Glück ist was für Weicheier

Februar 6, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Martin Wuttke schwört auf Walgesänge

Stefan Gabriel, Alleinerzieher zweier Töchter, arbeitet als Bademeister und ehrenamtlich als Sterbebegleiter: Martin Wuttke. Bild: © Filmladen Filmverleih

Zum Schluss des Films hebt sich die Kamera von Christian Stangassinger hoch über die Siedlung. Eine Kleinstadt, die an Wald und Wiesen grenzt, die schmuck- wie geschmacklosen Häuser an den Baustil der 1960er-Jahre erinnernd, alle so ziemlich gleich, die Rollläden herunten, mit zugepflasterten Hinterhöfen und lange nicht mehr benutzten Swimmingspools.

Das Setting macht den Film, und dieses, Spießbürgertum und Kleingeistigkeit geradezu atmend, könnte ein übliches Die-Provinzler-zur-Rechenschaft-Ziehen sein. Ist es aber nicht. Denn in „Glück ist was für Weicheier“ von Regisseurin Anca Miruna Lăzărescu, ab Freitag in den Kinos, geht es nicht um die Grenzen im Kopf, sondern um die, die einem der eigene Körper setzt. Protagonistin ist Jessica, ein burschikoses Mädchen, darob eine Außenseiterin, die im pubertär beginnenden Boy-meets-Girl-Spiel ihren Platz sucht. Lăzărescu erzählt das mit großer Liebe und viel Respekt für die von ihr abgefilmten Figuren und einem leisen, subtilen Witz, der nie verletzend oder holzhammerig wird. Denn die Handlung ist tatsächlich alles andere als zum Lachen, leidet Jessicas Schwester Sabrina doch an einer tödlichen Lungenkrankheit.

Und während sie schon ihr Begräbnis samt Brass-Musik organisiert, schmieden die beiden noch einen letzten Plan. Die Entjungferung, heißt: Sex, soll das Sterben abwenden, so steht es zumindest in den pseudo-okkulten Büchern, die Jessica und Sabrina wälzen – und für die Tat muss ein Kandidat gefunden werden. Lăzărescu findet dafür eine gehörige Prise absurden, doch nie überzogenen Humors. Sie nimmt ihr Thema überaus ernst, aber es ist eben zum Schmunzeln, wenn der Vater der Töchter, Bademeister und ehrenamtlicher Sterbebegleiter, im Hospiz einem Dahinscheidenden zeitgleich den „Orgasmus des Todes“ schildert, und in seiner Euphorie zu helfen erst gar nicht merkt, dass sein Gegenüber längst gegangen ist.

Mit seiner burschikosen, zwangsneurotischen Tochter Jessica: Martin Wuttke und Ella Frey. Bild: © Bernd Spauke

Mit seiner todkranken Tochter Sabrina: Martin Wuttke und Emilia Bernsdorf. Bild: © Filmladen Filmverleih

Martin Wuttke spielt ganz wunderbar diesen Stefan Gabriel, der seit dem Tod seiner Frau Alleinerzieher ist, und bemüht, drei Leben in den Griff zu bekommen, obwohl ihm diese mehr und mehr entgleiten. Um Stress abzubauen, hört er via CD Walgesänge. In diesen Augenblicken zieht Wuttke selig lächelnd durch die Straßen, aber derart Momente dauern nur kurz. Hat er doch nicht nur mit den körperlichen Beschwerden von Sabrina zu kämpfen, sondern auch mit Jessicas seelischem Zustand, die sich ob der familiären Verhältnisse in diverse Zwangsneurosen hinein manövriert hat.

Als da wären das unkontrollierbare Rauf- und Runterziehen von Socken wie der Glaube an die Gefährlichkeit verschiedener Zahlen. Und zahlreiche andere ausgefeilte Ticks. Ungelenk ist ein passendes Wort für die Art, wie sich die Figuren bewegen, und ungelenk ist auch der Psychotherapeut, Christian Friedel, zu dem Jessica geschickt wird, oder die Leiterin der caritativen Einrichtung, Sophie Rois, die bei Stefan einen Annäherungsversuch unternimmt, der natürlich scheitern muss.

