Forum Frohner: Nouveau Réalisme / Daniel Spoerri

März 17, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Begegnung, die zur „Blutorgel“ führte

Daniel Spoerri, „Faux tableau piège – Porträt J. A.“ © Landessamml. NÖ. Kunstmeile Krems

Die Ausstellung „Antworten auf die Wirklichkeit. Adolf Frohners Begegnung mit dem Nouveau Réalisme“ im Forum Frohner in Krems-Stein geht in die Verlängerung: Bis 9. Mai sind die Materialbilder, Objekte und Assemblagen namhafter Künstler wie César, Christo, Adolf Frohner, Raymond Hains oder Daniel Spoerri noch zu sehen. Die Schau spürt mit ausgewählten Objekten den Zusammenhang zwischen Adolf Frohner und den Nouveaux Réalistes nach.

Aus Anlass des 90. Geburtstages Daniel Spoerris im vergangenen Jahr bildet seine Position einen Schwerpunkt der Schau. Rechtzeitig zur Verlängerung wurde nun ein neues Werk des beliebten Künstlers aus den Landessammlungen Niederösterreich angeliefert: das Fallenbild „Faux tableau piège –Porträt J. A.“. Bei der künstlerischen Darstellung von Spoerris Fallenbildern werden Gegenstände als Momentaufnahme einer gemeinsamen Mahlzeit oder Ähnliches auf einer zufälligen Unterlage – oft einem Esstisch – angeordnet. Eine Drehung um 90 Grad evoziert dabei die Verwandlung des Ensembles vom Alltagsszenario in ein Kunstobjekt. Im Fallenbild sieht Spoerri, der vor einigen Jahren sein eigenes Ausstellungshaus im nahegelegenen Hadersdorf am Kamp gründete (www.spoerri.at) eine Möglichkeit, eine Handlung und deren Objekte einzufrieren.

In den 1960er-Jahren reiste Adolf Frohner mehrmals nach Paris. Diese Aufenthalte wirkten sich impulsgebend auf sein gesamtes Schaffen aus, denn in Paris begegnete er den Avantgardeströmungen der Zeit. Künstlerisch befand Frohner sich damals in einer Umbruchphase. Er hatte sich in Zeichnung und Malerei zunächst mit der klassischen Moderne beschäftigt. Das Jahr 1960 markierte jedoch einen Wendepunkt. Frohner experimentierte mit der Beziehung zwischen Abbild und Realem. Er abstrahierte das Gesehene, kam rasch zu einer Auflösung der Form und fand zu einem verstärkten Interesse an der Materialität.

Das „Materialbild“ aus dem Jahr 1960 zeigt die Auseinandersetzung mit verschiedenen haptischen Qualitäten – Stoffe, Jute, Karton –, die zu einer Collage zusammengeführt werden. Die Unscheinbarkeit und der geringe Wert des Materials stehen im Gegensatz zum Anspruch einer tradierten Kunstvorstellung. Gerade das Bemühen, eine adäquate Annäherung an das Reale zu finden, beschäftigte Frohner in dieser Phase intensiv. Er sprach von einer „Suche nach Antworten auf die Wirklichkeit“. Der Nouveau Réalisme hatte eine solche gefunden. Obwohl Frohner keinen direkten Kontakt mit der losen Gruppe hatte, zeigt die Veränderung seiner künstlerischen Auffassung im Jahr 1960 den Einfluss der Nouveaux Réalistes.

Adolf Frohner: Jakobsleiter, 1966. Bild: © Landessammlungen NÖ

César: Compression Mobil, 1960.Bild: © mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, ehemals Sammlung Hahn, Köln

Raymond Hains: Palissade de trois planches, 1959. Bild: © mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, ehemals Sammlung Hahn, Köln

Frohner wurde in der Folge künstlerisch radikaler und mit der Aktion „Blutorgel“ zum Mitbegründer des Aktionismus. In dieser Werkphase wandte er sich gegen die Nachkriegsgesellschaft und forderte für die Kunst ein Bekenntnis zum Widerstand gegen übliche Normen und Vorstellungen. Er arbeitete mit Gerümpel, das von einem Schrotthändler in sein gemeinsam mit Otto Muehl genutztes Atelier in der Wiener Perinetgasse gekippt wurde. Aus dem sperrigen Material entwickelte er durch Umformung Objekte von irritierendem Charakter. Wie bei César oder Arman spielte die Kritik an der kapitalistischen Nachkriegsgesellschaft durch die Umdeutung von industriellen Waren und Wegwerfprodukten eine Rolle. Darüber hinaus sollte die Kunst die Herrschaft des Realen und seine Erscheinung nicht mehr imitieren, sondern das Reale per se wurde durch die Umdeutung zum Kunstobjekt erklärt.

