Theater in der Josefstadt: Der deutsche Mittagstisch

Oktober 29, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

In Höchstgeschwindigkeit durchs Jauchefass

Das Dramolette „Freispruch“: Traute Hoess, Bernhard Schir, Michael König, Lore Stefanek, Sandra Cervik und André Pohl. Bild: Philine Hofmann

Der Vergleich mit dem Vaudeville ist zulässig. Nicht nur, was das Bühnenbild von Achim Freyer betrifft, Prospekte, wie von Hand gemalt, Rampenlicht aus Muschelleuchten, und über allem schwebend des Gutbürgers Gottseibeiuns mit teuflisch blinkenden Rotaugen und zwei Putten blutig quetschend. Gottseibeiuns, doch, denn noch immer raunt’s im Publikum: Naja, das ist halt typisch Thomas Bernhard. Des Autors unter dem Titel „Der deutsche Mittagstisch“

zusammengefasste Dramolette hat Claus Peymann zum Saisonauftakt des Theaters in der Josefstadt inszeniert. Jenem Haus, dessen Publikum er, als noch Burgherr und lange vor #Corona, eine Staubmaske empfahl. Jenem Haus, dem Bernhard via „Heldenplatz“ ausrichten ließ, dass dort selbst die allerernstesten Tragödien als Operetten gespielt“ würden. Und durchaus …

… passt Bernhards Mittagstisch-Revue und Peymanns Schaubuden-Inszenierung, apropos: Vaudeville, ins Bild. Im Programmheft wird der Wienerinnen und Wiener ehemalige Hassliebe zum „Piefke“ genussvoll ausgewalzt, nun applaudiert man angetan und artig, ach, waren das noch Zeiten, als am Burgtheater … und der Skandal damals, das hatte seither keine/r mehr zu bieten … und wie leicht überhört es sich dabei, dass die – © bisher erschienene Rezensionen – „Praterkasperlszenen gegens Nazikrokodil“ zwar weiland zwischen 1977 und 1981 aus tagesaktuellem Anlass geschrieben wurden.

Doch die Wiedergänger der „aus grobem Puppenholz geschnitzten“ Spukgestalten immer noch und schon wieder und längst nicht mehr nächstens, sondern von der selbst ernannten Mitte der Gesellschaft abgenickt bei grellem Tageslicht unterwegs sind. Ihr ewiggestriger Widerhall dröhnt von den Wänden der Republik retour als gäb’s keine Morgenröte. Eine in die Jahre gekommene Mentalität kommt grad wieder auf, das merkt vielleicht besser, wer aus einer Jugendzeit stammt, in der „bis zur Vergasung“ noch ein geflügeltes Wort war, und einer Studentenbude, deren Nachbar, wenn besoffen, per Schallplatte durch den ganzen Gemeindebau ungestraft das Horst-Wessel-Lied erschallen ließ.

Die Liederbücher sind längst nicht leergesungen. Bei Bernhard wird „Die Fahne hoch“ am Ende der Szene „Freispruch“ angestimmt, einer von sieben, in denen er Künstler- und Großbürgergrotesken ebenso virtuos entwirft wie die politische Farce oder die Volksstück-Parodie. Peymann weiß Bernhard auf diesem Weg naturgemäß zu folgen – bis hin zur Clownerie als die er die Szene „Alles oder Nichts“ enttarnt. Peymann zelebriert ein höllisch hämisches Thomas-Bernhard-Hochamt, dessen liturgische Litaneien er ohne Punkt und Komma ausspielen lässt.

Dies eine Anmerkung, weil ab und an ein Strich gut getan hätte, doch das zehnköpfige Ensemble, wie wunderbar das Wiedersehen mit der sehr vermissten Traute Hoess und der von Peymann aus Berlin mitgebrachten Lore Stepanek, wirft sich mit Verve in die Schlacht um Bernards Suder-Suaden. Wobei das Ressentiment-Räsonieren, das Banalitäten-Palaver vom Feinsten gelingt, wenn die Damen Hoess und Stefanek in Verbund mit Ulli Maier auf Freyers in politische Schieflage geratener Weltenscheibe stehen.