Die einzige, die hier ihrer selbst bewusst zu sein scheint, ist Emilia Bernsdorf als die stets durchgestyle, scheußlichste Horrorfilme wie einen Fetisch betrachtende Sabrina. Sie ist, was man eine alte Seele nennt. Dass diese Coming-of-Age-Geschichte niemals zur Karikatur gerät, sondern immer wahrhaftig bleibt, liegt allerdings überwiegend an Ella Freys Jessica, die sich schließlich in den einen, älteren, Mitschüler verliebt, nur um zu erkennen, dass der andere, gleichaltrige, die für sie bestimmte Wahl ist. Aus dem Off lässt Lăzărescu deren Gedanken herbeiflüstern, dieses Gerade-noch-Kind, das sich zur Schadensabwehr in „heilige“ Rituale flüchtet, schwer gezeichnet von dem, was es tragen muss.

„Glück ist was für Weicheier“ ist ein stiller, unsentimentaler Film mit Zeitpunkten komischer Verzweiflung. Etwa, wenn Wuttke einen um sein Leben strampelnden Marder aus dem Pool befreit, nur um später auf der stolzen Probefahrt mit dem angedacht neuen Auto einen Hirsch anzufahren. Dessen starkes Geweih umklammernd, kann er nicht verhindern, dass das Tier von ihm geht. Welch ein Symbolbild.

Ein vergeblicher Annäherungsversuch: Sophie Rois geht als Sterbehospiz-Leiterin aufs Ganze, aber Martin Wuttke will eigentlich nur reden. Bild: © Filmladen Filmverleih

Martin Wuttke spielt unprätentiös und authentisch und ergibt sich ganz der resignierten Sprödheit seiner Figur. Ella Frey, die 15-Jährige fällt nicht zum ersten Mal positiv auf, bezaubert mit ihrer ausdrucksstarken Darstellung. Ein verstörter Teenager, weil sie sich in ständiger Gefahr glaubt, dass etwas Schlimmes passieren wird. Was dann selbstverständlich auch eintritt.

Wuttkes Bademeister Gabriel wird schließlich ein Mädchen retten, vor dem Ertrinken, und diese Tat wird eine sein, die er für sein eigenes nicht wiederholen kann. Starker Stoff, karge Bilder, draußen ist Leben, doch drinnen zieht es vorbei – aber immerhin das Ende ist lyrisch und zart.

www.glueckistwasfuerweicheier-film.de

  1. 2. 2019

Burgtheater: Schöne Bescherungen

Dezember 26, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Früher war mehr Lametta

Die Familie beäugt den unbekannten Gast: Falk Rockstroh, Maria Happel, Marie-Luise Stockinger, Michael Maertens, Tino Hillebrand, Nicholas Ofczarek, Fabian Krüger und Katharina Lorenz. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Kaum ist das eigene Weihnachtsdesaster überstanden, kann man sich getrost anderer Leute Katastrophen zuwenden. Am Christtag gab’s am Burgtheater wieder „Schöne Bescherungen“, und das eben noch von Baum, Punsch und Päckchen bedrängte Publikum amüsierte sich prächtig. Alan Ayckbourns Komödie ist ja für die Heilige Nacht das, was „Dinner For One“ für Silvester ist, jeder hat es schon einmal gesehen, dieses Stück, in dem eine Familienfeier vollständig außer Kontrolle gerät.

In dem von Saufen, Streiten, Schreien, von schäbig gewordenen Ehen über den schießwütigen Onkel bis zum Sex unter der Nordmanntanne nichts fehlt, was das Fest der Liebe in eines der Hiebe verwandeln kann. Und weil Schadenfreude die schönste ist, und jeder, wenn auch wohl weniger drastisch, Situationen, wie die vorgeführten kennt, ist „Schöne Bescherungen“ bereits seit fast vierzig Jahren der Hit der Dezemberspielpläne – an der Burg nun von Barbara Frey und einer Top-Besetzung umgesetzt. Die hauptberufliche Intendantin des Schauspielhauses Zürich, das weiß man von ihren Oscar-Wilde- oder Eugène-Labiche-Arbeiten am Haus, bringt ihre Komödieninszenierungen auf eine ihr typische Betriebstemperatur.

