Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein: Regisseur Rupert Henning über seine André-Heller-Verfilmung

Februar 18, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Werde nicht wie alle, die du nicht sein willst!“

Paul Silberstein, abenteuerhungriger Spross einer Wiener Zuckerbäckerdynastie, gestaltet sich eigene Wirklichkeiten: Valentin Hagg. Bild: © Dor Film

„Du bist ein seltsames Kind“, ist der Satz, den Paul Silberstein von den zu seiner Erziehung Berechtigten regelmäßig zu hören bekommt. Doch er, der sich selber den „funkelnden Hundling“ nennt, hat längst beschlossen, weder Familie noch den Internatspriestern zu folgen – im Sinne auch von: zu gehorchen. Eingesperrt ins strenge System einer Wiener Zuckerbäckerdynastie, macht sich deren abenteuerhungriger Spross auf, seine eigenen Wirklichkeiten zu entdecken.

Wozu ihm die Kraft der Fantasie und die Macht des Humors – und das von ihm festgeschriebene elfte Gebot „Du sollst dich selbst ehren“ verhelfen werden. Im Jahr 2008 erschien André Hellers entlang der persönlichen Biografie erdachte Erzählung „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“, die nun von Rupert Henning, der gemeinsam mit Uli Brée auch das Drehbuch verfasste, verfilmt wurde. Neben dem fabelhaften Filmdebütanten Valentin Hagg als Paul Silberstein spielen Karl Markovics, Sabine Timoteo, Udo Samel, Marianne Nentwich, Gerti Drassl, Marie-Christine Friedrich, Christoph F. Krutzler, Petra Morzé und Sigrid Hauser. Kinostart ist am 1. März. Rupert Henning im Gespräch:

MM: Sie haben sich sehr lange mit diesem Projekt befasst, beinahe zehn Jahre. Worin lag die nicht enden wollende Faszination in André Hellers Erzählung „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“?

Rupert Henning: Das Buch kam 2008 heraus und ich habe es bald danach gelesen. Aber für ein Filmprojekt braucht man immer einen langen Atem; so ein Film ist sozusagen ein nur langsam zu manövrierender Hochseetanker – noch dazu, wenn das Projekt für österreichische Verhältnisse ein so großes ist. Was heißt: Wir haben es majoritär österreichisch finanziert. Der Text von André Heller hat zwar einen klaren regionalen Bezug, ist aber gleichzeitig universell verständlich – und extrem ungewöhnlich. Ein Stoff, wie ich finde, der von der Machart her nicht alltäglich ist. Man findet im Rückblick auf die vergangenen dreißig Jahre österreichischer Literaturgeschichte nicht viele Bücher wie dieses. Daher hoffe und glaube ich auch, dass es nicht viele Filme wie den unseren gibt.

 MM: Machart bedeutet, dass das Buch gut zu verfilmen ist?

Henning: Ja, den Eindruck hatte ich sofort. Es hat einen klaren erzählerischen Kern – und mit dem Protagonisten Paul Silberstein eine Hauptfigur, die man sich merkt. Eine Figur, die auch unabhängig von André Heller funktioniert. Wenn man dessen Lebensgeschichte kennt, findet man natürlich Parallelen. Er selber schreibt ja in der Präambel, manche der geschilderten Begebenheiten hielt seine Kindheit für ihn bereit, aber die Oberhand beim Schreiben hatte die Fantasie. Darüber hinaus ist das Ganze überaus unterhaltsam, es ist wie etwa Torbergs „Tante Jolesch“ sehr kulinarisch. Aber wie Torberg schrieb, es ist ein Buch der Wehmut – und Wehmut kann lächeln, Trauer kann das nicht. Ebenso sehe ich das Heller-Buch.

 MM: Sie haben mit André Heller schon zwei Projekte gemacht. Wie hat er auf das Filmprojekt reagiert?

