Wiener Festwochen: Naše nasilje i vaše nasilje / Unsere Gewalt und eure Gewalt

Mai 30, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Ecce homo in extremen Bildern

Bild: Wiener Festwochen © Alexi Pelekanos

Bild: Wiener Festwochen © Alexi Pelekanos

Wie sie da als gutgelaunte Truppe auf die Bühne stürmen, weiß man schon, das nimmt kein schönes Ende. Sie stellen sich vor, ihre Wurzeln reichen von Bergkarabach bis Bagdad, oder ihre Familien sind einst aus Syrien nach Jugoslawien eingewandert. Tito war ja ein großer Freund Hafiz al-Assads. Sie sind europäische Muslime, dieser Kontinent ist ihr Kontinent, und wie sie gehört auch der Islam hierher.

Sie haben Oliver Frljić kennengelernt, bei H & M oder im Kaffeehaus, und nun werden sie im Schauspielhaus Wien erst geschlagen, dann erschossen oder auf IS-Art geköpft. „Unsere Gewalt und eure Gewalt“ heißt diese Arbeit, die Frljić im Rahmen der Wiener Festwochen zur Uraufführung brachte und für die er erstmals die Schauspielensembles des Kroatischen Nationaltheaters in Rijeka, er ist Intendant des Hauses, und des Mladinsko Theaters im slowenischen Ljubljana zusammenführt.

Frljićs unbequeme und politisch provozierende Arbeiten werden immer wieder zensuriert, er selbst sogar mit dem Tode bedroht (mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=19920). Auch „Unsere Gewalt und eure Gewalt“ wird manchen ein Stein des Anstoßes sein, befasst sich der 1976 in Bosnien geborene und nach Kroatien geflüchtete Theatermacher doch darin einmal mehr mit dem „christlichen Abendland“ und seinem Umgang mit Muslimen, mit neu erstarkenden faschistischen Strömungen, aktuell mit den Flüchtlingen und den unheiligen Verquickungen von Politik und Wirtschaft. Wie er sich an Europas Geschichte abarbeitet, so wohl auch an seiner eigenen. Denn den Terror, den er aus vermeintlich entlegenen Ecken der Erde zeigt, verbindet er inhaltlich mit dem gegen bosnische Muslime in den Lagern Ex-Jugoslawiens. Und nichts, was Frljić mit theatralen Mitteln darstellen könnte, ist so schockierend wie die in Den Haag eingegangenen Berichte von kastrierten, geschändeten, bis zur Zeugungsunfähigkeit gefolterten Frauen und Männern.

Frljić hat ein Synonym für die Schieflage der Nationen erdacht. Er lässt Uroš Kaurin als dornengekrönten Christus von einem Erdölkanisterkreuz steigen und eine Muslima vergewaltigen. Die ganze Aufführung ist ein Ecce homo in extremen, suggestiven Bildern, siehe, der Mensch, in all seiner Erbarmungswürdigkeit und Brutalität. Gefangene in Guantanamo-Orange müssen ihren Wächtern etwas vorsteppen, an der mazedonischen Grenze spielen Flüchtlinge mit Piepsstimme Kasperletheater, ihre Finger formen ein Hakenkreuz. Eine Frau mit grünem Hidschāb zieht sich einen rotweißroten Wimpel aus der Vagina, er wird den Umstehenden zum Heil-Symbol. Ein erotisches Ballett beginnt, nackte, mit arabischer Schrift bemalte Körper, als beschriebe dieser bitterzarte Moment den Anfang allen Lebens, doch schon startet eine ohrenbetäubende Party und Luftballons im Schwarze-Banner-Design fliegen ins Publikum. „Wenn Sie jetzt eine Frage haben?“, fordert Jerko Marčić auf, aber der gesittete Zuschauer hält natürlich im Theater den Mund, so wie er’s gelernt hat – und hat sich damit schon ins Unrecht gesetzt. Man solle hier nicht Balkan-Wundertiere bestaunen, sondern lieber Leben retten, heißt es. Und die Assoziationskette reißt nicht ab.

Bild: Wiener Festwochen © Alexi Pelekanos

Bild: Wiener Festwochen © Alexi Pelekanos

Bild: Wiener Festwochen © Alexi Pelekanos

Bild: Wiener Festwochen © Alexi Pelekanos

Nicht nur die Leute im Saal, auch Alvis Hermanis kriegt sein Fett weg. Wegen seines Ausspruchs zur deutschen Flüchtlingspolitik. „Unsere Gewalt und eure Gewalt“ ist eine Auftragsarbeit des HAU, des Berliner Theaters „Hebbel am Ufer“. Und Frljić, ja, er provoziert, wie jeder gute Revolutionär vertritt er laut und aufsässig seine Positionen, aber wann wurde ein leiser Mahner je gehört? Er zeigt bis zur Peinlichkeit plakatives Frontaltheater, führt Huntingtons Clash of Civilizations vor, dass es nur so klescht. Im heftig kritisierten Buch heißt es: „Der Westen eroberte die Welt nicht durch die Überlegenheit seiner Ideen oder Werte oder seiner Religion, sondern vielmehr durch seine Überlegenheit bei der Anwendung von organisierter Gewalt. Oftmals vergessen Westler diese Tatsache; Nichtwestler vergessen sie niemals.“ Frljić würde diesen Satz mutmaßlich unterschreiben, ein mutmaßlich gesteuerter Zwischenrufer im Schauspielhaus schreit: „Das wird hier alles einseitig dargestellt!“

Im Gespräch mit mottingers-meinung.at sagt Frljić: “ Wir sollten nicht vergessen, dass der Westen den radikalen Islam geschaffen hat (www.mottingers-meinung.at/?p=19920).“ Und, dass er keinen Wert auf ein Theater legt, das den Konsens sucht. In Leuchtlettern steht an der Bühnenrückwand: Die gegen den Faschismus sind, ohne gegen den Kapitalismus zu sein, wollen ihren Teil vom Kalb, ohne es zu schlachten.