Diesmal liegt diese, so es einen Vergleich zu wählen gilt, im Bereich der Hoppenstedts, heißt: Frey setzt auf den absurden Humor von Alltagsmomenten, und bis auf ein, zwei Szenen mehr auf Sprachwitz, denn auf Slapstick. Was nicht bedeutet, dass auf aufgeladene Atmosphäre, Outrage und Eskalation verzichtet wird. Aber Frey fühlt mit den Figuren und deren Festtagsstress, und das Ensemble versteht es, aus den Rollen tragikomische, dennoch wahrhaftige Gestalten zu formen. Nicht die Art von gehässigen Karikaturen, die man in bissigeren Aufführungen schon gesehen hat. Beispiel: Selbst als Onkel Harvey auf den vermeintlichen Geschenkedieb Clive geschossen hat, drückt ihm die angeheiratete Nichte Belinda noch liebevoll tröstend ein Küsschen auf die Stirn.

Bereit zum Puppenspiel: Katharina Lorenz als Belinda, Nicholas Ofczarek als Neville und Michael Maertens als Bernard. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Als Köchin am Ende ihrer Kraft: Maria Happel spielt Phyllis. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Der Weihnachtsmann spricht über seine Gefühle zu Rachel: Marie-Luise Stockinger als Pattie, Dörte Lyssewski als Rachel und Fabian Krüger als Clive. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Alles atmet hier Mittelstand, und dafür hat Bettina Meyer ein Bühnenbild entworfen, ein Kleinbürgerhaus, mit unten Wohn-, Esszimmer, Küche, oben eine angedeutete Galerie, die zu den Schlafzimmern führt, in dem vom leergefutterten Adventskalender bis zum Leuchtstern im Fenster auf kein Detail vergessen wurde, der Christbaum natürlich zu hoch und ergo schief und mit abgeknickter Spitze. Ins Bild passen die Kostüme von Esther Geremus, von großgemusterter Herrenstrickweste bis spießigem Faltenrock, von Pullover mit Weihnachtsmotiv bis zum herzallerliebsten Erwachsenenstrampler, in dem Hausherr Neville zu Bett zu gehen pflegt.

Den spielt Nicholas Ofczarek mit Schnauzbart und Mut zum Bauch als bedächtigen Tüftler an diversem kaputten Kinderspielzeug, dem der stets umgeschnallte Werkzeuggürtel näher ist, als die Ehefrau. Ofcareks Neville ist immer um Beruhigung der Lage bemüht, doch als er dann schließlich in die Luft geht … ist das eine schöne Charakterstudie des ganz normalen Familienvaterwahnsinns. Eine solche gelingt auch Katharina Lorenz als seiner besseren Hälfte Belinda, die changierend zwischen Ärger, Ungeduld und Leidensmiene die Verwandtschaft erträgt.

Feinkost bieten ebenso die anderen Darsteller: Maria Happel gestaltet mit Nevilles Schwester Phyllis die Alkoholikerin, deren beständige Küchenunfälle zwar für Lacher sorgen, von der aber auch klar wird, wie sehr der seidene Faden, der ihre Lebensunfähigkeit hält, an ihrem Mann Bernard hängt. Den spielt Michael Maertens mit so sympathischer Subordination, dass ihm die volle Anteilnahme der Zuschauer gilt. Maertens gibt den Kauz, wie man’s von ihm kennt und liebt, immer beflissen, dennoch indigniert, weil keiner seine Bemühungen zu schätzen weiß, und aufbrausend, wenn es nicht nach seinem Kopf geht.

Und selbstverständlich gehört ihm mit seinem nervtötenden Marionettenspiel samt fiepsenden Klorollenschweinchen der Höhepunkt des Abends. Tino Hillebrand und Marie-Luise Stockinger sind als Eddie und hochschwangere Ehefrau Pattie zu sehen, er ein Loser und Durchlavierer, sie deswegen im permanenten Ausrastmodus. Falk Rockstroh spielt den reizbaren Onkel Harvey, Dörte Lyssewski Belindas Schwester Rachel als überreifen Hippie mit Hang zur Theatralik. Sie ist es, die den Schriftsteller Clive, Fabian Krüger, eingeladen hat, der von den Ereignissen im Weiteren überrollt wird.

