aktionstheater ensemble: „6 Frauen 6 Männer“ im Kosmos Theater Wien

Januar 18, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Satirische Suche nach Selbstbildern

Anti-Helden im Feinripp: Andreas Jähnert, Benjamin Vanyek, Sascha Jähnert, Fabian Schiffkorn, Thomas Kolle und Peter Pertusini. Bild: Gerhard Breitwieser

Nicht, dass es nicht klar gewesen wäre, aber einmal mehr zeigte sich gestern Abend, dass es so viel besser ist, eine Frau zu sein. Weil als solche trinkt man Sekt gleich flaschenweise, während die Männer sich mit Sprudelwasser begnügen müssen. Überhaupt ist’s, als träfen wilde Bacchantinnen auf ein Therapiegrüppchen, hie Ekstase, da Krampf, die Frauen grölen anstößige Lieder, die Männer geben einander Tipps zum Massieren von Rosen. Damit die sich öffnen.

Und ja, es wäre zu schön, um wahr zu sein, hätten sie das doppeldeutig gemeint. Also … Zum 30-Jahr-Jubiläum des aktionstheater ensembles hat dessen Mastermind Martin Gruber die aktuelle Produktion „Die wunderbare Zerstörung des Mannes“ und die 2015 für den Nestroy-Preis nominiert gewesene „Pension Europa“ zum Abend „6 Frauen 6 Männer“ verknüpft, derzeit zu sehen im Kosmos Theater Wien. Wie stets beweist Gruber damit Gespür für die Themen der unmittelbaren Gegenwart – von Genderfragen und Rollenklischees bis zu Grenzziehungen und gesellschaftlichen Exklusionen. Entstanden aus Recherche und Selbstbefragung, für die aktuellen Termine textlich und inszenatorisch neu bearbeitet und musikalisch neu interpretiert, hebt Gruber doch zwischen Teil eins und zwei die Ähnlichkeiten in den Unterschieden hervor.

Sie reichen von Sexproblemen bis Körperunzufriedenheit, von der Suche nach einem Selbst- bis zum unangenehmen Fremdbild, Wurzel allen Übels das gegenseitige Missverstehen der Geschlechter – solcherart präsentieren die Performerinnen und Performer ihre unerbittliche Bestandsaufnahme, die Streitpunkte und die Schnittmengen, machen mit beißendem Witz das Politische zum Privaten und das Private zum Politischen, immer hart an der Kante von Selbsterkenntnis und Rollenspiel, und wie immer als theatrale Verdichtung von Sprache, Musik und Choreografie zu einem großen Ganzen.

Den Anfang machen die Männer, Andreas und Sascha Jähnert, Thomas Kolle, Peter Pertusini, Fabian Schiffkorn und Benjamin Vanyek, begleitet von Musikerin und Sängerin Nadine Abado mit ihrem Projekt PH LION. In weißer Feinrippwäsche und mit einer beständigen „Wohin mit den Händen?“-Bewegung beginnt das Abklopfen von Männlichkeitsstereotypen, wobei nicht nur der ewig untote Machismo, sondern auch „der neue Mann“ satirisch aufs Korn genommen wird. Eine so grandiose wie gnadenlose Nabelschau ist das geworden, Alltagsbeobachtungen als Essenz kredenzt, ein Auflisten von Versagensängsten und erotischen Albträumen, von ödipalen Komplexen und unheilbarer Hypochondrie.

