Bronski & Grünberg: Exorzist

Februar 16, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Spuksatire über die Sünde Raffsucht

Elisa Seydel, David Oberkogler, Johanna Prosl, Fabian Krüger, Daniela Golpashin, Serge Falck und Rafael Schuchter. Bild: © Philine Hofmann

Stockduster ist es, und das gespenstische Geräusch ein schweres Keuchen, und selbstverständlich wird sich unter den schemenhaften Gestalten, die über die Bühne geistern, die eine im Nachthemd befinden, die auf den Teppich pieselt. So viel Original muss sein, der Special Effect des Abends sozusagen, weil mit den Kotz- und Kopfdrehmomenten ist es am Theater ohnedies Essig. Doch mit dem Teppich, der im Laufe der Ereignisse noch viel mehr Flüssigkeiten aushalten wird müssen, das 4000 Euro teure Stück, dessen Verschandelung ob seines Preis‘ und Werts noch sehr bejammert werden wird, weist Dominic Oley schon den Weg, den seine Inszenierung im Weiteren einschlägt.

Oley, als Autor wie Regisseur erste Adresse für besten Boulevard, hat im Bronski & Grünberg sehr frei nach dem William-Friedkin-Film dessen „Exorzist“ anders gedacht und weitergeschrieben.

Hat den ernstgemeinten Horror in eine skurrile Spuksatire verwandelt, deren wichtigste Bestandteile Suspense, Slapstick und ein Sexvorfall sind. Der Inhalt reloaded: Ex-Schauspielstar Nanni plagt sich mit ihrer verhaltensoriginellen Tochter Ronaldrea, die mit ihren Anwandlungen nicht nur die Mutter, sondern auch das Haushälterehepaar Karl und Wilma und ihr Kindermädchen Traudl tyrannisiert. Als Nanni wieder einmal eine Party gibt, erscheint der ehemalige Erfolgs-, nun Erotikfilmchenregisseur Puke Darrings, aber auch ein gewisser Pater Dorian Gyros – der von seinem Bischof mit einer besonderen Mission beauftragt wurde.

Wie’s kaum anders sein kann, handelt die Teufelsaustreibung anno Profitgier und Konsumrausch nicht mehr vom altmesopotamischen Pazuzu-Dämon, stattdessen von dem Leibhaftigen, der die Leute heute rotieren und durchschütteln lässt: Geld. Alle hier haben es auf das durch illegale Geschäfte erworbene der Diva abgesehen. Die Angestellten für ein Leben abseits der Allüren der weltfremden Chefin, der Bischof über seinen instrumentalisierten Untergebenen, der eine Großspende einsacken soll, deren karitativer Zweck der Behübschung seines Badezimmers im venezianischen Palazzo dient, Puke, was tatsächlich „Kotze“ heißt, indem er ein von Nanni verfasstes Drehbuch stiehlt, mit dem er endlich wieder einen Leinwandtriumph feiern will.

Das Aufgebot an Abzockern verkörpert das beliebte Bronski-Team: Elisa Seydel und Johanna Prosl als überdrehte Nanni und teenie-aufsässige Ronaldrea, David Oberkogler als selbstverliebter Puke Darrings, Serge Falck und Rafael Schuchter als schmieriger Bischof und bald im doppelten Wortsinn aufrechter Pater Gyros, Daniela Golpashin und Michou Friesz als rachedürstige Traudl und Drahtzieherin Wilma. Den Karl dazu spielt kein geringerer als Burgtheaterschauspieler Fabian Krüger. Oley lässt seine Darsteller im hintergründigen Humor seiner Nonsensedialoge strahlen, alles ist eingestellt, das heißt eigentlich: verstellt, auf Verhören und Versprechen, der Quatsch pointiert durchbrochen durch Gesinnungssätze.