Onkel Harvey begutachtet die Geschenke, Neville tüfelt am Teddybären: Falk Rockstroh, Nicholas Ofczarek, Katharina Lorenz als Belinda und Tino Hillebrand als Eddie. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Frey hat fein gearbeitet. Wunderbar etwa, wenn Lorenz‘ Belinda Krügers Clive zwar ein leidenschaftliches „Ich will dich“ zuwirft, sich dann zum Sex aber hausmütterchenmäßig stocksteif auf den Boden legt. Oder die Szene, in der der für die Kinder als Weihnachtsmann verkleidete Clive versucht, Rachel seine Gefühle zu offenbaren, wobei ihm nicht nur der weiße Bart, sondern auch beider Verklemmtheit im Weg ist. Oder, wenn Eddie seine Pattie nach einem neuerlichen Wortgefecht als „Zuckermäuschen“ in die Arme schließt. Das ist Leben, wie es so spielt. Manchmal zum Schenkelklopfen, viel öfter aber zum leis‘-verzweifelt Schmunzeln.

www.burgtheater.at

  1. 12. 2018

Rabenhof: Ja, eh! Beisl, Bier und Bachmannpreis

April 21, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Wandverbau im seelischen Wohnzimmer

Damenkränzchen mit Band: Martin Dvoran, Matthias Frey, David Schweighart, Voodoo Jürgens, Miriam Fussenegger, Lena Kalisch und Saskia Klar. Bild: Ingo Pertramer

Zu Beginn jaulen erst einmal nur die Gitarren. Die Protagonistin(nen), eine durchaus unheilige Dreifaltigkeit, ist/sind sich nämlich noch sicher: „Es wird ein guter Tag, denn ich habe das Gefühl, ich habe meine Probleme im Griff.“ Na, wer das glaubt, wird bestimmt nicht selig. Als musikalische Untermalung folgt nun das gfeanzte Weanaliad „Wien bei Nacht“, stilecht vorgetragen mit Goldketterl um den Hals und aufgekrempelten Jackettärmeln. Raunzerherz, was willst du mehr? „Ja, eh!“ – Mehr!

Im Rabenhof hat Regisseurin Christina Tscharyiski Texte von Stefanie Sargnagel und Lieder von Voodoo Jürgens – unter dessen Live-Mitwirkung als Zeremonienmeister – zu einer untergangslustigen Revue zusammengestellt. Doch, oh weh!, die Aufführung hat einen gravierenden Fehler.

Sie ist mit knapp mehr als einer Stunde kurz. Viel zu kurz. Zwar gibt’s, und welcher Theaterabend kann das noch von sich sagen, applausbedingte Zugaben, doch als es einen am eben erst angebrochenen Abend in die schwarze Luft vorm Gemeindebau weht, wär’ man gern noch Gast geblieben im Sargnagel’schen Kosmos der spaßbefreiten Tschocherl und der sie bevölkernden seltsamen Menschentierchen. Autorin-Rotkäppchen saß übrigens in Reihe vier, und ausnahmsweise mucksmäuschenstill, fast meinte man ein wenig angespannt, ob ihre selbstironischen Statusmeldungen, abgründigen Milieudarstellungen und präzisen Daseinsbeobachtungen für die Bühne taugen.

Es taugt. Dem Publikum wie den drei Alter-Ego-Darstellerinnen, die angetan mit verlotterten Pullovern, schaichen Trainingsbuxen und Joggingstirnband (Kostüme: Cátia Palminha) die tiefsinnigen Texte des Facebook-Phänomens und Reibebäumchens für Kronenzeitungsleser, des Clinch-Subjekts für Kollegen Thomas Glavinic, der Sargnagel als „talentfreie Krawallnudel“ bezeichnete, und des aktionistischen Burschenschaftermitglieds „Hysteria“, das den FPÖ-Akademikerball stürmte, zum Besten geben. Der Text „Penne vom Kika“, mit dem Sargnagel im Vorjahr den Publikumspreis beim Bachmann-Wettlesen gewann, ist ebenfalls Teil der Inszenierung.

Sargnagel mischt das Randbezirkrotzige mit dem Proletentrotzigen, mischt Bobo-Banales mit ihrer Gossenkunstsprache, mischt ihren Fäkalrealismus mit liebevoll gemeinter Bosheit – und kreiert so gültige Aussagen übers allzu Unmenschliche. Während sie über den Ausverkauf von Sprache berichtet, segeln ihre Satzschöpfungen durchs Dialektmeer eines H. C. Artmann oder eines Werner Schwab. Ihr Wienerisch ist eines der Wiedergänger, der literaturuntoten Pülcher, Strizzis und deren hoidseidanen Trottoirpflanzen. Voodoo Jürgens, der Kongeniale, erklärt dazu, wie man als Frau an odrahten Hund samt seine gfeudn Schmäh anglandt lossn kann. Er singt über die „Nochborskinda“, über emotionale wie materielle Verelendung, übers „Café Fesch“ und das Trotz-allem-Kopf-oben-Halten. Und den „Eislaufplotz“. Ein Song extra für den Rabenhof-Abend verfasst. Der, ja was? – Singer-Songwriter, jede Etikettierung greift für den Musikanten zu kurz, hat seinen Fanclub in Stellung gebracht; immer wieder kreischt eine Frauenstimme „Voodooo!“ in den bummvollen Zuschauerraum.

