Das Sigmund Freud Museum ist wieder geöffnet

August 30, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Vom Erfinden der Psychoanalyse bis zur Flucht 1938

Wartezimmer von Freuds Praxis. Bild: Hertha Hurnaus/Sigmund Freud Privatstiftung

Das Sigmund Freud Museum in der Wiener Berggasse 19 öffnete gestern nach eineinhalbjähriger Umbauzeit und #COVID-19-bedingter Verzögerung wieder seine Pforten: renoviert, erweitert und barrierefrei. Der „Ursprungsort der Psychoanalyse“, an dem der berühmte Arzt, Psychoanalytiker und Theoretiker Sigmund Freud beinahe ein halbes Jahrhundert lang lebte und wirkte, präsentiert sich mit modernisierten und erweiterten Museumsflächen inklusive

Foyer mit Shop und Café sowie einer neugestalteten Forschungs-und Kommunikationsplattform: Europas größter „Bibliothek der Psychoanalyse“. Drei neu konzipierte Dauerausstellungen, eine Kunstpräsentation im Schauraum Berggasse 19 und eine Sonderausstellung vermitteln Freuds vielschichtiges kulturelles Erbe – sie sind seinem Leben und Werk gewidmet, der Entwicklung der Psychoanalyse in Theorie und Praxis und ihrer Bedeutung für die Bereiche Gesellschaft, Wissenschaft und Kunst. Auch die Geschichte des Hauses Berggasse 19 sowie die bewegten Schicksale seiner Bewohnerinnen und Bewohner werden ins Blickfeld gerückt.

Die Beletage bleibt zur Gänze der Wissenschaft vorbehalten: Europas größter„Bibliothek der Psychoanalyse“, ausgestattet mit einem neuen Lese-und Vortragssaal, und dem Museumsarchiv. Im neu eingerichteten Foyer sind Museumsshop und Café untergebracht. Die Ausstellungsfläche wurde im Zuge des Umbaus auf circa 550 m² nahezu verdoppelt. Damit sind alle Räume, in denen Freud mit seiner Familie lebte und arbeitete, museal erschlossen: Das gesamte Mezzanin – die Privatwohnung der Familie und die Ordinationen von Sigmund und Anna Freud – bietet umfassende Informationen, die von den historischen Entwicklungen der Psychoanalyse bis hin zur kritischen Beleuchtung ihrer aktuellen Anliegen reichen. Die zeitgemäßen Bezüge werden in der ersten Sonderausstellung „Die unendliche Analyse. Psychoanalytische Schulen nach Freud“ aufgezeigt.

In einem neuen Stiegenhaus, das die Museumsgeschoße miteinander verbindet und einen Rundgang durch alle Ausstellungsräume ermöglicht, steht die Geschichte des Hauses und die seiner Bewohnerinnen und Bewohner im Mittelpunkt. Die ehemaligen Ordinationsräume im Hochparterre werden zum Schauplatz der Kunst: Die von Joseph Kosuth initiierte Sammlung umfasst Werke von John Baldessari, Pier Paolo Calzolari, Susan Hiller, Ilya Kabakov und Franz West, die dort gezeigt werden, wo Freud einst seine Traumdeutung schrieb. Im „Schauraum Berggasse 19“ an der Außenfront des Hauses wird die Installation „Hellion“ des amerikanischen Künstlers Robert Longo präsentiert.

Aussenansicht mit Robert Longo: untitled (Hellion). Bild: Hertha Hurnaus/Sigmund Freud Privatstiftung

Sigmund Freud. Bild: pixabay.com

Herrenzimmer Sigmund Freuds. Bild: Hertha Hurnaus/Sigmund Freud Privatstiftung

An den Wänden wurden Spuren der früheren Nutzung erkennbar freigelegt: Ursprüngliche Wandbemalungen, Tapeten, Befestigungsspuren des Teppichs, der über Freuds Behandlungscouch an der Mauer angebracht war bis hin zu einer Telefonleitung in Tochter Anna Freuds Schlafzimmer wurden von Restauratorinnen befundet und geben Zeugnis von den Raumnutzungen zu Freuds Zeiten. Ausgewählte Fotos, die Edmund Engelman 1938 heimlich und unter Einsatz von Mut und technischem Geschick vom Interieur der unter Gestapo-Observation stehenden Berggasse 19 machen konnte, geben den Besucherinnen und Besuchern Aufschluss über die originale Einrichtung und die Anordnung der Praxisräume vor der Flucht 1938.

