TheaterArche – Aggregat Valudskis: Liebirien oder Eine fremde Seele, das ist ein dichter Wald

Mai 14, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Pistolen auf Fliegen schießen

Der Bär: Martin Bermoser als Smírnow, Markus Kofler als greiser Diener Luká und Sonja Romei als Gutsbesitzerswitwe Jeléna Popówa. Bild: © Daniel Wolf

Čechov-Kenner Arturas Valudskis beglückt das Wiener Publikum nach seiner bejubelten „Kirschgarten“-Interpretation im TAG mit einer neuen Produktion aus Werken des russischen Literaturtitanen. „Liebirien oder Eine fremde Seele, das ist ein dichter Wald“ nennt sich der Abend, den der litauische Theatermacher mit seinem Aggregat Valudskis in der TheaterArche zeigt – und schon in diesem Titel klingt die Liebe an.

Ebenso, wie der Versuch, ob ihrer der Einsamkeit zu entrinnen, einem selbstgewählten Seelensibirien, und so lange ist der in der Sowjetunion politisch verfolgt gewesene Regisseur schon in Österreich, dass er selbstverständlich Vornamensvetter Schnitzler parat hat. Auch die Taiga ist ein weites Land …

Es geht also um Herzensangelegenheiten und darum, wie leicht ein solches sich erwärmen und aufblühen oder beschädigt und gebrochen werden kann. Bei seiner hochpoetischen Überprüfung der menschlichsten aller menschlichen Regungen führt Valudskis die Zuschauer von himmelhoch jauchzend zu im Wortsinn zu Tode betrübt. Er entführt in die Welt der Čechov’schen Gutsbesitzer, verknüpft deren aus Untätigkeit entstandene Unlust am Leben mit einer Satire über Standesdünkel, lässt dessen Untergangsgesellschaft aushalten, hoffen und vor allem harren. Jede Geste, jedes Gefühl, jedes scheiternde Gespräch dabei in Valudskis‘ spezieller Weise, eine Bühne zu bespielen, pointiert auf den Punkt gebracht. Und ohne auf Pointen zu vergessen.

Die letzte Mohikanerin: Martin Bermoser als Dokukin, Markus Kofler als Dossifej und Sonja Romei als Olimpiada. Bild: © Aggregat Valudskis

Der Heiratsantrag: Sonja Romei als Natalja, Martin Bermoser als Gutsherr Tschubukow und Markus Kofler als Lomow. Bild: © Aggregat Valudskis

Mit seinen Schauspielern Sonja Romei, Markus Kofler und Martin Bermoser macht Valudskis das, was Čechov sein unter Tränen Lachen nannte, zum ungetrübten Tränenlachen. Dies zumindest für Zeitgenossen, die sich auf ein sarkastisches Augenzwinkern verstehen. Für „Liebirien“ hat sich das Aggregat die Einakter „Der Heiratsantrag“ und „Der Bär“ und die Kurzgeschichten „Die letzte Mohikanerin“ und „Der Familienvater“ hergenommen, hat daraus Schlüsselszenen auf die Essenz reduziert. Der Nachbar, der bei der Gutsbesitzerswitwe die Schulden vom verstorbenen Mann eintreiben will, und sich in einem Duell wiederfindet.

Der Junggeselle, der wegen eines Streits um den besseren Jagdhund sein Herz nicht verschenkt, sondern einem Herzinfarkt erliegt. Die kratzbürstige Hausherrin, die vom Gatten gerade darum geliebt wird. Ein Suppenvorfall, der in Heulen und Zähneknirschen endet. Nicht jede Miniatur schließt gemäß dem Erfinder mit einem sich glücklich in die Arme fallen, mit Hintersinn nimmt Valudskis nämlich die Überhitzung, die Exaltiertheit der Čechov’schen Charaktere aufs Korn, und lässt sie, im Sinne der Kanonen und der Spatzen, mit Pistolen auf Fliegen schießen. Markus Kofler richtet in der Art jede Menge Kollateralschäden an. Er ist diesmal für die verhuschten, scheuen, vorsichtigen Figuren zuständig.

