10 Jahre Forum Frohner

Oktober 13, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Zum Jubiläum zeigt man erstmals die Sammlung Gabriel

Adolf Frohner: Eine der drei Grazien,1969. Sammlung Gabriel. Bild: Christian Redtenbacher

Zum Zehn-Jahre-Jubiläum des Forum Frohner zeigt das Haus in Krems-Stein ab 15. Oktober die Sammlung Gabriel, eine österreichische Privatsammlung, die erstmals in der Öffentlichkeit präsentiert wird. Das Wiener Sammlerpaar Harald und Mechtilde Gabriel lernte Adolf Frohner in den 1960er-Jahren durch Vermittlung des Galeristen Erich Gabriel, Cousin von Harald, kennen. Frohner hatte zu dieser Zeit sein Atelier in der Paradisgasse im 19. Wiener Bezirk, in unmittelbarer Nachbarschaft der Gabriels. Es entwickelte sich ein Naheverhältnis und das junge Paar begann, Werke des befreundeten Künstlers zu sammeln. In einigen Jahrzehnten entstand eine umfangreiche Sammlung, die sich nach dem Motto „Fokus Frohner“ primär auf dessen Werk konzentrierte.

Die Sammlung Gabriel umfasst neben Radierungen und Zeichnungen auch malerische Schlüsselwerke aus den 1960er- und 1970er-Jahren. In dieser Periode entwickelte Adolf Frohner ausgehend vom Wiener Aktionismus einen neuen Zugang zur Figuration. Außerdem gelang ihm mit der Teilnahme an der Biennale von São Paulo 1969 und der Biennale von Venedig 1970 der internationale Durchbruch. Die figurativen Arbeiten bilden den Schwerpunkt der Sammlung, begleitet von ausgewählten Blättern der präfigurativen Phase.

Mit der Arbeit „Verschlossenes“  aus dem Jahr 1962 findet sich in der Sammlung ein seltenes Werk, in dem Frohner mit Materialien wie Jute und Gips in Kombination mit reduktiven malerischen Elementen experimentierte. Das Aquarell „Ohne Titel“ von 1965 integriert hingegen Zeitungsausschnitte und demonstriert Frohners Suche nach den neuen figurativen Bildelementen. Das Gemälde „Hochzeit der Schwestern“, entstanden 1967, zeigt die für Frohner typischen Frauengestalten. Mit Anregungen aus der Art brut definieren sie ein neues Menschenbild, das sich kritisch mit der Conditio humana befasst.

Die bildnerischen Werke der Sammlung werden mit detailliertem Archivmaterial, Presserezensionen sowie liebevoll aufbewahrten Kleinoden wie Plakaten, Sonderausgaben von Publikationen und persönlichen Widmungen ergänzt. Die Ausstellung rückt die persönliche Note und den individuellen Zugang des Sammlerpaares in den Vordergrund. Durch den Blick der Sammler öffnet sich ein neuer Zugang zu Adolf Frohners Position zu Kunst und Realität, die er im Statement „Kunst muss nicht schön sein. Aber sie muss notwendig sein“ auf den Punkt brachte.

Entdeckt wurde die Sammlung Gabriel im Zuge der Recherche für das Werkverzeichnis zur Malerei Adolf Frohners, das nach mehrjähriger Arbeit zum Jubiläum des Forum Frohner erscheint und bei der Ausstellung präsentiert wird.

Adolf Frohner: Hochzeit der Schwestern, 1967. Sammlung Gabriel. Bild: Christian Redtenbacher

Adolf Frohner: Die Revolte,1971. Sammlung Gabriel. Bild: Christian Redtenbacher

Das Forum Frohner im ehemaligen Minoritenkloster in Stein wurde 2007 eröffnet. Wie Dieter Ronte, von 2007 bis 2015 künstlerischer Leiter des Hauses, feststellte, wollte Frohner „dezidiert kein eigenes Museum, sondern ein Forum, in dem spannende kulturelle Arbeit geleistet werden kann“. Jedoch verstarb Adolf Frohner unerwartet im Jänner 2007 und konnte die Eröffnung „seines“ Forums nicht mehr miterleben.

