Volksoper: Cabaret

September 15, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Von der ersten bis zur letzten Minute WOW!

Willkommen, Bienvenue, Welcome: Ruth Brauer-Kvam als Conférencier mit Ensemble. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

„Willkommen, Bienvenue, Welcome!“ hieß es gestern zum Saisonauftakt an der Volksoper. Zum ersten Mal zeigt das Haus das Musical „Cabaret“ von Komponist John Kander, Librettist Joe Masteroff und Liedtexter Fred Ebb, inszeniert von Gil Mehmert und mit Lorenz C. Aichner am Pult, und mit der Wirkung: von der ersten bis zur letzten Minute WOW! Es wird wenige geben, die bei dieser frivol-frechen Hommage ans Berlin der Goldenen Zwanziger nicht an Liza Minnelli in Bob Fosses 1972er-Film denken.

An der Volksoper singt und spielt Bettina Mönch die Sally Bowles, und begeistert mit einem Timbre und einem Temperament, die dem US-Superstar alle Ehre machen. Mit ihr brilliert Ruth Brauer-Kvam als androgyner Conférencier und BesitzerIn des Kit Kat Clubs. Erst im Juni sprach John Kander im Interview mit der Welt über ein „Cabaret“-Comeback, da ja Nationalismus, Populismus und Rassismus gerade Revival feiern. Gil Mehmert hat diesen Sager mit seiner Arbeit bereits vorweggenommen, verliert er doch in dieser keinen Moment die politische Dringlichkeit des Stücks aus den Augen. Die Volksopernfassung, teils in deutscher, teils in englischer Sprache, beinhaltet zu den Bühnensongs die drei für die Verfilmung geschriebenen Evergreens „Money“, „Mein Herr“ und „Maybe This Time“ – und so konnte Mehmert beispielsweise für „Money“ eine an Georg Grosz‘ Gemälde „Stützen der Gesellschaft“ erinnernde Figur erfinden, einen Banker mit Goldgehirn und Tresorbauch.

Ich hatte eine Freundin namens Elsie: Bettina Mönch als Sally Bowles mit den Kit Kat Girls and Boys. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Maybe This Time: Bettina Mönch als Sally Bowles und Jörn-Felix Alt als Clifford Bradshaw. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Auch die anderen Nummern im Kit Kat Club sind um diese gesellschaftliche Brisanz angereichert: Zu „Two Ladies“, ursprünglich ein schamloses Bekenntnis zur Ménage-à-trois, tanzt der Conférencier, angetan als „Führer“, mit einem deformiert-maskierten Mussolini und einem Stalin einen teuflischen Dreier. Das dem deutschen Kunstlied nachempfundene „Der morgige Tag ist mein“ intonieren erst ein urgermanischer Männerchor, dazu Fackelzug und eine HJ mit ihren Trommeln, bevor es das von Johanna Arrouas hinreißend biestig dargestellte Fräulein Kost als ihren neuen Gesinnungsgesang übernimmt.

Dass ausgerechnet das aufsässige Matrosenliebchen, das in Fräulein Schneiders Pension die Seemänner im Stundentakt aufmarschieren lässt, und der Obskurant Ernst Ludwig, Peter Lesiak gestaltet den Unsympath vom Nadelstreifanzug zum Braunhemd, vom illegalen Parteigänger zum SA-Mann, schlussendlich „an die Macht“ kommen, dient Mehmert zusätzlich als Metapher für aktuell Rechtsrückende in ihren aberwitzigsten Ausprägungen. Für all das hat Heike Meixner eine monumentale Drehbühne samt Showtreppe und riesiger Klaviatur entworfen.

