Burgtheater: Hiob

Februar 25, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

… denn wir sind von gestern her und wissen nichts …

Herr, du schufst den Löwen und das Lamm: Peter Simonischek ist Mendel Singer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Als Schallplatte im Kopf läuft ständig dieses „Widiwidiwidi widiwidiwidi bum!“, was nicht verwunderlich ist, wandelt sich Mendel Singers „schreckliches Lied“ in der Regie von Christian Stückl doch zur klischeebehafteten Anatevka-Angelegenheit. Das Burgtheater hat den Oberammergauer Passionsspielleiter eingeladen, am Haus Joseph Roths Roman „Hiob“ auf die Bühne zu heben, und der Mann fürs Grob-Religiöse greift dermaßen in die Vollen, von Schläfenlocken über Kippa bis Tallit Katan, dass die Frage nicht ist, ob das sein muss, sondern, ob diese Karikatur ostjüdischen Lebens schlechterdings sein darf.

Dass ihm zur Textfassung von Koen Tachelet, die man in Wien schon inszeniert von Johan Simons bei den Wiener Festwochen und Michael Sturminger am Volkstheater gesehen hat, zu diesem so zeitlosen wie schon wieder an der Zeit-igen Weggehen-Müssen und nirgends mehr Ankommen-Können, nichts nennenswert Neues eingefallen ist, ist sträflich. In Stückls archaischer Aufführung suchen Spitzenkräfte der Burg nach ihrer Position, sie ist weder Archetyp noch Menschenwesen, sondern bestenfalls Schablone, holzschnittartig, geritzt mit je einer Eigenschaft.

Derart freilich ist einem Roth, der mit seinem mit Gott hadernden Thoralehrer eine der bewegendsten Figur der österreichischen Literaturgeschichte geschaffen hat, nicht beizukommen. Selbst, wenn ein Ausnahmeschauspieler wie Peter Simonischek all sein Herzblut in seine Rolle steckt – und dafür vom Publikum mit entsprechendem Applaus bedankt wird. Simonischeks Mendel Singer steht von Anbeginn in den Wogen des Schicksals, die Ausstatter Stefan Hageneier als Setting entworfen hat, hinten schon der für die einen Verheißungsschriftzug, für die anderen The Writing On The Wall – „AMERICA“, vorne der offenbar unvermeidliche Kofferhaufen der Diaspora; die Musik von Tom Wörndl natürlich Klezmer-Klänge mit klagender Klarinette. Und er betet, der selbstgerechte Rechtgläubige, memoriert die Heilige Schrift, während sich hinter ihm sein bevorstehender Exodus schon ankündigt. Ein Zeichen der Widduj, ein Schlagen auf die Brust, ein Emporrecken der Arme, ein wenig Schockeln im Takt der Psalmen – Stückl lässt auch punkto Bewegungsmuster kaum eine konnotierte Geste aus.

In einer erschreckenden Szene wollen die Geschwister Menuchim ertränken: Tino Hillebrand mit Stefanie Dvorak, Oleg Tikhomirov und Christoph Radakovits. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

In God’s Own Country wird gern getanzt: Regina Fritsch, Stefanie Dvorak, Oleg Tikhomirov und Christoph Radakovits. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Immerhin, Simonischek rettet seinen Mendel vorm Unerträglich-Sein, indem er aus ihm einen Unerträglichen macht, einen grantigen, gottergebenen, anderen gegenüber süffisanten Mann, dem man keiner Familie als Vater wünscht, später, von Amerika „zerschmettert“, irregeleitet in dem Hochmut, anzunehmen, er sei der einzige, den der Herr straft – und im nunmehrigen Unglauben so eifrig wie davor im Glauben, so dass er seinen persönlichen Messias gar nicht zu erkennen vermag.

Einiges hätte sich daraus zum Thema Fundamentalismus herleiten, hätte sich über Vaterland und Muttersprache oder übers Verhaftet-Bleiben im Altherbrachten sagen lassen, der Dramaturg Florian Hirsch schreibt im Programmheft unter dem Titel „Losing My Religion“ auch lesenswert über „Heimatverlust und Flucht, uferlose Einsamkeit und die vergebliche Suche nach Aufklärung über die letzten Dinge“, aber ach …

Rund um Simonischek hat man sich aufs Hersagen der Sätze als wären’s Bibelverse verlegt. Regina Fritsch gibt Mendels Frau Deborah als knarzige Alte mit Glasscherbenstimme, zänkisch aus Verzweiflung, Stephanie Dvorak die Tochter Mirjam als personifizierte Hysterie.