Henning: Positiv. Er hat gesagt: „Macht‘s!“ Außerdem hat er Uli Brée und mir beim Schreiben des Drehbuchs völlig freie Hand gelassen. Es gab von ihm zuvor auch schon ein Naheverhältnis zu den Produzenten Danny Krausz und Kurt Stocker, mit denen er selber Filme realisiert hat.

MM: Ihr Film hat etwas Kammerspielartiges. Würden Sie mir in dieser Beurteilung folgen?

Henning: Ja. Jedenfalls in gewisser Hinsicht. Der Film erzählt unter anderem von Enge – und Kammern sind nun einmal eng. Die Geschichte von Paul ist zunächst eine Geschichte der Einengung. Ein Bub, der witzig und fantasiebegabt und weltoffen ist, lebt in einer Familie, die das absolut nicht teilt, sondern ihm ständig sagt, was er nicht tun soll. Das klingt nach schwerem Drama, nach „Zögling Törleß“; meinem Co-Drehbuchautor Uli Brée und mir ging es aber vorrangig nicht darum, die Studie eines Knaben zu zeigen, der sich mit den Dämonen der eigenen Familie herumschlagen muss, sondern darum, eine Geschichte zu erzählen, die einen fesselt und packt und unterhält. Die hochemotionale und humorvolle Geschichte einer Befreiung.

MM: Der Film hat auch optisch eine ganz klare Dramaturgie …

Henning: … und zwar in der Art, wie die Farben erzählt werden. Bis zum Tod des Vaters ist alles ein wenig grau und duster – und dann geht halt die Sonne auf, wenn der Vater stirbt. Das klingt absurd, wenn man es so sagt, aber erst, als der dominante, sich selbst und die ganze Welt verachtende Patriarch nicht mehr ist, gehen plötzlich die Fenster auf und das Licht kann herein. „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“ ist ein Ermutigungsfilm, ein Befreiungsfilm.

Der tyrannische Vater Roman Silberstein leidet an seinem Zweiter-Weltkriegs-Trauma: Karl Markovics. Bild: © Dor Film

Skurrile Szene: „Nonne“ Gerti Drassl glaubt, der Papierflieger-Liebesbrief sei an sie abgeschickt worden. Bild: © Dor Film

MM: Wofür Sie den perfekten Hauptdarsteller gefunden haben. Welch ein Glück, Valentin Hagg gehabt zu haben!

Henning: Absolut. Wir haben uns hunderte Buben angeschaut, und Valentin stand am Ende als Wunschbesetzung fest, weil er so speziell ist, an dieser Schwelle vom Kind zum Jugendlichen. Er hat nie zuvor in einem Film mitgespielt, und er ist dennoch einer der besten Schauspieler, mit denen ich je zu tun hatte.

MM: Er spielt entfesselt. An die Sprache, daran, dass ein Kind sich so elaboriert ausdrückt, muss man sich allerdings gewöhnen.

Henning: Klar, alles an dieser Familie ist zunächst einmal eher ungewöhnlich, ist eine Maske – oder vielmehr eine Rüstung, eine Festung. Die Mutter stets perfekt, wie aus einem edlen Modekatalog, Bruder und Vater immer in maßgeschneiderten Anzügen, die Familienvilla wie ein Museum. Deshalb haben wir in der Hermesvilla gedreht, damit alles wie eine Inszenierung und unwirklich wirkt, solange Paul sich nicht befreien kann. Und so ist zunächst auch die Sprache – künstlich und unecht. Aber Paul findet am Ende seinen eigenen Ton, seine eigene Ausdrucksweise.

MM: Diese Festung schießen Uli Brée und Sie mit Szenen skurrilen Humors ein. Etwa, wenn Gerti Drassl als Nonne einen Papierflieger fängt, der ein Liebesbrief ist, den sie auf sich bezieht. Oder wenn Dominik Warta als Polizist seine Furcht erst verliert, als er erfährt, dass es den dämonischen alten Patriarchen nicht mehr gibt.

