Doaa El-Adl: Die Welt der Frau

März 8, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit spitzer Feder für die Gleichberechtigung

Im Jahr 2012 sorgte in Ägypten eine Zeichnung für Aufregung, in der eine Karikaturistin Staatsmänner für die Instrumentalisierung von Religion kritisierte. Die Künstlerin wurde wegen Blasphemie angeklagt, das Verfahren jedoch wieder fallen gelassen. Doch schon 2013 war ein weiterer ihrer Cartoons Anlass für heftigste Diskussionen im Land, eine Zeichnung über das Tabuthema der weiblichen Beschneidung.

Sie zeigt einen Mann mit einer Schere in der Hand, der eine Leiter hinaufsteigt, um eine Blume zwischen den Beinen einer Frau abzuschneiden. Das Bild „Female Genital Mutilation (FGM)“ ist im Buch „Die Welt der Frau“ abgedruckt. „Ein Album von 50 Frauen“, nennt Doaa El-Adl ihr hochaktuell zum Internationalen Frauentag 2020 in der Scherz & Schund Fabrik erschienenes Werk.

Die zweisprachige Ausgabe enthält neben ihren bekannten Auseinandersetzungen im Kampf um die Rechte der Frauen auch etliche neue Arbeiten, die sich, so El-Adl, „mit heiklen Themen befassen, die noch nie in Form von Karikaturen anschaulich gemacht wurden“ – von Ehrenmord über Kinderehe bis zur häuslichen Gewalt, von Menschenhandel über Ehebruch bis zu Vergewaltigung, dazu Gesetze, die Frauen gezielt diskriminieren.

Doaa El-Adl: Verschleiert / Veiled. © Die Welt der Frau. Scherz & Schund Fabrik

Doaa El-Adl: … oder eben nicht! / … or not! © Die Welt der Frau. Scherz & Schund Fabrik

„Es ist ein verbreitetes Phänomen in von Armut gezeichneten Dörfern, minderjährige Mädchen mit wohlhabenden arabischen oder anderen Männern aus dem Ausland temporär und gegen Entgelt zu verheiraten“, schreibt El-Adl zum Bild links unten, und „dass einer Ägypterin eine Zahlung von 2800 € gebührt, wenn sie eine Ehe mit einem Nicht-Ägypter eingeht, der zur Zeit der Eheschließung 25 Jahre älter ist als sie.“ Dass sie die Situation der Frauen in der sogenannten westlichen Welt ebenso messerscharf zu beurteilen weiß, zeigt das Bild rechts.

Doaa El-Adl: Verheiratung Minderjähriger / Marriage of Minors. © Die Welt der Frau. Scherz & Schund Fabrik

Doaa El-Adl: Alleinversorgerinnen / Female Breadwinner. © Die Welt der Frau. Scherz & Schund Fabrik

„Mein Interesse an den Problemen der Frau kommt oft gepaart mit widersprüchlichen Gefühlen und Gedanken“, so Doaa El-Adl, die für ihre Recherchen eng mit feministischen Organisationen zusammenarbeitet. „Es überwiegt dabei der Stolz, als Frau geboren zu sein, der jedoch geschmälert wird, wenn ich die Lage der Frauen in unserer Gesellschaft, in der arabischen Welt und sogar in westlichen Ländern und im Rest der Welt betrachte.“

Doaa El-Adl. © Die Welt der Frau. Scherz & Schund Fabrik

Über die Autorin: Doaa El-Adl, geboren 1979 in Damietta, Ägyptens berühmteste Karikaturistin, ist bekannt für ihre kritischen Cartoons zu politischen, gesellschaftlichen und religiösen Themen. Seit 2007 veröffentlicht sie ihre Zeichnungen in Zeitungen und Magazinen, aktuell zeichnet sie für die einflussreiche liberale Tageszeitung Al Masry Al Youm. Die Künstlerin nahm bereits an zahlreichen Ausstellungen teil, etwa in Frankreich, Italien, Spanien, der Schweiz, Tunesien und 2019 an der „Schule des Ungehorsams“ im oberösterreichischen Linz. Doaa El-Adl lebt und arbeitet in Kairo. Für ihre Arbeiten wurde sie mehrfach ausgezeichnet, und 2016 von der BBC als eine der hundert inspirierendsten und einflussreichsten Frauen der Welt geehrt.