Kirstin Schwab, Alev Irmak und Michaela Bilgeri, die im Kosmos Theater mit Gipsbein spielt. Bild: Felix Dietlinger

Will die Frau in sich erspüren: Thomas Kolle mit Benjamin Vanyek. Bild: Gerhard Breitwieser

Die Darstellung der diversen Identitätskrisen ist Hochleistungssport, bald haben sich die sechs schweißnass gearbeitet, wenn sie übers Anforderungsprofil Held auf weißem Hengst, handwerkliches Universalgenie, perfekter Hausmann, Liebhaber sowieso sinnieren. Von Baumarktgesprächen geht’s zum Reproduktionsurinstinkt, mag nicht einfach sein, sich mit einem Körperteil mit Eigenleben, oder im schlimmsten Fall keinem mehr, zu arrangieren, zum Quotenlosertum. Nicht umsonst, konstatiert der Schnelle-Fick-Typ Fabian, sei Versager ein männliches Wort. Wozu es allerdings zu sagen gilt, dass sich im Synonymlexikon dieser Tage unter „Frau“ nach wie vor die Begriffe Dienstmagd, Bettgenossin, Flittchen, unter „Mann“ hingegen die Vergleiche Herr der Schöpfung, das starke Geschlecht, Mannsbild finden.

„Ich weiß ja nicht einmal, wie ich eine Frau in der Nacht auf dem Gehsteig überholen soll, so dass sie keine Angst vor mir hat …“, fragt sich der sensible Sascha, während Peter im Furor sein Mann-Sein zwischen die Beine klemmt, um „die Frau in mir“ zu erspüren. All diese Verstörungen werden zwar höchst empathisch dargeboten, aber weil Buben von klein auf Konkurrenz getrimmt werden, kommt’s zu Aggression, Schlägerei und Rudelringkampf. Benjamin, der einzige Widerpart, der einzige Schwule, und auch das ein Klischee, resümiert immer öfter: „Und warum erzählst du das jetzt?“, sein Tonfall genervt, seine Haltung ein klares Mit-denen-nichts-zu-tun-haben-Wollen. Doch die Videoprojektionen von Claudia Virginia aka Dornwittchen changieren schon zwischen bissigem Rottweiler und blutigem Schmetterling, so wie sich der Chauvinismus in einen Tanz mit Cheerleader-Pompons verwandelt.

Sechs Männer, sechs Sichtweisen, da ist logisch, dass kein Konsens gefunden wird. Es mag einem ein wenig die Stringenz des Gezeigten abgehen, aber wenn Nadine Abado die vorgeführte Selbstdekonstruktion in ihren fantastischen Livegesang übersetzt, so geht das tief unter die Haut. Nicht weniger irrwitzig, ebenso poetisch und um einiges schamloser zeigen sich Michaela Bilgeri, Susanne Brandt, Alev Irmak, Isabella Jeschke und Kirstin Schwab danach in „Pension Europa“, erste mit Gipsbein und von ihren Mitstreiterinnen im Rolli geschoben. Aisah Eisa singt zum Spiel ihre selbstverfassten Songs über die Suche nach dem Paradies. In nudefarbenen Dessous, die Brandt trägt darunter selbstironisch Shapewear, werden nun weibliche wahre Bekenntnisse und erdichtete Geständnisse offenbart.

Und wie bei den Männern sind diese haarscharf an der Peinlichkeit und knapp vorbei an der Plattitüde, was vor wie nach der Pause beim Publikum für höchstes Amüsement sorgt. Wie’s seine Art ist, schafft es Gruber tiefsinnig durch Untiefen, liefert er Humor mit Hintersinn und ins Absurde verpackt eine messerscharfe Analyse. Auf ebenfalls fast leerer Bühne, rechts ein Kleiderständer mit Brautmode, an der Rückwand wächst und gedeiht Felix Dietlingers Video-Blume, gestalten die Schauspielerinnen ausdrucksstarke Körperbilder, eine Selbstverteidigungschoreografie, Aktionismus mit „Stacheldraht“ à la Pjotr Pawlenski, was Kirstin Schwab gründlich missrät, weil ihr, meint sie, zum einen die asketische Christus-Attitüde des russischen Konzeptkünstlers abgeht, und zum anderen in Österreich für eine gelungene Performance zu wenig gelitten wird.