Dies die Hälfte auf der Mönchs Sally Bowles als lasterhaft leicht geschürzte Nachtclubsängerin durchs Zwielicht der Bühne wirbelt – Kostüme: Falk Bauer, Choreografie: Melissa King –, während sich auf der anderen die Schneider’sche Pension, vier bieder eingerichtete Zimmer, befindet. Eine Welt wird, wie sie’s auch musikalisch tut, spiegeln sich doch die Pensions-Balladen im Kit-Kat-Uptempo-Jazz, so zur Kehrseite der anderen, Bohème und Hausbacken in trauter Eintracht im Makrokosmos der Stadt, deren Name in Leuchtbuchstaben über allem steht. Es ist Ruth Brauer-Kvams Conférencier, der die beiden Milieus verbindet, er laut Mehmerts Interpretation ein Narr, der wie eine lichttaumelnde Motte durchs seinesgleichen bald verbrennende Geschehen flirrt, wobei den nosferatanischen Glatzkopf wie jeden Faxenmacher die Gabe der Weitsicht plagt, mittels der er lang vor den übrigen den Millionentod am sich verdunklenden Horizont dräuen sieht.

I Don’t Care Much: Ruth Brauer-Kvam als Conférencier. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Two Ladies: Ruth Brauer-Kvam als Conférencier mit den Kit Kat Girls and Boys. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Dass Bettina Mönch und Ruth Brauer-Kvam vom Publikum mit Riesenjubel bedankt wurden, bevor’s am Ende sogar Standing Ovations gab, versteht sich, doch stehen die weiteren Solistinnen und Solisten, die Kit Kat Girls und Boys, unterstützt vom Volksopernorchester, das Dirigent Lorenz C. Aichner mit Verve durch die revueartigen Nummern aus Ragtime, Swing und Big-Band-Sound führt, den beiden in nichts nach. Und so überzeugt Hausdebütant Jörn-Felix Alt als Clifford Bradshaw mit angenehmer Stimme und viel Spiellust, sich vom homosexuelle Erfahrungen gemacht habenden Schriftsteller, ein Alter Ego von Autor Christopher Isherwood, auf dessen „Berlin-Stories“ das Musical basiert, zum Sally-Lover zu entwickeln.

Womit er die – von Anfang an zum Scheitern verurteilte – selbstauferlegte Aufgabe übernimmt, der exaltiert-erotischen Realitätsverweigerin die Augen über den Zustand der Weimarer Republik zu öffnen. Sein Schlager „Wer will schon wach sein?“ markiert denn auch den Schlusspunkt der Aufführung. Dem verrückt verliebten Paar Sally und Cliff stehen mit sozusagen selbem Leitmotiv die gutbürgerlichen Fräulein Schneider und Herr Schultz gegenüber, die Pensionswirtin und der Obsthändler, die in Mehmerts Regie einen wichtigen Platz einnehmen, ans Herz rührend verkörpert von Dagmar Hellberg, die mit „Berliner Schnauze“ und einer gehörigen Portion Resoltsein ihre Gutmütigkeit zu verbergen versucht, und einem Süßholz raspelnden Robert Meyer, der zu den Klezmer-Anklängen von Herrn Schultzens großem Song „Mieskeit“ sogar eine „Solo-Hora“ wagt.

Und dann steht man da, sagt beseligt Ja: Dagmar Hellberg als Fräulein Schneider und Robert Meyer als Herr Schultz, rechts oben: Peter Lesiak als Ernst Ludwig. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Der morgige Tag ist mein: Johanna Arrouas als Fräulein Kost und Peter Lesiak als Ernst Ludwig. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Dies beim Verlobungsfest der beiden in ihrer späten Liebe Schwelgenden, von denen er Jude ist, was eingangs kurz erwähnt wird, wo’s noch keine Rolle spielt, und wo Schulz‘ Aber-was?-Motto noch lautet: „Das geht vorbei. Regierungen kommen und gehen“. Doch so, wie überall mehr und mehr Hakenkreuzbinden und Totenkopfabzeichen aufblitzen, der aufkeimende Nationalsozialismus stärker und stärker das ausschweifende Nachtleben unterminiert, so fliegt der erste Pflasterschein durchs Schaufenster von Schultz‘ Obstgeschäft, so flieht Fräulein Schneider in das ihr sicher scheinende Deutschtum