Seit nunmehr zehn Jahren findet am Haus ein abwechslungsreicher Parcours von Ausstellungen und Veranstaltungen statt, die Aspekte aus allen Bereichen der Kultur verbinden. In der letzten Dekade gab es mehr als 25 Ausstellungen mit mehr als 200 Künstlerinnen und Künstlern. Der Bogen reicht von Einzelpräsentationen verwandter Zeitgenossen bis zu thematischen Fragestellungen, von nationalen bis zu internationalen Positionen. Das Ausstellungsprogramm, das auch Aspekte der Gegenwartskunst zeigt, wird mit Diskussionen, Musikveranstaltungen und Lesungen ergänzt.

www.forum-frohner.at

13. 10. 2017

Forum Frohner: Rot ich weiß Rot

Mai 19, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Ein Bilder-Sturm in der politischen Windstille

Wolfgang Flatz: Fist, 1987. Land Niederösterreich, Landessammlungen NÖ. Bild: Andreas Gießwein © Bildrecht, Wien, 2016

Wolfgang Flatz: Fist, 1987. Land Niederösterreich, Landessammlungen NÖ. Bild: Andreas Gießwein © Bildrecht, Wien, 2016

Zahlreiche hochklassige Kunstausstellungen setzen sich mit ästhetischen Aspekten auseinander, rücken humorvolle oder kulinarische Perspektiven ins Zentrum, erschließen Gerüche, bieten Gelegenheit zum Verweilen, entspannen und genießen. Die Ausstellung „Rot ich weiß Rot. Kritische Kunst für Österreich“, die ab 22. Mai im Forum Frohner auf der Kunstmeile Krems zu sehen ist, führt dagegen auf ein Kernanliegen der Kunst zurück. Anlass ist ein literarisches Werk, das vor fast vierzig Jahren geschrieben wurde und bis heute unvermindert aktuell geblieben ist.

1979 nimmt das Buch „Rot ich weiß Rot“ eine kritische Reflexion mit dem künstlerischen Klima in Österreich vor. Ausgangspunkt dafür ist die These einer „politischen Windstille“, die laut einem Bericht der FAZ dazu führt, dass es in Österreich keine Kritiker des eigenen Landes gäbe.

Dem stellen 70 Autorinnen und Autoren, von Thomas Bernhard bis Helmut Qualtinger, von Friederike Mayröcker und Elfriede Jelinek, von Josef Haslinger bis Peter Handke, eine umfassende Kritik der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Situation unseres Landes entgegen. Die Schau lotet nun die Relevanz des Buches für das Kunstschaffen aus. Sie spürt Deutungen der nationalen Identität nach, beschäftigt sich mit dem Nachwirken des Nationalsozialismus, zeigt alternative Lebensmodelle auf und thematisiert die kritische Auseinandersetzung mit Geschlechterfragen.

Manfred Deix: Bundesadler Neu I, 1989. Land Niederösterreich, Landessammlungen NÖ. Repro: Kathrin Kratzer © Manfred Deix, 2016

Manfred Deix: Bundesadler Neu I, 1989. Land Niederösterreich, Landessammlungen NÖ. Repro: Kathrin Kratzer © Manfred Deix, 2016

Am Anfang der Deutung Österreichs steht Leopold Kupelwiesers Überhöhung der Heimat in der Allegorie „Austria“, entstanden um 1848. Staatswappen und Landkarten von Manfred Deix, Oswald Tschirtner und August Walla sehen Österreich später neu und anders. Der „Widerstandsbutton“ von Johanna Kandl und Ingeborg Strobl greift schließlich die Idee der Landesfarben auf und färbt Österreich als Protest gegen die Regierungsbildung des Jahres 2000 schwarzblau.

Der Nationalsozialismus wird in Susanne Wengers Werken der letzten Kriegsjahre verarbeitet. Die Bilder verbinden Traum und Trauma der als „entartet“ gebrandmarkten Künstlerin. Auch das Nachleben des Nationalsozialismus wird zum Thema. Viktor Matejka, als Symbolfigur eines unermüdlichen Aufzeigers tritt ebenso in Erscheinung wie der Grenzgänger Padhi Frieberger, der in seinem Werk „Scheißbrauner Lippizaner“ eine touristische Visitenkarte Österreichs demontiert, indem er den Aufstieg der Spanischen Hofreitschule im Dritten Reich aufzeigt.

