Burgtheater: Zelt

April 29, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Grandiose Gruppengymnastik mit Campinggestänge

Sebastian Wendelin, Sabine Haupt, Hubert Wild, Michael Masula, Markus Meyer, Petra Morzé, Stefanie Dvorak, Simon Jensen, Ruth Brauer-Kvam, Marius Michael Huth, Naemi Latzer, Daniela Mühlbauer und Dorothee Hartinger. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

„Erst einmal nur rumspinnen“ wolle er, sagt Herbert Fritsch über seine jüngste Arbeit, der Regieschelm, der nicht dran glaubt, dass Theater auf einem Dramatikerpapier entstehen kann, sondern dies ausschließlich auf der Bühne tut. „Pures Theater“ nennt er‘s, wenn er wieder einmal seine Wunderkiste öffnet und den Spielort zum magischen Raum macht und seinen Schauspielern die Gelegenheit gibt, ihren Spieltrieb auf die Spitze zu treiben. Vierundzwanzig sind es diesmal in „Zelt“.

Fritschs finalem Kunststück am Burgtheater der abtretenden Direktorin Karin Bergmann, die sich auf ihrem Stammplatz, Reihe zehn fußfrei, so köstlich amüsierte, wie das ganze Premierenpublikum. „Zelt“ ist, nach Fritschs aufgekratzten Klassikerinszenierungen am Haus, da selbst entwickelt, noch eigentümlicher und exaltierter, ein perfekt choreografierter Nonsens, knallbunt, voll absurder Gags und komischer Akrobatik, in dem kein Wort gesprochen wird, weil, sagt Fritsch, der Sinn ohnedies im Klang läge. Stattdessen sind die Darsteller zur Gruppengymnastik mit Campingstangen angehalten, denn, wenn’s um irgendetwas geht, dann darum, ein Einpersonenkabäuschen aufzubauen. Mit Plane, Gestänge und Heringen, und die Darsteller machen daraus mit famoser Fantasie einen kollektiv-künstlerischen Prozess des erst Miss-, später Gelingens. Wieder scheitern, besser scheitern. Dass dieser Schaukampf mit der Tücke des Objekts unterhält, mag daran liegen, dass man ein Kind der großen Camping-Ära ist, der 1970er-Jahre. Als alles Richtung Freilufturlaub aufbrach, der erste Familienstreit vorprogrammiert, weil Vater das Vorzelt natürlich nicht in die dafür vorgesehene Schiene am Wohnwagen eingefädelt bekam.

Bevor die Plagerei losgeht, wird aber erst der Platz geschrubbt, der neongrün glänzende Boden vom neongrün gekleideten Putztrupp, der zum Wischbesen-Ballett einen Sound aus Gummihandschuh-Schnalzern und Kübelknall-Rhythmus kreiert. Fritsch-Intimus Hubert Wild intoniert kurz eine aufreibfetzige Arie, und während dazu Bilder von „Präsentiert den Besen!“ über die Schatten eines Reinigungsgeräte-Golgatha bis zum Protestmopp einer Demonstration geschaffen werden, stellt sich Hermann Scheidleder als eine Art staunender Chef heraus. Der zwar nicht recht zu wissen scheint, wie ihm geschieht, aber gleich einem Hohepriester den ersten Zeltaufbau zelebriert, aus dem dann das Ensemble krabbelt. Nun werkt ein jeder, wird sich in Heringen verheddert und mit aufgebauschten Planen gebalgt, ein jeder ein an seinem Trick gescheiterter Zauberlehrling, eingezwickte Finger inklusive, etwaige Schmerzäußerungen von der Musik übertönt.

Der Putztrupp lässt die Gummihandschuhe knallen: Selina Graf, Sabine Haupt, Sebastian Wendelin und Ensemble. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Kampf dem Gestänge: Stefanie Dvorak, Daniela Mühlbauer, Eva Maria Schindele, Michael Masula, Hermann Scheidleder und Sebastian Wendelin. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Auweh mit eingezwicktem Finger: Hubert Wild, Markus Meyer, Marius Michael Huth und Michael Masula. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Zeremonienmeister Hermann Scheidleder hat sein Einpersonenzelt als erster fertig. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Mitten durch den Saal macht sich nämlich eine skurrile Gestalt zur Bühne auf, Matthias Jakisic als Clown mit E-Geige, der die körperlichen Abläufe mit seinen Kompositionen koordiniert. Ob das Campingdasein sich als Synonym fürs Theaterleben lesen lässt, im Sinne von: aus Klein-Einzelnen wird ein Großes, bleibt im Fritsch‘schen Gedankenkosmos der freien Assoziation dem Betrachter überlassen. So auch die Frage ob der politischen Bedeutung eines Burkamoments oder, wenn die Zeltverpackungsbeutel wie Gasmasken über die Köpfe gestülpt werden. Man darf sich ausmalen, was man will und so gut man‘s kann, und apropos: Farben, Friedrich Rom versetzt Fritschs leeren Raum in einen fröhlich irisierenden Lichtrausch, rot wie Blut, blau wie der Himmel, frühlingsgrün. Die Kostüme von Bettina Helmi gleichen einer Trachtenkasperliade.