Den greisen Diener Luká, den dauergescholtenen Dossifej, den auf seinen Freiersfüßen zusammenbrechenden Lomow. Und wie er das macht, wie er Valudskis‘ schwarzes Theater, „Armes Theater“, mit seiner Körperpräsenz erfühlt und erfüllt, ist ganz große Klasse. Er schwankt in Gesten der Hilflosigkeit, ringt mit einer entgleisenden Mimik, das Reißen von Papier, der Stift auf einem Blatt, versetzen ihn in Zuckungen, Tischbeine können gar nicht anders, als ihn mit sich ziehen – aber ein Augenrollen hinter der Nickelbrille und alles ist wieder im Lot. Mit weiß geschminkten Gesichtern deutet das Aggregat Valudskis immer auch das Clowneske seiner Arbeiten an. Die vier Hintergrundtüren in der TheaterArche eignen sich darüber hinaus hervorragend für ein russisches Klipp-Klapp.

Der Bär: Jeléna Popówa will mit allen Mitteln ein Bildnis ihres verstorbenen Mannes sehen: Martin Bermoser, Markus Kofler und Sonja Romei. Bild: © Daniel Wolf

Martin Bermoser ist als Schuldeneintreiber Smírnow zwar ein grobschlächtiger Kerl, doch wohl noch nie hat einer stoischer an „Wadenkrämpfen vor Wut“ gelitten. Als Vater der angedachten Braut, Tschubukow, stellt er sehr schön dessen selbstgefällige Art zur Schau, wenn seinen Segen und Champagner auch angesichts des bereits Hingestreckten kredenzt. Dass die Frau im Inneren ein Krokodil ist, so Čechovs Kosenamen für Olga Knipper, präsentiert Sonja Romei überaus pikant.

Wie ihre Rollen, die Jeléna Popowa, die Olimpiada Jegorowna Chlykina, die Natalja Tschubukowa zusehends aus der Rolle fallen, vom vornehmen Madämchen zur zänkischen Xanthippe werden, ist zu komisch. Vieler Worte bedürfen die drei Darsteller bei all diesen Irrungen und Wirrungen nicht, Valudskis filtert auch aus der Sprache das Wesentliche. Macht sein Stück zur Filigranarbeit, die Figuren feingezeichnet, selbst ihr Schweigen greifbar.

Derart entsteht das magischste, das letzte Dramolett: Aus „Der Familienvater“ hat Valudskis lediglich den Abschnitt entliehen, in dem eben jener Stepan Stepanytsch Shilin die Qualität der Suppe bemängelt. Was die Hausfrau verschüchtert und das Söhnchen zum Weinen bringt. Bermoser als Shilin, Romei und Kofler spielen das als Knietheater, wie Kinntheater, nur eben mit nackter Kniescheibe statt Unterkiefer, das Hemd oder den Rock um diese gebunden. Klar, dass sich die Gelenke Grausamstes antun, bis eines in der Schüssel ertränkt wird. Großer Beifall für diese außergewöhnliche Aufführung, in der überbordende Fantasie und künstlerisches Vermögen alles sind. Nur 70 Minuten dauert dieses Kleinod, und das ist, war sich das Publikum nach der Premiere einig, zu kurz.

Video: www.youtube.com/watch?v=IQ4vDIybTUQ&t=278s

www.facebook.com/Aggregat-Valudskis-1646800055587123           www.theaterarche.at

TIPP: Ab 24. Mai gibt es im TAG wieder Vorstellungen von Arturas Valudskis‘ gefeierter Produktion „Kirschgarten. Eine Komödie ohne Bäume“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31734)

  1. 5. 2019

durchhaus: Bash! Das Fremde in uns

April 3, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Mörder sind wie du und ich

„Eine Meute von Heiligen“: Eric Lingens und Lilian Jane Gartner bespielen Neil LaButes kontroversielles Figurenkabinett. Bild: © Mirjam Koch

Ein Glück. In der Galerie von Les Tardes Goldscheyder und seinem Künstlerkollektiv, dem „durchhaus“, wird endlich wieder Theater gespielt. Der Raum, einer der spannendsten Wiens, eignet sich ganz hervorragend zum Spielort – und in seiner Zerrissenheit zwischen zwei Abbruchhäusern, einem überdachten Innenhof und einer stehengebliebenen Fensterfassade, vor allem für die zwischenmenschliche Tragödie.

