Theater zum Fürchten: Onkel Wanja

Februar 19, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Wohlstandsbürger zittern um ihre Werte

Onkel Wanja will den Professor am Verkauf des Guts hindern: Dirk Warme und Rainer Friedrichsen. Bild: Bettina Frenzel

Da jammern sie also wieder auf hohem Niveau, pflegen ihren Ennui und warten darauf, dass alles beim Alten bleibt. Das Theater zum Fürchten zeigt in der Scala Anton Tschechows „Onkel Wanja“. Rüdiger Hentzschel hat inszeniert und dabei alles richtig gemacht. Er versteht den russischen Theatertitanen – wie der sich selbst – als Komödienautor, er versteht es auch aus dessen ewiggültigem Text den Sukkus zu ziehen, der am mehr als hundert Jahre alten Stück gerade heute interessiert.

Hentzschel führt eine Wohlstandsgesellschaft vor, die ob drohender Veränderungen um ihre Werte zittert. Um jeden Preis gilt es, bestehende Standards aufrecht zu erhalten, doch fällt das schwer, hat man sich in der Frage nach Tun oder Nichtstun längst für Zweiteres entschieden. So ist denn auch der Aufbruch ins Neue unmöglich, viel wird geredet, nichts unternommen, und die beste aller Welten ist immer noch die Scheinwelt. In der kann man sich’s ungemütlich einrichten, sich in den Verstrickungen des Lebens verheddern und an der eigenen Existenz laborieren.

Dass diese Seelenqualen für den Betrachter von außen komisches Potenzial haben, hat Hentzschel mit offensichtlichem Genuss auf die Bühne gehoben. Sein Abend ist für die Lach- wie Denkmuskeln gedacht. Dabei hat er auf jeden Schnockes verzichtet und ganz auf die Macht des Wortes vertraut. Im von ihm gestalteten Bühnenraum stapeln sich die Stühle. So unaufgeräumt wirkt das Bild wie die Psyche der Figuren, die Hentzschel mit seinem Ensemble prägnant in Szene setzt. Die Darsteller haben ihre Charaktere fein geschliffen, mit Verve wird aneinander vorbeigeredet, -gelebt und -geliebt. So viel Freude am Spiel überträgt sich freilich aufs Publikum, das am Ende der höchst erfreulichen Aufführung amüsiert applaudierte.

Stieftochter Sonja und ihre neue Mutter Jeléna versöhnen sich: Sonja Kreibich und Selina Ströbele. Bild: Bettina Frenzel

Margot Ganser-Skofic ist eine entzückende alte Kinderfrau Marina. Bild: Bettina Frenzel

„Er plagt sie, ich plag‘ mich selbst“, sagt Wanja an einer Stelle über die Ehe des Professors mit Jeléna – und dieser Satz kann hier für alle gelten. Dirk Warme verleiht der Rolle Profil, sein Onkel Wanja leidet weniger an Lethargie, als am Lebendig-sein-Müssen, leidet weniger daran, dass die Menschheit ihren Ist-Zustand nicht überstehen könnte, als daran, dass vielleicht doch … Und so ist er ein Querulant und Querdenker, der Zustände und Umstände seziert, ein Fleisch gewordener aufbrausender Überdruss. Selten zeigt ein Wanja so viel Temperament wie Warme.

Dieser exzellenten Interpretation steht die von Rainer Doppler als Ástrow in nichts nach. Er legt den Arzt, von dem stets gesagt wird, er wäre Tschechows Identifikationsfigur, als abgeklärten Philosophen an, der überm Menschsein resigniert hat. Ist Wanja der Zynismus, so ist Ástrow der Sarkasmus – und die Ironie an der Sache ist, dass sich beide in die Frau des Professors verlieben. Selina Ströbele stellt diese Jeléna als liebenswerte, aufrechte Person dar, die mit allen gut sein will, und die Aussöhnung mit ihrer Stieftochter Sonja, gespielt von Sonja Kreibich, sucht. Doch eskaliert die Situation vollkommen, als Wanja seine angebetete Jeléna und seinen Freund Ástrow in kompromittierender Pose entdeckt. Dass Sonja ihn liebt, nimmt der hoffnungslos überarbeitete und vom stumpfsinnigen Landleben verbitterte Arzt kaum wahr.