Selbstverteidigungschoreografie: Susanne Brandt, Aisah Eisa, Michaela Bilgeri, hier noch ohne Rolli, Isabella Jeschke, Kirstin Schwab und Alev Irmak. Bild: Felix Dietlinger

Dem ist angesichts des Dargebrachten deutlich zu widersprechen. Wieder drehen sich Gespräche um die Unlust des Äußeren, was Männern die vergleichende Penis-Vermessung ist, sind den Frauen Cellulite und Wabelarme – und ein Muttermal an den Schamlippen. Susanne Brandt erzählt von einem ägyptischen Urlaubsflirt, der ihr nun nach Europa nachflüchten will, was ihr gar nicht passt, und, dass sie mit den osteuropäischen Bettlern in der U-Bahn nicht umgehen kann.

Alev Irmak, dass in der Wahl zwischen der Türkei und Österreich Heimat für sie dort sei, „wo ich am besten scheißen kann“, was derzeit hierzulande ist. Derart werden persönlichste Begebenheiten zu gleichsam europäischen, die Frauen wechseln von deftig zu hart zu zart, und sie haben’s definitiv lustiger. „6 Frauen 6 Männer“ besticht mit seiner hohen Authentizität; den Mitwirkenden ist für ihren Mut und ihr performatives Potenzial sehr zu danken. Was das aktionstheater ensemble hier auf eindrückliche Weise veranschaulicht, ist, dass Veränderungen im vermeintlich Kleinen wie im Großen nur stattfinden werden, wenn man endlich damit anfängt. Freiheit soll man sowohl sich selbst, als auch den anderen gewähren, scheint Martin Gruber zu sagen. Welch ein versöhnlicher Gedanke, der diese beiden großartigen Aufführungen abrundet.

Martin Gruber im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=30322

Trailer „Die wunderbare Zerstörung des Mannes“: vimeo.com/279821837

Trailer „Pension Europa“: vimeo.com/97548144

kosmostheater.at          aktionstheater.at/

  1. 1. 2019

Kammerspiele: Acht Frauen

November 9, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Tod steht ihnen gut

Die Damen werden handgreiflich: Isabella Gregor, Marianne Nentwich, Susa Meyer, Silvia Meisterle, Swintha Gersthofer und Sandra Cervik. Bild: Sepp Gallauer

Suspense so geschmeidig in Chansons umzusetzen, das muss einem erst einmal gelingen. Franz Wittenbrink führt nun an den Kammerspielen der Josefstadt très français vor, wie’s geht. Er hat für Herbert Föttingers Neuinszenierung der Krimikomödie „Acht Frauen“ die Bühnenmusik komponiert. Mal darf frech gejazzt werden, mal eine zum Tango sinnlich sein, immer psychogrammatisch entlang des jeweiligen Typus und seiner besonderen Charakterzüge.

Die Damen des Ensembles beweisen solcherart nicht nur ihr schauspielerisches Können, sondern entpuppen sich als wahre Showtalente. Pauline Knof als ungebetener Gast Pierrette legt eine sexy Einlage hin, von der man nicht ahnte, dass derlei in der Charakterdarstellerin schlummert.

Der Inhalt von Robert Thomas‘ Text ist bekannt: Auf einem französischen Landsitz, abgelegen und eingeschneit, findet die Vorweihnachtsstimmung ein jähes Ende, als der Hausherr mit einem Messer im Rücken tot aufgefunden wird. Den „Acht Frauen“, Verwandten wie Bediensteten, erschließt sich bald, dass die Mörderin unter ihnen zu suchen ist. Jede hatte ein Sträußchen mit dem Verstorbenen auszufechten, Motive gibt es ergo genug, aber keine Alibis. So beginnt ein scheinheiliges Intrigenspiel, in dem scheinbar aufgeschreckte Hühner sich als skrupellose Erbschleicherinnen erweisen, tablettensüchtige Dramaqueens gegen eiskalte Königinnen der Nacht antreten, und mehr dunkle Geheimnisse ans Licht kommen, als der Mischpoche lieb sein kann.