A Doda: Lore Stefanek und Ulli Maier. Bild: Philine Hofmann

Eis: Maier, Bartl, König und Hoess. Bild: Philine Hofmann

Thomas Bernhard schau oba: Freispruch. Bild: Philine Hofmann

Peymann hat ein Händchen, heißt: eine Regiepratzn, für die Nieder-Tracht. In „A Doda“ finden Ulli Maier und Lore Stefanek in Steirermontur ein Bündel, das sie für einen in Packpapier eingeschlagenen Leichnam halten. Ein herrliches Stück Mundarttheater, in dem zwei skurrile Schreckschrauben mit bigotter Bäuerinnenschläue à la „Landkrimi“ ermitteln, die Maier eine furios kombinierende Detektivin unter deren Fuchtel Assistenz-Angsthäsin Stefanek sichtbar steht – bis sich herausstellt, in der Rolle sind die dem Ehemann vom Moped gefallenen Hakenkreuzplakate.

Mehr noch verbeißt sich Maier ins Bernhard’sche Bitterböse mit Traute Hoess in „Maiandacht“. Dirndlbewehrt, die Kostüme sind von Margit Koppendorfer, beweinen sie auf dem Friedhof das Ableben eines Dorfhonoratioren, der in einen tödlichen Verkehrsunfall mit einem Türken verwickelt ward. Großartig sind diese beiden Tratschtanten, die Tod und Teufel fürchten, und beim Anblick des Pfarrers nicht nur feuchte Augen bekommen. Wie gern die Leut‘ über Krankheit und Sterben anderer reden, und wie Maier und Hoess diese Stammtisch-Sätze sagen.

Von Neid und Enttäuschung geht’s zu Frustration und Hass, gleich Grabkerzen blinkt auf, dass der niedergeführte Wohltäter ein übler Geschäftemacher und wohl auch Spendenbetrüger war, wie nah am Heute das ist, und dass der „Ausländer“ mit dem Fahrrad unterwegs war, in das der Verstorbene blindlings gelaufen ist. Und dennoch befindet der Untersuchungsausschuss der Nachbarinnen „Vagast ghörns alle!“, die Gastarbeiter, nunmehr „Migranten“ genannt. Wenn die Hoess mit tobender Inbrunst in die Blutgesinnung entgleist, schaudert’s einen vor Bernhards Sprachwitz.

Um nichts weniger bei Sandra Cervik in „Match“, in dem die Gemeinplätze der Intoleranz, der Xenophobie, des Ekels vor allem „Linken“ und des faschistoiden Gedankenguts ebenso ihre giftigen Blüten treiben, Cervik als Polizistengattin, Robert Joseph Bartl, der vor Röhrender-Hirsch-Tapete in Ruhe ein Fußballspiel sehen möchte. Während sein Heimchen am Herd ob eines ihm bei einer Demonstration geschehenen Risses in der Uniformjacke zur schießwütigen Amokläuferin mutiert – „Da schiaßad i eine“, „Gsindl“, „Unterm Hitler hätt’s des ned gebn“, „Arbeiten solln’s ned Demonstrieren“ –, bevor sie ihn im Wortsinn übermannt. Cerviks Figur dabei in den Bernhard’schen Wortwiederholungen wie in ihrem Leben gefangen, gackernd wie das Huhn auf dessen Denkschleifen-Möbiusband.

Maiandacht: Robert Joseph Bartl, Ulli Maier, Traute Hoess und André Pohl. Bild: Philine Hofmann

Match: Sandra Cervik als rabiate Polizistinnengattin und Robert Joseph Bartl. Bild: Philine Hofmann

Alles oder Nichts: André Pohl, Sandra Cervik, Marcus Bluhm, Raphael von Bargen und Bernhard Schir. Bild: Philine Hofmann

Der deutsche Mittagstisch: „Bernhard“ Michael König und Traute Hoess am Nazi-Suppentopf. Bild: Philine Hofmann