Deren psychischer Zusammenbruch schließlich gar nicht mehr verwundert. Christoph Radakovits und Oleg Tikhomirov sind als Söhne Schemarjah und Jonas beziehungsweise Amerikaner Mac – und Stückl hat hier weder auf Cowboystiefel noch Stetson vergessen – anwesend, Hans Dieter Knebel, Peter Matić und Stefan Wieland als diverses Volk und Freunde nicht einmal das. So bleibt es Tino Hillebrand als Menuchim überlassen, sich in Charaktergestaltung zu versuchen. Er tut es mit einigem Geschick, wie eine Puppe, die sich von den Mitspielern bewegen lässt, ein Sprachberaubter, der zu den Seelenverwerfungen der anderen nicht mehr als zucken kann.

Ausdrucksstarkes Spiel: Tino Hillebrand als Menuchim mit Regina Fritsch als Deborah. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Mendel Singer schwört mit brennendem Eifer Gott ab: Peter Simonischek. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Es ist eine von drei nennenswerten Szenen, wenn Hillebrands Menuchim, als „Krüppel“ nicht in God’s Own Country gelassen, geheilt und zum berühmten Komponisten geworden, den Vater aufsucht – und statt Wiedersehensfreude die Distanz der Jahre, der Geschehnisse, der Kontinente zwischen den beiden steht, so dass man sich nicht einmal zu umarmen weiß. Auch am zweiten starken Bild hat Hillebrand Anteil, unerwartet und schockierend, als die Geschwister den behinderten Bruder ertränken wollen. Und schließlich Simonischek in einem Moment der Heiterkeit, wie er im Neuen Jerusalem – New York kurz à la Satchmo singt.

Joseph Roth schrieb seinen „Hiob“ 1929 in Paris, wo er sich zehn Jahre später zu Tode getrunken hatte. Und wenn er in seiner unsentimental-sublimen Sprache über bevorstehende Pogrome und Soldatenschrecken schreibt, dann hat der Pazifist, Moralist, Antifaschist die Zukunft Europas gewohnt luzide vorweggenommen. Von diesem Geist ist an der Burg kaum etwas zu spüren. Bleibt zum bitteren Ende, das Buch Hiob zu zitieren: „… denn wir sind von gestern her und wissen nichts …“

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  1. 2. 2019

Vestibül des Burgtheaters: Tropfen auf heiße Steine

November 24, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zunehmend bizarre Beziehungspersiflage

Alphamann Leopold Bluhm und seine so faszinierte wie eingeschüchterte Herde: Daniel Jesch mit Stefanie Dvorak als Vera, Christoph Radakovits als Franz Meister und Alina Fritsch als Anna Wolf. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Immer wieder ist das Vestibül des Burgtheaters ein Ort, an dem junge Theaterschaffende sich ausprobieren können. Nun tut dies Cornelius Edlefsen, seit 2016 Regieassistent am Haus, mit seiner Inszenierung von Rainer Werner Fassbinders Text „Tropfen auf heiße Steine“. Gerade 19 Jahre alt war das spätere Film-Enfant-Terrible, als er dieses, sein erstes Stück verfasste. Eine gewissermaßen Vorwegnahme seiner Lebens- und Werkthemen, Krisenbeziehungen, Bisexualität, Bürgerlichkeitsklischees.

Von ihm selbst allerdings nie auf die Bühne oder die Leinwand gebracht. Edlefsen entgeht klug der Versuchung, mittels Vorlage der Deutschen Nouvelle Vague nacheifern zu wollen. Wie Fassbinder einer kränkelnden (immer noch Nachkriegs-)Gesellschaft unbarmherzig unter den Nägeln brannte, so zeigt zwar auch Edlefsen die Mechanismen eines überkommenen, letztlich untoten Systems, an denen der einzelne nur scheitern kann. Doch Edlefsen überdreht Fassbinders Liebestragödie zur zunehmend bizarren Beziehungsfarce. Mit ausreichend Sinn für Satire lässt er die Ereignisse in der dem Meister eigenen Exzentrik explodieren, bewegt die Figuren zwischen dessen, von Fassbinder-Freunden so verbrieften, Lebenshunger und Todessehnsucht, macht aber an jeder Stelle seiner Arbeit deutlich, dass es ihm allein darum geht, auszustellen, wie Menschen ringen, geliebt zu werden.

