Akademietheater: Die Glasmenagerie

Februar 17, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Großes Schauspielertheater ohne allen Schnickschnacks

Statt possierliche Glastierchen bizarre Flaschenwesen: Sarah Viktoria Frick als Laura. Bild: Reinhard Werner, Patrick Bannwart

Tennessee Williams, das ist immer ein wenig Mondlicht und Magnolien. Die verblühten Südstaatenbelles in ihren duftigen Kleidern, umweht von einem Hauch Limonenlimonade, die sie herbeisinniert zuvorkommenden Verehrern kredenzen. Ein Schicksal, so unwillkommen wie unumgänglich – und kein Ausgang nirgendwo …

Nicht so spielt die aktuelle Inszenierung der „Glasmenagerie“ von David Bösch am Akademietheater. Wenn hier etwas weht, dann der Atem des Neorealismo. Bösch zeichnet ein „Tatsachenbild“ im besten Sinne André Bazins; er holt Tennessee Williams in die Gegenwart ohne ihm irgend Gewalt anzutun, diese Wirkung auch ein großes Verdienst der Stückfassung von Jörn van Dyck, doch er lässt ihm seinen Nostalgiezauber dort, wo es in seiner Arbeit auch noch Sinn macht.

Austragungsort der Familienkonflikte ist eine heruntergekommene Mansarde, ein schäbiger, grauer Dachboden, kaum möbliert (Bühne: Patrick Bannwart). Man hat hier nicht schon „bessere Zeiten“ erlebt, man befindet sich tatsächlich in ärmlichsten Verhältnissen, die Mutter, die ihren Vergangenheitstraum träumt, die verkrüppelte, arbeitslose Tochter und der Lagerarbeiter-Sohn, den es zwecks Weltflucht ins Kino zieht. Die Glasmenagerie besteht nicht aus possierlich-filigranen Tierchen, sondern ist aus Flaschen und Flügeln derb-hässlich zusammengeschraubt. Und damit fast so bizarr wie ihre Besitzerin.

Bösch zeigt großes Schauspielertheater ohne allen Schnickschnacks. Er gibt seinem vierköpfigen Ensemble Platz, sich zu entfalten, und das nutzt ihn reichlich. Regina Fritsch gibt die Amanda Wingfield weniger gluckenhaft-versponnen als eine, die die Fäden beisammen halten möchte. Wie sie ihre erwachsenen Kinder bis hin zum Essen maßregelt, macht deutlich, wer in dieser Runde die Beherrschende ist. Und geht’s einmal nicht nach ihrem Willen, schnappen Stimme wie deren Besitzerin am Abschlag über. Ihre absichtsvolle Theatralik ist Mittel zu Tyrannei und Terror.

Ein Kartenspiel sagt mehr als tausend Worte: Sarah Viktoria Frick als Laura, Regina Fritsch als Amanda Wingfield und Merlin Sandmeyer als Tom. Bild: Reinhard Werner, Patrick Bannwart

Dem entziehen können sich weder Sarah Viktoria Frick als Tochter Laura, noch Merlin Sandmeyer als Sohn Tom. Immerhin Erzähler Tom ist ein Aufbegehren möglich, bevor er in die Fremde ziehen wird. Sandmeyer versteht in diesen Momenten sehr schön, das Schicksal seiner Figur präsent zu halten, wiewohl es doch deren vorgesehene Aufgabe ist, hinter dem der Frauen zurückzutreten. Frick ist als Laura eine Bösch’sche Idealbesetzung, und so ganz anders als erwartet.

Gar nicht zart und schüchtern und hilfsbedürftig, steht sie bockig in ihren Klumpfußschuhen für ihre Art zu leben ein. Als die Mutter fragt, wie sie sich dieses denn vorstelle, nickt sie mit dem Kopf zu ihrem Glaskarussell. Will da etwa eine ein Glasmenageriegeschäft eröffnen? Es sind derlei kleine Gesten, ein leiser, hintersinniger Humor, mit denen Bösch dem Tennessee-Williams-Text seinen Stempel aufdrückt. Ein pantomimisches Kartenspiel sagt alles über die Konstellationen im Hause Wingfield, eine angedeutete Geschwister-Allianz, ein Einhorn-Schatten wird zum Pegasus und hebt ab, wie auf den Sterntaler regnet’s in einem Glücksmoment durch die offene Dachluke Goldschnipsel auf Laura herab …