Ab 1962 wurde die Matratze für Frohner zu einem wichtigen Werkstoff. Er riss sie auf, bearbeitete und bemalte sie. Die Oberfläche des Objektes wurde damit zu einem zentralen Ausdrucksträger, die Aktion des Bearbeitens am Objekt ablesbar und konstitutiver Teil des Werkes. Sowohl Frohners Materialbilder als auch seine aktionistischen Matratzenobjekte zeigen Bezüge zu den Arbeiten der Nouveaux Réalistes, besonders zu Christos Untersuchungen der Oberfläche aus den 1960er-Jahren. Für beide war in diesem Zusammenhang Jean Dubuffet ein wichtiger Bezugspunkt.

In vielen Objektassemblagen der 1960er-Jahre bezieht sich Frohner auf Methoden der Nouveaux Réalistes. So erinnert sein Objekt „Die bunte Schachtel“  von 1963 an Gérard Deschamps’ Stoffassemblagen. Deschamps beschäftigte sich mit den Konventionen der Bekleidung, etwa indem er Damenunterwäsche zu einem Objekt transformierte oder Militärutensilien benützte. Auch Frohner versuchte mit seiner Arbeit eine Umdeutung. In Frohners Werk „Der Brustkasten“ aus dem Jahr 1972 steht das Wortspiel im Zentrum, indem das Wort buchstäblich genommen und in ein Objekt übersetzt wird. Diese Verfahrensweise geht auf Daniel Spoerri zurück, der in Zusammenarbeit mit Robert Filliou die „Wortfallen“ entwickelte, eine oft humorvolle Darstellung eines Sprichwortes.

In seinem figürlichen Werk ab Mitte der 1960er-Jahre übernahm Frohner Verfahren aus der Ideenwelt der Nouveaux Réalistes, jedoch kehrte er zum Tafelbild zurück. Auch thematisch finden sich klassische Sujets der Kunstgeschichte wieder. Der Mensch und existenzielle Themen werden zu zentralen Motiven, etwa in der „Kreuzigung“  von 1964. Bei dieser Arbeit kombiniert Frohner die Kreuzform mit einer Objektassemblage. In einem Erste-Hilfe-Kasten unterhalb der Kreuzigungsszene finden sich Operationsbesteck und Munition. Frohner nimmt hier eine radikale Interpretation des christlichen Leidensmotives vor. Frohners persönliche Beziehung zu den Nouveaux Réalistes beschränkte sich auf eine lose Bekanntschaft, obwohl ihn eine 1970  –im Jahr der Auflösung der Gruppe – aufgenommene Fotografie mit Pierre Restany bei der Biennale von Venedig zeigt.

Adolf Frohner, Gesicht, 1983. © Adolf Frohner gemeinnützige Privatstiftung, Bild: Christian Redtenbacher

Adolf Frohner und die Art Brut

Ab 22. Mai zeigt das Forum Frohner in Zusammenarbeit mit dem Department für externe Ausstellungen des Vereins der Freunde des Hauses der Künstler in Gugging „Adi und Art brut“. Im Zentrum der Schau stehen Arbeiten von Gugginger Künstlern wie Johann Fischer, Johann Garber, Johann Hauser oder August Walla im Dialog mit Adolf Frohner.

Frohners erste Begegnung mit der Art brut ist auf seinen Paris-Aufenthalt in den 1960er-Jahren zurückzuführen. Die Avantgarde in Paris – vor allem die informelle Malerei und die von Jean Dubuffet initiierte Art brut – war ein wichtiger Impuls für Frohner.

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Adolf Frohner mit Park Seo Bo am Grab von Vincent van Gogh, Auvers-sur-Oise, 1961. © Frohner Stiftung

Adolf Frohner, „Expressiver Nachmittag“, um 1988, @ Frohner Stiftung. Bild: Kunstmeile Krems

Park Seo-Bo, Ecriture (描法) No.090530, 2009. Bild: Claire Dorn. Courtesy of the artist and Perrotin