Entsprechend hat Regisseur Peter Gruber hier Neil LaButes „Bash! Das Fremde in uns“ inszeniert. „Bash!“, das sind drei kurze Stücke über das Töten. Ein Versicherungsvertreter beichtet den „plötzlichen Kindstod“ seiner neugeborenen Tochter. Eine Schülerin, mit 14 Jahren von ihrem Lehrer verführt, geschwängert und verlassen, tötet nach einem letzten Wiedersehen mit dem Kindsvater ihren Sohn. Ein Collegepärchen erzählt von einer rauschenden Ballnacht, an deren Rande der junge Mann mit seinen Freunden einen Schwulen zu Tode prügelt. Drei Bestien ohne Grund. LaButes Protagonisten sind Teilhaber am so glänzenden wie düsteren Amerika, und sie bekennen, was für sie gar kein Bekenntnis, sondern nur die nüchterne Feststellung eines Faktums ist: Der Tod von anderen als Nebenprodukt des eigenen tödlich normalen Lebens.

Peter Gruber hat im ersten Teil die beiden Monologe „Iphigenie in orem“ und „Medea redux“ ineinander verschränkt. Lilian Jane Gartner und Eric Lingens spielen die beiden Kindermörder beinhart, sie sind einander Stichwortgeber, sie sind intensiv in ihrer Beiläufigkeit; die Eskalation des Geschehenen haben ihre Figuren längst verschluckt, alle Gefühle schon beiseite geschoben. Das Sterben wird als ein „kalkuliertes Risiko“ gesehen. Der Detroiter Autor LaBute fordert seine Schauspieler maximal heraus, auf dem schmalen Grat zwischen lockerem Plauderton und monströsem Inhalt zu balancieren, und den beiden gelingt die Übung. Sie schaffen es, das Entsetzliche von der Warte der Normalität aus zu berichten, ohne Reue, ohne Zweifel an der Tat, ohne einen Hauch von Selbsterkenntnis.

Antike Mythen jetztzeitlich interpretiert: „Iphigenie in orem“ überschneidet sich mit „Medea redux“. Bild: © Mirjam Koch

Monströse Inhalte in lockerem Plauderton: Die beiden Kindermörder zweifeln nicht an ihren Taten. Bild: © Mirjam Koch

Die Geschichten, die sie erzählen, sind zu wahr, um nicht echt zu sein. Derlei begegnet einem täglich in den Schlagzeilen: Die Mörder sind wie du und ich. In Grubers Inszenierung entschlüsseln sich die Gräueltaten, wiewohl entlarvend gespielt wird, nur langsam. Immer wieder stellen Gartner und Lingens Augenkontakt her. Man sucht Komplizenschaft – miteinander und mit dem Publikum. Dieses soll verstehen, warum …, soll das Unbegreifbare abnicken. Ist er Zyniker, so ist sie Pragmatikerin, dabei hat die Dimension der von ihnen vorgestellten Schrecken, wie die Szenentitel schon sagen, antik-mythologisches Ausmaß.

Nach der Pause übersiedeln Schauspieler und Zuschauer in den oberen Spielraum, es folgt der Dialog „Eine Meute von Heiligen“, und erstmals fällt einem auf, dass es auch darin wieder um die Glaubensgemeinschaft der Mormonen geht. LaBute hat diesbezüglich einiges aufzuarbeiten. Eine Clique studentischer Landeier fährt zum Ball nach Boston – und begegnet einem schwulen Liebespaar. Und weil nicht toleriert werden kann, was irgend „anderes“ ist, folgt die Auslöschung des „Anormalen“.