Dann Auftritt Jim O’Connor, der Katalysator. Martin Vischer spielt den „netten, jungen Mann“ als solchen, seine Höflichkeit dadurch motiviert, dass Laura ihn noch als Highschoolhelden und dortigen Musicalstar kannte. An der Realität ist dieser Jim nicht weniger gescheitert als alle anderen, doch versteht er es, nach einer poetischen Tanzeinlage à la Astaire, die Reißleine zu ziehen, bevor die Sache mit Laura zu heiß wird. Man ist nicht einmal sicher, ob er die Verlobte Betty dazu nicht auch erfunden hat.

Mit dem Highschool-Jahrbuch: Martin Vischer als Jim O’Connor und Sarah Viktoria Frick als Laura. Bild: Reinhard Werner, Patrick Bannwart

Doch Böschs Laura hat sich selbstermächtigt, sie wird sich nicht mehr in ihre Fantasiewelt zurückziehen. Im Regen, der nun durch die Luke strömt, wird sie sich ihr altes Leben abwaschen, und auch wenn sie danach wieder mit Mutter am Kartenspieltisch sitzt, macht ihr Zittern deutlich, dass sich etwas in ihr bewegt. Laura, nicht zerstört, sondern neu, weder der Vergangenheit noch der Gunst von Männern ausgeliefert, sondern im Aufbruch gegriffen. So macht man Tennessee Williams heute.

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  1. 2. 2018

Akademietheater: Willkommen bei den Hartmanns

November 20, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

An den falschen Stellen gelacht

Gelebte Willkommenskultur: David Wurawa als Diallo und die Hartmanns Valentin Postlmayr, Markus Hering, Alexandra Henkel, Alina Fritsch und Simon Jensen. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Die von Peter Wittenberg inszenierte Bühnenversion von Simon Verhoevens Filmerfolg „Willkommen bei den Hartmanns“ überzeugte Sonntagabend das Premierenpublikum am Akademietheater. Großen Jubel und viel Applaus gab es für die knapp dreistündige Uraufführung, für die Angelika Hager eine Wienerische Bearbeitung verfasste. Wobei Hager auf Schablonen, Stereotypen und eingefahrene Vorstellungen setzt.

Um so wichtige Themen wie fehlgeleitete Willkommens- kultur und einen „gut gemeinten“ Alltagsrassismus anzusprechen. Mehr als einmal ertappt man sich beim platten Text an den falschen Stellen gelacht zu haben. So outriert wie die Vorlage auch das Spiel. Zwölf Schauspieler gestalten in Doppel- und Dreifachrollen die überkandidelte Familie Hartmann, deren soziales, noch übertriebeneres Umfeld und die Bewohner eines Flüchtlingsheims. Allen voran überzeugt immerhin David Wurawa als nigerianischer Flüchtling Diallo, dessen schließliche Schilderung der Daseins-, eigentlich Todesdrohungsumstände, die ihn zum Aufbruch ins sichere Europa bewegten, überaus eindrücklich sind. Wie er die Hartmanns mit Schmäh nimmt, ihm gleichzeitig die Trauer um sein verlorenes Leben und die Angst, ob ihm ein neues gewährt werden wird, in den Augen steht, das ist schöne Schauspielkunst.

Der Rest ist Knallchargerei. Alexandra Henkel gibt die dauertrinkende Pensionistin Angelika, die im Film von Senta Berger dargestellt wurde, Markus Hering ihren Ehemann Richard als latent rassistischen und von Jugendwahn befallenen Oberarzt – dies mit unglaublichem Körpereinsatz und breit angelegtem Mienenspiel. Alina Fritsch ist eine endlos studierende Tochter Sofie, Simon Jensen der Workaholic-Sohn Philipp. Valentin Postlmayr hat als Enkel Basti, dem HipHop vor Schule geht, die Sympathien auf seiner Seite. Sven Dolinksi spielt den zukünftigen, türkischstämmigen Schwiegersohn Tarek. „So schnell hat man einen Migrationshintergrund“, befindet Richard ob der Sachlage.