Die Folie, auf die Frljić seinen Text projiziert, ist Peter Weiss‘ epochaler Roman-Essay „Die Ästhetik des Widerstands“. Tausend Seiten über die Möglichkeiten des antifaschistischen Widerstands aus der Sicht der Kunst, von Weiss selbst in die Nähe der Dante’schen Höllenkreise der Divina Commedia gerückt, von ersten Rezensenten in Unverständnis und einer verallgemeinernden Ablehnung alles „Roten“ angefeindet. Frljić lässt auf dem Höhepunkt seiner Hadeswanderung Matej Recer seinem Schauspielkollegen Blaž Šef Gewalt antun. Mit zwangseingeflößtem Schnaps und einem Schweinskopf, den er dem Muslim über das Gesicht stülpt. Auch das keine Erfindung, sondern lediglich eine Ausformulierung: Amnesty International und Human Rights Watch berichten immer wieder von Misshandlungen in Flüchtlingslagern. Wer hier leben will, muss auch so leben wie hier!
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Bild: Wiener Festwochen © Alexi Pelekanos

Bild: Wiener Festwochen © Alexi Pelekanos

Frljić hätte seine Arbeit auch „Unsere Werte und eure Werte“ nennen können, oder besser „Unser Land und unsere Regeln“. Sie ist jedenfalls eine unverzichtbare Analyse der Seinszustände dieser Welt, sie ist ein politisches Pamphlet gegen den demokratisch legitimierten Rechtsschwenk Europas, ein wilder Aufschrei gegen systemische Gewalt – und eine Schweigeminute. Für die Opfer in Paris und Brüssel, in Marea und Azaz.

160.000 Menschen laufen dort gerade um ihr Leben, nur damit an Europas Grenzen das Kasperletheater wieder beginnen kann. Wie zur Versöhnung folgt am Ende eine christlich-islamische Pietà. Aber auch ein Bibelwort. „Also werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein“, zitiert Dragica Potočnjak, dann lacht sie. Zynisch.

Video: www.youtube.com/watch?v=54cE_2PT37E

www.festwochen.at

Mehr Rezensionen von den Wiener Festwochen:

Три сестры / Drei Schwestern: www.mottingers-meinung.at/?p=20364

Идеальный муж / Ein idealer Gatte: www.mottingers-meinung.at/?p=20289

Dugne / Nachtasyl: www.mottingers-meinung.at/?p=20221

Der Auftrag: www.mottingers-meinung.at/?p=20189

Látszatélet / Scheinleben: www.mottingers-meinung.at/?p=20141

Città del Vaticano: www.mottingers-meinung.at/?p=20120

Die Passagierin: www.mottingers-meinung.at/?p=20085

Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen: www.mottingers-meinung.at/?p=19870

Wien, 30. 5. 2016

Regisseur Oliver Frljić im Gespräch

Mai 17, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gastspiel im Werk X, Uraufführung bei den Festwochen

Balkan macht frei. Bild: © Konrad Fersterer

Balkan macht frei. Bild: © Konrad Fersterer

Bevor am 29. Mai seine neue Produktion „Naše nasilje i vaše nasilje / Unsere Gewalt und eure Gewalt“ bei den Wiener Festwochen uraufgeführt wird, zeigt der Regisseur und Autor Oliver Frljić am 21. und 22. Mai im Werk X seine umstrittene Performance „Balkan macht frei“ als Gastspiel vom Münchner Residenztheater. In seinen Arbeiten befasst sich der 1976 in Bosnien geborene und nach Kroatien geflüchtete Theatermacher mit dem „christlichen Abendland“ und seinem Umgang mit Flüchtlingen, mit neu erstarkenden faschistischen Strömungen und den unheiligen Verquickungen von Politik und Wirtschaft.

Seit dieser Spielzeit ist Frljić Intendant des Kroatischen Nationaltheaters in Rijeka und sorgt für Reibung mit Aufführungen, die Kriegsverbrechen und -traumata in den Blick nehmen, die Dramaturgien der jüngeren Geschichtsschreibung hinterfragen und das Spiel mit nationalen Identitäten überdehnen. Seine unbequemen und politisch provozierenden Arbeiten werden immer wieder zensuriert, Frljić selbst sogar mit dem Tode bedroht. Ein Maildialog (in Englisch und deutschsprachiger Übersetzung) über ein Theater, das nicht geliebt werden will, Publikum, das die Bühne stürmt, und die Bundespräsidentenwal in Österreich. Frljićs Prognose dafür ist – schlecht …

MM: Wie würden Sie Ihre Art, Theater zu machen, beschreiben? Welche Geschichten wollen Sie erzählen, wie wollen Sie ein Publikum erreichen?

Oliver Frljić: Theatre is my most inner need, way to communicate something I am not able to express in any other form or media. Very often I do devised-theatre projects and it gives me opportunity to work from people who are the part of my team. Although I do extensive preparation before every production, I found my theme through the people I work with. My theatre is usually not story-driven, there is no clear narrative, because I am convinced that literature is doing much better in story-telling then theatre. In word of Derrida, by accepting the role of servant of literature, „Western theater has been separated from the force of its essence, removed from its affirmative essence, its vis affirmativa.“ I am trying to find the representation for social conflicts.