Der „Herr Karl“ ist dagegen Helmut Qualtingers Mitläuferfigur – fotografiert 1962 von Franz Hubmann – die in sympathischer Tarnung die Skrupellosigkeit des Durchschnittsösterreichers entlarvt. Wie schwer das offizielle Österreich mit Neuem umgehen konnte, zeigt Herbert Boeckls Wettbewerbsbeitrag „Das große Welttheater“  für den Eisernen Vorhang der Staatsoper des Jahres 1955. Boeckl analysiert den Zustand Österreichs zwischen Nachkriegselend und Öffnung für den internationalen Aufbruch. Die Jury war überfordert und gab Rudolf Hermann Eisenmenger den Vorzug, der – von Adolf Hitler bewundert – die Kriegsjahre 1939 bis 1945 als Präsident des Wiener Künstlerhauses verbracht hatte.

Gottfried Helnwein: Selbstporträt mit Cyril und Ali, 1988. Land Niederösterreich, Landessammlungen NÖ. Bild: Peter Böttcher © Bildrecht, Wien, 2016

Gottfried Helnwein: Selbstporträt mit Cyril und Ali, 1988. Land Niederösterreich, Landessammlungen NÖ. Bild: Peter Böttcher © Bildrecht, Wien, 2016

Aktionistische Kunstformen bilden einen Aufschrei gegen die Verdrängungspolitik und Enge der späten Nachkriegsära. Während der Aktion „Blutorgel“ 1962 lassen sich Adolf Frohner, Otto Muehl und Hermann Nitsch für drei Tage in einem Atelierkeller einmauern, um revolutionäre Ausdrucksformen zu entwickeln. Ebenso wie Günter Brus mit seinem „Wiener Spaziergang“  1965, der auch als Kurzfilm zu sehen ist,  lösen sie einen Skandal aus. In der Folge entwirft Otto Muehl ein alternatives Gesellschafts- und Lebensmodell, das 1972 in die Kommune Friedrichshof mündete.

Seit den 1970er-Jahren thematisieren zahlreiche Künstlerinnen das Frauenbild in der Gesellschaft und untersuchen überkommene Wertemuster. VALIE EXPORT, Christa Hauer, Ona B. oder die Gruppe „Die Damen“ entwickeln dabei unterschiedliche Zugänge – von politischen Handlungen bis hin zu künstlerischen Experimenten. In ihren Aktionen und Filmen, wie ihrem ersten Spielfilm „Der unsichtbare Gegner“ aus dem Jahr 1976, untersucht VALIE EXPORT den Körper als Symbol der Identitätsfindung und bildet damit einen zentralen Anknüpfungspunkt für feministische Positionen bis heute.

Die Ausstellung vereint zahlreiche Genres, Techniken und Medien, von der Zeichnung zur Malerei, von der Skulptur zum Film, von der Karikatur zur Fahne. Etwa 50 Arbeiten von 36 Künstlerinnen und Künstlern beziehungsweise Kollaborationen setzen sich intensiv mit Österreich und seiner politischen, sozialen und gesellschaftlichen Realität auseinander.

www.kunsthalle.at

Wien, 19. 5. 2016

Essl Museum: Body & Soul

März 31, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Der Körper zwischen Eros und Thanatos

Adolf Frohner: Figur am Bein aufgehängt, 1972, © Sammlung Essl. Bild: Mischa Nawrata, Wien

Adolf Frohner: Figur am Bein aufgehängt, 1972, © Sammlung Essl.
Bild: Mischa Nawrata, Wien

Ab 6. April zeigt das Essl Museum die Schau „Body & Soul“, eine Ausstellung über die künstlerische Auseinandersetzung mit den Themen Körper, Körperlichkeit, dem Verhältnis von Körper und Seele und Fragen nach Identität. Dieser Komplex ist in der Sammlung Essl sehr umfangreich vertreten, einerseits mit Werken des Wiener Aktionismus und andererseits mit Arbeiten junger Künstlerinnen und Künstler.

Die dichte, umfangreiche Präsentation regt zur Hinterfragung von vorhandenen und neu erstarkten Tabus an. Zeitlich spannt die Ausstellung einen Bogen von den frühen 1950er-Jahren bis zu ganz aktuellen Positionen. Zu sehen sind etwa 100 Arbeiten unter anderem von Georg Baselitz, Adolf Frohner, Elke Krystufek, Maria Lassnig, Otto Muehl, Hermann Nitsch und VALIE EXPORT.