Henning: Solche Auflockerungen sind von André Heller schon so angelegt. Manche Szenen sind wie ein Mini-Horváth. Ödön von Horváth, Joseph Roth oder Helmut Qualtinger, mit dem er ja auch gearbeitet hat, sind, wie ich glaube, Leuchttürme, an denen Heller sich unter anderem orientiert. Er sagt über sich selbst, er ist in Wahrheit kein Mensch, sondern ein Wesen, das menschliche Erfahrungen macht und auf dem Planeten Erde ein Gastspiel in der Rolle André Heller gibt. Ich finde, er ist gewissermaßen eine multiple Persönlichkeit. Er spaltet sich in verschiedene Stellvertreter auf, die allesamt André Heller heißen und die er losschickt, damit sie für ihn in der Welt Eindrücke sammeln. In „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“ gibt er einen sehr tiefen Einblick in die Seele eines Kindes, das wie ein Schwamm Erlebnisse aufsaugt. Und zwar nicht nur das reine Quellwasser, sondern halt auch das Drecksgschloder, das aus der eigenen Familiengeschichte rinnt. Heller entwirft das elfte Gebot, das da lautet: „Du sollst dich selbst ehren.“ Und das Motto seines Helden heißt: „Werde nicht wie alle, die du nicht sein willst!“

MM: Eine starke Figur ist nicht nur Paul, sondern auch sein Vater Roman Silberstein, der sich mit einer unglaublichen Szene einführt. Karl Markovics spielt ihn zwischen tragischem Helden und Psychopathen.

Henning: Ich wollte schon sehr lange mit Karl Markovics arbeiten – und bei diesem Projekt war mir sofort klar, er gehört dazu. Karl hat zunächst gezögert – nicht, weil ihm die Rolle nicht interessant schien, sondern weil er erst einmal nicht auf den Gedanken gekommen ist, sie zu verkörpern. Es ist nun eine sehr eigenwillige Interpretation der Figur geworden; eine böse Figur, aber eben auch eine tragikomische – insofern, als dass Karl immer erspüren lässt, wie das Leben dieses Menschen auch hätte sein können. Roman Silberstein ist durch ihn nicht nur ein pathologischer Irrer, sondern er hat auch immer wieder Momente des Innehaltens. In der ersten Szene gleich, wenn er als Erklärung für die eigene Grausamkeit sagt: „Die Kriege machen das. Wenn du in ihnen bist, sind sie bald auch in dir. Und wenn sie außen endlich erlöschen, brennen’s in dir weiter.“ Karl zeigt, wie geistreich, wie schillernd diese Person hätte sein können, hätte ihr nicht der Zweite Weltkrieg und sein Schicksal als Flüchtling allen Glanz geraubt.

MM: Prägnant drückt das seine Verwandte Silbersteins aus, wenn sie sagt, er hätte es nicht geschafft, mit sich befreundet zu sein.

Henning: Das fällt ja auch vielen schwer – vor allem, wenn sie Traumatisches erlebt haben. Dazu eine Geschichte, an die ich oft denken muss: Ich habe einmal zwei Brüder kennengelernt, die beide in Auschwitz gewesen waren. Aus dem Älteren wurde nach der Befreiung 1945 ein lebensfroher, humorvoller, wenn auch nichts verdrängender Mensch. Der Jüngere blieb für den Rest seines Lebens ein schwarzes Loch der Traurigkeit. Ihre Erfahrungen waren nahezu identisch, aber als Menschen waren sie grundverschieden. Der ältere Bruder sagte mir irgendwann: „Ich kann es nicht erklären. Wir waren beide in Auschwitz. Aber in Wahrheit habe ich Auschwitz nie betreten. Und mein Bruder hat es nie verlassen.“ Menschen gehen unterschiedlich mit dem um, was man gemeinhin „Schicksal“ nennt. Umso wichtiger – und das erzählt der Film auch – ist es, dass jeder versucht, rauszufinden, was seine Wünsche sind, seine Bedürfnisse, seine Freiheiten. Der Film regt hoffentlich zu einem Selbstbewusstsein an, das kein polternder Ego-Trip ist, sondern eine Bewusstmachung der Dinge, die einen ausmachen.