(Theater ist mein innerstes Bedürfnis, mein Weg Dinge zu kommunizieren, die ich in keiner anderen Form und mit keinem anderen Medium ausdrücken könnte. Die Themen für meine Theaterprojekte finde ich sehr oft erst in der Arbeit mit meinem Team, mit dem ich vor jeder Produktion ausgedehnte Proben habe. Mein Theater ist in der Regel nicht von einer Story bestimmt, es ist nicht narrativ, weil ich überzeugt bin, dass Literatur das viel besser kann. Mit den Worten Derridas – frz. Philosoph und Begründer der Dekonstruktion, Anm.: “Das westliche Theater hat sich von der Kraft seiner Essenz entfernt”, versuche ich nun eine Darstellungsform für soziale Konflikte zu finden.)

Balkan macht frei. Bild: © Konrad Fersterer

Balkan macht frei. Bild: © Konrad Fersterer

MM: Sie zeigen “Balkan macht frei” im Werk X, eine Arbeit darüber, wie sogenannte Westeuropäer auf sogenannte Osteuropäer reagieren. In Wien sind wir alle ein bisschen Balkan. Wie glauben Sie wird das Publikum auf ein Stück reagieren, dass ihm die Immigrantenstory seiner Urgroßeltern oder Großeltern erzählt?

Frljić: Well, „Balkan macht frei“ speaks about different things. One of them is my position in Western Europe as a guest director. I intentionally did self-stereotyping in order to show discriminatory policies that are present in every society. The main character is my alter-ego and performance speaks about his struggle to overcome the expectations of him as a director coming from Balkan. That’s way this performance has so many self-referential moments.

(“Balkan macht frei” erzählt von unterschiedlichen Dingen. Eines davon ist meine Position als Gastregisseur in Westeuropa. Ich habe mich gewissenhaft selbst stereotypisiert, um die diskriminierenden Strategien aufzuzeigen, die es in jeder Gesellschaft gibt. Der Protagonist ist mein Alter Ego und die Performance handelt von seinen Bemühungen, die Erwartungen, die man an ihn als jungen Theatermacher vom Balkan hat, zu überwinden. Das Stück hat sehr viele selbstreflexive Momente.)

MM: Es denkt aber auch größer. Wie steht es mit der derzeitigen Flüchtlingsdebatte? Glauben Sie, die Menschen vom “Balkan” sind in dieser Diskussion die Verlierer, da sie ja als Wirtschaftsflüchtlinge abgetan werden, die man sehr einfach wieder in ihre Herkunftsländer, der Kosovo ist ein Beispiel, zurückschicken kann?

Frljić: Well, my new production „Our and Your Violence“ speaks about hypocrisy of Europe. I could never understand that for Europe one’s economical problems were not good reason for granting asylum. If somebody is exposed to subjective violence, we are ready to accept him/her, but if the same person is the subject of structural violence produced by that very same Europe, we’re not gonna let him/her in. What is the difference if somebody dies from hunger or bullet?

(Meine neue Produktion “Naše nasilje i vaše nasilje/Unsere Gewalt und eure Gewalt” dreht sich um die Heuchelei in Europa. Ich werde nie verstehen, warum jemandes ökonomische Probleme für Europa kein guter Grund sind, Asyl zu gewähren. Wenn jemand körperlicher Gewalt ausgesetzt ist, sind wir bereit, ihn oder sie zu akzeptieren, aber wenn die selbe Person das Opfer struktureller Gewalt, erzeugt von eben dem selben Europa ist, sind wir nicht bereit, ihn oder sie reinzulassen. Was ist der Unterschied, ob man an Hunger oder einer Kugel stirbt?)

MM: Als Sie “Balkan macht frei” am Münchner Residenztheater zeigten, gab es teilweise heftige Zuschauerreaktionen. Einmal wurde sogar die Bühne gestürmt, um eine Waterboarding-Szene zu beenden. Sie provozieren gerne, wie es scheint. Sind Sie ein theatraler Troublemaker, ein Unruhestifter?

Frljić: I was surprised with the reactions of audience, especially when it comes to the water-boarding scene. The dream of every theatre is to produce the radical fiction stronger than reality. I think we have fulfilled part of that dream. I always prefer to be the part of problem, not solution. Although I consider theatre to be an instrument of political fight, it doesn’t operate in same mode as parliamentarian democracy or revolution. It creates another kind of effects. I really hate the theatre that creates social consensus or the one that everybody loves. If you’re really critical, you should expect a lot of anger from your audience. Your work will be artistically underestimate. You know this stupid kind of critique that treats art as something outside political arena and the conflicts permeating it. We should not forget that art is an instrument for social and ideological domination of ruling class. System of values and economic interests of this class is reproduced through the art. So, to offense the taste of its audience should be the first step.

(Mich hat die Reaktion des Publikums überrascht, vor allem bei der Waterboardind-Szene. Der Traum jedes Theaters ist, eine radikale Fiktion zu schaffen, die starker ist, als die Realität. Ich denke, diesen Teil des Traums haben wir erfüllt. Ich bevorzuge es immer, Teil des Problems, nicht der Lösung zu sein. Außerdem betrachte ich Theater als Instrument des politischen Kampfes. Es arbeitet nicht mit den Mitteln der parlamentarischen Demokratie oder der Revolution, es schafft andere Effekte. Ich hasse Theater, das sozialen Konsens sucht oder, das jeder liebt. Wenn du wirklich kritisch bist, solltest du dir vom Publikum eine Menge Ärger erwarten, deine Arbeit wird künstlerisch unterschätzt werden. Sie wissen, die Art dummer Kritik, die theatrale Kunst außerhalb der politischen Arena und der sie durchdringenden Konflikte sieht. Wir sollten nie vergessen, dass Kunst ein Instrument zum Erhalt der sozialen und ideologischen Dominanz der herrschenden Klasse ist, das Wertesystem und die ökonomischen Interessen dieser Klasse werden durch Kunst reproduziert. Den Geschmack dieses Publikums zu bekämpfen, sollte also der erste Schritt sein.)