Föttinger dämpft in seiner Arbeit den Schenkelklopfimpuls, der durchaus als Gefahr im Stück lauert. Zu sagen, er hätte daraus eine subtile Satire gemacht, wäre für den amüsanten, doch – nicht zuletzt aufgrund Ece Anisoglus uninspiriertem Grauen-Haus-Bühnenbild und Birgit Hutters elegant gestrigen Kostümen – etwas antiquiert wirkenden Abend wohl etwas viel. Doch der Regisseur kann sich auf seine Komödiantinnen verlassen, die wissen, wie sarkastisch geht, wie man Zwischentöne und Spitzen setzt und so Zwietracht sät. Föttinger gibt ihnen den Raum, sich in allen Facetten schillernd zu entfalten. Dass in seiner Interpretation die Fallhöhe vom vermeintlichen Familienidyll zur lügendurchtränkten Täterinnensuche gering ist, ist eine Entscheidung, die es anzunehmen gilt.

Das Verhältnis der Frauen untereinander ist von Beginn an ein brüchiges, die Worte zwischen ihnen fallen streitsüchtig und gereizt, es kommt nicht nur einmal zu Handgreiflichkeiten. Man ärgert sich über die Hysterie und Hypochondrie der anderen, vor allem aber über Mamys „Wunderheilung“. Als diese glänzt Marianne Nentwich. Die langgediente Josefstädterin ist von der Gaby, die sie in einer Aufführung 2004 noch spielte, zur Gabys-Mutter-Rolle avanciert, und sie macht sich sichtlich einen Spaß daraus, immer dann aus dem Rollstuhl zu hüpfen, wenn es Spannenderes zu tun gibt, als auf den Nerven der anderen spazieren zu fahren. Die Gaby ist nun Susa Meyer, die von gutbürgerlicher Hausherrin blitzschnell auf bitterböse und bissig umzuschalten weiß.

Silvia Meisterle als kesses Kammerkätzchen Louise. Bild: Sepp Gallauer

Susa Meyer, Silvia Meisterle, Sandra Cervik und Swintha Gersthofer. Bild: Sepp Gallauer

Pauline Knof beweist als mondäne Pierrette ihr Showtalent. Bild: Sepp Gallauer

Swintha Gersthofer und Anna Laimanee, sie in ihrem ersten Engagement neu am Haus, gestalten die Töchter Susanne und Catherine zwischen teenageraufsässig und jungdamenhaft. Dass Sandra Cervik in die Figur von Gabys Schwester Augustine schlüpft, ist ein Glück. Cervik macht aus der altjüngferlichen, verbiesterten Giftspritze ein Kabinettstück, mit Hingabe tut sie deren Verdächtigungen und Vermutungen und Vorstellungen von korrektem Verhalten kund, bis sie mit Verve das Entlein in einen Schwan verwandelt. Pauline Knof schließlich als letztes Mitglied der skandalösen Sippe spielt Gabys Schwägerin Pierrette als mondäne Lebefrau.

Isabella Gregor und Silvia Meisterle sind als Köchin Madame Chanel und Dienstmädchen Louise zu sehen, nach außen hin resigniert-ergeben, aber durchaus mysteriös die eine, verführerisch kess und nur widerwillig gehorchend die andere. Insgesamt lässt sich über die Darstellerinnen sagen: Der Tod steht ihnen gut. Nach Drehungen und Wendungen, Manipulationen und unsauberen Machenschaften, und dem wahren Satzfragment „Wenn wir Frauen doch nur besser zusammenhielten“, wird die Tat zweieinhalb Stunden später enttarnt. Sollte es jemanden geben, der tatsächlich keine Ahnung hat, wie’s geschehen ist – anschauen …

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=2A9t_C2x54s

www.josefstadt.org

  1. 11. 2018

Veronika Glatzner inszeniert nach Kafkas „Prozess“

September 7, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Julia Schranz spielt eine von „K.s Frauen“