Vor allem Gartner schafft es, im Sprung von der vordergründig bedauernswerten Teenie-Mutter zur hektisch-überdrehten Fröhlichkeit der Studentin, nun eine gänzlich andere Figur auf die Bühne zu stellen. Lingens bleibt mehr oder minder bei der Rolle seines moralisch bedrängten jungen Mannes, der glaubt, dass zu seinem Seelenheil nur der letzte Ausweg führen kann. Erstaunlich ist, dass diese Abfolge von Einaktern bereits aus dem Jahr 1999 ist. Oft und oft fühlt man sich beim Hören und Sehen an die Trump-USA erinnert, und wie dort rechtskonservative Kräfte in einer Kombination aus schierer Wut und nackter Angst über alles herfallen, das nicht systemkonform ist. Harmlose Durchschnittsmenschen werden zu „Sumpfmonstern“, gerade weil sie eben diesen trocken legen wollen. In Europa kennt man das seit „Tausend“ Jahren, in den Vereinigten Staaten … – wie sich die Bilder gleichen.

www.facebook.com/bashdurchhaus

durchhaus.blogspot.co.at

Wien, 3. 4. 2017

Leopold Museum: Fremde Götter

September 19, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Klassische Moderne im Dialog mit Afrikas Masken

Max Pechstein: Stillleben mit Negerstatuen, 1918 © Privatbesitz/Dauerleihgabe Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf Bild: © Pechstein Hamburg/Tökendorf/Bildrecht, Wien, 2015

Max Pechstein: Stillleben mit Negerstatuen, 1918 © Privatbesitz/Dauerleihgabe Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf Bild: © Pechstein Hamburg/Tökendorf/Bildrecht, Wien, 2015

„Fremde Götter. Faszination Afrika und Ozeanien“, die große Herbstausstellung des Leopold Museum fokussiert ab 23. September erstmals die umfangreichen hauseigenen Sammlungsbestände afrikanischer und ozeanischer Kunst. Diese treten in einen Dialog mit ausgewählten Werken von Protagonisten der Klassischen Moderne. Die Schau intendiert, Europas exotistisches Kunstabenteuer und den Einfluß auf die Avantgarde in Erinnerung zu rufen.

Museumsgründer Rudolf Leopold teilte die Begeisterung, die die Künstler der Moderne für diese Objekte hegten. Die Faszination, die von der Kunst „fremder“ Kulturen ausgeht, spiegelte sich in zahlreichen Werken der Klassischen Moderne wider. Dies wird in der Ausstellung im Dialog der Masken und Figuren mit Werken von Pablo Picasso, Constantin Brâncuși, Emil Nolde oder Max Ernst intensiv erfahrbar. Gleichzeitig wird der verfremdende, „primitivistische“ Blick der Moderne auf Afrika und Ozeanien durch den zeitgenössischen Künstler Kader Attia aus postkolonialer Perspektive hinterfragt.

www.leopoldmuseum.org

Wien, 19. 9. 2016

Yoruba, Nigeria: Ibeji, Zwillingsfiguren, männlich und weiblich, 1. Hälfte 20. Jh. © Leopold Museum, Wien, Bild: Leopold Museum, Wien

Yoruba, Nigeria: Ibeji, Zwillingsfiguren, männlich und weiblich, 1. Hälfte 20. Jh. © Leopold Museum, Wien, Bild: Leopold Museum, Wien

Baule, Elfenbeinküste: Blolo Bla, spirituelle Ehegattin, 1. Hälfte 20. Jh. © Leopold Museum, Wien, Bild: Leopold Museum, Wien

Baule, Elfenbeinküste: Blolo Bla, spirituelle Ehegattin, 1. Hälfte 20. Jh. © Leopold Museum, Wien, Bild: Leopold Museum, Wien

Ernst Ludwis Kirchner: Stuhl mit großem Akt an der Rückenlehne, um 1921 Bild: © Sammlung E.W.K., Bern/Davos, Collection E.W.K., Bern/Davos

Ernst Ludwis Kirchner: Stuhl mit großem Akt an der Rückenlehne, um 1921 Bild: © Sammlung E.W.K., Bern/Davos, Collection E.W.K., Bern/Davos

 

Kamel Daoud: Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung

April 1, 2016 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Camus‘ Mordopfer aus „Der Fremde“ hat einen Namen

buchAlbert Camus schrieb 1942 in Paris seinen Roman „Der Fremde“, machte den Protagonisten zum Prototypen des Existenzialismus und verschaffte Camus Weltruhm. Der Ich-Erzähler ist der Büroangestellte Meursault. Im Algerien der 1930er-Jahre tötet er einen Menschen, von dem er sich irgendwie bedroht sieht. Er will für sein Vergehen einstehen und wird so zum Sündenbock, an dem die Justiz erst zögernd, dann jedoch mit voller Härte ein Exempel statuiert. Vor Gericht macht man aus dem Totschlag Mord und verurteilt ihn zum Tod. Meursault ist bis zur Naivität ehrlich. Indem er seine Gleichgültigkeit offen zeigt, fordert er indirekt die von der Gesellschaft akzeptierten moralischen Standards heraus, die etwa Trauer über den Tod nahestehender Menschen erwarten lassen. Im späteren Gerichtsverfahren beschädigt seine Reaktion auf den Tod der Mutter – er kann darüber nicht weinen – sein Ansehen fast mehr, als der von ihm verursachte Tod des Arabers.