Und so erzählt der einfühlsame Abend vom Versicherungsvertreter Leopold Bluhm, der den knapp 20-jährigen Franz Meister mit in seine Wohnung nimmt. Bald geht der ältere Mann auf Tuchfühlung, wird sexuell anzüglich, und der hübsche Junge, nicht ganz so naiv, wie er sich stellt, ergibt sich ihm. In vier Bildern treibt Fassbinder die Handlung voran. Im nächsten schon ist Franz ein einsamer Hausmann, der die ganze Woche nur auf die Rückkehr seines Geliebten von dessen Geschäftsreisen wartet. Wenn der Alleinverdiener kommt, ist er müde, mürrisch und mit allem unzufrieden. Statt Bettgeflüster gibt es nun Streitereien, Schnippisch-Sein und Kopfschmerzen, und als schließlich auch noch die Ex-Freundinnen Anna und Vera mit von der Partie sind, eskaliert die Situation …

Menschenmanipulator Leopold …: Daniel Jesch mit Stefanie Dvorak und Alina Fritsch. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

… wird für Franz bald zu viel: Christoph Radakovits und Stefanie Dvorak. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Daniel Jesch als Leopold Bluhm und Christoph Radakovits als Franz Meister zeigen eine begnadet gute Performance. Sensibel und zu Beginn der Beziehung so sinnlich, dass das Knistern zwischen den beiden Figuren zum Greifen ist, gestalten sie ihre Rollen. Wie Radakovits vom dem Jäger Jesch ausweichenden Jüngling zum Verliebten, dessen Gefühle Hochschaubahn fahren, zum Verzweifelten wird, das ist großes Kino. Mutmaßlich nie zuvor war Radakovits so eindringlich gut. Jesch wiederum wandelt seinen Leopold vom Verführer zum Manipulierer, zum Spielmacher sobald die Frauen dabei sind.

So, wie ihm alle verfallen, muss man an die einstigen, charismatischen Kommunengründer denken. Mit Verve arbeiten die beiden heraus, wie das Männerpaar in genau jene Beziehungsmuster kippt, denen es eigentlich entkommen wollte, Rituale, wie spießbürgerliches Gläserabwaschen vor dem Sex bestimmen den Alltag, Diskussionen drehen sich ums Rechthaben und Nichtsrechtmachenkönnen, das einander Zuwerfen von Zigarettenpäckchen wird von Mal zu Mal aggressiver. Man steckt plötzlich in einer typisch durchschnittlichen, gutbürgerlichen Ehehölle.

In der verläuft’s bei Fassbinder freilich tragigrotesk, hochkomisch und zutiefst betrübt, und Edlefsen hat dessen Stück texttreu inszeniert, hat mit Blick auf seine Schauspieler, nicht auf etwaigen Schnickschack, dessen Sprache pointiert und verdeutlicht. Von Jenny Schleif stammt dazu ein fulminantes Bühnenbild, eine metallene Gitterplattform, darunter ein Raum, durch den die Darsteller wie in Demutshaltung kriechen müssen und durch verschiedene Durchlässe auftauchen, hinten eine opake Plexiglaswand hinter der die Frauen zuerst wie Schaufensterpuppen stehen. Sie treten ins Geschehen, sobald bei Franz und Leopold Liebe und Leidenschaft schal und ausgelaugt sind, als die zerstörerische (Selbst-)zerfleischung des Franz beginnt. Alina Fritsch ist als seine Ex-Verlobte Anna Wolf zu sehen, die ihn zurückhaben will, und verbissen an etwas festhält, das nicht mehr existiert. Fritsch zurrt und zerrt und verzagt nie an Franz, bis …

Frauen, ausgestellt wie Schaufensterpuppen: Stefanie Dvorak und Alina Fritsch, vorne: Christoph Radakovits. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

… Leopold auftaucht. Im Schlepptau sein gewesenes Love Interest Vera, mit der er rund um Franz nun ein perfides Machtspiel anfängt. Stefanie Dvorak spielt diese Vera mit Intensität, Unterwürfigkeit und dem ihr eigenen Hauch Hysterie. Am Ende wird Leopold die anderen um sich scharen, wie Fassbinder seinen berühmten Clan, wird kreuz und quer gevögelt, und im Werner Schwab’schen Sinne doch nicht geflogen worden sein.