Die Privaträume der Familie sind der Ausstellungsidee folgend Freuds Leben als Familienvater und seinem Werdegang als junger Arzt und Neurologe gewidmet. Objekte wie frühe Krankenhausdokumente und medizinische Instrumente, aber auch sein Reisenecessaire, Geschenke an die spätere Ehefrau Martha und weitere persönliche Gegenstände geben Auskunft über das Familienleben. Die Traumdeutung steht im Zentrum des ehemaligenSchlafzimmers der Freuds –Hörstationen ermöglichen dort eine Begegnung mit Sigmund Freuds Träumen, gelesen von Birgit Minichmayr und Philippe Sands. Auch originale Möbel gelangen in den Privaträumen erstmals zur Aufstellung: So konnte als Dauerleihgabe des Freud Museum London eine Kommode gewonnen werden, die im sogenannten „Herrenzimmer“ mit demzugehörigen Intarsientisch einen Teil des originalen historischen Ensembles bildet.

Auch über die gewaltbehaftete Geschichte nach Freuds Vertreibung durch die Etablierung von „Judensammelwohnungen“ wird berichtet – insgesamt 76 Personen mussten im Haus Berggasse 19 auf ihre endgültige Deportation in Vernichtungslager warten. In seinen täglichen Aufzeichnungen notiert Freud am 14. März 1938:„Hitler in Wien“, diesem Eintrag folgt schon am darauffolgenden Tag „Kontrolle in Verlag und Haus“ und nur eine Woche später am 22. März: „Anna bei Gestapo“. Heute vermutet man, dass erst die Festnahme seiner jüngsten Tochter Anna und die bangen Stunden des Wartens auf ihre unversehrte Rückkehr, Freud dazu bewogen haben, seine Heimat zu verlassen – um wie er in der Sprache des Exils schreiben wird „to die in freedom“.

Der gelungenen Flucht Freuds und seinem engsten Familienkreis ins Londoner Exil, seinem Bruder Alexander und dem Schicksal seiner Schwestern Rosa, Marie, Pauline und Adolfine, ihrer Ermordung in den national- sozialistischen Vernichtungslagern Theresienstadt und Treblinka, ist eine eigene Sektion auf der Galerie des Foyers gewidmet, die über das neue Treppenhaus erreicht wird. Die Galerie gibt nicht nur den Blick auf jenen Kabinenkoffer frei, in dem Besitztümer der Familie Freud ins Exil verfrachtet wurden, sondern ebenfalls hinunter auf die Berggasse, die Freud am 4. Juni 1938 nach 47 Jahren für immer verließ.

Granatmedaillon mit Fotos der Kinder Freuds. Bild: Günter König/Sigmund Freud Privatstiftung

Verborgene Gedanken Visueller Natur. Bild: Hertha Hurnaus/Sigmund Freud Privatstiftung

Juwelierschachtel mit Widmung von Sigmund Freud an Martha. Bild: Günter König/Sigmund Freud Privatstiftung

Arzttasche Sigmund Freuds. Bild: Günter König/Sigmund Freud Privatstiftung

Berggasse 19 – ein Ort des Gedenkens: Zum einen ist diese Adresse „Ursprungsort der Psychoanalyse“, an dem Freud die menschliche Psyche und das Unbewusste erforschte und so den Menschen eine neue Selbstsicht eröffnete, die bis heute ihren Niederschlag in Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft findet. Gleichermaßen fungiert dieser Ort als Mahnmal und Gedenkstätte für den Verlust von Kultur und Menschlichkeit unter dem Terrorregime des Nationalsozialismus: Angesichts der historischen Verantwortung Österreichs und Wiens dient die Berggasse 19 dem Gedenken und der Erinnerung an all die vertriebenen und ermordeten Österreicherinnen und Österreicher.

www.freud-museum.at

30. 8. 2020

Lou Andreas-Salomé

September 8, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Frau, die über Nietzsche die Peitsche schwang