MM: In Kroatien und anderen “restjugoslawischen” Ländern werden Ihre Arbeiten zensuriert. Wenn die Menschen sich nicht mit ihrer Geschichte und mit der jüngsten Vergangenheit auseinandersetzen wollen, ärgert Sie das? Oder macht es Sie eher traurig?

Frljić: It doesn’t stop me and that’s the most important thing. I live in society constituted on nationalistic system of values and institutionalized exclusion of different minorities. Not to mention that war-crimes are part of local folklore here. It’s not very pleasant to live in society were the war-criminals are praised as heroes. And it’s definitely not pleasant to live in the country were the war is the biggest national value and something beyond critique. Since I have become intendant of Croatian National Theatre in Rijeka, I have been constantly under the media attack from the biggest right-wing party in Croatia, Croatian Democratic Union and its president Tomislav Karamarko. I was physically attacked, received a lot of death threats, mine apartment and the apartment of my girlfriend were broken-in almost the same day …

(Es stoppt mich nicht und das ist das Wichtigste. Ich lebe in einer Gesellschaft, die auf einem nationalistischen Wertesystem und dem Ausschluss verschiedener Minderheiten fußt. Nicht zu vergessen die Kriegsverbrechen, die hier ein Teil der lokalen Folklore sind. Es ist nicht sehr angenehm, in einer Gesellschaft zu leben, die Kriegsverbrecher als Helden preist. Und es ist definitiv nicht angenehm, in einem Land zu leben, wo der Krieg die größte nationale Tat ist und jenseits jeder Kritik. Seit ich Intendant des Kroatischen Nationaltheaters in Rijeka geworden bin, stehe ich permanent unter den medialen Attacken der größten rechtspopulistischen Partei Kroatiens, der Kroatischen Demokratischen Union und ihres Präsidenten Tomislav Karamarko. Ich wurde körperlich angegriffen, habe Todesdrohungen erhalten, in meine Wohnung und die meiner Freundin wurde eingebrochen, fast am gleichen Tag …)

Naše nasilje i vaše nasilje / Unsere Gewalt und eure Gewalt. Bild: Mare Mutić

Naše nasilje i vaše nasilje / Unsere Gewalt und eure Gewalt. Bild: Mare Mutić

MM: Bei den Wiener Festwochen zeigen Sie nun das vorhin angesprochene “Naše nasilje i vaše nasilje/Unsere Gewalt und eure Gewalt”. Sie haben sich zum 100. Geburtstag von Peter Weiss dessen epochalen Roman-Essay „Die Ästhetik des Widerstands“  als Vorlage genommen. Obwohl die Handlung in den späten Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts angesiedelt ist, sind die Analogien zur aktuellen Situation unübersehbar. Hat Sie das an diesem Werk interessiert?

Frljić: Weiss‘ book was only pretext for this production. After reading it, I was interested to speak not about historical fascism, which is important theme in this book, but about contemporary European fascism, one with democratic legitimation.

(Weiss’ Buch war nur der Vorwand für diese Produktion. Nachdem ich es gelesen hatte, wollte ich nicht eine Inszenierung über den historischen Faschismus machen, der ein wichtiges Thema im Buch ist, sondern über den zeitgenössischen europäischen Faschismus, den mit der demokratischen Legitimation.)

MM: Als ich das Festwochen-Video über Ihre Arbeit sah, hatte ich den Eindruck im Stück geht es auch um den Islam und darüber, wie unsere Gesellschaft mit Muslimen umgeht. Stimmt das? Einige Ausschnitte aus der Probenarbeit wirken übrigens wieder sehr brutal …

Frljić: Performance speaks about current Islamophobia in Europe. We should not forget that West has created radical islamism. And we have destroyed secularism in the Middle East. Petrol crosses borders without any problems, but Syrian refugees are not allowed to do the same.

(Die Performance erzählt über die derzeitige Islamophobie im Europa. Wir sollten nicht vergessen, dass der Westen den radikalen Islam geschaffen hat. Und dass wir den Säkularismus im Mittleren Osten zerstört haben. Erdöl passiert die Grenzen ohne Probleme, aber syrische Flüchlinge dürfen nicht das Gleiche tun.)

MM: Im Video sprechen Sie über einen neuen europäischen Faschismus und, dass sich Österreich ebenfalls auf dem Weg dorthin befindet. Möchten Sie dazu Näheres sagen?

Frljić: Well, the second round of Austrian presidential election, scheduled for 22 May, with Norbert Hofer from Freedom Party of Austria as one of two candidates, indicates the change of political climate in Austria. During the preparation for my new production, I screened for the actors another Wiener Festwochen production, Schlingensief’s „Bitte liebt Österreich“. Produced 16 years ago, it looks pretty up-to-date. Schlingensief’s reality show with asylum-seekers has become reality of present Europe.

(Nun, die zweite Runde der Bundespräsidentenwahl, die am 22. Mai stattfindet, mit Norbert Hofer von der FPÖ als einem von zwei Kandidaten, zeigt den Wechsel des politischen Klimas in Österreich. Während der Vorbereitungen zu meiner neuen Produktion, habe ich den Schauspielern eine andere Aufführung von den Wiener Festwochen vorgeführt, Schlingensiefs “Bitte liebt Österreich”. Vor 16 Jahren prodziert, und doch so aktuell. Schlingensiefs Reality-Show mit Asylwerbern ist zur Realität des derzeitigen Europa geworden.)