Wird klar werden, dass Leopold seine Menschenopfer auf immer gleiche Weise fordert, und wird es eine Leiche geben. „Tropfen auf heiße Steine“ ist ein von allen Beteiligten mit Fingerspitzengefühl gestalteter, großartig gespielter Abend. Man wünscht ihm, was anderen Inszenierungen aus dem Vestibül schon gelungen ist, nämlich die alsbaldige Übersiedlung in einen größeren Spielraum des Burgtheaters.

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  1. 11. 2019

Burgtheater im Kasino: europa flieht nach europa

Oktober 6, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Den Mythos bei den Hörnern gepackt

Statt Sex mit dem Stier gibt’s für Europa eine Runde „Blinde Kuh“: Alina Fritsch, Sven Dolinski, Dorothee Hartinger, Marie-Luise Stockinger, Marta Kizyma und Valentin Postlmayr. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Da steht sie also, Dorothee Hartinger als Europa, in blutiger Stola und sein Herz in der Hand, die Stiertöterin, die Freikämpferin. Noch bevor ihr Entführer zum Vergewaltiger werden konnte, hat sie Gott Zeus den Garaus gemacht. Wie wär’s auch anders möglich? Die Schöpfungsgeschichte eines ganzen Kontinents kann doch nicht mit einer Gewalttat beginnen! Also der Machomännertat flugs Frauenpower entgegengesetzt.

„Hier beginnt das Kapitel Hoffnung“, formuliert die Hartinger Europas euphorische Einladung an die „friedlichen Menschen“, einen Erdteil zu besiedeln, der „nicht in Blut getränkt“ sein soll. Dass sie da bald resignieren muss angesichts rechter Realitäten, Unrechtmäßigkeiten, Grausamkeiten, Gräuelerbe, ist klar.

Die Wiener Dramatikerin Miroslava Svolikova hat den Mythos bei den Hörnern gepackt und mit „europa flieht nach europa“ einen hinterlistig heiteren Text verfasst, der nach der Uraufführung bei den Berliner Autorentheatertagen nun im Kasino des Burgtheaters Premiere hatte. „ein dramatisches gedicht in mehreren tableaus“ nennt die Autorin ihre Arbeit, der Titel wohl als Reminiszenz an 2500 Jahre Vertreibung, Flucht, Völkerwanderung gedacht. Tatsächlich klingen die melodiös mäandernden Satzkaskaden mit ihren Aus- und Abschweifungen einigermaßen jelinekisch, eine Hommage an die Große und deren In-immer-wieder-Worte-Fassung eines beklemmenden Heimatbegriffs. Bei Svolikova wird das „Abenteuer Abendland“ vollends zur Farce.

Dementsprechend hat Regisseur Franz-Xaver-Mayr eine tragikomische Clownerie inszeniert, einen grellen „karneval der wirklichkeit“ – dieser als Burg-Spielzeitmotto von Svolikova entliehen -, auf dem Kreuzzügler, Kolonialisten, Kapitalisten und Klassenkämpfer ihren Bilderringelreihen aufführen. Den beginnt Valentin Postlmayr als mit aufgemalten Muskeln bepackter König; erst stotternd, bis es ihn beinah zerreißend aus ihm herausbricht, weidet er sich an seiner totalitären Regentschaft. Später wird Postlmayr gemeinsam mit Sven Dolinski zwei als Bauern verkleidete Beamte mimen, die sich mit Falsettstimme freuen, dass es das Leben mit beiden Ständen so schlecht meint. Auftritt der drei Moiren, die den Faden, den sie dafür in Händen halten, allerdings alsbald verlieren.

Der personifizierte Regenbogen: Dorothee Hartinger, Sven Dolinski, Marta Kizyma und Valentin Postlmayr. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Europas Kinder machen Mut: Marta Kizyma, Valentin Postlmayr, Sven Dolinski, Marie-Luise Stockinger, Alina Fritsch und Dorothee Hartinger. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Marta Kizyma spielt eine Hexe nach Hinrichtung auf dem Scheiterhaufen, Alina Fritsch den waffenbewehrten, in imperialistischem Denken verhafteten Adelsstand, Marie-Luise Stockinger macht die Ambivalenz der Wissenschaft deutlich – als Lebenvernichter wie dessen Erschaffer -, um schließlich einen Priester darzustellen, der den Verfall von Sitte, Anstand, Familie beklagt. Ihnen allen bietet Europa, nun in rosafarbener Krinoline, ihr Zitzenunterkleid als Nahrungsquelle an, aber ach Aktualität!, „es kommen immer mehr“. Dolinski tritt als Regenbogen auf, der gequetscht wird, bis alle Farben zusammenrinnen und braun werden. Folie auf Folie zieht Svolikova ab, um Geschichte wie Gegenwart bloßzulegen.