David Oberkogler, Elisa Seydel, Johanna Prosl, Fabian Krüger, Daniela Golpashin und Serge Falck. Bild: © Philine Hofmann

Großartige Komödianten: Johanna Prosl, Michou Friesz, Rafael Schuchter und Serge Falck. Bild: © Philine Hofmann

Etwa wenn Krüger, der sich einmal mehr als Erzkomödiant erweist, Karl Honecker zitiert, bevor er in eine „Publikumsbeschimpfung“ ausbricht, oder die grandiose groteske Friesz erklärt „Mir geht langsam der ideologische Treibstoff aus, wenn ich hier alles alleine machen muss“ – nachdem sie dem Pater sein „Anfängerbettelprospekt“ um die Ohren geschlagen hat. Jede brutale Geste sitzt, die großen wie die kleinen, und wie stets im Bronski & Grünberg ist die Aufführung brüllend amüsant und getroffen von so manchem Geistesblitz. Kaja Dymnicki hat das Bühnenbild, Julia Edtmeier die Kostüme entworfen.

Auch die beiden brillieren in der Detailverliebtheit des passenden Beinah-1970er-Jahre-Ambientes samt Bowleschüssel und Dean-Martin-Schallplatten. Eine der schönsten Finessen ist eine Vogue, die Nanni durchblättert, vorne natürlich sie als Covercelebrity, hinten als Gesicht einer Zigarettenwerbung. Derart geht’s munter dem Ende zu: Der Mutter wird das große Exorzismus-Paket angedreht, das seit den 1880ern niemand mehr bestellt hat, doch im Wasserglas des Paters schwimmt Viagra, so dass dieser statt religiöser Ekstase eine andere Art Erregung erfährt.

Ein Priesterproblem, das der Bischof intern regeln will, und apropos, Intoxikation durch Drogen: Ronaldreas Besessenheit entpuppt sich durch ihr böswillig verabreichte Koffeintropfen ausgelöst. Wie auch immer, die Bekämpfung des Beelzebubs wirkt, jeder fühlt sich plötzlich bemüßigt zu bekennen, der Bischof muss es also sagen: Beichten kosten extra. Gegen die Raffsucht ist offenbar kein Kruzifix gewachsen. Was in diesem speziellen Sündenfall wirklich zum Lachen ist, der „Exorzist“ als Turbokomödie über Turbokapitalismus …

Video: www.facebook.com/watch/?v=493390097861765

www.bronski-gruenberg.at

  1. 2. 2019

Sommerspiele Perchtoldsdorf: Ernst ist das Leben

Juni 28, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Dandys sind diesmal herr-liche Damen

Die Damenriege übt sich in Theatralik: Maresi Riegner, Elzemarieke de Vos, Karola Niederhuber, Maria Hofstätter, Marie-Christine Friedrich, Raphaela Möst, Miriam Fussenegger und Michou Friesz. Bild: Lalo Jodlbauer

So weiß wie die Bühne ist hier niemandes Weste, weshalb in Kostümen, die so schrill sind wie die Stimmung, ordentlich Komödienvollgas gegeben wird. Bei den Sommerspielen Perchtoldsdorf inszenierte Intendant Michael Sturminger Oscar Wildes „Ernst ist das Leben / Bunbury“ und setzte dabei weniger auf Subtilität und britisches Understatement, denn auf Tempo, Timing und Tohuwabohu. Ein Spaß, der vor allem nach der Pause voll aufgeht.

Sturminger spielt, gekonnt auch in Orientierung auf das Privatleben des berühmtesten Dandys der Welt, der vier Tage nach der Bunbury-Uraufführung seinen unglückseligen Prozess begann, mit den Geschlechterrollen. Sein Ensemble besteht ausschließlich aus Frauen, und da gibt es in der deutschsprachigen Fassung von Elfriede Jelinek nicht nur sprachliche, sondern auch sexuelle Zweideutigkeiten, wenn eine Frau, die einen Mann spielt, dessen bestem Freund Avancen macht, den ebenfalls eine Frau darstellt. Und so ist es ein Küssen und Knutschen zwischen Jack Worthing und Algernon Moncrieff, in deren Rollen Raphaela Möst und Elzemarieke de Vos schlüpfen, um zu zeigen, wie man Ennui in Exaltiertheit verwandelt.

