Akademietheater: Ein europäisches Abendmahl

Februar 12, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Den Stier zum Schlachtvieh gemacht

Da-Vinci-Tableau-Vivant mit Damen: Catrin Striebeck, Maria Happel, Sylvie Rohrer, Kirsten Dene, Frida-Lovisa Hamann und Katharina Lorenz. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Am Ende des Abends im Akademietheater erklärt sich sein Titel, „Ein europäisches Abendmahl“, erklärt sich, warum immer wieder eine überdimensionale Holzplatte über die Bühne getragen wurde. Die Schauspielerinnen machen sie zum Tisch, machen daraus ein Da-Vinci-Tableau-Vivant mit Damen. Erstmals nun nach neunzig Minuten sprechen sie miteinander, wenden sie sich einander zu, statt wie davor zu monologisieren. Auf seiner Homepage schreibt das Burgtheater vorsorglich, „das ‚europäische Abendmahl‘ ist kein mageres pseudofeministisches Manifest“, stimmt!, denn hier wird in einem starken Bild festgehalten, wie sich Frauen männlich besetzten Bedeutungsraum erobern.

Fünf Autorinnen aus fünf Ländern, Jenny Erpenbeck, Nino Haratischwili, Elfriede Jelinek, Terézia Mora und Sofi Oksanen, haben Frauenfiguren für diese Uraufführung erdacht, Barbara Frey hat sie inszeniert. Das Ergebnis ist ein Fest für sechs Schauspielerinnen, von der Regie kaum in ihren Reden unterbrochen, sondern in ihrer Darstellung subtil unterstützt, die Frey weiß halt, was sie tut, sie vertraut zu Recht der literarischen Qualität der Vorlagen. Gespielt wird in einer Art abgefackeltem, abgefucktem Prunksaal, der Rauch eines schwelenden Brands hängt in der Luft. In der Traumdeutung steht dieses untergründig Verheerende für innere Unsicherheit und falsche Zielsetzung – und genau darum geht’s:

Um Angstszenarien, die die Realität ins Absurde kippen. Um ein Wir-Sein, das im Wirr-Sein versinkt. Um die Anrufung von Werten und vor allem Sitten, Moralgesabbere, aber Anstand nirgendwo. Um Identität und Identitäre, Ideologie und Idiotie, Integrität und Integration, und Heimat als Begriff, nicht begriffen. Die Frauen in diesem Szenario sind keine Siegerinnen, die stehen an der Hintertür des gesellschaftlichen Spektrums, das Heilsversprechen einer besseren Existenz ist Utopie geblieben, und so meistern diese Anti-Heldinnen ihre missliche Lage im täglichen Überlebenskampf mit tapferer Selbstironie. Botschaften haben sie keine, keinen mahnend erhobenen Zeigefinger, nur Geschichten ihres Lebens. Und das sind nicht immer sympathische.

Kirsten Dene tritt als Erste auf, als „Mari“, Terézia Moras Debüt als Dramatikerin. „Frieden ist, wenn jeder bleiben kann, wo er ist“, erklärt sie. Ihr selbst war das nicht vergönnt. Ihre Flucht, mutmaßlich aus Ungarn, führte sie durch vieler Herren Länder, sie war Illegale und Schwarzarbeiterin, sie hat ihre Entwurzelung akzeptiert. Neckisch, in heiterem Ton erzählt das die Dene und lässt kokett die silbernen Löckchen tanzen. Ihre Angst vorm Fliegen und vor Bettlern und vorm Fremden bezwingt sie, indem sie einem syrischen Flüchtling hilft, dem Fremden also ein Gesicht gibt. Und doch wird auch dieser Schritt keiner aus der Isolation sein.

Neckisch bis in die Löckchen: Kirsten Dene spricht Terézia Moras Monolog „Mari“, ein Flüchtlingsschicksal im Rückblick. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Autorinnen-Look-Alikes: Sylvie Rohrer und Frida-Lovisa Hamann spielen Elfriede Jelineks „Frau aus Österreich“. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Ganz anders die „Frau aus Österreich“, Elfriede Jelineks Beitrag zur Aufführung und der einzige, der für das Projekt nicht aktuell geschrieben wurde, sondern zu den Zusatztexten der „Schutzbefohlenen“ gehört. Hier will man „unter sich“ bleiben. Sylvie Rohrer und Frida-Lovisa Hamann fungieren als Autorinnen-Look-Alikes und sozusagen „Synchronsprecherinnen“. Mit weit aufgerissenen Augen berichten sie im Duett von der Festung Europa, die ein Kartenhaus ist, ihr Stier zum Schlachtvieh gemacht. Werte gilt es, wie Grenzsteine zu setzen, sagen sie, bevor sie in einem Erdloch in Deckung gehen.