Naše nasilje i vaše nasilje / Unsere Gewalt und eure Gewalt. Bild: Mare Mutić

Naše nasilje i vaše nasilje / Unsere Gewalt und eure Gewalt. Bild: Mare Mutić

MM: Glauben Sie, dass man mit Theater etwas verändern kann?

Frljić: Theatre can fight for change.

(Theater kann für Veränderung kämpfen.)

MM: Was würden Sie machen, wenn nicht Theater? Wie würden Sie dann Ihre Stimme erheben? Nie daran gedacht, selber in die Politik zu gehen?

Frljić: I can’t imagine my self participating in this kind of political system called parliamentarian democracy. For me, it doesn’t represent anything but the interests of capital. That’s why I do not vote. I don’t want to participate in that kind of theatralization of political life, as well as in the political system that doesn’t have the mechanisms for preventing new forms of fascism to gain democratic legitimation.

(Ich kann mir nicht vorstellen, selber an einem politischen System teilzuhaben, das sich parlamentarische Demokratie nennt. Für mich repräsentiert es nichts anderes als die Interessen des Kapitals. Das ist auch der Grund, warum ich nicht wähle. Ich möchte bei keiner „Inszenierung von politischem Leben“ mitmachen, umso weniger in einem politischen System, das keine Mechanismen hat, die neuen Formen von Faschismus daran zu hindern, demokratische Legitimation zu erlangen.)

werk-x.at

Trailer: vimeo.com/131069654

www.festwochen.at

Mehr von den Wiener Festwochen:

Rezension „Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen“: www.mottingers-meinung.at/?p=19870

Wien, 17. 5. 2016

„Where Do You Go To, My Lovely …?“ Nach Graz!

April 29, 2013 in Bühne

Eine Projektion auf Europas Zukunft von Olivier Frljic

„So wie es ist, ist es nicht gut, aber es zeichnet sich eben nichts Besseres am Horizont ab. Öffnet oder verschließt sich das heutige Europa möglichen Alternativen zum Wandel? Wenn wir unfähig geworden sind über ein zukünftiges Europa anders als in politischen und ökonomischen Begriffen nachzudenken, vielleicht schaffen wir es dann innerhalb des theatralen Rahmens? Was ist oder was sind alternative Geschichte(n) Europas? Where Do You Go To, My Lovely …? Die auf dem Rücken des weißen Stiers reitet, welche Richtung wird sie nehmen?” Oliver Frljić

Christoph Rothenbuchner, Florian Köhler, Thomas Frank, Pia Luise Händler, Franz Solar  Bild: (c) Lupi Spuma

Christoph Rothenbuchner, Florian Köhler, Thomas Frank, Pia Luise Händler, Franz Solar
Bild: (c) Lupi Spuma

Das Schauspielhaus Graz hat ein ereignisreiches Wochenende hinter sich. Neben der Spielplanpräsentation standen gleich zwei  Premieren auf dem Programm: Auf der Probebühne des Hauses erarbeitete Regisseur Oliver Frljić den Abend „Where Do You Go To, My Lovely …?“ Frljić ist der Star der jungen Regie-Generation Ex-Jugoslawiens. Frljićs Theaterabende werden in seiner Heimat öffentlich diskutiert, weil viele ethnische und nationale Auseinandersetzungen, die er benennt auch Jahre nach Krieg und Zusammensturz eines politischen Systems noch immer nicht befriedet scheinen. Sein Name steht für körperlich-kraftvolles Theater, das zugleich kritisch und in höchstem Maße unterhaltsam ist. Das hat ihn auch außerhalb der Region bekannt gemacht. Für seine Regiearbeiten wurde er vielfach ausgezeichnet und zu internationalen Festivals eingeladen, wie z.B. 2010 und 2013 zu den Wiener Festwochen. Er macht es sich zur Aufgabe, Konflikte zu benennen, die politische Systeme, nationale Trennlinien und kulturelles Selbstbewusstsein dem Alltag der Menschen eingebrannt haben. Mit diesem Blick auf die Dinge, inszeniert er nun zum ersten Mal in Österreich und untersucht ein anderes multinationales System: Europa!

Ein Theater-Interview mit Regisseur Oliver Frljić

Welchen Einfluss hatte der Krieg in Ex-Jugoslawien auf Ihr Leben?

Ich verließ Bosnien mit Kriegsbeginn 1992 und lebte bis 1995 als Flüchtling in Kroatien; in der Stadt Split besuchte ich das Gymnasium. Die kroatische Staatsbürgerschaft konnte ich allerdings nicht bekommen, da ich aus einer Mischehe stamme, was zu dieser Zeit ein großes Problem darstellte. Nach dem Krieg, 1995, schrieb ich mich an der Philosophischen Fakultät ein, ich schloss ein Philosophie- und Religionswissenschaftsstudium ab und studierte Bühnenregie an Zagrebs Akademie der Dramatischen Künste. Der Krieg war ein wichtiger Faktor in meinem Leben und ich sehe noch immer, welchen Einfluss er auf meine Arbeit hat. Am Anfang meiner Theaterarbeiten wurde mir bewusst, dass sich viele Menschen meiner Generation noch immer mental in diesem Krieg befinden und sie versuchen, ihre Erfahrungen in ihren künstlerischen Arbeiten zu verarbeiten. Aus diesem Grund ist der Krieg auch ein bestimmendes Thema in meinen Arbeiten. Alle Projekte der letzten Jahre waren direkt oder indirekt von meinen Kriegserfahrungen beeinflusst. Einige dieser Arbeit wurden zensiert. Eine Produktion in Split, 2009, Euripides‘ Bacchien, die unbequeme Parallelen mit Verbrechen, die während des Kroatienkrieges von 1991-1995 begangen wurden, aufweisen, wurde sogar vom Theaterdirektor zensiert und vom Repertoire des Kroatischen National Theaters in Split genommen. Ich bekam auch Probleme, als ich ein Projekt über den ehemaligen Premierminister Serbiens Zoran Djindjic und seine Ermordung erarbeitete. Und meine jüngste Erfahrung war jene in Slowenien, als ich ein Projekt erarbeitete über Menschen, die einfach aus dem Einwohnermelderegister gestrichen wurden.