Sie ist der Charakter, an dem sich verdeutlicht, wie schnell Gesinnung von rechts in der Mitte der Menschen ankommen kann. Herr Schultz wird indessen bei seiner Flucht ins Ausland, denunziert von Fräulein Kost, aufgegriffen und abgeführt, und Berlin verabschiedet sich für „1000 Jahre“ von seiner Weltoffenheit … „Cabaret“ an der Volksoper kann einfach alles. Gil Mehmert versteht es, die Atmosphäre des Abends von sinnlich, lustvoll, verrucht in Angst und Schrecken kippen zu lassen. Und Ensemble wie Orchester sind meisterlich darin, diese Stimmungen in den Zuschauerraum zu tragen. „I Don’t Care Much“ singt der Conféren- cier noch. Doch genau das gilt es jetzt zu tun …

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  1. 9. 2019

Wiener Festwochen: Missing People

Juni 15, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Augen auf die Armut richten

Bild: © Nurith Wagner-Strauss

Im barocken Prunksaal ist die Party offensichtlich längst gelaufen. Aus dem Ruder gelaufen. Auf den roten Teppichen sind Flecken, die Gläser auf den Stehtischen schmutzig, an den Tellern kleben Essensreste, in manchem Brotstück hat ein Gast eine Zigarette ausgedämpft. Nun sind die Gäste fort – und niemand hat ihnen hinterhergeräumt. Nur ein Haufen Kleider, Taschen, ein paar Einkaufswagen zeugen von ihrer eben noch Anwesenheit.

Dies die Ausgangssituation von Béla Tarrs „Missing People“. Der ungarische Meisterregisseur, dessen „Sátántangó“ als eines der wichtigsten Werke der Kinogeschichte gilt, und der 2011 mitA Torinói ló“ seinen Rückzug vom Filmemachen erklärte, weil er mit dessen künstlerischen Mitteln alles gesagt hätte, kehrt nach langer Schaffenspause mit einer Uraufführung, einem Auftragswerk der Wiener Festwochen, zurück. Dass der streitbare Moralist sein letztes Wort doch noch nicht gesprochen hat, ist Ungarns Premier Viktor Orbán geschuldet, der ein Gesetz initiierte, dass Obdachlosen das Nächtigen auf der Straße verbietet, ohne freilich diesen Menschen einen alternativen Schlafplatz anzubieten. Sie sollen einfach nur aus der Sichtbarkeit, aus dem öffentlichen Raum der Städte vertrieben werden.

Bild: © Béla Tarr/Fred Kelemen

Bild: © Béla Tarr/Fred Kelemen

Genau diesen Raum stellt Béla Tarr in seinem jüngsten Projekt, mit dem er sich erstmals an der Schnittstelle von Film, Installation und Performance bewegt, aus. Und zwar am Drehort selbst, der einstigen Winterreithalle im MuseumsQuartier, wo er das Publikum mit einer schmerzhaft dringlichen Kompromisslosigkeit veranlasst, die Augen auf die Armut mitten unter uns zu richten. Auf Stufen entlang der Wände sitzend, folgt man der Kamera von – wie stets bei Tarr-Werken – Fred Kelemen, der erst in ungewohnt leuchtenden Farben den Gelagemüll umrundet, bevor zum Tarr-typischen Schwarzweiß die ersten Gesichter erscheinen. Von großer Leinwand, die sich durch zwei weitere zu einer Art Triptychon erweitern kann, blicken im Wortsinn die, denn es sonst so ergeht, auf die Zuschauer herab.

Tarr hat viel Zeit mit seinen Protagonisten verbracht. Hat sie an ihren Aufenthaltsorten besucht, Misstrauen besänftigt, ihren täglichen Daseinskampf begleitet, versucht zu verstehen, wie es mit jedem einzelnen so gekommen ist. Eine Erfahrung, erzählt er in Gesprächen, die sein künstlerisches Selbstverständnis tief berührte. Selbstverständlich sind seine Bilder stilisiert, doch gerade dies stattet seine Akteure mit einer großen Würde aus, die Szenen, in denen sie ihren Alltagsverrichtungen nachgehen, wirken derart beinah gravitätisch, die Gesten hoheitsvoll, die Mimik majestätisch. Angeführt von einem Rollstuhlfahrer schreiten sie schließlich, nebelumwabert, in die Halle. Wie archaiische Krieger, denn tatsächlich lässt einen ihr Erscheinen auch an Tarrs „Macbeth“-Interpretation denken, während die Kamera Antlitz nach Antlitz erkennbar macht.