Die westliche Gesellschaft hat ihr Verhältnis zu Körper und Geist im 20. Jahrhundert grundlegend revolutioniert, neu definiert aber auch problematisiert. Diese Entwicklungen haben sich naturgemäß auch in der Kunst widergespiegelt, insbesondere in der Zeit nach 1945. Auf scheinheilige Sexualmoral und Verdrängungsmentalität im Nachkriegsösterreich trafen subkulturelle Avantgarden mit deutlich widerständigem Impetus.

Der Wiener Aktionismus beispielsweise zählt mittlerweile zu einer der bedeutendsten Leistungen österreichischer Kunst. Gut aufgearbeitet und musealisiert ist er heute ein Beispiel für einen künstlerischen Ansatz, der als klare Absage an die Regeln der bürgerlichen (Nachkriegs-)Gesellschaft gedacht war und nun von einer bildungsbürgerlichen Allgemeinheit als Kulturgut vereinnahmt scheint. Doch die mehr als ein halbes Jahrhundert alten Aktionsfotos von Mühl, Schwarzkogler oder Nitsch irritieren und verunsichern immer noch. Sie bilden, dicht gehängt in der Rotunde, das künstlerische Rückgrat und auch das räumliche Zentrum der Ausstellung.

Elke Krystufek: Imaginary, 2001, © Sammlung Essl. Bild: Mischa Nawrata, Wien

Elke Krystufek: Imaginary, 2001, © Sammlung Essl. Bild: Mischa Nawrata, Wien

Besonders Künstlerinnen haben sich seit den 1960er-Jahren mit dem eigenen Körper kritisch auseinandergesetzt, verkrustete gesellschaftliche Normen aufgedeckt und die Rollenbilder der Geschlechter thematisiert, analysiert oder auch aufgehoben. VALIE EXPORT thematisiert in vielen ihrer Arbeiten aus dieser Zeit, wie etwa mit ihrer „Expanded Cinema-Aktion Tapp und Tastkino“, oder der Fotoarbeit „Genitalpanik“,  die Rolle der Frau als Objekt und deren Verfügbarkeit.

Dreißig Jahre später, aber lange vor der freiwilligen Selbstaufhebung von Privatsphäre und Scham in den sozialen Medien kreiert Elke Krystufek eine Kunstfigur, die exhibitionistisch ihren Körper und ihre Sexualität zur Schau stellt und damit die Grenze von Öffentlichkeit und Privatheit aufhebt. Zwei Positionen, die zeigen, wie konzise Künstler gesellschaftlich relevante Themen bearbeiten, bevor sie noch öffentlich und medial diskutiert werden.

Der eigene Körper kann aber auch als Ausdrucksfläche seelischer Zustände und Empfindungen fungieren, wie bei Maria Lassnigs „body awarenes paintings“. Oft spürt Lassnig einer inneren Befindlichkeit nach und verleiht ihr auf der Leinwand Farbe und Form. In Anlehnung an ihre frühere Science-Fiction-Werkreihe saugen zum Beispiel im Bild „Ideenfischer“ aus dem Jahr 2001 zwei technoide Wesen die Ideen aus dem Leib der Künstlerin, die wehrlos am Boden liegt. Franz Ringel quält und zerkratzt seine umrissbetonten Figuren mit spitzen Gegenständen. In seltsame Nabelschnüre verwickelt, bewohnen sie uterusartige Raumhöhlen. Der gepeinigte Leib als Ausdruck der gequälten Seele ist ein starkes, immer wieder auftauchendes Thema der Kunst nach 1945.

Der weiblichen wie auch der männlichen Identität und Selbstbestimmung sind eigene Räume in der Ausstellung gewidmet. Eine besonders wichtige Arbeit in diesem Zusammenhang, so Ausstellungskurator Andreas Hoffer, ist „das Video von Peter Land, in dem der nackte Künstler zu einer Discomusik tanzt, da es in seiner Einfachheit und Natürlichkeit eine seltene, weil unverkrampfte und leichte Seite der Zurschaustellung des eigenen Körpers zeigt“. Die junge ungarische Künstlerin Patricia Jagicza hat mit ihrer Malerei „Estrella“ von 2010 die Genderdebatte ebenso wie das Schlüpfen in andere Identitäten thematisiert. Das Werk wurde 2013 in der Ausstellung „Like it!“ von den Facebookfreunden des Essl Museums am meisten geliked.