Scherz & Schund Fabrik, Doaa El-Adl: „Die Welt der Frau“, 50 Cartoons And More On Women, 72 Seiten.

www.scherzundschund.at          www.facebook.com/doaa.eladl

Doaa El-Adl im Gespräch: www.facebook.com/watch/?v=252896428953128

  1. 3. 2020

LENTOS: Paweł Althamer / Jakob Lena Knebl

Februar 3, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Künstlern aus Mali gemeinsam Holzschnitzen

Paweƚ Althamer: Modell, 2019. Courtesy the artist, Foksal Gallery Foundation, Warsaw and neugerriemschneider, Berlin

Ab 7. Februar zeigt das LENTOS Kunstmuseum Linz die Ausstellungen „Paweł Althamer. Cosmic Order“ und „Jakob Lena Knebl. Frau 49 Jahre alt“. Der renommierte polnische Gegenwartskünstler Paweł Althamer ist bekannt für seine partizipativen Kunst- projekte, figurativen Skulpturen und performativen Selbst- porträts. Er setzt häufig auf soziale Kooperationen sowie auf das Miteinbeziehen seines Umfelds und ihm naheste- hender Personen. Mit seinen Projekten hinterfragt er soziale Strukturen und Netzwerke, um sich nicht selten in diese neu

einzuschreiben. Im Rahmen der partizipativen Ausstellung werden internationale Holzschnitzkünstler an großen Plastiken arbeiten. Zugleich wird auch Platz für Beteiligung und Interaktion geboten. Hier manifestiert sich Althamers Zugang zur Kunst, bei dem den kooperativen Entstehungsabläufen mehr Bedeutung zukommt als dem fertigen Kunstobjekt. Diese Prozesse werden sich in einer, an der Dogon-Kultur inspirierten, Landschaft entwickeln und diese zugleich mitverändern. Das Setting der Schau ist in Anlehnung an die Länder der beteiligten Künstler aus Österreich, Polen und Mali, darunter Bruno Althamer, Youssouf Dara, Józef Gałązka, Piotr Grzegorek und Camille Holowka, gestaltet.

JL Knebl: #12495, Chesterfield, 2014. LENTOS Linz, © Bildrecht Wien, 2020

Ancient message of cosmic order. Credits: Paweł Althamer

Jakob Lena Knebl: Ma Poupée, 2018
Bild: Fabrice Gousset; © Bildrecht Wien, 2020

Jakob Lena Knebl inszeniert ein Environment, das Werke aus der Sammlung des LENTOS in einem neuen Licht erscheinen lässt. In sinnlicher Art und Weise präsentiert die Künstlerin beide Räume im Untergeschoss konträr und bipolar, wobei eine dunkle Seite einer Bunten entgegengesetzt wird. Durch Kombination mit eigenen Arbeiten und ihrem, als Künstlerin, stark subjektiv gefärbten kuratorischen Ansatz unterzieht Knebl die Sammlung einer politischen Neubewertung. Sie bricht den klassischen Kanon der Sammlungspräsentation auf und erprobt eine „demokratische Art“ des Ausstellens. Dieses Spiel mit unterschiedlichen Taktiken ermöglicht einen ungewöhnlichen, niederschwelligen Zugang und vermag Ernsthaftigkeit mit einem Augenzwinkern zu vermitteln.

Paweƚ Althamer: MAMA, 2016. © Pawel Althamer, Bild: Jens Ziehe, Berlin. Courtesy of the artist and neugerriemschneider, Berlin

Paweł Althamer, 1967 in Warschau geboren, lebt und arbeitet vor Ort. Er war von 2009 bis 2011 Professor für Bildhauerei an der Akademie der bildenden Künste in Wien, seine Werke wurden an der documenta X, an der Manifesta 3 in Ljubljana, am New Museum of Contemporary Art in New York, an der Biennale in Venedig und zuletzt 2019 in einer großen Einzelausstellung am HAM in Helsinki präsentiert.