Die Damen in glitzernden Glockenrockdirndln mit Blumenmuster und Puffärmeln und blonden Gretelperücken, die Herren in einer Steirerlodensatire, unterm Janker kreischorange Hemden und grüne Krawatten, weiße Kniestrümpfe für Mann wie Frau ein Modemuss. Derart angetan erschaffen die Schauspieler eine Vielzahl komödiantischer Miniaturen, in denen es meist ums Begehren, Anbandeln, sich Verlieben geht, gelingt es diesen grandiosen Darstellern doch auch in der uniformen Masse absonderliche Typen zu gestalten. Bald wird’s zum Quiz, wen man unter der Maskerade erkennt, die Pirouetten drehende Petra Morzé, den ständig über seine Füße stolpernden, aber den Spagat meisternden Markus Meyer, Michael Masula, der sein Versagen am Gestänge grässlich weggrinst, die Beine hochschmeißende Ruth Brauer-Kvam, Marta Kizyma mit typischer Schnute und einem Augenrollen, den sich bis zum Schweißgebadet-Sein verausgabenden Sebastian Wendelin, Simon Jensen mit der Max-und-Moritz-Tolle, Stefanie Dvorak, Dorothee Hartinger, Sabine Haupt …

Akkordeon auf Teufel komm‘ raus: Markus Meyer, Petra Morzé, Peter Rahmani und Stefanie Dvorak. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Kaum ist die Zeltstadt fertig, legen die Zappelphilippas und Hampelmänner mit einem Lagerfeuerkonzert los. Die einen mit Gitarren, die anderen mit Akkordeons, eine furiose Kakophonie dieser mimischen Koalition, ein quietschend geschrammeltes Forte- fortissimo, der Veitstanz grotesker Volksdümmelei, mit Jakisic als satanischem Kapellmeister. Mitreißend verführerisch klingt das, dieser Irrsinn mit theatralem Seltenheitswert, und das Ensemble mit Spaß an der Freud‘ dabei.

Am Schluss zum Teufelsgeiger Scheidleder als Herrgott, der die Zelte als beleuchtete Lampions einer neuen Kušej’gen Zeit entgegenschweben lässt. Aber wie’s mit dem Übergang vom Hier zum Jetzt schon so ist, steht vor dem Anfang ein Ende, an dem die zwei Dutzend wie zerzauste Rübenköpfe aus dem Untergrund ragen, als seien sie in Dantes Purgatorio oder enthauptete Opfer einer nicht näher definierten Revolution. Das ist Überwältigungtheater, der Augenschmaus und Ohrensaus Beweis dafür, dass man kein Wort verstehen muss, um etwas auf sich wirken zu lassen. Zum tosenden Applaus der Fritsch-Fans fliegt er höchstpersönlich als Dirndl-Gretchen vom Schnürboden herab, die Träne im Knopfloch, weil’s für etliche im Ensemble tatsächlich die letzte Burg-Premiere gewesen sein wird.

www.burgtheater.at

  1. 4. 2019

Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein: Regisseur Rupert Henning über seine André-Heller-Verfilmung

Februar 18, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Werde nicht wie alle, die du nicht sein willst!“

Paul Silberstein, abenteuerhungriger Spross einer Wiener Zuckerbäckerdynastie, gestaltet sich eigene Wirklichkeiten: Valentin Hagg. Bild: © Dor Film

„Du bist ein seltsames Kind“, ist der Satz, den Paul Silberstein von den zu seiner Erziehung Berechtigten regelmäßig zu hören bekommt. Doch er, der sich selber den „funkelnden Hundling“ nennt, hat längst beschlossen, weder Familie noch den Internatspriestern zu folgen – im Sinne auch von: zu gehorchen. Eingesperrt ins strenge System einer Wiener Zuckerbäckerdynastie, macht sich deren abenteuerhungriger Spross auf, seine eigenen Wirklichkeiten zu entdecken.

Wozu ihm die Kraft der Fantasie und die Macht des Humors – und das von ihm festgeschriebene elfte Gebot „Du sollst dich selbst ehren“ verhelfen werden. Im Jahr 2008 erschien André Hellers entlang der persönlichen Biografie erdachte Erzählung „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“, die nun von Rupert Henning, der gemeinsam mit Uli Brée auch das Drehbuch verfasste, verfilmt wurde. Neben dem fabelhaften Filmdebütanten Valentin Hagg als Paul Silberstein spielen Karl Markovics, Sabine Timoteo, Udo Samel, Marianne Nentwich, Gerti Drassl, Marie-Christine Friedrich, Christoph F. Krutzler, Petra Morzé und Sigrid Hauser. Kinostart ist am 1. März. Rupert Henning im Gespräch:

MM: Sie haben sich sehr lange mit diesem Projekt befasst, beinahe zehn Jahre. Worin lag die nicht enden wollende Faszination in André Hellers Erzählung „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“?

Rupert Henning: Das Buch kam 2008 heraus und ich habe es bald danach gelesen. Aber für ein Filmprojekt braucht man immer einen langen Atem; so ein Film ist sozusagen ein nur langsam zu manövrierender Hochseetanker – noch dazu, wenn das Projekt für österreichische Verhältnisse ein so großes ist. Was heißt: Wir haben es majoritär österreichisch finanziert. Der Text von André Heller hat zwar einen klaren regionalen Bezug, ist aber gleichzeitig universell verständlich – und extrem ungewöhnlich. Ein Stoff, wie ich finde, der von der Machart her nicht alltäglich ist. Man findet im Rückblick auf die vergangenen dreißig Jahre österreichischer Literaturgeschichte nicht viele Bücher wie dieses. Daher hoffe und glaube ich auch, dass es nicht viele Filme wie den unseren gibt.

 MM: Machart bedeutet, dass das Buch gut zu verfilmen ist?

Henning: Ja, den Eindruck hatte ich sofort. Es hat einen klaren erzählerischen Kern – und mit dem Protagonisten Paul Silberstein eine Hauptfigur, die man sich merkt. Eine Figur, die auch unabhängig von André Heller funktioniert. Wenn man dessen Lebensgeschichte kennt, findet man natürlich Parallelen. Er selber schreibt ja in der Präambel, manche der geschilderten Begebenheiten hielt seine Kindheit für ihn bereit, aber die Oberhand beim Schreiben hatte die Fantasie. Darüber hinaus ist das Ganze überaus unterhaltsam, es ist wie etwa Torbergs „Tante Jolesch“ sehr kulinarisch. Aber wie Torberg schrieb, es ist ein Buch der Wehmut – und Wehmut kann lächeln, Trauer kann das nicht. Ebenso sehe ich das Heller-Buch.