Nicht einfach ist es, diesen standzuhalten, den umschatteten Augen, die schauen, als hätten sie alles gesehen. Ein paar wenige, sie ohnedies auch auf der Straße Performer, tun sich mit einer kleinen Einlage hervor. Ein alter Mann mit weißem Bart singt einen wehmütigen Schlager, unwiderstehlich, herzzerreißend, ein Profi. Ein anderer sprüht sich mit Goldglanz ein, bis man in ihm die lebende Statue aus der Fußgängerzone erkennt. Eine Frau fertigt eine Petit-Point-Stickerei an, als wär’s eine Erinnerung an ein früheres Leben. Auch ein Lachen lässt Béla Tarr zu. Es hilft aus der Befangenheit – sowohl dem Publikum als auch denen, die hier zu Darstellern ihrer selbst werden. Dieser wundersame Abend bringt beide dazu, sich den anderen zu öffnen.

Bild: © Nurith Wagner-Strauss

Bild: © Nurith Wagner-Strauss

Zum Ende der „Missing People“ hebt sich ein Vorhang zu einem weiteren Teil des Saals, an Heurigentischen gibt es nun Getränke, Akkordeonmusik und die Möglichkeit zur Begegnung. Mit Glück entsteht so eine gesellige Runde, in der man sich aus der eigenen Wohlstandsexistenz herauswagen und es unternehmen sollte, die existenzielle Not seines nächsten Menschen zu begreifen. Das hat, wie die ganze Aufführung, etwas Heiliges und Heilendes. Schön, dass es den diesjährigen Festwochen zu ihrem Finale gelingt, Demarkationslinien in Köpfen, Feindbilder des Fremden, Grenzziehungen zwischen „uns“ und „denen“, so grandios zu überwinden.

TIPP: Am 15. Juni können beide Vorstellungen von „Missing People“ von Béla Tarr (18 und 21 Uhr) gegen Vorlage einer aktuellen Ausgabe der Wiener Straßenzeitung Augustin bei freiem Eintritt besucht werden. Karten sind nach Verfügbarkeit an der Abendkasse im Foyer der Halle E+G im MuseumsQuartier erhältlich.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=3wicOihI8dM

www.festwochen.at

  1. 6. 2019

Wiener Festwochen: The 2nd Season

Juni 10, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kapitalismuskritik mit Klappmaulpuppen

Die Bären werden mit Honig süchtig gemacht. Bild: Anja Beutler

Da steppt der Biber. Und das tatsächlich. Einmal als Klappmaulpuppe, einmal als menschlicher Tänzer mit Bibermaske. Socalled & Friends zeigen bei den Wiener Festwochen im Museumsquartier ihr Anarcho-Puppen-Musical „The 2nd Season“ – und das ist mit Abstand der heiterste Abend, den die Festwochen dieses Jahr zu bieten haben. Wobei Heiterkeit längst nicht alles ist.

Der Montrealer Mastermind Josh „Socalled“ Dolgin und seine internationale Truppe packen ins verspielte Spektakel eine ordentliche Portion Kapitalismus- und Konsumkritik. Es geht um die Ausbeutung von Arbeitskraft ebenso wie um die der Natur, um Kaufrausch und andere Drogensucht. Die englischsprachige Aufführung – es dolmetscht die Ente – erzählt davon, wie die Tiere den abgeholzten Wald verlassen müssen. Bär fristet längst in der Stadt als Fließbandarbeiter in einer Posaunenfabrik sein tristes Dasein, Biber folgt ihm nach. Bärs Tochter Tammy ist nämlich im Wald aufgetaucht, um ihren Vater zu suchen, und Biber will ihr helfen, ihn zu finden. In der Posaunenfabrik indes herrschen raue Sitten, die Bären werden von einem präparierten Honig abhängig gemacht, damit sich die Produktion steigern und steigern lässt …