Park Seo-Bo und Adolf Frohner. Paris 1961

Auch in der Herbstausstellung „Park Seo-Bo und Adolf Frohner. Paris 1961“ ab 16. Oktober dreht sich alles um Frohners Affinität zu Paris: 1961 lernten der koreanische Künstler Park Seo-Bo und Adolf Frohner einander in der Kunstmetropole kennen. Park Seo-Bo gilt heute als einer der führenden monochromen Maler in Korea und Mitbegründer der monochromen Malerei in Asien. Der mittlerweile 89-Jährige lebt und arbeitet in Seoul. An der Schnittstelle zwischen buddhistischem Denken und dem Wissen der westlichen Kunstgeschichte fokussieren Park Seo-Bos Werke auf Textur und Struktur, der Radikalität der Reduktion und dem kontemplativen Erleben von Malerei. Die Ausstellung zeigt Berührungspunkte zwischen den Arbeiten der beiden Künstler, die bis in ihre Zeit in Paris zurückverfolgt werden können.

www.forum-frohner.at

17. 3. 2021

10 Jahre Forum Frohner

Oktober 13, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Zum Jubiläum zeigt man erstmals die Sammlung Gabriel

Adolf Frohner: Eine der drei Grazien,1969. Sammlung Gabriel. Bild: Christian Redtenbacher

Zum Zehn-Jahre-Jubiläum des Forum Frohner zeigt das Haus in Krems-Stein ab 15. Oktober die Sammlung Gabriel, eine österreichische Privatsammlung, die erstmals in der Öffentlichkeit präsentiert wird. Das Wiener Sammlerpaar Harald und Mechtilde Gabriel lernte Adolf Frohner in den 1960er-Jahren durch Vermittlung des Galeristen Erich Gabriel, Cousin von Harald, kennen. Frohner hatte zu dieser Zeit sein Atelier in der Paradisgasse im 19. Wiener Bezirk, in unmittelbarer Nachbarschaft der Gabriels. Es entwickelte sich ein Naheverhältnis und das junge Paar begann, Werke des befreundeten Künstlers zu sammeln. In einigen Jahrzehnten entstand eine umfangreiche Sammlung, die sich nach dem Motto „Fokus Frohner“ primär auf dessen Werk konzentrierte.

Die Sammlung Gabriel umfasst neben Radierungen und Zeichnungen auch malerische Schlüsselwerke aus den 1960er- und 1970er-Jahren. In dieser Periode entwickelte Adolf Frohner ausgehend vom Wiener Aktionismus einen neuen Zugang zur Figuration. Außerdem gelang ihm mit der Teilnahme an der Biennale von São Paulo 1969 und der Biennale von Venedig 1970 der internationale Durchbruch. Die figurativen Arbeiten bilden den Schwerpunkt der Sammlung, begleitet von ausgewählten Blättern der präfigurativen Phase.

Mit der Arbeit „Verschlossenes“  aus dem Jahr 1962 findet sich in der Sammlung ein seltenes Werk, in dem Frohner mit Materialien wie Jute und Gips in Kombination mit reduktiven malerischen Elementen experimentierte. Das Aquarell „Ohne Titel“ von 1965 integriert hingegen Zeitungsausschnitte und demonstriert Frohners Suche nach den neuen figurativen Bildelementen. Das Gemälde „Hochzeit der Schwestern“, entstanden 1967, zeigt die für Frohner typischen Frauengestalten. Mit Anregungen aus der Art brut definieren sie ein neues Menschenbild, das sich kritisch mit der Conditio humana befasst.

Die bildnerischen Werke der Sammlung werden mit detailliertem Archivmaterial, Presserezensionen sowie liebevoll aufbewahrten Kleinoden wie Plakaten, Sonderausgaben von Publikationen und persönlichen Widmungen ergänzt. Die Ausstellung rückt die persönliche Note und den individuellen Zugang des Sammlerpaares in den Vordergrund. Durch den Blick der Sammler öffnet sich ein neuer Zugang zu Adolf Frohners Position zu Kunst und Realität, die er im Statement „Kunst muss nicht schön sein. Aber sie muss notwendig sein“ auf den Punkt brachte.

Entdeckt wurde die Sammlung Gabriel im Zuge der Recherche für das Werkverzeichnis zur Malerei Adolf Frohners, das nach mehrjähriger Arbeit zum Jubiläum des Forum Frohner erscheint und bei der Ausstellung präsentiert wird.