Jakob Lena Knebl lebt in Wien und arbeitet als Senior Artist an der Akademie der bildenden Künste Wien. Zuletzt verwirklichte sie verstärkt Projekte im öffentlichen Raum und nahm an einer Vielzahl internationaler Ausstellungen, etwa 2019 an der Biennale in Lyon, teil.

lentos.at

3. 2. 2020

brut im Gewerbehaus – Nestervals „Die dunkle Weihnacht im Hause Grimm“

November 18, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Nervensanatorium wird die Stille zur Mord-Nacht

Lauter nette Leit: Performer Astôn Matters aka Herr Rainer empfängt die Weihnachtsgäste in seinem Patientenzimmer. Bild: © Alexandra Thompson für Nesterval

Um die frohe Botschaft als erstes zu verkünden: Weil die Tickets in kürzester Zeit weg waren, hat Nesterval von 18. 11. bis 12. 12. neun Zusatztermine hinzugefügt. Die Expertentruppe für immersives Theater, die Vorgänger- produktion „Das Dorf“  ist für den Nestroy-Spezialpreis nominiert (www.mottingers-meinung.at/?p=35311), lädt – auch diesmal in Kooperation mit brut Wien –  ins Gewerbe- haus zum Performance-Abenteuer „Die dunkle Weihnacht im Hause Grimm“.

Eine weitere Episode aus der Geschichte der sagenumwobenen Familiendynastie, deren künstlerischer Teil sich mit Vorliebe dem Zirkus zuwandte, während die eigentlich Porzellanmacher sich im Zweiten Weltkrieg der Herstellung von Waffen widmeten – mittels Einsatz von Zwangsarbeitern, weshalb sich Magda Nesterval bei den Nürnberger Prozessen strafrechtlich verantworten musste. Tochter Martha entriss der Mutter schließlich die Vorstandsposition; ein Großteil des Vermögens ging in den „Nesterval Fonds für karitative Zwecke“ über – doch dann passierten die bis heute ungelösten Todesfälle im Familienhospiz Engel …

Soweit die Historie zur nun vom Ensemble dargebotenen Story. Es ist das Jahr 1954, es ist Weihnachten, und Anstaltsleiterin Oberschwester Martha Nesterval holt Freunde und Förderer des Hauses zum Christfest ins Nesterval’s Sanatorium Grimm. Keine Geringeren als die Gebrüder Jacob und Wilhelm haben für die Einrichtung eine Behandlungsform ausgeklügelt, die den Patientinnen und Patienten ein zu ihren psychischen Störungen passendes Märchen zuteilt – und die Besucher sind nun herzlich aufgefordert, sich mit dieser Therapie vertraut und mit den Pfleglingen bekannt zu machen.

Wie stets auf dem schmalen Grat von Fakt und Fiktion balancierend, geleiten einen 23 Performer, Drag Artists und Schauspieler durch den Abend, wobei das Publikum von Fräulein Stulle aka Martha Nesterval, der freundlichen Schwester Tabea, ist gleich Julia Fuchs, und den Geschwistern Berger, der herrischen Sibille, der hantigen Elsa und dem für die Punsch-Ausschank im Frühstücksraum zuständige Hons (Pamina Puls, Sabine Anders und Lu Ki), empfangen und zwecks Besichtigung per bunten Armbinden in Kleingruppen aufgeteilt wird. Eines der Dinge, die erfährt, wer aufmerksam zuhört, ist, dass die jene Namen nur angstvoll wispernden Patienten die Bergers als „die teuflischen Drei“ titulieren.

Die Insassen des Sanatoriums sind nämlich weit weniger irre, als von ihnen behauptet wird, und wieder einmal haben Herr Finnland und sein aus Autorin Frau Löfberg und Ausstatterin Andrea Konrad bestehendes Leading Team ein Denk-Spiel erdacht, das es zwischen Krippenspiel und dem „Wichteln“ genannten Verteilen kleiner Geschenke zu durchschauen gilt. Sachte und sensibel heißt es nun zu den verstörten Seelen vorzudringen. Des Rätsels Lösung lautet, je mehr man interagiert, Fragen stellt und Schlüsse zieht, desto erkenntnisreicher gestaltet sich die Sache, also ausschwärmen und Informationen einholen, schließlich gibt es für die siegreiche Mann- und Frauschaft ein Präsentpaket zu gewinnen.