 MM: Sie haben mit André Heller schon zwei Projekte gemacht. Wie hat er auf das Filmprojekt reagiert?

Henning: Positiv. Er hat gesagt: „Macht‘s!“ Außerdem hat er Uli Brée und mir beim Schreiben des Drehbuchs völlig freie Hand gelassen. Es gab von ihm zuvor auch schon ein Naheverhältnis zu den Produzenten Danny Krausz und Kurt Stocker, mit denen er selber Filme realisiert hat.

MM: Ihr Film hat etwas Kammerspielartiges. Würden Sie mir in dieser Beurteilung folgen?

Henning: Ja. Jedenfalls in gewisser Hinsicht. Der Film erzählt unter anderem von Enge – und Kammern sind nun einmal eng. Die Geschichte von Paul ist zunächst eine Geschichte der Einengung. Ein Bub, der witzig und fantasiebegabt und weltoffen ist, lebt in einer Familie, die das absolut nicht teilt, sondern ihm ständig sagt, was er nicht tun soll. Das klingt nach schwerem Drama, nach „Zögling Törleß“; meinem Co-Drehbuchautor Uli Brée und mir ging es aber vorrangig nicht darum, die Studie eines Knaben zu zeigen, der sich mit den Dämonen der eigenen Familie herumschlagen muss, sondern darum, eine Geschichte zu erzählen, die einen fesselt und packt und unterhält. Die hochemotionale und humorvolle Geschichte einer Befreiung.

MM: Der Film hat auch optisch eine ganz klare Dramaturgie …

Henning: … und zwar in der Art, wie die Farben erzählt werden. Bis zum Tod des Vaters ist alles ein wenig grau und duster – und dann geht halt die Sonne auf, wenn der Vater stirbt. Das klingt absurd, wenn man es so sagt, aber erst, als der dominante, sich selbst und die ganze Welt verachtende Patriarch nicht mehr ist, gehen plötzlich die Fenster auf und das Licht kann herein. „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“ ist ein Ermutigungsfilm, ein Befreiungsfilm.

Der tyrannische Vater Roman Silberstein leidet an seinem Zweiter-Weltkriegs-Trauma: Karl Markovics. Bild: © Dor Film

Skurrile Szene: „Nonne“ Gerti Drassl glaubt, der Papierflieger-Liebesbrief sei an sie abgeschickt worden. Bild: © Dor Film

MM: Wofür Sie den perfekten Hauptdarsteller gefunden haben. Welch ein Glück, Valentin Hagg gehabt zu haben!

Henning: Absolut. Wir haben uns hunderte Buben angeschaut, und Valentin stand am Ende als Wunschbesetzung fest, weil er so speziell ist, an dieser Schwelle vom Kind zum Jugendlichen. Er hat nie zuvor in einem Film mitgespielt, und er ist dennoch einer der besten Schauspieler, mit denen ich je zu tun hatte.

MM: Er spielt entfesselt. An die Sprache, daran, dass ein Kind sich so elaboriert ausdrückt, muss man sich allerdings gewöhnen.

Henning: Klar, alles an dieser Familie ist zunächst einmal eher ungewöhnlich, ist eine Maske – oder vielmehr eine Rüstung, eine Festung. Die Mutter stets perfekt, wie aus einem edlen Modekatalog, Bruder und Vater immer in maßgeschneiderten Anzügen, die Familienvilla wie ein Museum. Deshalb haben wir in der Hermesvilla gedreht, damit alles wie eine Inszenierung und unwirklich wirkt, solange Paul sich nicht befreien kann. Und so ist zunächst auch die Sprache – künstlich und unecht. Aber Paul findet am Ende seinen eigenen Ton, seine eigene Ausdrucksweise.

MM: Diese Festung schießen Uli Brée und Sie mit Szenen skurrilen Humors ein. Etwa, wenn Gerti Drassl als Nonne einen Papierflieger fängt, der ein Liebesbrief ist, den sie auf sich bezieht. Oder wenn Dominik Warta als Polizist seine Furcht erst verliert, als er erfährt, dass es den dämonischen alten Patriarchen nicht mehr gibt.

Henning: Solche Auflockerungen sind von André Heller schon so angelegt. Manche Szenen sind wie ein Mini-Horváth. Ödön von Horváth, Joseph Roth oder Helmut Qualtinger, mit dem er ja auch gearbeitet hat, sind, wie ich glaube, Leuchttürme, an denen Heller sich unter anderem orientiert. Er sagt über sich selbst, er ist in Wahrheit kein Mensch, sondern ein Wesen, das menschliche Erfahrungen macht und auf dem Planeten Erde ein Gastspiel in der Rolle André Heller gibt. Ich finde, er ist gewissermaßen eine multiple Persönlichkeit. Er spaltet sich in verschiedene Stellvertreter auf, die allesamt André Heller heißen und die er losschickt, damit sie für ihn in der Welt Eindrücke sammeln. In „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“ gibt er einen sehr tiefen Einblick in die Seele eines Kindes, das wie ein Schwamm Erlebnisse aufsaugt. Und zwar nicht nur das reine Quellwasser, sondern halt auch das Drecksgschloder, das aus der eigenen Familiengeschichte rinnt. Heller entwirft das elfte Gebot, das da lautet: „Du sollst dich selbst ehren.“ Und das Motto seines Helden heißt: „Werde nicht wie alle, die du nicht sein willst!“

MM: Eine starke Figur ist nicht nur Paul, sondern auch sein Vater Roman Silberstein, der sich mit einer unglaublichen Szene einführt. Karl Markovics spielt ihn zwischen tragischem Helden und Psychopathen.