Maria Happel ist Marusja, eine von der georgischen Autorin Nino Haratischwili zu Papier gebrachte Figur. Die Putzfrau, selbst Immigrantin und nun zu ihrer Schande dazu verdammt, in einem Flüchtlingsheim sauber zu machen, hat einen unbändigen Hass auf die „Hammelfresser“, die noch dazu von der Willkommenskultur der „Eingeborenen“ und ihrer „Armee von Freiwilligen“ verhätschelt werden. Eine Gunst, die sie nie erfahren hat! Wie die Happel zwischen Vorurteile dreschen, Tiraden schleudern, grotesk Grauslich sein und Mut zur Verzweiflung das Trauma dieser Marusja austariert, macht seine Mitte gleichsam zum Höhepunkt des Abends.

Maria Happel brilliert als ausländerfeindliche Immigrantin „Marusja“ von Nino Haratischwili. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Sofi Oksanen schreibt in „Darja und Mary“ über Elternglück im Sonderangebot: Katharina Lorenz und Catrin Striebeck. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Spricht Nino Haratischwili in ihrem Text das Ausspielen der sogenannten Wirtschafts- gegen die Kriegsflüchtlinge an, die Sorge um den längst angestammt geglaubten Platz, die Furcht und die Selbsterniedrigung vor denen, die das Sagen übers Kommen-Dürfen und Gehen-Müssen haben, zeigt Sofi Oksanen einen anderen Irrpfad ins vermeintliche Glück. In „Darja und Mary“ soll der Weg der Frau aus der Armut über den Verkauf des eigenen Körpers gehen, nicht Prostitution, sondern Eizellenspende. Katharina Lorenz und Catrin Striebeck gestalten diese Geschichte, die ein wenig aus der Reihe fällt, die vom kapitalistischen Prinzip von Angebot und Nachfrage erzählt, vom Fortpflanzungsdruck und Leistungsabfall in den Industriestaaten, während die, die nichts haben, „wie die Karnickel!“ … Skurril klingt, wie die Biografie der potenziellen Spenderin ins Positive geschönt wird. Alkoholismus und Freitod in der Familie passen nicht in den Warenkatalog der Babyagentur.

Bleibt als letzter Text Jenny Erpenbecks Szene „Frau im Bikini“, mit der noch einmal Frida-Lovisa Hamann auftritt. „Ich habe heute Nacht nicht geschlafen, ich habe die ganze Nacht gehasst“, zitiert sie Bismarck und zählt detailliert Waffenlieferungen deutscher Firmen in Krisengebiete auf. Wegen Terror und Tod traut sie sich nicht mehr nach Draußen, ihre Straßen-Flucht die nackte Neurose, so nackt, als müsse sie im Bikini gehen. Diese Inventur Europas aus dem Blickwinkel von Frauen, sie ist aufs Erste niederschmetternd, ist gekennzeichnet von Ausbeutung und Angst, Hetze und Hass. Gut tut da der Hoffnungsschimmer zum Schluss, die Tischgesellschaft, die von der Jelinek’schen Wortweberei bis zu Oksanens zartem Sprachgespinst alle eint. Ein Flachmann geht rum, Solidarität sollte als Chance gesehen werden. In weiblicher Hand wäre die Welt vielleicht nicht besser, aber mit Sicherheit … anders. Vorhang.

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Wien, 12. 2. 2017

Akademietheater: Die Wiedervereinigung der beiden Koreas

Mai 6, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die unerträgliche Leichtigkeit der Liebe

Markus Hering und Dorothee Hartinger. Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Liebe ist … ein Tanz zwischen Nähe und Distanz: Markus Hering und Dorothee Hartinger. Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Es ist so, wie wenn Nord- und Südkorea ihre Grenzen öffnen würden, sagt der Mann zu seiner an Gedächtnisverlust leidenden Frau. Und erklärt ihr damit die Liebe. Beziehungsweise die Abwesenheit, weil prinzipielle Unmöglichkeit derselben. Das ist in Szene 15 von 19, und der Allerwerteste tut bereits weh, und man kriegt allmählich genug vom Gleichen, man liest ja auch nicht anderthalb Dutzend Kurzgeschichten auf einen Satz, und sogar Zuschauer X in Reihe y wird nun verstanden haben, worum’s hier geht. Akademietheater. Joël Pommerat. Die Wiedervereinigung der beiden Koreas. Ah!

