Verliebt in meine Frau

November 19, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Erotische Tagträume beim Abendessen

Die Kontrahenten beim ersten Kennenlernen: Daniel Auteuil, Sandrine Kiberlain, Adriana Ugarte und Gérard Depardieu. Bild: © Christine Tamalet

Dem deutschsprachigen Feuilleton hat diese Filmkomödie größtenteils nicht gefallen. Die Urteile sind vernichtend, im höflichsten Fall steht geschrieben, dass das Lustspiel „nur Kopfschütteln hinterlässt“, die gemeinste Kritik nennt es „ekelerregend“. Mag sein, dass diese Bekundungen mit der Sprachbarriere zu begründen sind. Sieht man „Verliebt in meine Frau/Amoureux de ma femme“ nämlich im französischen Original, amüsiert man sich prächtig.

Ab Freitag ist das in den Kinos zu prüfen, und auch in wessen Arme seine Gedankenreise den Antihelden eines desaströsen Abendessens schließlich führen wird. Ein Tipp: Der Filmtitel weist in die richtige Richtung.

Daniel Auteuil, Charakterdarsteller mit immer wieder Freude am Fröhlichen, hat bei „Verliebt in meine Frau“ die Regie übernommen, und sich selbst als einen der vier Protagonisten besetzt. Von Florian Zeller ist das Drehbuch, der Dramatiker hat dafür sein Theaterstück „L’envers du décor/Die Kehrseite der Medaille“ adaptiert. 2016 war dieses in einer Inszenierung von Alexandra Liedtke mit Sona MacDonald und Michael Dangl an den Kammerspielen der Josefstadt zu sehen. Der Inhalt: Daniel – Auteuil – lädt, als er auf der Straße zufällig seinen Freund Patrick trifft, diesen leichtfertig zum Diner ein. Samt Begleitung, und damit nimmt das Verhängnis seinen Lauf, denn Patrick hat eine „Neue“, Emma, während seine Ex die Busenfreundin von Daniels Frau Isabelle ist.

Auteuil hat sich hochkarätige Unterstützung geholt. Sandrine Kiberlain spielt die Isabelle, Adriana Ugarte die Emma, und der großartige Gérard Depardieu in erster Linie sich selbst, den Feinschmecker, Weinkenner, Frauenliebhaber – den gutgelaunten, aufgeräumten Patrick. Emma, das sieht das Publikum, entpuppt sich als blutjunge, aparte, supersympathische Schönheit. Der Witz des Ganzen entsteht nun, weil jede Figur auf diese Frau seine eigenen Vorstellungen projiziert. Wunderbar, wie Isabelle beim ersten Anblick das Gesicht gefriert, wie sie, weil Emma und Patrick erst nicht sagen wollen, wo sie einander kennengelernt haben, Fantasien von ihr als Prostituierten in einer Bar hat.

Schlimmer noch trifft es Daniel, der sich vor seinen erotischen Tagträumen nicht retten kann. Während am Tisch Smalltalk über Spargel stattfindet, sieht er sich in poetischen Bildern mit Emma in Venedig, am Pool, beim Familienfest, weinend, während sie „Onkel Wanja“ spielt, tatsächlich steckt ganz viel Tschechow in der Szenerie, und am Ende und wegen dieser „Altherrenalbernheit“ der große Aufschrei der Rezensenten – sie sich nackt ausziehen. Ein Augenblick nur, bevor ihn sein Gestammel wieder in die Gegenwart des Esszimmers zurückholt, und Auteil gestaltet ihn anrührend und liebenswert, zwar vom Neid zerfressen, doch ist sein Daniel wahrlich alles andere als der ihm unterstellte triebgesteuerte Macho. Eher ein tragikomisches Opfer seiner Begierden.