Mayr setzt ihr lyrisches Sprachgewühl höchst exakt um. Präzise einstudierte Sprechchöre und aufwändige Gesangsnummern bringen den Abend zum Klingen. Mit Dadada- und Lalala-Lauten instrumentiert er die Europahymne, wie man sie schräger noch nie gehört hat. Dennoch verblödelt er die Vorlage nicht, er nimmt nur mit der ihm gegebenen Leichtigkeit auf, was Symbollast hätte werden können.

Nachdem Europas Grundpfeiler – griechische Demokratie, römisches Recht, christliche Nächstenliebe, die Aufklärung und ihr Bildungsgut, Willkommenskultur – derart ironisch abgeklopft und als mängelhaft gemeldet sind, beschließt sie im schwarzen Traueroutfit zu sterben. Doch ihre Kinder machen Mut. Sie wollen nicht aufhören, das Neue zu erfinden, bis die Welt eine richtige geworden ist. Denn auch das ist Europa: Immer wieder Utopie, die aus dem Chaos entsteht. Das jungeuropäische Publikum applaudierte dieser Idee am Stückende begeistert.

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  1. 10. 2018

Akademietheater: Die Glasmenagerie

Februar 17, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Großes Schauspielertheater ohne allen Schnickschnacks

Statt possierliche Glastierchen bizarre Flaschenwesen: Sarah Viktoria Frick als Laura. Bild: Reinhard Werner, Patrick Bannwart

Tennessee Williams, das ist immer ein wenig Mondlicht und Magnolien. Die verblühten Südstaatenbelles in ihren duftigen Kleidern, umweht von einem Hauch Limonenlimonade, die sie herbeisinniert zuvorkommenden Verehrern kredenzen. Ein Schicksal, so unwillkommen wie unumgänglich – und kein Ausgang nirgendwo …

Nicht so spielt die aktuelle Inszenierung der „Glasmenagerie“ von David Bösch am Akademietheater. Wenn hier etwas weht, dann der Atem des Neorealismo. Bösch zeichnet ein „Tatsachenbild“ im besten Sinne André Bazins; er holt Tennessee Williams in die Gegenwart ohne ihm irgend Gewalt anzutun, diese Wirkung auch ein großes Verdienst der Stückfassung von Jörn van Dyck, doch er lässt ihm seinen Nostalgiezauber dort, wo es in seiner Arbeit auch noch Sinn macht.

Austragungsort der Familienkonflikte ist eine heruntergekommene Mansarde, ein schäbiger, grauer Dachboden, kaum möbliert (Bühne: Patrick Bannwart). Man hat hier nicht schon „bessere Zeiten“ erlebt, man befindet sich tatsächlich in ärmlichsten Verhältnissen, die Mutter, die ihren Vergangenheitstraum träumt, die verkrüppelte, arbeitslose Tochter und der Lagerarbeiter-Sohn, den es zwecks Weltflucht ins Kino zieht. Die Glasmenagerie besteht nicht aus possierlich-filigranen Tierchen, sondern ist aus Flaschen und Flügeln derb-hässlich zusammengeschraubt. Und damit fast so bizarr wie ihre Besitzerin.

Bösch zeigt großes Schauspielertheater ohne allen Schnickschnacks. Er gibt seinem vierköpfigen Ensemble Platz, sich zu entfalten, und das nutzt ihn reichlich. Regina Fritsch gibt die Amanda Wingfield weniger gluckenhaft-versponnen als eine, die die Fäden beisammen halten möchte. Wie sie ihre erwachsenen Kinder bis hin zum Essen maßregelt, macht deutlich, wer in dieser Runde die Beherrschende ist. Und geht’s einmal nicht nach ihrem Willen, schnappen Stimme wie deren Besitzerin am Abschlag über. Ihre absichtsvolle Theatralik ist Mittel zu Tyrannei und Terror.