Geschrieben ist der Roman in einer kühlen, emotionslosen, knappen Sprache. „Heute ist Mama gestorben. Vielleicht auch gestern, ich weiß es nicht. Aus dem Altersheim bekam ich ein Telegramm: ‚Mutter verschieden. Beisetzung morgen. Vorzügliche Hochachtung.‘ Das besagt nichts. Vielleicht war es gestern.“

Dieses „Ich weiß nicht“, „Vielleicht“, „Das besagt nichts“ begleitet Meursaults Handlungen, oder wohl eher Nicht-Handlungen. Er „weiß“ auch nicht, ob er seine Geliebte „liebt“. Aber heiraten würde er sie, „vielleicht“. In seinem Leben, so scheint es, kann nichts irgendetwas verändern. Sein Leben hat keine Bedeutung, kennt keine Hoffnung. Es geschieht einfach. Wie die Tat am Strand bei Algier, wo er einen Araber mit fünf Schüssen tötet, den Feind eines beiläufigen Freundes. Er „weiß nicht“, warum. Die Hitze dieses Tages, die Sonne könnten „schuld“ daran gewesen sein, sagt er während des Prozesses. Und weil er beim Begräbnis seiner Mutter nicht geweint hat, gilt das dem bürgerlichen Gerichtshof als wesentliches Indiz seiner Mörderseele.

Siebzig Jahre später setzt Daouds Roman „Meursault – eine Gegendarstellung“ ein: Ein alte Mann, Haroun, sitzt Nacht für Nacht in einer Bar in Oran und erzählt einem gegenüber seine Geschichte. Er ist der Bruder jenes Arabers, der 1942 von Meursault am Strand von Algier erschossen wurde. Fünf Pistolenschüsse um 14 Uhr unter der gleißenden Sonne. Mit all dem Ärger, der Angst und Frustration eines Lebens im Schatten dieses Todes, gibt der alte Mann seinem Bruder seinen Namen zurück: Moussa hieß dieser, dessen Tod auch Harouns Leben für immer verändert hat. In Camus’ Roman „Der Fremde“ ist das namenlose Opfer dagegen nur ein „Araber“, einer von vielen. Daoud gibt ihm nun eine Identität und eine Geschichte. Eine Geschichte, die untrennbar mit der Algeriens verknüpft ist, von der französischen Kolonialzeit bis zum Unabhängigkeitskampf mit hunderttausenden Toten und dem Ende der französischen Herrschaft.

Bild: mottingers-meinung.at

Bild: mottingers-meinung.at

Der Roman zeigt nicht nur, wie die Vergangenheit die Gegenwart prägt, und über die ungebrochene Kraft der Literatur, eine tiefere Erkenntnis, eine verborgene Wahrheit ans Licht zu bringen, sondern er ist auch ein gelungener Versuch, einen Eindruck von den ungleichen Wahrnehmungen zu geben, die das algerisch-französische Verhältnis bis heute prägen. Denn der Autor verbindet das Schicksal seines Erzählers explizit mit dem Algeriens.

Auch Haroun begeht einen Mord, um 2 Uhr früh im Juli 1962 in einem Garten an einem Franzosen.  Dorthin, wo sich Haroun und seine Mutter niedergelassen haben, hat sich der Mann geflüchtet, um sich vor der Gewalt algerischer Unabhängigkeitskämpfer zu verstecken. Juli 1962: Das ist der Monat, in dem Algerien nach einem langen Krieg gegen die französische Kolonialmacht die Unabhängigkeit erlangte. „Ich drückte auf den Abzug und schoss zwei Mal. Zwei Kugeln. Eine in den Bauch und die andere in den Hals. Insgesamt also sieben, dachte ich absurderweise sofort. (Nur dass die ersten fünf, die Moussa getötet hatten, zwanzig Jahre früher abgegeben worden waren …).“ Die Tat selbst ist für Haroun kein Mord, sondern eine Restitution.