Im Gemeindebau herrscht offene Ausländerfeindlichkeit: Sabine Haupt mit David Wurawa und Alexandra Henkel. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Die Rotarier-Damen von Döbling planen mit den Flüchtlingen eine Trachtenmodenschau: Petra Morzé und David Wurawa. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Sabine Haupt zieht viele herzhafte Lacher als esoterische Flüchtlingshelferin auf sich. Als Gemeindebaulerin, Klischee as Klischee can, muss sie natürlich Ausländerfeindin sein, weil sie angesichts der Mindestsicherung für Asylwerber um ihre Rente fürchtet. Im Programmheft, „Das muss man doch noch sagen dürfen!“, entwirft Hager ein ebensolches Bild von einem früh pensionierten Schweißer, tätowiert, mit schwerem Zungenschlag, der auf „Hacäh“ setzt. Dass Wittenberg zu Kurz in erster Linie dessen Ohren einfallen, ist, bei aller politischen Gegnerschaft, nicht einmal Geschmackssache. Da gäbe es über den künftigen Bundeskanzler Wichtigeres zu erzählen.

In ihren zahlreichen Rollen von der exjugoslawischen, ebenfalls ausländerfeindlichen Putzfrau (ihr Argument, warum ihre Flucht anders war: „Der Jugoslawienkrieg war ja vor eurer Haustür!“) über die alltagsrassistische Bäckerei-Angestellte (die über Diallo stets befindet: „Is der liab!“) bis zum Go-Go-Girl gibt Petra Morzé alles. Als Anführerin der Rotarier-Damen von Döbling will sie mit den Flüchtlingen eine Trachtenmodenschau inszenieren. Dietmar König spielt den Schönheitschirurgen-Ehemann der Dame.

Dirk Nocker macht den Leiter des Flüchtlingsheims. Michael Masula ist ein starker Auftritt gegönnt, als identitärer Taxifahrer und als radikaler Islamist, der alles ablehnt, was den Westen ausmacht – und trotzdem in Österreich bleiben will -, ist also in der Inszenierung insgesamt für die Fundamentalisten zuständig.

In beinah filmischen „Schnitten“, temporeich und gut getimt, treibt Regisseur Wittenberg sein Personal in dieser atemlosen, chaotischen Arbeit über die Bühne, auf der ein Laufband schnell zum OP-Tisch oder zum nächtlichen Club werden kann. Darsteller melden sich via Vidiwall telefonisch oder lassen an der Rampe in Monologen die Befindlichkeit ihrer Figuren ab. Herzstück des Hartmann’schen Haushalts ist eine überdimensionale, aufblasbare Couch. Sie verwandelt sich am Ende in ein sinkendes Boot …

„Willkommen bei den Hartmanns“ ist vom Burgtheater als Familienstück ab 12 Jahren angekündigt. Es würde interessant sein zu erfahren, wie Angelika Hagers anspielungsbemühte Sprache – und vor allem ihr Versuch, in dieser gechillt „jung“ zu sein, bei der Zielgruppe ankommt.

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  1. 11. 2017

Akademietheater: Ludwig II.

Oktober 30, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Markus Meyer brilliert als Bayernkönig

Das Ende im Starnberger See: Markus Meyer ist als Ludwig II. ganz großartig. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Und immer noch großes Kino ist „Ludwig II.“ am Akademietheater. Fast ein Jahr nach der Uraufführung hat die Inszenierung nichts an Kraft eingebüßt. Kraft, Bastian, der Regisseur des Abends, hat den Monumentalfilm von Luchino Visconti in einer reduzierten, komplexen Fassung auf die Bühne gebracht. In der Titelrolle überragend ist Markus Meyer. Das Dreamteam, das schon mit „Dorian Gray“ glänzte, macht aus einer ausgeklügelten Multimediaversion des Historiendramas eine beklemmende Psychostudie des Bayernkönigs und gleichzeitig ein Porträt seiner Zeit und Zeitgenossen.