MM: Heißt also, nicht wie Mutter Silberstein zu sein, die sagt, sie hätte alle Möglichkeiten, aber keinen einzigen Wunsch.

Henning: Genau. Für mich war es sehr beglückend, Elisabeth Heller persönlich kennenzulernen. Ich hatte eine wunderbare Begegnung mit ihr in Hellers Garten in Gardone. Im Vergleich zur Figur im Film war sie viele Schritte im Leben weitergekommen; sie war wirklich, wie André Heller sagt, ein Jahrhundertmensch. Was hat dieses Leben nicht alles umspannt! Elisabeth Heller hat alles erlebt – vom goldenen Käfig, über den Bankrott und die darauffolgende Selbstrettung bis hin zu einer vielleicht daraus resultierenden gewissen Milde und Abgeklärtheit im Alter.

MM: Was haben Sie durch solche Begegnungen gelernt?

Henning: Es geht uns so gut wie nie zuvor. Das ist der Grund, warum Entwicklungen durch Menschen wie Trump und Orbán so erschreckend sind. Demokratie ist nichts Selbstverständliches, man muss täglich darum ringen. Ich glaube nicht, dass morgen wieder braune Horden durch die Straßen ziehen, aber dass Freiheiten eingeschränkt werden, dass eine neue Angst die Leute leitet, das ist sehr wohl eine Tatsache. Und auch das behandelt dieser Film, weil er eigentlich sagt: „Lass dich nicht von falschen Sicherheiten kaufen!“ Das Denken, demzufolge man, solange man nichts macht, auch nichts falsch machen kann, ist verheerend. Der Paul Silberstein in uns sagt: „Sei nicht untätig! Überprüfe deine Träume!“ Der Heller würde das jetzt vermutlich so formulieren: „Überprüfe deine Träume in der Wirklichkeit auf ihre Statik – auch auf die Gefahr hin, dass ein paar von deinen Traumkartenhäusern in sich zusammenbrechen und du scheiterst. Aber wir lernen aus unserem Scheitern!

Als wär‘ es schon Flic Flac: Valentin Hagg veranstaltet als Paul Silberstein für sein geliebtes Mädchen ein Kopf-Varieté. Bild: © Dor Film

MM: Apropos, Traum: Die Schlusssequenz des Films ist einer, eine Flic-Flac-artige Szene, ein Zirkus. Warum?

Henning: Ganz einfach: Paul Silberstein verehrt ein Mädchen, das schwer krank ist. Er fragt sich: „Was ist zu tun?“ Und dann entscheidet er sich, dass er ihr Anwesenheit und Zeit schenken kann. Und seine Fantasie. Und so brennt er ein Feuerwerk aus fellini-esken Attraktionen ab. Ob sie’s gesehen hat oder nicht – man weiß es nicht.

Es ist ein Don-Quijote-Moment, dessen Entschlüsselung beim Publikum liegt. Noch eine Geschichte: Als mein Bruder klein war – er vielleicht vier, ich vierzehn Jahre alt – saßen wir oft zusammen in meinem Zimmer. Es war Herbst, tagelang herrschte dieser typische Klagenfurter Nebel, der einem bis in die Seele suppt. Es war ein trüber Tag und mein kleiner Bruder merkte wohl, dass ich nicht gut drauf bin. Da hat er mit einer Schere aus einem gelben Blatt Buntpapier eine kleine runde Scheibe ausgeschnitten. Eine Sonne. Die hat er dann an mein Fenster geklebt. Für mich ist das genau das, was Menschen mitunter können: Eine Buntpapiersonne aufkleben, wenn der Nebel ins Gehirn suppt. Man kann das eskapistisch nennen. Was André Heller schon sein Leben lang macht, ist vielen möglicherweise zu schwül, zu eklektizistisch, zu … was auch immer. Ich glaube an die Wirkung solcher Buntpapiersonnen. Manchmal helfen sie, manchmal nicht. Heller ist neben einer polarisierenden, vielschichtigen Figur auch ein fortwährendes öffentliches Scheitern, aber oft auch ein Gelingen – und von solchen Figuren gibt’s nicht viele. Schon allein deshalb finde ich ihn toll.