So turnt die Truppe durch Irrungen und Wirrungen, Wortspiele und Intrigen. Mit der Jelinek’schen Feder werden Versprechen rasch zu Versprechern, Sturminger bespielt die Frivolität dieser Vorlage gekonnt, so entsteht eine spritzige, quirlige, überdrehte Aufführung, die die Exzellenz der Dekadenz feiert. Und schließlich in der unvermeidlichen Kuchenschlacht endet. Möst und de Vos erlauben sich den Scherz ihre Figuren bisexuell anzulegen – das Treiben der Geschlechter ist bei Sturminger generell ein doppeltes Spiel -, die beiden bleiben süffisant, auch wenn Algie sich und Jack zunehmend in Schwulitäten bringt. De Vos ist, man braucht es nicht zu erwähnen, die geborene Komödiantin. Eine Poserin in bester Wilde’scher Manier, eine Zynikerin und – der personifizierte Un-Ernst. Wie sie lasziv durch die Szene schlakst, der Welt ebenso zugetan, wie von ihr angewidert. Nichtstun ist ihr die allerschwierigste Beschäftigung und zugleich diejenige, die am meisten Geist erfordert.

Spiel mit den Geschlechtern: Elzemarieke de Vos und Raphaela Möst. Bild: Lalo Jodlbauer

Komödienvollgas bei der Kuchenschlacht: Maresi Riegner, Karola Niederhuber und Miriam Fussenegger. Bild: Lalo Jodlbauer

De Vos hat Perchtoldsdorf  bunburysiert. Wie alle anderen Abbilder der dortigen Upperclass, und davon finden sich im Publikum nicht wenige, ist sie Besitz ergreifend und setzt zu diesem Zwecke auch aufs Lügen. Möst ist ihr eine ebenbürtige Partnerin, ihre verschwitzte Verlegenheit weist eine aus, die wohl weiß, was richtig wäre, aber wohlweislich das Falsche tut. Versuchungen muss man eben nachgeben, keiner ahnt, ob sie je wiederkommen. Die beiden Damen ihrer Auswahl, Gwendolen und Cecily, geben Miriam Fussenegger und Maresi Riegner. Riegner gestaltet mit naiv geschürztem Mündchen eine Unschuld vom Lande, die es faustdick hinter den Ohren hat. Ihre Cecily ist ein so frühreifes Früchtchen, dass einem um Algernon beinah bange wird. Fusseneggers Gwendolen ist ein resolutes Fräuleinwunder, eine, die dem Ansturm des Mannes zuerst nur widersteht, um ihn dann am Rückzug zu hindern.

Dass hier eine ganze Gesellschaftsschicht klemmt, die ganze Gesellschaft geladen ist, zeigen auch Marie-Christine Friedrich als Gouvernante Miss Prism und die großartige Michou Friesz als Lady Bracknell – zwei einwandfreie Schreckschrauben, zweitere eine schrullige, quasselstrippige Moralhüterin, erstere Typ durchgeknallte alte Jungfer, in deren verblühender Brust aber die Glut lodert. Mit ihren An- und Auszüglichkeiten kann sie Maria Hofstätters Pastor Chasuble gekonnt aufreizen. Was bleibt dem Manne anderes übrig, als dem Weibe zu zeigen, wo Gott wohnt? Kurz vor alles eitel Wonne kommt’s dann noch zu Tortenschlacht und Slapstick, da ist das Publikum längst bestens gelaunt und dankt mit langem Applaus. Schade, dass diese Premiere wetterbedingt im Neuen Burgsaal stattfinden musste, open air ist es sicher noch der doppelte Genuss.

www.sommerspiele-perchtoldsdorf.at

  1. 6. 2018

Rabenhof: Mayerling – Ein Singspiel von Wilderern und Habsburgern

September 21, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine wilde Jagd quer durch den Wienerwald

Und noch ein Habsburger der einen kapitalen Hirsch schießt: Manuel Rubey als Kronprinz Rudolf und Gerald Votava als Wilderer Horstl Tiefgruber. Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Im Rabenhof wurde Mittwochabend Ernst Moldens neues Singspiel „Mayerling“ uraufgeführt, zum Saisonauftakt des Hauses eine Inszenierung von Hausherr Thomas Gratzer höchstpersönlich. Molden, der genialische Musiker, der sich schon mit den Vorgängerproduktionen „Häuserl am Oasch“ und „Hafen Wien“ der Wiederbelebung des Genres Singspiel widmete, macht einen wiedergängerischen Habsburger zum Mittelpunkt seiner jüngsten Arbeit.