Lou Andreas-Salomé mit Paul Rée: Katharina Lorenz und Philipp Hauß. Bild: Polyfilm

Lou Andreas-Salomé mit Paul Rée: Katharina Lorenz und Philipp Hauß. Bild: Polyfilm

„Stellen Sie sich vor, ich sei ein Mann.“ Mit diesem Satz nahm Lou Andreas-Salomé Verehrern den Wind aus den Segeln. Deren hatte die Schöne viele. Paul Rée, Rainer Maria Rilke, Friedrich Nietzsche, Gerhart Hauptmann gehörten dazu, später sogar Sigmund Freud. Rilke widmete ihr Gedicht um Gedicht, Wedekind nannte angeblich sein Werk „Lulu“ nach ihr, mit Rée und Nietzsche ging sie kurzfristig eine geistige ménage à trois ein, geistig, weil sich Lou Andreas-Salomé der Körperlichkeit entzog.

Eine selbst auferlegte Askese, war sie doch überzeugt davon, nur der Zölibat schaffe ihr als Frau den nötigen Freiraum, in den Armen eines Mannes aber würde sie sich selbst zum Hausmütterchen degradieren … Es entstand das berühmte Dreierfoto, die Denker vor ihren Karren gespannt, sie mit der Peitsche in der Hand, und man fragt sich, ob in dieser Szene Nietzsches späterer Ausspruch vom Lederriemen und dem Weibe begründet liegt. Der sexuell abgewiesene, der über die Angebetete erst formulierte „Lou ist scharfsinnig wie ein Adler und mutig wie ein Löwe“, nannte sie dann nämlich die „dürre, schmutzige, übelriechende Äffin mit ihren falschen Brüsten“. Männer! Und unter ihnen so viele Hysteriker, es verwundert nicht, dass Freud folgen musste.

Lou Andreas-Salomé war Philosophin, Schriftstellerin und Psychoanalytikerin, geboren 1861 in St. Petersburg, gestorben 1937 in Göttingen, war sie eine der gelehrtesten und wissenschaftlich produktivsten Frauen ihrer Generation. Die Berliner Autorin und Regisseurin Cordula Kablitz-Post holt in ihrem Spielfilmdebüt „Lou Andreas-Salomé“, das ab 9. September im Kino zu sehen ist, dieses bewegte Leben aus der Vergessenheit. Entstanden ist ein faszinierendes Frauenporträt, das mit leisem Humor den Weg einer starrköpfigen Streiterin für mehr Rechte, für, wie sie es nannte, mehr „Raum für die Entwicklung der Frau“ nachgeht. Andreas-Salomé lebte die Emanzipation, wiewohl sie es stets weit von sich wies, eine, wie man heute sagen würde, Feministin zu sein.

Aufmüpfig als Kind: Liv Lisa Fries mit "Mutter" Petra Morzé. Bild: Polyfilm

Aufmüpfig als Kind: Liv Lisa Fries mit „Mutter“ Petra Morzé. Bild: Polyfilm

In späteren Jahren Revolutionärin der Psychotherapie: Nicole Heesters mit Matthias Lier als "Ernst Pfeiffer". Bild: Polyfilm

In späteren Jahren Revolutionärin der Psychotherapie: Nicole Heesters mit Matthias Lier als Ernst Pfeiffer. Bild: Polyfilm

Das Biopic ist bis in kleinste Rollen exzellent besetzt, mit dabei viele Burgtheaterschauspieler, Petra Morzé und Peter Simonischek spielen die Eltern Salomé, Philipp Hauß den Paul Rée. Merab Ninidze brilliert als Friedrich Carl Andreas, der Orientalist, der sich endlich als einziger auf eine sexlose Ehe mit Lou einließ, in seiner Not aber eine lebenslange Zweitliebe mit der Haushälterin einging. Alexander Scheer ist als Nietzsche augenrollend bedrohlicher und ergo skurriler wie Paulus Manker als Almas Kokoschka, Julius Feldmeier als Rilke ein weinerliches Bündel Mensch.