Julia Schranz und Ana Grigalashvili. Bild: ©Dina-Lucia-Weiss

Julia Schranz und Ana Grigalashvili. Bild: © Dina-Lucia-Weiss

2014 hat Schauspielerin und Soziologin Veronika Glatzner den Verein „Tempora“ gegründet.  Mit der Intention künftig in Wien Theater an der Schnittstelle zu Tanz und Literatur, in öffentlichen oder halb-öffentlichen Räumen in der Stadt zu zeigen. In Hernals gab es ein erstes Projekt, „on DIS PLAY – theatrale Formen von Transparenz“, ein Auftragswerk an fünf Autorinnen und Autoren Monologe für Schauspieler zu schreiben. Gespielt wurde parallel – in den Schaufenstern von Geschäftslokalen.

Nun folgt Glatzners zweite Regiearbeit: Am 15. September hat in einer leerstehenden Wohnung in der Wollzeile 6-8 ihr installatives Stationentheater nach Franz Kafkas „Der Prozess“ Premiere. In seinem berühmten Roman erzählt Kafka aus dem Blickwinkel seines Protagonisten Josef K., dessen nebulöse Verhaftung, und wie dieser sich vor einem undurchsichtigen Gericht verantworten muss, ohne zu wissen, warum.

In Glatzners „K.s Frauen“ begegnen sich nun die vier Schauspielerinnen Ana Grigalashvili, Marketa Richterova, Julia Schranz und Halka Třešňáková, um auf Basis ihrer unterschiedlichen kulturellen Hintergründe, die Frauenfiguren des Romans zu untersuchen. In parallel bespielten Zimmern erforschen die vier Darstellerinnen ihre Figuren, deren Verfremdung, Verzerrung und Widersprüchlichkeit. Für diese Produktion arbeitet Glatzner erstmals mit dem avantgardistischen Musiker Bernhard Fleischmann alias b.fleischmann zusammen. Die Choreographie besorgt Anna Knapp, für die Ausstattung ist Marie Sturminger zuständig.

Termine derzeit bis 2. Oktober, jeweils 18.30 Uhr und 20 Uhr. Wegen der wenigen Zuschauerplätze – Kartenreservierungen unter: reservierung.tempora@gmail.com

ks-frauen-blog.tumblr.com

www.veronika-glatzner.com

Wien, 7. 9. 2016

EntArteOpera: Baruchs Schweigen

August 30, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Als „Libretto“ ein Shoa-Tagebuch

"Baruchs Schweigen" nach dem Tagebuch von Baruch. Bild: EntArteOpera

„Baruchs Schweigen“ nach dem Tagebuch von Baruch Milch. Bild: EntArteOpera

Am 7. September hat im Rahmen des Festivals EntArteOpera die Produktion „Baruchs Schweigen“ Premiere. Die österreichische Erstaufführung der Oper von Ella Milch-Sheriff findet im Semper-Depot statt. Die zeitgenössische israelische Komponistin führt in ihrem Werk den Zuhörer auf eine sehr persönliche, schmerzlich emotionale Reise entlang der Zeilen des Tagesbuches ihres Vaters Baruch Milch, eines galizischen Shoa- Überlebenden.

Seite um Seite gibt das Buch Bilder der Erinnerung an die traumatischen Erlebnisse frei, aber auch an Zeiten, da Liebe und Lachen noch einen Platz im Leben des Vaters hatten. Die Tochter beginnt das Schicksal des Vaters zu begreifen, die Geheimnisse, verdrängten Fragen, das Schweigen. In beklemmender Weise und mit hochemotionaler Tonsprache thematisiert die Komponistin die Frage nach dem Weiterleben mit Schuldgefühlen und Albträumen und nach dem Vermächtnis der Geschichte für die Kinder der Opfer und Täter. Die Oper, eine Mischung aus persönlichem Schicksal und naher Zeitgeschichte, baut eine Brücke in die Gegenwart.