Mayerling, der Ort ist natürlich untrennbar mit dem unglücklichen Kronprinzen Rudolf verbunden, und dieser darf – inklusive dekorativer Schusswunde an der Schläfe – über die Bühne geistern. Untot, weil schuldbewusst ob der Mit-in-den-Tod-Nahme der Mary Vetsera, glaubt er nur Erlösung finden zu können, wenn ihm einer den weißen Hubertushirsch schießt. Womit er nicht der erste Habsburger wäre, der einen kapitalen Hirsch geschossen hat … Jedenfalls, der gruselige Geist findet sein Werkzeug im Wilderer Horstl Tiefgruber, den es nach Scheidung, Jobverlust und Obdachlosigkeit in den Wienerwald getrieben hat, wo er seiner letzten Selbstdefinition, dem unerlaubten Jagen, frönen will. (Rekrutiert wird übrigens so, wie’s der Tod im Jedermann tut: „Den schlag ich auf sein Herz mit Macht …“)

Schwester Apollonia betet für Frieden im Wald von Mayerling: Eva Maria Marold. Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Förster Helmuth und die militante Majorin Mimi Sommer: Christoph Krutzler und Michou Friesz. Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Im Horst kommt dem Horstl allerdings die Schwester Apollonia in die Quere, die in der kontemplativen Einsamkeit des Forstes Frieden mit sich selbst schließen und zu Gott finden will. Also wird die Klosterfrau kurzerhand zur Geisel, und ab geht die wilde Jagd. Diese durchaus im Sinne der bekannten Volkssage zu verstehen, ist der Dämon Rudolf doch als übernatürlicher Jäger mit von der Partie. Und weil’s kein Singspiel ohne Buffi geben kann, versuchen der unbeholfene Förster Helmuth und die militante Polizeimajorin Mimi Sommer vergeblich den Wilderer zu fangen. Am Ende wird der, so viel kann eine Nonne schon bewirken, geläutert sein, und der Kronprinz wird sich per Herzschlag ein neues Opfer holen …

Herzstück des Abends ist die Musik von Ernst Molden, der Meister mit Band als Schatten hinter dem Baumstammbühnenbild von Gudrun Kampl zu sehen. Viel mehr – und ein ausgeklügeltes Lichtdesign von Harald Töscher – braucht Thomas Gratzer nicht, um die Story zu erzählen. Die Songs bewegen sich im Spektrum von L’Amour-Hatscher und Hart-Rock, Molden schrammelt auf der Gitarre, bis die Saiten glühen, unterstützt von Hannes Wirth, Maria Petrova, Sibylle Kefer, Marlene Lacherstorfer, Andrea Fraenzel und dem grandiosen Walther Soyka mit seiner Altwiener Schrammelharmonika. Moldens Text transportiert ein Alt-Wienerisch, wie’s zuletzt aus der Feder von Ferdinand Raimund in dessen Zauberspiele floss. Da heißt es „Er soll die Frau in Kraut lassn“ oder „Es is zum Plaatzen“, da ist der eine ein „Bloßhaperter“ und der andere ein „Nebochant“.

Jedermann! kann zum Werkzeug des grauslichen Kronprinzen werden: Manuel Rubey und Gerald Votava. Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Den Wilderer-Horstl spielt Gerald Votava hart am Rande des Wahnsinns. Wie im Fieber, dreckig und verschwitzt, pirscht er über die Bühne im Versuch, der teuflischen Spukgestalt, die ihn peinigt, zu entkommen. So, wie Votava das darstellt, stellt sich durchaus die Frage, ob sich der Kronprinzen-Geist nicht eigentlich nur im Geist vom Tiefgruber tummelt. Manuel Rubey gibt den Rudolf sehr schön düster und dominant.