Das alles kommt mit klugem Witz und viel großartiger Musik von der Pappendeckelbühne. Für zweitere ist Funklegende Fred Wesley zuständig, der nicht nur die Posaune spielt, sondern auch den Fabrikbesitzer Mr. Embouchure, der von den Vorgängen in seiner Firma nichts ahnt, weil er von seinen eigenen Vorarbeitern hinters Licht geführt wird. Neben Wesley, der schon mit James Brown, Count Basie und Ray Charles auftrat, spielt Socalled selbst am Klavier und das Hamburger Kaiser Quartett. Unter den Sängern, die den Puppen ihre Stimmen verleihen, ist unter anderem der New Yorker Hiphopper C-Rayz Walz.

In der Posaunenfabrik mit Funklegende Fred Wesley. Bild: Anja Beutler

Die skurril-flauschigen Protagonisten gehen mit dem Publikum auch auf Tuchfühlung. Da muss einer helfen, zwei Fakefellohren unter seinem Sitz hervorzuziehen, eine andere ihr Halstuch nicht nur herborgen, sondern auch binden. Biber muss sich nämlich als Bär verkleiden, um in die Fabrik vorgelassen zu werden. Es gibt singende Baumstümpfe und menschlichen Modern Dance.

Auf der Leinwand, die das Orchester vom Bühnengeschehen trennt, laufen Videos, die das Gesehene auf einer vertiefenden Ebene illustrieren. Flüssiger Stahl rinnt, Geld fließt wie der/als der süchtig machende Honig. Dass die bösen Bären am Ende bekehrt sind, versteht sich. Auch, dass man sich an die Wiederaufforstung des Waldes macht. Tammy findet ihren Vater und dem Happy End steht nichts im Wege. Welch schönes Märchen – liebenswert, sehenswert. Josh Dolgin bastelt zum Glück schon an einer Fortsetzung.

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  1. 6. 2018

Art Carnuntum – Shakespeare’s Globe Theatre: The Two Gentlemen Of Verona

August 5, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein flotter Ausflug in die Swinging Sixties

Launce mit seinem Hund Crab: Charlotte Mills und Musiker Fred Thomas. Bild: Barbara Pálffy

Launce mit seinem Hund Crab: Charlotte Mills und Musiker Fred Thomas. Bild: Barbara Pálffy

Shakespeare’s Globe Theatre ist wieder bei Art Carnuntum zu Gast und hat, zu sehen noch bis 6. August, „The Two Gentlemen Of Verona“ aus London mitgebracht. Regisseur Nick Bagnall verlegte die Irrungen und Wirrungen nicht nur optisch in die Sixties, das Bühnenbild gleich einem leuchtenden Wurlitzerbogen, die Kostüme wie aus den düstersten Ecken des eigenen Kleiderschranks, er zeigt auch eine swingende Musikrevue.

Um eine Band von Blumenkinder dreht sich das rasante Liebeskarussell des britischen Barden. Um Jugendliche, die gern so wild wie Mick und protestgebeutelt wie Bob wären, und doch nur brav Pullunder und Strickwesten tragen. Beige statt Psychedelic. Das heißt: in Verona, denn kaum in der Modemetropole Mailand angelangt, ändern sich Outfit und Attitüde. „The Two Gentlemen Of Verona“ gilt als Shakespeares erstes Stück. In der mutmaßlich rund um 1590 nach portugiesischer Vorlage entstandenen romantischen Komödie sind bereits die Motive für ein gutes Dutzend späterer Meisterwerke angelegt. Zwei Liebespaare über Kreuz, ein Mädchen, das sich als Bursche verkleidet, um dem Herzensmann folgen zu können, ein reumütiger Schurke, dem ergo vergeben wird, und zwei hinreißend komische Dienerfiguren. Shakespeare erlaubte sich einen einmaligen Kniff, den er später nie mehr wiederholen sollte, er schrieb eine stumme Hauptrolle – den Hund Crab, in Inszenierungen mal unsichtbar, mal aus Plüsch und bei Bagnall auf ganz besondere Art interpretiert.