Henning: Ich wollte schon sehr lange mit Karl Markovics arbeiten – und bei diesem Projekt war mir sofort klar, er gehört dazu. Karl hat zunächst gezögert – nicht, weil ihm die Rolle nicht interessant schien, sondern weil er erst einmal nicht auf den Gedanken gekommen ist, sie zu verkörpern. Es ist nun eine sehr eigenwillige Interpretation der Figur geworden; eine böse Figur, aber eben auch eine tragikomische – insofern, als dass Karl immer erspüren lässt, wie das Leben dieses Menschen auch hätte sein können. Roman Silberstein ist durch ihn nicht nur ein pathologischer Irrer, sondern er hat auch immer wieder Momente des Innehaltens. In der ersten Szene gleich, wenn er als Erklärung für die eigene Grausamkeit sagt: „Die Kriege machen das. Wenn du in ihnen bist, sind sie bald auch in dir. Und wenn sie außen endlich erlöschen, brennen’s in dir weiter.“ Karl zeigt, wie geistreich, wie schillernd diese Person hätte sein können, hätte ihr nicht der Zweite Weltkrieg und sein Schicksal als Flüchtling allen Glanz geraubt.

MM: Prägnant drückt das seine Verwandte Silbersteins aus, wenn sie sagt, er hätte es nicht geschafft, mit sich befreundet zu sein.

Henning: Das fällt ja auch vielen schwer – vor allem, wenn sie Traumatisches erlebt haben. Dazu eine Geschichte, an die ich oft denken muss: Ich habe einmal zwei Brüder kennengelernt, die beide in Auschwitz gewesen waren. Aus dem Älteren wurde nach der Befreiung 1945 ein lebensfroher, humorvoller, wenn auch nichts verdrängender Mensch. Der Jüngere blieb für den Rest seines Lebens ein schwarzes Loch der Traurigkeit. Ihre Erfahrungen waren nahezu identisch, aber als Menschen waren sie grundverschieden. Der ältere Bruder sagte mir irgendwann: „Ich kann es nicht erklären. Wir waren beide in Auschwitz. Aber in Wahrheit habe ich Auschwitz nie betreten. Und mein Bruder hat es nie verlassen.“ Menschen gehen unterschiedlich mit dem um, was man gemeinhin „Schicksal“ nennt. Umso wichtiger – und das erzählt der Film auch – ist es, dass jeder versucht, rauszufinden, was seine Wünsche sind, seine Bedürfnisse, seine Freiheiten. Der Film regt hoffentlich zu einem Selbstbewusstsein an, das kein polternder Ego-Trip ist, sondern eine Bewusstmachung der Dinge, die einen ausmachen.

MM: Heißt also, nicht wie Mutter Silberstein zu sein, die sagt, sie hätte alle Möglichkeiten, aber keinen einzigen Wunsch.

Henning: Genau. Für mich war es sehr beglückend, Elisabeth Heller persönlich kennenzulernen. Ich hatte eine wunderbare Begegnung mit ihr in Hellers Garten in Gardone. Im Vergleich zur Figur im Film war sie viele Schritte im Leben weitergekommen; sie war wirklich, wie André Heller sagt, ein Jahrhundertmensch. Was hat dieses Leben nicht alles umspannt! Elisabeth Heller hat alles erlebt – vom goldenen Käfig, über den Bankrott und die darauffolgende Selbstrettung bis hin zu einer vielleicht daraus resultierenden gewissen Milde und Abgeklärtheit im Alter.

MM: Was haben Sie durch solche Begegnungen gelernt?

Henning: Es geht uns so gut wie nie zuvor. Das ist der Grund, warum Entwicklungen durch Menschen wie Trump und Orbán so erschreckend sind. Demokratie ist nichts Selbstverständliches, man muss täglich darum ringen. Ich glaube nicht, dass morgen wieder braune Horden durch die Straßen ziehen, aber dass Freiheiten eingeschränkt werden, dass eine neue Angst die Leute leitet, das ist sehr wohl eine Tatsache. Und auch das behandelt dieser Film, weil er eigentlich sagt: „Lass dich nicht von falschen Sicherheiten kaufen!“ Das Denken, demzufolge man, solange man nichts macht, auch nichts falsch machen kann, ist verheerend. Der Paul Silberstein in uns sagt: „Sei nicht untätig! Überprüfe deine Träume!“ Der Heller würde das jetzt vermutlich so formulieren: „Überprüfe deine Träume in der Wirklichkeit auf ihre Statik – auch auf die Gefahr hin, dass ein paar von deinen Traumkartenhäusern in sich zusammenbrechen und du scheiterst. Aber wir lernen aus unserem Scheitern!

Als wär‘ es schon Flic Flac: Valentin Hagg veranstaltet als Paul Silberstein für sein geliebtes Mädchen ein Kopf-Varieté. Bild: © Dor Film

MM: Apropos, Traum: Die Schlusssequenz des Films ist einer, eine Flic-Flac-artige Szene, ein Zirkus. Warum?

Henning: Ganz einfach: Paul Silberstein verehrt ein Mädchen, das schwer krank ist. Er fragt sich: „Was ist zu tun?“ Und dann entscheidet er sich, dass er ihr Anwesenheit und Zeit schenken kann. Und seine Fantasie. Und so brennt er ein Feuerwerk aus fellini-esken Attraktionen ab. Ob sie’s gesehen hat oder nicht – man weiß es nicht.