Willy Mutzenpachner aka Herr Friedrich flüchtet vor Männern bis auf den Kaminsims. Bild: © Alexandra Thompson für Nesterval

Herr Finnland und Frau Löfberg vor den Weihnachtssocken, in denen die Tätertipps deponiert werden. Bild: © Alexandra Thompson für Nesterval

Nachdem man sich derart durch die Verhaltensregeln studiert hat, vom Personal vorm notorischen Lügner mit dem Gestiefelten-Kater-Syndrom gewarnt und punkto der Selbstmordabsichten des von Andy Reiter verkörperten Herrn Anton beruhigt, vom Pulloverzipfel zuzelnden Helmut des Herrn Walanka zur Krippe geführt und über seine Funktion als König Melchior beim folgenden Spiel in Kenntnis gesetzt wurde, beginnt ebendieses. Aber: ein Schrei, Antons entleibter Körper liegt im Stiegenhaus, ein Schwächeanfall ob der Aufregung beschwichtigt Fräulein Martha.

Doch wer Augen hat zu sehen – um an dieser Stelle die Offenbarung des Johannes zu zitieren. Zur Ablenkung der Gäste dürfen diese nun die Patientenzimmer und Behandlungsräume inspizieren, jedes einzelne mit Röhrenradio oder einstmals als „Psyche“ bezeichneter Spiegelkommode bis in diverse Fifties-Details liebevoll dekoriert, und von den Bewohnern mit rotem Riesenkugelmobile, einem papierenen Schneeflockenwald oder einer Geschenkpaket- pyramide verschönert. Wer – je nach Sichtweise – Glück oder Pech hat, kann aber auch von den Ehrengästen weil Geldgebern, der hochschwangeren Helga und ihrem Ehemann Tomasz Nesterval, abgefangen werden.

Um bei herablassend genäseltem Smalltalk in den schier endlosen Lobgesang über die regelmäßigen Finanzspritzen für ihre Kranken einzustimmen. Längst ist da klar, die feucht-fröhliche Adventstimmung ist eine vorgegaukelte, die Stichworte dazu: Abzocke und Unfreiwilligkeit, und zumal hier einer mit Vergnügen über den anderen tratscht und dessen Geheimnisse ausplaudert, tun sich allmählich gewaltige Abgründe auf. Die bigotte Atmosphäre von Betstuhl, Kruzifix, Heiligenbüste verwandelt sich ins Bedrohliche, das heimelige Licht scheint plötzlich düsterer, was eben noch skurril war, wird spooky, denn was Nesterval im Gewerbehaus veranstalten, ist im Wortsinn ein Psychothriller. In dessen Verlauf es logischerweise nicht bei einer Leiche bleiben kann.

Von Tobsuchtsanfällen und Tränen, von Zoff hinter verschlossenen Türen und Todesahnungen beim Kartenlegen, vom unerlaubten Entwenden einer Akte bis zum Unzucht-Gekreische bei einer Séance, erlebt jeder Zuschauer den Abend so, wie er ihn sich arrangiert. Allemal interessant ist es, Willy Mutzenpachners Herrn Friedrich in der Isolierzelle aufzusuchen, allerdings Achtung: der „Froschkönig“ fürchtet sich vor Männern. Auch eine Begegnung mit dem im Rollstuhl sitzenden Fräulein Adelheid, ist gleich Laura Hermann, mit Johannes Scheutz‘ an den „Sieben Geißlein“ leidenden Herrn Konrad im Arztzimmer und mit dem großen Herz des Ganzen, Romy Hrubeš‘ auralesendem Fräulein Charlotte, sind aufschlussreich. Denn niemand im Sanatorium Grimm ist ohne Schuld, die meisten jenseits von Gut bei Böse, und Katz-und-Maus ihr bevorzugtes Spiel.

Dank des Nebengeschäfts des Herrn Theodor von Bernhard Hablé wird die Spurensuche zwar zumindest kurzzeitig unbeschwerter, doch schon erklingt aus dem Frühstücksraum „Jingle Bells“ als schwermütige Trauermusik. Das ist der Moment, an dem Operation Dunkle Weihnacht beginnt … Bei der Premiere entpuppte sich übrigens Gruppe grün als Meisterdetektive, obwohl Herrn Finnlands Maxime ja die vom Dabeisein ist, das alles ist. „Die dunkle Weihnacht im Hause Grimm“ ist ein Mordsspaß, bei dem einmal hingehen und mitmachen nicht ausreicht, um alle Facetten dieser verrückten Vorführung genießen zu können. Und wenn sie nicht gemeuchelt sind, dann metzeln sie noch heute …