 MM: Man darf die Realität nicht ausblenden, man muss aber auch die Fantasie leben?

Henning: Das ist das, was dieser Film unter anderem erzählen soll. Aber nicht als verzopfter Fantasie-Poesie-Quatsch, sondern in einer klaren, identifizierbaren Form.

 MM: Sie haben im Sommer mit der Produzentin Isabelle Welter die WHee-Film gegründet. Was erwartet uns da? Werden Sie dort Ihr nächstes Projekt realisieren?

Henning: Nächste Projekte, wie ich hoffe. Ich finde den Plural in dem Zusammenhang schöner. Die WHee-Film ist entstanden, weil Isabelle und ich befunden haben, dass wir allmählich erwachsen genug sind, um selbst Verantwortung zu übernehmen – auch in produzentischer Hinsicht. Und weil wir sehr viele Projekte im Kopf haben, die wir gerne entwickeln würden. Zusammen mit verschiedenen Partnerinnen und Partnern – Hand in Hand sozusagen. Es gibt mehrere Ideen, Stoffe, die noch in der Entwicklung beziehungsweise in der Finanzierungsphase sind. Ein ganz konkretes Projekt, das wir gemeinsam mit der „Metafilm“ und mit „Gebhardt Productions“ machen wollen, ist „Mein Ungeheuer“ von Felix Mitterer. Das begleitet mich schon sehr lange. 2005 habe ich Felix in Irland besucht und er hat uns die Rechte gegeben. Es ist ein famoser, sehr packender, fast schon archaischer Stoff über die Ungeheuer in uns selbst, über Gut und Böse und über die Kraft der Liebe, die vielleicht die einzige Brücke über die Abgründe ist, die sich manchmal zwischen uns Menschen auftun.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=D5BU4pqjf-E          wieichlernte.at          www.wheefilm.com

18. 2. 2019

Volksoper: Der Kongress tanzt

Februar 21, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Vom Film- zum vorprogrammierten Bühnenhit

Fritz von Friedl, Wolfgang Gratschmaier, Nicolaus Hagg, Thomas Sigwald, Boris Eder, Ildiko Babos und Regula Rosin Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien,

Fritz von Friedl, Wolfgang Gratschmaier, Nicolaus Hagg, Thomas Sigwald, Boris Eder, Ildiko Babos und Regula Rosin. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Na also, endlich. Europahauptstadt. Nicht, dass dadurch die Weltpolitik besser würde, aber der Veltliner … Wien und der Wein. Und das Weib natürlich. Und die Walzerseligkeit. Und die Heurigenstimmung. Tourismusverbände aller Länder, vereinigt euch! An der Volksoper hatte „Der Kongress tanzt“ Premiere.