Die Räume des Atelierhauses der bildenden Künste bilden den außergewöhnlichen Rahmen für die Aufführung. Künstlerisch ist die Produktion hervorragend besetzt, unter anderem durch ein Ensemble der Wiener Symphoniker mit Hermine Haselböck, Duccio Dal Monte, Ingrid Habermann und Alexander Kaimbacher unter dem Dirigenten Christian Schulz; die Inszenierung liegt in den Händen des erfahrenen Musiktheaterregieduo Beverly und Rebecca Blankenship.

Marsch der Frauen. Bild: EntArteOpera

Marsch der Frauen. Bild: EntArteOpera

Zum Themenschwerpunkt „Verfemte und Vergessene Komponistinnen“ gibt es außerdem eine Ausstellung in der Aula der Akademie der bildenden Künste. „Marsch der Frauen“ stellt – mit interaktiven Hörstationen –  sieben Komponistinnen vor, die ihre schöpferische Kreativität dem ideologischen Frauenbild der NS-Zeit entgegensetzten. Als selbstbewusste, aufmüpfige Persönlichkeiten suchten sie ihre künstlerische Identität in der Musik. In der Zeit vor und während des Nationalsozialismus wurden ihre Lebenswege gestört durch Verurteilung, Verfemung, Verfolgung: die Muse Alma Mahler-Werfel, das Musikgenie Charlotte Schlesinger, March-of-the-Women-Schöpferin Ethel Smyth, die Musiktherapeutin Vally Weigl, die frühvollendete Meisterin Vítezslava Kaprálová, die Musikschöpferin Henriëtte Bosmans und das Multitalent Hilde Loewe.

www.entarteopera.com

Wien, 30. 8. 2016

Kammerspiele: Das Lächeln der Frauen

Februar 3, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die fabelhafte Welt der Aurélie

Ruth Brauer-Kvam und Alexander Pschill Bild: Sepp Gallauer

Am End‘ endlich happy: Ruth Brauer-Kvam und Alexander Pschill
Bild: Sepp Gallauer

Ach, und wenn sie nicht gestorben sind. Das ist was fürs Herz. Noch dazu unterlegt mit Musik aus einem Lieblingsfilm. In dem ebenfalls ein Mann aus Liebe vorgibt, ein anderer Mann zu sein. Halt ein britischer Lord X statt des britischen Autors Robert Miller. Aber egal. Zum Zer-flie-ßen schön war’s. Die Kammerspiele brachten Nicolas Barreaus Bestseller „Das Lächeln der Frauen“ auf die Bühne. Und zwar sehr französisch und très charmant: Ruth Brauer-Kvam und Alexander Pschill sind vraiment supersympa. Und wenn der Theatermitgeher danach meinte, er habe jeden Moment auf den Auftritt der „Ratatouille“-Ratte gewartet, dann ist auch das als Kompliment gedacht. Ganze Kerle, Sie verstehen, und ihre Art, überwältigende Gefühle in … naja … eben zu kleiden.

Das Traumpaar der Kammerspiele-Liebeskomödie schlüpft diesmal in die Rollen von Aurélie Bredin und André Chabanais. Die Bistrobesitzerin hat einen Liebesroman gekauft – und findet sich und ihr Restaurant in diesem bis ins Detail porträtiert. Naturellement will sie den sensiblen Schriftsteller, laut Klappentext ein englischer Einsiedler, kennenlernen, doch sie scheitert am bärbeißigen Pariser Lektor. Denn der ist … na? … na? … genau! Und der Brillenträger auf dem Bild ein Zahnarzt aus der britischen Pampa, der Bruder des Literaturagenten, der überhaupt die Idee zu dem ganzen Schwindel hatte, weil der Lektor unter vorgesetztem Erfolgsdruck stand. Dieser, le Big Boss, will seinen Erfolgsautor nun aber an der Seine sehen. Für Interviews und Lesungen. Für André eine Katastrophe, für Aurélie die Chance. Die Verwicklungen werden immer verwickelter, vor allem, da André längst sein Herz an Aurélie verloren hat. Doch die schwärmt nur für ihren nichtexistenten Dichter. Also muss der in einen Kotzbrocken verwandelt werden.