Adolf Frohner: Hochzeit der Schwestern, 1967. Sammlung Gabriel. Bild: Christian Redtenbacher

Adolf Frohner: Die Revolte,1971. Sammlung Gabriel. Bild: Christian Redtenbacher

Das Forum Frohner im ehemaligen Minoritenkloster in Stein wurde 2007 eröffnet. Wie Dieter Ronte, von 2007 bis 2015 künstlerischer Leiter des Hauses, feststellte, wollte Frohner „dezidiert kein eigenes Museum, sondern ein Forum, in dem spannende kulturelle Arbeit geleistet werden kann“. Jedoch verstarb Adolf Frohner unerwartet im Jänner 2007 und konnte die Eröffnung „seines“ Forums nicht mehr miterleben.

Seit nunmehr zehn Jahren findet am Haus ein abwechslungsreicher Parcours von Ausstellungen und Veranstaltungen statt, die Aspekte aus allen Bereichen der Kultur verbinden. In der letzten Dekade gab es mehr als 25 Ausstellungen mit mehr als 200 Künstlerinnen und Künstlern. Der Bogen reicht von Einzelpräsentationen verwandter Zeitgenossen bis zu thematischen Fragestellungen, von nationalen bis zu internationalen Positionen. Das Ausstellungsprogramm, das auch Aspekte der Gegenwartskunst zeigt, wird mit Diskussionen, Musikveranstaltungen und Lesungen ergänzt.

www.forum-frohner.at

13. 10. 2017

Forum Frohner: Rot ich weiß Rot

Mai 19, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Ein Bilder-Sturm in der politischen Windstille

Wolfgang Flatz: Fist, 1987. Land Niederösterreich, Landessammlungen NÖ. Bild: Andreas Gießwein © Bildrecht, Wien, 2016

Wolfgang Flatz: Fist, 1987. Land Niederösterreich, Landessammlungen NÖ. Bild: Andreas Gießwein © Bildrecht, Wien, 2016

Zahlreiche hochklassige Kunstausstellungen setzen sich mit ästhetischen Aspekten auseinander, rücken humorvolle oder kulinarische Perspektiven ins Zentrum, erschließen Gerüche, bieten Gelegenheit zum Verweilen, entspannen und genießen. Die Ausstellung „Rot ich weiß Rot. Kritische Kunst für Österreich“, die ab 22. Mai im Forum Frohner auf der Kunstmeile Krems zu sehen ist, führt dagegen auf ein Kernanliegen der Kunst zurück. Anlass ist ein literarisches Werk, das vor fast vierzig Jahren geschrieben wurde und bis heute unvermindert aktuell geblieben ist.

1979 nimmt das Buch „Rot ich weiß Rot“ eine kritische Reflexion mit dem künstlerischen Klima in Österreich vor. Ausgangspunkt dafür ist die These einer „politischen Windstille“, die laut einem Bericht der FAZ dazu führt, dass es in Österreich keine Kritiker des eigenen Landes gäbe.

Dem stellen 70 Autorinnen und Autoren, von Thomas Bernhard bis Helmut Qualtinger, von Friederike Mayröcker und Elfriede Jelinek, von Josef Haslinger bis Peter Handke, eine umfassende Kritik der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Situation unseres Landes entgegen. Die Schau lotet nun die Relevanz des Buches für das Kunstschaffen aus. Sie spürt Deutungen der nationalen Identität nach, beschäftigt sich mit dem Nachwirken des Nationalsozialismus, zeigt alternative Lebensmodelle auf und thematisiert die kritische Auseinandersetzung mit Geschlechterfragen.

Manfred Deix: Bundesadler Neu I, 1989. Land Niederösterreich, Landessammlungen NÖ. Repro: Kathrin Kratzer © Manfred Deix, 2016

Manfred Deix: Bundesadler Neu I, 1989. Land Niederösterreich, Landessammlungen NÖ. Repro: Kathrin Kratzer © Manfred Deix, 2016

Am Anfang der Deutung Österreichs steht Leopold Kupelwiesers Überhöhung der Heimat in der Allegorie „Austria“, entstanden um 1848. Staatswappen und Landkarten von Manfred Deix, Oswald Tschirtner und August Walla sehen Österreich später neu und anders. Der „Widerstandsbutton“ von Johanna Kandl und Ingeborg Strobl greift schließlich die Idee der Landesfarben auf und färbt Österreich als Protest gegen die Regierungsbildung des Jahres 2000 schwarzblau.

Der Nationalsozialismus wird in Susanne Wengers Werken der letzten Kriegsjahre verarbeitet. Die Bilder verbinden Traum und Trauma der als „entartet“ gebrandmarkten Künstlerin. Auch das Nachleben des Nationalsozialismus wird zum Thema. Viktor Matejka, als Symbolfigur eines unermüdlichen Aufzeigers tritt ebenso in Erscheinung wie der Grenzgänger Padhi Frieberger, der in seinem Werk „Scheißbrauner Lippizaner“ eine touristische Visitenkarte Österreichs demontiert, indem er den Aufstieg der Spanischen Hofreitschule im Dritten Reich aufzeigt.