Video: www.youtube.com/watch?v=7t3yirtPOSU           www.nesterval.at           brut-wien.at

  1. 11. 2019

Kammerspiele: Eine Frau. Mary Page Marlowe

März 29, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Menschenschicksal als American Quilt

Mary Page mal vier: Johanna Mahaffy, Babett Arens, Sandra Cervik und Livia Ernst, im Hintergrund: Swintha Gersthofer, Igor Karbus und Marcus Bluhm. Bild: Herwig Prammer

Quilt – so nennt sich eine Patchwork-Decke. Ein uramerikanisches Kulturgut seit den ersten Siedlerfrauen über die „Pattern and Decoration“-Bewegung der 1970er-Jahre bis zu den zeitgenössischen Artquilts oder dem berühmten AIDS Memorial Quilt. Gefertigt von jeweils mehreren Näherinnen, die ihre kleinen Stoffkunstwerke am Ende zu einem großen Ganzen zusammenfügen, wobei jedes Teil für sich eine kurze Geschichte erzählt.

Es ist ein stimmiges Bild, dass die Titelfigur von Tracy Letts‘ „Eine Frau. Mary Page Marlowe“ in ihrer letzten Szene einen solchen in die Putzerei bringen will, hat der Pulitzer-Preisträger dies Theaterstück doch quasi gequiltet. In elf nicht chronologisch aufeinanderfolgenden Szenen erzählt der US-Dramatiker aus der Biografie seiner Protagonistin, wirft Schlaglichter auf ein Menschenschicksal, das mehr Tief- als Höhepunkte hat, Affären und Alkoholexzesse, Lebens- und Liebeskrisen. Eine seiner typischen Tragikomödien, wie immer angesiedelt in Letts‘ bevorzugtem Mittelstandsmilieu im Middle of Nowhere der Vereinigten Staaten. Die Rolle der Mary Page hat Letts für vier Darstellerinnen in vier Lebensaltern konzipiert – und es braucht starke Schauspielerinnen, um diesen Charakter in seinen teils effektgeladenen, teils aber tiefenschärfenarmen Auftritten interessant zu machen. Ein Glück, dass die Kammerspiele der Josefstadt mit Sandra Cervik und Babett Arens über solche verfügen.

Mary Page mit ihrem Geliebten Dan: Sandra Cervik und Roman Schmelzer. Bild: Herwig Prammer

Mary Page beim Psychotherapeuten: Sandra Cervik und Raphael von Bargen. Bild: Herwig Prammer

Dort nämlich hat Regisseurin Alexandra Liedtke „Eine Frau. Mary Page Marlowe“ nun zur österreichischen Erstaufführung gebracht, eine ausgeklügelte Arbeit, die des Autors Bemühungen ums Well-made Play adelt, da Liedtke auf die Kraft ihrer Akteurinnen setzt und mit ihnen das Figurenschicksal atmosphärisch klar und schnörkellos auf die Bühne bringt. Volker Hintermeier hat dazu ein Bühnenbild erdacht, dass an ein abgewracktes Lichtspielhaus erinnert, mit einer Leinwand, so leer, wie das davor ablaufende Leben, und einem altmodischen Letterboard, aus dem schon einige Buchstaben gefallen sind.

Die Kostüme von Su Bühler sind zeitlich von den 1940er-Jahren bis ans Jetzt angeglichen, die Musik von Karsten Riedel ist eine Reminiszenz von Frank Sinatra über die Rolling Stones bis Jimmy Somerville. Was in diesem Setting verhandelt wird, ist die Welt als Wille und Vorstellung, heißt als Frage: Wieviel Selbst- und wieviel Fremdbestimmung lenken ein Leben? „Ich werde ich sein“ sagt die Collegestudentin Mary Page, da spielt sie Johanna Mahaffy, als sie beim Legen von Tarotkarten das Symbol der Königin aufdeckt.

„Ich weiß nicht, wer ich bin“, sagt Sandra Cerviks erwachsene Mary Page später zum Psychotherapeuten. Man sieht das Kind, Livia Ernst, dem Silvia Meisterle als Mutter harsch jedes Gesangstalent abspricht. Man sieht Babett Arens als gealterte Mary Page, die glücklich einen Behördenbrief liest, der sie über das Ende ihrer zur Bewährung ausgesetzten Gefängnisstrafe informiert.