Nach Yasmina Rezas simpel gestricktem „Bella Figura“ ist dies der zweite Glücksfall aus Frankreich, noch ein Stück, in dem das Ensemble glänzen kann, und wie es das tun, nie gab’s daran auch nur den leisesten Zweifel. Ihre „Libido“ sei es nicht, das Publikum mit sperrigen Arbeiten vor den Kopf zu stoßen, sagte Burgtheater-Chefin Karin Bergmann kürzlich im profil-Interview: „Ich brauche die Sicherheit, dass unser Stammpublikum die Inszenierungen annimmt.“ Na dann. Mission erfolgreich erfüllt.

Aufs erste Reinfühlen lässt sich gar nicht beschreiben, wie fabelhaft, vielschichtig und facettenreich das alles ist, jede Formulierung muss wohl oder übel zu kurz greifen. Neun Schauspieler gestalten zweiundfünfzig, in Zahlen: 52!, Rollen, die Prostituierte und den Priester, den Boss und seine Büroangestellte, Putzfrauen, Psychiater, hetero- und homosexuelle Paare, alle in Abhängigkeits- oder andersartig abartigen Verhältnissen, alle in ihren Beziehungen am Point of no Return angelangt, und ein Schelm, wer dabei an Klischees denkt. Bei Szene 7, „Hochzeit“, kichert das Publikum vergnügt in sich hinein, weil so was von klar ist, dass der Bräutigam mit allen vier Schwestern der Braut vorab … wasn Spaß.

Den übrigens Peter Wittenberg, nach der Ära Peymann erstmals als Burgheimkehrer tätig, inszeniert hat. So zwischen Sarkasmus, Skurrilitätenschau und Sentiment. Die Bühne von Florian Parbs ist so leer wie die Herzen der Figuren, die sie bevölkern. Für Auskenner dürfen die sonst ungern gesehenen, weil übergroß den Bildhintergrund befüllenden Heizkörper nun mittels Bodydoubles die Ausstattungshauptrolle spielen. Nach jeder Episode fährt ein raumfüllendes Kopiererleuchtkreuz von einer Seite zur anderen. Als Symbol für den Ablauf des sich selbst erklärenden Abends offenbar.

Und die Virtuosen üben sich im Virtuossein. Sie spielen, was intensiv bis zur Schmerzhaftigkeit geraten könnte, mit einem heiteren Achselzucken. Die unerträgliche Leichtigkeit der Liebe. Lebensentscheidendes wird leichthin gesagt, es gibt nur entweder das berühmte Wörtchen zu viel oder zu wenig. Als ob eine Silbe nicht alles verändern könnte. Es gibt kleine Gesten und große Abgänge, Augenzwinkern und dramatischen Augenaufschlag. Jede noch so mickrige Pointe wird bis zur Neige ausgekostet. Seht her, ich bin’s und ich kann’s! „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ ist eine Katastrophenkomödie über, ein Plauertonrequiem auf die Zwischenmenschlichkeit, auf die Vergeblichkeit des Hoffens und die Vergänglichkeit jedes Harrens.

Eine Raumpflegerin erzählt den anderen, wie sie ihrem Ehemann zurzeit scheidungstechnisch eine reinwürgt, dabei hat sich der längst über ihren Köpfen erhängt. Ein kinderloses Paar engagiert eine Babysitterin, nur um sie zur Schnecke zu machen. Schnitzler, Ibsen, Albee werden beschworen, nur was macht man bei einer Séance, wenn der Geist nicht kommt? Es ist die Szene 13, „Krieg“, Protagonisten: Mutter, Vater, junger Soldat, bei der einem erstmals wieder einfällt, dass der Begriff Liebe auch in „beliebig“ beinhaltet ist.

Daniel Jesch, Frida-Lovisa Hamann und Dirk Nocker. Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Liebe ist … ein Hin- und Hergezerre: Daniel Jesch, Frida-Lovisa Hamann und Dirk Nocker. Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Daniel Jesch und Sabine Haupt. Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Liebe ist … natürlich auch Liebe machen: Daniel Jesch und Sabine Haupt. Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Liebe allein reicht nicht. Liebe ist eine Krankheit. Nichts als Körperchemie. Ein surreales Empfinden. Erfährt man. Endlich etwas Neues zum wichtigsten Thema der Theaterwelt. Und dann, aufs zweite Hinschauen, zeigt sich in den Miniaturen der inszenatorische Überhang. Dirk Nocker ist das vierschrötige Sensibelchen, Sabine Haupt die hypernervöse Hysterikerin, Dorothee Hartinger macht auf emanzipiert, ergo hart, Markus Hering gibt den Stadtneurotiker, Petra Morzé die angezählte Sexbombe, Frida-Lovisa Hamann die jugendliche Nicht-mehr-ganz-so-Naive.