Der „Herr Karl“ ist dagegen Helmut Qualtingers Mitläuferfigur – fotografiert 1962 von Franz Hubmann – die in sympathischer Tarnung die Skrupellosigkeit des Durchschnittsösterreichers entlarvt. Wie schwer das offizielle Österreich mit Neuem umgehen konnte, zeigt Herbert Boeckls Wettbewerbsbeitrag „Das große Welttheater“  für den Eisernen Vorhang der Staatsoper des Jahres 1955. Boeckl analysiert den Zustand Österreichs zwischen Nachkriegselend und Öffnung für den internationalen Aufbruch. Die Jury war überfordert und gab Rudolf Hermann Eisenmenger den Vorzug, der – von Adolf Hitler bewundert – die Kriegsjahre 1939 bis 1945 als Präsident des Wiener Künstlerhauses verbracht hatte.

Gottfried Helnwein: Selbstporträt mit Cyril und Ali, 1988. Land Niederösterreich, Landessammlungen NÖ. Bild: Peter Böttcher © Bildrecht, Wien, 2016

Gottfried Helnwein: Selbstporträt mit Cyril und Ali, 1988. Land Niederösterreich, Landessammlungen NÖ. Bild: Peter Böttcher © Bildrecht, Wien, 2016

Aktionistische Kunstformen bilden einen Aufschrei gegen die Verdrängungspolitik und Enge der späten Nachkriegsära. Während der Aktion „Blutorgel“ 1962 lassen sich Adolf Frohner, Otto Muehl und Hermann Nitsch für drei Tage in einem Atelierkeller einmauern, um revolutionäre Ausdrucksformen zu entwickeln. Ebenso wie Günter Brus mit seinem „Wiener Spaziergang“  1965, der auch als Kurzfilm zu sehen ist,  lösen sie einen Skandal aus. In der Folge entwirft Otto Muehl ein alternatives Gesellschafts- und Lebensmodell, das 1972 in die Kommune Friedrichshof mündete.

Seit den 1970er-Jahren thematisieren zahlreiche Künstlerinnen das Frauenbild in der Gesellschaft und untersuchen überkommene Wertemuster. VALIE EXPORT, Christa Hauer, Ona B. oder die Gruppe „Die Damen“ entwickeln dabei unterschiedliche Zugänge – von politischen Handlungen bis hin zu künstlerischen Experimenten. In ihren Aktionen und Filmen, wie ihrem ersten Spielfilm „Der unsichtbare Gegner“ aus dem Jahr 1976, untersucht VALIE EXPORT den Körper als Symbol der Identitätsfindung und bildet damit einen zentralen Anknüpfungspunkt für feministische Positionen bis heute.

Die Ausstellung vereint zahlreiche Genres, Techniken und Medien, von der Zeichnung zur Malerei, von der Skulptur zum Film, von der Karikatur zur Fahne. Etwa 50 Arbeiten von 36 Künstlerinnen und Künstlern beziehungsweise Kollaborationen setzen sich intensiv mit Österreich und seiner politischen, sozialen und gesellschaftlichen Realität auseinander.

www.kunsthalle.at

Wien, 19. 5. 2016

Essl Museum: Body & Soul

März 31, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Der Körper zwischen Eros und Thanatos

Adolf Frohner: Figur am Bein aufgehängt, 1972, © Sammlung Essl. Bild: Mischa Nawrata, Wien

Adolf Frohner: Figur am Bein aufgehängt, 1972, © Sammlung Essl.
Bild: Mischa Nawrata, Wien

Ab 6. April zeigt das Essl Museum die Schau „Body & Soul“, eine Ausstellung über die künstlerische Auseinandersetzung mit den Themen Körper, Körperlichkeit, dem Verhältnis von Körper und Seele und Fragen nach Identität. Dieser Komplex ist in der Sammlung Essl sehr umfangreich vertreten, einerseits mit Werken des Wiener Aktionismus und andererseits mit Arbeiten junger Künstlerinnen und Künstler.

Die dichte, umfangreiche Präsentation regt zur Hinterfragung von vorhandenen und neu erstarkten Tabus an. Zeitlich spannt die Ausstellung einen Bogen von den frühen 1950er-Jahren bis zu ganz aktuellen Positionen. Zu sehen sind etwa 100 Arbeiten unter anderem von Georg Baselitz, Adolf Frohner, Elke Krystufek, Maria Lassnig, Otto Muehl, Hermann Nitsch und VALIE EXPORT.