Es ist ein Don-Quijote-Moment, dessen Entschlüsselung beim Publikum liegt. Noch eine Geschichte: Als mein Bruder klein war – er vielleicht vier, ich vierzehn Jahre alt – saßen wir oft zusammen in meinem Zimmer. Es war Herbst, tagelang herrschte dieser typische Klagenfurter Nebel, der einem bis in die Seele suppt. Es war ein trüber Tag und mein kleiner Bruder merkte wohl, dass ich nicht gut drauf bin. Da hat er mit einer Schere aus einem gelben Blatt Buntpapier eine kleine runde Scheibe ausgeschnitten. Eine Sonne. Die hat er dann an mein Fenster geklebt. Für mich ist das genau das, was Menschen mitunter können: Eine Buntpapiersonne aufkleben, wenn der Nebel ins Gehirn suppt. Man kann das eskapistisch nennen. Was André Heller schon sein Leben lang macht, ist vielen möglicherweise zu schwül, zu eklektizistisch, zu … was auch immer. Ich glaube an die Wirkung solcher Buntpapiersonnen. Manchmal helfen sie, manchmal nicht. Heller ist neben einer polarisierenden, vielschichtigen Figur auch ein fortwährendes öffentliches Scheitern, aber oft auch ein Gelingen – und von solchen Figuren gibt’s nicht viele. Schon allein deshalb finde ich ihn toll.

 MM: Man darf die Realität nicht ausblenden, man muss aber auch die Fantasie leben?

Henning: Das ist das, was dieser Film unter anderem erzählen soll. Aber nicht als verzopfter Fantasie-Poesie-Quatsch, sondern in einer klaren, identifizierbaren Form.

 MM: Sie haben im Sommer mit der Produzentin Isabelle Welter die WHee-Film gegründet. Was erwartet uns da? Werden Sie dort Ihr nächstes Projekt realisieren?

Henning: Nächste Projekte, wie ich hoffe. Ich finde den Plural in dem Zusammenhang schöner. Die WHee-Film ist entstanden, weil Isabelle und ich befunden haben, dass wir allmählich erwachsen genug sind, um selbst Verantwortung zu übernehmen – auch in produzentischer Hinsicht. Und weil wir sehr viele Projekte im Kopf haben, die wir gerne entwickeln würden. Zusammen mit verschiedenen Partnerinnen und Partnern – Hand in Hand sozusagen. Es gibt mehrere Ideen, Stoffe, die noch in der Entwicklung beziehungsweise in der Finanzierungsphase sind. Ein ganz konkretes Projekt, das wir gemeinsam mit der „Metafilm“ und mit „Gebhardt Productions“ machen wollen, ist „Mein Ungeheuer“ von Felix Mitterer. Das begleitet mich schon sehr lange. 2005 habe ich Felix in Irland besucht und er hat uns die Rechte gegeben. Es ist ein famoser, sehr packender, fast schon archaischer Stoff über die Ungeheuer in uns selbst, über Gut und Böse und über die Kraft der Liebe, die vielleicht die einzige Brücke über die Abgründe ist, die sich manchmal zwischen uns Menschen auftun.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=D5BU4pqjf-E          wieichlernte.at          www.wheefilm.com

18. 2. 2019

Volkstheater: Don Karlos

November 18, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Günter Franzmeier funkelt wie ein Solitär

Einstürzende Altbauten: Steffi Krautz, Lukas Watzl, Günter Franzmeier und Evi Kehrstephan. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Es stand hier schon einmal anlässlich einer „Antigone“-Aufführung am Haus, das Sophokles-Stück müsse so gespielt eigentlich „Kreon“ heißen. Nun hat es Günter Franzmeier wieder getan. Als Spaniens König Philipp II. dominiert er mit seiner brillanten Performance die „Don Karlos“-Inszenierung von Barbara Wysocka am Volkstheater. Franzmeier funkelt wie ein Solitär, er macht aus dem Souverän einen modernen Chef im perfekt sitzenden grauen Anzug. Der reichste und mächtigste Mann seiner Welt gäbe sich gern gönnerhaft jovial, doch ist das eine bemühte Maskerade, frisst am absolutistischen Herrscher doch das Misstrauen gegen den Hof.

Fantastisch, wie Franzmeier seine Figur entwickelt. Vom ersten Auftritt in Aranjuez, wo er schneidend kalt seine Frau vor deren Entourage bloßstellt, über das Bild eines Einsamen, der sich, auf sich selbst zurückgeworfen, als Sklave seiner Staatsverpflichtungen zeigt, zum seelisch zerrissenen Vater, der der Inquisition seinen Sohn opfern wird. In einer von vielen vorzüglichen Szenen befragt Philipp sein Adressbuch nach einem spionagetauglichen Vertrauten. Blatt für Blatt reißt er aus der Ringmappe: „Tot! Besser tot! Was will der hier? Ich werfe ihn zu den Toten!“, bis er auf die Personalakte Posa stößt.

Wysocka, bereits weit über Polen hinaus als widerständige Regisseurin bekannt, hat bei ihrem Wien-Debüt reichlich richtig gemacht. Ihre auf die Schauspieler konzentrierte Arbeit lässt Schillers kompliziertes Intrigenspiel mit einer Intensität ablaufen, dass man gar nicht anders kann, als wie gebannt das Bühnengeschehen zu verfolgen. In erster Linie die Männerfiguren sind ihr gutfundiert und vielschichtig geraten, als Bühnenbild bietet Barbara Hanicka dazu martialische Architektur, einen zerfallenden Regierungsbunker an, auf den wichtige Textzitate projiziert werden, dessen Rückseite ihn allerdings als bloße Theaterkulisse enttarnt – die Macht nicht mehr als eine billige Bretterwand, die Masse wird später – „Ganz Madrid in Waffen!“ – in Form von Arbeitergesichtern darüber hinwegziehen.

Konfrontation in Höchstform: Sebastian Klein und Günter Franzmeier. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Als Don Karlos ein fiebriger Fürstensohn: Lukas Watzl. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Im Interview sagte Wysocka, sie wolle mit „Don Karlos“ auf den aktuellen Demokratie-Abbau in Europa reagieren, und irgendwie muss man beim Betrachten der ernsten Schwarzweiß-Antlitze an die Solidarność denken, und was seither an Bürgerrechten erneut veruntreut wurde. Dass Hanicka als Versatzstücke Schreibmaschine, Drehscheibentelefon und Plattenspieler verwendet, wirft einen umso mehr zu deren Anfängen zu Beginn der 1980er-Jahre zurück. In diesem Setting spielt Lukas Watzl überzeugend den Don Karlos, weniger als jenen „schwachen Knaben“, den der König „mehr als das vereinigte Europa fürchtet“, denn als fiebrigen Fürstensohn.