Arzt Ástrow macht bei Jeléna das Rennen, Onkel Wanja muss zuschauen: Selina Ströbele, Rainer Doppler und Dirk Warme. Bild: Bettina Frenzel

Den Professor, der von all dem gar nichts bemerkt, gestaltet Rainer Friedrichsen hart am Thomas-Bernhard’schen. Als solcher bringt er Unruhe ins Landleben, weil er der Verwandtschaft nicht länger beim Zeitvergeuden zusehen, sondern sein teures Stadtleben finanzieren will. Die Familie soll also aus ihrem Heim vertrieben, das Gut verkauft werden. Wie Friedrichsen vom gichtigen Greis zum eiskalten Kalkulator wird, ist großartig, auch, wie er die Lebenslust beschwört und doch Todessehnsucht mitschwingt.

Das fabelhaft agierende Ensemble komplettieren Susanne Altschul als Maria, als vom akademischen Glanz ihres Schwiegersohns geblendete Mutti, und RRemi Brandner als Schnorrer Teljégin. Entzückend ist Margot Ganser-Skofic als alte Kinderfrau Marina. Die große Mimin, die zum Glück wieder Theater spielt, hält zum Schluss, als jeder Lebenssinn und damit endgültig alles verloren scheint, den Schimmer der Hoffnung aufrecht. Gott ist gnädig, weiß die Amme. Zumindest wird er’s im Jenseits sein. Gegen irdischen Kummer hilft derweil ihr altbewährter Lindenblütentee.

www.theaterzumfuerchten.at

Wien, 19. 2. 2017

Festspiele Reichenau: Effi Briest

August 5, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie ein Fohlen, das gezähmt und gebrochen wird

Effi Briest mit Geert von Innstetten und Major Crampas: Alina Fritsch mit Michael Dangl und Sascha Oskar Weis Bild: Festspiele Reichenau, Carlos de Mello

Effi Briest mit Geert von Innstetten und Major Crampas: Alina Fritsch mit Michael Dangl und Sascha Oskar Weis
Bild: Festspiele Reichenau, Carlos de Mello

Im Auftrag der Festspiele Reichenau hat Nicolaus Hagg eine Bühnenfassung von Theodor Fontanes „Effi Briest“ erstellt. Das Ergebnis: Ein spannender, überzeugender Theaterabend, bei dem Regisseurin Regina Fritsch ihre Tochter Alina Fritsch als die liebenswerteste aller Ehebrecherinnen der Literaturgeschichte zu inszenieren weiß. Alles stimmt. Von der Musik Bernhard Moshammers bis zum einfach genialen Bühnenbild von Peter Loidolt.

„Effi Briest“ wurde von 1894 bis 1895 zunächst als Fortsetzungsroman in der Deutschen Rundschau abgedruckt. Beschrieben wird das Schicksal eines siebzehnjährigen Mädchens, das auf Zureden ihrer Mutter den mehr als doppelt so alten Baron von Innstetten heiratet. Dieser behandelt Effi nicht nur wie ein Kind, sondern vernachlässigt sie zugunsten seiner karrierefördernden Dienstreisen. Vereinsamt in dieser Ehe, geht Effi eine flüchtige Liebschaft mit einem Offizier ein. Als Innstetten Jahre später dessen Liebesbriefe entdeckt, ist er außerstande, Effi zu verzeihen. Zwanghaft einem überholten Ehrenkodex verhaftet, tötet er den verflossenen Liebhaber im Duell und lässt sich scheiden. Effi ist fortan gesellschaftlich geächtet und wird sogar von ihren Eltern verstoßen. Erst drei Jahre später sind diese bereit, die inzwischen todkranke Effi wieder aufzunehmen. Das Ende ist letal; Hagg gelingt es trotzdem aus dem schweren Stoff leichte Fäden zu ziehen. Nicht zuletzt durch die Hilfe des wunderbaren Martin Schwabs als Effis Vater, ein gutes, banges Herz von Beginn an, für den die Seele zwar kein weites Land (auch das wurde dieses Jahr in Reichenau gegeben), das Leben an sich aber ein zu weites Feld ist. So entzieht er sich der großen Frage, wie weit Eltern Schuld am Schicksal ihres Kindes tragen.