Weitere Dramolette wenden sich den Machenschaften von Justiz und Politik zu, am erschreckendsten „Freispruch“, ein Abendessen in affektierter Großbürgerlichkeit, bei der NS-Massenmörder nebst Ehefrauen bei Kriegs- und KZ-Anekdoten ihre Nichtverurteilung feiern. Michael König, Bernhard Schir, André Pohl mit Stefanek, Hoess und Cervik mittels abgestorben schwarzer Lippen als die Untoten klassifiziert, die sie sind. Beim Champagnisieren sehen sich die Täter als Opfer der linken, landesverräterischen Lügenpresse und deren Fake News. Ein „Sketch“, der einem Unwohlsein verursacht, wenn nach dem „O Freunde, nicht diese Töne“ „die Reihen dicht geschlossen“ werden. Und zwar nicht als Zitat, sondern Strophe für Strophe ausgesungen: „Die Straße frei / Den braunen Bataillonen …“

Als kabarettistische Einlage präsentieren König, ein zweites Mal als zur beinah Unkenntlichkeit maskierter Popanz, Hoess, Bartl und Maier das Dramolette „Eis“, zwei ebenfalls NS-angepatzte Ehepaare am Nordseestrand, die Maier als Sonnenschutz-Gespenst, konsumsüchtige Globetrotter, die die Menschen in den Ländern, die sie bereisen, allerdings zutiefst verachten, und über die Sinnlosigkeit von Entwicklungshilfe/Hilfe vor Ort und übers „politisch wieder so hart durchgreifen wie damals“ schwadronieren, bis ihnen ein Eisverkäufer-Attentäter, Raphael von Bargen mit schnauzbärtigem Migrationshintergrund, den Garaus macht.

Einen Zirkus mit Politclowns macht Peymann schließlich aus „Alles oder Nichts“, Premiere seiner Arbeit war ja vor der Wien-Wahl, in dem sich von Bargen, Pohl und Marcus Bluhm als Staatsspitzen in einer von Bernhard Schir geleiteten Show für eine WählerInnenstimme jeder Demütigung unterwerfen. Das alles entrollt sich nach der Pause enervierend langsam, was hier als Kalkül gedeutet wird, von Bargen die am besten stammelnde Knallcharge in dieser schwächsten Versuchsanordnung, die schon Siegfried Unseld „zu billig“ zum Drucken war – aber lachen muss man doch, wenn die Herren Politiker in Höchstgeschwindigkeit durchs Jauchefass kriechen.

Zum Schluss die absurde titelgebende „Mittagstisch“-Miniatur, Familie Bernhard vollzählig versammelt, Michael König ein Lookalike des Öbersten Konterfeis, alle anderen per ebenfalls charakteristischer Nase als seine Nachkommen ausgewiesen, Traute Hoess, die diesen nun statt jedweder Weisheit den Nationalsozialismus mit dem Löffel eingeben muss, weil kein Nahrungsmittel aus Deutschland „nazifrei“ sei. Aus dem Topf quillt statt Nudeln Hakenkreuz-Pasta. Basta, brüllt König Bernhard: „Nazisuppe! In jeder Suppe findet ihr die Nazis!“

Welch ein abschließendes Bild – und selbstverständlich lassen sich die 1940-Jahre mit den späten Siebzigern mit 2020 nicht vergleichen. Doch ist sich der „Freispruch“-Diagnose des Standard anzuschließen, wenn dort über die Rechtsschaffenden steht, sie reichten „ihren schauerlichen Gesinnungskitsch sauber abgeschmeckt an die heutige Generation Slim Fit weiter.“ Oder um es mit Brecht zu sagen: „Der Schoß ist fruchtbar noch …“ Ui!

Video: www.youtube.com/watch?v=gx9B4rfS2R8           www.josefstadt.org

  1. 10. 2020

Wiener Festwochen beenden Arbeit mit Tcherniakov

April 4, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Achim Freyer inszeniert nun Beethovens „Fidelio“

Bild: mottingers-meinung.at

Bild: mottingers-meinung.at

Die Wiener Festwochen beenden die Zusammenarbeit mit Dmitri Tcherniakov. An seiner Stelle wird nun Achim Freyer der Regisseur und Bühnenbildner der „Fidelio“-Produktion 2016 sein. Dies wurde Montagmittag mittels einer Aussendung angekündigt.