Stefanie Sargnagel als Trio infernal: Saskia Klar, Miriam Fussenegger und Lena Kalisch. Bild: Ingo Pertramer

The one and only Voodoo Jürgens. Bild: Ingo Pertramer

Bühnenbildnerin Sarah Sassen erdachte für all das einen Vollholz-Albtraum von Siebzigerjahre-Wohnwand. In ihm verstecken sich ein Klappbett ebenso wie das abgefuckte „Bertis Beisl“ und eine Gangtoilette. Und Miriam Fussenegger, Lena Kalisch und Saskia Klar proben als Lonesome-Girl hoch drei Position im und vorm sargnagel-seelischem Wohnzimmerwandverbau. Samt Bier und Tschicks. Ein wenig erinnert’s einen an die Rebellionspoesie der „Präsidentinnen“, wenn’s um Heftklammern-Selbstzüchtigung ob dummer, aber bezahlter Lifestylemagazin-Aufsätze, erfolgreich absolvierter Gehirnkrampfmorgendepressionen und um das Absäbeln kleiner Kinderfinger im Eislaufverein geht.

Oder die – jetzt: das Jaulen!– Beziehungskiste einer Freundin, bekannt als Operettendiva Mercedes. „Ich hab ihm einen geblasen, so urgut, verstehst du?“ Was ist eigentlich das Pendant zum Schnitzel- und Blowjob-Day? Krautfleckerl und Schlecken! „Es war so urgut, ich war so richtig dabei, ich bin richtig feucht geworden und er schmeißt mich einfach raus!“ Die Schauspielerinnen bewältigen in beachtlichem Tempo eine Art langen, inneren Monolog, in dem es um die Zerrissenheit zwischen Nichtstun und Funktionieren, Kunst vs Brotberuf, unbeantworteten SMS und innerem Schweinehund, langweilig geregeltem und subversiv selbstbestimmtem Leben geht. Ihre Performance gleicht einem Mantra, einem Manifest, einer Kampfansage an gesellschaftlich vorprogrammierte Rollenbilder.

Das Dreckige, das Räudige, das Bukowskihafte, dessen Trieb zur Antriebslosigkeit, den Autoren in der Regel für sich beanspruchen, hat Sargnagel postfeminisiert. In ihren Schreibarbeiten zeichnet sie das Bild einer Mehregomanin, als sich Männer heutzutag’ zu sein wagen würden. Sie gibt dem Chauvinismus eine weibliche Endung, und Fussenegger, Kalisch, Klar spielen das rau, roh und rogue. Und so lustig, wie die gebürtige Humoristin Sargnagel, nach Eigendefinition eine Kopfbuderei aus kleinem, „unrundem“ Mädchen und fettem Hooligan, das wohl vorgesehen hat. „Mir wurde gerade meine eigene Depression und Psyche quasi in einem Musical vorgespielt“, schrieb Stefanie Sargnagel nach ihrem Probenbesuch von „Ja, eh!“ auf Facebook.

„Ja, eh!“ im Rabenhof beweist, dass ihre Texte auch ohne sie, mittels einer ungeheuren Spielfreude zwischen Melancholie und morbidem Spaß funktionieren. Das lockt die Schriftstellerin Sargnagel auf eine neue Ebene. Es möge sie beflügeln auf ihrem Weg ins Abheben Richtung heimischer Literaturszene. Schließlich hat sie auf Extremösterreichisch bewiesen, dass ihr Lebensüberdruss und der postmoderne Ennui enormen Unterhaltungswert haben. „Die WienerInnen stehen drauf, sich im eigenen Auswurf zu suhlen bis es schmerzt, sich die Wirklichkeit möglichst hart ins Gesicht zu dreschen. Die Aktionisten wühlten fröhlich in der eigenen Scheiße und wenn einem das alles immer noch zu idyllisch ist, liest man halt eine Sexszene von Jelinek. Möglicherweise nur ein Klischee. Nach meiner letzten Lesung in Berlin kamen jedenfalls Exil-Wiener auf mich zu und meinten, genau das wäre es, was sie von Wien vermissen würden: den Grind.“

www.rabenhoftheater.com

Wien, 20. 4. 2017

Akademietheater: Ein europäisches Abendmahl

Februar 12, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Den Stier zum Schlachtvieh gemacht