Martin Reinke spielt den stillbrütenden Überlebensmenschen und Dörte Lyssewski die exaltierte „Grande Dame“. Auch als Nutte. Ob das alles wirklich so sein muss, und ob Pommerat oder Wittenberg diesen Einheitsbrei angerührt hat, lässt sich von jemandem, der die Vorjahres-Festwochenaufführung in Verantwortung des Autors versäumt hat, nicht sagen. Einzelne Darsteller tänzeln zwischendurch als ein Glitzerwesen, halb böse Fee, halb lasziver Clown, durchs Geschehen, doch verpuffen diese puck’schen Absichten mangels „Zauber“-kraft. Immerhin: Wittenberg hat seinen Schauspielern ein Fest bereitet und die feiern sich und ihre Kunst gehörig.

Und dann doch. Daniel Jesch als Lehrer, der einen Schüler in einer misslichen Lage getröstet hat und sich nun des Missbrauchs bezichtigen lassen muss. Und je gefühlsbetonter er erklärt, wie sehr er seine Arbeit und die Kinder mag, umso empörter reagieren die Eltern und die Schuldirektorin. Und der einzige, der selbstlos liebt, wird gesellschaftlich zerstört werden. Da bekam die Untiefe auf einmal Tiefgang. Mehr davon wäre mehr gewesen. Nun heißt es warten auf Árpád Schillings Europa-Dystopie „Eiswind“.

www.burgtheater.at

Wien, 6. 5. 2016

Burgtheater: Wassa Schelesnowa

Oktober 27, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Andreas Kriegenburgs andere Art der Kapitalismuskritik

Frida-Lovisa Hamann (Natalja), Sabine Haupt (Dunjetschka), Christiane von Poelnitz (Wassa Schelesnowa), Tino Hillebrand (Pawel) Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Frida-Lovisa Hamann (Natalja), Sabine Haupt (Dunjetschka), Christiane von Poelnitz (Wassa Schelesnowa), Tino Hillebrand (Pawel). Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Weil bereits viel bemurmelt, ein: Ja. Sie ist wieder einmal ein Star, die Bühne von Andreas Kriegenburg, diesmal eigentlich gestaltet von Harald B. Thor. Über den Kriegenburg-Stil zu schreiben, ist müßig, man sah von ihm schon Kafka an der Kletterwand oder davonrutschende „Diebe“, der Wirkungsästhet ist eben auch ein Wirkungsmechaniker, wie ihn die Süddeutsche einmal nannte. Auch diesmal ist die Spielfläche in Schieflage geraten, als ein an Seilen festgezurrtes Floß auf den wilden Wellen der Welt. Sie kippt den Darstellern im Verlauf der Handlung mehr und mehr unter den Füßen weg, steht am Ende fast senkrecht, lässt aber unter sich genug Platz um „die da oben“ zu belauschen und auszuspionieren. So viel zum Schauwert der Inszenierung.

Andreas Kriegburg zeigt am Burgtheater seine Interpretation von Maxim Gorkis „Wassa Schelesnowa“. Direktorin Karin Bergmann lud den ehemaligen Klaus-Bachler’schen Hausregisseur zu dieser Arbeit ein; Kriegenburg, gebürtiger DDRler, der sich dereinst als Tischler am Magdeburger Gorki-Theater mit der Bühnenbegeisterung ansteckte, entschied sich für die 1910er Urfassung des Dramas, geschrieben unter dem Eindruck des St. Petersburger Blutsonntags und in der DDR eher ungern gesehen, in der weniger parteiideologisch zugespitzt als in der Version von 1935 die knallharte Ziegeleibesitzerin im Mittelpunkt steht. Sie ist mörderische Mutter und wildes Weib, eine, die alles unternehmen wird, um ihr Unternehmen zu retten. Nicht (nur) aus Selbstsucht, es gilt mit dem Familienbetrieb das Familienerbe zu bewahren.