Sandrine Kiberlain und Daniel Auteuil. Bild: © Christine Tamalet

Gérard Depardieu und Adriana Ugarte. Bild: © Christine Tamalet

Tatsächlich werden in „Verliebt in meine Frau“ alle Seiten verlacht. Die Männer für ihre Selbstverliebtheiten – Daniel hält sich für den „König der Verhandlungen“, wird aber bei jedem Ehekonflikt von seiner Frau an die Wand argumentiert – und ihre falschen Annahmen über das Wesen der Frau – Depardieu ist als Patrick wie ein selbstzufrieden schnurrender Kater, der in Emma glaubt einen Jungbrunnen gefunden zu haben -, Isabelle wegen ihrer Vorurteile und dem Konkurrenzdenken gegenüber dem eigenen Geschlecht. Florian Zeller verteilt sein ironisches Augenzwinkern gerecht unter seinen Midlife-Crislern, die einzige Unschuld ist Emma.

Noch dazu nimmt er das streng geschützte (Non-)Kommunikationssystem des Bildungsbürgertums aufs Korn, in dem aus Konvention kaum jemand je ausspricht, was er denkt, weshalb es eben zu Irrungen und Wirrungen kommen muss. Die Gastgeber tappen diesbezüglich in jedes Fettnäppchen, und wenn Depardieu mit Blick auf den nächsten Sommer das Dessert mit den Worten „Ich muss auf mein Gewicht achten, der Strand ist erbarmungslos“ ablehnt, dann sage einer, das sei nicht von der Art charmanter Koketterie, wie’s nur die Franzosen können.

Dass es in der zugegeben konventionell erzählten Story an Spannung nicht fehlt, liegt an Regisseur Auteils Kunstkniff, die Erzählebenen mehr und mehr ineinander greifen zu lassen. Immer raffinierter und undurchschaubarer wird, was real und was irreal ist, die Handlung springt zwischen Szenen und Zeiten, so dass man bald nicht mehr weiß, was passiert ist, passieren wird oder sich niemals ereignet. Am Schluss wird sich herausstellen, wer hier wen den ganzen Abend über manipuliert hat. Kein wirklich überraschendes Ende, aber ein beziehungstechnisch betrachtet wunderschönes.

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  1. 11. 2018

Armes Theater Wien: Die Frau vom Meer

August 16, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie Ebbe und Flut in den Seelen

Krista Pauer und Aris Sas. Bild: Martin Hauser

Es ist das Faktotum Ballested, Schauspieler, Maler, Tanzlehrer, hier nun auch Fremdenführer, der die „Reisegruppe aus Wien“ im kleinen Kurorthotel empfängt, und gleich einmal auf die Fjordcard hinweist, mit der es alles um zehn Prozent preiswerter gibt. Das Hotel ist im Ottakringer Bockkeller des Wiener Volksliedwerks untergebracht, wo Erhard Pauer Ibsens „Die Frau vom Meer“ in einer Bearbeitung von Krista Pauer inszeniert hat.

Dies mit heiter-melancholischem Grundton und in ihrer Bittersüße exakt gearbeiteten Figuren. Bei Pauer wird das Schauspiel um platzende Träume und verschüttgehende Weltbilder beinah zur Tragikomödie, immer wieder darf man auch schmunzeln, wenn die vereinten Frauenmissversteher am Werk sind, wenn sie sich der einzelgängerischen Protagonistin des Stücks ungeschickt nähern, nur, um die nächste Abfuhr zu erhalten. Die Pauers geben dabei dem Feministen Ibsen Raum, wenn sie Männer zeigen, die Frauen nach ihren Wünschen formen und manipulieren wollen, und Frauen, die sich deshalb neue – in der Regel allerdings ungesunde – Wirklichkeitsbilder schaffen. In ihren Händen wird „Die Frau vom Meer“ ein Spiel um Ebbe und Flut in den Seelen.