Neben Meyer agieren Regina Fritsch als Kaiserin Elisabeth und Johann Adam Oest als Richard Wagner ganz großartig. Allesamt sind sie Majestäten in weißen Roben mit langen weißen Schleppen. Den 1973 erst von den Produzenten von vier auf drei Stunden gekürzten, dann von der Zensur verstümmelten Film über den „Märchenkönig“ fürs Theater zu adaptieren, ist an sich eine unlösbare Herausforderung. Kraft gelingt die Übung in weniger als zwei Stunden  – und wie.

Weder verzichtet er auf Viscontis Opulenz, wenn auch in anderer, heutiger Ästhetik, die Protagonisten und ihre Dekadenz in gleißendes Licht getaucht, während rund um sie Finsternis ist (Bühne: Peter Baur), noch auf die etwa zwei Dutzend Schauspieler, die der italienische Filmtitan für sein Opus Magnum bemühte. Auf der Bühne braucht er nur drei Darsteller, um Krönung, Wahnsinn und Fall Ludwigs zu illustrieren, auf der Leinwand aber ist Meyer als sein gesamter Hofstaat, Mutter, Bruder, Beichtvater … zu sehen. In wunderbaren Masken entwirft er das Kaleidoskop einer Gesellschaft, die ihrem Herrscher nicht nur Gutes wollte.

Unter einem schräg über der Spielfläche hängenden, riesigen Spiegel tritt Markus Meyer als der soeben gekrönte König auf. Ganz in weiß gewandet besteigt er ein weißes Podest und ergibt sich gerade einmal 18-jährig seiner neuen Aufgabe: „Von heute an gehört dein Bild nicht mehr dir selbst. Es gehört der Welt“. Diesen so wahren, wie resignativ gesprochenen Satz wird Kraft am Ende noch einmal unterstreichen, indem er in Sekunden-Geschwindigkeit alle möglichen Szenarien, Vorstellungen und Vorurteile, die „mediale Spiegelung“, die Abbildung einer ganzen Epoche stellvertretend auf den Körper des Königs projiziert. Da war dieser schon nackt und auf dem Weg in den Starnberger See, wie schnell könnte alles gesagt sein, doch davor gilt es das Psychogramm eines sensiblen, an Politik wenig interessierten Monarchen zu erkunden, der ein von Verfolgungswahn geplagter, von seiner Regierung in die Enge getriebener und schließlich zum Selbstmord bereiter Wahnsinniger wird.

Markus Meyer mit Regina Fritsch als Kaiserin Elisabeth und Johann Adam Oest als Richard Wagner. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

In ihrer Exzentrik einer des anderen Spiegelbild: Regina Fritsch als Elisabeth, Markus Meyer als Ludwig. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Zu Meyers exzeptioneller Performance gibt Regina Fritsch eine kühle, verhärmte, bisweilen intrigante Kaiserin Elisabeth, die im jungen König dennoch zarte Gefühle entfacht, einer des anderen Spiegelbild in ihrer Exzentrik, und Johann Adam Oest einen durchtriebenen, geckenhaften Richard Wagner, der seinen ergebenen Gönner um viel Geld und Verstand bringt. „Das Leiden an der Welt gehört zu Ihnen“, sagt er an einer Stelle und fordert sein Opernhaus. Bayreuth.

Die wahre Leistung der Inszenierung ist die Ausführung des restlichen Personals: Hier liefern Markus Meyer und Kostümbildnerin Dagmar Bald gemeinsam mit dem für die Videozuspielungen zuständigen Jonas Link ein veritables Wunder ab: Meyer in nicht weniger als einem Dutzend Rollen – von Wagners späterer Frau Cosima über Ludwigs Kurzzeit-Verlobter Sophie bis hin zu Graf Dürckheim oder Josef Kainz (diese Szene, für die sich Meyer unter die Zuschauer begibt, besonders eindrücklich, der Burgstar in Bedrängnis, der schizophrene König, der einen „Romeo“ und keinen Menschen erleben will) -, die wahlweise auf den riesigen Spiegel oder die weißen Schleppen der Schauspieler projiziert werden und somit als bedrohliche Über-Ichs die Handlung vorantreiben. Ein Kniff, der staunen macht und sich über den gesamten Abend nicht abnützt.

