstelle im Werk.

Sir Simon, hier geistreich auf der Höhe …: Morten Frank Larsen. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

… und wenig später der Verzweiflung nahe: Morten Frank Larsen. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Eine Auslassung, was Oscar Wildes Sinn für fein geschliffene Satire und spitzzüngigen Sarkasmus betrifft. Heißt: Tempo und Timing, Pointe und Persiflage – ja, gewitzte Tiefenbohrung ins Geistreiche – nein. Der Blutfleck-Gag kommt freilich vor, auch der abgetrennte Kopf unter der Speiseglocke oder das Schmieröl für die quietschenden Spukutensilien. Die Jungs jagen das Gespenst mit Wassergewehren, Sir Simons Verzagtheit ob seiner Verdammnis zur ewigen Existenz allerdings gerät zu sehr zur komischen Parodie. „Kindes Mitleidsträne“, wie sie das alte Erlösungsgedicht von Virginia einfordert, gibt es gar nicht.

Statt einer Art mädchenhafter Romantik hat sich Anita Götz als Virginia aufs Aufmüpfig-Burschikose vergelegt, sie ist das Superhirn hinter den Streichen, die Sir Simon retten sollen, will doch Rebecca Nelsen als Frauke-Beeke Hansen dessen Anwesen in Schutt und Asche legen, um auf seinem Platz ein Halloween-Eventresort aufzubauen. Nelsen gelingt die Gestaltung der überreizten, überspannten Großstadthyäne ebenso, wie Götz die der zupackenden, problemlösungsorientierten Gymnasiastin, stimmlich changieren die Damen zwischen scharf und schrill. „Meckerziege“ nennen die Kids die Assistentin und Geliebte ihres Vaters ja nicht umsonst.

Wie dem Vornamen Frauke-Beeke anzumerken, hat Michael Frowin die amerikanische Botschafterfamilie in die eines deutschen Immobilien-Unternehmers verwandelt. Diesen Georg König singt und spielt Reinhard Mayr. Der oberösterreichische Bassist, Kürzesteinspringer, nachdem sowohl Martin Winkler als auch Alternativbesetzung Daniel Ohlenschläger krankheitsbedingt ausgefallen waren, kennt die Partie seit der Uraufführung in Zürich und ist nach nur einer Woche Probenzeit entsprechend perfekt. Seine Szenen mit Larsens Gespenst sind die gesanglichen wie darstellerischen Highlights, wenn der selbsternannte, selbstverliebte, so schön stöhnende Gruselgott auf den prinzipienreitenden Pragmatiker trifft, und schließlich die Schreckgestalt selbst zum Erschreckten wird.

Der neue Schlossherr bietet dem Gespenst Schmieröl für die Ketten an: Morten Frank Larsen und Reinhard Mayr. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Frauke-Beeke schmiedet sinistre Pläne: Rebecca Nelsen mit Regula Rosin und Paul Schweinester. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Mit Spukrequisiten soll das Schlimmste verhindert werden: Schweinester mit Lukas Karzel, Anita Götz und Stefan Bleiberschnig. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Frauke-Beekes unfreiwilliger Abgang: Nelsen mit Bleiberschnig, Karzel, Schweinester und Götz. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Regula Rosin bringt als Haushälterin Mrs. Umney ihren kräftigen Sopran zur Geltung, und steigert diesen – tatsächlichen – Charakter von kopfschüttelndem Unverständnis zu gereiztem Unmut zu kämpferischer Wut angesichts des Verhaltens der neuen Herrschaft. Peter Schweinester ist als Sohn David Umney ans Haus zurückgekehrt, und was seinem ansprechenden Tenor in der Höhe mitunter abgeht, macht er mit überbordender Spielfreude wett. Schweinesters David wird schließlich gemeinsam mit den quirligen Twins Karzel und Bleiberschnig, Anita Götz‘ Virginia und Sir Simons dämonischen Requisiten die böse Hexe Frauke-Beeke zum unfreiwilligen Verschwinden bringen. Damit‘s märchenhaft heißen kann: Ende gut, alles gut.

Fazit: Eine wirklich wilde’sche Geisterstunde ist „Das Gespenst von Canterville“ an der Volksoper nicht, einiges daran wirkt eher untief als untot. Das Premierenpublikum war aber ohnedies darauf eingestellt, sich amüsieren zu lassen. Der verstorbene Canterville’sche Clan, der die Zuschauer schon im Foyer abholt und dabei gerne für ein schauriges Selfie zur Verfügung steht, sorgt bereits ab da für beste Stimmung, der Applaus am Schluss war entsprechend. Ein Sammlerstück wird sicher das Programmheft – mit Gespenstermaske und Sir-Simon-Badge, Rätselgedicht und per App zu bewegenden Geisterporträts ein Must-have.