Wie sehen grundsätzlich die Reaktionen auf Ihre Produktionen aus?

Die Reaktionen auf meine Stücke sind natürlich immer gespalten, wenn ich diese Kriegstraumata behandle, auf die die Menschen natürlicherweise eine starke Reaktion zeigen. Und es liegt auch an der Art und Weise wie ich mit Themen wie Kriegsverbrechen, Nationalismus und anderen umgehe, denn ich versuche, offizielle Berichte und Erzählungen, die es in den Gesellschaften Ex-Jugoslawiens über diese Zeit gibt, kritisch zu hinterfragen. Das ist der Rahmen, in dem ich versuche, Konflikte zu generieren: Es geht mir weniger um die Konflikte zwischen den Rollen auf der Bühne, sondern um jene zwischen meinen SchauspielerInnen und der unhinterfragten Geschichte bestimmter Gesellschaften, also um das, was wir für Realität halten.

Mit welchen Themen beschäftigen sie sich primär im Theater?

Kürzlich erarbeitete ich ein Stück über meine Familie und die traumatischen Erlebnisse in unserer Familiengeschichte. So war das Stück I hate the truth [Anm. : eingeladen zu den Wiener Festwochen 2013] natürlich – in einem breiteren Kontext – mit dem Kriegsbeginn verbunden, da ich meine Familie als Flüchtling verließ und ich versuchte, genau diese Zeitspanne unseres Lebens zusammenzufassen. Ich war 16 Jahre alt, als ich von Zuhause weg musste und nach Split ging. Ein anderes Projekt war zum Beispiel ein bekannter serbischer Text von Branislav Nusic, einem berühmten Autor, Gospođaministarka (Die Frau des Ministers). Diese Inszenierung hatte große politische Bedeutung in Zagreb, weil wir den Text in seiner ursprünglichen Sprache, Serbisch, zur Aufführung brachten. Auf diese Art und Weise versuchten wir die Kulturpolitik Kroatiens von den 1990ern bis heute zu hinterfragen, denn damals wäre es nicht möglich gewesen, einen solchen Text aufzuführen.

Es scheint, als fände in Ihren Stücken immer ein Kampf zwischen der Realität und dem Medium Theater statt.

In meiner Arbeit ist es mir wichtig, die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen zu lassen. Auch wenn ich reale Themen oder Personen auf die Bühne bringe, ist es doch Theater, das ich produziere. Darum wähle ich Themen, die uns nicht mehr einfach zwischen Fiktion und Realität unterscheiden lassen. Heute, nachdem das sogenannte Dokumentarisches Theater institutionalisiert wurde, müssen wir neue Strategien entwickeln und können darüber nur auf einer Meta-Ebene sprechen. Wir haben klare Regeln und Verfahrensweisen für diese Art von Produktionen. Und ich denke, Experten auf die Bühne zu bringen, wie das oftmals bei Dokumentarischem Theater praktiziert wird, ist auch schon zu einer Fiktion geworden, denn obwohl diese Menschen aus der realen Welt kommen und man sie in einen fiktionalen Rahmen bringt, werden diese Strategien von Theater-Institutionen angewandt. Wo auch immer man heutzutage hinkommt, erzählen Menschen, so wie wir gerade, ihre persönlichen Geschichten und da das zu einer Konvention geworden ist, kann man im Theater damit spielen: Das habe ich unter anderem in der Produktion über ausgelöschte Menschen in Slowenien gemacht. Auf der einen Ebene der Aufführung betrachtet man eine Familie, die von der Einwohnerliste getilgt wurde mit deren Sohn, der sich für das Familienschicksal verantwortlich fühlt und Suizid begeht. Das wird von Schauspielern gespielt. Am Ende des Stücks werden dann aber reale Menschen auf die Bühne gebracht und die Zuschauer gehen auch davon aus, dass es sich um reale Personen handelt, doch das waren sie gar nicht. Als das Publikum herausfand, dass es sich um SchauspielerInnen handelt, waren sie teilweise sogar enttäuscht. Aber ich glaube, wir müssen noch weiter gehen. Ich meine, ich las vor zwei Tagen, dass der primäre Verweis des Theaters das Theater selbst ist. Also verweist jegliche Realität, die wir auf die Bühne bringen, auf das Theater. Leider habe ich bis heute kein Theater gesehen, das radikale Veränderungen in der Gesellschaft vollbracht hätte. Eine Revolution wird nicht von der Bühne oder vom Fernsehen ausgehen. Ich glaube nicht, dass Theater die Macht hat, Veränderungen auf makropolitischer Ebene hervorzurufen. Aber das ist auch kein Grund, damit aufzuhören. Denn Theater braucht eine größere Ambition als bloße Darstellungsweisen zu hinterfragen. Da ist diese Ambiguität in meiner theatralen Arbeit: Natürlich möchte ich auf der einen Seite die Welt durch das Theater verändern und Menschen einladen, auf die Straße zu gehen und die Gesellschaft ein wenig besser zu machen. Auf der anderen Seite ist Theater ein sehr altes Medium im Vergleich zu den Neuen Medien. Es ist langsamer und es kommuniziert mit einer sehr limitierten Anzahl von Menschen. Darum versuchte ich immer Situationen zu kreieren, in denen meine Produktionen verbreitet werden und die Zeitungen, TV und online Portale zu inkludieren, damit wir ein breiteres Publikum erreichen können. Natürlich ergibt sich auch eine qualitative Veränderung in der Aussage, wenn sie durch die Medien geht. Manchmal passiert eine Verzerrung der theatralen Aussage, manchmal ist es auch eine Vergrößerung. Daher haben die meisten Menschen in Serbien z.B. eine Meinung über mich und über meine Arbeiten, obwohl sie wohl noch nie ein Stück von mir gesehen haben.