Krista Pauer spielt die Ellida. Die Tochter eines Leuchtturmwärters, die auf einer Insel mitten im Meer aufwuchs, hat den Arzt Wangel geheiratet, mit dem und seinen beiden Töchtern aus erster Ehe, Bolette und Hilde, sie nun in der Kleinstadt am Ende des Fjords lebt. Nie hat Ellida in Wangels Haus wirklich Wurzeln geschlagen, jeden Tag zieht es sie ans Meer, dessen Unberechenbarkeit sie zugleich abschreckt und anzieht. Um sie aufzuheitern hat Wangel Bolettes ehemaligen Lehrer und in früheren Tagen verschmähten Anbeter Ellidas, Arnholm, eingeladen. Der interpretiert die Geste falsch, als Aufmunterung um Bolette anzuhalten.

Florian Sebastian Fitz. Bild: Martin Hauser

Daniel Ruben Rüb. Bild: Martin Hauser

Und dann ist da noch der junge Kurgast Lyngstrand, der eines Tages die Geschichte vom ertrunkenen Seemann erzählt, der zurückkehrt aus der schwarzen See, eine Geschichte, die Ellida sehr vertraut ist, ist es doch ihre eigene. Erschüttert ist sie nun überzeugt davon, dass der Amerikaner sie holen kommen wird. Und während man sich noch fragt, ob man es mit Albtraum, einer pathologischen Todessehnsucht oder doch der Realität zu tun hat, dreht sich dies Stück ums Ungesagte, nur Angedeutete weiter. Die Hintergrundgeräusche in ihrem Kopf werden lauter, und Ellida trifft eine schwerwiegende Entscheidung …

Krista Pauer legt Ellida als hochgradig bipolar Gestörte an, mit großem Feingefühl bewegt sie die Figur zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Als sei sie in einem Käfig eingesperrt stolpert sie über die Spielfläche, seufzend unter der erdrückenden Last der bevorstehenden Heimsuchung. Sie vollzieht emotionelle Kraftakte, mit denen sie nach Haltung sucht, um gleich wieder zusammenzubrechen unter dem Gewicht ihrer Gefühle. Die Männer rund um sie, wiewohl sie alle um sie buhlen, wissen wenig mit ihr anzufangen. Jeder lebt hier in den anderen verschlossenen Welten.

Aris Sas als Wangel, liebevoll, bemüht einfühlsam, doch unfähig sich aus seiner Stasis zu befreien, tut einem als Ellidas Ehemann fast schon leid. Er glaubt an Heilung durch Umzug zurück auf die Inseln, muss aber natürlich an diesem Lebensansatz scheitern. Daniel Ruben Rüb schlüpft in die Rolle des Arnholm. Als solcher trudelt er umher auf der Suche nach immer neuen Möglichkeiten, die ihn umgebenden Frauen zu ergründen, hilfsbereit will er sich zeigen, vor allem gegenüber Bolette, doch scheitert er jedes Mal aufs Neue wegen mangelnder Sehkraft für das Wesen der Dinge.

Klaus Fischer. Bild: Martin Hauser

Cornelia Mooswalder und Celina Dos Santos. Bild: Martin Hauser

Auch das Dreieck Bolette, Lyngstrand, Hilde – Cornelia Mooswalder, Florian Sebastian Fitz und Celina Dos Santos – hat Erhard Pauer mit großer Sensibilität in Szene gesetzt, die ältere Tochter gegenüber der außer sich seienden Stiefmutter einlenkend, dennoch im Wortsinn das Weite suchend, die jüngere eine kindliche Hintertreiberin. Der lungenkranke Lyngstrand ahnt hier nichts von seiner kurzen Lebensdauer, gibt sich als egomanischer Möchtegernkünstler, der erst um das eine Mädchen, dann um das andere tänzelt, jedoch an deren emanzipatorischen Ansätzen scheitert. Bleibt schließlich Klaus Fischer, der einen wunderbar kauzigen Conférencier Ballested spielt, und als solcher quasi durch die Handlung führt. Er ist der einzige Freie unter all den Ibsen-Figuren, die doch nur auch das eine wollen – Freiheit, sich aber von ihren kleinbürgerlichen Ängsten und Zwängen nicht lösen können.