Auf Film als Ludwigs gesamter Hofstaat – Beichtvater, Minister, Mutter, Bruder: Markus Meyer (Hintergrund) mit Regina Fritsch. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Aus Viscontis Vorlage übernommen hat Kraft hingegen die Vernehmungsszenen von Ludwigs Umfeld, die im Film wie auf dem Theater dessen geistigen Verfall zu Protokoll geben. Die Spielfilmhandlung wird nämlich mehrfach durch Momente unterbrochen, in denen Darsteller vor einem schwarzen Hintergrund direkt in die Kamera blicken und über König Ludwig und sein Verhalten wie bei einer Zeugenaussage sprechen.

Hierzu hat Kraft eine Metaebene eingebaut, die mit wenigen Worten auch die komplizierte Entstehung und die Rezeptionsgeschichte des Films miteinbezieht. „Ich habe diesen Film wieder und wieder gesehen“, heißt es da, oder „Der Film hat zwölf Millionen Deutsche Mark verschlungen“ – in den 1970er-Jahren noch eine Unsumme.

Am Ende bleibt Ludwig in diesem Spiel mit all seinen Reflexionsebenen ein Geheimnis. Man sieht ihn in Großaufnahme beim Abschminken. Die Höflinge, Verwandten und Diener – alles nur Fassade. Unter all den Masken war ein blasser, scheuer, unglücklicher Mensch verborgen. Entblößt umarmt, besteigt er eine überlebensgroße, weiße Ludwig-Statue, hängt ihr den inzwischen von der Tinte seiner irren Dekrete und wahnwitzigen Entwürfe befleckten Mantel um, um dann im See – einem winzigen Viereck – unterzugehen, langsam, im Spiegel zu sehen, bis schließlich auch der Haarschopf verschwindet. Ein eindrucksvoller Schluss, der einem buchstäblich den Atem raubt.

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30.10.2017

Akademietheater: paradies fluten. verirrte sinfonie

September 10, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Da geht die post- ab

Die Reifenhändlerfamilie: Peter Knaack, Elisabeth Orth, Katharina Lorenz und Aenne Schwarz. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Spannend war es in der Pause, als die Bühnenarbeiter die große Plastikplane zusammenlegten, den Unrat entsorgten, die Bühne putzten, jeder Handgriff mit Zweck und Ziel, ungekünstelt, uneitel, authentisch, die Bewegungen wie choreografiert …

Davor und danach gab es die Österreichische Erstaufführung von Thomas Köcks Kleist-Förderpreis-Stück „paradies fluten“, „teil eins der klimatrilogie“.

Das Ganze ist – zumindest in der Drei-Stunden-Zerdehnung von Regisseur Robert Borgmann – doch ein klein wenig geschwätzig und repetitiv. (Was nichts damit zu tun hat, dass Köck wie jeder gute Jelinek-Schüler in Textflächenblöcken und mit Textflächenblockwiederholungen arbeitet.) Köck will viel, das ehrt ihn, will den welterklärerischen Komplettentwurf, will seine Kapitalismus-, Konsumismus-, Klimaschutz-, Kautschukgewinnungs-, Und-überhaupt-alle-Katastrophen-und- Ungerechtigkeiten-dieser-Erde-Kritik in eine Perlenreihe kriegen; er reiht sie auf, die Schlagwörter, die die neoliberalen Suchmaschinen zum Laufen bringen.

Seine Schlussfolgerungen sind: BWL-Täuschung und Markt-Schreierei, und enden bei der obligatorischen Globalisierungs-Beanstandung, das Ergebnis ein frei-assoziativer Text, der sich selbst seinen Sinn bescheinigt. Fürs postfaktische Zeitalter also ein postmodernes, postnarratives Stück, postapocalypse now! Dabei – paradox – ist dieser hermetische Theaterabend bar jeder Sinnlichkeit so besoffen von sich und seinen Ideen, dass er gar nicht genug von sich kriegt.