Rubeys Rudolf ist einer, der sich auch nach dem Ableben seiner Privilegien als Kaiserliche Hoheit bewusst ist, und über den Rest des Casts als seine Untertanen verfügt. Als Dritte dieser unheiligen Dreifaltigkeit ist Eva Maria Marold als Schwester Apollonia zu sehen, als moderner, weiblicher Evagrius Ponticus, die in der Waldeinsiedelei das Finstere ihrer Vergangenheit, heißt: den tyrannischen Ehemann, vertreiben will, und sich mit einer noch größeren Schwärze konfrontiert sieht. Dass Votava, Rubey und Marold als trauriges Triumvirat bestens bei Stimme sind, müsste man nicht extra erwähnen, aber: Ja!

Christoph Krutzler darf als tollpatschiger Förster Helmuth nicht nur herrlich komisch sein, sondern auch Mundharmonika spielen und „Den Mond, den Mond, den Mond …“ besingen. Dies sehr zum Unwillen von „Cobra“ Mimi Sommer alias Michou Friesz, die als herrische Lederlady den Landeiern zeigen will, wo das MG hängt (um ihren Hals nämlich). Friesz und Krutzler, die Harte und der – zumindest seelisch, siehe Mundharmonika/Soul Man – Zarte, sind ein hinreißend witziges Gespann, „Mayerling“ eine insgesamt hinreißende Aufführung. Die allerdings nur 70 Minuten dauert, und das ist in diesem vergnüglichen Fall – man sagt’s am Theater ja nicht oft – zu kurz. Weil man viel mehr sehen möchte von den Wilderern und von den Habsburgern.

www.ernstmolden.at

www.rabenhoftheater.com

  1. 9. 2017

Michael Madsen: The Visit

September 30, 2015 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine unheimliche Begegnung mit sich selbst

JohnRummel,Vorsitzender von COSPAR, dem Gremium zum planetaren Schutz Bild: Heikki Faerm © Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion GmbH

John Rummel, Vorsitzender von COSPAR, dem Gremium zum planetaren Schutz
Bild: Heikki Faerm © Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion GmbH

Nicht erst seit Scully und Mulder fragt sich die Menschheit, ob die Wahrheit irgendwo da draußen ist. Dokufilmer Michael Madsen geht der Frage nach der Möglichkeit außerirdischen Lebens in seinem Film „The Visit“, der ab 9. Oktober in den heimischen Kinos läuft, auf ungewöhnliche Weise nach. Er stellt sie als Faktum hin. Die Aliens sind da. Auf der Erde. Mal kurz Hallo sagen.

 

Eine Doku über etwas, das (noch) nicht dokumentiert ist. Madsen befragt dazu Experten der NASA, der UNOOSA, von COSPAR und SETI, Militärs und politische Sprecher. Auch Kurt Waldheim ist unter den Interviewpartnern. Die Gespräche zeigen, worauf Madsen hinweisen will: Im Dialog um die anderen, geht es immer um einen selbst. Oder wie Doug Vakouch, Leiter der Abteilung für interstallare Nachrichtenerstellung am SETI-Institut, sagt: „Als die Menschen die Voyager-Aufzeichnungen zusammengestellt haben, war eine der schwierigsten Fragen: Sprechen wir auch über unsere Eigenschaften, auf die wir nicht so stolz sind? Die Dinge, von denen wir wünschten, dass sie nicht so wären? Berichten wir von Krieg, über Kämpfe zwischen den Menschen? Erzählen wir von unserer Fähigkeit, unsere eigene Zivilisation zu zerstören? Solche Bilder wurden nicht in die Voyager-Aufzeichnungen aufgenommen, und es gab von manchen die Kritik, dass diese Nachricht damit nicht ehrlich sei.“