Das war einmal ein Film von Erik Charell mit Lilian Harvey und Willy Fritsch. 1931 in die Kinos gebracht, 1937 verboten. Die Handlung trägt sich zur Zeit des Wiener Kongresses zu. Metternich will bei seinen Verhandlungen möglichst keine Gegenstimme und daher Alexander von Russland ausschalten. Der, ein bekannter Steiger, sollte relativ einfach in ein amouröses Abenteuer zu verwickeln sein, und deswegen den Abstimmungen fern bleiben. Und so kommt dem Fürsten die junge Handschuhmacherin Christel gelegen, die aus Werbezwecken jedem Staatsgast ein Blumensträußchen zuwirft – und den Zaren damit auf den Kopf trifft. Als sich die „Bombe“ als Bouquet entpuppt, entwickelt sich eine Romanze, sehr zum Ärger von Geheimsekretär Pepi, der in die schöne Ladenbesitzerin bis über beide Ohren verliebt ist. Ausgerechnet er soll aber nun den Zaren immer weiter in die „Weibergeschichte“ verstricken. Doch der hat einen Doppelgänger mit nach Wien gebracht und schafft es daher, Staatsgeschäfte und Liebesangelegenheiten parallel zu erledigen …

Die unsterblichen Melodien dieser Leinwandoperette stammen aus der Feder von Werner Richard Heymann: „Schön ist das Leben“, „Das muss ein Stück vom Himmel sein“, „Das gibt’s nur einmal, das kommt nicht wieder“. „Sie kennen mich nicht, aber sie haben schon viel von mir gehört“, war später Heymanns Auftrittssatz, sein Gag bei Konzerten. Der gebürtige Königsberger, wesentlichster Komponist der Comedian Harmonists, auch Mitarbeiter und dann Nachfolger von Max Reinhardt an dessen Bühne „Schall und Rauch“, war ein glühender Europäer. So sehr, dass er, 1933 von den Nazis mit Berufsverbot belegt und ins Exil gejagt, nach dem Krieg nach Deutschland zurückkehrte. Obwohl er in den USA beachtliche Erfolge hatte, unter anderem die Musik für die Ernst-Lubitsch-Filme „Ninotschka“ und „Sein oder Nichtsein“ schrieb und mehrmals für den Oscar nominiert war. Volksoperndirektor Robert Meyer und Komponist und Arrangeur Christian Kolonovits haben Heymanns Schatz nun für das Haus am Gürtel geborgen. Der Film- ist ein vorprogrammierter Bühnenhit. Mit allem, was der Gast aus dem In- und Ausland zu schätzen weiß.

Dies ist allem voran Kolonovits zu danken. Er hat die Musik sozusagen aus dem Film abgeschrieben. Denn es gibt von „Der Kongress tanzt“ weder Partitur noch Orchesterstimmen, nur ein paar Klavierauszüge und einige Skizzen haben das Dritte Reich überlebt. Kolonovits schaffte es durch liebevolles Hinhören das Flair der 1930er-Jahre wieder aufleben zu lassen – inklusive des charakteristischen Kratzens alter Schellack-Platten. Er dirigiert seine „Originalklang-Operette“ selbst, und das wunderbar wandlungsfähige Volksopernorchester, das schon mehrmals unter Beweis gestellt hat, wie schwungvoll es swingen kann, wird in seinen Händen zur Big Band. Allein schon sein Sound ist diesen Feel-Good-Abend wert.

Inszeniert hat Robert Meyer mit viel Spaß an der Sache und zart eingesetzten Zeitbezügen. Etwa, wenn sich sein Metternich als geistiger Großvater der NSA zeigt, oder Fritz von Friedl als Bürgermeister ein Original ist, dass dem echten rein zufällig ein bisschen ähnelt. Auch, dass Wien anno 1814 nur ums Eck von Brüssel 2016 liegt, zeigt er ganz klar. Viel – musikalisches – Muskelspiel, aber dürftig in den politischen Beschlüssen. „Der Kongress gleicht einem Jahrmarkt in einer kleinen Stadt, wo jeder sein Vieh hintreibt, es zu verkaufen und zu vertauschen“, notierte der preußische Generalfeldmarschall Blücher damals. Um den schnellen Filmschnitten gerecht zu werden, gleiten die Szenen, begleitet von Spieluhrmusik, die Darsteller wie deren Figuren aufgestellt, auf der Drehbühne vorbei. Das ist eine schöne Idee, doch wird die Handlung, bevor sie richtig Fahrt aufnimmt, von diesem steten Wechsel ein wenig ausgebremst. Das ist schade. Unterm Strich aber hat Robert Meyer, der als Metternich selbstironisch über sein Los als „Führungspersönlichkeit“ klagt, für sein Haus einmal mehr ein perfektes Ensemblestück ausgesucht. Jeder kommt hier zu seinem großen Auftritt.