Da-Vinci-Tableau-Vivant mit Damen: Catrin Striebeck, Maria Happel, Sylvie Rohrer, Kirsten Dene, Frida-Lovisa Hamann und Katharina Lorenz. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Am Ende des Abends im Akademietheater erklärt sich sein Titel, „Ein europäisches Abendmahl“, erklärt sich, warum immer wieder eine überdimensionale Holzplatte über die Bühne getragen wurde. Die Schauspielerinnen machen sie zum Tisch, machen daraus ein Da-Vinci-Tableau-Vivant mit Damen. Erstmals nun nach neunzig Minuten sprechen sie miteinander, wenden sie sich einander zu, statt wie davor zu monologisieren. Auf seiner Homepage schreibt das Burgtheater vorsorglich, „das ‚europäische Abendmahl‘ ist kein mageres pseudofeministisches Manifest“, stimmt!, denn hier wird in einem starken Bild festgehalten, wie sich Frauen männlich besetzten Bedeutungsraum erobern.

Fünf Autorinnen aus fünf Ländern, Jenny Erpenbeck, Nino Haratischwili, Elfriede Jelinek, Terézia Mora und Sofi Oksanen, haben Frauenfiguren für diese Uraufführung erdacht, Barbara Frey hat sie inszeniert. Das Ergebnis ist ein Fest für sechs Schauspielerinnen, von der Regie kaum in ihren Reden unterbrochen, sondern in ihrer Darstellung subtil unterstützt, die Frey weiß halt, was sie tut, sie vertraut zu Recht der literarischen Qualität der Vorlagen. Gespielt wird in einer Art abgefackeltem, abgefucktem Prunksaal, der Rauch eines schwelenden Brands hängt in der Luft. In der Traumdeutung steht dieses untergründig Verheerende für innere Unsicherheit und falsche Zielsetzung – und genau darum geht’s:

Um Angstszenarien, die die Realität ins Absurde kippen. Um ein Wir-Sein, das im Wirr-Sein versinkt. Um die Anrufung von Werten und vor allem Sitten, Moralgesabbere, aber Anstand nirgendwo. Um Identität und Identitäre, Ideologie und Idiotie, Integrität und Integration, und Heimat als Begriff, nicht begriffen. Die Frauen in diesem Szenario sind keine Siegerinnen, die stehen an der Hintertür des gesellschaftlichen Spektrums, das Heilsversprechen einer besseren Existenz ist Utopie geblieben, und so meistern diese Anti-Heldinnen ihre missliche Lage im täglichen Überlebenskampf mit tapferer Selbstironie. Botschaften haben sie keine, keinen mahnend erhobenen Zeigefinger, nur Geschichten ihres Lebens. Und das sind nicht immer sympathische.

Kirsten Dene tritt als Erste auf, als „Mari“, Terézia Moras Debüt als Dramatikerin. „Frieden ist, wenn jeder bleiben kann, wo er ist“, erklärt sie. Ihr selbst war das nicht vergönnt. Ihre Flucht, mutmaßlich aus Ungarn, führte sie durch vieler Herren Länder, sie war Illegale und Schwarzarbeiterin, sie hat ihre Entwurzelung akzeptiert. Neckisch, in heiterem Ton erzählt das die Dene und lässt kokett die silbernen Löckchen tanzen. Ihre Angst vorm Fliegen und vor Bettlern und vorm Fremden bezwingt sie, indem sie einem syrischen Flüchtling hilft, dem Fremden also ein Gesicht gibt. Und doch wird auch dieser Schritt keiner aus der Isolation sein.

Neckisch bis in die Löckchen: Kirsten Dene spricht Terézia Moras Monolog „Mari“, ein Flüchtlingsschicksal im Rückblick. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Autorinnen-Look-Alikes: Sylvie Rohrer und Frida-Lovisa Hamann spielen Elfriede Jelineks „Frau aus Österreich“. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Ganz anders die „Frau aus Österreich“, Elfriede Jelineks Beitrag zur Aufführung und der einzige, der für das Projekt nicht aktuell geschrieben wurde, sondern zu den Zusatztexten der „Schutzbefohlenen“ gehört. Hier will man „unter sich“ bleiben. Sylvie Rohrer und Frida-Lovisa Hamann fungieren als Autorinnen-Look-Alikes und sozusagen „Synchronsprecherinnen“. Mit weit aufgerissenen Augen berichten sie im Duett von der Festung Europa, die ein Kartenhaus ist, ihr Stier zum Schlachtvieh gemacht. Werte gilt es, wie Grenzsteine zu setzen, sagen sie, bevor sie in einem Erdloch in Deckung gehen.