Die westliche Gesellschaft hat ihr Verhältnis zu Körper und Geist im 20. Jahrhundert grundlegend revolutioniert, neu definiert aber auch problematisiert. Diese Entwicklungen haben sich naturgemäß auch in der Kunst widergespiegelt, insbesondere in der Zeit nach 1945. Auf scheinheilige Sexualmoral und Verdrängungsmentalität im Nachkriegsösterreich trafen subkulturelle Avantgarden mit deutlich widerständigem Impetus.

Der Wiener Aktionismus beispielsweise zählt mittlerweile zu einer der bedeutendsten Leistungen österreichischer Kunst. Gut aufgearbeitet und musealisiert ist er heute ein Beispiel für einen künstlerischen Ansatz, der als klare Absage an die Regeln der bürgerlichen (Nachkriegs-)Gesellschaft gedacht war und nun von einer bildungsbürgerlichen Allgemeinheit als Kulturgut vereinnahmt scheint. Doch die mehr als ein halbes Jahrhundert alten Aktionsfotos von Mühl, Schwarzkogler oder Nitsch irritieren und verunsichern immer noch. Sie bilden, dicht gehängt in der Rotunde, das künstlerische Rückgrat und auch das räumliche Zentrum der Ausstellung.

Elke Krystufek: Imaginary, 2001, © Sammlung Essl. Bild: Mischa Nawrata, Wien

Elke Krystufek: Imaginary, 2001, © Sammlung Essl. Bild: Mischa Nawrata, Wien

Besonders Künstlerinnen haben sich seit den 1960er-Jahren mit dem eigenen Körper kritisch auseinandergesetzt, verkrustete gesellschaftliche Normen aufgedeckt und die Rollenbilder der Geschlechter thematisiert, analysiert oder auch aufgehoben. VALIE EXPORT thematisiert in vielen ihrer Arbeiten aus dieser Zeit, wie etwa mit ihrer „Expanded Cinema-Aktion Tapp und Tastkino“, oder der Fotoarbeit „Genitalpanik“,  die Rolle der Frau als Objekt und deren Verfügbarkeit.

Dreißig Jahre später, aber lange vor der freiwilligen Selbstaufhebung von Privatsphäre und Scham in den sozialen Medien kreiert Elke Krystufek eine Kunstfigur, die exhibitionistisch ihren Körper und ihre Sexualität zur Schau stellt und damit die Grenze von Öffentlichkeit und Privatheit aufhebt. Zwei Positionen, die zeigen, wie konzise Künstler gesellschaftlich relevante Themen bearbeiten, bevor sie noch öffentlich und medial diskutiert werden.

Der eigene Körper kann aber auch als Ausdrucksfläche seelischer Zustände und Empfindungen fungieren, wie bei Maria Lassnigs „body awarenes paintings“. Oft spürt Lassnig einer inneren Befindlichkeit nach und verleiht ihr auf der Leinwand Farbe und Form. In Anlehnung an ihre frühere Science-Fiction-Werkreihe saugen zum Beispiel im Bild „Ideenfischer“ aus dem Jahr 2001 zwei technoide Wesen die Ideen aus dem Leib der Künstlerin, die wehrlos am Boden liegt. Franz Ringel quält und zerkratzt seine umrissbetonten Figuren mit spitzen Gegenständen. In seltsame Nabelschnüre verwickelt, bewohnen sie uterusartige Raumhöhlen. Der gepeinigte Leib als Ausdruck der gequälten Seele ist ein starkes, immer wieder auftauchendes Thema der Kunst nach 1945.

Der weiblichen wie auch der männlichen Identität und Selbstbestimmung sind eigene Räume in der Ausstellung gewidmet. Eine besonders wichtige Arbeit in diesem Zusammenhang, so Ausstellungskurator Andreas Hoffer, ist „das Video von Peter Land, in dem der nackte Künstler zu einer Discomusik tanzt, da es in seiner Einfachheit und Natürlichkeit eine seltene, weil unverkrampfte und leichte Seite der Zurschaustellung des eigenen Körpers zeigt“. Die junge ungarische Künstlerin Patricia Jagicza hat mit ihrer Malerei „Estrella“ von 2010 die Genderdebatte ebenso wie das Schlüpfen in andere Identitäten thematisiert. Das Werk wurde 2013 in der Ausstellung „Like it!“ von den Facebookfreunden des Essl Museums am meisten geliked.