Die Geschehnisse erfährt man nur bruchstückhaft, erst am Ende hat man all die Letts’schen Puzzlesteine beisammen, vor allem die von der Tragödie um Sohn Louis und die eines Autounfalls bei 3,2 Promille, die diese gewordene Mary Page Marlowe ausmachen. Ein Kunstgriff, den Liedtke unterstützt, indem sie die vier Darstellerinnen immer wieder nebeneinander stellt, als Beobachterinnen einer Situation, die einem früheren oder späteren Ich passiert, in stiller Kommunikation mit sich selber, besorgt, erheitert oder sich verblüfft erinnernd. Leitmotivisch reichen sie sich ein Tuch weiter, das Babydecke, Schal und Gürtel wird, leitmotivisch träumen sie vom Lucy-Jordan-Sehnsuchtsort Paris. Die Drehbühne kreist dazu beständig um dies Schicksalskarussell.

Spätes Glück – Mary Page mit ihrer großen Liebe, Ehemann Nummer drei, Andy: Babett Arens und Martin Zauner. Bild: Herwig Prammer

Was das Ensemble an feinem Schauspiel bietet, geht weit über die von Tracy Letts erdachten Situationen hinaus. Sandra Cervik gestaltet Mary Page in einer Mischung aus nüchterner Selbstkontrolle und leicht aufbrausenden Emotionen. Sie hat mit Liebhaber Dan, den Roman Schmelzer als komödiantisches Kabinettstück zeigt, und dem ihren Sorgen nachbohrenden Seelendoktor Raphael von Bargen zwei der besten Episoden.

Ebenso, wie Babett Arens mit Ehemann Nummer drei, Andy, den Martin Zauner als verschmitzt herumalbernde späte Liebe anlegt. Überzeugend sind auch Nikolaus Barton und Silvia Meisterle als Mary Pages Eltern, der Vater vom Zweiten Weltkrieg gezeichnet, die Mutter auf dem schmalen Grat zwischen Fürsorge und Unwirschheit. Ein Paradebeispiel dafür, dass die Deformierung eines Menschen meist mit der Erziehung beginnt. Der Quilt jedenfalls kann ausgebessert und gereinigt werden. Mit einem Leben geht das nicht so einfach.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=6&v=cM1CSIx_eSU

www.josefstadt.org

  1. 3. 2019

Verliebt in meine Frau

November 19, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Erotische Tagträume beim Abendessen

Die Kontrahenten beim ersten Kennenlernen: Daniel Auteuil, Sandrine Kiberlain, Adriana Ugarte und Gérard Depardieu. Bild: © Christine Tamalet

Dem deutschsprachigen Feuilleton hat diese Filmkomödie größtenteils nicht gefallen. Die Urteile sind vernichtend, im höflichsten Fall steht geschrieben, dass das Lustspiel „nur Kopfschütteln hinterlässt“, die gemeinste Kritik nennt es „ekelerregend“. Mag sein, dass diese Bekundungen mit der Sprachbarriere zu begründen sind. Sieht man „Verliebt in meine Frau/Amoureux de ma femme“ nämlich im französischen Original, amüsiert man sich prächtig.

Ab Freitag ist das in den Kinos zu prüfen, und auch in wessen Arme seine Gedankenreise den Antihelden eines desaströsen Abendessens schließlich führen wird. Ein Tipp: Der Filmtitel weist in die richtige Richtung.

Daniel Auteuil, Charakterdarsteller mit immer wieder Freude am Fröhlichen, hat bei „Verliebt in meine Frau“ die Regie übernommen, und sich selbst als einen der vier Protagonisten besetzt. Von Florian Zeller ist das Drehbuch, der Dramatiker hat dafür sein Theaterstück „L’envers du décor/Die Kehrseite der Medaille“ adaptiert. 2016 war dieses in einer Inszenierung von Alexandra Liedtke mit Sona MacDonald und Michael Dangl an den Kammerspielen der Josefstadt zu sehen. Der Inhalt: Daniel – Auteuil – lädt, als er auf der Straße zufällig seinen Freund Patrick trifft, diesen leichtfertig zum Diner ein. Samt Begleitung, und damit nimmt das Verhängnis seinen Lauf, denn Patrick hat eine „Neue“, Emma, während seine Ex die Busenfreundin von Daniels Frau Isabelle ist.