Was Erhard Pauer und seinen Darstellern hier gelungen ist, ist große Kunst, nicht, weil dieser Abend Antworten und Lösungen anbietet, sondern weil er die erschreckende Ahnung von der Einsamkeit der Menschen und deren vergeblichen Mühen um Zusammenleben und Kommunikation mit anderen ins Bewusstsein zerrt. Was einem mitunter den Hals zuschnürt. „Die Frau vom Meer“ des Armen Theater Wien ist zu verstehen als Tauchgang in die eigene Psyche.

www.armestheaterwien.at

  1. 8. 2018

Benjamin Black = John Banville: Eine Frau verschwindet

März 25, 2016 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Bis zum Ende ist der Ausgang unklar

9783462044676_10Das ist schon große Kunst. Fünfzig Seiten vor Schluss hat man zwar eine Ahnung, was passiert ist, aber längst noch keine Gewissheit. Man weiß, warum, aber nicht wie. Und mit dem wer, na, das ist so eine Sache … Der große irische Autor John Banville hat unter seinem Krimi-Pseudonym Benjamin Black einen weiteren Quirke-Roman vorgelegt. Es ist das dritte Buch, in dem der Dubliner Pathologe ermittelt, und auch, wenn nie wieder die Genialität der Handlung des ersten Falls „Nicht frei von Sünde“ erreicht werden kann, erzählt es eine fesselnde Geschichte.

Diesmal verschwindet eine junge Ärztin spurlos. Und Phoebe, Quirkes Tochter, ist überzeugt davon, dass diese, ihre Freundin, zu Tode gekommen ist. Quirke, der sich gerade erst aus einem Sanatorium für Suchtkranke eigenhändig entlassen hat, aber noch vor der Hälfte des Buches seinen ersten Whiskey, eine Flasche, kein Glas, geleert haben wird, „nur mit einem ausgewachsenen Kater fühlte er sich ganz er selbst“, macht sich auf die Suche. Diese April Latimer ist nämlich nicht nur das, was man in den 1950er-Jahren ein liederliches Mädchen nannte, sondern auch die Nichte des Gesundheitsministers, also Quirkes Vorgesetztem – und tatsächlich findet sich in ihrer Wohnung ihr Blut.

Hier hat zweifellos eine Abtreibung stattgefunden …

In verweht nostalgischem Tonfall lässt einen Banville-Black in eine aus österreichischer Sicht versunkene Welt eintauchen. Der Schriftsteller, der selbst unter der Zucht und Ordnung katholisch-irischer Erziehungsanstalten zu leiden hatte, arbeitet sich einmal mehr an seinen Lebensthemen ab: der Verlogenheit einer bigotten, grausamen Upper Class, die über ein Land herrscht, als wäre die Leibeigenschaft dort nie abgeschafft worden. Die Kirche, die Politik, die Wirtschaftsmächtigen, sie alle arbeiten daran, eine repressive – und frauenfeindliche – Gesellschaft aufrecht zu erhalten. Banville-Black ist auch leidenschaftlicher Feminist. Er gibt seinen Protagonistinnen stets eine bedeutende Stimme. In einem Genre, in dem Weiblichkeit oft als Sekretärinnen- oder suspektes Beiwerk abgehandelt wird, sind seine Hauptdarstellerinnen gleichsam unterwegs in die Emanzipation.

Und, auch dies ein ständig wiederkehrendes Motiv in seinen Büchern, er ist ein wortgewaltiger Mitstreiter im Kampf gegen Kindesmissbrauch. Als 2009 in Irland ein riesiger Skandal aufgedeckt wurde, in katholischen Heimen und Schulen wurden jahrzehntelang tausende Minderjährige gequält, geschlagen, gedemütigt, vergewaltigt; schweigender Komplize war der Staat, der das System finanzierte, denn die Einrichtungen erhielten eine Kopfprämie für jedes Kind, schrieb John Banville wütende Essays in allen wichtigen Zeitungen.