Regisseur Fabian Alder hat tief in die Trickkiste der Screwball Comedies gegriffen. Mit feinem Witz und einem Händchen für die richtige Dosis Slapstick legt er diesen Parcours d’amour aus. Auf einer riesigen Leinwand laufen Schwarzweißfilme (Video: Moritz Grewenig), dahinter Schattenspiele. Pschill und Brauer-Kvam als verrückter Flic und vornehme Dame auf der Flucht, ein sinistrer Bouquinist gewährt Unterschlupf, die Dame enttarnt sich durch Trenchcoat tragen als Spionin. Und dann, nach einer köstlichen Film-noir-Verhörszene, das Happy End beim Blutorangenparfait. Mit Pschill als Bogey-Persiflage samt dessen Ich-bring‘-beim-Reden-die-Zähne-nicht-auseinander-Attitüde. Ach, seufzte ich das schon?, we’ll always have Paris. Sehr schön übrigens, wie in diesen Zuspielern Wien die Stadt der Liebe spielt. Alder zeigt die Täuschung offen, der Zuschauer ist Teil der Illusion, wenn falsche Bärte geklebt und Sakkos in Windeseile gewendet werden. André macht das Publikum nämlich zu seinem Verbündeten in Liebesfragen. Dabei hilft, dass die Bühnenfassung von Gunnar Dreßler die Erzählprosa über Strecken beibehalten hat, die Protagonisten kommentieren so das Geschehen. Die Filmdialoge sind dem Madcap-Flair angepasst und konterkarieren den sanften Zynismus auf dem Theater.

Was auf der Bühne passiert, ist aber nicht weniger hinreißend, als das Leinwandgeschehen. Pschill brilliert als André, ein geschmeidiger Bluffer und ziemlich unverschämt, also genau der Typus, mit dem’s Richtung Traualtar geht. Großartig, wie er die Marotten seines griesgrämigen Verlegerchefs, seines leichtsinnigen Agentenfreundes – und auch die Schrullen des Zahnarztes verkörpert. Der taucht tatsächlich auf und läuft zu Hochform auf. Pschill hat sich ein halbes Dutzend Stimmen und Mimiken zugelegt und darf mit dieser Performance auch als Erfinder der Solo-Doppelconference gelten. Er gestaltet mit seinem Spiel eine liebenswerte Hommage an den großen Nestor-Patou-Darsteller. Brauer-Kvam ist das Entlein, in dem der Schwan schlummert. Zielstrebig und unbeirrt von Andrés Ausweichmanövern verfolgt ihre Aurélie ihren Plan, in poetischen Traummomenten flattert ihr Finger-Herz wie ein Vögelchen vor Vorfreude auf. Brauer-Kvam beweist sich als Akkordeonistin und tanzt verliebt mit dem Besen. Die fabelhafte Welt der Aurélie ist bei ihr in besten Händen. Aurélie glaubt André alles, außer der Wahrheit. Und so muss dieser einen letzten Schachzug wagen, damit bis zum Abspann alles gut ist.

Alders Inszenierung hat alles, was eine „Pariser Bekanntschaft“ braucht: respektlosen Humor, einen schnellen Rhythmus, witzige Dialoge, exzentrische Charaktere und einen battle of sexes, in dem keinem etwas geschenkt wird. Das Publikum bedankte sich sehr herzlich für den vergnüglichen Abend. „Lassen Sie sich zum Valentinstag keine Blumen schenken, sondern ‚Das Lächeln der Frauen'“, schrieb eine entzückte Rezensentin als 2010 Barreaus Buch erschien. In eineinhalb Wochen ist es wieder soweit.  Nur diesmal dürfen’s statt Lektüre gerne Karten für die Kammerspiele sein …

Trailer: www.youtube.com/watch?v=3DCb1VWp3yE

www.josefstadt.org

Wien, 3. 2. 2016