Moussas jüngerer Bruder landet zwar für kurze Zeit im Gefängnis, doch für seine Tat wird er gerichtlich nicht belangt, anders als Meursault in „Der Fremde“. Dafür wird er von seinen Landsleuten als „Feigling“ gebrandmarkt, weil er sich nicht dem algerischen Widerstand angeschlossen und gegen die Franzosen gekämpft hat. Dieses Vergehen wiegt in deren Augen schwerer als die Tat an dem Franzosen. Haroun muss erkennen, dass man ihn ohne Erklärung freilassen würde, während er doch verurteilt werden wollte. „Ich wollte von diesem so schwer auf mir lastenden Schatten befreit werden, der mein Leben in Finsternis verwandelte … Die Willkür von Moussas Tod war eine Zumutung. Und nun wurde meine Rache ebenfalls zu völliger Bedeutungslosigkeit verdammt.“

Bild: mottingers-meinung.at

Bild: mottingers-meinung.at

Eine weitere Parallele zu Camus: Meursault wird nach seiner Verurteilung zum Tod von einem Priester besucht. Ein heftiger Diskurs über den Glauben und die Religion entbrennt. Meursault kann den Worten des Geistlichen nichts abgewinnen. Auch Haroun wird von einer „ganzen Meute von Frömmlern verfolgt, die mich davon überzeugen will … dass Gott über uns wacht. Ich schreie ihnen entgegen, dass ich mir schon seit Jahren dieses unvollendete Mauerwerk anschaue.“

Nicht die einzigen kritischen Äußerungen zum Islam: „Die Gebetszeit hasse ich am meisten, und zwar seit meiner Kindheit schon, aber seit einigen Jahren immer mehr. Die Stimme des Imam brüllt durch den Lautsprecher, der eingerollte Gebetsteppich unter ihren Achselhöhlen, die plakative Architektur der Moschee und dieses heuchlerische Eilen der Getreuen zum rituellen Waschen und zur Unaufrichtigkeit, zur Absolution und zum Rezitieren.“

Dafür wird der Schriftsteller auch mit einer Fatwa belegt. Wie bei Salman Rushdie war es auch im Fall Daouds die kritische Auseinandersetzung mit dem Islam und Religion, die den salafistischen Kleriker Abdelfattah Hamadache Zeraoui im Dezember 2014 zum Mordaufruf bewegten. Doch trotz zahlreicher Drohungen, denkt Daoud nicht daran, sein Heimatland Algerien zu verlassen und ins Exil zu gehen.

Am Ende treffen sich Haroun und sein Gegenüber noch einmal. „Sagt Dir meine Geschichte denn zu? … Ich bin Moussas Bruder oder der Bruder von niemandem. Nichts als ein Schwätzer, den du getroffen hast, um deine Hefte zu füllen … Du hast die Wahl, mein Freund. Das ist genauso wie mit der Biografie Gottes.“

Über den Autor:
Kamel Daoud, geboren 1970 im algerischen Mostaganem geboren, ist Journalist beim Quotidien d‘Oran, für den er seit vielen Jahren eine der meistgelesenen politischen Kolumnen in Algerien schreibt. Er lebt in Oran. Nach der Veröffentlichung eines Bandes mit Erzählungen erschien mit „Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung“ sein erster Roman (2013 in Algier erschienen). Mit dem Buch war er 2014 in der Endauswahl für Frankreichs wichtigsten Literaturpreis, den Prix Goncourt, und wurde schließlich in der Kategorie „bester Debütroman“ ausgezeichnet.

Kiepenheuer & Witsch, Kamel Daoud: „Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung“, Roman, 208 Seiten. Aus dem Französischen von Claus Josten.

rororo, Albert Camus: „Der Fremde“, Roman, 160 Seiten. Aus dem Französischen von Uli Aumüller.

www.kiwi-verlag.de

www.rowohlt.de

Wien, 1. 4. 2016