Wie entwickeln Sie WHERE DO YOU GO TO, MY LOVELY …?

Ich mache zunächst meist einen sehr allgemeinen Vorschlag, der sich durch die Kommunikation mit meinem Dramaturgen ergibt. Ich denke, die Art von Theater, die ich produziere, kann sich nicht entwickeln, wenn ich zuhause sitze und einen Text schreibe. Die besondere Qualität kommt durch den Prozess des Erarbeitens in den Proben, und zwar mit dem gesamten Team. Die Szenen werden dann innerhalb und durch all diese Vorgänge entwickelt, die im Probenprozess passieren: Man sitzt da und zwingt sich selbst zu denken, und zwar mit diesen konkreten Menschen, mit deren konkreten Möglichkeiten und seiner eigenen Müdigkeit, mit dem wenigen Wissen, das man über die Gesellschaft hat, in der man momentan arbeitet. Man versucht Strategien zu entwickeln, um all diese Probleme und Problemstellungen zu lösen. Und auf diese Art und Weise kommt man Schritt für Schritt seiner Produktion näher. Das könnte nicht auf andere Art und Weise vor sich gehen. Manchmal muss ich das den Personen, mit denen ich arbeite, erklären: denn es kommt auf unsere unterschiedlichen Persönlichkeiten, unsere sichtbaren und unsichtbaren Konflikte an; man könnte nicht einfach ruhig dasitzen und so ein Stück schreiben. Diese Art von Theater beginnt für mich mit dem Probenprozess. Wir stellen unsere unterschiedlichen Meinungen über unterschiedliche Ideen über das Theater und die Welt gegenüber, über die Gesellschaft, in der wir arbeiten, über ein spezifisches Problem, welches wir ansprechen wollen, und durch diese Zusammenstöße produzieren wir Material, welches im Endeffekt zum Material unseres Stück und zum Theaterabend selbst wird.

Was interessiert Sie gerade an dem multinationalen System Europa?

Europa befindet sich zur Zeit in einem besonderen politischen und historischen Moment. Die Idee der Europäischen Identität erlebt eine ernsthafte Krise. Eine Tatsache, die uns auffiel, ist bsp. die fehlende Identifikation mit Europa. Es geht um die Frage nach der Zukunft Europas. Kroatien, zum Beispiel, ist nun einen Schritt davon entfernt, Mitglied der EU zu werden; gleichzeitig herrscht dort eine große EU-Skepsis. Als Slowenien in den 1990er Jahren EU-Mitglied wurde, war die gesamte Atmosphäre eine andere. Für die Länder damals bedeutete dies große Möglichkeiten. Es war politisches Kapital ein Teil der europäischen Familie zu sein. Denn man verließ den einen politischen Kontext und trat in einen anderen ein. Jetzt ist die Lage nicht mehr so eindeutig aufgrund der Probleme, die an Griechenland sichtbar werden. Somit ist die EU-Skepsis nicht unerwartet. Wir versuchen in WHERE DO YOU GO TO, MY LOVELY …? herauszufinden, was mit dem EU-Idealismus passiert ist und wo wir jetzt stehen. Wir versuchen auch, die bestehenden, offiziellen Geschichte(n) über die EU anzugreifen. Zum Beispiel arbeiten wir mit dem Verfahren der alternative history oder auch: kontrafaktischen Geschichtsschreibung. Wir entfernen bestimmte Geschichten aus ihrem historischen und politischen Kontext und versetzen sie in einen anderen Kontext. Das kreiert eine Art Unheimlichkeit. Wir beschäftigen uns in der Produktion mit der wichtigen Frage: Was, wenn Dinge eine andere Richtung genommen hätten zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt? Wir möchten Situationen für das Publikum schaffen, in denen sie über die existenten politischen und historischen Momente in der europäischen Geschichte nachdenken können. Dies durch den bestehenden sozialen Diskurs zu tun, wäre auf der Bühne nicht besonders interessant. Darum müssen wir einen authentischen Diskurs dafür im Theater schaffen. Ich meine, Menschen sind ohnehin schon überfordert mit der Flut an Nachrichten und Informationen. Sie wissen nicht mehr, wie sie zwischen Relevantem und weniger Relevantem unterscheiden können. Dies auf der Bühne einfach zu wiederholen, würde keinen Sinn machen. Also versuchen wir eine andere Strategie zu finden, um sie zu zwingen, darüber nachzudenken, was richtig oder falsch sein könnte. Obwohl wir über die Zukunft Europas sprechen, sind wir eigentlich an ihrer jetzigen Lage interessiert. Die Vergangenheit ist die Zukunft, die bereits passiert ist; vor langer Zeit war unsere Vergangenheit auch eine Zukunft …! Es gibt ja auch die Idee, dass die Vergangenheit sich wiederholt. Es gibt einen weiteren lateinischen Satz: dass wir von der Geschichte lernen müssen. Doch für mich sieht es so aus, dass wir eher der Treibstoff der Geschichte sind. Das ist zwar eine sehr anthropozentrische Idee von den Menschen als höchster Punkt der Evolution, wenn man allerdings Hegel liest, steht es damit nicht so einfach … Für mich ist es sehr interessant, jene Historie zu hinterfragen, die jetzt gilt. Wir wissen ja, dass Geschichtsschreibung von der Machtposition abhängt. Je nachdem, wer die Macht hat, bestimmt die offizielle Geschichte. Es ist immer sehr interessant, bringt aber auch ein mulmiges Gefühl mit sich, wenn man versucht, Alternativen dazu anzubieten, denn unsere Art zu Denken ist natürlich durch historische Geschichten beeinflusst. Es ist uns nicht gestattet, alternative Geschichten zu denken, denn es wäre politisch nicht korrekt. Auch im künstlerischen Rahmen, in dem wir ja für künstlerische Freiheit einstehe wollen, ist das so. Alternative historische Szenarien zu präsentieren, wäre nicht einmal dann akzeptabel, wenn es sich um unproblematische nationale Geschichten handelte. Denn die nationale Identität gründet sich auf unsere Geschichte. Historische Erzählungen zu hinterfragen bedeutet auch die nationale Identität und ihr Fundament zu hinterfragen. Während dies grundsätzlich viele Fragen öffnet, haben wir keine zufriedenstellenden Antworten darauf.