Der Infant ist ein ungestüm und unglücklich Liebender, und Watzl zeigt ihn von Hormonen wie vom Vaterhass geschüttelt. Ausgestattet mit einer gehörigen Portion Borderline rennt er im Wortsinn beständig im Kreis und sich dabei doch nur den Hitzkopf an. Er ist aus Verzweiflung untätig, zwar kein Elegiebürscherl, sondern ein Energiebündel, nur kann er eben diese nicht bündeln, kann seine Emotionen nicht in den Griff kriegen, um Posas politisches Programm als neuer erster Mann im Staat umzusetzen.

Wie Watzl beeindruckt auch Sebastian Klein als Marquis von Posa, in seiner Darstellung ein kühler, kluger, auch manipulativer Realpolitiker, kein Aufklärer bis zur Selbstaufgabe, kein Sympath, sondern als Stratege ein ebenfalls sehr zeitgemäßer Charakter, an dessen Schachzügen bis zuletzt undurchschaubar bleibt, ob sie auf die helle oder dunkle Seite der Macht führen werden. Dass dieser Posa immer eine braune Reisetasche mit sich trägt, deren Inhalt er nie preisgibt, was Philipp zu der Frage „Was ist denn mit dieser Tasche?“ führt, schafft eine der humorvollen Stellen des Abends. In der Konfrontation mit Franzmeier läuft Klein, mit dem pathosfrei gesprochenen Satz von der Gedankenfreiheit ein Forensiker von Philipps abgetaner Staatsform, zur Höchstform auf.

Steffi Krautz gestaltet den Herzog von Alba als süffisanten, eiskalt kalkulierenden Ränkeschmied, der Don Karlos statt eines Schwertkampfs einen Kuss aufnötigt, ihrer Leistung steht Stefan Suske als verlogen schmeichlerischer Beichtvater Domingo, der hinter dem Rücken des Königs Gift und Galle spuckt, in nichts nach. Jan Thümer riskiert als Graf von Lerma von deren Niedertracht aufgerieben zu werden, vielleicht der Grund, warum man ihn auch als Opfer eines Autodafés erlebt. Ein brennend starkes Bild.

Läuft! Lukas Watzl und Sebastian Klein bringen Bewegung ins Spiel. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Stefan Suske, Evi Kehrstephan und Steffi Krautz. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Frauen neben Krautz haben unter der Führung von Wysocka keine Fortune. Sie setzen auf falsche Töne, Evi Kehrstephan als wie ein Waschweib keifende Elisabeth, Isabella Knöll als hysterisches Schulmädchen Eboli, der man nie und nimmer die elegant-heimtückische Quertreiberin abnimmt, und warum Claudia Sabitzer, als Oberhofmeisterin Olivarez eine Art Securityfrau, in Schreikrämpfe ausbrechen muss, versteht man sowieso nicht.

Erst Florentin Groll bringt als Großinquisitor wieder jene Qualität ins mitunter arg aufgeregte Spiel zurück, mit der Franzmeier die Aufführung begonnen hat. Mit leidenschaftsloser Brutalität fordert er von seinem „Schüler“ Philipp die Herausgabe Don Karlos‘, und der König ergibt sich nach kurzem Scheingefecht der katholischen Autorität.

Barbara Wysocka ist mit ihrer Inszenierung ein bemerkenswertes Statement zur politischen Gegenwart gelungen, und wiewohl ihr in der Überhitzung einiger Augenblicke die Gefährlichkeit dieses Ständig-nach-dem-Leben-Trachten im Stück immer wieder aus den Händen gleitet, entwirft sie mit ihrem finster-grauen ein zutiefst beunruhigendes Bild über die Mittel und Wege eines totalitären Regimes. Dafür gab es zur Premiere verdient langen Applaus.

www.volkstheater.at

  1. 11. 2018

Theater in der Josefstadt: Der Besuch der alten Dame

Oktober 20, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Alle Kameras sind auf Güllen gerichtet

Das Fernsehen filmt Claire Zachanassians Ankunft in Güllen: André Pohl, Siegfried Walther, Arwen Hollweg, Andrea Jonasson, Alexandra Krismer und Lukas Spisser. Bild: Herwig Prammer

Breaking News, Live-Schaltungen, Society-Berichterstattung. Ein Imagefilm des Zachanassian-Konzerns und Kinderfotos von dessen Inhaberin. Medienhype wird Medienhatz wird Medienschelte. So will es Regisseur Stephan Müller, der mit seiner Interpretation des Dürrenmatt-Klassikers „Der Besuch der alten Dame“ am Theater in der Josefstadt sein Debüt am Haus gibt. Nur wenige Monate nach der so zeit- wie ereignislosen Inszenierung der Tragiposse am Burgtheater versucht es Müller mit einem Deutlichmachen des Zeitungeists – und reüssiert damit. Lehrt er doch dem bis zum Gehtnichtmehr gesehenen Stück tatsächlich ein paar neue Tricks.

Dabei tut er der heimtückisch lehrreichen Hochkonjunktur-Komödie niemals unrecht, die offenbare Ewiggültigkeit dieser grotesk-bösen Parabel auf die korrumpierende Wirkung von – prognostiziertem -Wohlstand und die darob Krisenanfälligkeit von Rechtsprozessen bleibt unangetastet. Müller dreht die Dürrenmatt’sche Schraube sogar noch fester, bei ihm hat sich der Kapitalismus, dies sehr frei nach Peter Rüedi, demokratisiert, gleichzeitig die Gesellschaft entsolidarisiert. Und zwar ohne viel Steigerungsform, sondern von Anfang an.