Das neonfarbene Paar: Marta Kizyma und Christoph Radakovits mit Elisabeth Orth. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Und schwupps – Rokoko: Alina Fritsch, Sabine Haupt, Sylvie Rohrer und Ensemble. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Sabine Haupt und Alina Fritsch als „Die von der Prophezeiung Vergessene“ und „Die von der Vorsehung Übersehene“. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

In seiner sinfonie-Kakophonie verschränkt Köck im Wesentlichen zwei Handlungsstränge. Die Familiengeschichte. Gegenwart. Ein mittelständischer Kleingewerbetreibender, Autowerkstatt und Autoreifenverkauf, geht Pleite. Vorwürfe von der Frau, Kalmierungsversuche von der Großmutter. Man ergeht sich in großstädtisch-spätbürgerlichem Beziehungs-Kleinklein. Die Tochter wird später im prekären Ballettbetrieb versumpern, der Vater einen Schlaganfall erleiden.

Die Figuren sprechen von sich in der dritten Person, hart klingt das, sie erzählen von sich, statt auf- und miteinander zu (re)agieren; die fremde Haut, in die sie schlüpfen, sie soll den Schauspielern hier verfremdet bleiben. Elisabeth Orth, Peter Knaack, Katharina Lorenz und Aenne Schwarz bestreiten diesen Teil blut- und dreckverschmiert.

Handlung 2. Manaus zur Zeit des Kautschukbooms. Ende des 19. Jahrhunderts. Ein fiktiver deutscher Architekt namens Felix Nachtigall soll das Opernhaus Teatro Amazonas bauen. Im Gegensatz zu Fitzcarraldo ist er aber ein guter Mensch, und will die versklavten, gefolterten Indios vor den Kautschukbaronen retten (lesenswert und magenumdrehend dazu die Beiträge im Programmheft). Philipp Hauß gestaltet diese Rolle. Sylvie Rohrer wird als „der Entwicklungshelfer“ ausgewiesen, ist auf der Bühne aber tatsächlich eine hysterische Koloniallady, die um endlich ein bisschen Kultur in der Wildnis fleht.

So ziemlich allgegenwärtig in diesem Geduldsspiel sind, goldgesichtig, Sabine Haupt als „Die von der Prophezeiung Vergessene“ und Alina Fritsch als „Die von der Vorhersehung Übersehene“. Sie fügen zum Enigmatischen das Mythologische hinzu, changierend zwischen einem Dasein als Parzen und Wladimira und Estrella.

Gleich zu Beginn nimmt Haupt die Universumsperspektive ein. Schildert die Ausdehnung und den Zerfall der Sonne in Milliarden von Jahren, roter Riese, weißer Zwerg. Die Sonne wird die Erde erst verstrahlen, dann vergasen, sagt sie. Das ist Köcks „Poetik des Transvisuellen“, und die Bilder dazu sind diametral banal. Im Wesentlichen wird im Wortsinn im Gatsch gespielt. Die Flut hat ihre Schlammmassen hinterlassen.

Des Weiteren kommen vor: ein in Neonfarben gestrichenes Paar (Marta Kizyma und Christoph Radakovits), das sich wie wahnsinnig auf die nächste Finanzblase freut, drei Klischee-Schwarze, Nancy Mensah-Offei, Marie-Christiane Nishimwe und Sopranistin Bibiana Nwobilo, die eine Handvoll Arien zum Besten gibt, ein UNO-Soldat und Rokoko-Kostüme. Warum? Man weiß es nicht. Sven Dolinski, ausgestattet mit dem Mantra „Why Should I Want To Be In This Picture?“, Anna Sophie Krenn und Leonhard Hugger gehören ebenfalls zu diesem immer wieder über die Bühne driftenden Chor. Mittels ihm schiebt Köck auch noch zwischen die Szenen seine mäandernden Wortströme: „aber / es entsteigen der materialflut aufgescheuchte erinnerungen / ohne eigentümer“.

Philipp Hauß als Architekt mit Marie-Christiane Nishimwe, Nancy Mensah-Offei, Marta Kizyma (im Vordergrund) und Ensemble. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Köck hält die Überflutung des Theaters mit seinen Textmengen von Stück zu Stück konsequent durch. Er macht sie zu seinem ästhetischen, ja zum „politischen“ Prinzip, die Überforderung gleichsam zum Programm. Die Burgkräfte kann das freilich nicht wegschwemmen, so richtig mit Verve ist aber auch kaum einer bei der Sache.