Regina Fritsch verwendet in ihrer Regie genau jene Dosis an Ironie, Überzeichnung und Sentiment, die die Geschichte braucht. Effi ist bei ihr kein „braves“, stilles Mädchen, sondern ein übermütiges Fohlen, das gezähmt und gebrochen wird. Eine Entwicklung, die Alina Fritsch glaubhaft rüberbringt. Regina Fritsch gibt ihre Mutter als Frau, die sich ihrer Pflichten bewusst ist. Kein Entrinnen nirgendwo. Der Mann, den sie für Effi auserkoren hat, hätte eigentlich einmal der ihre werden sollen … so weit, so Freud. Michael Dangl als Innstetten nimmt die Tochter-Trostpreis entgegen, erst steif, versteinert, wird er dann doch noch zu einem unbeholfenen Liebenden. Aber da ist es schon zu spät, da war schon Major von Crampas mit Effi im Heu. Sascha Oskar Weis ist ganz Mannsbild, ein Abenteurer mit Lust auf Lustbarkeiten. Kein Vergleich mit dieser Spaßbremse von Landrat. Der noch dazu ständig weg ist, Bismarck über Beischlaf stellt. Der pragmatische Pragmatisierte treibt Effi regelrecht in die Arme des ungestümen Uniformträgers.

Ebenso viel Sorgfalt wie auf die Ausgestaltung der Hauptrollen wenden Fritsch und Hagg für die Mitspieler auf. Rainer Friedrichsen ist ein gruseliger Kruse. Ein Hausdiener, der Effi mit Spukallerlei über die Nächte auf dem Dachboden erschreckt. Emese Fay spielt das sensible Kindermädchen Roswitha; Hans-Dieter Knebel den freundlichen, bald einzigen Freund, Apotheker Gieshübler. Hannes Gastinger als Dangls Vorgesetzter, der lebenskluge Ministerialrat Wüllersdorf, bittet Innstetten noch inständig von seinem Plan abzusehen. Stellt als einziger die Frage nach der Verjährung von Ehebruch. Umsonst. Innstetten verliert seine Ehre (denn nach dem Tod des Majors ist natürlich auch er gesellschaftlich geächtet) um der Ehre Willen.

Der Abend spinnt sich in eine fein gestaltete mysteriös-traumartige Atmosphäre ein. Wände verschieben sich, geben den Blick auf die Natur frei, oder schieben sich zum Gefängnis des eigenen Haushalts zusammen. Am Schluss noch einmal Effis Kinderlachen. Wie eine Erinnerung an die Unwiederbringliche. Reichenau at its best.

Wien, 11. 7. 2014

www.festspiele-reichenau.com

Festspiele Reichenau: „Madame Bovary“

August 6, 2013 in Bühne

Fadesse ist ein Verführer

Mme.Bovary, Rodolphe Boulanger (Stefanie Dvorak, Michael Dangl) Bild: Festspiele Reichenau, Carlos de Mello

Mme.Bovary, Rodolphe Boulanger (Stefanie Dvorak, Michael Dangl)
Bild: Festspiele Reichenau, Carlos de Mello