Banville-Black ist Experte im Umreißen des Dubliner Lokalkolorits, ein Meister der Milieuschilderung, und wie er die Erotik eines auf das Bett geworfenen Damenmantels entwirft, weist ihn das als literarischen Chronisten einer Zeit aus, in der sich nicht jeder jederzeit die Kleider vom Leib riss, sondern Sex subtiler beschrieben wurde. Seine Beschreibung des Personals ist prägnant, er genießt es offensichtlich, seine Figuren vorzustellen, erst langsam, fast schon enervierend langsam baut sich die Spannung auf. Da ist also einerseits die mächtige Familie Latimer, mit dem Minister-Onkel, der Vater ein verstorbener Held des irischen Freiheitskampfes, die Mutter eine Spinne im Netz aller ortsansässigen Wohltätigkeitsorganisationen, der Bruder ein bedeutender Gynäkologe.

Doch April bevorzugte einen anderen illustren Kreis. Einen aus Schauspielern, Journalisten – und einem Medizinstudenten aus Nigeria. Ein schöner Kerl, „sie genossen es, ihn dabeizuhaben, denn er verlieh ihnen etwas Kultiviertes, Kosmopolitisches“, außerdem wird ihm eine Affäre mit April nachgesagt, doch halb Dublin fürchtet oder verachtet den „schwarzen Mann“ – was Banville-Black diesbezüglich über Rassismus und Xenophobie zu sagen hat, liegt nicht Jahrzehnte zurück. In beiden Runden gibt man Quirke und seinem bärbeißigen Partner Inspektor Hackett deutlich zu verstehen, sie mögen gefälligst die Finger von der Angelegenheit lassen. Und dann fällt das Wort „besessen“. Im Sinne von krankhafter, fehlgeleiteter Liebe, nicht von Hokuspokus …

Der Schatten der Vergangenheit schwebt über den Figuren. Quirkes Schicksal verquickt sich mit dem des mutmaßlichen Opfers. Entlang der Geschichte der fremden Familie wird die seiner eigenen erzählt, der einen Kalamitäten, der anderen Verhängnis. Denn Quirke, man weiß es seither, ist natürlich „Nicht frei von Sünde“. Er hat seine Tochter Phoebe nach ihrer Geburt, bei der seine Frau verstarb, seinem Halbbruder Malachy Griffin überlassen. Zwanzig Jahre hielt Phoebe den für ihren leiblichen Vater, seit sie die Wahrheit erfahren hat, ist ihre ohnedies unglückliche Welt ein Stück eingebrochener. Nun übersiedelt auch noch die gemeinsame Stiefschwiegermutter Rose von Boston nach Dublin, eine steinreiche Grande Dame mit der festen Absicht einen der beiden Männer zu heiraten, doch Quirke liegt derweil in den Armen der Schauspielerin Isabel. Man kann Freundinnen der Tochter ja zu eigenen machen. Dass dies alles das schwierige Verhältnis zweier schwieriger Charaktere nicht erwärmt, ist klar.

Demnächst schon erscheint Band vier der Quirke-Krimis, „Tod im Sommer“, bei Kiepenheuer & Witsch, da begeht ein Zeitungsverleger Selbstmord, was der Totengott in Weiß freilich bezweifelt, und Banville-Black schließt diesen hier mit ein paar gemeinen Cliffhangern rund um Rose und Isabell. Erstere lässt außerdem die wieder einmal hoffnungslos liebende Phoebe von einem Bostoner Verehrer grüßen, dessen Verlobte?, „ach, die ist schon lange von der Bildfläche verschwunden. Mr Spalding ist frei und ungebunden“. Und auch Jimmy Minor wird weiter herumschnüffelt. Der kleine Schmierfink eines Dubliner Käseblatts, der in der April-Story eine Sensation wittert, ist als Figur einfach zu gut, um ihn fallen zu lassen.