„Nachdem Dmitri Tcherniakov die erforderlichen Vorarbeiten für die Inszenierung und das Bühnenbild in der dafür notwendigen Zeit leider nicht erbracht hat, haben sich die Wiener Festwochen gezwungen gesehen, dem Künstler die Zusammenarbeit aufzukündigen“, heißt es darin. Man danke Achim Freyer, dass er sich so kurzfristig bereit erklärt habe, eine eigene neue Inszenierung zu realisieren und das Bühnenbild zu entwerfen.

Dirigent, Orchester und Chor sowie die Sänger bleiben unverändert. Unter der Leitung von Marc Minkowski spielen Les Musiciens du Louvre Grenoble. Es singen Christiane Libor, Elizabeth Watts, Julien Behr, Franz Hawlata, Michael König, Georg Nigl, Jewgeni Nikitin und der Arnold Schoenberg Chor. Die Vorstellungen finden ab 14. Juni im Theater an der Wien statt.

Freyer zeigte zuletzt in Wien im November an der Volksoper einen „Don Giovanni“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=16042.

www.festwochen.at

Wien, 4. 4. 2016

Volksoper: Don Giovanni

November 15, 2015 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Achim Freyer verwurstet den Wüstling

Josef Wagner (Don Giovanni), Andreas Mitschke (Komtur) Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Machen Sie eine typische Handbewegung: Josef Wagner als Don Giovanni mit „Komtur“ Andreas Mitschke. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

An der Volksoper bricht Achim Freyer mit alten Gewohnheiten. Seh- wie Hör-. Seine Inszenierung von Mozarts „Don Giovanni“ wurde ergo mit beinah ebenso vielen Buhs wie Bravos bedacht. Freyer holt den Frauenhelden aus der ewigen Finsternis diverser Bühnenbilder ans Lichte. Er zeigt seine mit viel Liebe zu Details ausgestattete weiße Comicschöpfung mit Kirche, Hotel, Leuchtturm. Ein Schaumstoffstädtchen für die Schaumschläger, die zwischen Schicksalswürfel und Schweinskopf ihre Posen proben. Sie wurden als Weißclowns in diese Welt geknobelt. Und mitten drin, gekennzeichnet von Gottes rachsüchtiger red right hand, der Verführer, den sein Anonymousgesicht sowohl als Spaß- als auch als Protestbewegten ausgibt. Gegen das Spießertum. Wir sind Legion. Dieser Don Giovanni ist kein Einzeltäter mehr, er ist ein Prinzip, ein Lebens- und Lustprinzip.

Freyer nimmt sehr ernst, dass Mozart den „Don Giovanni“ in seinem Werkverzeichnis als Opera buffa beschrieb, die ständige Anwesenheit von Bühnenarbeitern und zirzensische Einlagen geben das Spiel als Spiel aus. Freyer nähert sich dem Abend leichtfüßig, zeigt eine Art Commedia dell’arte mit Archetypen. Was nicht heißt, dass nicht die schlimmsten Dinge passieren. Sex und Gewalt. Die Décadence demaskiert sich mittels Maskerade. Der Theatermacher hat dazu mit dem Ensemble einen Zyklus an Gesten einstudiert, der die Figuren ausweisen soll. Machen Sie eine typische Handbewegung. Das ist bei Don Giovanni etwa eine fließende, die sich vom Streicheln eines Instruments – einer Geige – zum wiederkehrenden Gruß wiederholt, bei Zerlina ein Rascheln mit dem Rock. Manchmal sind die Regungen falsch, weil der Schelm nicht immer denkt, wie er gerade tut. Ein manieristisches Gehabe, das beweist, dass hier jeder für sich und gegen die anderen ist. Täuscht die, die selber euch täuschen!