Der vornehme Veroneser Jüngling Valentine muss also nach Mailand reisen, während sein Gefährte Proteus daheim bei seiner angebeteten Julia verweilen darf. In der Fremde angekommen verliebt sich Valentine in die schöne Sylvia, die Tochter des Herzogs, doch tut dies auch Proteus, der vom Vater dem Freund hinterhergesandt wurde. Proteus spinnt eine Intrige, um an sein Ziel zu gelangen, Valentine wird verbannt, nun steht dem Tunichtgut nur noch der tölpelige Thurio im Wege, den der Herzog eigentlich als Ehemann für sein Kind auserkoren hatte. Und dann ist da noch Julia, die in Mailand auftaucht, um nach ihrem Verlobten zu sehen …

Das Ensemble nimmt das Publikum sozusagen mit bis in die Carnaby Street, die Darsteller sind Hippies und Hipsters dieser vergangenen Tage, Youthquaker, und wie es sich für’s Globe gehört, natürlich auch eine einwandfreie Popband mit schrammelnden E-Gitarren, wummerndem Bass und treibendem Schlagzeug. James Fortune hat für die Aufführung neue Songs komponiert, die musikalisch irgendwo zwischen „Let it bleed“ und „Pain in My Heart“ angesiedelt sind, und so sind die Liebesbriefe nun 7″-Singles, die bei Missfallen der A-Seite zerbrochen statt zerrissen werden. Kämpfe werden statt mit dem Degen als Dancefloor-Combat oder als Krieg der Gitarreros ausgetragen, für die flotte Choreo sorgte Tom Jackson Greaves.

Aus besten Freunden werden Rivalen: Guy Hughes als Valentine und Dharmesh Patel als Proteus. Bild: Barbara Pálffy

Männerfreundschaft fürs Leben: Guy Hughes und Dharmesh Patel. Bild: Barbara Pálffy

Garry Cooper als Duke. Bild: Gary Calton

Mit der Geschmeidigkeit und der Grandezza eines Las-Vegas-Veteranen: Garry Cooper gibt den Duke. Bild: Gary Calton

Guy Hughes und Dharmesh Patel sind als Valentine und Proteus zu sehen, ersterer, nachdem von den Mailänder Mädchen fashiontechnisch vorzeigbar gemacht, liebenswert in seinen Liebesnöten, zweiterer ein Grimassen schneidender Windbeutel, der seine bösen Absichten per Seitenblick auf die Zuschauer kundtut, bevor er sie in die Tat umsetzt. Mit Leah Brotherhead als Julia und Aruhan Galieva als Sylvia stehen den Blutsbrüdern zwei überaus ehrenhafte Frauen gegenüber; Amber James spielt nicht nur die kecke Zofe Lucetta, sondern schmeißt als Thurio auch noch eine wunderbar missglückende James-Brown-Performance aufs Parkett. Garry Cooper gibt den Duke mit der geschmeidigen Grandezza eines Las-Vegas-Veteranen.

Zu den Höhepunkten des Abends zählen aber freilich die Auftritte von Charlotte Mills als Launce. Die Vollblutkomödiantin bildet gemeinsam mit dem Speed von Adam Keast ein Dienerduo als ob Laurel und Hardy dafür Pate gestanden hätten. Wenn der Verteiler bewusstseinserweiternder Glückspillen – nomen est omen – auf den Meister/die Meisterin im Missverstehen trifft, dann ist das zum Niederknien komisch. Hinzu kommen Launces Probleme mit Crab, bei dem’s Ansichtssache ist, ob man ihn als Sturkopf, Simpel oder der Welt größten Stoiker nehmen möchte. Zwar sagt er naturgemäß keinen Ton, doch lässt Musiker Fred Thomas, der in seine Haut, heißt: sein Fell schlüpft, philosophisch vielsagend das Banjo sprechen …

Shakespeare im Sixties-Style: Das Ensemble swingt und tanzt. Bild: Barbara Pálffy

Shakespeare im Sixties-Style: Das Ensemble swingt und tanzt. Bild: Barbara Pálffy

Mit all den heiteren Sixties-Augenblicken wird die Sicht auf Shakespeare aber keineswegs verstellt, sondern sein Werk ebenso luftig-leicht wie tiefernst genommen. Dies ja die Spezialität der Briten. Doch Nick Bagnall lässt die Komödie diesmal nicht in Love, Peace & Happiness enden, er entschied sich im Kontrast zum Original für ein modernes Unhappy End. Bei dem die Frauen das letzte, wenn auch frustrierte Wort haben. Freilich, es kriegen sich alle.