Banville-Black hat seinen Zyniker Quirke mit einem beißenden Humor ausgestattet, den der Autor durchaus zu teilen scheint. In diesem Fall dadurch, dass er ihn einen sündteuren Luxuswagen kaufen lässt. Den meist angetrunkenen, dafür führerscheinlosen Quirke. Was der arme Malachy in diesem Auto mitmacht, ist vom Feinsten. „Um Himmels willen!“, rief Malachy, als Quirke das Steuer unsanft umriss. Quirke sah in den Rückspiegel. Der Junge stand immer noch mitten auf der Straße und brüllte ihnen etwas hinterher. „Ja“, sagte er nachdenklich, „wäre wohl nicht so gut, wenn man einen von ihnen umfährt. Die sind wahrscheinlich alle abgezählt, hier in dieser Stadt.“ Dieser Alvis TC108 wird übrigens am Ende eine tragende Rolle spielen. Eine in den Abgrund tragende. Obwohl gar nicht so klar ist, ob tatsächlich im eigentlichen Sinn ein Mord passiert ist, wird der Täter überführt. Wer das ist, steht ziemlich ausführlich in diesen Zeilen.

Über den Autor:

Benjamin Black ist das Pseudonym des irischen Schriftstellers John Banville, das er ausschließlich für die Publikation seiner Kriminalromane verwendet. Banville wurde 1945 in Wexford, Irland, geboren, wo er erst die Christian Brothers Schule und später das St. Peters´s College besuchte. Nach dem College ging er für ein Jahr nach Amerika und arbeitete nach seiner Rückkehr als Angestellter für die Fluggesellschaft Aer Lingus, was es ihm erlaubte ausgiebig zu reisen, bis er 1969 eine Stelle bei der Irish Press antrat. Er war mehr als 30 Jahre lang als Journalist tätig, von 1988 bis 1999 arbeitete er als Literaturkritiker für die Irish Times und leitete das Literaturressort der Zeitung. Neben seiner Arbeit als Journalist verfasste er zahlreiche Drehbücher und Theaterstücke. John Banville lebt und arbeitet heute als freier Autor und Literaturkritiker in Dublin, er schreibt unter anderem Kritiken für die New York Review of Books.

Banville erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter 2005 den Man Booker Prize für seinen Roman „Die See“. In der Begründung der Jury hieß es, das Werk sei eine „meisterhafte Studie von Leid, Erinnerung und wieder bewusst gewordener Liebe“. 2011 bekam Banville den Franz-Kafka-Literaturpreis, 2013 wurde er mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur ausgezeichnet und erhielt den Irish Book Lifetime Achievement Award. Für 2014 wurde ihm der Prinz-von-Asturien-Preis zugesprochen. John Banvilles Kriminalgeschichten spielen in der Regel im Irland der 1950er-Jahre, um den Pathologen und Alkoholiker Quirke. Laut Banville stellt das Dublin jener Zeit das perfekte Setting für Kriminalgeschichten: schäbig, neblig – und über allem der dunkle Kohlestaub. Banvilles letzter Krimi-Noir „Die Blonde mit den schwarzen Augen“ weicht allerdings von dieser Regel ab: Die Handlung ereignet sich in Kalifornien und der ermittelnde Privatdetektiv ist die berühmte Figur des Schriftstellers Raymond Chandler – Philip Marlowe.

Kiepenheuer & Witsch, Benjamin Black alias John Banville: „Eine Frau verschwindet“, Kriminalroman, 352 Seiten. Aus dem Englischen von Andrea O’Brien.

www.kiwi-verlag.de

www.benjaminblackbooks.com/quirke.htm

Wien, 25. 3. 2016

Belvedere: Berlin ist eine Frau

März 19, 2014 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Annika Krump singt Berliner Chansons

aus zehn Jahrzehnten

Annika Krump, Berlin ist eine Frau © George Steffens

Annika Krump, Berlin ist eine Frau © George Steffens

Passend zur Ausstellung „Wien – Berlin. Kunst zweier Metropolen“ bringt die Sängerin, Akkordeonistin und Performancekünstlerin Annika Krump am 19. März in der Marmorgalerie des Unteren Belvedere Berlinerisches frei Schnauze zu Gehör. Krumps neues Programm  ist eine Zeitreise durch ein Jahrhundert Berlin.