Daniel Lezama: Boceto de Juan Diego, 2005, © Sammlung Essl. Bild: Galerie Pablo Goebel Fine Arts, Mexico City

Daniel Lezama: Boceto de Juan Diego, 2005, © Sammlung Essl.
Bild: Galerie Pablo Goebel Fine Arts, Mexico City

Und auch der Schönheit wird nachgeforscht: Marc Quinns Skulptur „Alison Lapper“ thematisiert sie abseits gesellschaftlicher Normierung. Im Stil einer idealisierten klassischen Skulptur in weißem Marmor zeigt Quinn die Künstlerin Alison Lapper, die mit verstümmelten Gliedmaßen geboren wurde. Schönheit in ganz anderem Sinn findet man in der Malerei von Martin Schnur, bei der die Zurschaustellung des Körpers Anlass für malerische Raffinesse ist.

Die allegorischen Malereien des mexikanischen Künstlers Daniel Lezama mit ihrer für uns befremdlichen Symbolik und Bildsprache, zeigen wie sehr sich die Auffassung von Schönheit, der der Maler huldigt, aus dem kulturgeschichtlichen Hintergrund ergibt. Auch der Endlichkeit allen Seins widmet die Schau ein Kapitel. In der Fotoserie „Gilles and Gotcho“ von Nan Goldin, begleitet die Künstlerin die Aidserkrankung von Gilles bis zu seinem Ende, sie dokumentiert bewegend die Liebe und Freundschaft zweier Männer bis zum Tod.

www.essl.museum

Wien, 31. 3. 2016

Forum Frohner: Friedrich Cerha. Sequenz & Polyvalenz

Februar 10, 2016 in Ausstellung, Klassik

VON RUDOLF MOTTINGER

Der Komponist als bildender Künstler

Friedrich Cerha Bild: Hertha Hurnaus/Archiv der Zeitgenossen

Friedrich Cerha
Bild: Hertha Hurnaus/Archiv der Zeitgenossen

Am 17. Februar feiert Friedrich Cerha seinen 90. Geburtstag. Aus diesem Anlass zeigt das Forum Frohner in Kooperation mit dem Archiv der Zeitgenossen einen Aspekt des Œuvres dieses Ausnahmekünstlers, der der Öffentlichkeit bislang wenig geläufig ist: sein bildnerisches Werk. Mit der Schau „Sequenz & Polyvalenz“ , die am 13. Februar mit einem Werkgespräch zwischen dem Künstler und Dieter Ronte, dem Leiter des Ausstellungshauses, eröffnet wird, zeigt sich die Konsequenz, mit der der Komponist sein bildnerisches Schaffen seit vielen Jahrzehnten verfolgt. In Maria Langegg, nicht weit von Krems entfernt, sind die Arbeiten vorwiegend entstanden. Mit Niederösterreich verbindet Friedrich Cerha über seinen Wohnsitz im Dunkelsteinerwald hinaus auch eine Kindheit im Weinviertel: Adolf Frohner war in Kindertagen Spielgefährte. Und auch später verlor man sich nicht aus den Augen. Im Forum Frohner begegnen die Künstler nun einander im Werk, in ihrem Sinn für das Archaische und Materialhafte.

Parallel zu seinem bedeutenden musikalischen Schaffen hat Friedrich Cerha seit den 1950er-Jahren seine kontinuierliche Auseinandersetzung im visuellen Bereich vorwiegend in Form von Assemblagen, aber auch in Form von Malerei verdichtet. Reliefartige Oberflächen dominieren. Plastizität wird ebenso durch den Einsatz von Fundstücken erzeugt wie durch einen materialhaften Zugang zur Farbe. Friedrich Cerha, der in seinen Texten sprachgewaltig Bezüge zwischen den unterschiedlichen Disziplinen seines umfassenden künstlerischen Ausdrucks herstellt, verfolgt – in serieller Bearbeitung nachvollziehbar – gewisse Stränge über mehrere Jahrzehnte. Seine abwechslungsreiche Vertiefung und Fokussierung von Faktoren wie Rhythmus oder Polychromie strukturiert das mehr als 900 Objekte umfassende Werk.