Josefstadt-Star Michael Dangl ist der Sprecher der Doku. Ihre Stimmen leihen außerdem Michou Friesz, Wolfgang Hübsch und Dörte Lyssewski. Der zu Teilen in Wien und Umgebung gedrehte Film ist eine Nikolaus-Geyrhalter-Produktion.

www.thevisit-doku.at

Wien, 30. 9. 2015

Volkstheater: Haben

Februar 28, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Relativität der Zeitwahrnehmung

Annette Isabella Holzmann, Erni Mangold Bild: © Christoph Sebastian

Annette Isabella Holzmann, Erni Mangold
Bild: © Christoph Sebastian

Róbert Alföldi, ehemaliger Intendant des Ungarischen Nationaltheaters, der auf Drängen der Regierung Orbán zum Ende der Spielzeit 12/13 abgelöst wurde, was große Diskussionen, nicht nur unter Ungarns Intellektuellen, auslöste, für den es heute schwierig bis unmöglich ist, in seiner Heimat zu arbeiten, der sich trotzdem weder als „Opfer“ denn als „Flüchtling“ verstanden haben will, inszenierte erstmals am Volkstheater. „Haben“ von Julius Hay hat er mitgebracht. Und allein die Geschichte des Autors ist eine Geschichte wert: Das Schicksal des heute zu Unrecht vergessenen Schriftstellers, geboren 1900 im ungarischen Abony, war so wechselvoll wie das 20. Jahrhundert: Der ewige Exilant floh 1919 vor der Räterepublik aus Ungarn nach Deutschland, das er 1933 als Jude Richtung Österreich verließ, wo er als Kommunist verhaftet und inhaftiert wurde. Nach seiner Freilassung führte ihn sein Weg weiter in die Sowjetunion. 1945 kehrte er nach Ungarn zurück, wo er 1956 – diesmal als Antikommunist – zu sechs Jahren Kerker verurteilt wurde. 1963 emigrierte er erneut – in die Schweiz, wo er 1975 starb. „Haben“, seinen subversivsten und vielschichtigsten Text (basierend auf einer wahren Begebenheit im Jahr 1929) schrieb er – in deutscher Sprache – zwischen 1934 und 1936 im Exil. Es ist ein erschreckendes, allem Witz zum Trotz grausames Stück über Werte und Klassenfragen, darüber, was käuflich ist im Leben, und was für Geld nicht zu haben ist: Das kapitalistische System, das hier von einer Hebamme errichtet wird, ist eine Zone, in der Vieles im Grau versinkt. „Haben“ wurde 1945 als erste Nachkriegspremiere im zerstörten Budapest gespielt. Und auch am Volkstheater gehörte es zu den ersten Premieren nach Kriegsende. Günther Haenels Inszenierung mit Dorothea Neff, Karl Skraup, Hans Putz und Marianne Schönauer führte zum ersten Theaterskandal der Zweiten Republik: Die Madonnenstatue als Giftdepot gab Anlass zu heftigem Protest, der in tumultartigen Szenen und einer Schlägerei gipfelte.

In einem kleinen ungarischen Dorf, dessen Äcker von feudalen Großgrundbesitzern wie von einem eisernen Gürtel umschlossen sind, sterben die Männer nämlich wie die Fliegen. Niemand ahnt, dass die Frauen des Dorfes hinter den Todesfällen stecken: Angetrieben von der Hebamme Képes vergiften sie ihre Männer aus Gier nach Besitz und persönlicher Freiheit. Auch die junge Árva Mari schreckt vor Mord nicht zurück, als sie um seines Besitzes willen den angegrauten Großbauer Dávid heiratet. Doch dann beginnt sich der Gendarm Daní, der in Mari verliebt ist, für das seltsame Männersterben zu interessieren …