Dies ist Ihre erste Produktion im deutschsprachigen Raum?

2010 wurde meine Produktion Turbofolk zu den Wiener Festwochen eingeladen. Das Stück entstand am Kroatischen National Theater in Rijeka und handelte von diesem Musikgenre aber gleichzeitig von Turbofolk als sozialem Phänomen, das sehr komplex ist, denn es behandelt den Krieg in Ex-Jugoslawien und mischt Techno- mit Volksmusik. Turbofolk entstand in Serbien als Mittel des kritischen Denkens in den 1990er-Jahren. Und nun sind wir wieder mit einem Gastspiel bei den Wiener Festwochen, mit I hate the truth, der Produktion über meine Familie. WHERE DO YOU GO TO, MY LOVELY …? ist nun meine erste Produktion in einem deutschsprachigen Land. Ich spreche kein Deutsch. Also muss ich neben all den anderen Dingen einen Weg finden, das zu verstehen, das ich erschaffe. Das ist eine äußerst schizophrene Situation. Darum such ich andere Strategien sie zu verstehen. Mein Team und ich, z.B. der Dramaturg Christian Mayer, sehen uns die Proben auf unterschiedlichen Ebenen an. Ich konzentriere mich primär auf Rhythmus und Energie und nach der Szene, wenn sie fertig ist, übersetzt sie mein Team für mich und wir sehen, ob sie auf textlicher Ebene stimmt. Aber als ersten Schritt versuche ich zu erkennen, ob sie funktioniert oder nicht über dieses Level an Energie, das ich vom Spiel der KollegInnen ablese. Auf diese Art und Weise lerne ich sehr viel. Die Frage der Energie im Theater ist eine sehr alte. Generell denke ich, dass Energie die erste Ebene ist, auf der man eine Aufführung versteht. Wenn sie gut ist, kann ich eine Produktion auch verstehen, ohne die Sprache zu kennen. Aber natürlich müssen wir hier in unserer Arbeit die Sprache mitnehmen, viel auf textlichen Ebene arbeiten, da es sich um ein sehr spezifisches Thema handelt und die Probleme die behandelt werden, sind auch sehr speziell.

Es spielen Thomas Frank, Pia Luise Händler, Katharina Klar, Florian Köhlern Christoph Rothenbuchner und Franz Solar.

Zu sehen bis 20 Juni.

Bei den Wiener Festwochen zeigt Oliver Frljić (mit Ivana Roščić, Rakan Rushaidat, Filip Križan, Iva Visković in kroatischer Sprache mit deutschen Übertiteln) ab 18. Mai im brut „Mrzim istinu! (Ich hasse die Wahrheit!)“: Könnte der Titel einer Auseinandersetzung mit der eigenen Familie sein. In einer serbokroatischen Familie in Bosnien zwischen 1970 und 1995 haben alle Mitglieder sehr unterschiedliche Perspektiven und Erinnerungskonstruktionen. Da bedeutet es etwas, dass Dragan einen slawischen Nachnamen hat, wenn er sich in Sladana mit dem lateinischen Namen verliebt. Oliver Frljić, in Travnik (Bosnien) geboren, wurde mit 16 Jahren von seinen Eltern, die nach Amerika emigrierten, im postjugoslawischen Krieg zurückgelassen. Jetzt performen vier Schauspieler seine Familiengeschichte. Das Publikum sitzt im Quadrat um einen Familienraum, in dem Vater-, Mutter- und Schwester-Darsteller sich beim Autor- und Sohn-Darsteller beschweren, dass es ganz anders war, dass man es so nicht öffentlich sagen kann. Sie verlassen ihre Dialoge, ziehen den Autor zur Rechenschaft und erleben alle Episoden der Liebe, der Arbeit, der Ankündigungen des Krieges, als wäre es gerade jetzt. Oliver Frljić hat in seinen explosiven Performances in Slowenien, Kroatien, Serbien, Bosnien in die Konfliktlinien der traumatisierten Länder gestochen. Auch im Familienraum darf nicht alles erinnert und gesagt werden.

www.schauspielhaus-graz.com

www.mottingers-meinung.at/schauspielhaus-graz-der-spielplan-der-kommenden-saison

www.mottingers-meinung.at/sartre-am-schauspielhaus-graz

www.festwochen.at

www.brut.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 29. 4. 2013