Kurzeinführung: www.youtube.com/watch?v=Ma7GfJj0HTg           www.youtube.com/watch?v=Yongnn6Jq24 Komponist Marius Felix Lange, Dirigent Gerrit Prießnitz und Regisseur Philipp M. Krenn im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=YnWqPYC7FY0           www.volksoper.at

  1. 10. 2019

Thomas Quasthoff ist ein großartiger Kabarettist

April 3, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Stadtsaal: Keine Kunst

Thomas Quasthoff, Michael Frowin Bild: Andre Rival

Thomas Quasthoff, Michael Frowin
Bild: Andre Rival

Ach, falls Sie’s nicht gewusst haben sollten: Er singt keine Opern und keinen Jazz mehr. Aber Arien, Schubert-Lieder, gefälschte Chansons, L’amour-Hatscher, Wienerisches mit Heurigeneinschlag. Ist ja auch „Keine Kunst“. So zumindest der Name des Kabarettprogramms, mit dem der weltweit gefeierte Bassbariton Thomas Quasthoff, zusammen mit Autor Michael Frowin und Pianist Jochen Kilian im Wiener Stadtsaal auftrat. Lustig war er ja schon immer, ein exzellenter Stimmenimitator, Parodist und Grimassenschneider. Was Quasthoff aber nun quasselt, geht einfach zu weit. Es beginnt mit einen Off-Trialog: „Ich soll mir ein Programm mit einem Behinderten, einen, den keiner kennt, und einem Klavierklimperer anschauen? Geben S‘ mir lieber vier Karten fürn Hader.“ Und endet mit einer wahrer Geschichte vom Musikkritiker einer Nürnberger Zeitung der Quasthoff als „schwerbehinderten Zwerg“ bezeichnete. Da habe der Künstler diesen angerufen, sich als Adolf Hitler vorgestellt und gesagt: „Das haben Sie gut gemacht!“ Hilfe, wie soll man da politisch korrekt schreiben?

Genau das will Quasthoff nicht. Zusammen mit dem kongenialen Frowin hat er ein Programm zusammengestellt, wie’s frecher nicht sein könnte. Man kommt aus dem höchst zweifelhaften Lachen gar nicht mehr raus. Der Ehrgeiz der beiden, eigentlich des Trios: Den Leuten Anspruch bieten, ohne, dass sie viel denken müssen. Mit Humor ohne Gürtellinie. Das klappt natürlich nicht. Eh klar. Dazu reibt sich der best singende Kabarettist ever – zweieinhalb Oktaven, gefühlte 1000 Silben pro Sekunde – zu sehr am Blockflötenfetischisten. Von deren Musik Quasthoff angeblich Ausschlag kriegt. Sagt Frowin: Oh, Gott! Sagt Quasthoff: Nenn‘ mich einfach Tommy. Ja, er ist „Il Divo“. Der eine kennt die Konzertsäle von New York bis Tokyo, von Kapstadt bis Reykjavik, der andere die Kleinkunstbühnen von Zwiesel bis Zinnowitz und von Castrop-Rauxel bis Ottendorf-Okrilla. Damit spielen sie, singen auch gemeinsam, Bravo, Michael Frowin!, schauen sie dem Volk aufs Maul, nehmen Kultur, Gesellschaft und Zeitgeschehen auf die Schaufel. Harmlos ist das  nicht. Als roter Faden dient die Frage, wann was als Kunst gilt.

Und so beginnt der Zusammenprall von Bildungsbürgertum und – naja – den anderen halt. „Die einen auf Provinz machen“, sagt Quasthoff. Und: „Hammerpointe. Ein Kracher.“ Und hustet mit einer schönen Dame in der ersten Reihe, damit sie sich beim Rachenputzen nicht so einsam fühlt. Muss auch mal sein. Auch, dass einer mal Pipi muss. Quasthoff ist ein begnadeter Spieler mit dem Publikum. Überhaupt ist Privat-TV jetzt die wahre Kunst: „Stellen Sie sich DSDS vor, da käme ich schon allein wegen meines Aussehens ins Finale!“ Auf einer Bahnfahrt nach Hamburg hoffen zwei Spießbürger, dass „Dirty Dancing“ nicht wieder so ein Schweinkram ist. (mottingers-meinung.at bekam übrigens bitterböse Leserkommentare wegen www.mottingers-meinung.at/landestheater-niederoesterreich-meine-mutter-kleopatra-2/ Danke dafür!) Weil, das Abstrakte, das Abgefuckte, da hamma Anrecht drauf, dass das weg muss. Als Steuerzahler können wir auch Künstler feuern. Wie kann es sein, dass Paul McCarthys Dildokunst niemanden erregt, aber alle empört sind, weil die Dschungelshow den Grimme-Preis kriegt? Das ist das moderne „Keine Kunst“.

Quasthoff erzählt und erzählt. Zweieinhalb Stunden lang. Ohne, dass es langweilig wird. Von älteren extremparfümierten Damen, die ein Autogramm wollen, während man den mitgenommenen Ehemännern ansieht, dass sie lieber Fußball geschaut hätten. Von Klappentext- und FAZ-Feuilleton-Experten, die zu allem eine natürlich vorgefertigte Meinung haben. Wunderbar böse auch: ein Foyergespräch im Musikverein: „In die Burg geh ich nicht mehr, die ist ja so verschuldet“; Faust I in drei Minuten – „Faust II machen wir nicht, das sind 1000 Seiten Fadesse“; und Schillers „Der Taucher“ und „Die „Glocke“ zur „Taucherglocke“ kurz und bündig zusammengefasst. Sage noch einer Ha-ha-Hochkultur ist nicht einfach. Am Schluss singen Quasthoff und Frowin Stephen Sondheims „Send in the Clowns“. Da ist man schon hin und weg von diesem tollen Mann. Jungs, kommt recht bald wieder!

www.stadtsaal.com

www.youtube.com/watch?v=vItabu-xO9c

Wien, 3. 4. 2014