Alföldi destilliert aus dem Text sowohl ewig gültige Aussagen über die menschliche Natur, macht ihn aber auch zu einer Abrechnung mit der gegenwärtigen politischen Lage seiner Heimat. Er erteilt Kapitalismus und Konsumgeilheit ebenso eine Absage, wie dem Nationalismus und der Angst vor einer allmächtigen Obrigkeit, dem Komitat. In einem Dorfantiidyll mit Grasböschung, Madonna hinter Glas, „Tarnzelten“ an den Seiten und einer Himmels-Leinwand (erdacht von Róbert Menczel) präsentiert er ein Sammelsurium seltsamer Figuren, Muttergottesanbeterinnen, die ihre engstirnigen, angesoffenen, übellaunigen Opfer fangschreckenwürdig zur Strecke bringen. Da wäre auch viel zum Thema Frauensolidarität und deren Mangelhaftigkeit angesichts männlichen Überlegenheitsgehabe zu sagen gewesen. Vom Weiberkampf zum Kampf zwischen den Weibern.

Doch Alföldi verzettelt sich. Eine Stunde fünfzehn Minuten dauert allein seine episch-elegische Exposition. Da wäre jede Naturdoku über Schwarze Witwen spannender. Er unterinszeniert sein Ensemblemonster (22 Darsteller), stellt auf der wimmelvollen Bühne die Figuren wenig bis gar nicht vor. Dem The-Walking-Dead-Syndrom entkommen nur die Schauspieler, die es aus eigener Kraft schaffen, aus ihrer Rolle einen Charakter zu formen. Das schaffen einige mit nur Drei-Satz-Auftritt. Etwa Claudia Sabitzer als Witwe Biró oder Inge Altenburger, die als Tante Rézi schon vier Männer unter die Erde gebracht hat oder Annette Isabella Holzmann, die als Zsófi, Dávids Tochter, nunmehr auch Maris Stieftochter, ihr Zuvielwissen ebenfalls mit dem Leben bezahlt. Alexander Lhotzky ist ein wunderbar abgeklärter Inspektor, Patrick O. Beck ein hasenfüßiger Hochwürden. Thomas Kamper ringt als Schulmeister mit dem Temperament seiner Frau. Rainer Frieb, wie immer in Hochform, malt sich seine Miniatur zur Kostbarkeit, als alter Politagitator Vágó. Andrea Bröderbauer und Aaron Friesz sind jeder für sich genommen gut. Sie, die binnen Tages von der unterdrückten Dienstmagd zur andere unterdrückende Gutsbesitzerin wird; er, der wiewohl auf der falschen Fährte, nur an mögliche Beförderung denkt. Als Liebespaar aber sind sie bis zum die Kehle zusammendrückenden Ende letztlich leidenschaftslos. Selbst eine Sexszene misslingt mangels Oberarmmuskulatur – ehrlich, in dem Winkel geht sich das nicht aus. Dann aber muss Dani einen Haftbefehl schreiben, für …

Die Inszenierung wäre völlig abgesoffen, hätte Alföldi nicht Erni Mangold als Motor. Mit ihr auf der Bühne nimmt die Sache Fahrt auf. Als Frau Képes, die Hebamme, gibt sie die Bigotte wie die Gifthexe. Tänzelt, lacht böse, verschlagen und teilt natürlich Schläge aus. Vor der Pause geht sie durch den Mittelgang des Zuschauerraums ab, diese schöne, unmögliche 88 Jahre junge Naturgewalt. Das Publikum jubelt ihr nach, wie es ihr beim Schlussapplaus zujubelt. Von ihr, von ihrem weiteren Schicksal hätte man gern mehr gesehen. Die echte Hebamme Gyuláné Fazekas entzog sich der Justiz durch Selbstmord. Mit Gift.

Aber Alföldi, dessen Arbeit auf wunderbare Weise die Relativität von Zeit oder Zeitdilatation bestätigt, befindet, dass nach mehr als 20 Minuten Spielzeitverlängerung so um 22.15 Uhr auch einmal Aus sein muss. Manche Pobacke wird es ihm gedankt haben. Andere mögen enttäuscht aufgerüttelt worden sein. Schließlich ist Theaterschlaf immer noch der beste Schlaf.

www.volkstheater.at

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=CGvsLofmEGU#t=43

www.mottingers-meinung.at/robert-alfoeldi-im-gespraech

Wien, 28. 2. 2015