Man muss es sagen, der feinnervige Lyriker verliert in diesem Film deutlich an Boden, so raunzert ist das Bild, das Kablitz-Post von ihm entwirft. Lou Andreas-Salomé hatte ein Händchen dafür, Elegiebürscherln um sich zu sammeln, geknickte Männlichkeiten aufzurichten und künstlerische Karrieren in Schwung zu bringen. Sie war Inspiration, Muse, später auch Mäzenin. Doch so stark und bei messerscharfen Verstand, wie sie war, wirken die Herren der Schöpfung rund um sie wie schwache Männlein.

Diesen Eindruck verdichtet freilich die Darstellung von Katharina Lorenz und Nicole Heesters. Kablitz-Post hat die Figur der Andreas-Salomé in verschiedenen Lebensaltern auf die beiden formidablen Schauspielerinnen aufgeteilt, erstere gestaltet sie angespannt wie eine Feder, zweitere altersweise und ein wenig verschmitzt, die Lorenz ist von strenger Schönheit, die Heesters in überragender Spiellaune. Liv Lisa Fries spielt Andreas-Salomé als 16-Jährige, der Film bewegt sich zwischen den drei Zeiten hin und her, erzählt nicht chronologisch, sondern springt in den Ereignissen als wären’s die Erinnerungen der älteren an ihre gewesenen Ichs. Dies auch ein inhaltlicher Kniff der Filmemacherin, denn so kann sie friktionsfrei die später geschönte Biografie Andreas-Salomés mit anderen, ihr widersprechenden Quellen verknüpfen.

Lou Salomé mit Paul Rée und Friedrich Nietzsche. Bild: Copyright Dorothee Pfeiffer, Lou Andreas-Salomé Archiv

Lou Salomé mit Paul Rée und Friedrich Nietzsche. Bild: Copyright Dorothee Pfeiffer, Lou Andreas-Salomé Archiv

Ein Gutteil der Dokumente stammt aus dem Archiv von Ernst Pfeiffer, im Film verkörpert ihn Matthias Lier, Andreas-Salomés letzter Psychotherapiepatient und späterer Nachlassverwalter. Der rettete maßgebliche Teile ihres Werks vor dem Zugriff der Nationalsozialisten. Denn im Dritten Reich war man höchst erbost über diese Frau, die sich in den „jüdischen“ Disziplinen des Denkens übte. Und so beginnt der Film denn auch mit einer Bücherverbrennung …

„Lou Andreas-Salomé“ ist ein filmisches Beispiel dafür, dass ein Widerspruchsgeist zu sein und ein Freigeist sein zu wollen zu allererst des Geistes bedingt. Andreas-Salomé hatte alles davon, und im Übermaß. Sie war eine Kämpferin gegen Konventionen, dass sie für das Wegsperren ihrer Gefühle aber auch einen hohen Preis bezahlte, dass sie die nie versiegende Sehnsucht nach einem eigenen Kind schließlich zu einer ganz besonderen Tat verleitet hat, wird der Film am Ende erklären.

Er schließt mit einem Zitat, das die großartige Heesters vorträgt: „Die Welt, sie wird dich schlecht begaben. Glaube mir’s. Sofern du willst ein Leben haben, raube dir’s.“

 

Trailer: www.youtube.com/watch?v=0qyQgSsi920

Wien, 8. 9. 2016

21er Haus: Sigmund Freud und das Spiel mit der Bürde der Repräsentation

September 17, 2014 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Eine Installation von Joseph Kosuth

Birgit Jürgenssen, Nest, 1979, Belvedere Wien Bild: Bildrecht, Wien, 2014

Birgit Jürgenssen, Nest, 1979, Belvedere Wien
Bild: Bildrecht, Wien, 2014

Ab 19. September zeigt das 21er Haus eine Schau zu Sigmund Freud:  Die Rauminstallation Zero & Not des amerikanischen Konzeptkünstlers Joseph Kosuth wurde anlässlich des 50. Todestages Sigmund Freuds im Jahr 1989 in der Berggasse 19 realisiert. Mit dieser Arbeit wurde ein Grundstein für die zeitgenössische Kunstsammlung des Sigmund Freud Museums gelegt, in der heute herausragende internationale Positionen vertreten sind. 25 Jahre später – zum 75. Todestag des Begründers der Psychoanalyse – entwickelt das 21er Haus gemeinsam mit Joseph Kosuth eine Ausstellung, die, basierend auf Zero & Not, wesentliche freudbezogene Arbeiten des Künstlers in Kombination mit der Contemporary Art Collection des Sigmund Freud Museums, einer Auswahl aus der Sammlung des Belvedere sowie einer Reihe rezenter Werke zum Thema Kunst und Psychoanalyse zeigt.