„Wassa Schelesnowa“ ist derzeit groß in Mode, von Stephan Kimmig bis Dieter Giesing, von Berlin bis Hamburg, was sich versteht: Das Stück ist die ideale Folie für Kapitalismuskritik. Ein hippes Chromglasambiente, ein paar Designerklamotten – und schon ist man in einem kaltschnäuzigen Management-Heute, in dem Geld Gott ist und zwecks Gewinnmaximierung angebeten wird. Für einen wie Kriegenburg ist das Ausstellen fieser Finanzzombies freilich zu billig, er geht auf Risiko und hält seine Bilder in erstarrten, russischestheater Klischees fest. Von Samowar bis Sitzbank leidet hier alles an Tschechow’scher Schwermut, inklusive den obligaten Ausbrüchen in hysterischen Ennui oder in nervenflatternd-erotischen Irrsinn oder einer Bedrohung von unerwarteter Seite. Andrea Schraad hat ihre Kostüme dem angepasst, das Ensemble ist je nach sozialem Status von Schmutzigweiß bis Creme gewandet, einzig die aufmüpfige Tochter Anna geht in Zitronengelb. Kriegenburg macht so die Herr-Knecht-Verhältnisse klar. Das ist radikaler gedacht, als es aussieht. Eine subtilere Art der Kapitalismuskritik eben. Der Regisseur zeigt, wie privat Politik ist, zeigt eine von ihrer Zeit verhaftete Endzeitgesellschaft. Er hat mit stilsicherer Hand und viel Gefühl für Sprachtempo gleichsam inszeniert und choreografiert. Zweieinhalb Sternstunden lang kann man den ausgezeichneten Schauspielern bei der Arbeit zusehen. Bühnenbild hin oder her, die Burg hat ihre Stars und die verstehen ihre Handwerkskunst.

Allen voran Christiane von Poelnitz als Wassa. Sie ist die „Dulderin und Sünderin“, wie von Gorki erfunden, eine Queen über ihre Firma, eine gequälte und daher andere quälende Familienvorsitzende unter lauter antriebslosen Angehörigen. Ergo tut es ihr am Ende zwar schon um die verlorenen Seelen leid, aber: Wer nichts tut, gedeiht nicht; die upperclassige Kronosin frisst ihre Kinder. Christiane von Poelnitz ist selbst im ersten Schweigen und Leiden überlebensgroß, im späteren spinnenschnellen Zuschlagen sowieso. Andrea Wenzl, Martin Vischer und Tino Hillebrand bilden das Trio, das versucht gegen den Mutterwahn zu bestehen. Wunderbar, wie Wenzl erst zögert, dann erschauert, um sich schließlich in Wassas Pläne einbeziehen zu lassen. Vischers Semjon ist ein unnützer Schwätzer, seine Frau Natalja (Frida-Lovisa Hamann bleibt ein bisschen blass) geht mit ihrer Bigotterie allen auf den Senkel. Hillebrand pflegt als jüngerer Sohn Pawel einen Minderwertigkeitskomplex wegen seiner verpatzten Körperlichkeit, und heult Rotz und Wasser, weil seine junge Ehefrau Aenne Schwarz auf Onkel Prochors (Peter Knaack) Schoß Hühott-Pferdchen-reitet. Er wird einer von Lipa angezettelten Intrige zum Opfer fallen, Alina Fritsch erzählt lebhaft diese Dienstmädchen-Biografie. Sabine Haupt dient als entfernte Verwandte Dunjestschka abgeklärt, kalt und intrigant. Als letzter Mann muss auch Dietmar Königs schleimiger Gutsverwalter – und lange Zeit Wassas sexuelles Wärmekissen – Michailo Wassiljewitsch zu Grunde gehen.

Eine von vielen schönen Regieideen ist, wie Haupt und Fritsch anfangs Leintücher zusammenlegen, auf denen stummfilmspruchartig ihre Dialoge zu lesen sind. „Du Huhn!“ – „Oh je!“, steht da. Auch „Nur Geduld!“ Die haben die Frauen, bis das Patriarchat endlich ausgerottet ist. Dann bleibt eine Weiberwirtschaft in Formation Familienaufstellung zurück. Glücklich oder auch nur zufrieden ist hier keine(r). Außer das heftig applaudierende Publikum.

www.burgtheater.at

Ausstellungstipp: Kunstforum Wien: Liebe in Zeiten der Revolution. Künstlerpaare der russischen Avantgarde www.mottingers-meinung.at/?p=15325

Wien, 27. 10. 2015

Kasino des Burgtheaters: dosenfleisch

September 22, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Hirn klebt quasi auf der Straße

Dorothee Hartinger (beate) Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Dorothee Hartinger (beate)
Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Percussionistin Katharina Ernst beginnt am Schlagzeug. Ihr Rhythmus wird den Abend begleiten, wird das Wortwuchtgewummere bestimmen. Herzschlag, bis das Herz aussetzt. Wenn das „dosenfleisch“ in seiner Blechbüchse zu Tode kommt.