Ein Kartenspiel sagt mehr als tausend Worte: Sarah Viktoria Frick als Laura, Regina Fritsch als Amanda Wingfield und Merlin Sandmeyer als Tom. Bild: Reinhard Werner, Patrick Bannwart

Dem entziehen können sich weder Sarah Viktoria Frick als Tochter Laura, noch Merlin Sandmeyer als Sohn Tom. Immerhin Erzähler Tom ist ein Aufbegehren möglich, bevor er in die Fremde ziehen wird. Sandmeyer versteht in diesen Momenten sehr schön, das Schicksal seiner Figur präsent zu halten, wiewohl es doch deren vorgesehene Aufgabe ist, hinter dem der Frauen zurückzutreten. Frick ist als Laura eine Bösch’sche Idealbesetzung, und so ganz anders als erwartet.

Gar nicht zart und schüchtern und hilfsbedürftig, steht sie bockig in ihren Klumpfußschuhen für ihre Art zu leben ein. Als die Mutter fragt, wie sie sich dieses denn vorstelle, nickt sie mit dem Kopf zu ihrem Glaskarussell. Will da etwa eine ein Glasmenageriegeschäft eröffnen? Es sind derlei kleine Gesten, ein leiser, hintersinniger Humor, mit denen Bösch dem Tennessee-Williams-Text seinen Stempel aufdrückt. Ein pantomimisches Kartenspiel sagt alles über die Konstellationen im Hause Wingfield, eine angedeutete Geschwister-Allianz, ein Einhorn-Schatten wird zum Pegasus und hebt ab, wie auf den Sterntaler regnet’s in einem Glücksmoment durch die offene Dachluke Goldschnipsel auf Laura herab …

Dann Auftritt Jim O’Connor, der Katalysator. Martin Vischer spielt den „netten, jungen Mann“ als solchen, seine Höflichkeit dadurch motiviert, dass Laura ihn noch als Highschoolhelden und dortigen Musicalstar kannte. An der Realität ist dieser Jim nicht weniger gescheitert als alle anderen, doch versteht er es, nach einer poetischen Tanzeinlage à la Astaire, die Reißleine zu ziehen, bevor die Sache mit Laura zu heiß wird. Man ist nicht einmal sicher, ob er die Verlobte Betty dazu nicht auch erfunden hat.

Mit dem Highschool-Jahrbuch: Martin Vischer als Jim O’Connor und Sarah Viktoria Frick als Laura. Bild: Reinhard Werner, Patrick Bannwart

Doch Böschs Laura hat sich selbstermächtigt, sie wird sich nicht mehr in ihre Fantasiewelt zurückziehen. Im Regen, der nun durch die Luke strömt, wird sie sich ihr altes Leben abwaschen, und auch wenn sie danach wieder mit Mutter am Kartenspieltisch sitzt, macht ihr Zittern deutlich, dass sich etwas in ihr bewegt. Laura, nicht zerstört, sondern neu, weder der Vergangenheit noch der Gunst von Männern ausgeliefert, sondern im Aufbruch gegriffen. So macht man Tennessee Williams heute.

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  1. 2. 2018

Akademietheater: Willkommen bei den Hartmanns

November 20, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

An den falschen Stellen gelacht

Gelebte Willkommenskultur: David Wurawa als Diallo und die Hartmanns Valentin Postlmayr, Markus Hering, Alexandra Henkel, Alina Fritsch und Simon Jensen. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Die von Peter Wittenberg inszenierte Bühnenversion von Simon Verhoevens Filmerfolg „Willkommen bei den Hartmanns“ überzeugte Sonntagabend das Premierenpublikum am Akademietheater. Großen Jubel und viel Applaus gab es für die knapp dreistündige Uraufführung, für die Angelika Hager eine Wienerische Bearbeitung verfasste. Wobei Hager auf Schablonen, Stereotypen und eingefahrene Vorstellungen setzt.

Um so wichtige Themen wie fehlgeleitete Willkommens- kultur und einen „gut gemeinten“ Alltagsrassismus anzusprechen. Mehr als einmal ertappt man sich beim platten Text an den falschen Stellen gelacht zu haben. So outriert wie die Vorlage auch das Spiel. Zwölf Schauspieler gestalten in Doppel- und Dreifachrollen die überkandidelte Familie Hartmann, deren soziales, noch übertriebeneres Umfeld und die Bewohner eines Flüchtlingsheims. Allen voran überzeugt immerhin David Wurawa als nigerianischer Flüchtling Diallo, dessen schließliche Schilderung der Daseins-, eigentlich Todesdrohungsumstände, die ihn zum Aufbruch ins sichere Europa bewegten, überaus eindrücklich sind. Wie er die Hartmanns mit Schmäh nimmt, ihm gleichzeitig die Trauer um sein verlorenes Leben und die Angst, ob ihm ein neues gewährt werden wird, in den Augen steht, das ist schöne Schauspielkunst.