Maria Happel ist Marusja, eine von der georgischen Autorin Nino Haratischwili zu Papier gebrachte Figur. Die Putzfrau, selbst Immigrantin und nun zu ihrer Schande dazu verdammt, in einem Flüchtlingsheim sauber zu machen, hat einen unbändigen Hass auf die „Hammelfresser“, die noch dazu von der Willkommenskultur der „Eingeborenen“ und ihrer „Armee von Freiwilligen“ verhätschelt werden. Eine Gunst, die sie nie erfahren hat! Wie die Happel zwischen Vorurteile dreschen, Tiraden schleudern, grotesk Grauslich sein und Mut zur Verzweiflung das Trauma dieser Marusja austariert, macht seine Mitte gleichsam zum Höhepunkt des Abends.

Maria Happel brilliert als ausländerfeindliche Immigrantin „Marusja“ von Nino Haratischwili. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Sofi Oksanen schreibt in „Darja und Mary“ über Elternglück im Sonderangebot: Katharina Lorenz und Catrin Striebeck. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Spricht Nino Haratischwili in ihrem Text das Ausspielen der sogenannten Wirtschafts- gegen die Kriegsflüchtlinge an, die Sorge um den längst angestammt geglaubten Platz, die Furcht und die Selbsterniedrigung vor denen, die das Sagen übers Kommen-Dürfen und Gehen-Müssen haben, zeigt Sofi Oksanen einen anderen Irrpfad ins vermeintliche Glück. In „Darja und Mary“ soll der Weg der Frau aus der Armut über den Verkauf des eigenen Körpers gehen, nicht Prostitution, sondern Eizellenspende. Katharina Lorenz und Catrin Striebeck gestalten diese Geschichte, die ein wenig aus der Reihe fällt, die vom kapitalistischen Prinzip von Angebot und Nachfrage erzählt, vom Fortpflanzungsdruck und Leistungsabfall in den Industriestaaten, während die, die nichts haben, „wie die Karnickel!“ … Skurril klingt, wie die Biografie der potenziellen Spenderin ins Positive geschönt wird. Alkoholismus und Freitod in der Familie passen nicht in den Warenkatalog der Babyagentur.

Bleibt als letzter Text Jenny Erpenbecks Szene „Frau im Bikini“, mit der noch einmal Frida-Lovisa Hamann auftritt. „Ich habe heute Nacht nicht geschlafen, ich habe die ganze Nacht gehasst“, zitiert sie Bismarck und zählt detailliert Waffenlieferungen deutscher Firmen in Krisengebiete auf. Wegen Terror und Tod traut sie sich nicht mehr nach Draußen, ihre Straßen-Flucht die nackte Neurose, so nackt, als müsse sie im Bikini gehen. Diese Inventur Europas aus dem Blickwinkel von Frauen, sie ist aufs Erste niederschmetternd, ist gekennzeichnet von Ausbeutung und Angst, Hetze und Hass. Gut tut da der Hoffnungsschimmer zum Schluss, die Tischgesellschaft, die von der Jelinek’schen Wortweberei bis zu Oksanens zartem Sprachgespinst alle eint. Ein Flachmann geht rum, Solidarität sollte als Chance gesehen werden. In weiblicher Hand wäre die Welt vielleicht nicht besser, aber mit Sicherheit … anders. Vorhang.

www.burgtheater.at

Wien, 12. 2. 2017

Schauspielhaus Wien: Das Gemeindekind

März 6, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Abend zum Weiterdenken