Am ehesten schaffen es noch Peter Knaack als psychisch und ökonomisch an der mühsam errungenen Selbstständigkeit gescheiterter Vater und Philipp Hauß als Beobachter, wie der Reichtum Manaus in der abebbenden Konjunktur erst den Bach und dann den Amazonas runtergeht, ihren Rollen Seele einzuhauchen. Gemeinsam (obwohl nie zusammen in einer Szene) verkörpern sie eine in Alternativelosigkeit verfangene Gegenwart und jenen Imperfekt, der das angerichtet hat, was Status Quo ist.

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  1. 9. 2017

Burgtheater: Liebesgeschichten und Heiratssachen

April 14, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Schweinsgalopp durchs Nestroy-Stück

Nicht nur Ex-Fleischhauer Stefan Raab hat ein fahrbares Sofa: Regina Fritsch als Lucia Distel und Gregor Bloéb als Florian „von“ Fett. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Nach der Jubel-Trubel-Heiterkeit beim Schlussapplaus zu urteilen, hat sich das Burgtheater mit dieser Aufführung einen sicheren Publikumsliebling geschaffen. Regisseur Georg Schmiedleitner inszenierte Nestroys „Liebesgeschichten und Heiratssachen“ – und der Abend ist wirklich saukomisch. Die Wortwahl sitzt wie der berüchtigte Bolzen im Kopf, ist der Protagonist der Biedermeier-Posse doch ein ehemaliger Fleischselcher, der sich zum reichen Particulier emporgeschlachtet hat:

Florian Fett, neuerdings mit einem „von“. Aus diesem Umstand kann Schmiedleitner beinah drei Stunden lang Gags, Klamauk und Kalauer produzieren. Da ist eine Situation saugefährlich und ein Brief – Schriftstücke werden per rosa Plüschferkel befördert – natürlich mit Sauklaue geschrieben. Da kurvt der Hausherr mit einem fahrbaren Sofa durch sein Schloss, weil auch Stefan Raab war, bevor er endgültig privatisieren konnte … na? … na? – richtig, ein Metzgergeselle. Im Schweinsgalopp geht’s so durchs Nestroy-Stück.

Für dieses Verwechslungsliebesspiel mit drei Paaren, zwei Vätern und einem schlimmen Schlitzohr hat Volker Hintermeier eine Bühne erdacht, die sich mit den amourösen Eskapaden der Figuren im Kreis dreht. Stätten der Handlung sind ein desolates Salettl/Bar mit rotierendem roten Herz auf dem Dach, in dessen Dachboden die Band haust; der Fett’sche Salon mit Wappensau und jenen Plastikplanen als Vorhängen, die im fleischverarbeitenden Betrieb Hygienevorschrift sind; ein Mobilklo als Zufluchtsörtchen; und ein Plantschpool mit beleuchtbaren Kitsch-Flamingos. Alles atmet hier neureich oder guter Geschmack lässt sich nicht kaufen, ein sarkastisches Augenzwinkern, das Su Bühler bei ihrer Zuckerlfarbwahl und der Ausstattung der Kostüme fortsetzt – und das der Inszenierung insgesamt gutgetan hätte.

Die Wirtin hat Verständnis für die Standesdünkel des Marchese: Elisabeth Augustin und Dietmar König. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Flirt vor Flamingos: Martin Vischer wirbt in Schwyzerdütsch um Stefanie Dvoraks Ulrike. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Schmiedleitner nämlich setzt aufs Outrieren als alleiniges Stilmittel. Der laute Vollgas-Lustig-Modus in den er geschaltet hat, überschmettert allerdings die leisen Töne des revolutionsbegabten Autors, seine Zwischenbemerkungen, das Halbgesagte wie das Angedeutete. Was dem Abend fehlt, ist die Nestroy’sche Doppelbödigkeit, die spöttische Subtilität, mit der der große Wiener Dramatiker seine abgeschriebenen Plots verfeinerte.

Die in die Blödheit eines Fett eingeschriebene Bösartigkeit, die lauernde Gefährlichkeit eines Nebel, das beunruhigende Unbehagen darüber, dass Intriganten, Emporkömmlinge, Wirtschaftsliberalisten … in dieser Welt das Sagen haben. Und dass sich daran von 1843 bis heute nichts geändert hat.