In ihrem künstlerisch-kuratorischen Zugang manifestiert sich die Ausstellung als raumgreifende Installation Kosuths und knüpft damit an seine bedeutenden Projekte Wittgenstein – Das Spiel des Unsagbaren in der Wiener Secession (1989) und A Play of the Unmentionable im Brooklyn Museum of Art (1990) an. Mit künstlerischen Arbeiten von: Richard Artschwager, John Baldessari, Wolfgang Berkowski, Pierre Bismuth, Marcel Broodthaers, Victoria Browne, Günter Brus, Daniel Buren, Victor Burgin, Pierpaolo Calzolari, Clegg & Guttmann, Thomas Demand, Jessica Diamond, Mark Dion, Jimmie Durham, Fischli/Weiss, Marc Goethals, Douglas Gordon, Georg Herold, Susan Hiller, Hans Hollein, Jenny Holzer, Birgit Jürgenssen, Ilya Kabakov, Mike Kelley, Joseph Kosuth, Liane Lang, Sherrie Levine, Tina Lechner, Thomas Locher, Sanna Marander/Niklas Tafra, Paul McCarthy, Olaf Nicolai, Albert Oehlen, Constanze Ruhm/Matthias Herrmann, Markus Schinwald, Rudolf Schwarzkogler, Cindy Sherman, Cindy Smith, Haim Steinbach, Hito Steyerl, Rudolf Stingel, Jürgen Teller, Rosemarie Trockel, Gavin Turk, Bill Viola, Peter Weibel, Franz West, Tanja Widmann, Francesca Woodman und Heimo Zobernig.

www.21erhaus.at

Wien, 17. 9. 2014

Kunsthistorisches Museum Wien Lucian Freud

Oktober 7, 2013 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Einblicke in 70 Jahre Schaffenszeit

Nude with Leg Up (Leigh Bowery) Lucian Freud (1922-2011) 1992 Öl auf Leinwand,  Washington D.C., Hirshhorn Museum & Sculpture Garden, Smithsonian Institution; Joseph H. Hirshhorn Purchase Fund, 1993 © The Lucian Freud Archive / The Bridgeman Art Library

Nude with Leg Up (Leigh Bowery) Lucian Freud (1922-2011) 1992
Öl auf Leinwand, Washington D.C., Hirshhorn Museum & Sculpture Garden, Smithsonian
Institution; Joseph H. Hirshhorn Purchase Fund, 1993
© The Lucian Freud Archive / The Bridgeman Art Library

Ab 8. Oktober zeigt das Kunsthistorische Museum Wien zeigt erstmals in Österreich eine Ausstellung mit Werken des britischen Malers Lucian Freud (1922-2011). Der Enkel des Psychoanalytikers Sigmund Freud gilt als einer der bedeutendsten figurativen Maler des 20. und 21. Jahrhunderts. Mit 43 seiner wichtigsten Werke gibt die Ausstellung einen prägnanten Einblick in Freuds beinahe 70-jährige Schaffenszeit: von einem Selbstporträt aus dem Jahre 1943 bis hin zu seinem letzten, unvollendeten Gemälde, das sich zum Zeitpunkt seines Todes im Juli 2011 in seinem Atelier befand. Die Ausstellung umfasst eine Reihe unterschiedlicher Genres: Porträts von Mitgliedern seiner Familie,engen Freundinnen und Freunden, Ehefrauen und Geliebten,Nachbarinnen und Nachbarn, Künstlerkolleginnen und -kollegen, Aristokratinnen und Aristokraten,aber auch von Angehörigen der Arbeiterklasse, ferner Stillleben und Landschaften.