Daniel Lezama: Boceto de Juan Diego, 2005, © Sammlung Essl. Bild: Galerie Pablo Goebel Fine Arts, Mexico City

Daniel Lezama: Boceto de Juan Diego, 2005, © Sammlung Essl.
Bild: Galerie Pablo Goebel Fine Arts, Mexico City

Und auch der Schönheit wird nachgeforscht: Marc Quinns Skulptur „Alison Lapper“ thematisiert sie abseits gesellschaftlicher Normierung. Im Stil einer idealisierten klassischen Skulptur in weißem Marmor zeigt Quinn die Künstlerin Alison Lapper, die mit verstümmelten Gliedmaßen geboren wurde. Schönheit in ganz anderem Sinn findet man in der Malerei von Martin Schnur, bei der die Zurschaustellung des Körpers Anlass für malerische Raffinesse ist.

Die allegorischen Malereien des mexikanischen Künstlers Daniel Lezama mit ihrer für uns befremdlichen Symbolik und Bildsprache, zeigen wie sehr sich die Auffassung von Schönheit, der der Maler huldigt, aus dem kulturgeschichtlichen Hintergrund ergibt. Auch der Endlichkeit allen Seins widmet die Schau ein Kapitel. In der Fotoserie „Gilles and Gotcho“ von Nan Goldin, begleitet die Künstlerin die Aidserkrankung von Gilles bis zu seinem Ende, sie dokumentiert bewegend die Liebe und Freundschaft zweier Männer bis zum Tod.

www.essl.museum

Wien, 31. 3. 2016

Forum Frohner: Friedrich Cerha. Sequenz & Polyvalenz

Februar 10, 2016 in Ausstellung, Klassik

VON RUDOLF MOTTINGER

Der Komponist als bildender Künstler

Friedrich Cerha Bild: Hertha Hurnaus/Archiv der Zeitgenossen

Friedrich Cerha
Bild: Hertha Hurnaus/Archiv der Zeitgenossen

Am 17. Februar feiert Friedrich Cerha seinen 90. Geburtstag. Aus diesem Anlass zeigt das Forum Frohner in Kooperation mit dem Archiv der Zeitgenossen einen Aspekt des Œuvres dieses Ausnahmekünstlers, der der Öffentlichkeit bislang wenig geläufig ist: sein bildnerisches Werk. Mit der Schau „Sequenz & Polyvalenz“ , die am 13. Februar mit einem Werkgespräch zwischen dem Künstler und Dieter Ronte, dem Leiter des Ausstellungshauses, eröffnet wird, zeigt sich die Konsequenz, mit der der Komponist sein bildnerisches Schaffen seit vielen Jahrzehnten verfolgt. In Maria Langegg, nicht weit von Krems entfernt, sind die Arbeiten vorwiegend entstanden. Mit Niederösterreich verbindet Friedrich Cerha über seinen Wohnsitz im Dunkelsteinerwald hinaus auch eine Kindheit im Weinviertel: Adolf Frohner war in Kindertagen Spielgefährte. Und auch später verlor man sich nicht aus den Augen. Im Forum Frohner begegnen die Künstler nun einander im Werk, in ihrem Sinn für das Archaische und Materialhafte.

Parallel zu seinem bedeutenden musikalischen Schaffen hat Friedrich Cerha seit den 1950er-Jahren seine kontinuierliche Auseinandersetzung im visuellen Bereich vorwiegend in Form von Assemblagen, aber auch in Form von Malerei verdichtet. Reliefartige Oberflächen dominieren. Plastizität wird ebenso durch den Einsatz von Fundstücken erzeugt wie durch einen materialhaften Zugang zur Farbe. Friedrich Cerha, der in seinen Texten sprachgewaltig Bezüge zwischen den unterschiedlichen Disziplinen seines umfassenden künstlerischen Ausdrucks herstellt, verfolgt – in serieller Bearbeitung nachvollziehbar – gewisse Stränge über mehrere Jahrzehnte. Seine abwechslungsreiche Vertiefung und Fokussierung von Faktoren wie Rhythmus oder Polychromie strukturiert das mehr als 900 Objekte umfassende Werk.