Jeder geifert nach seinem Stück vom Kuchen, die Geldgier regiert Güllen – und ergo wird die wichtigste Vertreterin des Systems mit allen Ehren empfangen. Und dank ihres Auftritts sind nun alle Kameras auf Güllen gerichtet. Die meineidigen Kastraten und allerlei anders Surreales hat Müller gestrichen, dafür in seiner Turbo-Bearbeitung die Rolle der „Lästigen“ groß gemacht: Martina Stilp und Alexandra Krismer kommentieren, analysieren, diskutieren als krawallige Fernsehleute mit gekonnter Privatsender-Schnappatmung die Situationen, in die sich die kleingeistigen Kleinstädter mit ihren Machenschaften manövrieren. Auf fünf Monitore wird das übertragen (Bühnenbild und Video: Sophie Lux, sie lässt auf transparenten Screenfronten auch Wald, Scheune und einen Flugzeugstart entstehen), und doch bleibt diese von sensationsgeil zu skandallüstern sich auswachsende Journaille immer irgendwie außen vor, wird mit blödsinnig-banalen Informationsfetzelchen genarrt und vorgeführt und durchschaut nichts. Bis sie am Ende sogar fröhlich das Herzversagen aus Freude frisst.

Spielmacherin in dieser „Schulden, Schuld & Sühne“-Satire ist selbstverständlich Milliardärin Claire Zachanassian, und Grande Dame Andrea Jonasson für die Figur, deren Darstellung sie davor drei Mal ablehnte, eine Idealbesetzung. Die Jonasson changiert wie das ihr von Birgit Hutter angepasste schwarze Designerkleid, zwischen mephistophelisch, mondän, monströs. Sie ist ganz gelassen, stoisch und seelenruhig abwartend und süffisant, die Stimme moduliert sie von gefährlich schmeichlerisch zu scharfzüngig bedrohlich. Dieses ehemalige „Wildkätzchen“ Ills ist ein geschmeidig auf seine Beute lauerndes, gleichzeitig seine Wunde leckendes, denn wie alle Diven hat es eine, Raubtier. Gleich dem Panther, der der Zachanassian noch entlaufen wird.

Wie ein Panther belauert Claire die Bürger: Andrea Jonasson, Oliver Huether, Elfriede Schüsseleder, Alexander Strobele, Michael König, Siegfried Walther und André Pohl. Bild: Herwig Prammer

Aus gefährlich schmeichlerisch wird schnell scharfzüngig bedrohlich: Andrea Jonasson und Michael König. Bild: Herwig Prammer

Sogar ein Volksschulfoto von „Kläri“ und Alfred wird den Journalisten gezeigt: Siegfried Walther, Michael König, Martina Stilp und Michael Würmer. Bild: Herwig Prammer

Den Alfred Ill gibt Michael König zunächst mit dem Image eines gealterten Don Juan, bis seine Verve in wütende Verzweiflung, schließlich in Weltmüdigkeit umschlägt. Sehr schön ist zu sehen, wie diesem einstigen Schwerenöter die Selbstgefälligkeit aus dem Gesicht fällt, filigran, fast jedermännisch gestaltet König dessen Verwandlung vom eitlen Protz zum Leidensmann, ein einstiger Täter, der Opfer wird. Die Güllener Honoratioren, die opportunistischen Speichellecker, die scheinheiligen Moralapostel und Spekulanten mit, schließlich willige Vollstrecker von Ills Tod, verkörpern:

Siegfried Walther als unverschämt manipulativer Bürgermeister, André Pohl, der als Lehrer larmoyant vorgibt, den Humanismus hoch zu halten, von beiden eine Glanzleistung, Johannes Seilern als bigotter Pfarrer, Alexander Strobele als schleimiger Mitläufer-Arzt und Oliver Huether als auf Streit gebürsteter Polizist. Bravourös wird hier vorgeführt, wie schnell Worte Werte ummünzen können.

Witzig auch, wie sich das Ensemble je nach dargestelltem Charakter ein für ihn typisches Verhalten vor der Kamera ausgedacht hat, von augenaufreißend eingeschüchtert – der Lehrer, der Arzt – bis zum belehrend dozierenden Bürgermeister, der es auch nicht verabsäumt, „die Bürger an den Bildschirmen“ zu begrüßen. Lukas Spisser macht aus dem Gatten VII bis IX kleine Kabinettstücke, Markus Kofler ist als Butler ein sinistrer Handlanger seiner Herrin.

Elfriede Schüsseleders Frau Ill ist unterkühlt und verhärmt, dabei unter dieser Oberfläche brodelnd, bis auch sie – samt ihren in der Elternliebe elastischen Kindern: Gioia Osthoff und Tobias Reinthaller – vom Aufschwung etwas mitkriegt. In ihrem Fall ein neues rotes Kleid, während die Konsum-„Gleichschaltung“ allgemein über die berühmten schandfarbig-gelben Schuhe funktioniert.

Auch sprachlich hat Regisseur Müller die Aufführung ins schlagzeilen- und parolengebeutelte Heute geholt, von der dringend notwendigen Aufwertung des Wirtschaftsstandorts Güllen ist die Rede, aus dem Zachanassian-Geld soll in der Vorstellung mancher ein bedingungsloses Grundeinkommen werden, der Lehrer referiert über „abendländische Prinzipien“. Die Lacher hat diesbezüglich Andrea Jonasson auf ihrer Seite, einmal, als sie den Butler anweist, Tesla-Aktion zu kaufen – Zuruf aus dem Publikum: „Jetzt geht sie pleite!“ -, einmal, als sie Claire bei deren x-ter Hochzeit, Ölbarone und Oligarchen als Gäste, verkünden lässt: „Putin kommt nicht.“ Zum Schluss lässt Müller die Ermordung Ills hinterwandfüllend via Video vorführen. Keine Ahnung, warum es ihm wichtig war, die Gewalttat in dieser Drastik vorzuführen. Gebraucht hätte man’s nicht. Man weiß auch so, dass dies eine Welt ist, in der tagtäglich Unbequeme für politische und Industrie-Interessen aus dem Weg geräumt werden.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=gDoFpKBCkWQ

www.josefstadt.org

  1. 10. 2018

Sommerspiele Perchtoldsdorf: Ernst ist das Leben

Juni 28, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Dandys sind diesmal herr-liche Damen