Anhand der zwölf spannendsten Frauen der Popmusik von 1912 bis heute erzählt sie mit Chansons von Claire Waldoff, Blandine Ebinger, Lotte Lenya, Marlene Dietrich, Hildegard Knef, Nina Hagen, Nena, Eva-Maria Hagen, Palma Kunkel, Georgette Dee, Judith Holofernes und aktuellen eigenen Texten die Geschichte Berlins zwischen Weimarer Republik, Weltwirtschaftskrise und Mauerbau bis zur Wiedervereinigung.

www.belvedere.at

Wien, 19. 3. 2014

Figurentheater Lilarum: „Hamlet“

November 7, 2013 in Tipps

ADVERTORIAL

Erzählt, gespielt und interpretiert von der

schäggsbianarrischen frau franzi

Bild: Astrid Reichhold

Bild: Astrid Reichhold

Am 11. November hat im Figurentheater Lilarum (reservierung@lilarum.at) „Hamlet“, erzählt, gespielt und interpretiert von der schäggsbianarrischen frau franzi, Premiere. Regie: Christian Suchy.
Sie kennen Hamlet wie aus dem Effeff? Seien Sie sich bloß nicht zu sicher! Theateranfänger und ShakespeareianerInnen werden beim Besuch dieser feinen, kabarettistischen Kleinkunstversion mit lustvollem Objekttheaterspiel gleichermaßen Augen und Ohren machen, denn nur bei der frau franzi  erfahren sie Vorder-, Hinter-, Ab- und Untergründe, aktuelle Gerüchte, Lebensweisheiten und wie man deutlich artikuliert – im Theater und im Leb’n. Die frau franzi durchstöbert penibel die Geschichte von Shakespeares dänischem Prinzen und geht dabei der Sache und den „echten“ Fragen auf den Grund:

  • Hat Hamlet jetzt die Ophelia herumgekriegt oder nicht?
  • War es ein Auftragsmord am Oldhamlet, und wenn ja, von wem?
  • Was hat Oldhamlet in seiner Sünden-Maienblüte getrieben, dass er nicht wagt, es zu sagen?
  • Ist es geschmacklos, eine Parte und eine Hochzeitsanzeige in ein und demselben Kuvert zu verschicken?
  • Kann man mit gutem Gefühl ein Biobackhendl essen?
  • u.v.a.m.

„Sein oda nicht sein“ is do die unnedigsde Frog und  wiad total üwaschätzt!

Auntwoad gibds kane drauf, und weidabringan duad uns des a ned…!“

frau franzi

frau franzi ist Putzfrau – ein Faktotum – flink, fidel, famos. Sie ist altmodisch und spleenig und liebt ihre Arbeit: Putzen, Wischen und Kochen. Und sie liebt das Theater, besonders die Tragödien – die großen – die vom Schäggsbia! Während diese schäggsbianarrische frau franzi ihrer Arbeit nachgeht, sinniert, interpretiert, assoziiert und erzählt, gerät sie immer tiefer in das Drama, das sich allmählich unentrinnbar vor uns entfaltet. Sie kann gar nicht anders! In ihrem schäggsbianarrischen Missionseider sind der frau franzo alle Mittel recht, um die Botschaften zu verkünden: Fetzen, Fetzen, Kübel und  Mopp; Küchengeräte und Gemüse –  kurz: alles was griffbereit ist, wird eingesetzt, muss herhalten, wird benutzt, belebt, personifiziert… Flink  und geschmeidig wechselt die frau franzi die Rollen, verkörpert die Figuren aus „Hamlet“ und natürlich auch Hamlet selbst. Mit ausgeprägter Mimik, großen Emotionen, Körpereinsatz und profunden Kenntnissen des Stoffes und ihrer Arbeitsutensilien zieht sie das Publikum in ihren Bann. „Da frau franzi ia Schäggsbia“ ist erfrischend schlicht, bezaubernd und berührend und das Publikum kann sich sicher sein: auch die Komik kommt nicht zu kurz.