Auteuil hat sich hochkarätige Unterstützung geholt. Sandrine Kiberlain spielt die Isabelle, Adriana Ugarte die Emma, und der großartige Gérard Depardieu in erster Linie sich selbst, den Feinschmecker, Weinkenner, Frauenliebhaber – den gutgelaunten, aufgeräumten Patrick. Emma, das sieht das Publikum, entpuppt sich als blutjunge, aparte, supersympathische Schönheit. Der Witz des Ganzen entsteht nun, weil jede Figur auf diese Frau seine eigenen Vorstellungen projiziert. Wunderbar, wie Isabelle beim ersten Anblick das Gesicht gefriert, wie sie, weil Emma und Patrick erst nicht sagen wollen, wo sie einander kennengelernt haben, Fantasien von ihr als Prostituierten in einer Bar hat.

Schlimmer noch trifft es Daniel, der sich vor seinen erotischen Tagträumen nicht retten kann. Während am Tisch Smalltalk über Spargel stattfindet, sieht er sich in poetischen Bildern mit Emma in Venedig, am Pool, beim Familienfest, weinend, während sie „Onkel Wanja“ spielt, tatsächlich steckt ganz viel Tschechow in der Szenerie, und am Ende und wegen dieser „Altherrenalbernheit“ der große Aufschrei der Rezensenten – sie sich nackt ausziehen. Ein Augenblick nur, bevor ihn sein Gestammel wieder in die Gegenwart des Esszimmers zurückholt, und Auteil gestaltet ihn anrührend und liebenswert, zwar vom Neid zerfressen, doch ist sein Daniel wahrlich alles andere als der ihm unterstellte triebgesteuerte Macho. Eher ein tragikomisches Opfer seiner Begierden.

Sandrine Kiberlain und Daniel Auteuil. Bild: © Christine Tamalet

Gérard Depardieu und Adriana Ugarte. Bild: © Christine Tamalet

Tatsächlich werden in „Verliebt in meine Frau“ alle Seiten verlacht. Die Männer für ihre Selbstverliebtheiten – Daniel hält sich für den „König der Verhandlungen“, wird aber bei jedem Ehekonflikt von seiner Frau an die Wand argumentiert – und ihre falschen Annahmen über das Wesen der Frau – Depardieu ist als Patrick wie ein selbstzufrieden schnurrender Kater, der in Emma glaubt einen Jungbrunnen gefunden zu haben -, Isabelle wegen ihrer Vorurteile und dem Konkurrenzdenken gegenüber dem eigenen Geschlecht. Florian Zeller verteilt sein ironisches Augenzwinkern gerecht unter seinen Midlife-Crislern, die einzige Unschuld ist Emma.

Noch dazu nimmt er das streng geschützte (Non-)Kommunikationssystem des Bildungsbürgertums aufs Korn, in dem aus Konvention kaum jemand je ausspricht, was er denkt, weshalb es eben zu Irrungen und Wirrungen kommen muss. Die Gastgeber tappen diesbezüglich in jedes Fettnäppchen, und wenn Depardieu mit Blick auf den nächsten Sommer das Dessert mit den Worten „Ich muss auf mein Gewicht achten, der Strand ist erbarmungslos“ ablehnt, dann sage einer, das sei nicht von der Art charmanter Koketterie, wie’s nur die Franzosen können.

Dass es in der zugegeben konventionell erzählten Story an Spannung nicht fehlt, liegt an Regisseur Auteils Kunstkniff, die Erzählebenen mehr und mehr ineinander greifen zu lassen. Immer raffinierter und undurchschaubarer wird, was real und was irreal ist, die Handlung springt zwischen Szenen und Zeiten, so dass man bald nicht mehr weiß, was passiert ist, passieren wird oder sich niemals ereignet. Am Schluss wird sich herausstellen, wer hier wen den ganzen Abend über manipuliert hat. Kein wirklich überraschendes Ende, aber ein beziehungstechnisch betrachtet wunderschönes.

www.facebook.com/VerliebtInMeineFrau

  1. 11. 2018