Zum Babylon trägt eine Sprachverwirrung bei. Weil Hausherr Robert Meyer und Achim Freyer sich wohl nicht einigen konnten, wird Italienisch und Deutsch gesungen. Allerdings erschließt sich nicht wirklich logisch, was wann warum. Denn auch die Contadini singen italienisch, die hohen Herrschaften mitunter deutsch. Klar verdeutlicht sich die Intention lediglich bei Giovannis und Leporellos Beiseitereden, wenn per Rezitativ das Einvernehmen mit dem Publikum gesucht wird. Es scheint mehr so, dass, wenn Freyer ein Parla! melodischer schien als der Kehlkopfbrecher Sprich! eben ersteres zum Einsatz kam. Das hat so oder so Methode. Gespielt wird die Prager Fassung, erweitert um Da Pontes Wiener Arien für Elvira und Ottavio. Der niederländische Dirigent Jac van Steen agiert am Pult luftig und zart, er unterstützt die Sänger mit sorgfältiger, sachter Hand.

Ihnen, den Solisten, gehört die höchste Hochachtung. Sie stellen sich nicht nur bravourös der schwierigen Zweisprachigkeit und sind in dieser erfreulich wortdeutlich, sie gehen auch mit den Ein- und Verhüllungen souverän um und haben Freyers verordneten Gestenkanon im kleinen Finger. Sie leisten Präzisionsschwerstarbeit und vollbringen eine gesamtkunstwerkliche Leistung. Josef Wagner verführt als Titelantiheld mit seiner schön timbrierten, ebenmäßig geführten Stimme. Er ist einer, der Frauen zum Schweben bringt, er weiß den Witz zu singen, ebenso wie Mischa Schelomianski, der als Leporello ein genüßlicher Vernascher von Wein und Weib an der Tafel seines Herrn ist. Ein gelungener Gag, wie bei der Registerarie die ganze Kunstgeschichte stark gekürzt abläuft; diesem Don Giovanni ging selbst Mona Lisa ins Netz.

Wie die beiden Herren bestechen stimmlich auch Esther Lee als stachelhaarige Donna Elvira – die Sopranistin sprang kurzfristig für die erkrankte Caroline Melzer ein – und Kristiane Kaiser als Donna Anna. Ihre Präsenz ist so prägnant, dass man in einer Szene tatsächlich verpasst, auf welchem Wege sich die Statue von der Bühne stiehlt. Was spannend, weil mitunter peinsam ist. Andreas Mitschke verleiht dem Komtur mit großem Volumen in der Tiefe Haltung. Anita Götz ist eine bauernschlaue, glockenhelle Zerlina, Ben Connor als Masetto ein dumper Kraftlackel. Jörg Schneider holt sich als Don Ottavio für seinen höhensicheren, von der Wärme der Liebe schmelzenden Tenor den größten Applaus ab.

Achim Freyer erschafft Sehnsuchtsbilder einer Höllenfahrt, an deren Ende sich das Inferno als ein von Menschen geschaffenes erweisen wird. Vom Battiti! zum Pentiti! wird Giovannis Weg pechschwarz und schwärzer, ein Schattengang, der sich im Wortsinn auf die anderen abschminkt. Drei nachtfarbene Fischer und ein Totengräber-Tod begleiten die Handlung, auf dem Friedhof werden sich Fisch und Kreuz symbolisch vereinen. Spätestens an dieser Stelle beweist sich Freyers Arbeit als Inszenierung mit Hand und Fuß, denn der Freigeist Giovanni wird von den gesellschaftlichen Kleingeistern, denen er’s angetan hat, in Stücke gerissen. Und verwurstet bis auf die blutigen Eingeweide. Leporello muss lügen und eine Story von einem steinernen Gast erfinden. Spätestens da stürmten Teile des Publikums gegen die Bilder. Dabei war’s doch ein lieto fine für alle. Ab ging’s nämlich ins Ristorante, wo Würstel à la Giovanni aufgetischt wurden. Von denen sich Achim Freyer das erste nahm. Ziemlich grotesk das alles … großartig!

www.volksoper.at

Wien, 15. 11. 2015