Der Rest ist Knallchargerei. Alexandra Henkel gibt die dauertrinkende Pensionistin Angelika, die im Film von Senta Berger dargestellt wurde, Markus Hering ihren Ehemann Richard als latent rassistischen und von Jugendwahn befallenen Oberarzt – dies mit unglaublichem Körpereinsatz und breit angelegtem Mienenspiel. Alina Fritsch ist eine endlos studierende Tochter Sofie, Simon Jensen der Workaholic-Sohn Philipp. Valentin Postlmayr hat als Enkel Basti, dem HipHop vor Schule geht, die Sympathien auf seiner Seite. Sven Dolinksi spielt den zukünftigen, türkischstämmigen Schwiegersohn Tarek. „So schnell hat man einen Migrationshintergrund“, befindet Richard ob der Sachlage.

Im Gemeindebau herrscht offene Ausländerfeindlichkeit: Sabine Haupt mit David Wurawa und Alexandra Henkel. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Die Rotarier-Damen von Döbling planen mit den Flüchtlingen eine Trachtenmodenschau: Petra Morzé und David Wurawa. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Sabine Haupt zieht viele herzhafte Lacher als esoterische Flüchtlingshelferin auf sich. Als Gemeindebaulerin, Klischee as Klischee can, muss sie natürlich Ausländerfeindin sein, weil sie angesichts der Mindestsicherung für Asylwerber um ihre Rente fürchtet. Im Programmheft, „Das muss man doch noch sagen dürfen!“, entwirft Hager ein ebensolches Bild von einem früh pensionierten Schweißer, tätowiert, mit schwerem Zungenschlag, der auf „Hacäh“ setzt. Dass Wittenberg zu Kurz in erster Linie dessen Ohren einfallen, ist, bei aller politischen Gegnerschaft, nicht einmal Geschmackssache. Da gäbe es über den künftigen Bundeskanzler Wichtigeres zu erzählen.

In ihren zahlreichen Rollen von der exjugoslawischen, ebenfalls ausländerfeindlichen Putzfrau (ihr Argument, warum ihre Flucht anders war: „Der Jugoslawienkrieg war ja vor eurer Haustür!“) über die alltagsrassistische Bäckerei-Angestellte (die über Diallo stets befindet: „Is der liab!“) bis zum Go-Go-Girl gibt Petra Morzé alles. Als Anführerin der Rotarier-Damen von Döbling will sie mit den Flüchtlingen eine Trachtenmodenschau inszenieren. Dietmar König spielt den Schönheitschirurgen-Ehemann der Dame.

Dirk Nocker macht den Leiter des Flüchtlingsheims. Michael Masula ist ein starker Auftritt gegönnt, als identitärer Taxifahrer und als radikaler Islamist, der alles ablehnt, was den Westen ausmacht – und trotzdem in Österreich bleiben will -, ist also in der Inszenierung insgesamt für die Fundamentalisten zuständig.

In beinah filmischen „Schnitten“, temporeich und gut getimt, treibt Regisseur Wittenberg sein Personal in dieser atemlosen, chaotischen Arbeit über die Bühne, auf der ein Laufband schnell zum OP-Tisch oder zum nächtlichen Club werden kann. Darsteller melden sich via Vidiwall telefonisch oder lassen an der Rampe in Monologen die Befindlichkeit ihrer Figuren ab. Herzstück des Hartmann’schen Haushalts ist eine überdimensionale, aufblasbare Couch. Sie verwandelt sich am Ende in ein sinkendes Boot …

„Willkommen bei den Hartmanns“ ist vom Burgtheater als Familienstück ab 12 Jahren angekündigt. Es würde interessant sein zu erfahren, wie Angelika Hagers anspielungsbemühte Sprache – und vor allem ihr Versuch, in dieser gechillt „jung“ zu sein, bei der Zielgruppe ankommt.

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  1. 11. 2017