Ferdinand Schmalz, Autor mit steirischem Lebensmittel-Punkt, seinen Erstling nannte er „am beispiel der butter“, sein nächstes Stück „der herzerlfresser“, da wird eine Frauenleiche mit herausgebissenem, das heißt: ohne Linksorgan gefunden, eröffnet mit „dosenfleisch“ die neue Saison am Kasino. Endlich wieder wird der beste Theaterraum des Burgimperiums bespielt. Die Regiearbeit von Carina Riedl wurde bei den Berliner Autorentheatertagen uraufgeführt, nun folgte die Übernahme nach Wien. Riedl, besser gesagt: Bühnenbildnerin Fatima Sonntag, gestaltet einen Spielraum aus Metall und Neon, da rein setzt sie Schmalz‘ Protagonisten.

Aufgefahrene in einer Autobahnraststätte. „dosenfleisch“ meint ja nicht nur Konserveninhalt, sondern auch das blutende Innere der Blechkarossen, wenn sie sich in der dortigen Todeskurve zu Schrott zerquetschen. Ein Versicherungsinspektor, rolf (Tino Hillebrand), besessen von Verkehrsunfallspuren, untersucht das Phänomen, das sich von der Raststätte aus perfekt überblicken lässt. der fernfahrer (Daniel Jesch) muss wegen einer desaströsen Karambolage hier Halt machen. Frustriert über den erzwungenen Stillstand, beobachtet er durch seine Windschutzscheibe das nächtliche Geschehen. beate, die Betreiberin der Raststation (Dorothee Hartinger), teilt ein dunkles Geheimnis mit jayne, einer schönen, autoaggressiven Fernsehschauspielerin (Frida-Lovisa Hamann), die süchtig ist nach Hochgeschwindigkeit. Beide Frauen sind tatkräftige Spezialistinnen für inszenierte, mitunter tödliche Autounfälle.

Schmalz verleiht der Sprache Fliehkraft. Sie, der eigentliche Star des Abends, schwadoniert sich kurvengängig vom Hundertsten ins Tausendste, jeline(c)kisch, Sie machens alle, er staffiert mit seinen wunderbaren Wortneuschöpfungen seine Figuren aus. Jesch etwa entwickelt als fernfahrer in seinem Auftrittsmonolog aus dem schönen Begriff „Fleischnebel“ eine Poetik des Insektengatschs auf der Windschutzscheibe. Stimmsicher satzschlängelt er sich durch seine Kadaver-Ode an den Fernverkehr. Inmitten dieser Kalauereien entwickelt sich eine Art von Krimihandlung. Hartinger und Hamann staksen in knöchelbrecherischen Extrem-Highheels und mit kreischfarbenen Perücken umher und verströmen Aggression, Thelma-und-Louise-Air, weil sie doch vom Lebensleerlauf gleich in die Fünfte schalten wollen. Da ist Hillebrands rolf, der genug hat von Autoerotik, natürlich ein gutes Opfer. Auch er wird den Weg allen Fleisches gehen …

Riedls Choreografie dieses Ausdruckstanzes bleibt unter cool und stahlhart. Sie lässt sich nicht zur angeheiterten Horrorshow verführen, was am Ende irgendwie ein bisschen schade ist. Mehr subversiver Splatter, etwas mehr Fleisch hätte dem „dosenfleisch“ nämlich gut getan, dieser verkappt hirnigen, hochphilosophischen Analyse des Weltblechschadens. Das Hirn klebt quasi auf der Straße. „Die Welt ist alles, was der Unfall ist“, dieses Zitat Ludwig Wittgensteins ist ergo dem Text vorangestellt. Im Kasino ist aber trotz sich quatschig quatschender Muskelmasse kein Crash passiert. An Verkehrsberuhigung ist an der Burg auch nicht gedacht. Im Februar inszeniert Claus Peymann das Stück des bekennenden Nichtautofahrers Peter Handke: „Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße“.

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www.dieschmalzette.at

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Wien, 22. 9. 2015