Freuds nachhaltigste und bemerkenswerteste Errungenschaft sind jedochsicherlich seine Selbstporträts. In der Ausstellung sind Leihgaben aus den größten Museen der Welt versammelt, darunter das Metropolitan Museum of Art in New York, die Londoner Tate, das Hirshhorn Museum and Sculpture Garden in Washington D.C., das Ashmolean Museum in Oxford, das Art Instituteof Chicago und das Museo Thyssen-Bornemisza in Madrid. Darüberhinaus sind hochkarätige Leihgaben von Privatsammlern undehemaligen Mäzenen Freuds zu sehen.Die Auswahl der Gemälde für die Ausstellung wurde in den Monatenvor Freuds Tod im Juli 2011 in enger Zusammenarbeit mit dem Künstler und mit dessen langjährigem Assistenten David Dawson getroffen. Anhand der Präsentation kann die stilistische Entwicklung von Freuds Malerei über mehrere Jahrzehnte hinweg nachvollzogen werden: von den frühen Arbeiten, die er in akribischer Kleinarbeit und mit feinen Zobelhaar-Pinseln malte, über die Werke der 1950er Jahre, in denen er begann, stehend und mit gröberen Schweineborsten-Pinseln in einem viel lockereren Stil zu malen, und seine ersten völlig nackten Porträts der 1960er Jahre bis hin zu den monumentalen Leinwänden der 1980er und 1990er Jahre, die im letzten Teil der Ausstellung zu sehen sind.

„Das Kunsthistorische Museum zählt mit seinem Bestand an Alten Meistern zu den bedeutendsten Museen der Welt, ist aber zugleich
bestrebt, den Besucherinnen und Besuchern Aktivitäten im Bereich der modernen und zeitgenössischen Kunst zu bieten, anhand derer die
Möglichkeit einer vertieften Auseinandersetzung mit historischer Kunst entsteht”, so Generaldirektorin Sabine Haag. „Es war ein lang
gehegter Wunsch unseres Museums, eine Ausstellung mit Werken Lucian Freuds zu zeigen, und so freut es mich ganz besonders, dass es
uns nun – zehn Jahre nach der wegweisenden Schau ‚Francis Bacon und die Bildtradition’ – gelungen ist, so viele von Freuds namhaften
Gemälden nach Wien zu bringen.” „Es war eine große Ehre, gemeinsam mit Lucian und später mit seinem Assistenten David Dawson an den Vorbereitungen für diese Ausstellung zu arbeiten”, so Kurator Jasper Sharp. „Es tut mir nur leid,dass er es selbst nun nicht mehr erleben kann, seine Werke hier in Wien zu sehen. Wir haben uns in der Ausstellungskonzeption das ehrgeizige Ziel gesetzt, die wichtigsten Werke aus seiner gesamten Schaffenszeit zu zeigen, und sind außerordentlich dankbar für die Unterstützung durch so viele internationale Museen und private Leihgeber, die sich bereit erklärt haben, ihre Werke für diese Ausstellung zur Verfügung zu stellen.”
Die Ausstellung im Kunsthistorischen Museum Wien, dessen Sammlungen sich über nahezu viertausend Jahre erstrecken – vom Alten Ägypten bis zu den großen Epochen des Mittelalters, der Renaissance und des Barock – eröffnet eine einzigartige Möglichkeit, sich mit Freuds Interesse an der Kunst der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Freuds tiefes Verständnis der Kunstgeschichte rahmt sein bemerkenswertes Leben wie Buchstützen. So war die Wohnung seiner Familie in Berlin, wo er in der Zwischenkriegszeit aufwuchs, mit Reproduktionen von Gemälden und Zeichnungen Dürers, Tizians und Pieter Bruegels des Älteren geschmückt. Darunter befanden sich auch zwei Jahreszeiten-Bilder aus dem Kunsthistorischen Museum, „Jäger im Schnee” und „Die Heimkehr der Herde”, ein Geschenk an den jungen Lucian von seinem Großvater Sigmund. Freud kannte die Sammlungen des Kunsthistorischen Museums gut. Unter den Arbeiten seiner Lieblingskünstler – z. B. Frans Hals, Hans Holbein, Rembrandt, Peter Paul Rubens und Diego Velázquez sowie
Bruegel, Dürer und Tizian – schätzte er besonders Giovanni Bellinis „Junge Frau bei der Toilette”, ein Werk, das der Künstler noch im Alter
von mehr als achtzig Jahren gemalt hatte und das eine der von Freud bevorzugten Darstellungen eines weiblichen Aktes repräsentiert. Freud selbst wollte, dass seine Gemälde räumlich getrennt von den historischen Sammlungen des Museums gezeigt werden, damit die
Besucherinnen und Besucher beim Betrachten dazu gebracht werden, eigene Assoziationen zu entwickeln.
Zu den Highlights der Ausstellung zählen „Girl with a White Dog” (1950-1951) aus der Tate; ein unvollendetes Selbstporträt aus der Zeit
um 1956 (das in den letzten 30 Jahren erst einmal gezeigt wurde); Freuds erster Akt in ganzer Figur („Naked Girl”, 1956, aus der Sammlung des Schauspielers Steve Martin); drei bemerkenswerte Porträts von Leigh Bowery aus dem Hirshhorn Museum in Washington, D.C., dem Metropolitan Museum of Art in New York sowie aus einer US-amerikanischen Privatsammlung; „BenefitsSupervisor Sleeping”, ein Gemälde, das im Mai 2008 bei Christie’s,New York für 33,6 Millionen US-Dollar erworben wurde; und sein letztes Meisterwerk, „Portrait of