Was die Nestroy’schen Figuren betrifft, so gestaltet sie hier jeder nach seiner Façon und seinen Fähigkeiten in der Farce. Die Charaktere werden manchen zur Karikatur, manchmal zur Knallcharge. Gregor Bloéb ist eine – pardon, aber im Zusammenhang passend – Rampensau. Er weiß, wie er sich die Lacher abholt, wenn er seinen Florian Fett im goldenen Protzanzug mit einem vulgären Zu-Viel-An-Allem versieht.

Oder den selbstverliebten Tölpel im Versuch, alles französisch auszusprechen, nicht nur gestelzt daherreden, sondern auch wie auf Stelzen stolzieren lässt. Als Fett lässt sich’s freilich gut aufgesetzt agieren, mit einem Wort: Bloéb rockt die Burg! Regina Fritsch überzeichnet die Fett-Verwandte Lucia Distel noch stärker. Die Brille-Locken-Pillbox-Kombination, die ihr Su Bühler verpasst hat, gehört eigentlich verboten, harmoniert aber perfekt mit dem von der Vornehmheit in einen Proletenslang kippenden Ohrenschmerzorgan, wenn etwas nicht nach dem Distel’schen Willen geht.

Marie-Luise Stockinger und Stefanie Dvorak sind als Fanny und Ulrike zwei richtige Trutschn ohne besonderen Tiefgang, nur Alexandra Henkel darf als Kammerkätzchen Philippine einen eigenen Kopf und Mut zur Koketterie haben und beides auch einsetzen. Elisabeth Augustin bleibt als Wirtin zum Silbernen Rappen weitgehend unauffällig, und warum Peter Matić als ihr Wirt als tätowierter Punk-Rocker auftreten muss, hat sich, seiner Darstellung nach zu urteilen, auch ihm selbst nicht erschlossen.

Der Gewinner des Till-Lindemann-Lookalike-Contests: Markus Meyer als Nebel, Peter Matic (hi.) gibt den Rappen-Wirt als Punk-Rocker. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Vielleicht soll er ja in der Aufmachung zu Markus Meyer passen, dessen Zechpreller und Heiratsschwindler Nebel daherkommt, wie der Gewinner eines Till-Lindemann-Lookalike-Wettbewerbs. Der Nebochant Nebel, das ist bei Nestroy der Distel-Umgarner, der Fett-Um-den-Finger-Wickler, der Spielmacher und Drahtzieher – und gerade in dieser doch eigentlich Paraderolle bleibt der stets so großartige Markus Meyer seltsam blass. Ja, er macht gekonnt den Blender und Poser.

Und schrammelt auch auf der E-Gitarre. Doch weder kommen ihm die aphorismenhaften Aussprüche seiner Figur geschmeidig über die Lippen, noch scheint er am ohnedies auf zweimaligen Einsatz beschränkten Coupletgesang Freude zu haben. Martin Vischer als Kaufmannssohn Anton, Christoph Radakovits als dessen adeliger Freund Alfred und Dietmar König als wiederum dessen Vater, Marchese Vincelli, und Robert Reinagl in den Rollen diverser Bedienter sind immerhin fürs eine oder andere Kabinettstückchen gut. Der Basler Vischer probiert’s erst gar nicht mit einem ihm fremden Dialekt, sondern bleibt beim vertrauten Schwyzerdütsch. Er gibt einen herrlich korrekt-verklemmten Eidgenossen, während Radakovits das blaue Blut vor Leidenschaft in den Adern kocht.

Königs Marchese ist über die misera pleps, aus deren Klauen er seinen Sohn befreien zu müssen glaubt, ausschließlich eines – mit Taschentuch vorm Mund – angewidert. Und wenn der Vornehme stolpert und stürzt, oder ihm ins Gesicht gefurzt wird, oder seine Kehle wegen des Hausbrand des Wirten in Flammen steht, dann toben die Leut‘. Das Timing stimmt, die Pointen sitzen, alles dreht sich, alles bewegt sich – Zuschauer, was willst du mehr? Irgendwas mit Sinn – Tief-, Hinter-, Fein-? Na alsdann!

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Wien, 14. 4. 2017