Es war eine kurze Zeitungsnotiz, die Gustave Flaubert 1851 zu seiner Jahrhundertliebessmonzette „Madame Bovary“ inspirierte: Selbstmord der Delphine Delamare im normannischen Dorf Ry wegen langweiler Ehe mit einem Landarzt, ergo Kaufrausch, ergo Schulden. Am Ende Gift. Der berühmte französische Autor nahm die Tragödie zum Vorbild für seinen Roman. Die Zensur beanstandete weiland „die laszivität einzelner Stellen und die unmoralische Tendenz des Romans“. Schön, da will man doch mehr wissen. Bei den Festspielen Reichenau kam nun eine neue Bühnenfassung von Nicolaus Hagg über die „Sitten der Provinz“ zur Uraufführung. Eine herrliche Fassung, die es schafft, Hysterie und Hinscheiden mit Humor zu verbinden. Und mehr: Hagg fördert die revolutionären Ideen des Buches in seinem Drama zu Tage. Eine beinah moderne Ernüchterung über Beziehungen, Bruch mit der römisch-katholischen Religion, Gott ist tot – das Materielle wird zum Götzen, gleichzeitig aber auch den Aufschwung der Naturwissenschaft, der Philosophie. Rousseau, Diderot, Voltaire …

Regisseur Michael Gampe hat das Stück perfekt besetzt. Bis in die kleinste Rolle. Er setzt auf ein nuanciertes, von feiner Hand geführtes Spiel. Peter Loidolt hat für den Neuen Spielraum wieder einmal ein Bühnenbild erdacht, dass die Zuschauer auf allen drei Seiten glücklich macht. Ein Häuschen, eine Gartenbank, ein Salonsofa – der Wechsel von Innen nach Außen funktioniert im Kopf. Musik: Kyrre Kvam. Im Mittelpunkt natürlich die Bovarys. Stefanie Dvorak ist eine wunderbare Emma Bovary. Überspannt, zerstreut, ein guter Mensch eigentlich, nur durch die Wunschbilder ihrer Liebeslektüre lebt sie an der Realität vorbei. Diese Frau ist  kein Vamp, keine Kanaille, sondern bloß voll Frustration und Sehnsucht. Viele Frauen ereilte im 19. Jahrhundert die Depression, weil sie aufgrund gesellschaftlicher Konventionen zum Dasein als schönes Standbild verdammt waren. Kein Wunder also, dass Emma dem routinierten Verführer Rodolphe verfällt und die Kontrolle (auch über die Finanzen) verliert. Michael Dangl gibt den sinistren Gutsherrn. Vom ersten Auftritt an arrogant, vor Selbstbewusstsein strotzend. Ein Ladykiller, ein eiskalter Schnösel mit brutaler Ader. Eine Rolle, die Dangl steht.

Wie anders André Pohl als Charles Bovary – wie könnte es sonst sein, symphatischer dargestellt, als von Flaubert beschrieben: Ein liebevoller Gatte, der sich die Schuld an Emmas Seelenqual zuschreibt, Arzt mit Leib und Seele, allerdings auch ein Pragmatiker, durch und durch Realist, Ennui sein ständiger Begleiter. Und – ein Muttersöhnchen, der sich nicht von Maman-Darstellerin Elisabeth Augustin lösen kann. Sein Gegner, ohne dass Charles es argwöhnt: Peter Matíc als Apotheker, als Quacksilber der Platzhirsch, skrupellos und großartig im ewigen Clinch mit seiner Ehefrau (Marianne Nentwich). Da fliegen Worte, scharf wie Skalpelle. Sehr gelungen auch Hans Dieter Knebel als Tuchhändler Lheureux, ein Schlitzohr, die zu Fleisch gewordene Schuldenfalle, und Günter Franzmeier als auf verlorenem Posten kämpfender Abbé Bournisien. Ein Sonderapplaus gilt Michael Pöllmann als stummem Krüppel Hippolyte.

Der Schluss vorgezeichnet einfach: „Die Verrückte“, die Sonderbare im ehrwürdigen Kreis der Dorfhonoratioren ging den ihr zustehenden Weg … und Reichenau hat einmal mehr gezeigt, was es kann: Theater auf höchstem Niveau zeigen.

www.festspiele-reichenau.com

Von Michaela Mottinger

Reichenau, 7. 7. 2013