the Hound” (2010-2011), das zum Zeitpunkt seines Todes noch unvollendet war. Einige seiner Hauptwerke, die in der großen Freud Retrospektive in der National Portrait Gallery in London 2011 nicht zu sehen waren, werden nun ebenfalls in Wien präsentiert, darunter „Wasteground with Houses, Paddington” (1970-1972), Freuds bemerkenswertestes Landschaftsbild, das Stillleben „Two Japanese Wrestlers by a Sink” (1983-1987) aus dem Art Institute of Chicago, „Naked Man, Back View” (1991-1992) aus dem Metropolitan Museum of Art in New York und Freuds größtes und anspruchsvollstes Selbstporträt, der ganzfigurige Akt „Painter Working, Reflection” (1993), aus einer amerikanischen Privatsammlung. In der Ausstellung ist auch ein speziell in Auftrag gegebener 15 Minuten langer Film zu sehen, mit
Bildmaterial, das hier zum ersten Mal gezeigt wird. Der Film wurde von Freuds langjahrigemAssistenten David Dawson gedreht und gibt bewegende Einblicke in die letzten Lebenswochen des Künstlers vor seinem Tod im Jahre 2011. Er zeigt Lucian Freud beim Malen, auch an jenem Tag, der sich als sein letzter Arbeitstag erweisen sollte.
Parallel zur Ausstellung im Kunsthistorischen Museum zeigt das Sigmund Freud Museum unter dem Titel „Lucian Freud: Privat” (9. Oktober 2013 – 6. Jänner 2014) eine Ausstellung mit Fotografien von David Dawson.

Wien, 7. 10. 2013

Christian Spatzek spielt Sigmund Freud

Februar 18, 2013 in Tipps

Der Vater der Psychoanalyse war selbst ein „Psycherl“

Nicht nur, dass er Generationen von Frauen mit dem Begriff Hysterie (vom altgriechischen Wort für Gebärmutter, also eine reine Weiberkrankheit, hahaha) beleidigt hat: Sigmund Freud wurde von Ängsten und Phobien geplagt und geschüttelt. Durch Selbstanalyse versuchte er, seine Neurosen in den Griff zu bekommen. Er begann damit 1896 in Bad Aussee, worauf längere „Sommerfrischen“  im Ausseerland bis 1930 folgten. Helmut Korherr hat mit „Freuds Neurosen“ ein Stück für einen Schauspieler, in diesem Fall für den Fernsehliebling  („Soko Donau“, Soko Kitzbühel“) Christian Spatzek, verfasst. Roman Grinberg hat dazu die Musik, zum Teil mit

FREUDS NEUROSEN Stück für einen Schauspieler von Helmut Korherr

Christian Spatzek
Bild: Helmut Korherr

kletzmerischen Klängen, geschrieben und wird sie live am Klavier spielen. Regie führt Brigitte Swoboda.

Zu sehen am 18. und 19. Februar im Wiener stadtTheater Walfischgasse.

www.stadttheater.org
Von Michaela Mottinger
Wien, 18. 2. 2013