Das Bild „Baals Frauen“, das im Forum Frohner zu sehen sein wird, kann als Angelpunkt zwischen bildnerischem und kompositorischem Werk, konkret der Oper „Baal“, betrachtet werden. Doch nicht nur in diesem Fall zeigt sich die Querverbindung zum musikalischen Schaffen deutlich. Dem 1969 entstandenen Stück für Kammerensemble „Catalogue des objets  trouvés“, das 1970 durch „die reihe“ uraufgeführt wurde, ging die Studie auf Bildebene voraus. Im Ensemblestück wie in vielen anderen Assemblagen wird Friedrich Cerhas Verhältnis zu Fundstücken erkennbar: „Ich hatte schon als Kind eine besondere Beziehung zu den kleinen Dingen, die uns umgeben. Und die ich schön und anziehend fand, habe ich gesammelt: Steine, Wurzeln, altes Holz, Metallteile, Samen, Baumrinde, Münzen … und ich habe mit ihnen gelebt.“

Die Ausstellung steht in Verbindung mit einem wissenschaftlichen Symposium, das im Archiv der Zeitgenossen stattfindet. Im Fokus steht der Komponist Friedrich Cerha als neugierig Experimentierender, der mit verschiedenartigem „Material“, sei es musikalischer, sprachlicher oder tatsächlich greifbarer Natur, künstlerisch arbeitet und sich von Denk- und Strukturmodellen unterschiedlicher Disziplinen inspirieren lässt.

Friedrich Cerha im Musikverein: Uraufführung durch das RSO Wien

Das ORF Radio-Symphonieorchester Wien unter Chefdirigent Cornelius Meister spielt an zwei Abenden Werke von Cerha: Am 3. März sind im Wiener Konzerthaus neben Joseph Haydns Ouverture zu „Acide e Galatea“ und Gustav Mahlers „Adagio“ Cerhas „Baal-Gesänge“ zu hören, es singt Jochen Schmeckenbecher Am 9. April steht im Musikverein die Uraufführung von Friedrich Cerhas „Drei Sätze für Orchester“  aus dem Jahr 2015 auf dem RSO-Programm, ein Auftragswerk der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Weitere Werke dieses Konzerts sind Joseph Haydns Symphonie Nr. 6 und Benjamin Brittens „Spring Symphony“. Es singen Eleanor Dennis, Alice Coote, Andrew Staples, die Wiener Sängerknaben und der Wiener Singverein.

Zum Künstler:

Friedrich Cerha zählt zu den bekanntesten Komponisten des Landes. Seine Opern „Baal“, „Der Rattenfänger“, „Der Riese vom Steinfeld“ werden an renommierten Bühnen gezeigt, seine Werke werden bei vielen internationalen Festivals und Konzertzyklen aufgeführt. Er leistete wichtige Pionierarbeit bei der Präsentation neuer Werke, aber auch der Musik der Klassischen Moderne, vor allem der Wiener Schule. Cerhas Herstellung einer spielbaren Fassung des 3. Akts der Oper „Lulu“ von Alban Berg (Uraufführung 1979 in Paris), hat der Musikwelt ein wesentliches Werk des 20. Jahrhunderts vollständig erschlossen. Im Alter von sechs Jahren begann Cerha Geige zu spielen, bereits als Zehnjähriger stellte er seine Kompositionen vor und erhielt auf eigenen Wunsch Unterricht in Kontrapunkt und Harmonielehre. Noch vor Abschluss des Gymnasiums leistete er als Luftwaffenhelfer aktiven Widerstand, desertierte zweimal von der deutschen Wehrmacht und erlebte das Kriegsende als Hüttenwirt in den Tiroler Bergen. Ab 1946 studierte er in Wien Komposition, Geige und Musikerziehung sowie Germanistik, Philosophie und Musikwissenschaften. Gemeinsam mit Kurt Schwertsik gründete er 1958 das Ensemble „die reihe“ zur Schaffung eines permanenten Forums für Neue Musik in Wien. 1978 gründete er mit Hans Landesmann im Wiener Konzerthaus den Zyklus „Wege in unsere Zeit“. Lange Jahre war Friedrich Cerha Lehrer an der Hochschule für Musik in Wien, er war als Professor für „Komposition, Notation und Interpretation neuer Musik“ ein wichtiger Wegbereiter für viele junge Komponisten. Friedrich Cerha ist nach wie vor kompositorisch tätig. Aktuell entstanden etwa die komische Oper „Onkel Präsident“, die 2013 in München zur Uraufführung kam und auch an der Volksoper gezeigt wurde, und eben die „Drei Sätze für Orchester“, die das RSO im April erstmals zu Gehör bringen wird.