Die frau franzi hat Marika Reichhold gemeinsam mit Christian Suchy entwickelt, um lebendige, unterhaltsame Führungen in ihrem Bergbaumuseum in Grünbach / NÖ anzubieten. Eine Kunstfigur, die beim Publikum schon Kult wurde. Durch ihre erfrischende, unmittelbare Art ist sie sehr beliebt und hat sich als unkonventionelle Wissensvermittlerin bei allen Generationen und Bildungsschichten bestens bewährt. Originell, wie ihr der Schnabel gewachsen ist, mit Humor und großen Emotionen wendet sich die frau franzi direkt an die Zuschauer: im Bergbaumuseum Grünbach, als „Wohnzimmertheater“ beim Publikum zuhause und nun –  nach dem großen österreichweiten Vorjahres-Erfolg von „Mägbess“ – endlich auch wieder auf  Theaterbühnen in Wien.

WEITERE VORSTELLUNGEN IN  NÖ:
•    17. 11. (18:00Uhr) MÖLKEREI Mödling: Reservierung erbeten: Tel. 0676 435 46 00
•    27. 11. (19:30 Uhr) KURZENTRUM Bad Vöslau: Karten Tel:  2252 90600

WOHNZIMMERTHEATER

Großes Welttheater bei ihnen zu Hause: Frau Franzi kann man auch buchen!

Die großen Tragödien Schäggsbias als kleine Komödien – das private Theaterereignis direkt bei ihnen zu Hause: Die frau franzi braucht keine Bühne und keine Technik – ihr Wohnzimmer reicht…  oder der Garten, die Garage, der Dachboden, der Keller etc. Statt Fernsehen, zum Geburtstag, zur Scheidung, zum Bankrott, zum Lottogewinn, bei Betriebsfeiern, als Geschenk, zur Unterhaltung, als Trost, zur Weiterbildung, als Werkeinführung etc.: marika.reichhold@aon.at , Tel. 0676/435 46 00

DAS BERGBAUMUSEUM

www.bergbaumuseum-gruenbach.at

2007 erbte Marika Reichhold, das von ihren Eltern gegründeten  Bergbaumuseums in Grünbach am Schneeberg / NÖ: Das Museum befindet sich im ehemaligen elterlichen Wirtshaus „Zum Bergmann“ in unmittelbarer Nähes des damaligen Schachtes. Liebevoll zusammengetragene Geräte, Werkzeugen, Dokumente, Fossilien uvm. machen den sehr persönlichen Charme dieses Museums aus. Abgesehen vom persönlichen Wert ist der soziale und kulturhistorische Wert der Exponate beachtlich, und überregional, von ebenso großer Bedeutung ist der Wert der Sammlung auf montanem und technischem Gebiet.

Mai – Oktober 2014:

ENTSTAUBTE MUSEUMSFÜHRUNGEN:

  • Jeden ersten Sonntag im Monat gibt es die „auf & führung“

Das ist die szenisch/kabarettistische Museumsführung der frau franzi. Hier lässt sie Fakten, Geschichte, Geologie, Brauchtum, Anekdoten und G’schichtln der Kumpel von der Arbeit Untertag auf ihre unnachahmliche Art, mit Witz UND Fachkundigkeit lebendig werden. Ein kleiner, skurriler Film über die Geschichte der heiligen Barbara rundet die Museumsführung ab. Um Reservierung wird gebeten unter Tel. 0676/435 46 00.

  • Jeden ersten Samstag im Monat präsentiert Frau Franz darüber hinaus auch ein „Kammerldrama- Kleinkunst-Theater“ im Museum.