Der Duke spricht ein Machtwort, die Männer matchen sich’s aus, es wird einander verziehen und um den Hals gefallen und Valentine freut sich, wie es geschrieben steht, auf „one feast, one house, one mutual happiness“. Bei so viel herrlicher Männerfreundschaft bleibt Julia und Sylvia nur, sich ihr zu erwartendes Ehe-Elend von der Seele zu rocken. Und tatsächlich lassen Leah Brotherhead und Aruhan Galieva ihre innere Janis frei, dass das römische Amphitheater in seinen Grundfesten erbebt: All is loneliness before me … Wofür es vom ohnedies schon hin- und mitgerissenen Publikum einen Extra-Jubel gab. Cheers!

www.artcarnuntum.at

Wien, 5. 8. 2016

Lentos Linz: Slapstick!

Februar 27, 2014 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Die Lust am Scheitern

Peter Land: Springtime (Forar), 2010 Bild: Courtesy Galleri Nicolai Wallner

Peter Land: Springtime (Forar), 2010
Bild: Courtesy Galleri Nicolai Wallner

Tortenschlachten, Raufereien, wilde Verfolgungsjagden: Derart zwischenmenschliche Turbulenzen, aber auch die kleinen Fallen des Alltags – wie die tückische Bananenschale – sind zu bekannten Slapstick-Einlagen geworden. Mit dieser großen Kunst der Komik befasst sich die Ausstellung „Slapstick!“, die ab 28. Februar im Lentos Linz zu sehen ist.

Bildende Künstler waren dafür den Meistern, von Charlie Chaplin bis Buster Keaton,  auf den Fersen und machten sich die kulturellen Codes des Slapstick zunutze. Sie spielen in unterschiedlichen Medien gezielt mit Zitaten, Motiven und Konzepten, die dem Genre entlehnt sind. Die Schau stellt zeitgenössische Kunstwerke in den Kontext berühmter Stummfilme. Da korrespondiert etwa Peter Lands unter Ziegeln verschütteter Mann, „Springtime“, mit Harold Lloyds „Safety Last“ aus dem Jahr 1923 (eine Hochhaus-Kletterei, bis der Komiker am Zeiger einer Uhr hängt), Francis Alÿs‘ „Paradox of Praxis 1“ mit Charlie Chaplins Fabrikszene aus „Modern Times“, 1936. Alexej Koschkarows „Tortenschlacht“ ist ebenso zu sehen, wie die „Nose Punch Machine“, der „Fressenpolierer“, von Szymon Kobylarz. Im Mittelpunkt  steht jeweils das Scheitern, auf ganz unterschiedliche und individuelle Weise, mit Humor und auch mit Würde. Das hat natürlich besonderen Charme – vor dem Hintergrund der heutigen Perfektions- und Hochleistungsgesellschaft.

Zu sehen sind Werke von: Francis Alÿs, John Bock, Charlie Chaplin, Clyde Bruckman,  Carola Dertnig, Marcel Duchamp, Robert Elfgen, Peter Fischli/David Weiss, Rodney Graham, Jeppe Hein, Buster Keaton, Szymon Kobylarz, Alexej Koschkarow, Peter Land, Louis Lumière, Gordon Matta-Clark,  Bruce McLean, Steve McQueen, Bruce Nauman,  Fred C. Newmeyer,  Vincent Olinet,  James Parrott, Wilfredo Prieto, Charles Reisner, Edward Sedgwick, Mack Sennett, Timm Ulrichs, John Wood und Paul Harrison.

www.lentos.at

Safety Last: www.youtube.com/watch?v=QEcTjhUN_7U

Modern Times: www.youtube.com/watch?v=tfw0KapQ3qw

Wien, 27. 2. 2014