Das nutzen Anita Götz und Michael Havlicek ganz vorzüglich. Als Christel und Pepi sind die Sopranistin und der Bariton sowohl komödiantisch als auch gesanglich ein Traumpaar. Sie, die freche Resche mit leichter Bissgurn-Veranlagung, er, der Stotterer in Liebesdingen, ein Pantoffelheld schon vor der Heirat. In viel zu riesiger rosa Robe, ein textiles Sinnbild für: diese Welt ist nicht die ihre, wartet sie in der Hofburg auf den Zaren, der am Ende doch abreisen wird. Worauf sie sich nicht – siehe Film – sofort ihrem Pepi in die Arme wirft, sondern erst einmal, weil ja jetzt als Adelspantscherl berühmt, im Laden das große Geschäft macht. Das ist Emanzipation für beide Geschlechter, weil auch ein Pepi hat nicht alles nötig. Havlicek spielt das sehr charmant, er hat als Pepi durchaus Herzensbrecher-Potential. Boris Eder brilliert in der Doppelrolle als Zar Alexander und dessen Double Uralsky. Eder kann sowohl den weltgewandeten Verführer als auch den einwandfreien Dodl überzeugend über die Rampe bringen, und ist stimmlich sowieso glänzend. Seinem kurzsichtigen Uralsky, dem Thomas Sigwald als Adjutant Bibikoff die Brille wegnimmt, was zusätzlich für dessen Verwirrung und ergo Tumult sorgt, hätte man einen Slapstick mehr sehr gerne gegönnt. Mit Agnes Palmisano besingt eine waschechte Dudlerin Wiens alkoholische Qualitäten. Nicolaus Hagg jammert als Finanzminister gekonnt über die Kosten.

Zusätzliche Heymann-Lieder peppen die Aufführung auf. Wie für die Zusammenstellung einer Revue haben Kolonovits und Meyer gut gewählt, was zur Handlung passt. Zar-Eder darf auch noch „Hoppla, jetzt komm‘ ich“ aus dem Film „Der Sieger“ anstimmen. Für Regula Rosin als Fürstin wurde mit „Die älteren Jahrgänge“ aus „Professor Unrat“ ein gesanglich-kabarettistisches Kabinettstückchen gefunden. Wolfgang Gratschmaier, Marco Di Sapia, Axel Herrig, Bernd Birkhahn, Franz Suhrada und Gernot Kranner wissen als gekrönte und gewählte Häupter „Einmal schafft’s jeder“ – aus „Ein blonder Traum“. Und Robert Meyer hat für sich den „Alraune“-Tango „Heut‘ gefall‘ ich mir“ reserviert. Noch nie war Metternich so sexy.

Zum großen Schlussapplaus gab’s als Da Capo Christels „Das gibt’s nur einmal“. Als es am 8. Mai 1945 in Berlin keinen Strom, daher auch kein Radio gab, wussten die Menschen vielerorts nichts davon, dass die Wehrmacht die Waffen niedergelegt hatte. Da spielte beim Bahnhof Zoo ein russischer Lautsprecherwagen die Melodie – und die Berliner wagten sich aus ihren Verstecken. So etwas muss man erst einmal schreiben: Ein Lied, mit dem das Kämpfen endet und der Friede beginnt. An der Volksoper jetzt wieder zu hören. Ein Evergreen als zart eingesetzter Zeitbezug. Jeder Frühling hat nur einen Mai …

www.volksoper.at

Wien, 21. 2. 2016