Die Damenriege übt sich in Theatralik: Maresi Riegner, Elzemarieke de Vos, Karola Niederhuber, Maria Hofstätter, Marie-Christine Friedrich, Raphaela Möst, Miriam Fussenegger und Michou Friesz. Bild: Lalo Jodlbauer

So weiß wie die Bühne ist hier niemandes Weste, weshalb in Kostümen, die so schrill sind wie die Stimmung, ordentlich Komödienvollgas gegeben wird. Bei den Sommerspielen Perchtoldsdorf inszenierte Intendant Michael Sturminger Oscar Wildes „Ernst ist das Leben / Bunbury“ und setzte dabei weniger auf Subtilität und britisches Understatement, denn auf Tempo, Timing und Tohuwabohu. Ein Spaß, der vor allem nach der Pause voll aufgeht.

Sturminger spielt, gekonnt auch in Orientierung auf das Privatleben des berühmtesten Dandys der Welt, der vier Tage nach der Bunbury-Uraufführung seinen unglückseligen Prozess begann, mit den Geschlechterrollen. Sein Ensemble besteht ausschließlich aus Frauen, und da gibt es in der deutschsprachigen Fassung von Elfriede Jelinek nicht nur sprachliche, sondern auch sexuelle Zweideutigkeiten, wenn eine Frau, die einen Mann spielt, dessen bestem Freund Avancen macht, den ebenfalls eine Frau darstellt. Und so ist es ein Küssen und Knutschen zwischen Jack Worthing und Algernon Moncrieff, in deren Rollen Raphaela Möst und Elzemarieke de Vos schlüpfen, um zu zeigen, wie man Ennui in Exaltiertheit verwandelt.

So turnt die Truppe durch Irrungen und Wirrungen, Wortspiele und Intrigen. Mit der Jelinek’schen Feder werden Versprechen rasch zu Versprechern, Sturminger bespielt die Frivolität dieser Vorlage gekonnt, so entsteht eine spritzige, quirlige, überdrehte Aufführung, die die Exzellenz der Dekadenz feiert. Und schließlich in der unvermeidlichen Kuchenschlacht endet. Möst und de Vos erlauben sich den Scherz ihre Figuren bisexuell anzulegen – das Treiben der Geschlechter ist bei Sturminger generell ein doppeltes Spiel -, die beiden bleiben süffisant, auch wenn Algie sich und Jack zunehmend in Schwulitäten bringt. De Vos ist, man braucht es nicht zu erwähnen, die geborene Komödiantin. Eine Poserin in bester Wilde’scher Manier, eine Zynikerin und – der personifizierte Un-Ernst. Wie sie lasziv durch die Szene schlakst, der Welt ebenso zugetan, wie von ihr angewidert. Nichtstun ist ihr die allerschwierigste Beschäftigung und zugleich diejenige, die am meisten Geist erfordert.

Spiel mit den Geschlechtern: Elzemarieke de Vos und Raphaela Möst. Bild: Lalo Jodlbauer

Komödienvollgas bei der Kuchenschlacht: Maresi Riegner, Karola Niederhuber und Miriam Fussenegger. Bild: Lalo Jodlbauer

De Vos hat Perchtoldsdorf  bunburysiert. Wie alle anderen Abbilder der dortigen Upperclass, und davon finden sich im Publikum nicht wenige, ist sie Besitz ergreifend und setzt zu diesem Zwecke auch aufs Lügen. Möst ist ihr eine ebenbürtige Partnerin, ihre verschwitzte Verlegenheit weist eine aus, die wohl weiß, was richtig wäre, aber wohlweislich das Falsche tut. Versuchungen muss man eben nachgeben, keiner ahnt, ob sie je wiederkommen. Die beiden Damen ihrer Auswahl, Gwendolen und Cecily, geben Miriam Fussenegger und Maresi Riegner. Riegner gestaltet mit naiv geschürztem Mündchen eine Unschuld vom Lande, die es faustdick hinter den Ohren hat. Ihre Cecily ist ein so frühreifes Früchtchen, dass einem um Algernon beinah bange wird. Fusseneggers Gwendolen ist ein resolutes Fräuleinwunder, eine, die dem Ansturm des Mannes zuerst nur widersteht, um ihn dann am Rückzug zu hindern.

Dass hier eine ganze Gesellschaftsschicht klemmt, die ganze Gesellschaft geladen ist, zeigen auch Marie-Christine Friedrich als Gouvernante Miss Prism und die großartige Michou Friesz als Lady Bracknell – zwei einwandfreie Schreckschrauben, zweitere eine schrullige, quasselstrippige Moralhüterin, erstere Typ durchgeknallte alte Jungfer, in deren verblühender Brust aber die Glut lodert. Mit ihren An- und Auszüglichkeiten kann sie Maria Hofstätters Pastor Chasuble gekonnt aufreizen. Was bleibt dem Manne anderes übrig, als dem Weibe zu zeigen, wo Gott wohnt? Kurz vor alles eitel Wonne kommt’s dann noch zu Tortenschlacht und Slapstick, da ist das Publikum längst bestens gelaunt und dankt mit langem Applaus. Schade, dass diese Premiere wetterbedingt im Neuen Burgsaal stattfinden musste, open air ist es sicher noch der doppelte Genuss.

www.sommerspiele-perchtoldsdorf.at

  1. 6. 2018