Thiemo Strutzenberger, Franziska Hackl Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Thiemo Strutzenberger, Franziska Hackl
Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Der 1887 veröffentlichte Roman „Das Gemeindekind“ gilt als das Hauptwerk der österreichischen Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach (1830–1916). Die adelige Autorin erlangte Bekanntheit durch ihre psychologischen Erzählungen mit gesellschaftskritischem Inhalt, verbunden mit der Forderung nach Emanzipation. Der Titel „Das Gemeindekind“ steht für den energischen Protagonisten Pavel Holub, der der Gemeinde zur Last fällt, weil sein Vater gehenkt und seine Mutter mit Kerker bestraft wird. Thema der Geschichte ist der Einfluss der Erziehung und des Milieus, aber auch des Willens eines Individuums auf seine Entwicklung: Trotz wiederholten Rückschlägen gelingt Pavel der Aufstieg von einem abgeschobenen Gemeindekind zu einem respektierten Gemeindemitglied. Dieser Werdegang widerlegt die Auffassung, dass negative Eigenschaften und Verhaltensweisen vererbt würden. Marie von Ebner-Eschenbach übt mit dem Roman Kritik an der gesellschaftlichen Einstellung gegenüber Kindern aus Problemfamilien, den Vorurteilen, die ihnen entgegengebracht werden und ihrer Zurückweisung oder Abschiebung. Dabei nimmt sie weder Kirche, Adel noch Dorfgemeinschaft von ihrer Kritik aus. Rezensenten sehen in dem Werk große Erzählkunst, verknüpft mit humanitärem Denken und pädagogischer Absicht der Dichterin. Das zeigt sich insbesondere in der authentischen Schilderung sozialer Umstände, einer gedämpften Verklärung und der abschließenden Darstellung einer sich frei entwickelnden Persönlichkeit.

Anne Habermehl (Libretto), Gerald Resch (Komposition) und Rudolf Frey (Regie) versuchten aus der Prosa nun ein Singspiel für fünf Sänger und fünf Instrumente zu machen. Keine Aktualisierung des Ebner-Eschenbach‘schen Werks, keine Adaption des Romans für die Bühne sollte es werden, sondern eine Neudichtung. Der Ansatz ist sehr gelungen, wiewohl er in 75 Minuten unmöglich die Wichtigkeit des Werks entsprechend würdigen kann. Es musiziert das Ensemble PHACE. Es singen und spielen Thiemo Strutzenberger (Pavel), Franziska Hackl, Florian von Manteuffel, Barbara Horvath und Katja Jung. Habermehl, die den Stoff in den Postkommunismus versetzt, schuf ein Konzentrat, ein Lehrbeispiel für mangelndes Vertrauen, fehlende Solidarität und Fremdenfeindlichkeit. Kunovice ist nicht nur heute, sondern überall. Und der Mensch hat Talent darin, die Schuld anderen in die Schuhe zu schieben.

Doch zunächst teilen sich die Frauen das sozial verstörte Gemeindekind auf. „Bildungsarmut ist behandelbar“, teilt die Lehrerin Habrecht (Katja Jung) mit. Sie, die kommunistische Waisenhausleiterin, ist zur Zusammenhängesucherin mutiert. Weniger edel sind die Motive der Virgilova (Barbara Horvath), die nicht mehr als eine gierige Ziehmutter ist, die Pavel in ihrer Bar auf den Strich schickt. Der, gewohnt der Sündenbock zu sein, prostituiert sich gerne. „Geld ist ein verdammt gutes Gefühl“. Und er will seiner angebeteten Vinska (Franziska Hackl) doch so ein Wischdings-Handy kaufen. Doch die rotzfreche Göre, die sich selbst auf dem Marktplatz für die Burschen auszieht, spielt nur mit ihm. Florian von Manteuffel als Stänkerer Peter, der vor lauter Kraft die Beine nicht zusammenbringt, komplettiert das Panoptikum. Pavel ist und bleibt der Sündenbock. Strutzenberger spielt das in trotziger James-Dean-Pose. Trotz aller Bemühungen, sein Benehmen zu verbessern, auf den Ruf zu achten, zeigt sich bei der Mehrheit der Dorfbewohner keine Einsicht, was wiederum Aggressionen in Pavel auslöst und in einer Schlägerei endet. Er liegt in seinem Blut. Die Gemeinde tritt zum Totentänzchen an. Und Pavel geht.

Eine intensive Aufführung – nicht zuletzt dank der Musik von Gerald Resch, einem der wesentlichen Protagonisten der österreichischen zeitgenössischen Musik; „Das Gemeindekind“ ist seine erste musiktheatralische Arbeit. Der man zur Entfaltung mehr Zeit gewünscht hätte. Das sagt man dieser Tage auch nicht alle Tage.

www.schauspielhaus.at

Wien, 6. 3. 2015