Das Bild „Baals Frauen“, das im Forum Frohner zu sehen sein wird, kann als Angelpunkt zwischen bildnerischem und kompositorischem Werk, konkret der Oper „Baal“, betrachtet werden. Doch nicht nur in diesem Fall zeigt sich die Querverbindung zum musikalischen Schaffen deutlich. Dem 1969 entstandenen Stück für Kammerensemble „Catalogue des objets  trouvés“, das 1970 durch „die reihe“ uraufgeführt wurde, ging die Studie auf Bildebene voraus. Im Ensemblestück wie in vielen anderen Assemblagen wird Friedrich Cerhas Verhältnis zu Fundstücken erkennbar: „Ich hatte schon als Kind eine besondere Beziehung zu den kleinen Dingen, die uns umgeben. Und die ich schön und anziehend fand, habe ich gesammelt: Steine, Wurzeln, altes Holz, Metallteile, Samen, Baumrinde, Münzen … und ich habe mit ihnen gelebt.“

Die Ausstellung steht in Verbindung mit einem wissenschaftlichen Symposium, das im Archiv der Zeitgenossen stattfindet. Im Fokus steht der Komponist Friedrich Cerha als neugierig Experimentierender, der mit verschiedenartigem „Material“, sei es musikalischer, sprachlicher oder tatsächlich greifbarer Natur, künstlerisch arbeitet und sich von Denk- und Strukturmodellen unterschiedlicher Disziplinen inspirieren lässt.

Friedrich Cerha im Musikverein: Uraufführung durch das RSO Wien

Das ORF Radio-Symphonieorchester Wien unter Chefdirigent Cornelius Meister spielt an zwei Abenden Werke von Cerha: Am 3. März sind im Wiener Konzerthaus neben Joseph Haydns Ouverture zu „Acide e Galatea“ und Gustav Mahlers „Adagio“ Cerhas „Baal-Gesänge“ zu hören, es singt Jochen Schmeckenbecher Am 9. April steht im Musikverein die Uraufführung von Friedrich Cerhas „Drei Sätze für Orchester“  aus dem Jahr 2015 auf dem RSO-Programm, ein Auftragswerk der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Weitere Werke dieses Konzerts sind Joseph Haydns Symphonie Nr. 6 und Benjamin Brittens „Spring Symphony“. Es singen Eleanor Dennis, Alice Coote, Andrew Staples, die Wiener Sängerknaben und der Wiener Singverein.

Zum Künstler:

Friedrich Cerha zählt zu den bekanntesten Komponisten des Landes. Seine Opern „Baal“, „Der Rattenfänger“, „Der Riese vom Steinfeld“ werden an renommierten Bühnen gezeigt, seine Werke werden bei vielen internationalen Festivals und Konzertzyklen aufgeführt. Er leistete wichtige Pionierarbeit bei der Präsentation neuer Werke, aber auch der Musik der Klassischen Moderne, vor allem der Wiener Schule. Cerhas Herstellung einer spielbaren Fassung des 3. Akts der Oper „Lulu“ von Alban Berg (Uraufführung 1979 in Paris), hat der Musikwelt ein wesentliches Werk des 20. Jahrhunderts vollständig erschlossen. Im Alter von sechs Jahren begann Cerha Geige zu spielen, bereits als Zehnjähriger stellte er seine Kompositionen vor und erhielt auf eigenen Wunsch Unterricht in Kontrapunkt und Harmonielehre. Noch vor Abschluss des Gymnasiums leistete er als Luftwaffenhelfer aktiven Widerstand, desertierte zweimal von der deutschen Wehrmacht und erlebte das Kriegsende als Hüttenwirt in den Tiroler Bergen. Ab 1946 studierte er in Wien Komposition, Geige und Musikerziehung sowie Germanistik, Philosophie und Musikwissenschaften. Gemeinsam mit Kurt Schwertsik gründete er 1958 das Ensemble „die reihe“ zur Schaffung eines permanenten Forums für Neue Musik in Wien. 1978 gründete er mit Hans Landesmann im Wiener Konzerthaus den Zyklus „Wege in unsere Zeit“. Lange Jahre war Friedrich Cerha Lehrer an der Hochschule für Musik in Wien, er war als Professor für „Komposition, Notation und Interpretation neuer Musik“ ein wichtiger Wegbereiter für viele junge Komponisten. Friedrich Cerha ist nach wie vor kompositorisch tätig. Aktuell entstanden etwa die komische Oper „Onkel Präsident“, die 2013 in München zur Uraufführung kam und auch an der Volksoper gezeigt wurde, und eben die „Drei Sätze für Orchester“, die das RSO im April erstmals zu Gehör bringen wird.

www.friedrich-cerha.com

www.forum-frohner.at

rso.orf.at

Wien, 10. 2. 2016