www.friedrich-cerha.com

www.forum-frohner.at

rso.orf.at

Wien, 10. 2. 2016

Forum Frohner: Das Prinzip Collage

Oktober 5, 2015 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Geklebte Bilder über das Tabuthema Sex

Adrian Marc: Optic Destruction No. 3, 1967 Sammlung der Kulturabteilung der Stadt Wien – MUSA, © Bildrecht, Wien, 2015, Bild: Michael Wolschlager

Adrian Marc: Optic Destruction No. 3, 1967
Sammlung der Kulturabteilung der Stadt Wien – MUSA, © Bildrecht, Wien, 2015, Bild: Michael Wolschlager

Ab 10. Oktober zeigt das Forum Frohner in Krems die Ausstellung „Das Prinzip Collage“. In Adolf Frohners Schaffen spielte die Kombination der Medien eine zentrale Rolle. Obwohl er mit seinem Werk vorwiegend als Maler und Zeichner international rezipiert wurde, zeigt sich heute, dass der Dialog von Zeichnung, Malerei, Plastik und Fotografie mittels Collage und die Integration faktischer Werkstücke seine Bedeutung maßgeblich bestimmte. Er nutzte das Verfahren während seines gesamten Schaffens und erprobte die Variationen dieser Technik anhand spezieller Themenkomplexe. Diese bilden den Ausgangspunkt dafür, dem Prinzip Collage in zeitgleichen österreichischen Positionen nachzuspüren und Impulse bis in die Gegenwart zu skizzieren.

In den sechziger Jahren erlebte das papier collé – Erfindung von Kubismus, Surrealismus und Dadaismus der 1920er-Jahren – im Kontext von Pop-Art und Fluxus international eine Wiederbelebung. Die zweidimensionale Ausweitung der Darstellung durch das Aufkleben, „collé“, wurde zum combined painting und zur Objektcollage erweitert, das Gefundene als direkte Aneignung von Wirklichkeit zum Objekt transformiert. Die Erweiterung der Collage zur Assemblage gilt als zentrale Innovation der 1960er-Jahre. Die Arbeit mit gefundenem Material bietet die Möglichkeit, einen kritischen Umgang mit dem „Realen“ zu entwickeln und dem Illusionismus entgegenzuwirken. Die Beschäftigung mit historischen Prinzipien der Collage stellt dabei einen wichtigen Aspekt dar.

Parallel dazu entstand im Kontext der konkreten Kunst der Versuch, das Subjektive mittels Objektivierung der Bildmittel zu verweigern. Kunst über die Bedingungen von Kunst ist das Motto.  Künstler wie Adolf Frohner, Padhi Frieberger, Otto Muehl, Hermann Nitsch oder Hermann Painitz reflektierten diese Verfahrensweise und entwickelten abseits des Illusionistischen neue Möglichkeiten der Interpretation des Wirklichen. Beispiele dafür sind das Objekt „Hier wohnt Max Ernst“ aus dem Jahr 1964 von Adolf Frohner, bei dem er Schrift, Bild und Gefundenes verbindet und seine Auseinandersetzung mit der Geschichte der Collage sichtbar wird, sowie Padhi Friebergers combined painting „Für mich gemacht“ aus dem Jahr 1970, bei dem Frieberger Autobiografisches einbringt.

Das kritische Potenzial des Prinzips Collage wird in der Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Diskursen und politischen Mechanismen deutlich. Durch die Verbindung mit Texten und Schriftfragmenten und die Ausweitung zum collagierten Objekt werden politische Ereignisse mittels Verfremdung reflektiert. Einen Schwerpunkt stellt die Beschäftigung mit Tabubereichen wie Sexualität und Erotik dar, für die neue mediale Ausdrucksformen wie die Typocollage oder die Fotomontage verwendet werden. Besonders für weibliche Kunstschaffende wurde die Auseinandersetzung mit dem Rollenbild der Frau zu einem Anliegen. Sie greifen geschlechtsspezifische Diskurse auf und analysieren das Bild der Frau in Medien und Gesellschaft. Der Blick auf Normatives steht hier im Zentrum.

In der Schau gezeigte Künstler sind unter anderem: Marc Adrian, Alexandra Baumgartner, Franz Beer, Elfriede Mejchar, Otto Muehl, Oswald Oberhuber, Ingeborg Pluhar, Gerhard Rühm, Judith Saupper und Daniel Spoerri.

www.kunsthalle.at/de/forumfrohner/

Wien, 5. 10. 2015